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2018 3 Mai

Eine Peter Handke Biografie

von: Jochen Siemer Abgelegt unter: Blog | TB | Tags: , Kommentare geschlossen

Was war er für ein Typ, zu Lebzeiten? Ein finster blickender Unglücksprophet, der schon als Kind um sich herum den „Tempel des Nichtendenwollenden Deutens und Bedeutens“ errichtet hatte und fortan darin wie in einem Gefängnis saß. Ein Meister der Dämmerung. (Malte Herwig)

 
Die Neugierde ist ein ausgezeichneter Kompass: sich genau dem widmen, was gerade von Interesse ist. „Was ist der Peter Handke wert: was hat es mit ihm auf sich, wer ist dieser Autor?“, genau das war jetzt die Frage und die Zeit schien reif, endlich einmal Wissen zu erlangen, das über Wikipedia hinausgeht und – das Krakelen eines Literaturpapstes noch im Ohr – vorurteilsfrei diesem Schriftsteller zu begegnen sowie Bildungslücken aufzufüllen.

Eine aktuelle Biografie kommt da gerade recht. Unvergesslich jene Abendstunden, in denen man sich einst nach langem Arbeitstag im Winter auf der Baustelle den Feierabend schön machte: mit einem bis zum Rand gefüllten Glas Fernet Branca, einigen Zigaretten und der Lektüre von Rüdiger Safranskis Heidegger-Buch mit dem Titel Ein Meister aus Deutschland.

„Ein Meister der Dämmerung“ – so heißt die Biografie über einen Meister aus Österreich, geschrieben von Malte Herwig und im letzten Jahr erschienen. Sie liest sich spannend wie ein Roman, sehr lebendig und frisch, und sie zeigt, um wen und was es sich handelt: um das paradigmatische Exempel eines Schriftstellers der Innenwelt-Erkundungen.

Peter Handke ist keiner für die großen Erzählungen, die sensationellen Plots und für das humoristische Fach. Was er schreibt, handelt vom Tiefgang seiner Empfindungen, von der Genauigkeit seiner Wahrnehmungen, dem angestrengten Bemühen um klischeefreie Wortfindungen. Wäre er Schweizer, es würde nicht wundern: ein Uhrmacher der Sprache, langsam, bedächtig, fast pedantisch. Hier kann man von Handke lernen: Sprache – schriftlich oder mündlich – präzise zu benutzen. Die Stunde der wahren Empfindung.

Etwas Wesentliches verbindet unsereins mit diesem bedeutenden Schriftsteller – und hier mag der Kernpunkt des Interesses liegen: es ist das Bedürfnis nach Stille. Wanderungen, Vereinzelung und Ausweitung, die Selbsterleichterung durch das Erleben von Landschaft und Natur werden als ein Ausweich-Pol benutzt, über den man dann wieder den Zugang zu den Mitmenschen findet. Wie beim Billard: über die Bande, das Dreieck, spielen. Auch bei Handke zeigt sich diese Ambiguität im Bedürfnis nach Rückzug und nach Gemeinschaft.

Malte Herwigs Biografie ist auch eine Anleitung zum Schriftstellerwerden, ohne dabei unglücklich zu sein. Ein facetten- und beziehungsreiches Leben, das da jemand führt und führte, mit der nötigen Portion Egozentrik und Rigorosität, die unabdingbar scheint für einen erfolgreichen künstlerischen Werdegang. Peter Handke ist Musikliebhaber, seine Tochter Amina ist DJ. Über Musikgeschmack kann man streiten, aber hier schreibt einer auch im Horizont von Selbstfindung – eine wichtige Stimme im Sound der Pop-Kultur.
 

 
Malte Herwig: „Meister der Dämmerung. Peter Handke. Eine Biografie“, DVA
 

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