Author Archive:
2016 22 Apr.
Niagara Falls, yesterday night
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
… Dieter Hallervorden ruft also alle Kabarettisten auf, jetzt Stellung zu beziehen. Auch wenn ich kein Kabarettist bin: Das können Sie haben.
Allmählich wird die Sache nämlich lächerlich.
- Böhmermann wird nicht ins Gefängnis gehen (jede Wette), und auch sonst wird niemand wegen eines Satirebeitrages geköpft oder mit Publikationsverbot belegt werden. Böhmermann wird — wenn überhaupt ein Verfahren eröffnet wird — im ungünstigsten Fall mit einer überschaubaren Geldstrafe davonkommen. Danach kann er seinen Job weitermachen. So what.
- Erdogans Klage gründet auf einem Paragrafen, der derzeit noch geltendes Recht ist. Die Kanzlerin kann das nicht ignorieren. Sie kann allerdings, und das hat sie getan, die Streichung des betreffenden Paragrafen noch für diese Legislaturperiode in Aussicht stellen. Mehr kann man im Augenblick wohl kaum verlangen.
- Die Leute scheinen mehrheitlich nicht zu verstehen (oder wollen es nicht verstehen), dass die Kanzlerin gerade dadurch, dass sie die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft erlaubt, kein Urteil abgibt und auch keine Bestrafung Böhmermanns fordert oder nahelegt. Hätte sie die Genehmigung nicht erteilt, dann wäre das ein aktiver Eingriff der Regierung in die Arbeit der Justiz gewesen — und das sollten wir uns lieber nicht wünschen.
- Comedians oder wer sich in Deutschland sonst noch für einen Satiriker hält, scheinen seit einigen Jahren zu erwarten, dass sie unter dem Deckmäntelchen „Satire“ nach freiem Belieben herumpöbeln und auf unterstem Niveau sinnfrei beleidigen dürfen (und sich dabei oft noch auf das Zitat „Was darf die Satire? Alles!“ aus einem Tucholsky-Artikel berufen, den sie entweder nicht verstanden oder gar nicht erst gelesen haben).
Nun hat sich halt mal jemand dagegen gewehrt, und prompt geht ein großes Gegreine los. Aber gibt es da nicht auch so etwas wie die Verantwortlichkeit für das eigene Handeln? Böhmermann hat sich seine Suppe selbst angerührt — OK, das soll er von mir aus dürfen, aber er muss dann auch bereit sein, die möglichen Konsequenzen zu tragen. - Leute wie Dieter Hildebrandt oder Lore Lorentz wären in eine solche Situation nie hineingeraten. Die hatten ihren Tucholsky nämlich gelesen — und verstanden.
Alles klar, Herr Hallervorden? Eigentlich sollte man solche Dinge einem bekennenden Liberalen nicht erklären müssen, aber im Augenblick scheinen wohl alle verrückt zu sein.
2016 3 Apr.
Pet Shop Boys: Super
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Pet Shop Boys | 3 Comments
They called us the Pop Kids / cause we loved the pop hits / and quoted the best bits / so we were the Pop Kids.
Genau so war das, damals in den 80ern und 90ern. Und seltsamerweise funktioniert das noch immer. Jedenfalls wenn Neil Tennant und Chris Lowe an den Hebeln sitzen. Und wenn das der Fall ist, dann bin ich heute wie damals neugierig. Auch einem Manafonista muss das zwischen den wie immer todernsten ECM-Produktionen erlaubt sein.
Super ist, wenn ich richtig zähle, das dreizehnte reguläre Album der Pet Shop Boys (die diversen Compiler, Remixe, Discoversionen etc. haben mich nie interessiert). Ihre beste Zeit, das kann man sagen, ohne unfair zu sein, haben die Jungs wohl hinter sich; das Level von Actually, Very oder Fundamental erreichen sie heute nicht mehr. Aber wie man solide Popmusik zuwege bringt, haben sie nicht verlernt, und wer ihr letztes Album mochte, wird auch mit diesem keine Schwierigkeiten haben.
„Kirmestechno“ hat die Süddeutsche das genannt. Das trifft es gar nicht schlecht. Von Zeit zu Zeit mag ich Kirmes. Wirkliche Highlights gibt es auf Super nicht, aber auch keine wirklichen Durchhänger. Nach wie vor produziert Chris Lowe eingängige Melodien und interessante Klänge, er bleibt in der Spur, ohne sich übermäßig zu wiederholen. Und nach wie vor verfügt Neil Tennant nicht nur über eine angenehme und markante Stimme, sondern ist auch ein guter Beobachter, der in der Lage ist, textliche Widerhaken zu plazieren. „Twenty-something“ und „The Dictator Decides“ beweisen es.
Nur dies sei angemerkt: Mittlerweile sind viele Platten aus aktueller Popmusikproduktion dermaßen hochkomprimiert und haben derartig massive Bassimpulse, dass mein guter alter iPod Classic mit grässlichen Verzerrungen in die Knie geht. Das trifft leider auch auf diese Platte zu. Ach ja, und Autotuning als Klangeffekt auf der Stimme ist längst zu Tode geritten. Bitte abschaffen. Sänger, die dieses Tool wirklich brauchen, weil sie die Töne anders nicht mehr treffen, sollten eh aufhören. (Das gilt auch für Dich, Madonna.)

2016 25 März
Heart of a Dog
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Laurie Anderson: Heart of a dog | 4 Comments
Über den arg lockeren Spruch mit dem „ranzigen Rock“ muss ich gelegentlich noch mal nachdenken, ansonsten ein netter Artikel.
2016 18 März
Laurie Anderson
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Heart of a Dog, Laurie Anderson | Comments off
Live, yesterday night at The Late Show with Stephen Colbert, talking about her movie and performing music for dogs.
Ich hoffe, der Clip ist außerhalb der USA nicht gesperrt.
2016 7 März
Tatort – ratlos
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: TV Serien | 13 Comments
Geht es eigentlich auch anderen so, oder bin ich es allein, der die Handlung der „Tatort“-Filme nicht mehr versteht?
Ich gebe ja zu, dass ich den „Tatort“ nur noch sehr gelegentlich sehe, vielleicht bin ich deswegen aus der Routine gefallen, aber trotzdem: Der Dresdner „Tatort“ von gestern, der in der Volksmusik-Szene angesiedelt war, ist mir wieder mal ein Rätsel geblieben. Wahrscheinlich deshalb, weil ich regelmäßig nach 20 Minuten bereits vergessen habe, was am Anfang passiert ist. Bei etlichen Szenen hatte ich auch den Eindruck, dass sie überhaupt nur im Film waren, um einige lustig gemeinte Dialoge, ein paar hysterische Schreie der Ermittlerinnen oder einen Vorgesetzten, der wohl den Buffo geben sollte, unterzubringen. Dabei war das Ganze eigentlich ungeheuer vorhersehbar: Dass das Volksmusik-Traumpaar Tina & Toni in Wirklichkeit kein Paar ist, war ebenso meilenweit absehbar wie die von Toni selbst angedrohte „Enthüllung“ per Autobiografie, dass er (wenn ich es richtig kapiert habe) schwul und mit dem Mitglied irgendeiner Volksmusikband zusammen sei — was diese Band wiederum dazu bringt, gleich die Kriminalpraktikantin (gibt es sowas überhaupt?) zu erschlagen, wo es simples Bedrohen auch getan hätte. Den Schluss mit dem bereits vorproduzierten Nachruf-Song habe ich dann überhaupt nicht mehr kapiert, weil er für mich keinerlei Sinn ergibt. Und was dazu noch ein Volltrottel von Fan oder ein Tickets resellender Manager mit der Handlung zu tun hatten — wirklich, ich sollte bei „Conny und Peter machen Musik“ oder vergleichbar unkomplizierten Stoffen bleiben.
Selbst in der nun wahrlich konservativen amerikanischen Country-Szene würde die Verlautbarung eines Sängers, schwul zu sein, kaum noch einen Hund hinter dem Ofen hervorlocken, geschweige denn ein Mordmotiv abgeben.
Beruhigend aber immerhin, dass man beim „Tatort“ nach wie vor die Uhr danach stellen kann, dass in der 80. Minute die Streifenwagen ausrücken. Es gibt doch noch Dinge, auf die man sich verlassen kann.
2016 19 Feb.
Daevid Allen: Elevenses
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Daevid Allen | 1 Comment

Wieder so eine Abschiedsplatte. Aber Daevid Allen macht es einem leichter als David Bowie. Klar, es ist seine letzte Soloplatte, und er muss gewusst haben, dass es seine letzte sein würde. Stimmlich vielleicht ein wenig dünner, ein bisschen kratziger, aber diese Platte ist ein Energiestoß geworden, gleichzeitig ein reizvoller Rückgriff auf alte Psychedelic-Zeiten, ohne dabei allzu sehr überholt zu wirken. Daevid Allen, Soft Machine-Gründer, Gong-Head und Oberster Pot Head Pixie, wusste, dass er keinen Kompromiss mehr machen musste, und er macht keinen. (Hat er eigentlich ohnehin nie, aber hier noch weniger, wenn das sprachlich möglich ist.) Man hat das Gefühl: Hier kommt jemand nach Hause.
Das „Weird Quartet“ ist eigentlich die Band Spirits Burning aus San Francisco, auf deren Album Reflections In A Radio Shower Daevid mal als Gast mitgewirkt hat. Aus dieser Begegnung resultierte das Gefühl, gut miteinander zu können, aber bis es dann zu einer gemeinsamen Platte kam, mussten 15 Jahre ins Land gehen. Daevid spielt Gitarre, Glissando-Gitarre und singt, Michael Clare spielt Bass, Paul Sears und Trey Sabetelli spielen Drums und Don Falcone drückt die Tasten, letzterer ist auch Produzent des Albums.

Gern hätte ich noch den dritten Teil von Daevids Autobiographie gelesen, aber was soll man machen: Freund Hein war schneller. Wir sprechen uns, irgendwann. Bis dahin bleiben wir in drahtloser Verbindung.
2016 29 Jan.
Paul Kantner
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Paul Kantner | 2 Comments
Ich glaube, es war 1996. Eine meiner ersten Erfahrungen mit dem nagelneuen quietschvioletten iMac im fuer mich damals neuen Internet. Ich war auf einer Mailingliste (weiss noch jemand, was das war?) von Fans der Gruppe Jefferson Airplane bzw. Jefferson Starship. Auf dieser Mailingliste war auch Paul Kantner, Gitarrist, Kopf und Herz der Band, die er bis zuletzt am Leben erhielt.
Durch irgendeinen Beitrag von mir kam er dahinter, dass ich aus Deutschland stamme, und schickte mir eine E-Mail mit der Frage, ob ich einen Text singbar ins Deutsche uebersetzen koenne, und zwar diesen – nach meinem Dafuerhalten ein bloedsinniger Text aus einem schwachen Song aus der wohl schwaechsten Phase der Starships. Anyway, ich hab’s gemacht, ich war vom Ergebnis nicht begeistert, aber singbar war er, und Paul war’s anscheinend zufrieden. Vielleicht hat er den Text auch sowieso nicht verstanden. Und mir waere nicht bekannt, dass die Band ihn je gesungen haette.
Gestern ist Paul Kantner mit 74 Jahren verstorben.
Dieses Jahr scheint irgendwie verhext zu sein.




