Manafonistas

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TZADIK I

 
BROOKLYN 2 – East river, strolling between the two bridges on Manhattan side, so war ein Beitrag von Henning Bolte überschrieben, in dem es unter anderem auch um einen Besuch der Downtown-Music-Gallery ging. Für mich, der ich schon viele Jahre jede Woche zwei Mails von diesem grandiosen Plattenladen bekomme und in den neuen Angeboten stöbern kann, die eine oder ander CD dann auch schon gefunden, bestellt und erhalten habe, war das natürlich eine interessante Lektüre. Die Downtown-Music-Gallery lernte ich über John Zorns Label TZADIK kennen. John Zorn konnte ich das erste Mal 1991 in Tübingen hören, damals mit seiner Band-Projekt Naked City, dabei waren Bill Frisell, Wayne Horvitz, Fred Frith und Joey Baron. Ich war begeistert, was für eine Gruppe!
 
 

 
 
1995 gründete Zorn sein eigenes Plattenlabel und die Bandmitglieder von Naked City sollten auch auf zahlreichen Platten dieses Labels zu hören sein. Von Beginn an faszinierte mich Zorns Plattenfirma, entdeckte ich dort doch so viel interessante Musik, TZADIK-CDs nehmen deshalb auch einen besonderen Platz in meinem Plattenschrank ein. Vor Jahren konnte man übrigens bei JAZZ IS BECK in München in einer eigens eingerichteten TZADIK-Ecke eine größere Anzahl CDs dieser Firma anschauen und vor allem auch anhören. Das ist leider inzwischen mangels Nachfrage abgeschafft worden. Aber: Das Bestellen über die Downtown-Music-Gallery macht ja auch Spaß.
An zwei TZADIK-Platten möchte ich heute erinnern: Bar Kokhba, dass war der Titel meiner ersten TZADIK-Platte, eine Doppel-CD mit John Zorn, Mark Feldman, Erik Friedlander, Greg Cohen, Anthony Coleman, David Krakauer, John Medeski, Mark Dresser, Kenny Wollesen, Chris Speed und Dave Douglas, alles Musiker, die man später auf vielen weiteren Produktionen von TZADIK wieder hören sollte. Bar Kokhba ist eine Platte aus der Radical-Jewish-Culture-Serie aus dem Masada-Projektes von John Zorn. Zarte, fast zerbrechliche Musik, 25 wirklich hörenswerte John-Zorn-Kompositionen. Die Musik dieser Platte wurde zum Teil für einen Dokumentalfilm geschrieben „The Art of Remeberance – Simon Wiesenthal.
 
 
 

 
 
 
Eine weitere CD aus der Sparte Radical-Jewish-Culture trägt den Titel Masada Guitars. Viele Titel aus Bar Kokhba hören wir hier in vollkommen neuem Klanggewand wieder, eingespielt von Bill Frisell, Marc Ribot und Tim Sparks. Und auch hier, sehr ruhige, intensive Klänge, ohne viel Beiwerk, auf das Wesentliche beschränkt. Nur ein Stück – Katzatz – mit Bill Frisell erinnert an die wilden Solos, die Frisell einst in der Tübinger Neuen Mensa mit Naked City präsentiert hat. Und im übrigen, schön, wenn sich ein wichtiges Musik-Label, צדיק nennt: Gerechtigkeit.

Nach dem Lesen des Aufsatzes von Diedrich Diederichsen über Paul Bley, Annette Peacock … in dem Katalog zur Ausstellung ECM — Eine kulturelle Archäologie, dachte ich so bei mir, du solltest doch mal wieder schauen, was es Neues von Paul Bley gibt. Und tatsächlich, eine ganz wichtige CD aus dem Jahre 2008 ist von mir nicht wahrgenommen worden, ihr Titel About Time.
 
 
 

 
 
 
Es handelt sich um ein Soloalbum, auf der der inzwischen achtzigjährige Bley nur zwei Aufnahmen veröffentlichte, das titelgebende Stück About time und die Sonny Rollins Komposition Pent-Up-House. About Time ist eine 33-Minuten Improvisation, bei der der Paul-Bley-Liebhaber voll auf seine Kosten kommt. Was für eine Musik! So spielt wirklich nur Paul Bley. Ja, und natürlich handelt About time von einem Lebensthema Bleys, der Zeit. In seiner Autobiographie schrieb Bley, dass er versucht habe, der langsamste Pianist der Welt zu werden. Das konnte ich in seiner Musik nie so recht nachvollziehen, allerdings ist er für mich der Pianist mit den längsten und sehr viel sagenden Pausen. Das kann man allerdings nun auch auf dem 33-Minuten-Stück About time wieder wahrnehmen. Hier hören wir langsame, zarte Spielphasen, aber auch höllisch schnell und manchmal sehr hart gespielte Aufbrüche. Öfter zitiert Bley sich selbst und man erkennt die eine oder andere bekannte Melodielinie. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass Bley mit About time sein Lebenswerk ein Stück weit zusammenfasst: ein Meisterwerk. Konrad Heidkamp schrieb 1995 in der ZEIT über ihn: „Paul Bleys Handschrift ist unverkennbar: lyrisch, in sich versponnen, mit sparsamen Figuren der rechten Hand, mit harmonischen Zentren, mit Rhythmen, die sich verschieben. Ein Schweben entsteht, eine Offenheit, …“ Genau das ist auf About time wieder zu hören.

Am 25. März müssen wir nach über zwanzig Jahren von den montäglichen Live-Klanghorizonten Abschied nehmen. Grund genug einmal etwas zurückzuschauen. Am 29.Dezember 1991 habe ich meine erste Sendung mit Michael Engelbrecht im Radio gehört. Empfangen konnte man damals den DLF im Raum Tübingen nur terrestrisch und das auch nur mit erheblichem Grundrauschen. Die Sendung Klanghorizonte begann damals um 00:05 Uhr am Montag und beanspruchte volle zwei Stunden. Klar, dass eine zweistündige Sendung anders aussehen konnte und musste als eine einstündige. Sehr oft wurden zum Beispiel lange Stücke gespielt. Für mich als Hörer, der ich von Beginn an die Klanghorizonte ungeheuer schätzte und keine Sendung verpassen wollte, stellte sich damals ein technisches Problem. Bis zwei Uhr die Klanghorizonte zu hören, das war mir nur in den Ferien möglich, sonst hatte ich an Werktagen um 5:45 Uhr aufzustehen, was bedeutete, dass ich mindestens die zweite Stunde der KH in der Regel aufnehmen musste. 1991 stand dem Musikliebhaber ein Kassettenrecorder – natürlich mit Timer-Funktion – zur Verfügung und Kassetten mit einer Höchstlaufzeit von zweimal 60 Minuten. Ganz empfindliche Kassetten waren das, die sehr häufig einen Bandsalat verursachten. Zwei-Stunden-Sendungen aufzunehmen, das war erst mit der Einführung des DAT-Recorders ohne größere Probleme möglich oder aber man griff auf die gute alte Bandmaschine zurück, zum Beispiel einem UHER-Royal-Tonbandgerät, schloss das Gerät an eine Zeitschaltuhr, stellte die Maschine auf Aufnahme und schon konnte es losgehen.
Zurück zu meiner ersten Sendung mit Michael Engelbrecht, dessen zweite Stunde ich tatsächlich mitgeschnitten habe und das entsprechende Band auch noch besitze. Gleich in dieser Sendung konnte ich Musiker hören, die mich in all den Jahren der Klanghorizionte begleiten sollten. Michael spielte in der zweiten Stunde zunächst Michael Brook: Sleep with the fishes. Wunderbare Musik!
 
 
 

 
 
 
Dann wurde Robin Holcomb mit ihrem Album Robin Holcomb aufgelegt. Begleitet wird die Sängerin auf dieser Platte von Wayne Horvitz, Bill Frisell und seiner Band. Eine tolle LP, die ich mir dann auch umgehend besorgt habe. Michael wählte das Stück Hand me out all stories aus. Später veröffentlichte Robin Holcomb dann so wunderbare Platten wie Todos Santos, wiederum mit Wayne Horvitz, dann aber auch mit Butch Morris, Robert Previte, Doug Wieselman und wiederum Bill Frisell oder Larks, They crazy mit Doug Wieselman, Marty Ehrlich, Wayne Horvitz, David Hofstra und Robert Previte.
 
 
 

 
 
 
Auf Robin Holcomb folgte die Bill Frisell Band mit ihrer Platte Where in the world, Michael wählte das Stück Child at heart aus. Und auch Bill Frisell sollte ein treuer Begleiter durch viele Klanghorizonte werden.
In dieser letzten Sendung des Jahres 1991 erinnerte Michael daran, dass zum Ende des Jahres eine Menge Re-issues erschienen seien, herausragend in diesem Bereich sei die die Veröffentlichung einer Vier-CD-Box von King Crimson. Robert Fripp habe ganze Arbeit geleistet und die alten Aufnahmen ausgezeichnet remastered. Das Stück Epitaph folgte.
 
 
 

 
 
 
Den Schlusspunkt setzte dann die Gruppe Soft Machine. Michael Engelbrecht sagte, das Stück, das jetzt folge, sei eines seiner Lieblingsstücke und auch sein Kollege aus der Literaturabteilung des DLF, Hajo Steinert, würde dieses Stück zu seinen Favoriten zählen. Die Rede war von Moon in June aus der 1970 erschienen LP Soft Machine Third. Und auch Robert Wyatt, der Sänger dieses Stückes, sollte noch eine wichtige Rolle in den folgenden Jahren spielen. Eigentlich wurde jede seiner Veröffentlichungen in den KH angemessen gefeiert.
 
 
 

 
 
 
Ja, und dann gab es eben in dieser Nacht von Sonntag auf Montag in der Regel nur Live-Sendungen Das waren Sendungen, in denen auch mal etwas schief gehen durfte. Mal war der CD-Player kaputt, die CD ließ sich nicht abspielen oder wir Hörer durften einen Versprecher des Moderators brüllend vor Lachen miterleben. Abenteuerlich auch, wenn Michael auf dem Weg ins Funkhaus im Schnee stecken blieb oder aus Krankheitsgründen nicht nach Köln kommen konnte. Dann musste das Band mit einer Ersatzsendung, für solche Fälle stets in Reserve gehalten, aufgelegt werden. All das machte den Charme einer Livesendung aus. Schade, dass all das jetzt vorbei ist, schade auch, dass der gewohnte Termin gestrichen wurde und wir jetzt vollends nur mit dem Aufnahmegerät arbeiten können, denn die KH laufen ab April nur noch in der Nacht von Freitag auf Samstag  um 4:05Uhr. Und mit welchen Sendungen erfreut uns die Programmdirektion des DLF ab April in unserer gewohnten Nacht von Sonntag auf Montag? Hier ein Vorgeschmack: Kultur vom Tage, Interview der Woche, Essay und Diskurs, Kulturfragen, Debatten und Dokumente, Zwischentöne, Musik und Fragen zur Person, Radionacht Information. Na denn!!!
Und, Michael, tausend Dank für so viele Livesendungen am Montag um 00:05 Uhr bzw. 01:05 Uhr … muss auch mal gesagt werden …

Bill Evans

 
In der Bibel findet sich das Gleichnis von einem Kaufmann, der gute Perlen suchte und eines Tages eine ganz besonders kostbare Perle fand. Da er sie sich nicht leisten konnte, verkaufte er alles, was er hatte und kaufte sie. Soweit diese Geschichte. Es soll jetzt hier nicht darauf ankommen, wie man dieses Gleichnis auslegen könnte, ich muss nur immer an dieses Gleichnis denken, wenn ich auf den zentralen Platz in meinem Plattenschrank schaue. Da steht ein dicker roter Schuber, auf dem in goldenen Lettern zu lesen ist: BILL EVANS: THE COMPLETE RIVERSIDE RECORDINGS. In diesem dicken roten Schuber finden sich nun zwei weitere rote Schuber und in diesen jeweils neun Schallplatten in roten Hüllen eingeschlossen. Diese Perle unter den Schallplattenveröffentlichungen erschien 1984 in limitierter Auflage von 5000 Stück. Als ich damals von dieser Box erfuhr, dachte ich nur eines, eine von diesen 5000 copies muss dir gehören. Nun war die rote Bill-Evans-Sammlung schon damals sündteuer und für mich nicht zu bezahlen. Da gerade ein größerer Flohmarkt nahte, verkaufte ich sogar Dinge, die mir einiges wert waren, unter anderem viele Schallplatten. Zum Glück weiß ich nicht mehr, was ich alles weggegeben habe. Egal, Hauptsache ich hatte das Geld für den roten Evans-Schuber beisammen. Dann fuhr ich nach Stuttgart – damals gab es noch richtig tolle Plattenläden, nicht nur die Auswahl zwischen Saturn und Mediamarkt – und kaufte mir das ersehnte Exemplar.
 
 
 

 
 
 
Orrin Keepnews ist der Producer dieser famosen Sammlung und wenn ich jetzt aufzähle, wer da so im Trio oder auch Quartett mit Bill Evans zwischen 1956 und 1963 gespielt hat, dann wird der/die eine oder andere LeserIn es nicht fassen können, was sich damals abgespielt hat. Der im November 2011 verstorbene Paul Motian ist der Schlagzeuger auf den meisten Aufnahmen, auch Philly Joe Jones spielt öfter mit und auf je einer Schallplatte ist Connie Kay und Larry Bunker zu hören. Der Bass wird sehr oft von Scott LaFaro bedient, aber auch von Paul Chambers, Sam Jones, Percy Heath, Chuck Israels, Ron Carter oder Teddy Kotick. Hinzu kommen auf jeweils einer Platte der Trompeter Freddie Hubbard, der Gitarrist Jim Hall und die Saxophonisten Julian Cannonball Adderley und Zoot Sims. Dass jeder Aufnahmesession liebevoll dokumentiert ist, versteht sich von selbst. Und, was bekommen wir zu hören? 140 Titel! Manche in verschiedenen Versionen, so etwa Waltz for Debby gleich vier Mal, drei Aufnahmen von All of you und My Romance, zwei von Alice in Wonderland, How about you, Nardis., Time remembered oder What is this thing called love? Und dann so seltene Aufnahmen wie Peace Piece, Night and Day, Danny Boy oder Israel. Ganz zu schweigen von den Klassikern: Summertime, Round midnight, Re: Person I knew oder In a sentimental mood.
Und? Ist der rote Schuber so limted geblieben? Nein! Bei jpc bekommt der Liebhaber die Plattenbox in Neuauflage zum Sonderpreis von 599,00 Euro, nun im schwarzen Karton. Als CD-Box ist das ganze natürlich auch erschienen, aber wer will schon CDs???

Kevin Ayers

 
Stop this train hört sich an, als ob jemand eine Platte auf einen guten alten Perpetuum Ebner legt, den Tonarm, bevor er die Maschine angeworfen hat, auf die Schallplatte hievt und dann startet, aber schön langsam. Wenn sich dann noch die entsprechende Musik auf der Platte befindet, dann meint man eine schwere Dampflokomotive verlässt den Bahnhof. Ziemlich verspielt, ganz schön heiter und mehr und mehr in Fahrt kommend, passiert der Zug eine freundliche Landschaft, hupt an dem einen oder anderen Bahnübergang ein wenig, gerät dann aber in beängstigende Geschwindigkeit – der PE Plattenspieler wurde auf 78 Umdrehungen gestellt – fade out. Gehört haben wir eine Musik, bei der mir sofort die Stimme von Robert Wyatt einfällt, wahrzunehmen ist aber der Gesang von Kevin Ayers, beide Stimmen wären zu der Musik wunderbar vorstellbar. Das Stück findet sich auf einer Langspielplatte aus dem Jahre 1969 Joy of a Toy.
 
 
 

 
 
 
Von dieser herrlichen Platte – einige der Stücke dieser LP sind auf youtube zu hören – lege ich jetzt gleich noch The Lady Rachel und Song For Insane Times auf, beim letzteren Song haben wir es dann von der Besetzung her gesehen mit der halben Softmachine-Band zu tun, dessen Gründungsmitglied Ayers war, zusammen mit Mike Ratledge, Daevid Allen und Robert Wyatt, die Band fand 1966 zusammen. Allerdings, Ayers blieb nur kurz dabei.
Kevin Ayers ist am 18.02. dieses Jahres in Montolieu (Südfrankreich) gestorben. Wer ihn noch einmal sehen und seine Stimme hören möchte, dem sei ein Interview aus dem Jahre 2008 anempfohlen, das sich ebenfalls auf youtube findet.
 
 
 

 
 
 
Wer sich mit einer kleinen Auswahl seiner schönsten Stücke an Kevon Ayers erinnern möchte, dem würde ich ganz dringend zu dem Klassiker Decadence raten, dieses über acht Minuten lange Hammerstück findet sich auf Bananamour von 1973. Und wenn diese tolle Scheibe schon auf dem Plattenteller liegt, sollten wir uns noch von der gleichen LP Shouting in a bucket Blues anhören.
 
 
 

 
 
 
Von den vielen Platten Ayers möchte ich jetzt nur noch an eine erinnern, an Whatevershebringswesing (mit Mike Oldfield) aus dem Jahre 1971. Mit dem titelgebenden Stück dieser Platte, aber vor allem mit Stranger In Blue Suede Shoes verabschiede ich mich von Kevin Ayers.

David Bowie

 
 
Big Bang überschrieb Jochen seinen Artikel vom 06.02.2013. Es ging ums Älterwerden und den damit verbundenen Unannehmlichkeiten etc, aber eben auch um David Bowie und Jochens Freude auf dessen Neuveröffentlichung im März. Für mich war dieser Artikel der Auslöser, nach vielen Jahren endlich mal wieder sämtliche Schallplatten und CDs von David Bowie aus meinem Plattenschrank zu kramen und sie einmal wieder zu hören. Acht Titel hatten es mir besonders angetan:
 
 
 

 
 
 
1. Memory of a free festival von der Langspielplatte Space Oddity. Mit dieser Platte, erschienen 1969 begann meine Geschichte mit David Robert Jones, der seinen Namen 1966 bereits zu David Bowie verwandelt hatte. Space Oddity war längst nicht sein erstes Werk auf Schallplatte, er trat bereits seit 1963 mit verschiedenen Bands auf, aber es war seine erste einigermaßen erfolgreiche Veröffentlichung. Ein Jahr vor der Veröffentlichung dieser Scheibe, hatte sich Bowie übrigens vergeblich bei Apple Records beworben. Memory of a free festival ist ein gänzlich außergewöhnliches Werk. Während der ersten Hälfte des 7:09 Minuten langen Stückes singt Bowie höchst eindringlich, nur von einem Instrument begleitet, während der zweiten Hälfte geht es dem Hörer wie bei einem Werk der Beatles, ich meine Hey Jude. Auch hier stellt man sich einen Tonmeister vor, der sein fast geleertes Bierglas auf den Hauptaufnahmeregler stellt, der dann unendlich langsam die immer gleiche Musik und den immer gleichen Text ausblendet. Trotzdem: ein tolles Stück.
 
2. Nicht jede Platte von Bowie gefiel mir, nur insgesamt neun schafften es in meinen Plattenschrank. Dazu gehört natürlich die 1970 erschienene Platte The man who sold the world. Ein raues Album, im Gegensatz zu Space Oddity eher eine Hard-Rock-Platte. Das Titelstück hat es mir besonders angetan.
 
3. The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars kam dann 1972 heraus und Starman war mein absolutes Lieblingsstück auf dieser Scheibe.
 
 
 

 
 
 
4.1973 habe ich mir dann eine Single-Platte von Bowie gekauft und auf ihr findet sich der damalige Partyknüller Rebel Rebel.
 
 
 

 
 
 
5. Bowie lebte von 1976 bis 1978 in West Berlin, wo er meines Wissens nach zwei eigene Alben aufnahm: Low (unter Mitwirkung von Brian Eno) und …
 
6. Heroes, auch dieses Platte habe ich mir natürlich anschaffen müssen. In Bowies Berliner Zeit gab dann aber auch noch Aufnahmen mit Iggy Pop.
 
7. In den späten siebziger und vor allem in den achtziger Jahren verlor ich Bowie aus dem Blick. Erinnert sein hier lediglich an China Girl, ein wunderschönes Stück aus dem Sommer 1983.
 
8. Die vorerst letzte Platte von BowieOutside – kaufte ich mir auf Empfehlung von Michael Engelbrecht, der diese Scheibe 1996 in seinen Klanghorizonten im Deutschlandfunk vorstellte und besonders auf die Mitwirkung von Brian Eno (einmal mehr) hinwies. Mein Lieblingsstück No Control!
 
 
 

 

Julio Cortazar veröffentlichte 1963 in Buenos Aires den Roman Rayuela, 1987 erschien er in deutscher Sprache. Für mich gehört das Buch zu meinen zwanzig wichtigsten Büchern überhaupt.
 
 
 

 
 
 
Aber auch seine anderen Bücher, darunter viele Erzählungen begeistern. Suhrkamp gab einst seine Erzählungen in einem Schuber mit vier Bänden heraus: Die Nacht auf dem Rücken, Südliche Autobahn, Beleuchtungswechsel und Ende der Etappe. Allerdings sei an dieser Stelle auch an die schmalen Bändchen Ein gewisser Lukas, Andrès Favas Tagebuch, Das Observatorium erinnert, oder an die Reise um den Tag in 8o Welten – Letzte Runde In diesem Buch erfährt der Leser auch einige interessante Dinge zu Rayuela. Nicht zu vergessen: Die Autonauten auf der Kosmobahn – Eine zeitlose Reise Paris-Marseille mit Carol Dunlop. Doch zurück zu Rayuela: Der Ausnahmeautor Julio Cortazar, der in unseren Breiten viel zu wenig Beachtung findet, legte mit Rayuela sein wichtigstes Werk vor. In diesem Roman spielt der Jazz – wie auch in vielen anderen Werken von Cortazar – eine wichtige Rolle. Nach fast vierzig Jahre Wartezeit  erschien am 01.01.2001 die CD zum Buch.
 
 
 

 
 
 
Seitdem kann der Leser genau die Musik, die Titel, die Bands, die in dem Roman erwähnt werden, auf einer CD versammelt genießen. 21 Stücke feinster Jazz, von Bix Beiderbecke bis Oscar Peterson (natürlich mit Ray Brown), von Louis Armstrong (z.B. Yellow dog blues) bis Duke Ellington, es ist der Hammer. Schon gleich beim ersten Titel gilt es, nicht aus dem Sessel zu fallen vor Begeisterung: Frank Trumbauer and his Orchstra spielt: I’m coming Virginia. Oder legen wir Champion Jack Dupree auf und sein Stück Junker´s Blues oder Big Bill Broonzy mit Get Back! Und wer den Roman dazu in den Händen hält und die entsprechenden Stellen aufschlägt, die von den Stücken der CD handeln, dem werden die Freudentränen fliessen. Wer allerdings den Roman nicht kennt, wird die CD natürlich auch sehr genießen. Leider ist diese CD, zumindest bei amazon, nur noch als Download erhältlich. Allerdings wird sich der echte Sammler ganz schnell auf die Socken machen und die CD im world-wide-web oder im Plattenladen seines Vertrauens – wenn es denn so etwas noch gibt – suchen und schließlich finden.

2013 11 Jan.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (33)

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In den siebziger Jahren, da gab es in der Tübinger Hirschgasse Nr. 5 das Musikhaus Armin Keller noch. Keller war in Tübingen eine bekannte Musikergröße, er spielte Schlagzeug, gab Unterricht und betrieb einen Laden mit einem Kellergewölbe, in den man hinunterstieg und am liebsten gar nicht mehr nach oben wollte, denn dort unten lagerten unglaubliche Schätze, Schallplattenschätze. Hier konnte man wirklich auf Entdeckungsreise gehen. Damit ich als Student damals auch ja wirklich nichts verpasste, bezog ich mein JAZZPODIUM allmonatlich durch das Musikhaus Keller, was mir dann so nebenbei die Möglichkeit bot, dem Gewölbekeller einen Besuch abzustatten. 1977 oder 1978 war dann Schluss mit diesem wunderbaren Laden. Ein letzter Besuch in Armin Kellers Keller war Pflicht und fraß meine sämtlichen Ersparnisse auf. Ich kaufte damals unglaubliche zehn Langspielplatten am Stück, sechs davon waren so unvergesslich gut, dass ich sie heute noch nennen und empfehlen kann; alle fünf gibt es wieder zu kaufen, allerdings, wenn sie neu sein sollen, nur auf CD:
 
 
 

 
 
 
Da wären die auf einem Doppelalbum zusammengefassten Schallplatten Beck-Ola und Truth von Jeff Beck (guit.), Ex-Yardbirds, Ronnie Wood (bass), Rod Stewart (vocals), sowie Mick Waller/Tony Newman (Drums) und Nicky Hopkins (Piano). Diese Platten hören sich so frisch wie gestern gekauft an. Wunderbar diese Titel: I ain´t superstitious, Ol´man river, Greensleeves oder Rice Pudding.
 
 
 

 
 
 
Dann entdeckte ich Blues for Allah von der Gruppe Grateful Dead aus dem Jahre 1975. Ein Meisterwerk, eine wunderbare Platte, die mich anbrüllte „Nimm mich mit!“, ich konnte nicht widerstehen.

Eine Platte kaufte ich wegen des vielversprechenden Covers, ich kannte die Gruppe zwar schon, hatte aber noch keine Platte: Die Nitty Gritty Dirt Band, Plattentitel: Symphoniion Dream. Obwohl ich die Musikrichtung dieser Gruppe nicht unbedingt geschätzt habe (country-folk-rock), gefiel mir die Platte auf Anhieb wirklich gut. Auf dieser Scheibe spielen neben den beiden durchgängig regulären Bandmitgliedern Jimmie Fadden (guitar, harmonica, drums) Jeff Hanna (guitar, drums, vocals) Leon Russell, Linda Ronstadt und viele andere mit. Mein Lieblingstitel: Joshua come home.
 
 
 

 
 
 
Auch meine erste David-Bowie-Platte kaufte ich im Gewölbekeller bei Armin Keller. Young Americans war der Titel der Schallplatte, auf der auch John Lennon mitspielt und David Sanborn, der später im Jazzbereich sehr bekannt werden sollte.
 
 
 

 
 
 
Die vierte Platte, an die ich mich genau erinnere ist die von Lindisfarne, der Titel Roll on, Ruby aus dem Jahre 1973. Gleich für das erste Stück Taking Care of Business könnte ich mich noch genauso begeistern wie früher. 2005 kam diese Platte noch einmal als CD heraus, bei JPC kann man Kostproben hören.
 
 
 

 
 
 
Die beste Platte, die ich mir damals kaufte, sei als letzte genannt. Sie war damals und ist auch heute noch der Hammer, also ein echtes Meisterwerk. Neben Volker Kriegel spielen noch mit: John Taylor, Cees See, Alan Skidmore, Heinz Sauer, Albert Mangelsdorff, Eberhard Weber, sowie John Marshall und Peter Baumeister. Auch diese wunderbare Platte gibt es seit 2011 wieder als CD zu kaufen.
 
 
 

 
 

2012 23 Dez.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (32)

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„Die Musik, mit der ich mich beschäftige, muss nicht unbedingt Musik genannt werden. In ihr gibt es nicht, woran man sich erinnern soll. Keine Themen, nur Aktivität von Ton und Stille.“ (John Cage)

„Ich verstehe nicht, warum Leute Angst vor neuen Ideen haben. Ich habe Angst vor den alten.“ (John Cage)

„Wenn etwas nach zwei Minuten langweilig ist, versuche es vier Minuten lang. Dann 16. Dann 32. Schließlich entdeckt man, dass es überhaupt nicht langweilig ist.“ (John Cage)

`Ich weiß eine Geschichte: „Es war einmal ein Mann, der stand auf einer Anhöhe. Eine Gruppe von Männern, die gerade die Straße entlangkamen, bemerkten von weitem den Mann, der auf einer Anhöhe stand, und sprachen miteinander über diesen Mann. Einer von ihnen sagte: Er muß sein liebstes Tier verloren haben. Ein anderer sagte: Nein, es muß sein Freund sein, nach dem er Ausschau hält. Ein dritter sagte: Er genießt nur die kühle Luft dort oben. Die drei konnten sich nicht einigen und die Diskussion ging weiter bis sie die Anhöhe erreichten, wo der Mann stand. Einer von den dreien fragte : O Freund da oben, hast du nicht dein Lieblingstier verloren? Nein Herr …, ich habe keins verloren. Der zweite Mann fragte. Hast du deinen Freund verloren? Nein Herr, ich habe auch meinen Freund nicht verloren. Der dritte Mann fragte: Genießt du die frische Brise da oben? Nein Herr, das nicht. Was also stehst du da oben, wenn du nein sagst auf all unsere Fragen? Der Mann oben sagte: Ich stehe nur hier.“´ (John Cage „Silence“, Übersetzung von Ernst Jandl)
 
 
Nein, um Cage soll es mir heute trotz des sich seinem Ende zuneigendem Cage-Gedenkjahres nicht gehen. Cage habe ich aus einem ganz anderem Grund zitiert: Grete Sultan! Über sie erschien in diesem Jahr ein Buch: (Moritz von Bredow: Rebellische Pianistin – Das Leben der Grete Sultan zwischen Berlin und New York)
 
 
 

 
 
 
Im Jahr 1906 kam in Berlin Grete Sultan zur Welt. Sie wurde eine der bedeutensten Konzertpianistinnen Deutschlands mit vielen hochgelobten Auftritten zur Zeit der Weimar Republik. Ungewöhnlich an ihren Programmen war stets das Nebeneinander von Werken aus Barock, Klassik, Romantik und zeitgenössischer Klavierliteratur. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Januar 1933 erhielt Grete Sultan öffentliches Auftrittsverbot und konnte nur noch im Jüdischen Kulturbund spielen.

Ab 1940 wurde das Leben für die Familie allerdings so unerträglich, dass mehrere Mitglieder der Familie gerade noch rechtzeitig ins Exil gehen konnten, doch einige wurden Opfer des NS-Regimes, wurden in Konzentrationslagern ermordet oder kamen den Häschern zuvor, indem sie sich selbst das Leben nahmen, so der Vater von Grete Sultan. Grete gelangte nach einer schrecklichen Odyssee schließlich nach New York. Dort angekommen, wird sie schon bald Mitarbeiterin und Freundin von John Cage. Da sich Sultan schon in Deutschland mit zeitgenössischer Musik beschäftigt hatte, mag das nicht erstaunlich erscheinen. Dennoch wüsste ich nicht von einer zweiten Pianistin, die im Werk von J-S.Bach – z.B.Goldbergvariationen (siehe Plattenschrank Nr.9) – genauso zu Hause zu sein scheint wie in dem von John Cage. Als ich vor sechs Jahren zum ersten Mal von Grete Sultan hörte, war sie bereits ein Jahr tot, der WDR brachte ein Gespräch mit ihr, das war 2006. Eine Platte von Sultan zu bekommen, das war dann allerdings mehr als schwierig.

 
 
 

 
 
 
Über Umweg kam ich dann an eine Doppel-CD aus dem Jahre 1996, deren erste CD Musik von Arnold Schönberg, John Cage, Claude Debussy enthält, eingespielt zwischen 1967 und 1990, auf deren zweiter CD dann der Hörer den vollständigen Goldbergvariationen (78:03) Bachs interpretiert von Grete Sultan lauschen kann. Ein Erlebnis. Ein Blick ins Internet zu den bekannten Anbietern: CDs von Grete Sultan sind zu haben, allerdings gibt es fast nur sündteure Angebote. Nur die Etudes Australes For Piano von Grete Sultan und John Cage gibt es noch zum Normalpreis. Ich denke aber, die Zeiten werden sich zugunsten des Sultan-Interessenten ändern, denn kürzlich erschien ja das oben erwähnte wirklich lesenwerte Buch über Grete Sultan: Rebellische Pianistin – Das Leben der Grete Sultan zwischen Berlin und New York (Schott).
 
Ihnen allen: Schöne Weihnachten und ein gutes Jahr 2013!

Eine kurze Ergänzung zu Plattenschrank Nr.28 zunächst. Da ging es um die Platte Stéphan Oliva Ghost of Bernhard Hermann, also um Musik zu Alfred Hitchcocks Filmen. Dachte ich nun bisher, dass Hitchcock wahrhaft ein richtiger Fan der Musik von Bernhard Hermann gewesen sein müsste, wurde ich vergangenen Montag durch die Lektüre der NEW YORK TIMES wie folgt belehrt: „Alfred Hitchcocks wife, Alma Reville, played an indispensable role in the making of his movies.“ Und an anderer Stelle heißt es: „Hitchcock did not want Bernhard Hermann´s music used in that film`s famous shower scene, Mr.Gervasi said, but `Alma insisted. And it was only because of his absolute trust in her that it´s included.´ He added, `She played a critical role not just in that scene but in the history of cinema´.“
 
Anderes Thema jetzt: Die Autoren dieser Seite haben ja nun ihre Hitlisten für dieses Jahr abgegeben, aber es gibt natürlich auch noch heimliche Listen, von denen ich heute einmal eine aus dem Dunkel des Geheimnisvollen ans Licht der Öffentlichkeit bringen möchte. Es ist doch so, viele von uns werden durch ihr Leben mit Musik begleitet, sie unterhält nicht nur, sie tröstet, rüttelt auf, lässt noch zorniger werden, besänftigt, stimmt friedlich usw. Im Auto werden dann bei Alleinfahrten diese Stücke so richtig aufgedreht und genossen. Und auf diesem Gebiet tummeln sich zuweilen ganz andere Platten als in unseren offiziellen Hitlisten und Jahresrückblicken genannt werden (siehe jetzt wieder Michaels Klanghorizonte zum Jahresende).
 
Und dann: Es gibt sehr häufig Platten, da begeistert mich ein Stück und sonst keines. Wir alle kennen das Phänomen, dass wir uns wegen eines Stückes eine Platte kaufen und dann maßlos enttäuscht sind, weil die anderen Stücke nicht in der erwarteten Liga spielen. In den nun folgenden TOP TWENTY 2012 liste ich Titel auf, die mich entweder durch verschiedene Lebenssituationen begleitet haben oder die Einzelstücke darstellen, von Platten, die ansonsten eher als gut, aber eben nicht als sehr gut zu einzuschätzen sind:
 
20. Bill Fay: The never ending happening (CD Life is people)
19. Megafaun: Get right (CD: Megafaun)
18. Landslide: Antony and the Johnsons CD: Tribute to Fleetwood Mac
17. Kathleen Edwards: Chameleon/Comedian (CD Voyageur)
16. Neil Young: Wayfarin` Stranger (CD Americana)
15. Bob Dylan: Narrow Way (CD Tempest)
14. David Sylvian: Where´s your gravity (CD: A Victim of Stars 1982-2012)
13. Neil Young: Walk like a Giant (CD Psychedlic Pll)
12. Paul Buchanan: Mid Air (CD Mid Air)
11. Jason Lytle: Matterhorn (CD Department of Disappearance)
10. Vijay Iyer Trio: The Village of the Virgins (CD Accelerando)
9. Malia: Keeper of flame (CD:Black Orchid)
8. Patty Smith: Tarkovsky (CD: Banga)
7. Spiritualität: Mary (CD Sweet Heart Sweet Light)
6. Regina Spektor: Don’t Leave Me (Ne Me Quitte Pas)
5. Frank Ocean: Pink Matter (CD: Channel Orange)
4. Billy Gibbons & Ch: Oh Well (CD: Tribute to Fleetwood Mac)
3. Andrea Corr: Pale Blue Eyes (CD Lifelines)
2. Eivind Aarset: Close (for comfort) (CD: Dream Logic)
1. Frank Ocean: Bad Religion (CD: Channel Orange)
 
 
 

 


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