Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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  1. J.S.Bach: Andras Schiff Das Wohltemperierte Klavier (ECM New Series)
  2. Astrid: High Blues (Rune Grammofon)
  3. Jan Bang & Erik Honore: Uncommon Deities (samadhisound)
  4. Thomas Köner: Novaya Zemlya (Touch)
  5. Thomas Stronen, Ian Ballamy: Mercurial Balm (ECM)
  6. John Cage: As it is (ECM)
  7. Scott Walker: Bish Bosh (4AD)
  8. Eivind Aarset: Dream Logic (ECM)
  9. Heiner Goebbels: Stifters Dinge (ECM)
  10. Fiona Apple: The Idler Wheel Is Wiser Than the Driver of the Screw and Whipping Cords Will Serve You More Than Ropes Will Ever Do (Epic)
  11. Frank Ocean: Channel Orange (Island)
  12. Hank Jones & Charlie Haden: Come Sunday (Emarcy Records)

 
Weitere acht Hits: Brian Eno – Lux (Warp) / Dan Michaelson – Sudden Fiction (Editions) / Can – The Lost Tapes (Mute – Aip) / Peter Broderick – https://www.itstartshear.com (Cooperative Music) / Krzysztof Penderecki and Jonny Greenwood – Threnody for the victims of Hiroshima (Warner) / Bill Fay – Life is People (Dead Oceans) / Bob Dylan – Tempest (Smi Col) / Regina Spektor – What we saw from cheap seats (Sire)

2012 15 Nov.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (30)

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Kürzlich fiel mir zufällig einmal wieder ein Päckchen in die Hände, von dem ich nie so recht weiß, gehört es in den Platten- oder in den Bücherschrank. Es handelt sich nämlich um ein Buch nebst Kassette. Erschienen ist das ganze 1987 als Gemeinschaftsproduktion des SWF (heute SWR), dem NDR und dem Rowohlt-Verlag. Der Klappentext des Buches erzählt vom Sommer 1966, als Peter Rühmkorf, Michael Naura und Wolfgang Schlüter gemeinsam einen Lastwagen in der Hamburger Innenstadt bestiegen und das Projekt Jazz & Lyrik auf dem Markt starteten. Dieses erste Jazz-und-Lyrik-Konzert wurde immerhin von 3000 Zuhörern besucht und war der Startpunkt einer vieljährigen Zusammenarbeit.
 
 
 

 
 
 
Das 120 Seiten schmale Bändchen enthält 30 Gedichte Rühmkorfs, darunter natürlich auch die Texte, die Rühmkorf auf der Kassette zur Musik von Michael Naura und Wolfgang Schlüter vorträgt: PHÖNIX VORAN, AUF EINEN ALTEN KLANG, SELBSTPORTRÄT, PARADISE REGAINED, IMPROMPTU, DAS WAR UND ICH WEISS NICHT, JETZT MITTEN IM KLAREN, HOCHSEIL, DAS HIMMELSCHLUCK-LIED, EINEN ZWEITEN WEG UMS GEHIRN RUM, VARIATION AUF DAS „ABENDLIED“ VON MATTHIAS CLAUDIUS, TAGELIED, DEUTSCHE ZAUBERSTROPHEN, KOMM RAUS, ALLEIN IST NICHT GENUG und BLEIB ERSCHÜTTERBAR UND WIDERSTEH.

Die Aufnahmen sind herzerfrischend, denn sie sprühen vor Spielfreude. Alles ist live aufgenommen, mit allen Ecken und Kanten. Im Buch erfährt man beim Lesen der zwischen den Gedichten eingebetteten Gespräche zwischen Rühmkorf und Naura unter vielem anderen etwas darüber, weshalb die Aufnahmen so lebendig wirken. Rühmkorf: Und wenn du mal löwenmäßig auf den Klavierdeckel haust oder dem Schlüter ein Schlegel bumms auf den Boden fällt, dann sind das so außerplanmäßige Zugaben. Genauso sollte man aber auch die Gedichte als kleine Instrumente betrachten, als in meiner Instrumentenwerkstatt gefertigte Lyren, die ich rühren kann oder schlagen oder anreißen oder schmirgeln oder zupfen, und über den Anschlag oder die Streichart entscheidet immer der unvorherberechenbare Augenblick, von dem auch ihr ein Teil seid. Naura: Das hör ich gern, ich hab oft eher den Eindruck, dass wir ein Teil von dir wären. Dieser metaphysische Sog, der von deinen Texten ausgeht, ist manchmal so mächtig, dass ich am liebsten den Klavierdeckel ganz leise zumachen möchte und selber nur zuhören. Aber das sind natürlich nur so momentane Schrecksekunden der Ergriffenheit. Rühmkorf: Alles positiv, alles gut. Worauf ich im Augenblick hinaus möchte, ist aber vielmehr die Sphärenharmonie, die sich für mich erst einstellt, wenn ich mich als Vokalist als Teil des Ensembles fühle. … Naura: „Musik stört Dichterlösung“, das hab ich schon mal irgendwo gelesen. Obwohl wir gerade das absolute Feeling gefunden hatten bis in die feinsten metrischen oder rhythmischen Verschiebungen, die man Swing nennt. Rühmkorf: Die Musik ist für mich in jedem Fall etwas Vorgegebenes, mit dem ich rechnen muss, wie mit tragenden Luftschichten. Wenn ihr mal mehr anzieht als gewohnt, das heißt, wenn euch der Teufel reitet, muss ich diesem Teufel folgen. … Ich vertraue mich euch an wie ein Segelflieger den jeweils herrschenden Auf- und Abwinden. …
Buch und Kassette sind also überaus empfehlenswert. Und das schönste: man kann diese Buch-Kassetten-Kombination noch kaufen. Diese unfassbare Entdeckung konnte ich gerade machen. 25 Jahre nach Erscheinen dieses Werkes noch im Handel … es geschehen eben doch noch Zeichen und Wunder.

2012 8 Nov.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (29)

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Roxy Music, das war schon eine außergewöhnliche Band und 1972 ihr Debüt-Album in den Händen zu haben, und das auch noch in einem verschlafenem Nest im Harz, das war ein echter Kracher. Diese Musik war neu, begeisternd, aufrüttelnd, einfach umwerfend.
 
 
 

 
 
 
Nimmt man das erste Album der Band zur Hand, öffnet es, springen einem förmlich die Porträts der Musiker an. Und was für Typen: Brian Eno in Tigerbluse, meterlange Haare; Phil Manzanera in schwarzer Lederjacke, riesiger Karobrille und weißer Gitarre; Andrew Mackay mit smart zurückgelegten Haaren, die Finger voller Klunker; Saxophon im Arm, verträumt dreinschauend; Paul Thompson, ziemlich normal in die Kamera blickend, einzig auffällig: die Tigerköpfe an den Schultern; Graham Simpson zeigt sich in einem spielerisch bestickten Pullover und nun der Höhepunkt: der Meister – Bryan Ferry– , er präsentiert sich mit schmerzverzerrtem Gesicht, Tigerjacke, schwarzem T-shirt, Goldkettchen und wahnsinnig auftupierten Haaren. Die Musik der Band, ihr Äußeres, das hatte was, das ging in Richtung Kultband. In Deutschland zunächst ein Geheimtipp, hatte die Gruppe mit ihrer ersten Platte in GB bereits einen großen Erfolg (Platz 10 der LP-Hitparade). Im gleichen Jahr nahm man noch eine Single auf, Virginia Plain, und war damit auch in Deutschland erfolgreich.
 
 
 

 
 
 
1973 kamen dann gleich zwei LPs von Roxy Music heraus, zunächst For Your Pleasure, klar, dass ich beide kaufen musste (woher 42,00 DM nehmen???). Auch hier: Das Plattencover vollkommen verrückt gestaltet, Brian Eno im Wahnsinnskostüm, Bryan Ferry in goldenen Schuhen…. Und erst die Musik! Was da im Februar 1973 in den AIR Studios in London aufgenommen wurde, haut mich ja heute noch vom Hocker: Do the Strand, The Bogus Man, For Your Pleasure.… Die Bandzusammensetzung nahezu unverändert, gerade einmal der Mann am Bass wurde ausgetauscht (was von Platte zu Platte gute Sitte werden sollte), jetzt spielt John Porter die Bassgitarre.
 
 
 

 
 
 
Und dann kam STRANDED heraus, Brian Eno hatte die Band verlassen, ebenso der Bassist, aber auch dieses dritte Album mit Titeln wie Street Life, Psalm oder Sunset zog seine HörerInnen magisch an. Mit den beiden im Jahre 1975 erschienenen Platten Siren und dem Live-Album Viva! Roxy Music schloss ich meine kleine Roxy-Music-Sammlung ab, spätere Platten interessierten mich weniger, auch die Solokarriere von Bryan Ferry, die ja durchaus erfolgreich war (im Jahre 1981 erreichte er mit Jealous Guy in GB sogar ein Platz 1 in der BBC Hitparade), beobachtete ich, wenn überhaupt, nur am Rande. Erst als Michael Engelbrecht hier auf die neue Platte von The Bryan Ferry Orchestra aufmerksam gemacht hatte, wurde ich neugierig. Auf www.bryanferry.com kann man zwei Kostproben aus dem am 26.11.2012 erscheinendem Album hören. Wie es scheint, bringt Ferry hier Jazzversionen seiner größten Hits. Unter eben genannter Seite findet man alle Orginaltitel, die Ferry mit seinem Orchestra neu aufgenommen hat und kann sie sich in voller Länge und guter Qualität anhören: Do The Strand, Love Is The Drug, Don’t Stop The Dance, Just Like You, Avalon, The Bogus Man, Slave To Love, This Is Tomorrow, The Only Face, I Thought, Reason Or Rhyme, Virginia Plain, This Island Earth.
 
 
 

 
 
 
Ganz gleich, wie die Jazzplatte von Ferry letztlich ausfallen wird – ich möchte mir nach dem Hören von zwei Stücken aus dieser CD wirklich noch kein Urteil erlauben – diese alten Titel einmal wieder zu hören, sei es auf Platte oder auf www.bryanferry.com, das lohnt!

2012 25 Okt.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (28)

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Nein, die Zeit, da man um seine Platten geradezu kämpfen musste, ist noch nicht vorbei. Waren wir früher auf das Engagement unserer Schallplattenhändler angewiesen, wenn wir außergewöhnliche Plattenwünsche hatten, müssen wir jetzt weltweit fahnden. Im November 2007 wurde zum Beispiel eine Platte von Stéphan Oliva unter dem Titel Ghost of Berhard Hermann veröffentlicht.

 
 
 

 
 
 

Der am 29. Juni 1911 in New York City geborene und am 24. Dezember 1975 in Los Angeles verstorbene Dirigent und Komponist Bernhard Hermann ist ja vor allem durch seine Filmmusik für die Streifen Alfred Hitchcocks bekannt geworden. Begonnen hatte alles mit der musikalischen Leitung für den Hörspielklassiker Krieg der Welten von Orson Welles und mit der Filmmusik zu Martin Scorseses Taxi Driver endete dieses großartige Musikerleben. Auf der Platte von Stéphan Oliva geht es nun vor allem um die Filmmusik Hermanns zu Hitchcock-Filmen. Oliva versucht hier eine Umsetzung auf das Piano und das gelingt ganz hervorragend. Ich hatte von dieser CD nur über eine Radiosendung erfahren und musste diese Musik unbedingt haben. Leider fand ich damals nur eine etwas seltsam anmutende Download-Möglichkeit für diese Musik. Sei´s drum, ich wagte es. Das Ende dieser Geschichte ist schnell erzählt: ich bekam meinen Download, nachdem ich über Visa bezahlt hatte, musste dann aber feststellen, dass noch reichlich mehr Geld über meine Visa-Nummer abgehoben wurde. Meine Visakarte musste gesperrt und eine neue gekauft werden. Alles in allem, meine Version dieser Platte gehört zu richtig teuren CDs. Heute die CD zu kaufen, das ist allerdings immer noch etwas abenteuerlich, heißt es doch bei amazon.de, wenn man Lives Of Bernard Herrmann (so lautet der Titel jetzt; diese CD ist auch nicht ganz identisch mit der 2007-Version Ghost of Bernhard Hermann) in die Suchzeile eingibt erfährt der Käufer folgendes: „CD-R Hinweis: Dieser Titel wird für Sie auf Bestellung hergestellt und versandt“. Auch mal schön! Und wenn Sie einen musikalischen Eindruck von dieser Musik genießen möchten, dann genügt die Eingabe von Stéphan Oliva – Ghosts Of Bernard Hermann (Piano) bei YouTube und schon kann man sich fast zehn Minuten dieser Platte anhören.

 
 
 

 
 
 

Wenn schon von diesem Ausnahmepianisten Oliva die Rede ist, dann sei gleich auch noch auf folgende Scheiben hingewiesen. Zum ersten Mal ist mir Stéphan Oliva mit der Scheibe Jade Visions begegnet. Hier spielt er im klassischen Trio Musik von B.Evans, S. Lafaro, M.Davis und G.Gershwin. Das ganze erschien 1996 bei OWL-Records in Paris.

 
 
 

 
 
 

1999 folgte Tristano, ein Gemeinschaftswerk der Pianisten Stéphan Oliva und Francois Raulin über die Musik von Lennie Tristano. Im September 2009 schlielich erschien Stéréoscope mit Stephan Oliva, Claude Tchamitchian, Jean-Pierre Jullian, wieder ein sehr zu empfehlendes Werk.

 
 
 

 

2012 14 Okt.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (27)

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Leben gegen die Zeit

Kürzlich erschien die DVD-Version einer Filmbiographie über Michel Petrucciani:  Leben gegen die Zeit. Dieser Film ist so unglaublich gut, dass ich hier ausnahmsweise zunächst eine DVD vorstellen möchte.
 
 
 

 
 
 
Von Petrucciani hörte ich zuerst im Radio, bald auch konnte ich eine erste Schallplatte mit ihm als Bandleader mein eigen nennen Michel Petrucciani Plays war der Titel der LP. Diese enorm gute Platte habe ich jetzt anlässlich des Erscheinens der neuen DVD einmal wieder herausgezogen. Auf dieser Blue-Note-Scheibe aus dem Jahre 1988 spielen Roy Haynes, Al Foster, Gary Peacock, Eddie Gomez und John Abercrombie zusammen mit Michel Petrucciani. Der Meister am Klavier war damals gerade einmal sechsundzwanzig Jahre alt und gespielt wurden auf dieser Platte ausschließlich Eigenkompositionen.
 
 
 

 
 
 
Der französische Jazzpianist lebte von 1962 bis 1999; geboren mit der Glasknochenkrankheit, war dem vor Energie sprühenden Petrucciani natürlich klar, dass ihm nur ein ein kurzes Leben vergönnt sein würde. Dieses nicht einmal vierzig Jahre währende Leben ist Thema des Film von Michael Radford. Wir erfahren, dass der Vater Petruccianis, Antoine Tony Petrucciani, Jazzgitarrist war, das Talent seines Sohnes sehr früh erkannte und förderte. Es sind zahllose Interviews mit Menschen, die sein Leben begleiteten, über die der Zuschauer einen Einblick in das Leben dieses Ausnahme-musikers gewinnt: Charles Lloyd, sein erster Förderer in den USA, Eliot Zigmund, Lee Konitz, John Abercormbie, Aldo Romano und viele andere kommen zu Wort. Interessant auch, einmal den Produzenten der ersten Schallplatte von Petrucciani im Interview zu erleben: Jean-Jacques Pussiau (OWL-Records).
 
 
 

 
 
 
Ja, genau, das ist der Produzent, der mit Paul Bley nach langer Zeit des Schweigens die Schallplatte TEARS aufgenommen hat, für mich eine der besten Platten dieses wunderbaren Pianisten (siehe auch Plattenschrank 1) . Auch Ran Blake, für dessen dreizehnte Platte (1975) wiederum Paul Bley als Produzent tätig war, hat für OWL unter Pussiau Aufnahmen gemacht. So schließt sich eben immer wieder der Kreis.
Aber zurück zur Filmbiographie: Einmal erzählt ein Freund Michels von einem Flügelkauf. Der Freund kommt schon eher als Michel in den Laden, probiert jeden der zehn dort ausgestellten Steinways aus und legt sich auf einen fest: „Der Könnte Michel gefallen“. Petrucciani spielt auf einem, dann auf einem anderen Steinway und ruft plötzlich: „Da in der Ecke, das ist der richtige Flügel.!“ Es war genau der, den der Freund als den besten für Michel ausgesucht hatte. Der Meister hatte das Instrument nicht gespielt, nicht einmal berührt. Petrucciani sagt zu seinem Freund: „Klaviere sprechen mit mir, glaub es mir. Zwar hat man mich, als ich das das letzte Mal behauptet habe in die Klapsmühle gesteckt, aber, es ist so. Mir ging es“, so Petrucciani weiter, „schon als Kind so. Immer, wenn ich den Deckel des Klaviers empor gehoben habe, haben mich die Hämmerchen, die für mich aussehen wie Zähne, angegrinst und gespottet `Probier es doch, uns zum Klingen zu bringen, du schaffst es ja doch nicht`,“ Solche Geschichten erzählt dieser wirklich sehr anrührende Film natürlich einige, auch erfahren wir, dass Petrucciani für sein erstes Konzert mit Gage 100$ bekommen hat – es war ein Konzert zusammen mit seinem Förderer Charles Lloyd – und sich dafür zunächst einmal Cowboy-Stiefel gekauft hat. Nun, ich möchte hier nicht alles verraten, nur noch darauf hinweisen, dass es sich lohnt die umfangreiche Discographie Petruccianis einmal mehr durchzugehen. Neben dem oben genannten Diamanten sei noch erwähnt: Petrucciani mit NHOP (Kopenhagen 1994).
 
 
 

 
 
 
Eines wird dem Film leider nicht erwähnt, das wundervolle Konzert Pertruccianis auf einem der Türme des World-Trade-Centers. Ein Hubschrauber hatte den Steinway auf dem Dach eines der Türme herabgelassen, dann kam der Meister, das Spiel begann. Leider habe ich dieses Konzert nur einmal im TV sehen können, nie einen Mitschnitt von dem Konzert bekommen, auch auf YouTube vergeblich gesucht.

 

Wenn der Postmann einmal klingelt

 
War es früher der Gang zum Schallplattenladen und die hoffnungsvolle Frage nach der Ankunft bestellter Ware, so ist es heute der Postmann, der das lang erwartete Päckchen bringt und die verheißungsvollen Stunden einläutet, wenn die neue CD ausgepackt und in den Player eingelegt wird. In dem jüngst eingetroffenen Päckchen fand sich zweierlei, einmal das gerade von Michael vorgestellte Buch Empty Mind mit Texten von John Cage, und …, ja, eine ganzes Kistchen voller erlesener Musik. Der CD-Player glüht inzwischen, gebannt, begeistert höre ich eine CD nach der anderen, es sind vier an der Zahl. Von dem Musiker, der mich einmal mehr fasziniert, war an dieser Stelle bereits ausführlich die Rede (siehe “Gregor öffnet seinen Plattenschrank“ Vol.9), sein Name: Andràs Schiff.

Für ECM New Series spielte er im August 2011 die 48 Präludien und Fugen in Bachs “Das Wohltemperierte Clavier“ in Lugano neu ein. Es heißt, für die Aufnahme sei Schiffs Steinwayflügel eigens an den Aufführungsort Auditorio Radiiotelevisione Svizzera in Lugano gebracht worden. Wer bei solcherlei Aufwand verständnislos das Haupt schüttelt, mag sich Pianomania − Die Suche nach dem perfekten Klang ansehen, ein deutsch-österreichischer Dokumentarfilm aus dem Jahr 2009. Aus der Sicht eines Klavierstimmers und Technikers bei Steinway&Sons wird hier über die Arbeit mit großen Pianisten und ihrer Vorstellung von bestimmten Klängen erzählt.
 
 
 

 
 
 
Jedenfalls ist das Ergebnis dieser Aufnahme umwerfend. Für mich ist diese zwischen 1722 und 1742 entstandene Musik beruhigend, der Alltag mit all seiner Hektik wird quasi ausgebremst und gleichzeitig, ja, ich kann es nicht anders sagen, ist diese Musik unglaublich tröstlich. – Übrigens sind den Cds zwei sehr informative Aufsätze beigefügt: einmal Peter Gülke über “Bachs geometrische Anordnung“ und András Schiff “Senza pedale ma con tanti colori“. Im letzteren Aufsatz geht es dem Pianisten um die Frage, welches für das Wohltemperierte Clavier denn wohl das richtige Instrument sei und, ob man das Pedal benutzen dürfe oder nicht.

Am Ende seiner Ausführungen geht Schiff dann noch auf die Farben der Musik Bachs ein, er schreibt: „Für mich ist die Musik Bachs nicht nur schwarz und weiss, sie strahlt in allen Farben. In meiner Vorstellung korrespondiert jede Tonart mit einer anderen Farbe … Stellen wir es uns vor. Am Anfang steht die schneeweiße Unschuld in C-Dur (nur weiße Tasten). Am Schluss h-Moll, die Todestonart. Vergleichen wir die h-Moll-Fuge des ersten Bandes mit dem Kyrie der h-Moll-Messe. Das ist kohlschwarze Musik. Zwischen diesen Polen befinden sich Zwischenfarben. Zuerst gelb. Orange, Ocker (c-Moll bis d-Moll), dann Blau (Es-Dur bis e-Moll), Grün (F-Dur bis g-Moll), Rosa und Rot (As-Dur bis a-Moll), die zwei Braun (B-Dur und b-Moll) und Grau (H-Dur).“
 
 
 

 

Das erinnert doch sehr an Olivier Messiaen, der sich selbst als Synästhetiker bezeichnete. Er sah bei Klängen Farben und hörte bei Farben Klänge.
 

 

Ein Schallplattenschatz

 
In den siebziger Jahren gab es noch die Preisbindung für Schallplatten, die LP kostete in der Regel 21,00 DM, die Single 4,75 DM. Platten waren sehr teuer damals. Wurde dann doch einmal ein Ladenhüter im Preis herunter gesetzt, dann wurde etwas getan, was heute im Buchhandel immer noch üblich ist, man verkaufte das Werk als Mängelexemplar. Nun war man allerdings in Sachen Schallplatten nicht so zimperlich, irgendwo ein Stempel mit der Aufschrift „Mängelexemplar“, das war den Schallplattenfirmen zu wenig. Unglaublich, aber wahr, man ging den Schallplatten so richtig an die Hülle und schnitt einfach eine ordentliche Ecke ab. Dann allerdings konnte es passieren, dass der Schallplattenliebhaber, wenn er das mit der Hülle denn verknusen konnte, auch mal eine Platte für 10,00 Mark erstehen konnte. So erging es mir im Jahre 1976, ich kaufte eine Platte mit abgeschnittener Ecke. Damals ein Ladenhüter. Heute ein gesuchter Schatz. Bei amazon ist die Platte tatsächlich noch als Langspielplatte zu haben, allerdings für 39,99 Euro. Als Japan Import-CD muss der Käufer glatt 112,46 Euro berappen. Nun sei es verraten, es geht um die grandiose Platte von Alexis Korner Bootleg Him.
 
 
 

 
 
 
Das besondere an dieser Doppel-LP: Alexis Korner spielt hier mit Musikern zusammen, die man wohl in dieser Zusammensetzung auf kaum einer andere Platte finden kann: Peter Thorup, Robert Plant, Ginger Baker, Jack Bruce, Charlie Watts, Graham Bond, Dick Heckstall-Smith, Cyril Davies, Dave Holland, Alan Skidmore, Andy Fraser, Paul Rodgers, Danny Thompson, Terry Cox, John Surman – ja, auch der! – , Chris McGregor, Victor Brox, Lol Coxhill, Annette Brox, John Marshall, Chris Pyne, Johhnny Parker, Roy Babbington, Steve Miller, Ray Warleigh, Harold Beckett, Henry Lowther, Peter Fensome, Mike Pyne, Brian Smith, Nigel Stanger, Malcolm Griffiths, Keith Scott, Dave Stevens, Jack Brooks, Larry Power, Herbie Goins, Colin Hodgkinson und C.C.S. Die Band namens C.C.S., das war die `Collective Consciousness Society´, eine Gruppe, die Alexis Korner und Peter Thorup um 1970 herum gegründet hatten. Zu ihren Mitglieder gehörte übrigens auch Kenny Wheeler. 1972 erschien diese tolle Platte! Die einzelnen Stücke der Doppel-LP wurden aber in der Regel in den sechziger Jahren aufgenommen, zwischen 1961 und 1969, nur zwei Stücke der dritten Schallplattenseite und die fünf Aufnahmen der vierten Seite stammen aus den Jahren 1970 und 1971. Zu hören sind Stücke wie „Corina-Corina“, „I´m a Hoochie Coochie Man“, das Alexis-Korner-Stück „Dee“ mit John Surman am Sax und Dave Holland am Bass, der Ray-Charles-Song „I Got A Women“ oder die Korner-Komposition „Sunrise“ mit seiner Gruppe C.C.S.

2012 29 Aug.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (24)

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Musik hinter den Dünen

 
Es gibt ein Leben für Musikliebhaber jenseits vom Knopf im Ohr, auch im Urlaub. 2,3 km hinter den Dünen entdeckt man nahe der spanischen Grenze, kurz vor San Sebastian, den Ort Urrugne.
Hier findet sich die Kirche Saint Vincent, erbaut schon im zehnten Jahrhundert, zerstört Anfang des 16.Jahrhunderts, 1550 aber schon wieder aufgebaut. 2009 bekam diese Kirche nun eine fantastische neue Orgel, davon später. Im Nachbarort, Ciboure, nimmt der erstaunte Tourist zur Kenntnis, dass es auch hier eine Kirche Saint Vincent gibt, leider noch ohne Orgel, die soll erst in zwei Jahren dort eingebaut werden.
 
 
 

 
 
 
Beide Kirchen glänzen mit einer so wunderbaren Akustik, dass Manfred Eicher von ECM, wüsste er davon, sofort von St.Gerold in Österreich als Aufnahmeort Abschied nehmen und zum Atlantik umziehen würde.
Der Akustik wegen – aber auch, weil ein berühmter Musiker aus Ciboure stammt, nämlich Maurice Ravel – finden dort im Sommer zahlreiche Konzerte statt. So konnte man in Saint Vincent Ciboure in diesem Jahr Guillaume Sigier (piano); Samika Honda (violon) und Iris Zerdoud (clarinette) mit Werken von Claude Debussy, Gilbert Amy, Bela Bartok und natürlich Maurice Ravel hören.
In einem anderen Konzert war in derselben Kirche das Quatuor Hermes (Omer Bouchez, Elise Liu, Yung-Hsin Chang und Anthony Kondo) mit Josef Haydn, Claude Debussy und Maurice Ravel zu genießen. Der Höhepunkt der musikalischen Genüsse sollte aber erst noch kommen: ein Orgelkonzert in Saint Vincent Urrugne. Auf der wunderbaren Orgel spielte ein mir vollkommen unbekannter junger Mann, Jahrgang 1990: Thomas Ospital!
Vor zwei Jahren schrieb die Badische Zeitung nach einem Konzert Ospitals im Freiburger Münster: „Der 1990 geborene Ospital, der 2009 als jüngster Teilnehmer völlig überraschend den Wettbewerb in Saragossa gewonnen hat, bot am Hauptspieltisch eine so packende wie reife Lektion in Sachen französische Orgelkultur des (frühen) 20. Jahrhunderts, wobei sich allein schon durch die Widmungsträger der Werke Bezüge ergaben. So ist Viernes dritte Sinfonie Marcel Dupré zugeeignet und Maurice Duruflés „Veni Creator“-Opus dem Kollegen Vierne. Dass Ospital, der am Pariser Conservatoire Koryphäen wie Olivier Latry und Thierry Escaich zu seinen Lehrern zählt, technisch und musikalisch bereits überaus fit ist, hörte man.“
 
 
 

 
 
 
Das war im August 2010, zwei Jahre später im Konzert am 19.08.2012 in Urrugne wäre meine Meinung über Ospital nicht, dass er musikalisch `überaus fit sei´, nein, er begeistert. Diesen Namen muss man sich als Liebhaber französischer zeitgenössischer Orgelmusik wirklich merken.
In Urrugne spielte Thomas Ospital Bach, Mendelssohn Batholdy, Robert Schumann, Louis Vierne, Valèry Aubertin, Maurice Durufle und – Höhepunkt für mich – Olivier Messiaen. Eine Kostprobe seines Spiels, damals war der junge Organist gerade einmal 20 Jahre alt, kann man auf Youtube genießen: Thomas OSPITAL interprète la „Toccata en ré mineur“ (Bux 155) de Dietrich BUXTEHUDE (1637-1707) sur le grand orgue de la cathédrale St-Léonce de Fréjus, le 11 avril 2010.
CDs gibt es von diesem genialen Musiker noch nicht, zum Trost lege ich Olivier Messiaen im Original in meinen Player. Auf der 4CD -Box Messiaen par lui-même kann man hören, wie eine der größten Komponisten der Musikgeschichte seine eigenen Werke interpretiert.
 
 

Gibt es etwas Schöneres als am Atlantik in den Dünen zu sitzen, auf das Meer zu schauen, vielleicht einen Sonnenuntergang mitzuerleben, dem Rauschen der riesigen Wellen zu lauschen und dann und wann die Ohrhörer aufzusetzen und Musik zu hören.

 

 

Bis vor 10 Jahren war mein treuer Begleiter für solche Fälle ausschließlich ein Panasonic S-XBS Auto Reverse Walkman für Kassetten. Das Gerät ist tadellos und wird natürlich nicht weggeschmissen (siehe SZ-Artikel vom 16.05.12: Geht’s noch? Die meisten weggeworfenen Elektrogeräte funktionieren), sondern für zahllose wunderbare Kassetten weiterhin gute Dienste tun. Dieses Jahr werde ich allerdings einen tragbaren CD-Player mitnehmen und speziell für den oben beschriebenen Anlass eine CD zusammenstellen. Ein paar Musikstücke, die – denke ich – besonders geeignet sind, am Atlantik in den Dünen gehört zu werden, möchte ich an dieser Stelle verraten:

 

 

Da ist zunächst die am 10. August erscheinende CD Just tell me that you want me: Tribute to Fleetwood Mac. Diese Platte kann man sich vorab auf npr.com anhören. Eine umwerfende Version von Oh Well, eingespielt von Billy Gibbsons & Co findet sich hier, allerdings ist dieses Stück nicht so sehr meer-geeignet, das ist eher ein Stück für die heimische Anlage, bei voller Lautstärke genossen, toll!!! Nein, hier findet sich auch Musik für das Meer: Kein geringerer als Antony Hegarty spielte Landslide ein. Dazu npr:  „The unimpeachable „Landslide,“ for example, is covered with maximum sensitivity by Antony and the Johnsons‘ Antony Hegarty, whose hyper-vulnerable warble proves a good match for the song.“

 

 

Und, da ich mich in letzter Zeit mit dem Dokumentarfilm George Harrison – Living in the Material World von Martin Scorsese beschäftigt habe, werde ich auch zwei Stück von Harrison mitnehmen, nämlich Run of the Mill und I live for You von der 2001 erschienenen Doppel-CD All things must past.

 

 

Und – Überraschung – auch Iggy Pop wird mit auf die Atlantikdüne kommen, seine gerade erst herausgekommene CD Après ist der Hammer. Iggy Pop interpretiert französischen Chansons, das ist umwerfend. Les Passantes von Georges Brassens hat es mir besonders angetan. Aber eigentlich könnte man gleich die ganze Platte mit zum Strand nehmen.

 

 

Von 1967 bis 1973 gab es eine interessante Rockformation um den Sänger Roger Chapman, sie nannte sich Family. Auf LP, inzwischen auch als CD erhältlich, findet sich die wunderschöne Ballade My Friend The Sun, auch ein Stück für den Abend am Atlantik.

 

Die Grille in der Musik

 

„So einfach die Musik der Grillen klingt, so ausgefeilt ist ihr Instrument: Die mit 135 Nano-Zähnchen besetzte Schrill-Ader auf der Unterseite des rechten Deckflügels wird mit ruckartigen Spreizbewegungen über eine gekrümmte Leiste auf dem linken Flügel gestrichen. Die Vibration überträgt sich auf je zwei trommelfellartige Flügelfelder. Damit diese frei schwingen und den Ton weit abstrahlen, hebt das Grillenmännchen beim Fideln die Flügel an. So ist das unermüdliche „zirp … zirp … zirp …“ in offenem Gelände und bei Windstille fast 100 Meter weit zu hören.“ (NRW Stiftung: Natur Heimat Kultur).

 
 

 
 

Der Klang von Grillen ist an sich schon wunderschön, noch dazu erinnert er uns an heiße Sommertage, an ruhige Abende auf der Terrasse, an Urlaubstage am Meer. Nun mischt die Grille allerdings auch in der Musik kräftig mit und es erstaunt nicht, wenn wir unter den Grillen-Liebhabern eine Menge alter Bekannte finden. Beginnen wir 1985, damals erschien HYBRID, eine tolle Schallplatte von Michael Brook, der sich von Brian Eno und Daniel Lanois unterstützen lässt. Auf dem Stück Pond Life hören wir sie, die Grillen.

 
 

 
 

Auch Harold Budd verarbeitet den Klang der Grille in seiner Musik, auf der Platte Pearl von 1984 findet sich das Stück An Echo of Night und hier zirpen sie wieder, die Grillen. Brian Eno und Daniel Lanois, das nur nebenbei, sind auch hier wieder mit von der Partie.

1995 erschien bei TRAUMTON Michael Rodachs Musik für Fische. Auf dem Hintergrund der Musik von Grillen spielt sich das musikalische Geschehen des titelgebenden Musikstückes Musik für Fische ab.

 

 
 

Im Jahre 1957 erschien La Jalousie, ein Roman von Alain Robbe-Grillet. Im Französischen hat die Jalousie eine zweifache Bedeutung, zunächst ist damit der Sonnenschutz gemeint, dann aber auch die Eifersucht. Mit dieser Doppelbedeutung spielt der Autor. In Deutschland erschien das Büchlein unter dem Titel Jalousie oder die Eifersucht. Heiner Goebbels entdeckte den Text und schuf 1993 das geniale Hörstück La Jalousie – Geräusche aus einem Roman. Neben dem Ensemble Modern hören wir – wer hätte es gedacht – Grillen. Grillen sind eben für eine ganz besondere Atmosphäre zuständig.

Abschließend sei noch einen wunderbaren Film von Jim Jarmusch erinnert: DEAD MAN. Die Musik zum Film spielte kein anderer als Neil Young ein. Auf dieser Scheibe, die, das ist mal sicher, zu meinen Lebens-Top 100 gehört, kann man Grillen hören … unglaublich!

 
 

 


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