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2018 3 Apr

Jazz, A bis Z – Kongreßsaal im Deutschen Museum München

von: Hans-Dieter Klinger Abgelegt unter: Blog | TB | 6 Kommentare

Kongreßsaal – so darf man das seit 1996 nicht mehr schreiben. Duden empfiehlt „Kongresssaal“, lässt aber auch „Kongress-Saal“ zu („Konzert-Saal“ dagegen ist ein orthografischer Fehler). Mir sind drei s in Folge zuwider. Ich bin da nicht allein, wie man auf diesem Ticket aus dem Jahr 1977 erkennen kann.
 
 
 

 
 

Ohne besondere persönliche Gründe gäbe es keinen Anlass, vom KONGRESS-SAAL IM DEUTSCHEN MUSEUM zu berichten. Dieser einst bedeutende Konzertsaal ist – man muss es so sagen – heruntergekommen. Vor wenigen Tagen war ich in München, an einem kühlen sonnigen Frühlingstag. Wir machten einen ausgedehnten Spaziergang, Wege, die ich zur Zeit meines Studiums und die Jahren danach oft gegangen bin: Musikhochschule, Brienner Straße, durch den Hofgarten an der Residenz vorbei, die den Herkulessaal beherbergt. Entlang der Isar gelangt man zum Gasteig, dann sind es nur ein paar Schritte und ich stehe vor den verschlossenen Türen des Kongreßsaals. Wenn ich an diesen Orten vorbei schlendere tauchen Erinnerungen an fantastische Konzerte auf. Den mächtigsten Eindruck hinterließ der Auftritt des Miles-Davis-Septets im Kongreßsaal des Deutschen Museums im Herbst 1971. Am Osterwochende brachte Ö1 den Mitschnitt des Auftritts dieser Band vom 5. November 1971 in Wien – ein weiterer Finger auf … nein, nicht eine Wunde, eher auf eine erogene Zone.
 

Hauptsächlich ging es mir gar nicht um Miles Davis, sondern um Keith Jarrett. Seit ich ihn auf Forest Flower gehört habe, bin ich unheilbar infiziert. Jetzt konnte ich ihn zum ersten Mal live hören, es war atemberaubend, natürlich nicht nur seinetwegen, sondern auch wegen der brachialen Energie, welche das Miles-Davis-Septet verstrahlte. Wir saßen vorne links in der ersten Reihe.
 
 
 

 
 
 

Ein paar Reihen hinter uns waren noch besetzt, dann gähnende Leere. Ich schätze, es waren circa 500 Besucher im Saal, der an die 2500 Plätze bot. Keine fünf Jahre früher habe ich im Kongreßsaal das Dave-Brubeck-Quartet und das Oscar-Peterson-Trio gehört – volles Haus! Vielleicht hatte Miles Davis mit Bitches Brew sein altes Publikum (zumindest in München) verschreckt.
 

Während jener Tournee spielte die Miles-Davis-Group häufig zwei Konzerte an einem Abend, die um 19 und 22 Uhr begannen. Wir hatten Tickets für die 19 Uhr Vorstellung. Nach dem ersten Auftritt kam ein Mitarbeiter des Veranstalters auf die Bühne und bot allen im Saal an, mit der 19 Uhr Eintrittskarte zur 22 Uhr Vorstellung zu kommen. Dafür seien noch deutlich weniger Plätze verkauft worden, das wäre ja ein Affront den Musikern gegenüber. Klar, wir blieben.
 

Ich musste nach beiden Aufführungen noch zurückfahren, bis nach Kronach, und bin wohl gegen 4 Uhr morgens ins Bett gekrochen. Am Vormittag war Schultag. Ich wohnte zur Miete bei einer Familie, deren Sohn Werner – er wurde ein guter Freund von mir – Schüler in der Abiturklasse war. Nachmittags schwärmte ich vom Erlebnis des Vorabends, offenbar eindrücklich. Denn als ich anfügte, das Miles-Davis-Septet spiele diesen Abend zu Frankfurt-Hoechst in der Jahrhunderthalle meinte er, man solle unbedingt dorthin fahren. Ich sei dazu wegen Schlafmangels nicht in der Lage sagte ich und lehnte ab. Werner rief seinen Freund Wolfgang an, der seit ein paar Wochen den Führerschein besaß. Er war bereit zu fahren, ab 18 Uhr – er leistete Zivildienst. Telefonische Kartenreservierung, kurz vor 22 Uhr trafen wir in der Jahrhunderthalle ein.
 

Innerhalb von 30 Stunden dreimal das Miles-Davis-Septet live hören – das muss man erlebt haben! Wolfgang hat uns in meinem VW-Käfer, der 2 Jahre später im Oktober 1973 verendete, sicher chauffiert.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 3. April 2018 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

6 Kommentare

  1. Hans-Dieter Klinger:

    Das Miles-Davis-Septet der Tournee Herbst 1971
    – Miles Davis (tp)
    – Gary Bartz (ss, as)
    – Keith Jarrett (el-p, org)
    – Michael Henderson (el-b)
    – Ndugu Leon Chancler (d)
    – Charles Don Alias (cga, perc)
    – James Mtume Forman (cga, perc)

    Tourneeplan Herbst 1971
    Vor Jahren bin ich auf die Webseite von Peter Losin gelangt: Miles Ahead: A Miles Davis Website. Dort gibt es eine Fülle von Informationen, auch umfangreiche Tourneedaten, z.B. der Jahre 1970-1978. Die Doppel-Konzerte in München und in Frankfurt sind nicht erwähnt. Das Miles Davis Septet spielte nach dem Frankfurter Auftritt noch in Stuttgart (Beethovenhalle oder Liederhalle). Auch dieses Konzert fehlt in der Liste. Da ich mein Ticket nicht aufbewahrt habe, kann ich nur vermuten, wann die Konzerte in München, Frankfurt und Stuttgart stattfanden. Am wahrscheinlichsten erscheinen mir die Tage 17. / 18. / 19. Oktober 1971.

    Selbst der Wikipedia-Eintrag zur Jahrhunderthalle Höchst erwähnt in einer langen Liste nicht den Auftritt der Miles Davis Group. Die Konzerte sind in einem Schwarzen Loch der Musikgeschichte verschwunden.

    Keith Jarrett & ECM
    Als Jarrett in der Band von Miles Davis spielte, hat sich offenbar der Kontakt mit ECM und Manfred Eicher angebahnt. Die erste LP Jarretts bei ECM, Facing You, wurde am Tag nach dem Auftritt des Miles-Davis-Septets am 10. November 1971 in Oslo im Arne Bendiksen Studio eingespielt. Es ist aber nicht die erste Aufnahme Jarretts für ECM. Es ist dies Ruta and Daitya, Recorded at Sunset Studios, Los Angeles, May 1971. Das Miles Davis Sextet war an der West Coast on Tour. Die Percussion Gruppe der Band bildeten Jack DeJohnette und Airto Moreira.

  2. Michael Engelbrecht:

    Na, das ist eine Story. Ich war vom ersten Album an, das mir in die Hände fiel, Fan vom elektrischen Miles der Jahre 1968-1975. mein erstes Album damals (aus dieser Ära) war Miles at the Fillmore, es erschien im November 1970, bei mir landete es später, wenn ich tippen würde, so ungefähr in der Zeit, als du deine drei Miles-Erlebnisse der besonders verdichteten Zeit erlebtest, vielleicht auch erst 1972. Damals begann ja auch das ECM-Abenteuer für mich.

  3. Michael Engelbrecht:

    Während meines Psychologiestudiums in Würzburg gab es bei den Falken, im Theater, und im Omnibus Jazzkonzerte. Dort erlebte gar nicht soooo viele Konzerte zwischen 1975 und 1980:

    Zbigineff Seifert Solo
    Brötzmann Van Hove Bennink
    Jeremy Steig Group
    Zbigineff Namyslowski Group
    Volker Kriegel
    Joachim Kühn

    Ich erlebte in Würzburg kein einziges Konzert von ECM-Künstlern, dazu mussten wir 1976 nach Aschaffenburg fahren, dort spielte Gary Burton mit Pat Metheny und anderen Cracks in seiner Band. Oder nach Frankfurt. Oder nach Nürnberg.

    Zu meine drei intensivsten Konzerterlebnisse zählte der vorletzte Auftritt des amerikanischen Keith Jarrett Quartet in Nürnberg 1976, beim Jazzfestival Ost West. Aber da warst du ja auch:)

  4. Gregor:

    Wunderbare Geschichte. Ich habe Miles erst zwei Jahre vor seinem Tod in Tübingen gesehen. Nur Stehplätze. Vier Stunden vor Einlassbeginn war ich vor den Türen, um in der ersten Reihe stehen zu können. Es ist mir gelungen. Unvergesslich.

  5. Michael Engelbrecht:

    Das Foto vom Auto ist auch Spitze.

  6. wolfgang braunschmidt:

    hans-Dieter, das hast du eindrucksvoll geschildert. Tatsächlich hab ich uns damals nach Frankfurt und zurück gefahren, mit deinem Käfer. Es war immer auch in meiner Erinnerung ein unvergessliches Erlebnis


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