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Archiv: Molly Dooker

Derzeit muss ich die Tage so durchplanen, wie zuletzt in meinem „goldenen Jahrzehnt“ im Radio, in den Neunzigern, als ich noch quer durch die alte Bundesrepublik düste, mit dicken Tonbändern im Gepäck für Michael Nauras „Klanglaboratorium“, oder einer Kiste Musik für „Radio Unfrisiert“ im Hessischen Rundfunk.

Die einzige Konstanten der kommenden Tage sind der Morgencappuccino bei Larry und die Begradigung meiner Steuerschluderei. Und dann, vier Tage lang, in Klausur, für eine „englische Vorlesung“ in abgedunkeltem Raum! Mein Aufnahmegerät für Interviews hat nach so vielen Jahren den Geist aufgegeben – ein Ersatz muss her, für ein, zwei Interviews beim Punktfestival.

Nach den letzten 9 1/2 Wochen, einer Mischung aus Medizin- und Psychothriller (alles begann mit dem von Opium begleiteten „High“ nach dem Aufwachen aus einer Vollnarkose), frei nach dem fröhlichen Motto: „Schluss mit dem Eiertanz!“, darf, neben dem Auftritt beim Punktfestival, ein frühseptemberlicher Aufenthalt in einer sauerländischen Klosterklinik als echtes Highlight meditativer Unternehmungen gewertet werden. In der Schmallenberger Klinik wird an mir eine ASS-Deaktivierung durchgeführt, was erst mal nach Philip K. Dick klingt, und dann doch eine prosaische Angelegenheit mit potentiellen Nebenwirkungen der unlustigen Art ist.

 
 
 

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Wegen meiner so gut wie sicheren Allergie gegen Salicylsäure (vermuteter Hauptgrund für wiederkehrende Probleme in den Nebenhöhlen, die somatischen Reaktionen laufen, Tücke und Segen zugleich, im Verborgenen ab) werde ich auf sanft steigende Dosierungen von ASS eingestellt, in der Hoffnung, der Körper reagiert in Zukunft eher wohlwollend auf diesen Stoff, der viel verbreiteter in unseren Nahrungsmitteln und Getränken ist als die Gefahrenliste der weitaus populäreren Lactose-Allergie. In der Zeit, in der ich gezielt ausser Gefecht gesetzt bin, beneide ich Wolfram und Gregor, die  am 9. September in Stuttgart King Crimson live erleben könnten.

Im Sauerland sagt man früh abends den Füchsen gute Nacht, und da strenge Klosterschwestern mich kaum in Wallung bringen, habe ich einen exezellenten Pageturner im Gepäck (die ersten 60 Seiten getestet, wow!): „Regengötter“ von James Lee Burke, der in Deutschland ein hochverdientes Revival erlebt. Meine Thrillerspezialistin aus Düsseldorf ist gerade im Burke’schen Leserausch.

(Abschweifung: wer mehr an Sachliteratur interessiert ist, oder unserer monatlichen „Philosophica“-Rubrik, dem empfehle ich das bei Bloomsbury herausgekommene Buch „Oblique Music“, ein wahrlich multiperspektivisches Buch über Brian Eno. In einem der dort versammelten Essays werden auch die Manafonistas ausführlich zitiert, und im Quellenverzeichnis exakt verlinkt.)

 
 
 

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Und für den Notfall (die Notfälle treten im Leben zuweilen seltsam gedrängt auf) gibt es im tiefen Sauerland auch Akuteingriffe (bei schweren Asthmaanfällen oder anaphylaktischem Schock), sowie „Glut und Asche“ (kein Alternativplan für die Einäscherung, sondern der mit in die graue, von Kreuzen und Bibeln nur so wimmelnde, gespenstische Grossanlage geschmuggelte Nachfolgeroman der „Regengötter“).

Wenn das alles so halbwegs happyendig ausklingt, mit einer Jazzsendung am 23. September, dann schlage ich drei agnostische Kreuze, berausche mich spät abends (ganz dezent) mit „The Enchanted Path“ von Molly Dooker – zur unprätentiösen, neuen Zufallmusk von Peter Broderick, oder Glenn Jones‘ Gitarrenklängen -, und besteige in den Tagen danach, in Düsseldorf oder Frankfurt a.M., ein riesengrosses Flugzeug. Natürlich kann es auch ganz anders kommen.

Und deswegen lande ich schon mal vorab an dem einzigen Ort, der einem wirklich sicher ist, der Gegenwart, und sehe mir nun jenen Film (zum wiederholten Male) an, der meine ganz persönliche „Resilienz“ (das Modewort für Widerstandsfähigkeit) genauso kräftigt wie die erste Staffel von „Justified“ – das Movie namens „Frank“ handelt nicht zuletzt von der Suche nach unerhörten Klängen – nie nostalgisch wie der Brian Wilson-Film, lässt „Frank“ jenes Quantum Verstörung zu, das nicht so ganz selten (neben allem Enthusiasmus und „flow“) Teil des kreativen Prozesses ist.

 

 
 
 

also setzte ich mich in den Toyoten und rauschte in das Stuttgarter Land. Nachdem ich mich bei diversen Stadtmagazinen (ein Lob dem Hohen Norden, dem Wilden Westen, dem Tiefen Bayern) umgetan hatte, war die Sache mit der „promo copy“ rasch erledigt. Unterwegs war schon der erste „download link“ angekommen, ich ging auf Nummer sicher, hatte drei geordert, und zwei Original-CDs wurden mir zudem noch ans Herz gelegt, ich sagte, sorry, eine Pizza nach Wahl, ansonsten nur Radio, und der „Baltimore Chronicle“! So lernte ich zwei Stammhörer der „Klanghorizonte“ kennen, von denen ich noch nie gehört hatte. Zeit für eine kurze Pause im Spessart. Ich fuhr Stunde um Stunde ab, im Radio wurde der Knaller „City On Fire“ vorgestellt, dieser Scheissregen (aber da helfen  ‚on the road‘ die 34 Songs von Native North America, Vol. 1: Aboriginal Folk, Rock and Country 1966-1985″, sowie der neue Stoff von M. Ward und The Coral) – endlich angekommen, brauchte ich erst mal ein Wurstbrot und ein Bier, ja, was Deftiges, von Ästheten wird immer angenommen, sie trinken Sekt korrekt und reden schlaue Sachen über Quentin Tatantino. Aber heute ging es beim Treffen mit einem meiner besten Freunde nur um eins: ich drückte, zur Einstimmung, eine weniger bekannte Single von Herman’s Hermits, „My Sentimental Friend“. Und die Jukebox tat ihre Arbeit. Wir liessen den Song nachwirken, und ich kniff mich, weil ich mich wie 17 fühlte. Als dann Stille herrschte, Waldrandstille zumindest, hörten wir gemeinsam, und zum ersten Mal überhaupt, „The Ship“, das neue Album von Brian Eno. Wir hatten im Vorfeld etwas darüber gelesen, hatten gewisse Vorstellungen, aber was dann passierte, auf unseren Gesichtern, zwischen den  Ohren, die Laute, ab und zu, aus halb geöffneten Mündern, sprach eine andere Sprache, und doch Bände. „Wahnsinn“ war noch das komplexeste Wort. Dreimal lief fas Album von Anfang bis Ende. Ich sagte Gregs: – hier, Freund der schwäbischen Maultaschen, ich habe heimlich was geöffnet in der Küche, das hat jetzt genug Luft und die richtige Temperatur. Two Left Feet, Molly Dooker, Jahrgang 2013! – Und nun? – Gregs, komm, ich schlage „Aja“ vor, von Steely Dan, sonst dauert es mit dem Einschlafen. Uns war schon klar, dass „The Ship“, wenngleich völlig anders, so doch vom Kaliber „On Land“ oder „My Life in the Bush of Ghosts“ ist.


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