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2019 16 Okt

Gregor öffnet seinen Platten- und Bücherschrank (201)

von: Gregor Mundt Filed under: Blog | TB | Tags:  16 Comments

Auf den Spuren der Obstdiebin – Eine herbstliche Reise in die Picardie
 
 

 

Und noch eins: für Zwischenzeiten sorgen, möglichst viele. Wie habe ich jedesmal aufgeatmet, und ruhiger geatmet, sooft eine dramatische Geschichte unterbrochen wurde mit einem „in der Zwischenzeit“. Die Zwischenzeiten, sie stehen in deiner Macht. Daß du sie dir nicht nehmen läßt! In den Zwischenzeiten, auf den Zwischenstrecken, da geschieht´s, da ereignet es sich, da wird’s, da ist´s. Suchen, innehalten, rufen, rennen, die Wälder, die kleinsten, vor allem die, durchstöbern, die Hauptstraßen, die Städte, die Weiler, vor allem die, peinlich in Augenschein nehmen, ja. Aber in der Zwischenzeit den Weg hinter den Gärten zu nehmen, das kann nicht schaden.

 

 

Das war an der Regionalbahnstation Saint-Christophe von Cergy, gedacht wohl als Zentrum der Zentren der Neuen Stadt, als Name jener der längst verschwundenen Kirche da, gewidmet dem einstigen Ortsheiligen, dem Christophorus, dem Fährmann, der einst auf seinem Rücken das Kind Christus, das dabei schwer und schwerer wurde, nachts über einen Fluß getragen hatte, über alle Flüsse, und so auch hier über den Fluß Oise. An der Stelle der Kirche Saint-Christophe steht nun, was das Wahrzeichen der Neuen Stadt sein soll, ein Stahlgerüst in Gestalt einer mindestens kirchturmhohen Arkade, unter die eine monumentale (Durchmesser zwölf? Sechszehn Meter – nachzuschauen im Internet) stählerne, im Raum zwischen den Speichen allerdings den Blick hinauf in den freien Himmel durchlassende Uhr angebracht ist, mit römischen Ziffern, von I bis XII.

 

 

Die Abteile hatten sich zwar nicht geleert, aber viele Plätze waren frei, und man konnte, weg von der engen Treppe, für sich sitzen, im Abstand zu den spärlich gewordenen anderen. Wir saßen? Wir lasen? Wir schauten aus den Zugfenstern? Wir seufzten? Nichts von gleichwelchem „wir“. Kein „wir“ mehr heute. “No Milk today, my love has gone away“? …

Hell war es zusehens geworden in den Abteilen, die offen ineinander übergingen, bis zum ersten Wagen vorn an der Lokomotive, wo ich saß mit dem Rücken zur Fahrt, bis zum letzten hinten, wo sich hinter der Glastür die Gleise wegspulten; hell von der nach Pontoise, und spürbarer noch, nach Osny und Bossy I´Aillerie, von Mal zu Mal weniger besiedelten, da und dort, wie auf Restflächen, kultivierten, mehr und mehr aber wie verwilderten Landschaft – die Strecke führte flußauf durch das Auental der Viosne _; hell von den, Halt für Halt, sich vergrößernden Leerräumen im Zug, die mich an weiße Stellen auf – nur den alten? – Landkarten denken ließen; …

 

 

Und gleich wieder ausgestiegen, an der in jeder Hinsicht unvergleichlichen Haltestelle von Lavilletertre, fern vom weder sicht- noch hörbaren Dorf. … Als einziger ausgestiegen, glaubte ich mich an der Station allein. Ein tiefes Ein- und Ausatmen, mehrmals. Da stand es wieder, das ehemalige Bahnhäuschen, längst geschlossen, und verrammelt. Immerhin war es frisch gestrichen, und würde vielleicht eines Tages neu geöffnet, nur: für wen? Keinen Schalter gab es mehr. Hatte es vielleicht nie einen gegeben? Aber auch kein Fahrkartenautomat irgendwo – eine der Unvergleichlichkeiten des Zughalts von Lavilletertre.

 

 

Weg von der Tierwelt. Heim in die Zivilisation, brav den regulierten Fluß entlang in die Stadt. Wie hieß doch das Lied aus dem anderen Jahrhundert, gesungen von Petula Clark für Amerika und darüber hinaus in die Welt “Downtown“. Ob freillich Chaumont-en-Vexin etwas wie eine Downtown hatte? Außerdem war sie, als Obstdiebin, in einer “Downtown“ nicht am Platz, war da nie am Platz gewesen, hatte sich, vor allem, da nie erwünscht gefühlt. Und wie tat es ihr not, wie bedürftig war sie, wie sehnte sie sich danach, sich endlich wo erwünscht zu finden. Wie im übrigen “downtown“ übersetzen? Mit “Innenstadt“? Nein. Downtown war unübersetzbar. (Noch so eine Unübersetzbarkeit.)

 

 

Es ist noch früh, lang vor dem Abend. Trotzdem sollten die Obstdiebin und ihr Begleiter allmählich aufbrechen. Sie sind aber immer noch in Chars, und zwar wieder in einem Lokal, dem Kebab-vis-à-vis dem “Cafe de l´Univers“. Wie das? Aus Entdeckerlust. Aus Forschungsgeist. Erforschen und entdecken in einer Bude an der Durchfahrtsstraße?

 

 

Zwar war das die Straße, die nach Dieppe an den Atlantik führte und auch so hieß, „Route de Dieppe“. Aber erst einmal war es zum Meer noch weit, gut hundert Kilometer nordwestwärts. Und außerdem: jetzt nur kein Meer, nur von hier nicht weg ans Meer. Hier ist es. Da spielt es sich ab, hier und jetzt im Landesinnern. Wahr: die „Route de Dieppe“, die Departementalstraße 915, nachdem sie die Ile-de-France verlassen hat, auf ihrem Teilstück quer durch den westlichen Zipfel der Picardie bis zum Übergang in die Normandie, Dieppe als Endpunkt, hat dazu den Beinamen „Route du Blues“, und beginnt gleich oben auf dem Vexinplateau, kurz nach der Ortsausfahrt von Chars, eine amerikanische Meile und soundso viele russische Werst vor dem Dorf Bouconvillers, wo vor dem Wirtshaus “Cheval Blanc“, am Rand der „Route du Blues“, zur Mittagszeit, ungefähr auf halben Weg zwischen Paris und dem Meer, ein Laster hinter dem anderen parkt.

Und zuletzt blieben wir stehen und äugten in dem einzelnen, anscheinend leeren Quittenbaum an einem der Vexindorfränder nach der einen Frucht, und da war sie, da wölbte sich aus der Laubfläche ein Körper, ein Fruchtkörper, ein einzelner, der einzige.
 
 
 
 

 
 
Ich gratuliere Peter Handke zum Literaturnobelpreis.

Alle Zitate aus: Peter Handke – Die Obstdiebin, Berlin 2017.

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16 Comments

  1. Lajla:

    Gregor: „Was schreit auf den Bänken, und faßt mich an gegen meinen Willen, und rumpelt und kracht, und tobt und brüllt, und tost und lärmt, dass es schon lang nicht mehr schön ist?“

    Ich: „?“

    Gregor: „Die Menschheit.“

    (aus: „Immer noch Sturm“)

    Gregor, es muss eine wunderbare Reise gewesen sein, ich wäre gern dabeigewesen. Wichtig, dass du gerade jetzt aus Die Obstdiebin zitierst.

  2. Uli Koch:

    Mich hat es schon sehr fasziniert, als Du uns erzählt hast, Gregor, dass Du „dem Buch nachgereist bist“. Durch Deine Textzitate zu den Bildern entsteht jetzt noch einmal ein ganz neuer Erlebniszusammenhang, wie Deine Reise das Lesen beeinflusst hat und umgekehrt das Lesen das Erleben auf der Reise.

    Dadurch entsteht etwas ganz Neues, quasi Parareales. Wie schön!

  3. Jochen:

    Ja, das Zusammenspiel der Fotos und literarischen Ortsbeschreibungen ist klasse.

    Ich gratuliere zur Reise, Gregor.

  4. Gregor:

    Wim Wenders schreibt Peter Handke:

    Peter Handke, Nobelpreisträger
    Wer sonst?
    Wer sonst hat die Sprache so ernst genommen
    als seine Lebensaufgabe?
    Wer sonst hat sie uns dabei immer
    als unser Eigenstes ans Herz gelegt?
    Wer sonst hat das Gewicht der Welt getragen
    mit nichts als dem Vertrauen in die Worte?
    Wer sonst ist sich selbst so treu geblieben,
    mit jedem neuen Buch, und hat dabei so viel gewagt?
    Wer sonst hat uns Natur so liebevoll beschrieben
    daß wir sie mit neuen Augen sehen konnten?
    Wer sonst als Du, Peter?
    Wann habe ich mich je für einen anderen so gefreut
    als heute für Dich!
     
    Dein Wim

  5. Michael Engelbrecht:

    https://taz.de/Kritik-an-Nobelpreis-fuer-Peter-Handke/!5629663/

    Amnesie eines Autors

    Liebe TAZ,

    Amnesie ist hier der falsche Ausdruck. Ansonsten ein gut recherchierter Artikel, der bei denen, die gerne ihre Meister suchen, die üblichen Verdrängungen produziert, durch Zitatenklauberei, Polemik, oder Schweigen.

  6. Gregor:

    Bis heute Nachmittag waren hier noch Blätter einer Arbeit von Michael zu lesen und mehrere Kommentare. Leider alles gelöscht. Ein Kommentator namens Karsten hat auf einen Artikel aufmerksam gemacht, der differenziert mit der „Handke-Auseinander-setzung“ umgeht. Leider hatte ich vorhin keine Zeit auf das „Hier“ und dem dahinter stehenden Link zu klicken, jetzt ist es spät. Vielleicht hat ein Leser diesen Link noch und kann ihn hier absetzen? Ich würde den Artikel gerne lesen.

  7. Michael Engelbrecht:

    Ich erinnere daran, dass jeder mit seinem eignen Artikel verfahren kann wie er will. Immer über Dritte, Gregor, so unfähig, die direkte Auseinandersetzung mit mir zu proben?! Und immer schön den eigenen Zuspruch sichern?! Eindrucksvoll. Chapeau!

  8. Karsten:

    Hier nochmal der Link zum Artikel

    Das gelegentliche Verschwinden von Kommentaren (nicht Spam) oder ganzen Diskussionen irritiert mich auch immer. Aber wenn man mal weiß, dass das hier so Usus ist, hängt man sein Herz halt nicht dran.

    Es bleibt ja immer noch sehr viel Anregendes übrig – eindrückliche Reiseberichte und Musikgeschichten z.B. …

  9. Tijan Zila, TAZ:

    „Ich bin ein Schriftsteller, ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes. Lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen“, quengelte Handke am Dienstag, bevor er vor Journalisten floh; die Fragen nach seiner jahrelangen Bagatellisierung eines Völkermords hatten ihn überfordert.

    Seine zwei Sätze sind gleichermaßen Geständnis wie ­brutaler Nonsens: Handke kommt bestimmt nicht von Homer, den Heraklit, dieser Schutzheilige der Bellizisten, hasste, da er sich für die Menschheit Harmonie wünschte statt Kampf und Zwietracht. Von Tolstoi kann Handke auch nicht kommen, denn Tolstoi war ein Pazifist von solcher Strenge, dass er sich lieber hätte henken lassen als, wie Handke, Zeit mit Menschen zu verbringen, die unter Verdacht stehen, einen Völkermord organisiert zu haben, an seiner Durchführung unmittelbar beteiligt gewesen zu sein. Nein, Handke kommt nicht von Homer, Cervantes oder Tolstoi – sein Problem besteht eben genau darin, dass er nicht weiß, woher er kommt.

    Fragte man Handke früher nach bosnischen Genozid­opfern, giftete er, man solle sich die Betroffenheit in den Arsch stecken – heute rennt er vor derlei Fragen davon und jammert, er sei doch nur Schriftsteller. Stellt man das dem aggressiven Bescheidwissertum gegenüber, mit dem er sich einst an die Seite serbischer Nationalisten stellte und für ihre Sache vorsprach, könnte man glauben: Er ahnt, dass er damit falsch lag. Darum könnte die Aussage, er sei Schriftsteller, ebenso gut lauten: „Ich bin doch nur ein vorlauter Österreicher.“ Es ist die Ausflucht eines Kindes, das etwas angestellt hat und sich der Verantwortung zu entziehen versucht, indem es darüber klagt, den Erwartungen Erwachsener nicht standhalten zu können.

    Aus demselben Grund wird Handke den Nobelpreis selbstverständlich nicht ablehnen, obwohl er 2014 seine Abschaffung forderte. Handke vergleicht sich mit Tolstoi wie 14-Jährige vor einem Ronnie-Coleman-Poster posieren, doch Lautstärke und Rückgrat gehen nicht immer Hand in Hand: Er blökte, als man ihn ließ, und nun, wo er zum ersten Mal auf erbitterten Widerstand stößt, versteckt er sich. Zum Zeitpunkt des Erscheinens solcher Bücher wie „Winterliche Reise“ sah er sich nur mit höflichen Problematisierungen konfrontiert – heute ist es der Zorn bosnischer Diaspora.

    Aus Bosnien stammende Autor*innen kritisieren die Entscheidung des Nobelpreiskomitees aus einer Vielzahl von Ländern, in einer ebensolchen Vielzahl von Sprachen: Faruk Šehić in der Muttersprache, Aleksandar Hemon auf Englisch, Alen Mešković auf Dänisch, Buchpreisträger Saša Stanišić und ich auf Deutsch, um nur wenige zu nennen.

    Die bittersüße Ironie der Tatsache, dass genau dieses vom Krieg erschaffene globale Kulturleben Bosniens Handke in solche Bedrängnis bringt, ist ein geringer Trost. Recht offenkundig steht daneben die Erkenntnis, dass der Bosnienkrieg für Westeuropäer in Vergessenheit geraten ist – anders ist Handkes Nobelpreisgewinn jedenfalls nicht zu erklären.

    Eine häufige Bemerkung jener, die Handke weiterhin ohne schlechtes Gewissen lesen möchten, lautet: Sie verstünden ohnehin nicht, worum es bei diesen Kriegen auf dem Balkan gegangen sei, und könnten sich darum voll und ganz auf „die Sprachkunst“ konzen­trieren. Es fällt mir schwer, diesen Menschen zu glauben. Gerade der Krieg in Bosnien war stets Teil deutscher Bericht­erstattung, und es ist kein Zufall, dass ein damaliges Anliegen Handkes die Diskreditierung genau dieser Berichterstattung war, rückte sie doch seiner Meinung nach Serben und Serbien in ein schlechtes Licht. Falls der Einwand aber wahr ist, falls man die neunziger Jahre wirklich ­unter einem Stein verbracht hat: Informiert euch doch. Seit wann rechtfertigt Unmündigkeit irgendetwas?

    Eine weitere Ausflucht lautet, dass es sich bei Handke um einen ambivalenten Autor handle und dass jene, die ihn kritisieren, nicht kunstsinnig genug seien, diese Widersprüchlichkeit auszuhalten. Aber nichts könnte falscher sein.

    Handke unterstützte Kriegsverbrecher, deren Ziel die Vernichtung der Ambivalenz war: Einen multikulturellen Staat wie Bosnien ethnisch zu „säubern“ bedeutete, dass man nicht ausschließlich Mitglieder anderer Ethnien ermordete, sondern auch jene der eigenen, die in Mischehen lebten. Als der Krieg ausbrach, betraf dies in Bosnien übrigens etwa ein Drittel der Bevölkerung, ich gehörte dazu – und lernte mit tatsächlichen, unerträglichen Ambivalenzen zu leben. Etwa damit, dass meine Großmutter Serbin war und aus Belgrad, genau wie viele von denen, die die Berge um Sarajevo besetzt hielten und uns bombardierten.

    Immerhin Folgendes kann ich aber ohne Ambivalenz behaupten: Diese Zeit traumatisierte mich schwer. Etwa drei Jahre nach unserer Flucht, zwei Jahre nach Kriegsende hatte ich die sichtbarsten der Verhaltenszwänge abgelegt: Ich warf mich bei lauten Geräuschen nicht mehr zu Boden; ich konnte zur Schule laufen, ohne mich die ganze Zeit an Wände zu drücken; ohne Schwindel über Kreuzungen. Aber Gedanken an Gewalt konnten sich immer noch verselbstständigen; Furcht und ihre Kinder – Wut, Hass, Paranoia – hatten immer noch Macht über mich: Ich verließ den Unterricht, um eine halbe Stunde lang auf der Toi­lette Selbstgespräche zu führen; ich prügelte mich. Mein Gefühls­leben glich dem eines Reptils.

    Zu dieser Zeit hielt ich mich für den unglücklichsten Menschen in Deutschland – bis ich das Mädchen aus Srebrenica traf. Aus unserer Bekanntschaft wurde nie Freundschaft, das wäre gar nicht gegangen; aber sie erzählte mir dennoch, was man ihr, ihren Schwestern, ihrer Mutter angetan hatte – dass man den Vater gezwungen hatte, es mitanzusehen, bevor man ihn ermordete; man erschoss ihn nicht, man schlug ihn tot – dass man es den Mädchen und der Mutter gemeinsam in einem Raum antat – dass die Mutter zu diesem Zeitpunkt hochschwanger war, das Kind am selben Tag verlor.

    Eine der Sachen, die das Mädchen sagte, war: „Ich sehe keinen Sinn darin zu leben. Leute wollen mir andauernd erklären, wieso es sich lohnt, aber ich kapier’s einfach nicht.“ „Sag doch so was nicht“, protestierte ich, allerdings schwach. „Doch, echt. Der einzige Grund, wieso ich mich nicht umbringe, ist, weil es meine Mutter traurig machen würde.“ Es waren keine unüberlegten Worte – und ich wusste nichts zu erwidern. Sie hatte es mir erzählt, weil ich auch diesen Krieg überlebt hatte, aber ich konnte ihr nicht helfen; ich war defekt; ich war zu nichts nutze.

    Das oft Gesagte gewinnt keine Literaturpreise, aber das darf keine Rolle spielen, wenn das oft Gesagte wahr ist: Wer überlebt, hasst sich dafür und fühlt sich deswegen zutiefst ­schuldig – regelrecht verdammt; wer überlebt, vereinsamt, denn wer überlebt, verliert jedwedes Vertrauen und hat es darum schwer, zu ­lieben oder Freunde zu finden.

    Ich glaube, dass Handkes Schwärmerei für jene, die uns all das angetan haben, authentisch war; er glaubte aufrichtig, dass es sich um anständige Menschen handle. Um ihre Verbrechen zu übersehen, musste er aber seine Seele in einen solchen Panzerschrank sperren, dass heute kaum noch etwas von dem Schriftsteller in ihm übrig ist: Er schreibt nicht ohne Grund über das Sammeln von Pilzen; er rennt nicht ohne Grund weg. Man kann nicht Künstler der Gepanzerten und Bewaffneten sein; Kunst gilt ausschließlich den Nackten. Darum bin ich Schriftsteller. Aber ich komme nicht von Homer, Cervantes oder Tolstoi. Ich komme aus Bosnien.

  10. Michael Engelbrecht:

    Wieviel traurige Wahrheit spricht doch aus dem Artikel von Tijan Zila!

    Es ist stets verwunderlich, mit welcher Quicklebendigkeit sog . Intellektuelle, die sich einst wohl als „linke Intellektuelle“ verstanden, einknicken, wenn es um die wie konditioniert wirkende Rechtfertigung persönlicher „Helden“ geht. Nicht einmal haben die versammelten Freunde Handke‘scher Wander- und Pilzlust hier versucht, argumentativ diese erbärmliche Geschichtsklitterung zu entkräften, die sich Handke einst leistete.

    Dass Peterchen auf seiner ganz privaten Mondfahrt nun mal so nebenher Homer und Tolstoy als seine Herkunft bezeichnet, lässt sogleich wieder an jenen wankelmütigen Hochmut denken, auf den man bei vermeintlich Auserwählten so oft stösst, ob bei Zeugen Jehovas, Scientologen der höheren Führungsriegen, oder Schriftstellern mit Goethe- resp, Gotteskomplex.

  11. Gregor:

    Herzlichen Dank, Karsten, für den Hinweis auf den ausführlichen Artikel. Endlich schreibt einmal jemand, der wirklich die entsprechenden Bücher gelesen hat.

  12. Michael:

    Und der nächste krumme rhetorische Kniff, um der Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen, die zum Beispiel Tijan Zila brilliant in Szene setzt. Sowas liest du erst gar nicht, woll?!

    Oder wie funktioniert das, diese gesammelten Entgleisungen und Verirrungen Handkes in eine hinreissende Verdrängungsleistung zu verwandeln?!

    Wie es wohl in deinem Kopf zugehen würde, wenn du dort, wo das Massaker stattfand, mit deinen Kindern gelebt hättest, und sie niedergemetzelt worden wären von den von Handke hoffierten Mördern? Anders.

    Aber so, aus der Elfenbeinturmperspektive …. Was für ein Armutszeugnis! Auch wenn du hier eine kleine Fangemeinde hast, das kommt bei mir ganz nah ran ans Fremdschämen.

  13. Lajla Nizinski:

    Es war vor allem der Kriege wegen, dass ich nach Serbien wollte, in das Land der allgemein so genannten „Aggressoren“. Doch es lockte mich auch, einfach das Land anzuschauen, das mir von allen Ländern Jugoslawiens das am wenigsten bekannte war, und dabei, vielleicht gerade bewirkt durch die Meldungen und Meinungen darüber, das inzwischen am stärksten anziehende, das, mitsamt dem befremdenden Hörensagen über es, sozusagen interessanteste. Beinah alle Bilder und Berichte der letzten vier Jahre kamen ja von der einen Seite der Fronten oder Grenzen, und wenn sie zwischen durch auch einmal von der anderen kamen, erscheinen sie mir, mit der Zeit mehr und mehr, als bloße Spiegelungen der üblichen, eingespielten Blickseiten – als Verspiegelungen in unseren Sehzellen selber, und jedenfalls nicht als Augenzeugenschaft. Es drängte mich zur Reise in das mit jedem Artikel, jedem Kommentar, jeder Analyse unbekanntere und erforschungs- oder auch bloß anblickswürdigere Land Serbien. Und wer jetzt meint: „Aha, proserbisch!“oder „Aha, jugophil“… der braucht hier gar nicht erst weiterzulesen.“

    (aus: Gerechtigkeit für Serbien von Peter Handke S.13 …)

  14. Michael Engelbrecht:

    Na und, was soll das ändern???
    (Kopfschütteln)

    Ich zitiere, Michael Martens, FAZ …

    Emir Suljagić hatte bisher keine Zeit, Handke zu lesen. Er ist einer der wenigen Überlebenden des Massakers von Srebrenica, bei dem 1995 ungefähr 7000 bosnische Muslime von Truppen des bosnisch-serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladić erschossen wurden. Die Frage, ob er etwas von dem Werk des Dichters kenne, verneinte Suljagić am Freitag mit der Bemerkung, Überlebende oder Hinterbliebene wie er seien statt mit Lektüre damit beschäftigt gewesen, nach ihren Familien und Freunden zu suchen, die in Massengräbern liegen, deren Existenz Handke bestreite. Die sarkastische Reaktion Suljagićs wird all jene nicht überraschen, die wissen, dass Handke sich nach dem Massaker zu einem freundschaftlichen Beisammensein mit einem der beiden Haupttäter traf. Im Dezember 1996, als zwar noch längst nicht alle Opfer aus den Massengräbern geborgen waren, aber alle Welt von der bosnischen Tragödie wusste oder zumindest wissen konnte, traf sich Handke mit Radovan Karadžić, der den Überfall auf die vermeintliche „UN-Schutzzone“ befohlen hatte und damals bereits wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie anderer Untaten vom Kriegsverbrechertribunal angeklagt war. Man trank Pflaumenschnaps, schenkte sich gegenseitig Bücher, plauderte, und es war wohl auch sonst ein feiner Tag. Inzwischen, das muss der Vollständigkeit halber gesagt werden, haben sich die Wege der beiden Männer getrennt. Handke ist Nobelpreisträger für Literatur, Karadžić zu lebenslanger Haft verurteilt. Sein damaliges Treffen begründete Handke später mit seinem Wunsch „nach einem höheren Maß an Wahrhaftigkeit“ – was immer das im Fall Srebrenica bedeuten soll.

    Es versteht sich von selbst, dass die Entscheidung der Nobelpreisakademie für Handke auf dem Balkan besonders tiefe Emotionen weckt. Das Spektrum der Reaktionen lässt sich so zusammenfassen: Empörung, Wut, Trauer oder Spott bei Kroaten, Albanern, Bosniaken sowie liberalen Serben, Begeisterung und Bestätigung bei serbischen Nationalisten sowie den Kriegstreibern von gestern. Um Handkes Literatur geht es dabei allenfalls am Rande, aber das ist auch nicht zu erwarten angesichts der vielen zynischen und menschenverachtenden Aussagen, die der neue Nobelpreisträger für Literatur im Laufe der Jahrzehnte über den Zerfall Jugoslawiens gemacht und geschrieben hat. Mit Ausnahme seiner Behauptung, die Serben seien „noch größere Opfer als die Juden“ in der NS-Zeit gewesen, die wohl selbst Handke zu monströs erschien, weshalb er sie wieder zurücknahm, sind seine gesammelten Entgleisungen alle noch in alter Pracht zu lesen.

    In Belgrad feierten nationalistische Boulevardzeitungen die Nachrichten aus Schweden am Freitag denn auch auf ihren Titelseiten, als ob mit Handke auch das serbische Volk ausgezeichnet worden wäre. „Gerechtigkeit für Serbien, Nobelpreis für Handke“ lautete eine typische Überschrift. Ein „glänzender Schriftsteller“ und ein „aufopferungsvoller Freund unseres Volkes“ sei da ausgezeichnet worden, ließ sich ein serbischer Schriftsteller vernehmen. Das war der Basso continuo des serbischen Jubelkonzerts: Immer wieder war vom „serbischen Volk“ die Rede, dem Handke in schweren Zeiten beigestanden habe. Jene Serben, die nie etwas mit Milošević und seinem Regime zu schaffen haben wollten, ärgerten sich über die auch im Ausland zu hörende Behauptung, Handke habe sich für „die Serben“ eingesetzt. Dem hielten sie entgegen, der Dichter habe eben nicht „den Serben“ zur Seite gestanden, sondern nur dem kleptokratischen und mörderischen Regime seines Idols Slobodan Milošević. Für die eine Million Serben, die am 5. Oktober 2000 in Belgrad auf die Straßen gingen und Milošević stürzten, stehe Handke jedenfalls nicht. Die liberale Zeitung „Danas“ zitierte in diesem Sinne ausführlich aus der Stellungnahme des amerikanischen P.E.N.-Zentrums, das die Verleihung des Nobelpreises an einen Autor, „der Tätern des Völkermords öffentlich Beistand leistete“, scharf rügte und Unverständnis ausdrückte für die Ansicht, „dass ein Schriftsteller, der hartnäckig Kriegsverbrechen in Frage gestellt hat, es verdiene, für seinen ,sprachlichen Einfallsreichtum‘ gefeiert zu werden“.

    Der slowenische Schriftsteller Miha Mazzini erinnerte sich daran, wie er im kalten Winter des jugoslawischen Zerfalls stundenlang vor leeren Geschäften um das Nötigste anstand, um dann abends in der kalten Wohnung zu lesen, wie Handke die „Jugoslawen“ als beneidenswert beschrieb, da sie nicht in einer Konsumwelt lebten. Das habe er ihm persönlich übelgenommen, so Mazzini. Der Publizist Paul Lendvai, ein Holocaust-Überlebender ungarischer Abkunft mit wachem Gespür für ideologische Zynismen, der Handkes Serbien-Schwadronaden unlängst in einem umfassenden Essay seziert hat, flüchtete sich in die Feststellung, es hätte ja auch schlimmer kommen können: „Man muss froh sein, dass er nicht den Friedensnobelpreis bekommen hat.“

  15. Michael Engelbrecht:

    Und, immer wieder ein Klassiker … man achte genau auf die Sätze von Peter Handke …

    https://www.manafonistas.de/2019/02/15/der-killer-und-sein-hofpoet/

  16. Klaus Goergen:

    All den ideologisch verblendeten, hasserfüllten Nato-Apologeten, die, anstatt sich über den hoch- und längst verdienten Nobelpreis für Peter Handke zu ereifern, besser täten, die Ehrung zum Anlass zu nehmen, ihr einseitiges Bild von den Ursachen und Abläufen der Balkankriege und des Angriffskriegs der Nato auf Jugoslawien durch intensive Lektüre zu korrigieren, all diesen bedauernswerten Fehlgeleiteten will ich empfehlen, „Die Obstdiebin“ zu lesen. Wenn sie nicht bereits vom Hass erstarrt sind, wird sie das weich und mild machen und einem Verständnis Handkes vielleicht näherbringen. Und womöglich hilft auch meine eigene Lektüre-Erfahrung mit diesem großen Werk:

     
     

    Das Wundersame ist das Tatsächliche. Über Peter Handkes „Die Obstdiebin“ 

     

    „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Mit diesem Bekenntnis zu Realismus und Empirismus beginnt Wittgensteins Tractatus. „Die Welt war die Dreiecksgeschichte zwischen einem selber, der Natur und den Anderen!“ (S. 500) heißt es, eher konstruktivistisch und hegelianisch, in Handkes „Obstdiebin“ – und von dieser „Dreiecksgeschichte“, in der so gar nichts eindeutig „der Fall ist“, handelt dieser wunderbare und wundersame Roman.

    Wieder bildet eine Reise den lockeren Handlungsrahmen, aber dieses Mal eine kurze, von der Hauptstadt in die nahe Provinz, anders als die lange Spanienreise in „Der Bildverlust“ (2002) und die Balkan-Reisen in „Unter Tränen fragend“ (2000) und „Die morawische Nacht“ (2008). Und natürlich ist auch dieser so wenig ein Reiseroman wie Eichendorffs „Taugenichts“ eine Reisenovelle ist. Aber so selbstverständlich wie wir es dort hinnehmen, dass die Jahreszeiten auf der Wanderung des Taugenichts im Tagesrhythmus sich wandeln, so wenig wundern wir uns hier über die schier endlosen Tage, die auf dieser Wanderung nicht vergehen wollen.

    Es ist eigentlich eine doppelte Reise ins Landesinnere, die Handke erzählt: Zuerst ist es der Ich-Erzähler, der sich, zu Fuß und mit der Bahn, auf den Weg macht von Paris in die Picardie, um dort die 25-jährige Studentin und Weltenbummlerin „Alexia“, die Obstdiebin, zu treffen. Warum und wozu bleibt – natürlich -ungeklärt. Um die Mittagszeit bricht er auf, am Abend dort angekommen, wechselt die Perspektive: Nun begleiten wir, aus der Perspektive des personalen Er-Erzählers, diese Alexia auf ihrem dreitägigen, erlebnisreichen und ereignisarmen Fußmarsch, ebenfalls von Paris in die Picardie. Sie will ihre Mutter, die „Bankfrau“, die der Handke-Leser bereits aus „Der Bildverlust“ kennt, treffen.

    Tatsächlich kommt es dann ganz zum Ende des Romans zu einer Familienzusammenführung: Es treffen sich auf dem „Vexin-Plateau“ zu einem großen Fest im Zelt die getrennt lebenden Eltern von Alexia und auch ihr 15-jähriger Bruder, der eine Zimmermannslehre absolviert – der Beruf auch des Bruders von Handke. Nun ist auch der Ich-Erzähler dabei, der von „wir“ und „uns“ erzählt, die beiden Erzählperspektiven werden also am Ende zusammengeführt. Dieser anfängliche Ich-Erzähler hat viel mit dem Autor gemein: Ein alter, allein lebender, etwas schrulliger „ungeselliger Geselle“, wohnhaft in einem Pariser Vorort, – der „Niemandsbucht“, wie sie auch hier immer wieder bezeichnet wird – in einem alten Haus mit großem Garten, nebst Obstbäumen.

    Ein Mann, der sich als „Illegalen“ bezeichnet, der den Staat ebenso verachtet wie alle kapitalistische Umtriebigkeit, alle großartigen Gesten und Worte, der zornig ist auf die wüste Welt, einsam und unwirsch; ein Naturfreund zugleich, den kleinen Dingen und den kleinen Leuten, den Obdachlosen, der Kassiererin, dem Dorfbäcker, dem arabischen Pizza-Ausfahrer zugewandt und zugeneigt, ein romantischer Anarchist – alles das trifft auf den Ich-Erzähler wie auf Peter Handke zu.

    Und Alexia? Auch sie natürlich eine Geistesverwandte. Ganz wie ihr Vater, den sie vor dem Aufbruch in einem Pariser Restaurant trifft, und der ihr Ratschläge für die Reise gibt. Auf ihrem Fußmarsch über die Landstraßen, durch Wiesen und Wälder, durch die Dörfer und Kleinstädte der „Ile de France“, der „Oise“ und der „Picardie“ trifft sie auf Hunde, die sie begleiten, auf einen Hahn, der sie erschreckt, auf eine verlorengegangene Katze, die sie ihrem Besitzer zurückbringt. Sie schlägt sich durch Dickicht, schwimmt in Flüssen, nimmt an einer Totenwache teil.

    Sie wird von einem jungen Pizza-Ausfahrer ein Stück des Wegs begleitet, mit dem sie die Nacht in einem verlassenen Hotel teilt, aber nur im Traum das Bett; sie trifft zufällig eine alte Schulkameradin, nimmt an einer Messe unter freiem Himmel teil, beobachtet ein Fußballspiel. Vor allem aber nimmt sie ihre Umgebung mit allen Sinnen wahr, sieht und hört zahllose Tiere, lauscht dem Wind, sammelt und schmeckt Früchte, Beeren und Körner. Es ist eine zwar ereignisarme aber erlebnisreiche Wanderung. „Gehen im Leeren…Kaleidoskopisches Gehen.“ (S. 391)

    In einer Schlüsselpassage des Romans werden äußeres Ereignis und inneres Erlebnis scharf kontrastiert: Der junge Begleiter Alexias, den sie „Valter“ tauft, erzählt in einer leidenschaftlichen Rede von Zdeněk Adamec, der sich 2003 auf dem Prager Wentzelplatz, ganz wie einst Jan Palach, selbst verbrannte, „um zu protestieren gegen die Welt“ (S. 317). Ohne Zweifel ein dramatisches, reales Ereignis. Aber unmittelbar im Anschluss erzählt nun ein alter Mann von den Schwierigkeiten, eine Haselnuss richtig zu öffnen. „Die Nuß zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen und Stück für Stück, Millimeter um Millimeter aus der Hülse heben. So ist es recht. Nur nicht an ihr rütteln. Nicht reißen! An einem Ende haftet die Nuß, das andere aber liegt frei und locker in der Schale.“ (S. 322)

    Was heißt das? Die große Welt, die „Histoire…mit großem H“ (S. 468) ist ohne Hoffnung, unbelehrbar, ist kriegerisch, feindselig, machtversessen und treibt in den Verzweiflungstod. Wende Dich besser den kleinen Dingen zu, den lösbaren Problemen, staune über die Natur, freue Dich über Freundlichkeiten, träume, pflege Freundschaften und die Familie. Ein epikuräisches Programm des guten Lebens und ein stoisches zugleich.

    Ist das also, die üblichen Verdikte über Handkes spätes Werk bestätigend, Eskapismus, Unpolitisch-Irrationales, Innerlichkeitskult? Im Gegenteil: Dieser Roman ist hoch-politisch, subversiv, wenn man Politisches nicht auf platte Agitation und Darstellung sogenannter Realpolitik verkürzt, und bereit ist, die im Roman erzählte humanere, warme Welt als politischen Gegenentwurf zur kaltgekachelten, inhumanen Welt zu lesen, als eine Welt, die den „homo ludens“ gegen den herrschenden „homo ökonomicus“ ins Feld führt. „La Phantaisie au Pouvoir“, „Seien wir realistisch, verlangen wir das Unmögliche“, „Sous les pavés, la plage“, das waren die Sponti-Parolen der 68er in Paris, und dass dies politische Sprengkraft enthielt, ist gewiss. Der Roman darf also auch als Lockerungsübung im Umgang mit dem scheinbar Alternativlosen verstanden werden, als Aufruf zum Widerstand durch Verweigerung, als Appell an eine befreiende Sinnlichkeit.

    Und natürlich liegt das Subversive auch in der Zaubersprache des Romans. Die wilden Satzungetüme, die zu genauem Lesen zwingen, die wunderbar rhythmisierten Sätze, die leicht antiquierte Ausdrucksweise und Wortwahl, die sich (etwas kokett) scheut, Worte wie „Rollator“ oder „Ghetto-Blaster“ zu verwenden, und sich sorgt, ob „Bucheckern“ noch bekannt sind, die unerhörten Wortverknüpfungen, die im Kontext so selbstverständlich klingen, auch die drastischen Flüche, auch die Metaphern und Allegorien – wie jene von den zwei slawischen Faltern, die im Tanz als drei erscheinen – all das scheint in jedem Satz zu sagen: Schaut her, so klingt eine menschliche Sprache, die nicht mit vorgestanzten Plastikwörtern operiert, eine unentfremdete Sprache, die nur möglich wird, durch konsequentes Verweigern, durch hartnäckiges Widerstehen gegen systemische Vereinnahmung. Nur in dieser Sprache gelingt es, den Leser zu fesseln, ohne ihn mit „Ereignissen“ zu ködern. Und dass dies gelingt, beweist, wie groß die Sehnsucht ist nach einer menschlicheren Welt.

    Politisch ist „Die Obstdiebin“ aber durchaus auch in einem ganz schlichten, fast tagespolitischen Sinn. Die islamistischen Terroranschläge in Frankreich, die in die Entstehungszeit des Texts fallen, scheinen immer wieder auf: In der allgegenwärtigen Präsenz von Schwerbewaffneten, im gegenseitigen Misstrauen, in der Angst vor einem erneuten Anschlag. „Der Schrecken war in uns allen“ (S. 117). Aber Handke entlarvt auch den Mechanismus der Vorurteile, den die Hysterie der Terrorangst gebar: Mehrfach mit groteskem schwarzen Humor, so wenn der Ich-Erzähler zum Schutz vor Attacken in der Metro einen kurzklingigen „Sarazenerdolch“ (sic!) mitführt, oder wenn die Bahnreisenden beim abrupten Zugstopp auf offener Strecke einen Anschlag fürchten – obwohl nur der Zugführer zum Pinkeln geht.

    Und später im Text sehr subtil, indem er mit den Vorurteilen der Leser spielt: Will sich der junge, arabische Begleiter Alexias wirklich als Selbstmordattentäter töten? Einige Reizwörter, „Ins Paradies“, „Gewalttat“, „Terrorakt“ etc. sprechen dafür. Oder ist er nicht einfach rasend eifersüchtig, weil sie mit dem Wirt zu einem Blues tanzt – und sie imaginiert seine Tötungsabsicht nur aus schlechtem Gewissen? Und was hat nun diese Vorstellung mit seiner Herkunft und mit den Zeitumständen zu tun? Die Szene ist nicht nur doppel-, sondern mehrfachdeutig und ermöglicht bei genauer Analyse ein tiefes Verständnis der Problematik des Zusammenhangs wechselseitiger Vorurteile, Ängste und Projektionen, ja, sie kann selbst als Appell zur Integration gelesen werden: Die Bedrohung wird aufgelöst, als Alexia Valter zum Mittanzen animiert.

    Eine gesellschaftliche Utopie menschlicher Begegnungen steckt in der Art und Weise, wie sich die Menschen, Fremde auf dieser Reise begegnen. Und Alexia trifft ja außer Valter noch zahlreiche weitere Personen, allesamt Menschen, die ihr im Wortsinn „über den Weg laufen“. Und alle gehen so offen aufeinander zu, wie Kinder das tun: Ohne Hintergedanken, ohne Kalkül, ohne ein Abschätzen von Motiven und Absichten. Vorurteilsfrei nehmen sie den je anderen einfach mit Neugier als Menschen wahr. Die Trauergemeinde fragt nicht, was Alexia bei ihr sucht, nimmt sie wie selbstverständlich in ihrer Mitte auf; an Valter stellt Alexia erst nach einem Tag des gemeinsamen Wanderns fest, dass er dunkelhäutig ist; der Herbergswirt öffnet sein eigentlich längst geschlossenes Hotel freudig für das junge Pärchen; der Bäcker lässt Alexia von seinem besonders schmackhaften Brot kosten und schon zu Beginn des Romans erfahren wir, dass der allseits verhasste, scheinbar garstige Nachbar tatsächlich ein mitfühlender Tierfreund ist, der einen Igel von der Straße rettet. Das mutet alles recht märchenhaft und unrealistisch an, der konsequente Verzicht auf alle psychologischen Begründungen für das seltsam zutrauliche Verhalten der Personen enthält aber als Botschaft ein Bildverbot, ein Unvoreingenommenheitsgebot als Empfehlung für den Erstkontakt mit dem Anderen: Unterstelle dem Anderen nur ein interessiertes Wohlgefallen an Menschen, gehe nur mit offener Neugier und Friedfertigkeit auf den Anderen zu, dann wird es leichter fallen, Andersartigkeiten zu akzeptieren.

    Der an realistisches Erzählen gewohnte Leser mag sich zudem an den zahllosen Ungereimtheiten und Unwahrscheinlichkeiten stoßen, am 70 Jährigen, der nach seinem im Weltkrieg verschollenen Vater sucht, am Wirt, der sich bewirten lässt, am Kaminfeuer im Hochsommer, den Falken jagenden Tauben. Aber auch das Wundersame gehört zum Programm, die „Wahrscheinlichkeitshuber“ (A. Hitchcock) haben die spezielle Dialektik von Innenwelt und Außenwelt nicht verstanden, sie sehen nicht, was uns das Wundersame sagen will: Misstraue dem Augenschein, der Glaube an das Wünschenswerte versetzt Berge: Allein durch den „wilden Willen“, durch die „Kraft meines Blicks“ gelingt es, eine Quitte in den Baum zu zaubern: „Da hing sie, die Frucht, so schwer wie duftig.“ (S. 28) Das Innere ist so real wie das Äußere. Kleine Kinder wissen das noch. Die Welt krankt auch daran, dass uns diese Fähigkeit zur Imagination ausgetrieben wird. Misstraue auch den sogenannten „Informationen“, allem scheinbar Objektiven und Feststehenden, lautet die Botschaft. Die Welt ist flüssiger, als Du denkst.

    Das irritierende Wechselspiel von Innenwelt und Außenwelt, mit Jetztzeit, Vergangenheit und Zukunft, das Handkes Schreiben ja nicht nur in diesem Text auszeichnet, begründet er in der „Obstdiebin“ in einer Art Bildtheorie, die an die Gedächtnisforschung und Antonio Damasios Arbeiten zu „somatischen Markern“ erinnert. Nichts, was wir, und sei es noch so unbewusst, wahrgenommen haben, geht im Speicher des Gehirns verloren, aber der Zugang zu all den gespeicherten Bildern und Eindrücken ist uns verstellt, bewusst erzwingen können wir ihn nicht, es braucht einen unbewussten sinnlichen Anstoß, einen körperlichen Türöffner, um den „somatischen Marker“, mit dem der Gedächtniseintrag verbunden ist, zu aktivieren und das Bild unerwartet in das Bewusstsein zu schwemmen. In der „Obstdiebin“ heißt das dann: „Die jetzt ohne Augen für gleichwas über das Land Gehende würde eines Morgens oder Abends in, sagen wir, acht Jahren in einem Zimmer gleichwo den Arm abwinkeln, und sie würde da erst des eisernen Wegkreuzes inne, an welchem sie in der Gegenwart gerade vorbeikommt, Vergangenheitsbild, Gegenwartsbild und Zukunftsbild in einem.“ (S. 473)

    Das ist es, was Handke uns demonstriert: Das So-Sein unserer aktuellen Bewusstseinsinhalte besteht also aus einer unentwirrbaren Mixtur aus unmittelbar Erlebtem, spontan auftauchenden „Nachbildern“ und Assoziationen, Einbildungen und Spekulationen, die wir an das Erlebte und die „Nachbilder“ anknüpfen. Unser aktuelles Bewusstsein lebt also stets im Jetzt, im Vorher und Später zugleich, es ist überflutet von Bildern, „Nachbildern“ und „Vorausbildern“. „Die Obstdiebin“ – und nicht nur sie – bildet diesen tatsächlichen Zustand unseres Bewusstseins im Erzählstrom realistisch ab. Das scheinbar Wundersame ist das wirklich Tatsächliche. „Wunderbares zu schaffen, zugleich neben sich selber zu stehen, und überdies nur ausnahmsweise verstanden zu werden … : gewaltig.“ (S. 536)

     
     

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