Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2012 15 Nov

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (30)

von: Gregor Mundt Filed under: Blog | TB | Comments off

 
Kürzlich fiel mir zufällig einmal wieder ein Päckchen in die Hände, von dem ich nie so recht weiß, gehört es in den Platten- oder in den Bücherschrank. Es handelt sich nämlich um ein Buch nebst Kassette. Erschienen ist das ganze 1987 als Gemeinschaftsproduktion des SWF (heute SWR), dem NDR und dem Rowohlt-Verlag. Der Klappentext des Buches erzählt vom Sommer 1966, als Peter Rühmkorf, Michael Naura und Wolfgang Schlüter gemeinsam einen Lastwagen in der Hamburger Innenstadt bestiegen und das Projekt Jazz & Lyrik auf dem Markt starteten. Dieses erste Jazz-und-Lyrik-Konzert wurde immerhin von 3000 Zuhörern besucht und war der Startpunkt einer vieljährigen Zusammenarbeit.
 
 
 

 
 
 
Das 120 Seiten schmale Bändchen enthält 30 Gedichte Rühmkorfs, darunter natürlich auch die Texte, die Rühmkorf auf der Kassette zur Musik von Michael Naura und Wolfgang Schlüter vorträgt: PHÖNIX VORAN, AUF EINEN ALTEN KLANG, SELBSTPORTRÄT, PARADISE REGAINED, IMPROMPTU, DAS WAR UND ICH WEISS NICHT, JETZT MITTEN IM KLAREN, HOCHSEIL, DAS HIMMELSCHLUCK-LIED, EINEN ZWEITEN WEG UMS GEHIRN RUM, VARIATION AUF DAS „ABENDLIED“ VON MATTHIAS CLAUDIUS, TAGELIED, DEUTSCHE ZAUBERSTROPHEN, KOMM RAUS, ALLEIN IST NICHT GENUG und BLEIB ERSCHÜTTERBAR UND WIDERSTEH.

Die Aufnahmen sind herzerfrischend, denn sie sprühen vor Spielfreude. Alles ist live aufgenommen, mit allen Ecken und Kanten. Im Buch erfährt man beim Lesen der zwischen den Gedichten eingebetteten Gespräche zwischen Rühmkorf und Naura unter vielem anderen etwas darüber, weshalb die Aufnahmen so lebendig wirken. Rühmkorf: Und wenn du mal löwenmäßig auf den Klavierdeckel haust oder dem Schlüter ein Schlegel bumms auf den Boden fällt, dann sind das so außerplanmäßige Zugaben. Genauso sollte man aber auch die Gedichte als kleine Instrumente betrachten, als in meiner Instrumentenwerkstatt gefertigte Lyren, die ich rühren kann oder schlagen oder anreißen oder schmirgeln oder zupfen, und über den Anschlag oder die Streichart entscheidet immer der unvorherberechenbare Augenblick, von dem auch ihr ein Teil seid. Naura: Das hör ich gern, ich hab oft eher den Eindruck, dass wir ein Teil von dir wären. Dieser metaphysische Sog, der von deinen Texten ausgeht, ist manchmal so mächtig, dass ich am liebsten den Klavierdeckel ganz leise zumachen möchte und selber nur zuhören. Aber das sind natürlich nur so momentane Schrecksekunden der Ergriffenheit. Rühmkorf: Alles positiv, alles gut. Worauf ich im Augenblick hinaus möchte, ist aber vielmehr die Sphärenharmonie, die sich für mich erst einstellt, wenn ich mich als Vokalist als Teil des Ensembles fühle. … Naura: „Musik stört Dichterlösung“, das hab ich schon mal irgendwo gelesen. Obwohl wir gerade das absolute Feeling gefunden hatten bis in die feinsten metrischen oder rhythmischen Verschiebungen, die man Swing nennt. Rühmkorf: Die Musik ist für mich in jedem Fall etwas Vorgegebenes, mit dem ich rechnen muss, wie mit tragenden Luftschichten. Wenn ihr mal mehr anzieht als gewohnt, das heißt, wenn euch der Teufel reitet, muss ich diesem Teufel folgen. … Ich vertraue mich euch an wie ein Segelflieger den jeweils herrschenden Auf- und Abwinden. …
Buch und Kassette sind also überaus empfehlenswert. Und das schönste: man kann diese Buch-Kassetten-Kombination noch kaufen. Diese unfassbare Entdeckung konnte ich gerade machen. 25 Jahre nach Erscheinen dieses Werkes noch im Handel … es geschehen eben doch noch Zeichen und Wunder.

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