Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2013 14 Aug

Wanderung und Methode

von: Jochen Siemer Abgelegt unter: Blog | TB | Tags: , 2 Kommentare

„Schlagen Sie sich seitwärts. Behalten Sie die wiedererkennbare Methode oder die Methoden in der Hinterhand, für den Fall, dass Krankheit, Mißgeschicke oder Ermüdung Ihnen zu schaffen machen; aber begeben sie sich wieder auf die Wanderung. Erkunden Sie den Raum wie eine Fliege, die durch die Luft schwirrt, wie ein Hirsch, den das Gebell aufschreckt, wie ein Spaziergänger, den die an den komfortablen Plätzen umherstreifenden Wachhunde immer wieder vom gewohnten Weg abbringen. Sehen sie sich Ihr eigenes Elektroenzephalogramm an, das in alle Richtungen ausschlägt und über das Blatt Papier streift. Irren Sie umher wie ein Gedanke, lassen Sie Ihren Blick in alle Richtungen schweifen, improvisieren Sie. Die Improvisation setzt den Gesichtssinn in Erstaunen. Sehen Sie in der Unruhe Reichtum, in der Sicherheit Armut. Verlassen Sie den Gleichgewichtszustand, die sichere Spur des Pfades, streifen Sie über die Wiesen, von denen die Vögel auffliegen. Im Französischen gibt es einen Ausdruck dafür: débrouillez-vous, befreien Sie sich aus dem Gewirr, sehen Sie zu, wie Sie zurechtkommen. Der Ausdruck unterstellt einen verwirrten Strang, eine gewisse Unordnung und jenes vitale Vertrauen in das Unerwartete, das für Naive, Einzelgänger, Verliebte oder Ästheten typisch ist, bei voller Gesundheit.“

 

Der obige Textauszug stammt von Michel Serres, aus seinem Werk Die Fünf Sinne – für mich einst grundlegende, inspirierende Lektüre, um der Psychologie den Rücken zu kehren und die Liebe zur Philosophie zu entdecken – vielleicht auch deshalb, weil philosophische Texte einerseits um Sinnstiftung bemüht sind, ihnen aber auch etwas Spielerisches innewohnt und sich die Philosophie entdecken lässt wie eine Landschaft. So wirkt auch Michel Serres´ Schreibstil: man kann seine Texte auch als Ermutigung zum Selber-Schreiben und Selber-Denken lesen, so wie der Leser ja auch selber wandert und umherschweift, sich Gedanken macht. In tentativen Sätzen und Beschreibungen versuchsweise sich herantastend, offenlassend, andeutend, in einer Mischung aus Klartext und Poetik, fein gewoben und von ganz eigenem ästhetischen Reiz: das ist genau der Stoff, aus dem kontrollierte Ekstasen sind.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 14. August 2013 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

2 Kommentare

  1. Jochen:

    „Wanderung und Methode“ wäre der passende Ausdruck für ein fruchtbares Konzept, mit dem man Zufall und Planung kombiniert. Auch in der Musik findet sich ja dieses Wechselspiel aus freien Improvisationen und strukturgebundenen Regeln. Von welchem Musiker hörte ich neulich das beflügelnde Wort, man könne eigentlich spielen, was man wolle, man müsse nur punktgenau zurückkehren?

  2. Michael Engelbrecht:

    Robert Pirsig plädiert für ganz Ähnliches in seinem exzellenten „Zen und Motorrad“-Buch. Er nennt es „lateralen Drift“. Ich streife gerade durch bergige Anhöhen in einem anderen Land, lasse den Klang der Namen der Dörfer entscheiden, wohin ich mich aufmache. Brian Eno nennt, in dem langen Interview mit seiner Tochter, „Urlaub“ als Form von „Surrender“, er meint natürlich nicht den durchgeplanten Urlaub, sondern den, der sich auf das Fremde einlässt, auch auf das Fremde im Vertrauten. Das funktioniert in der Steiermark (haha!) so gut wie auf Sumatra, oder in Nordindien. Zu meiner Art von „surrender“ gehört es, in diesen Tagen keine Reiseaufzeichnungen zu schreiben, keine Fotos zu machen, und mich nur ganz dem Augenblick zu widmen, mit all seinen Abzweigungen. Und nur „Veedon Fleece“ hören im Auto, das hat was!!!! Meine Woche mit Van Morrison, alleine zu zweit. Ich versinke mehr und mehr in den Melodien und Texten, am Ende der Woche singe ich diese Lieder leise mit der zweiten Stimme mit.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz