Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: April 2023

 

 

Mit Debutfilmen bekannter Regieschaffender ist das so eine Sache – man sucht reflexartig nach Vertrautem, in diesem Fall der Handschrift des Regisseurs, die dieser selbst aber noch gar nicht entwickelt hat. Das kann zu Enttäuschungen führen, gibt aber andererseits die Möglichkeit zu beobachten, aus welchen Quellen dieser sich gespeist und wie er sich weiterentwickelt hat und zusehends der eigene Stil entsteht. Detektivarbeit also, irgendwie.

Die tödliche Maria (D, 1993) ist Tom Tykwers erster langer Spielfilm. Diese Maria, eine noch junge Frau, führt ein Aschenputteldasein. Ihr Leben wird getaktet vom Wecker, dem Pfeifen des Wasserkessels, mit dem sie ihrem Macho- Ehemann den Kaffee bereitet und den hochfrequent erfolgenden Maria-Rufen ihres pflegebedürftigen Vaters, wenn der mal wieder zur Toilette muss, eine Paraderolle für Josef Bierbichler. Das Ende ist natürlich ahnbar. Joachim Król als scheuer Nachbar-Märchenprinz, der in der Welt der Worte lebt – als Kontrapunkt zu Marias Welt der Spracharmut – und vor entfesselter Weiblichkeit zurückschreckt bzw zum Ende im Wortsinne von ihr erschlagen wird. Eine fiktive dystopische und wie aus der Zeit gefallene Welt mit märchenhaften Anmutungen.

Und eine im Grunde platte Handlung, die für einen Mittelklassekrimi zwar gereicht hätte, mit einer bestenfalls reaktionären Botschaft; aber entscheidend ist was man daraus macht. Lola rennt ist vom Plot her auch nicht der Brüller – aber wieviel raffinierte Verwerfungen verstand der Tom da einzubauen.

Aus dem verzopften Nachkriegs-Outfit von Maria, mit fast beängstigender Intensität gespielt von Nina Petri, und der Resopal-Kleinbürgerküche dampft der deutsche Fassbinder-Mief. Dazu das Abgründige eines Cronenberg und der quietschvergnügt und so unbekümmert wie reichlich eingestreute Surrealismus eines Bunuel, die Insektensymbolik mit den sumselnden Fliegen eines Polanski, bei denen man sofort das vergammelnde Fleisch aus Ekel vor Augen hat – einziges Zeichen von Vergänglichkeit in einer Situation von beklemmender Statik und Erstarrtheit. Ein Berg unabgesandter Briefe quillt aus einer Kommode als Bild für eine Sehnsucht, die ihr Ziel nicht finden konnte. Anleihen bei den ganz Grossen, nichts Tykwer-Spezifisches, noch nicht die Eleganz der späteren Filme, das leichthändige Verdrehen von Handlungssträngen, noch keine eigene Duftspur – ein Debut eben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …

 

 

 

 

Zufällig entdeckt letzten Montag im ZDF. Ist sicher noch in der Mediathek.

2023 9 Apr.

Cry me a River

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Semana Santa in Sevilla

 

Wenn die Bruderschaften öffentliche Buße tun und das Volk nicht weiß, ob es schweigen oder in den Partymodus schalten soll, dann freut sich Hartmut Rosa, dass der kirchliche Raum einen erweiterten Kommunikationsrahmen erhält. Tatsächlich wird viel zusammengestanden und geredet, nur wenn das Kreuz mit dem leidenden Christus vorbeigetragen wird, ist die Menge still und bekreuzigt sich. Von den Balkonen hört man einen Flamenco angelehnten Klang, Saeta heißt dieser religiöse Gesang. Hier befindet man sich im Herkunftsgebiet des Flamenco. Die Nachbarstadt von Sevilla, Jerez de La Frontera, verehrt zum Beispiel das ganze Jahr 2023 hindurch die große, etwas strenge Künstlerin Lola Flores. Wie tief katholisch die Menschen in Sevilla sind, zeigt sich an der Anteilnahme an dem Leiden Christi. Es herrscht andächtige Stille, wenn die Träger mit den großen, meist goldenen capillas vorbeiziehen und die religiöse Musik zusammen mit den Nazarenern den Weg weisen.

 

 

 

 

 

Natürlich schlagen sich solche Jahrhunderte alten Traditionen auch in der lokalen Kunst nieder. Weltberühmte Maler lebten hier im 17. Jahrhundert.  Allen voran Francesco de Zurbaran, den ich sehr verehre, wegen seiner makellosen hell / dunkel Malerei. Von ihm hängt ein eher feierlich aussehender Jesu am Kreuz im hiesigen Kunstmuseum. Murillo ist der andere berühmte Sohn aus Sevilla. Er malte im Stil von Zurbaran, nicht ganz so lichtgewaltig, auch menschlicher, immer aber unter dem göttlichen, gnädigen Blick / Segen. Velasquez, auch weltberühmt, ist mit Küchenbildern zu bewundern. Er war sichtbar von Caravaggio beeindruckt, z. B.  von dessen Obstkorb.

 

 

 

 

Obwohl Sevilla gerade zu ihren aktiven Schaffenszeiten eine reiche Stadt geworden war – sie war der Drehplatz des Gold und Silberhandels mit den Kolonialländern – so waren doch die Künstler sehr arm geblieben. Zurbaran hatte zwar den Einfall, seine Bilder per Schiff in die missionierten Länder zu bringen, da dort Gotteshäuser ausgestattet werden mussten, jedoch machte er bittere Erfahrungen mit seinem Überseedeal. Seine Bilder verschwanden.

In dem Stadtteil Triana geht es trotz tausender Besucher der Semana Santa gemütlich zu. Hier kehrt man in kleine Bars und Cafés ein, die in wunderschönen ganzflächig gekachelten Häusern untergebracht sind. Triana‘s Flair wird durch den Fluss Guadalquivir erhöht, ich könnte sofort hierherziehen. Porto am Douro oder Glasgow am Clyde (Hi Ian!) sind solche Städte, die Siedlerwünsche in mir hervorrufen. Augenscheinlich ziehen mich Flüsse an. Ich wohnte gerne am Rhein, an der Weser, an der Dreisam, an der Havel und besonders an der Elbe. Dass soviel Wasser einen Atlantik ausmachen, ist eine gegenwärtig anhaltende Freude für mich.

Wenn man die Besucher der Semana Santa vergleicht mit den Besuchern in der Stierkampfarena, fällt auf, dass es die hiesige, overdressed Mittelschicht ist, die an beiden Events teilnimmt.  Es hat ein Geschmäckle, es sind Kirche und Kapital, die beides schätzen und unterstützen. Wie weit entfernt sie von den neuesten Gedanken der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum sind. Sie will, dass Tiere Rechte erhalten. Das Töten der Stiere ist auf den Kanaren verboten, in Sevilla bzw. ganz Andalusien wird der Stierkampf als Brauchtum gefeiert. Es ist Tierquälerei. Es ist bewusstes Töten.  Das gab’s auch in den Missionen.  Da waren es Menschen.

 

Allen ein friedliches Osterfest.

 

      1. Fire! Orchestra: Echoes   
      2. Matthew Herbert: The Horse   
      3. Arrroj Aftab / Vijay Iyer / Shazad Ismaly: Love In Exile
      4. The Necks: Travel
      5. Natural Information Society: Since Time Is Gravity
      6. Lana del Rey: Did you know…
      7. Mette Henriette: Drifting
      8. Aksak Maboul: Une Aventure de VV
      9. Lankum: False Lankum
      10. Seb Rochford & Kit Downes: A Short Diary
      11. Paul St. Hilaire: Tikiman Vol. 1
      12. Robert Forster: The Candle and The Flame

 

Damals hat man sogar an Trailern gespart, und statt kunstvoll-rasanter Schnitte quer durch die Story einfach die ersten Filmminuten als Einstimmung gewählt. Annie – Die Jungfrau von St. Tropez – der schlichte Titel täuscht über die Klasse dieses sog. „soft porn“-Klassikers hinweg, und auch das Etikett „soft porn“ lässt den kundigen Betrachter schmunzeln. Der Film ist tatsächlich die Vorlage von Bertoluccis „Last Tango in Paris“, und der Italiener hat sein „Skandal-Filmchen“ diesem „Vorbild“ aus St. Tropez abgeschaut, abgeluchst. Er hat etwas Psychoanalyse fürs seriöse Feuilleton beigemischt, etwas Existenzialismus für den Hausgebrauch, und Marlon Brando als Zugpferd für die Hochkultur. Tatsächlich werden viele Cineasten, welche sich auf „A virgem de St. Tropez“ einlassen, hier einen viel ursprünglicheren, auch erotischen, Zauber verspüren als in Bertoluccis Machwerk mit der Butter im Anusfalte. Zygmunt Sulistrowski gehörte als Pole zu den Pionieren des „erotischen Impressionismus“, wie er seine Filme selbst benannte, aber erst nach seinem Tod wurden seine Werke angemessen gewürdigt, auf kleinen Filmfesten in San Francisco und Kyoto. Eine Sache hatte Bertolucci allerdings begriffen: wenn er schon so eine deprimierend-stumpfsinnige Story darbietet, die dem Film des polnischen Kollegen nicht das Wasser reichen konnte, dann musste er wenigstens auf der Ebene des Soundtracks Ebenbürtiges abliefern, und dafür sorgte Gato Barbieri mit seiner grandiosen, letztlich um ein einziges Motiv kreisenden, Filmmusik. Vor ein paar Tagen hat meine Kollege, der Waldpädagoge Schlechtriemen, ja ein reflektiertes Loblied gesungen auf den verdammt guten Soundtrack Salvaninis zu einem anderen Zauberfilmchen des Polen, und der grosse Salvanini hat auch hier seine Hände und Gitarren im Spiel. Aber was rede ich: geniessen Sie den Trailer, die sanfte Titelmelodie, die wunderbare Ton-in-Ton-Textur dieser Eröffnung. So sah es aus, 1973, in dieser Stadt, die so viele populäre Gassenhauer inspirierte. Salvanini meidet alle grellen Sounds, und fühlt sich in die Bilderwelten von „Sulli“ ein, wie ihn seine Kumpels nannten.

 

 

Wenn der „Sendetermin“ für THE HORSE nicht zu früh kommt (das Album erscheint im letzten Maidrittel, mein Jazzmagazin findet am 4. Mai statt), nicht bereits anderweitig ein Auftrag dazu vergeben wurde (und der Jazzfaktor als nicht zu gering eingeschätzt wird – glaube ich nicht, Evan Parker und Shabaka Hutchings sorgen ja nicht nur für „Spurenelemente“, und selbst die Symphoniker lassen sich auf den einen und anderen rauen wilden Galopp ein) werden im zeitlichen Zentrum meiner JazzFacts drei Werke stehen, die, was Archaik und Breitwandformat angeht, wunderbar zueinander passen, und allesamt ganz grosses Kino bieten. Die Rede ist von Matthew Herberts THE HORSE, von SINCE TIME IS GRAVITY von der Natural Information Society (ein Beitrag von Niklas Wandt), und von ECHOES, vom Fire! Orchestra. Let‘s dance, let‘s go ritual! Man kann die drei Arbeiten noch kürzer, und ganz seriös, auf den Punkt bringen: BANG! BANG! BANG!

JazzFacts, 4. Mai: das Zentrum ist dicht, zuerst meine Vorstellung von Mats fantastischerm Fire! Opus, dann im Zentrum Niklas Besprechung der Natural Information Society, und danach gleich Matthews „Pferdemusik“. Michael Kuhlmann widmet sich später einem Jugend Jazzt Wettbewerb, und am Ende stelle ich kurze eine feine Deutschladfunkproduktion vor. Bleiben noch zwei bis  vier tolle neue Jazzalben (ein teaser, neudeutsch). Ein Kandidat for the best of the rest ist Ralph Alessi und sein in Schweizer Umgebung entstandenes Album, und ich werde die Tipps noch durchgehen. Was machen die Finnen von We Jazz? 

 

 

 

Was weibliche Stimmen angeht, gibt es bislang in diesem Jahr drei Alben, die es mir besonders angetan haben. Bei all diesen Arbeiten musste ich anfangs eine Schwelle überschreiten – war das nicht etwas zuviel des Guten, was Lana del Rey da anbot? Hält sich Josephine Foster nicht zu sehr zurück, bei ihr liebe ich es seltsamerweise, wenn ihre Stimme eine Spur von Oper verströmt. Zündet Aroojs „Love In Exile“ auf Dauer, von der ersten Faszination des Unkonventionellen abgesehen? Diese drei Alben der Ladies sind auf dem  besten Weg, „growers“ zu werden, „lifers“! Und dann lese ich heute, was Arooj zu Zakir Hussains ECM-Klassiker aus der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre bemerkt. Auf der neuen Vinyl-reissue-Serie „Luminessence“ wird „Making Music“ dabei sein. Gut so. Eine audiophile Aufnahme. Sowieso magische Musik. Ich glaube, die Vier sassen im Kreis, während sie spielten, und frage mich, wie nah die Musik dem einen und anderen Leser dieser Zeilen gehen wird, der „Making Music“ zum ersten Mal hört. (m.e.)

 

 

 

Ich war wahrscheinlich 15, als ich diese Platte entdeckte, und ich fing an, Musik zu machen, also hat mich schon der Titel des Albums irgendwie angezogen. Ich hörte auch den Flötenspieler Hariprasad Chaurasia, der mich irgendwie in seinen Bann zog. Ich glaube, das war sozusagen der Anfang, rückblickend betrachtet, die erste Ahnung einer Person, deren Liebe zur Musik ein wenig mehr ist als nur ein Zuhören. Sie ist eher entdeckungsfreudig, und es gibt einen Hunger nach Entdeckungen und danach, mehr zu hören und das eine mit dem anderen zu verbinden und nicht nur bei dem zu bleiben, was gerade populär ist. Aber ja, ich bin auf Hariprasad Chaurasia gestoßen und war sofort hin und weg, also habe ich versucht, viel von ihm zu finden. Und natürlich war Zakir Hussain unglaublich. Und dann habe ich auf dieser Platte zum ersten Mal in meinem Leben John McLaughlin gehört, und das war für mich der absolute Knaller. Es gibt so viel Bewegung, das Arrangement ist so gut durchdacht; es ist eine Art Reise in gewissem Sinne, diese schönen Stücke, die außerhalb des klassischen indischen Musikkontextes stehen, aber immer noch dazu gehören, und es gibt viele Überschneidungen. Auch Jan Garbarek – diese Art von Jazz-Saxophon, wenn man es überhaupt so nennen kann, hatte ich noch nie gehört. Dass die vier zusammenkamen, hat mich also umgehauen. Ich glaube, das war der Anfang von etwas; Platten wie diese zeigen, dass Musik nicht unbedingt dem Mainstream entsprechen muss. Das ist wirklich wichtig, dir diese anderen Wege zu zeigen, und diese Platten haben damals die Grenzen auf eine Art und Weise verschoben, wie wir – ich und meine Kollegen – es heute tun. Sie haben gezeigt, dass Dinge möglich sind, und sie haben dich ermutigt, Risiken einzugehen.

… und ich sass im „Omnibus“, einem Musiklokal in Würzburg, es war Anfang 1975, und ich kann mich sogar genau an den freien Platz unweit der Bar erinnern, an dem ich vor einem grossen Bier sass. Den Unmut von Bert Jansch konnte ich gut verstehen, wegen des Thekengemurmels und Gläserklirrens. Da sass einer der grossen Folk-Gitarristen Englands und verzauberte mich mit seinem Solospiel. Wenn er sich von seinem Unmut lösen konnte, war sein Vortrag makellos, sein Gesang, sein feeling,  seine Behendigkeit – diese  beiläufige Perfektion liess mich an meine Stunden in der alten Heimat erinnern, mit Pentangle und ihrem Album „Basket Of Light“. Ich dachte an Uta B. zurück, und die Musik, die zu meiner „Entjungferung“ lief (ich war kein Junge mehr hinterher): die Band mit dem Namen „It‘s A Beautiful Day“ war, das hatte ich damals sofort so empfunden, ziemlich stark inspiriert von Pentangle. Und Bert Jansch war bei Pentangle in seinem Element. Diese Stunden im „Omnibus“ waren ein Zeittunnel, in dem ich immer andere Anker in ein goldenes Eden zurückliegender Jahre werfen konnte. Ich möchte es noch pathetischer sagen, aber ich belasse es dabei. Die andere grosse Folkband Englands damals war The Fairport Convention, und während ich im Omnibus sass, fiel mir ein seltsames Hörerlebnis ein: im Musikhaus Schlüter fiel mir einst ihre Schallplatte „Liege & Liefe“ in die Hände, und ich liess sie mir auflegen, damals stand man mit anderen Musikverrückten im Kreis zum Probehören. Die hatten alles von OHR, die erste NEU! – ein Wunderladen. Ich war komplett in Trance und die zwei, drei Songs, die ich von Fairport Convention hörte, gingen  unheimlich tief. Bis heute kann ich mir nur mehr schlecht als recht erklären, dass dieses „Ergriffenheitserlebnis“, das an das spätere erste Hören von Brian Enos „Taking Tiger Mountain (By Strategy)“ im „I-Haus“ nah herankam, so einmalig blieb: wann immer mir die Platte später begegnete, war ich voll banger Vorfreude, und wurde jedesmal enttäuscht. Obwohl ein  Meisterwerk seines Genres und seiner Zeit, berührte mich die Musik nur noch auf der Ebene  allgemein verdienter Wertschätzung. Während ich vorhin noch beim Brötchenholen Enos Knaller im Auto mitsang, und kurze Bilder aus den wilden Siebzigern aufleuchteten. Ich entdeckte unter den Zuhörern von Bert Jansch auch einen Kommilitonen, der spätestens nach den letzten  Sekunden von Rausches allwöchentlichem Statistikseminar wild rumknutschte mit seiner rothaarigen Flamme. Uschi kann sich an den langen Schlaks und seine Braut nicht erinnnern, der zuvor ein Jahr in Indien war, und auch ohne rote Tracht signalisierte das ganz klar einen Vorsprung an sexueller Erfahrung. Und möglicherweise an Tripper und Konsorten. Ich sah mich natürlich auch in dem kleinen Saal um, und angesichts der totlangweiligen mathematischen Gleichungen dachte ich da sicher öfter an Sex als im Kino in  „meinen“ Wenders- und Herzogfilmen (die, bei weitgehender Asexualität, einen ertstaunlichen Flow der Langsamkeit bereithielten, der aber, wie alles im Leben, auch nur seine Zeit hatte). Jedenfalls sprach mich Ulrich an, wir tauschten kleine Musikstories aus, und schlenderten, nach dem Schlussapplaus, munter in den Regen. Er wohnte unweit vom Omnibus und lud mich zu einem Glas Wein ein. Er erzählte von seinen Meditationserfahrungen und öffnete kurz einen Schrank, an dessen Innenseite das grosse Foto eines nackten männlichen Körpers posierte. – Komm, wir ziehen uns aus, und schauen, was passiert. Nö, sagte ich, keine Lust, und das entsprach der Wahrheit. Ich war damals nicht annähernd so schlagfertig wie später, und ging etwas unbeholfen in den späten Abend hinaus. Ich dachte an den Auftritt von Bert Jansch, an „Basket Of Light“ von Pentangle, an Uta unter dem weissen Laken, ging in meine kleine Kammer im Studentenheim und legte „Witchi-Tai-To“ vom Jan Garbarek-Bobo Stenson-Quartett auf.  Bald sollte ich die schönste Frau Gelsenkirchens im Aufzug erblicken, und der Rock‘n‘Roll begann. Nun, viele Jahre später, hole ich immer noch gerne alte Platten von Jan Garbarek aus meinem Regal, und auch Bert  Janschs  „Avocet“. Und jedesmal – jedesmal – wenn ich dieser Platte lausche, durchströmen mich ein paar flackernde Bilder aus dem alten, lang geschlossenen „Omnibus“, und wenn ich eins bedaure, rückwärtsblickend, an diesem Abend, dann, dass ich nicht auf Bert Jansch zugegangen bin, und er mir vielleicht später, in der Nacht in seinem Hotelzimmer, die Geschichte seines Lebens erzählt hätte. Eine Geschichte wie aus 1001 Nacht. Er hätte den besten Zuhörer der Welt gehabt (es wird in dieser kleinen Erinnerungsstudie nicht an Superlativen gegeizt)!

2023 4 Apr.

Hareton Salvaninis kleines Meisterstück

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Hallo, liebe Leser, liebe Manafonisten. Mein Name ist Nils Schlechtriemen, ich bin Musikjournalist, Waldpädagoge und Kulturpessimist. Heute stelle ich euch ein Kleinod der brasilianischen Musikhistorie vor. Der Pole Zygmunt Sulistrowski hatte von früh an ein Faible für die brasilianische Avantgarde und Popularmusik sowie die verrückten Schnittstellen „in between“ – und er gilt als Pionier des frühen low budget-Nudistenfilms, ab Mitte der 1960er Jahre ein tatsächlich expandierender Markt im Erwachsenensegment westlicher Bahnhofskinos und Videotheken.

 

 

 

 

Zwar war er auch Ökologe und damals schon leidenschaftlicher Naturschützer mit einer Faszination für den Amazonas, doch in Erinnerung blieb er Cineasten des Abseitigen vor allem durch Titel wie »Happening in Africa«, »The Virgin Of The Beaches« oder eben »Xavana: The Island Of Love« eine Platte, die nun in einer kleinen Auflage von 555 Stück neu herausgebracht wurde. Für Letzteren engagierte Sulistrowski aufgrund finanzieller Schwierigkeiten den quasi unbekannten brasilianischen Singer-Songwriter Hareton Salvanini, der daraufhin in wenigen Wochen von den Stimmen über die Drums, Gitarren, Flöten und Klarinetten bis zum Piano fast alles selbst einspielte sowie arrangierte. Resultat ist dieser zuweilen verträumte und ungemein atmosphärische Soundtrack, der ohne größere Vorbehalte als „little gem“ seiner Zeit gelten darf. Qualität wurde hier nämlich ausnahmsweise mal groß geschrieben – damals wie heute keine Selbstverständlichkeit im Schmuddelfilmbereich.

Das ist in der Dynamik der vergleichsweise toll produzierten Instrumentierung ebenso feststellbar, wie in der Bandbreite an Stilkleckereien, zu denen es sich verdammt gut auf der Terrasse mit einem Spliff entspannen lässt. Manchmal mehr Samba-Jazz, an anderen Stellen brasilianischer Vintage-Pop, dann aber auch wieder orchestral unterfütterter Easy-Listening-Funk, ist der Score des 2006 verstorbenen Brasilianers leider seine wahrscheinlich finale Arbeit gewesen, die parallel mit dem Film bereits 1981 erschien Ach ja, das waren noch Zeiten! Ob Salvanini danach noch weitere Alben veröffentlichte, ist bislang nicht abschließend geklärt. Von manchen Zeitgenossen wird er jedenfalls als eine obskure Version Arthur Verocais gesehen, was für Sympathisanten des MPB-Geheimtipps aus den Siebzigern zu viel der Lobhudelei sein mag, stilistisch aber ungefähr hinkommt. Enjoy!

(Sundappled vinyl version available at HHV, low stock)

 

2023 4 Apr.

Haunted House

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v i d e o

 

„Domestic Sphere besteht im Wesentlichen aus ihrer Stimme und ihrer Gitarre, aber durch die Hinzufügung von Field Recordings (einschließlich eines Schnipsels ihrer Urgroßmutter aus dem Jahre 1893 (!)) und einem opiaten, fragmentierten Produktionsstil fühlt sich das Ganze eher wie eine Séance oder eine Beschwörung an, etwas zutiefst Intimes und Kraftvolles. Fosters Stimme war schon immer eine merkwürdige, wunderbare Sache – ihre schwebenden, ätherischen Qualitäten sind nicht jedermanns Sache – und hier aus nächster Nähe aufgenommen, wird sie einen entweder begeistern oder nerven (ich gehöre eindeutig zum ersten Lager).“

(Lee Fisher)


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