Manafonistas

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Archives: Oktober 2020

 

I’m Thinking of Ending Things is one of the most daringly unexpected films of the year, a sinewy, unsettling psychological horror, saturated with a squirming dream logic that tips over into the domain of nightmares. Buckle up for this one and make sure you’ve stocked up on your meds.

(Wendy Ide, The Guardian)

 

I’m Thinking of Ending Things (Netflix) ist kein Wohlfühl-Kino. Es ist eher die Art von Tranceinduktion, die einen leicht an der Beständigkeit des Ichs zweifeln lässt. Insofern betritt er auch David Lynch-Territorium. Aber wie die unglaubliche dritte Staffel von „Twin Peaks“, „The Return“, räumt dieses  kleine Meisterstück mit jeder falschen Behaglichkeit des Schauerlichen auf. Zum Ende hin nimmt die Klaustrophobie in riesigen Räumen zu, und die Beklemmung von „Shining“ hält Einzug. Man fragt sich im Laufe des Films öfter, ob das alles eine fiebrige Traumgeschichte sei, oder ein besonders abgefahrener Psychothriller. Eine Frau, die wir noch nicht gesehen haben, ist praktisch mitten in der Erzählung und erzählt uns etwas, für das wir keinen Kontext haben. Es fühlt sich falsch an, abschreckend. Etwas ist nicht richtig. So sollten Filme nicht funktionieren. Schließlich sehen wir die Frau, die von Jessie Buckley brillant gespielt wird. Sie steht auf der Straße, als aufgeblasene Schneeflocken zu fallen beginnen, als wären wir mit ihr in einer 3-D-Schneekugel. Sie schaut zu einem Fenster ein paar Stockwerke höher. Wir sehen einen alten Mann, der aus einem Fenster nach unten schaut. Wir sehen Jesse Plemons, der aus einem Fenster nach unten schaut. Wir sehen Jesse Plemmons in der nächsten Einstellung, wie er Jessie Buckley in seinem abgefahrenen Auto abholt. Die Filmmusik funkelt und wirbelt. Jessie Buckleys Lucy oder Lucia oder Amy denkt darüber nach, die Sache mit Jesses Jake zu beenden. Die Dinge werden nirgendwo gut laufen, so scheint die Argumentation zu lauten. Jake fährt das Auto und redet manchmal; sein Verhalten scheint ziemlich beständig zu sein, bis es das nicht mehr ist, bis eine Geste wie ein Fremdkörper aus einem anderen Ich aufkocht. Louisa oder Lucy ist entgegenkommend, eine Quelle des Wissens und der Interessen. Aber manchmal verlangsamt sie sich zu einem Rinnsal, oder sie ist still, und plötzlich ist sie jemand anderes, der dieselbe Person ist, aber vielleicht mit anderen Erinnerungen, anderen Interessen. Manchmal ist sie eine Malerin, manchmal eine Physikerin, manchmal weder noch. Jessie und Jesse sind großartig. Ihre Leistungen und ihre Charaktere sind schwer zu beschreiben. Einer der besten Filme  des Jahres 2020, und ganz sicher der verstörendste, hält sich nicht an gängige Muster, Rhythmen oder Tropen. Er versucht nicht einmal, ein großartiger Film zu sein, er versucht einfach, das Geistesleben des anderen, unsere gesammelten Ich-Konstruktionen, zu sezieren, und zwar mit allen möglichen filmischen Mitteln. Zu sagen, der Film akzeptiere sowohl die Schönheit als auch die Hässlichkeit des Lebens, wäre eine Plattitüde, die der Film selbst ablehnt. Zu sagen, dass „die Liebe alles erobert“, sogar noch mehr. Aber diese falschen Wahrheiten flattern an der Peripherie, Illusionen oder Geister, durchweg willkommen, das Ende ein surreales Schachmatt. Wie erfindet man einen Hoffnungsschimmer?

 

Die Reihe der Golden Anniversaries, die in den jüngsten Jahren erschienen sind, verweisen auf ein Goldenes Zeitalter. Aber nicht alle Preziosen jener Vergangenheit werden vom Rampenlicht erleuchtet. Ich bin sicher, dass nur im Manafonistas-Blog der denkwürdigen CELLAR DOOR SESSIONS gedacht wird.

 
 

 
 

Das Cellar Door ist ein Club, nein, es war von 1964 bis 1981 ein Musikclub mit 163 Plätzen in der 34th und M Street NW in Washington, D.C. Er befand sich an der Stelle eines ehemaligen Musikclubs namens The Shadows. Klein, nur ein wenig größer als der Saal des Textilmuseums zu Helmbrechts, war er einer der wichtigsten Musikstandorte in Washington und durchaus ein Laboratorium, Dinge für größere Events auszuloten, wie etwa die Europa-Tournee des Miles-Davis-Septets vom Herbst 1971. Davis war scharf darauf, dass Columbia diese Live-Sets aufnahm, und drängte die Firma, dies an diesen vier Abenden, nur eine Woche vor Weihnachten 1970, zu tun. Geld gab es so gut wie keines für den Gig im Vergleich zu dem, was er von Auftritten in Konzerthallen gewohnt war. Also bezahlte er die Band aus seiner eigenen Tasche.

Wer die Klanghorizonte Oktober 2020 gehört hat, ahnt vielleicht, dass sie der Trigger für diesen Artikel sind, endeten sie doch mit Tönen aus dem Wiener Konzerthaus, erzeugt am 5. November 1971 vom LOST SEPTET – ein Finger auf … nein, nicht eine Wunde, eher auf eine erogene Zone, denn ich war dabei, als die Tournee 1971 startete, und zwar in München im Kongress-Saal des Deutschen Museums am 17. Oktober und in Frankfurt am 18. Oktober.

 
 

 
 

Diese Konzerte gehören zu den eindrucksvollsten und nachhaltigsten Erlebnissen, die ich je in einer Concert Hall hatte. Sicher ist das ein Grund dafür, dass ich die CELLAR DOOR BAND für eine der bedeutendsten Miles-Davis-Groups halte. Mit dieser Meinung bin ich nicht allein. Peter Wießmüller schreibt:

 

Wie kein anderes Ensemble Miles‘ besaß dieses die Fähigkeit, sich wie in einem Trancezustand über 15 oder 20 Minuten in Hochspannung zu halten.

 

Wießmüller war wohl ebenfalls unter den Zuhörern in München. Jedenfalls deutet er das in seiner Monografie über Miles Davis an.

 
 

 
 

Die Cellar Door Band existierte zeitlich etwa in der Mitte jener Periode, die mit In a Silent Way begann und von On The Corner nach chamäleonhaften Wandlungen vollendet wurde – für mich die elektrisierendste Phase des Electric Miles. Die Band spielte am ersten Abend in Quintett-Besetzung.

 
 

Miles Davis

 

Miles ist nicht der coole Miles mit dem melancholisch angehauchten Ton der Kind of Blue Zeiten. Er spielt bevorzugt in extremen Hochlagen, kaum ausgedehnte Melodiephrasen, eher Gesten, die oft nichts anderes als schrille Cries sind, die durch Mark und Bein gehen.

 

This music reveals a truly muscular Miles Davis at the top of his form as an improvisor and as a bandleader with the most intense and nearly mystcal sense of the right place-the right time-the right lineup.

Thom Jurek

 

Gary Bartz

 

Gary Bartz am Alt- und Sopransaxophon war neu in der Band. Er löste Steve Grossman ab, der am 13. August diesen Jahres im Alter von 69 Jahren verstorben ist. Bartz ist in Hochform. Seine mit langem Atem gespielten atemlosen Soli sind nie langatmig, sind reich an bewundernswerten melodischen Einfällen, frei von routinierten Floskeln. Sein Spiel ist der Counterpoint zu Miles‘ prägnanten Kürzeln.

 
 

Keith Jarrett

 

Keith ist der alleinige (!) Keyboarder nach dem Weggang von Chick Corea – eine bemerkenswerte Premiere in der Elektro-Ära des Miles Davis mit offensichtlich weitreichenden Konsequenzen für die Musikgeschichte. Bei den Cellar Door Sessions gibt es gegen Ende eines Sets immer einen als Improvisation bezeichneten Part. Hier hat Jarrett alle Hände und Ideen frei. Ich bin mir sicher, dass in diesen Momenten der Solopiano-Player Jarrett ausgebrütet wurde. Der Improvisation schließt sich immer Inamorata an, Titelnamen, die so nur bei den Cellar Door Sessions vorkommen. Michas Ausklang der letzten Klanghorizonte brachte genau diese Paarung, welche bei den Konzerten der Europa-Tournee 1971 immer den Namen Funky Tonk führte.

Jarrett mochte die elektrischen Tasteninstrumente nicht. Ich kann das gut verstehen. Wer nur einmal eine einzige Taste an einem Konzertflügel der Extraklasse angeschlagen hat und dem Ton nachlauschte, weiß, dass dieser Reichtum an Obertönen, die vielfältigen Nuancen beim Verklingen keinem elektrischen Instrument zu Gebote stehen. Nur passte ein Steinway-Flügel seit In A Silent Way einfach nicht mehr in eine Miles Davis Band. Jarrett hatte die Wahl zu treffen zwischen ’Akustischem Klavier‘ & ’Member of the Miles Davis Group’.

Keith hat das E-Piano verändert und das E-Piano hat Keith verändert, wenigstens für die kurze Zeit als einziger Keyboarder bei Miles Davis. Bei Jarrett klingt das Fender-Piano nur selten keimfrei rein, sondern richtig dirty, er entlockt dem Instrument mit zügelloser Lust ungewöhnliche Klangfarben, wie der Orgel zu Ottobeuren. Ach ja, eine Fender-Orgel bediente er zugleich mit dem Piano. Ich war wunderbar schockiert, als ich ihm in München zwar nicht zum ersten Mal zuhörte, aber zum ersten Mal zuschaute, wie er seine Ideen, seine Musik in die Tasten tanzte – nicht Jedermanns Geschmack, aber ganz nach meinem Gusto. Jarretts abartige, abstruse Phantastik – ausschließlich positiv zu konnotieren – macht diese von Miles‘ elektrischen Bands zur aufregendsten.

 
 

Michael Henderson

 

Der 19-jährige Bassist Michael Henderson – frisch aus der Band von Stevie Wonder geklaut – kam als Ersatz für Dave Holland. Noch vor den Cellar Door Sessions wirkte er mit bei A Tribute to Jack Johnson. Während Jarrett seinen Veitstanz aufführte, stand Michael Henderson wie eine Statue hinter dem E-Bass – und so spielte er auch. Er war der unerschütterliche Anker in der von Jarrett & DeJohnette entfachten Polyrhythmik.

 
 

Michael Henderson’s electric bass appears and disappears. When present, he dominates proceedings. He arrives like a strict father who has come to control the children. As he stands firm, the others run circles around him, playing dangerously while knowing he will protect them at all times. Laced with fuzz and wah-wah, Henderson plays grooves which in the absence of any obvious melodies, become the focal point of the compositions.

John Marley

 

Jack DeJohnette

 

Es gibt nicht viel zu sagen über ihn, er war ein Anheizer sondergleichen und schon zu Zeiten des Charles-Lloyd-Quartets ein musikalischer Partner von Keith Jarrett.

 
 

Airto Moreira

 

Er stieß erst am zweiten Abend zur Band und brachte mit Cuica, Woodblocks und mit seiner Stimme eine dezente brasilianische Duftnote ein. Man muss oft gut aufpassen, um ihn neben DeJohnettes fulminantem Spiel nicht zu überhören.

 
 

John McLaughlin

 

Er gesellt sich am letzten, dem vierten Abend zur Band. Obwohl er schon bei In A Silent Way und Bitches Brew mit Miles Davis spielte, ist er doch eher Gastmusiker bei diesen Sessions. Ich persönlich werde bei einigen seiner Beiträge nicht recht warm. Aber ausgerechnet jene Stücke der Cellar Door Sessions, die Eingang in das Album LIVE-EVIL fanden, stammen vom letzten Abend, sie sind vorzüglich.

 
 

 
 

Nach den Cellar Door Sessions verließen Jack DeJohnette und Airto Moreira die Band, McLaughlin sowieso, denn er gehörte eigentlich nicht dazu. Für die Europa-Tournee 1971 holte Miles Davis den Drummer Ndugu Leon Chancler sowie die beiden Percussionisten Charles Don Alias und James Mtume Forman in die Band. Mir gefällt diese Rhythmusmaschine besser, spielt doch Chancler etwas luftiger als DeJohnette, und die Percussionisten bringen afro-kubanisches Flair ein. Mtume ist hinreißend, z.B. in dieser Version von Funky Tonk alias Improvisation / Inamorata aus dem Copenhagen Concert vom 8. November 1971.

So verloren, wie der Albumtitel LOST SEPTET es suggeriert, ist das Septett nicht. Es existieren lediglich keine von Columbia CBS verantworteten Live Mitschnitte, Studioaufnahmen schon gar nicht. Es gibt aber zahlreiche Rundfunkmitschnitte, die bei Youtube leicht zu finden sind. Die kürzlich erschienene CD – Micha hat sie vorgestellt – enthält den Mitschnitt des Österreichischen Rundfunks aus dem Wiener Konzerthaus vom 5. November 1971. Aber schon das 4-CD-Album Miles Davis – At Newport 1955-1975 (The Bootleg Series Vol. 4) – erschienen 2015 – enthält das Konzert von Zürich/Dietikon (22. Oktober 1971). Der Albumtitel ist irreführend. Allzuleicht vermutet man, ausschließlich Aufnahmen vom Newport Festival auf Rhode Island vorzufinden. Nicht entgehen lassen sollte man sich den TV-Mitschnitt vom 9. November 1971 aus Oslo. Einen Tag später spielte Keith Jarrett seine Improvisationen ohne die Miles Davis Clique – aufgenommen von Jan Erik Kongshaug im Arne Bendiksen Studio, Oslo. Das Ergebnis: FACING YOU

 
 
Nach viel zu langer Pause möchte ich nun endlich meine angefangene Asmus-Tietchens-Werkschau fortsetzen.

In die Nacht ist das dritte Album, das Tietchens für Sky Records eingespielt hat. Erschienen ist es 1982 in einer Auflage von 1000 Stück. Das Instrumentarium ist dasselbe wie auf den Vorgängern, auch die Akustik des Albums ist wieder seltsam verhangen und künstlich, was am verwendeten Hallgerät liegt. Auch das aus Anagrammen des Namens seines geistigen Vaters bestehende Zeitzeichenorchester war wieder mit von der Partie, das Cover lag in der bewährten Hand von „Tina Tuschemess“. Ein Foto im Innencover der Platte zeigt, dass im Audiplex-Studio von „Rokko Ekbek“, wo die Scheibe eingespielt wurde, bereits ein Fairlight vorhanden war, aber der kam hier noch nicht zum Einsatz. Tietchens wollte offenkundig den Seriencharakter nicht durch allzu abweichende Klänge zerstören.

Das Album ist noch auf Wunsch des damaligen Sky-Inhabers Günter Körber entstanden und setzte Tietchens unter Zeitdruck — „aus vertriebspolitischen Gründen“. Tietchens lief daraufhin nach eigener Aussage in eine ästhetische Falle, denn die von den beiden Vorgängern gewohnten kurzen Stücke hätte er nicht innerhalb des gegebenen Zeitrahmens anfertigen können, und so entschied er sich dafür, eine kleinere Anzahl längerer Stücke einzuspielen, ergänzt um einige kurze Stücke, die von den vorigen Alben noch übriggeblieben waren.

Nicht allen Stücken ist das gut bekommen, das Album weist einige Längen auf. Langweilig wird es trotzdem nicht; Tietchens scheinen sie mehr zu stören als mich. Deutlich wird aber durch die längeren Teile das Konstruktionsprinzip: Die Stücke, davon bin ich überzeugt, sind zunächst in grafischer Form entstanden, um dann der Skizze folgend abschnittsweise aufgenommen werden zu können. Und die Stücke sind auskomponiert, Tietchens hat sich bewusst Rhythmen, Melodien und Harmonien einfallen lassen. Das ist hervorzuheben, denn das blieb nicht immer so. In die Nacht ist ein unterhaltsames Album geworden, poppig, angenehm schräg, manchmal schroff, einige Melodiefetzen haben dennoch Ohrwurmcharakter. Und rechtzeitig fertig geworden ist es auch.

Tietchens hat aus dem Album die Konsequenz gezogen, sich künftig nicht mehr unter Zeitdruck setzen lassen zu wollen.
 
 

 
 
Die Original-LP ist natürlich längst verschollen. Das Bremer Label Die Stadt hat das Album 2004 als CD wiederveröffentlicht, ergänzt um insgesamt fünf Bonsutracks. „Aus dem Tag“, das ursprünglich die LP eröffnen sollte, aber dann weggelassen wurde, eröffnet jetzt wie vorgesehen die Reise, am Ende stehen drei weitere (kurze) Stücke, die Körber seinerzeit als „zu experimentell“ ansah. Darüber ließe sich streiten; ich finde sie durchaus passend — das letzte der drei, „Lebende Regler“ schließt den Kreis zu „Aus dem Tag“ mit unverständlichem Gemurmel. Bureau B wiederveröffentlichte das Album 2013 als CD und LP, jedoch ohne Bonustracks.
 
 
Asmus Tietchens: In die Nacht
– Sky Records 077 (LP)
– Die Stadt DS 72 (CD)
– Bureau B BB 143 (LP und CD)
 

Gestern Abend traten im Kulturzentrum der Haupstadt TänzerInnen aus Spanien, Luxemburg, Italien und Deutschland auf. Bei diesem alljährlich stattfindenden Event können sie einen Preis für Tanz bzw. Choreographie  gewinnen.

Es ist immer wieder spannend, sich auf die Hochzeit von Musik und Tanz einzulassen. Ich war sehr auf die ausgewählte Musik gespannt.

Die Sicherheitsvorkehrungen waren streng, es wurde auch vor Eintritt Fieber gemessen.

Der erste Tänzer ließ sicher gleich die Temperaturen ansteigen. Er kam auf  Roller Skates auf die karge Bühne, ein viereckiges weißes Tuchquadrat war seine Spielwiese. Er trug zunächst noch ein Jäckchen, einen Bolero. Und die Musik von Maurice Ravel hatte er sich dazu ausgesucht. Seiner Hommage an Ravel konnte man lustvoll zusehen, Mit einem Flamenco Verve warf er sein Jäckchen weg und ließ die Rippen spielen. Der junge Luxemburger beherrschte den Michael Jackson „Zuck“ genauso perfekt wie den Torrero „Lock“. Er zeigte Breakdance Können und Street Vibe Dance vom Zackigsten Die Abfolge seiner Choreografien war tänzerisch attraktiv inszeniert und zum Schluss hin buchstäblich schnell getanzt bis zum Umfallen. Und das auf Roller Skates!

Die etwas 60 Zuschauer waren begeistert.

 

Beim zweiten Auftritt sah man auf der Bühne ein sich bewegendes Knäuel. Nur zögernd lösten sich die beiden Tänzerinnen aus Berlin. Wie in einer Picasso’schen „Der Kuss“- Pose hielten sie sich eine Weile eng umschlungen.  Wie eineiige Zwillinge tanzten sie parallel genauestens, ihre Erotikausstrahlung durch ihre Bewegungen also im Doppelpack, ihre außergewöhnlich leicht erscheinende Akrobatik bewundernswert. Sie nennen ihr Stück „Ode to Phanes“ (Phanes ist der Urgott, der aus dem Welten Ei schlüpft).

Ihre Choreografin sollte man sich merken. Alma Edelstein hat wunderbare Musik für die beiden Tänzerinnen ausgewählt. Zum einen von Johann Johannsson „Heptaped B“ und zum anderen von Max Cooper „Order from Chaos“.

 

“The ocean

The warm grey sea

Tell me or kick me or please believe“

 

Dieser Song ist auf der LP Horses in the Sky (Track 2) zu finden und heißt: „Mountains Made Of Steam“. Von A. Silver Mt. Zion (kanadische Postrock Band).

Dieses Tanzstück erschließt sich über die Musik. Zunächst flitzen zwei Tänzer aus Spanien in Alltagskleider über die Bühne. Sie machen einen tollpatschigen Don Quichote Eindruck, der eine hält einen glitzernden Kompass in der Hand, ein Telefon klingelt, was suchen die Beiden? Kann man zwischen sich suchen und finden? Ups, der Kompass geht verloren. Und die ganze Zeit tanzen die beiden suchend sich wälzend, breakdanceartig auf der Bühne.

Wir sind auf El Hierro. Unten „the grey Ocean“ und oben die „Mountains made of Steam.“

 

Musik: Chip Taylor „ On the Radio“

“And on the radio we heard: November Rain.“

Chip Taylor gibt es schon lange. Unvergessen sein „Wild thing“. The Troggs sangen es. Jimi Hendrix noch besser. Die Country Kenner lieben seinen Song: Sweet Dream Woman Waylon Jennings singt ihn am besten.

Und nun zu der Italienerin, die zu dieser Musik tanzt.  Sie liegt zuckend am Boden, anfallartig versucht sie, ihr Nervensystem unter Kontrolle zu bringen. Langsam schafft sie es, sich aufzurichten. Sie zieht ihr Jackett aus, darunter durchsichtige Haut. Entpuppt sie sich? Schlüpft sie aus ihrem Kokon und wird gleich fliegen wie ein Schmetterling? Zumindest wird ihr Tanz jetzt zum klassischen Ballett mit wunderschönen Pirouetten. Sie gleitet elegant wie ein Klimt Gemälde über die Bühne. Ihr Tanzstück „Crisalide“ hat mir am besten gefallen. Und nicht nur wegen Country ;)

Wenn beim Ausgang nochmal Fieber gemessen worden wäre, ich bin sicher, da wären einige „Fälle“ darunter gewesen.

2020 22 Okt.

Ein Schmitz-Witz

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Lange nachdem die ersten Amerikaner den Mond betraten und lange bevor die ganze Welt online ging, war meine hohe Zeit nicht nur die des Radiohörens, sondern auch der Bibliotheksbesuche gewesen. Sie waren wie Wallfahrtsorte eines selbst initierten Bildungshungers, weitab vom Lernzwang jeglicher Schulsysteme: eigene Fragen, freies Spiel. Erfahrungen mit Meditation und langen Wanderungen weckten philosophisches Interesse. Das brachte mir damals auch die Literatur Peter Handkes, die persona Martin Heideggers und die Neue Phänomenologie des Herrmann Schmitz näher. Sein Werk System der Philosophie, zehn Bände, jedes 1000 Seiten umfassend und ein Kilo Gewicht auf die Waage bringend, las ich nahezu komplett, in Teilen mehrmals. Es war wohl, dass ich damals eine neue Art des Lesens für mich entdeckte: „Lesen um des Lesens willen“. Auch auf das Thema „Der Witz“ ging Schmitz in seinem Mammutwerk ein. Einen der von ihm dort erzählten wollte ich beim Mana-Treffen in Stuttgart vortragen, in alerter Runde bei Gregor in der Stube. Ich bekam ihn aber nicht mehr zusammen. Das sei hier nun nachgeholt:

 
 

Nachdem Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betreten hatte, gab er nicht nur den berühmten Satz mit dem Schritt von sich. Ehe er zurück in das „Eagle“-Modul kletterte, machte er eine rätselhafte Bemerkung: „Viel Glück, Mr. Gorsky.“ Jahrzehntelang blieb ungeklärt, was der Astronaut damit gemeint haben könnte. Ein Reporter stellte vor kurzem erneut die Frage an Neil Armstrong und erhielt Antwort. Einmal, als er noch ein kleiner Junge war, spielte Neil mit seinem Bruder Baseball im Garten. Ein Ball landete genau unter dem Schlafzimmerfenster der Nachbarn, Mr. und Mrs. Gorsky. Als Neil sich bückte, um den Ball aufzuheben, hörte er, wie Mrs. Gorsky ihren Gatten anschrie: „Oralen Sex? Du willst oralen Sex? Du kannst dann oralen Sex haben, wenn der Nachbarjunge auf dem Mond rumläuft!“

 

11000 Neuinfektionen. Seit einiger Zeit trifft es auch Menschen, die wir kennen. Bei der ersten Welle konnten wir noch meist die Frage verneinen, und es schien eine Art Sicherheit zu vermitteln, nun nicht mehr, auch der eigene Test könnte positiv sein, aus allen Wolken würde man dann nicht mehr fallen. Wie hiess es in einer anderen Zeit: die Einschläge rücken näher. Ich will hier keine Diskussion anzetteln, auch wenn ich nur den Kopf schütteln kann, wenn Lehrer in Grundschulen angewiesen werden, den Kleinen nicht nahe zu kommen, was nahezu unmöglich ist. Ich kenne da Nahstehende. Gestern kam mir ein Vollpfosten an der Kasse im Edeka eindeutig zu nah, ich bellte ihn kurz an, und er kuschte. Musik hat in meiner Welt sowieso nichts mit Unterhaltung zu tun, nicht mal dann, wenn ich Nancys Lied spiele. Bei uns schrieb mal ein Manafonist mit dem legendären Namen Bob T. Bright von seiner Liebe zu Nancy und Lee, und das Label Light in the Attic bringt bald eine komplette Neuedition ihrer Werke raus. Das sind natürlich Liebhaberprojekte, aber speziell dem Charme von L. Hazelwood und N. Sinatra konnte ich selten widerstehen, und in bestimmten Stunden (die auch mit Kindheit zu tun hatten und Jugend, aber nicht nur) gar nicht – Frankie Boy gehörte für mich weitaus mehr zum Schmalz der Altvorderen. Heute morgen, die goldenen Blätter, die gleissende Sonne, ein letztes Ausatmen des Sommers, und dieser Song: purer, in die Tiefe gehender Eskapismus. Zuweilen findet man in der Fluchtbewegung die Dinge und Klänge, die dringend notwendig sind. Das Album des Monats November ist dann aber doch ein anderes, ohne Flucht, und doch Zeitreise, ein 44 Minuten langer Song – wegen Covid 19 lassen LP- und CD-Fassungen noch etwas auf sich warten. Ich habe die Erlaubnis, den kompletten Text des Songs zu veröffentlichen, in den ich mich gestern habe fallen lassen (aber sowas von!), zusammen mit der Musik. Holy Moly, ist mir das nahe, was Phil Elverum da schrieb und dann sang, in sanftem Bewusstseinsstrom! Und so habe ich heute morgen ein allerseltsamstes Trio von perfekten Liedern für den Tag in dunklen Zeiten. „Indian Summer“, „Microphones in 2020“ – und „Instant Karma“.

2020 20 Okt.

The World´s First Ghost

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The World´s First Ghost

(zur Erinnerung an Jason Molina (1973-2013)

 

Wir hatten nur ein paar Nächte
in seinen letzten paar Monaten im Land.
Ich dachte, er hätte kein Geld,
deshalb kaufte ich eine Kiste mit seinen alten CDs
(keine Ahnung, ob´s half) für den Plattenladen,
in dem ich damals gearbeitet habe.
Es gab diverse aufgedrehte Telefonate
(ne Menge Warron Zevon-Gespräch)
verworfene Pläne für Treffen.
Ein Gig oder zwei, tagsüber schon einige Bier,
und dann solche Geschenke wie ein Feuerwerk,
das Merle Haggard Songbuch,
ein altes Pendleton Shirt
(immer noch nicht getragen – schließlich hatte er fünf sechs …),
ein Lieblings-Gedichtband (Marvin Bell).
Ich hörte von seiner Plattenfirma,
dass er zurück nach Hause musste,
wasauch immer, wohinauchimmer das damals bedeutet hat.
Vielleicht ein Platz, an dem er nicht über sich selbst stürzen würde,
oder wenn, dann mit einer Landung auf weicherem Grund.
Das Land des Nichts-ist-umsonst,
sicherlich nicht Medikamente, und keine Sicherheit.
Er sang Oh Grace!

 

The poem is taken from Will Burn´s collection of poetry “Country Music” (2020). Translation: Martina Weber

Original poem see comment 1.

 

    1. Bob Dylan: Rough and Roady Ways
    2. Tony Allen & Hugh  Masekela: Rejoice
    3. Cyrillus Kreek: The Suspended Harp of Babel
    4. Jon Hassell: Seeing Through Sound
    5. Bill Callahan: Gold Record
    6. Die Wilde Jagd: Haut
    7. The Flaming Lips: American Head
    8. J. Peter Schwalm & Arve Henriksen: Neuzeit
    9. Aquiles Navarro & Tcheser Holmes: Heritage of the Invisible II
    10. Terje Rypdal: Conspiracy
    11. Afel Bocoum: Lindé
    12. Shabaka Hutchings & The Ancestors: We Are Sent Here By History
    13. Belbury Poly: The Gone Away
    14. Eivind Aarset & Jan Bang: Snow Catches on her Eyelashes
    15. Stephan Thelen: World Dialogue
    16. Fiona Apple: Fetch The Bold Cutters
    17. Ian Willilam Craig: Red Sun Through Smoke
    18. Jon Balke: Discourses
    19. Rustin Man: Clockdust
    20. Carla Bley / Steve Swallow / Andy Sheppard: Life Goes On
    21. Wire: Mind Hive
    22. Nat Birchall meets Al Breadwinner: Tradition Disc in Dub
    23. Paradise Cinema: Paradise Cinema

1. Jon Hassell: Vernal Equinox

2. Various Artists: From Brussels with Love 

3. Brian Eno: Film Music 1976-2020

4. Neil Young: Homegrown

 

 

 

 

Damals, 1980, war das, was das Label Crepuscule, und überhaupt in Brüssel ans Tageslicht gelockt wurde, ganz und gar erstaunlich. Ob wir der Stimme von Jeanne Moreau lauschten, Brian Enos verzweigtem Monolog in elektronischem Ambiente, oder Pionieren der Factory-Szene Manchesters: stets fand sich noch eine weitere Abzweigung, ein anderes Gewebe aus europäischem Minimalismus, Wo-bin-ich-Musik, und der Radikalkunst, die unter unförmigen Etiketten wie Post-Punk oder New Wave schubladisiert wurde. Macht nichts, sagten sich Macher, Zeitzeugen, und Archäologen, und setzten nun diesem einmaligen Dokument ein definitives Statement, in dem sie einfach weiter gruben, weiter horchten, weiter den Staub alter Kassetten abschüttelten, und das opus magnum aus Brüssel mit neuen, alten, unerhörten Klängen anreicherten. Und einem  tollen Büchlein.

 

Back then, in 1980, what the Crepuscule label, and Brussels’ uplifting underground,  brought to light was absolutely amazing. Whether we listened to Jeanne Moreau’s voice, Brian Eno’s ramified monologue in an electronic ambience, or pioneers of Manchester’s factory scene, there was always another branch, another fabric of European minimalism, where-am-i-music, and radical art pigeonholed under shapeless labels like post-punk or new wave. Never mind, said the makers, contemporary witnesses and archaeologists, and now they made a definitive statement to this unique document, in which they simply continued to dig, continued to listen, continued to shake off the dust of old tapes, and enriched the opus magnum from Brussels with new, old, outrageous sounds. And a great booklet.

 

Bisher schrieb ich nur eine „preview“ zu dieser Compilation, gestern hörte ich sie zum ersten Mal, warf absichtlich keinen Blick auf die „tracklist“ – und siehe da, die Kunst eines genialen „sequencing“: es machte gar nichts, das mir einige Eno-Stücke  so urvertraut waren, andere seltsam unbekannt. Diese Mischung ist so perfekt geraten, dass man Altes mit neuen Ohren und Neues mit alten Ohren hören kann. Herrlich heterogen, und doch eine einzige Handschrift, erzählt diese „Filmmusik“ einen vollkommen neuen Film. Einen jener „Filme“, bei denen nicht mal Bilder im Kopf entstehen müssen, und deren Narrativ sich vorwiegend sprachlos entfaltet. Film Music: 1076 – 2020 is a wonderful album, and a great example of how good a compilation album can be when care is taken and thought is given to the collection.

 

Kaum jemand ausser Neil Young und David Briggs wird  dieses Album gekannt haben, als es in der Mitte der Siebziger Jahre als „zu privat“ abgelegt wurde. Jetzt tauchte es auf einmal auf, aus seinem immensen Archiv. „This is  folkie Neil on the way to the ditch, sharing the introspective qualities of On The Beach with the vérité nakedness of Tonight’s The Night.“  Bei der einen und anderen social distancing Party, zwischen den Lockdowns, hängte ich zwei kleine Boom-Boxen in den grossen Apfelbaum hier, und dann wollten es alle noch einmal hören, und noch einmal. Irgendwie „homegrown“.

 

5. Terje Rypdal: Terje Rypdal / What Comes After / Whenever I Seem To Be Far Away / Descendre (ECM reissues autumn 2020) 

 

6. Joni Mitchell:  Archives – Volume 1 (The Early Years 1963 – 1967)

 

7. Beverly Glenn-Copeland: Transmissions (The Music of Beverly Glenn-Copeland)

 

8. Hiroshi Yoshimura: Green

 

 

This batch of four cd‘s is nothing less than classic Rypdal: some of his cornerstones from the 70‘s build a road from adventurous beginnings to early classics with a variety of approaches and the most personal sound. Rock‘s ancient riffs meet Free Jazz and Fusion all along a Nordic landscape that knows french horns, violas, terrific trombones and a new kind of classiscism.

 

There are good reasons not to dive deep into the beginnings of Joni – if you want her masterpieces! Then go immediately to Blue, go to Court and Spark, go to Hejira, go to Mingus. Here you find early tape recordings, surprising radio and live performances, insecurities, a brave heart and, for sure, essential steps to open guitar tunings, some songs that would unfold their intricacies in years to come. Here you find raw atmospheres, delicate moods, a young woman fighting for her vision in a folk scene that‘s  a bit obsessed with looking backwards.

 

I never came across the name of Beverly Glenn-Copelland before. But over the years I made some discoveries in the new age world. There have been interesting explorers in the genre that‘s so close to spirituality and the Great Beyond that it can easily be too sacred, too holy moly for agnostics. But then there are artists like Beverly who just follow their vision across most disparate genres, from keyboard fantasies to singalong gospels. If the charm works, all labels are gone.

 

Bei Green geht es nicht um frühe ökologische Klangverkompostung, sondern viel mehr, wie in Yoshimuras gesamtem Werk um shizukesa, was sich nur annäherungsweise als subtiles Konglomerat von Heiterkeit, Gelassenheit, Ruhe und Stille verstehen lässt und seine weiteren darin verborgenen Nuancen sich am besten beim Hören erschließen.“ So sagt es Uli Koch in seiner Reihe „Japanese Jewels“, und nun liegt bei Light in the Attic endlich die Ur-Ausgabe dieses Ambient-Klassikers aus Japan vor. Endlos hörenswert

 


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