Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: August 2013

2013 24 Aug

Scott auf Sylt

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Einer der grossartigsten Songschreiber und Sänger auf dem Planeten kam vor Tagen auf der Nordseeinsel Sylt an, die allenthalben berühmt ist als Reiseziel flüchtiger, sehr flüchtiger oder auch vom ewigen Sternenstaub geküsster Berühmtheiten. Keine Frage, als diese Information zu mir durchdrang, mit einem Interviewangebot jenseits der Tagesaktualität, liess ich mich von den fernen Bergen locken, und trat die lange Reise in den hohen Norden an. Scott Walker wird hier natürlich nicht so leicht erkannt wie der 86-jährige Rudi Gutendorf, Erfinder des Rudi-Riegels in den Sechzigern, oder andere deutsche Promis aus der Show-, Schauspieler- und Fussballwelt. Und wer weiss schon, dass auch bei wildem Londoner Regen Scotts besonderes äusseres Kennzeichen, neben der ewig schon hageren Gestalt, seine schwarze Sonnenbrille ist, die es an Insider-Kultcharakter fast schon aufnehmen kann mit der Ray-Charles-Sonnenbrille. Ganz in schwarz gekleidet, trafen wir uns zu einem ersten Gespräch am späten Nachmittag am Samoa-Restaurant hinter Rantum. Windschutz (fürs Mikrofon) nützt hier bei starken ablandigen Winden herzlich wenig, aber es ist ja auch ein Exklusivauftrag für eine englische Zeitschrift, die in Zukunft zwölf britischen Legenden, die allesamt die 60 schon überschritten haben, essentielle Aussagen über „kreative Strategien des Songschreibens“ und „Zukunftsorganisation“ entlocken will. Interessanter Auftrag. Ich habe viele Interviews mit Scott W. gelesen, ich liebe den Grossteil seiner Soloalben (bei soviel Schwärze mag „lieben“ ein kühnes Wort sein, doch ich bleibe dabei), speziell „The Drift“ und „Bish Bosch“ zählen für mich zu den einsamen Sternstunden der jüngeren Musikhistorie. Am Strand, und Tags drauf am Roten Kliff, sprachen wir über Paul Celan, Elvis Presley, schwarzen Humor, Zeitreisen, Tony Blair, Eremitenleben, Ego-Illusionen, Schiffbrüchige (es gibt hier einen Friedhof für Schiffbrüchige!), Lieblingsromane der Jugendzeit, Peter Handke (er kam darauf), The Beatles (ich kam darauf), wieso gewisse Musiker schon mit 30 ihr Spätwerk ins Auge fassen, wieso man die letzten Alben von Johnny Cash auch grandios finden kann, wenn man kein Anhänger des Alten Testaments ist, wie manche Filmsequenzen sich in Songpassagen spiegeln etc. – die Zeit verging im dunklen Fluge. Ich sah Scott allerdings öfter schmunzeln und lächeln als ich erwartet hatte. Zum Beispiel beim Eiergrog, den er noch nie getrunken hatte. Am letzten Abend gingen wir in sein Ferienhaus, gar nicht so weit weg von der „Kupferkanne“, einem pitoresk gelegenen Gasthaus, das kulinarisch gern überschätzt wird (der Kaffee aus der eigenen Rösterei ist nicht so beeindruckend), er hatte den Raum mit Meerblick in ein Musikzimmer verwandelt , ich baute das Studiomikrofon auf, und er spielte dann, guitar and vocals only („only“ ist gut, liebe Leserinnen und Leser:)) – und dann ereignet sich  das umwerfendste Erlebnis meiner Musikjournalistenlaufbahn, eine unfassbare, verfremdete, neuartige, Gänsehaut ohne Unterlass produzierende, Version, was sag ich, Neuerfindung, seines Hits „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“. Für die letzte Ausgabe meiner Nachtsendung „Klanghorizonte“, die ja über kurz oder lang mal im Deutschlandfunk stattfinden wird. Etwas anders als in den Märchen geht es am Ende wahrer Geschichten zu, das dürfte eine Binsenweisheit sein.

2013 23 Aug

The Bright Side of Life

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And as we walked
Through the streets of Arklow
Oh the color
Of the day wore on
And our heads
Were filled with poetry
And the morning
A-comin‘ on to dawn

And as we walked
Through the streets of Arklow
And gay perfusion
In god’s green land
And the gypsy’s rode
With their hearts on fire
They say „We love to wander,“
„Lord we love,“
„Lord we love to roam“

And as we walked
Through the streets of Arklow
In a drenching beauty
Rolling back ‚til the day
And I saw your eyes
They was shining, sparkling crystal clear
And our souls were clean
And the grass did grow
And our souls were clean
And the grass did grow
And our souls were clean
And the grass did grow

And as we walked
Through the streets of Arklow

2013 19 Aug

Trumans Trauma

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Truman hatte Pech: ein Crash. Blaulicht. Schrille Töne. Eine Dysbalance mal wieder … Schnell ein Stoßgebet gen Himmel geschickt und dann: Spuren sichern, Scherben sammeln. Überdruß und Zorn überkamen Truman bisweilen, dann las er Existentialistisches und hörte tagelang nur düstere Musik. Doch nach dieser Schrecksekunde suchte er ein Lied mit einer sanften Gegenenergie. Aus seiner Erinnerung tauchte eine in schwungvollem Rhythmus gekleidet Verszeile auf: Drove my chevy to the levee, but the levee was dry. Eine im Uptempo-Beat erzählte Geschichte vom Tag, an dem die Musik starb. Damals in den Achtzigern hatte er das Lied oft im Radio gehört, wenn er mit seinem Käfer über Land fuhr und kleine Fluchten suchte – er fand es allerdings bedenklich, dass die apokalyptische Schwermut dieses Sängers ihn dermassen ansprach. War er selbst todessüchtig, gar todesgetrieben? Gab es den Todestrieb denn überhaupt? Den Song betreffend wollte Truman aber die Wahrheit wissen. Und die Songfakten belegen, dass auch ein amerikanischer Zeitungsjunge nicht seinen besten Tag erwischte an jenem Februarmorgen im Jahre 1959, als er die Nachricht auf der Treppenstufe las: „Buddy Holly, Ritchie Valens and The Big Bopper – killed in a plane crash after a concert!“ Wen wunderts, wenn dann dem genialen Wurf, aus dem Moment heraus den grossen Hit zu landen, oft die Tragödie folgt, dass man mit dem Ruhm nicht fertig wird oder bestenfalls als Crooner eigene Lieder bis ans Ende seiner Tage singt. Truman zumindest wunderte das nicht.

Als die OIC des Dortmunder Max-Planck-Gymnasiums vor einigen Wochen zu einem Klassentreffen zusammenkam, wurde das Jahr 1973, in dem wir unser Abitur machten, wieder sehr lebendig. So brachte unser Klassensprecher sämtliche Abiturarbeiten mit, die vier Jahrzehnte lang in einem Archiv ihr staubiges Dasein gefristet hatten. Die alten, älter gewordenen, Gesichter wiederzusehen, war spannender als ich dachte. Wie eine Hypnosesitzung, in der, auch durch das Hören der einst vertrauten Stimmen, lang verschlossene Räume wie von Geisterhand aufsprangen.

1973 war für mich ein Schlüsseljahr, in meiner Erinnnerung wird es immer das Jahr sein, dem ich eine seltsame, grosse Bedeutung gebe und wahrscheinlich ein Stückweit andichte, denn nichts wirklich Erschütterndes oder Magisches ist damals passiert. Gut, die Liebe war ein Desaster, aber das war damals normal, wenn man nicht schon früh ein Glück fand, das dauern sollte. (Nicht wahr, Horst, nicht wahr, Rainer, nicht wahr, Klaus? Es gab offensichtlich einige Glückspilze.) Skurriles aber gab es 1973 zuhauf, wie das Missverständnis, das mir bei unserer Englischarbeit unterlief. Da setzte ich mich auch bald an den Tisch unseres Klassenlehrers, Dr. Egon W., und ging mit ihm diese alte Hemingwaysche Kurzgeschichte durch.

Aber das eine andere Geschichte. Dem Protagonisten in Stephen Kings jüngstem Roman „Joyland“ ist es anders ergangen, er hat damals, 1973, in seinem fiktiven Leben, Himmel und Hölle erlebt. Ich war ein nie ein grosser Stephen King-Fan, vieles scheint mir zu ausgewalzt, zu sehr nach kalkulierten Mustern gestrickt, doch dieser kleine Roman vom Erwachsenwerden ist ein Juwel: der Grusel wohldosiert, die Figuren lebendig, keine Erkenntnis des Ich-Erzählers kommt grosspurig daher, alles dem Leben, der Liebe und dem Schrecken abgetrotzt.

Aber wie soll jemand, der 1973 (aus welchen Gründen auch immer) als das Ende der Kindheit erlebte, objektiv über einen Roman urteilen, der genau davon erzählt, von 1973 und dem Ende einer Kindheit? Beim Klassentreffen gingen dann noch, vor Mitternacht, Fotos von damals rum, wie wir Abiturienten über den Westenhellweg stromerten, oder uns auf dem Alten Markt entspannt zu Eis und Cola an einen Brunnen setzten. Die Bilder gingen mir seltsam nah. Und einer meiner alten „Klassenkameraden“, mit dem mich privat nie viel verband, erzählte an diesem Abend, so viele Jahre später, eine Geschichte, die ganz kurz war, beiläufig, und ohne Zierat. Die Geschichte wirkte deshalb noch trauriger. Er war auch einer der ersten, der ging, und ich hoffe, es geht ihm gut. Von diesem Klassentreffen (und den Ausflügen der Erinnerung) könnte ich noch ganz viel erzählen, und wenn mir jemand 25000 Euro zahlt, schreibe ich es nieder, auf 200 Seiten. Ehrlich. Die Deadline wäre der 30. März 2014. Es wäre natürlich auch eine Suche nach der verlorenen Zeit. Aber Sie können es preiswerter haben. Lesen Sie „Joyland“! Ein tolles Buch!

2013 17 Aug

Another Self Portrait

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The Bootleg Series Vol. 10

 

Bob Dylans „Self Portrait“ löste im Jahr seines Erscheinens grosses Unverständnis aus. Die „Jünger“ erwarteten von Dylan in Zeiten des Vietnamkrieges andere „Botschaften“ als solch heimatliche Folklorerei. „His Bobness“ hatte sich zeitweise von der geräuschigen Welt zurückgezogen und machte in Familie. Er hatte mindestens einen Hund und tauchte in die Sphären der Lieder ein, mit denen er aufgewachsen war. Ganz spannend ist es, die alten Lieder in ihrer rohen Fassung zu hören, ohne den zarten Schmelz, der ihnen damals als Ornament zugefügt wurde. In der Septemberausgabe von UNCUT kann man unendlich viel zu Dylans neuer Bootleg-Ausgabe lesen. (me)

2013 17 Aug

See You There

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Es war 1967. Glen kämpfte um eine Solokarriere… Melodien flogen ihm zu, in Bruchstücken, wie ausformuliert, die ganze Palette. Er sang sie, er spürte sie, er liess sie voller Unruhe im Hinterkopf. Während eines Frühstücks (er erinnert sich an alles, die Corn Flakes-Schüssel, sein schwarzer Pick-Up vor dem Küchenfenster, das Cover einer Dolly Parton-Schallplatte neben dem Kühlschrank) durchfuhr es ihn, als er John Hartfords „Gentle on My Mind“ im Radio hörte.

Er war sofort mit diesem Lied eins, das von einer verlorenen Liebe erzählte, versammelte die Mitglieder seiner alten Band (Wrecking Ball hiess sie, glaube ich, oder Wrecking Crew), mit der er schon für Elvis gespielt hatte, die Beach Boys, und Frankie Boy. Sie hauten eine raue Version für Capitol Records raus, zwischen den Versen rief Glen den Musikern genaue Anweisungen zu. Der anwesende Produzent verliebte sich in den Song und die improvisierte Aufnahme. Er entfernte Glens Zurufe aus dem Mix, und aus dem souligen Demoband wurde ein Hit.

Nach seiner Alzheimer-Diagnose 2011, gewinnt der Text von „Gentle on My Mind“ über „forgotten words and bonds“ und die trickreichen Verzweigungen der Erinnerung eine andere Schärfe. In einem Interview erzählte seine Frau, dass er trotz seiner aufkommenden Ängste (mitunter vergass er, wo das Badezimmer war), eine enge Verbindung zu seinen alten Songs behielt. Die Musik war, tatsächlich, freundlich zu seinem Geist. Im Studio nahm er sich die alten Stoffe wieder vor, und diese rohen Neugestaltungen all der „alten Hüte“ bilden die Basis des neuen Albums „See You There“. Eine bewegende Aufnahme, Mr. Campbell!

2013 16 Aug

Easy Ed Writes Again

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I like the texts of Easy Ed. He is deeply rooted in Americana, and he’s written wonderful essays, for example, on Neil Young and The Grateful Dead. So, I just stumbled about something he had written about Will Oldham and Dawn McCarthy’s last performance and their approach to late, unknown songs of The Everly Brothers.

Bonnie and Dawn commit murder on the stage at Town Hall

So says Bill Callahan aka Smog, lover of Raymond Chandler, Daniel Woolrich and Dashiel Hammett novels, songwriter and singer of 5-star albums („Apocalypse“, „I Wish We Were An Eagle“, „Red Apple Falls“ and „Knock Knock“). By the way, he speaks about „An Odd Couple“ („Ein seltsames Paar“), starring Jack Lemmon and Walter Matthau. At least two Manafonistas can’t wait to listen to his forthcoming album, „Dream River“.

„Schlagen Sie sich seitwärts. Behalten Sie die wiedererkennbare Methode oder die Methoden in der Hinterhand, für den Fall, dass Krankheit, Mißgeschicke oder Ermüdung Ihnen zu schaffen machen; aber begeben sie sich wieder auf die Wanderung. Erkunden Sie den Raum wie eine Fliege, die durch die Luft schwirrt, wie ein Hirsch, den das Gebell aufschreckt, wie ein Spaziergänger, den die an den komfortablen Plätzen umherstreifenden Wachhunde immer wieder vom gewohnten Weg abbringen. Sehen sie sich Ihr eigenes Elektroenzephalogramm an, das in alle Richtungen ausschlägt und über das Blatt Papier streift. Irren Sie umher wie ein Gedanke, lassen Sie Ihren Blick in alle Richtungen schweifen, improvisieren Sie. Die Improvisation setzt den Gesichtssinn in Erstaunen. Sehen Sie in der Unruhe Reichtum, in der Sicherheit Armut. Verlassen Sie den Gleichgewichtszustand, die sichere Spur des Pfades, streifen Sie über die Wiesen, von denen die Vögel auffliegen. Im Französischen gibt es einen Ausdruck dafür: débrouillez-vous, befreien Sie sich aus dem Gewirr, sehen Sie zu, wie Sie zurechtkommen. Der Ausdruck unterstellt einen verwirrten Strang, eine gewisse Unordnung und jenes vitale Vertrauen in das Unerwartete, das für Naive, Einzelgänger, Verliebte oder Ästheten typisch ist, bei voller Gesundheit.“

 

Der obige Textauszug stammt von Michel Serres, aus seinem Werk Die Fünf Sinne – für mich einst grundlegende, inspirierende Lektüre, um der Psychologie den Rücken zu kehren und die Liebe zur Philosophie zu entdecken – vielleicht auch deshalb, weil philosophische Texte einerseits um Sinnstiftung bemüht sind, ihnen aber auch etwas Spielerisches innewohnt und sich die Philosophie entdecken lässt wie eine Landschaft. So wirkt auch Michel Serres´ Schreibstil: man kann seine Texte auch als Ermutigung zum Selber-Schreiben und Selber-Denken lesen, so wie der Leser ja auch selber wandert und umherschweift, sich Gedanken macht. In tentativen Sätzen und Beschreibungen versuchsweise sich herantastend, offenlassend, andeutend, in einer Mischung aus Klartext und Poetik, fein gewoben und von ganz eigenem ästhetischen Reiz: das ist genau der Stoff, aus dem kontrollierte Ekstasen sind.

1) Marisha Pessl: Die amerikanische Nacht
2) Christopher Brookmyre: Die hohe Kunst des Bankraubs
3) James Meek: Liebe und andere Kalamitäten
4) Dror Mishani: Vermisst
5) Stephen King: Joyland
6) Adrian McKinty: Der katholische Bulle


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