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Archives: ECM Double Take

Großvater wir danken dir! So versuchte jedenfalls Loriot den Familiensegen bei den Hoppenstedts wieder in die Bahnen bürgerlicher Ordnung zu bringen. Wobei ich gerne und unumwunden zugeben will, dass auch mein Großvater mit einer sehr großzügigen Beteiligung einen zentralen Beitrag für die Anschaffung meines Klaviers leistete bzw. dies überhaupt erst möglich machte. Jetzt steht es mattschwarz und schon seit Jahren abbezahlt mir, während ich dies schreibe, gegenüber und läßt seine Basssaiten leise angesichts des heutigen Themas mitschwingen. Und natürlich kennt es die beiden Alben ganz genau von den kläglichen Anfängen bis hin zu dem Wohlklang, den mir günstigstenfalls zu erzeugen vergönnt war…

Als ich zum ersten Mal Sacred Hymns hörte, traf mich diese Musik in ihrer subtilen hypnotischen Wucht ungeheuerlich tief. Diese Auswahl von Stücken von Georges I. Gurdjieff, von Thomas De Hartmann für Klavier parallel in Echtzeit aus dem konzertanten Vorspiel Gurdjieffs selbst notiert und für Piano transkribiert, stellen eine ganz selbstverständlich klingende Melange aus orientalischen, asiatischen und rituellen Stücken mit europäischer Klassik dar, die in der asketischen und präzisen Interpretation Keith Jarretts mit großer Leichtigkeit innere Räume aufziehen. Räume, die neben ihrer melancholischen Dimension seelische Entwicklungsräume entfalten, was wahrscheinlich sogar Gurdjieffs hauptsächlichste Absicht darstellte, denn er spielte seine legendären Abendkonzerte im Schloss Prieuré des Basses Loges bei Paris seinen Zuhörern gewiss nicht zur bloßen Unterhaltung vor. Sein Ziel war vielmehr die harmonische Entwicklung des Menschen, was er zumindest mit seiner Musik bei mir, fast wie eine kleine Initiation, auch nach Jahrzehnten des Hörens noch bewirkt. Keine Frage, dass ich diese Stücke also auf dem Klavier spielen musste. Aber woher nehmen? Die Noten waren schon seit Jahrzehnten vergriffen und unbezahlbare Sammlerstücke. Und sich mit Keith Jarrett messen? Vermessen! So vergingen fast zwei Jahrzehnte bis sich endlich der Schott Verlag erbarmte und sämtliche von De Hartmann niedergeschriebenen Klavierstücke in vier Bänden wieder auflegte. Erlösung und Herausforderung zugleich über der aber bis heute eine ungeheure Faszination schwebt dieser frühen Weltmusik aus dem eigenen Urgrund etwas Leben einhauchen zu können. Keith Jarrett aber bleibt unerreicht, auch unter all den anderen Interpreten Gurdjieff’scher Musik, mit Ausnahme vielleicht von Elan Sicroff, der sich dieser Faszination auch vollständig ergeben hat.

Das Pendant dazu erschien nur wenige Jahre später: Children’s Songs von Chick Corea. Pendant, weil diese Musik leicht, fröhlich und ganz und gar nicht so schwermütig auf mich wirkte. Und einfach nicht so abgenutzt klassisch klang, da hier Jazzelemente und die ungeheure Improvisationserfahrung Corea’s in einfachen, aber sehr archaisch klingenden Pianostücken, daherkamen. Sie laden mich ein ihren inneren Weg zu erkunden, die Stimmungen, die Klarheit und die lichte Weite. Auch musste ich hier gar nicht lange auf die Noten warten, die sich aber erst mal als nicht so einfach herausstellten. Chick Corea ist halt schlichtweg ein wesentlich versierterer Pianist als es Gurdjieff als Autodidakt auf seinem Harmonium je war, was sich aber zum Glück nicht als unbewältigbar herausstellte: es sind ja schließlich Children’s Songs. 

Seitdem sind viele, viele Jahre vergangen. Beide Alben gehören immer noch zu meinen Lieblingspianoalben, beide berühren mich immer noch aufs Neue. Und es waren die letzten Stücke, die mich verführen konnten, sie nach Noten auf dem Klavier zu spielen. Danach zog es mich auf das offene Meer improvisierter Musik, weg von den Bastionen des Reproduzierbaren immer weiter hinaus mit der bis heute unstillbaren Sehnsucht Strukturen und Patterns zu zerschlagen, um mich einer vielleicht nicht selten verstörenden Schönheit des Augenblickes immer tiefer anzunähern. Aber so blieben Sacred Hymns und Children’s Songs das letzte Stückchen Festland vor den Aufbruch, Finisterre.

 
 
 
       
 

 


 
 

Dies ist meine allererste ECM-Platte. Damals habe ich nicht ahnen können, zu welch bedeutendem Label ECM sich entwickeln sollte. Edition of Contemporary Music, ein Name, von einer Offenheit, die mich nach weiteren frühen Veröffentlichungen – von denen einige in meine Sammlung traten – verblüffte. Das war doch alles (nur) Jazz. Ja, vorerst schon, aber dann!

Anthony Braxton, Olivier Messiaen, Keith Jarrett, Ludwig van Beethoven, Hardangerfiedel, Duduk, Hilliard Ensemble, Ronin, Shostakovich, Ralph Towner, Oregon, Armenien, Carla Bley, Carl Philipp Emanuel Bach, Meredith Monk …

Gibt es überhaupt ein ECM ebenbürtiges Label, ein Label mit diesem Spektrum, mit einem ähnlich wagemutigen, visionären Produzenten? Würde ECM ohne Manfred Eicher noch das sein, was es seit nun bald 50 Jahren ist?

Zurück zu ECM 1004, Marion Browns Afternoon of a Georgia Faun. Ein rätselhafter Titel, jedenfalls auf den ersten Blick. Die Anspielung auf Claude Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune ist offensichtlich.

 

After returning to the United States, I was married. My wife and I went south to Atlanta, Georgia, for the winter. The music that you’re listening to is a result of that visit. AFTERNOON OF A GEORGIA FAUN is a tone poem. lt depicts nature and the environment in Atlanta. The vocalists sing wordless syllables. The composition begins with a percussion section that suggests rain drops – wooden rain drops. The second section is after the rain. Metallic sounds that suggest light. The Zomari enters followed by wooden flutes. This suggests animals of the forest. Then Chick. His solo is a gem. Like Oriental poetry. Precise, simple, yet profound and filled with transcendental wisdom. After Chick come the two vocalists surrounded by the warmth of flutes. First Anthony, then Bennie. lt ends as it began, with wooden raindrops.

(from the cover’s back side)

 

Ein Naturbild also, Faunus ist der Gott der Natur und des Waldes, der Beschützer der Bauern und Hirten, ihres Viehs und ihrer Äcker. Sanfter Free Jazz, bestimmt kein Album, das hohe Verkaufszahlen erzielt hat, ein Mauerblümchen im ECM-Katalog.

Ich habe das Titelstück irgendwann im Jahr 1971 im Radio gehört und bin sofort hellhörig geworden, weil es ein meisterhaftes Beispiel darstellte für eine Art Musik zu machen , die ich damals mit 10- bis 12-jährigen Schülern ausprobierte.

 

The music that you’re listening to is a collective experience involving six players, two vocalists, and three assistants. Although l am responsible for initiating the music, I take no credit for the results. Whatever they may be, it goes to the musicians collectively.

(from the cover’s back side)

 

Kollektives Improvisieren in kleinen Gruppen, mit Klavier, Schlaginstrumenten und sonstigen Geräuschquellen, oft nach szenischen Vorstellungen, aber auch nach musikalischen Formprinzipien, z.B. call-response-Strukturen, war das Vorhaben.

Für meinen ersten Versuch in der Reihe ECM Double Take habe ich meine verstaubten Spulen-Tonbändern durchsucht und wirklich ein Band mit Aufnahmen aus dem Jahr 1971 gefunden, das nach mehr als 40 Jahren meiner Revox A77 anvertraut wurde. Klar, für ein Album Morning of a Kronach Teacher reichen die Ergebnisse nicht im Entferntesten. Ich bin aber so frech und veröffentliche ein paar Minuten.

 
 
 

 

 

 

This was one of my first ECM records, and for many it may seem a curiosity, being the only one in Jarrett‘s long story with the German label, where he is touching eletcric keyboards. It was recorded at the end of his time with Miles as an „electric keyboard wizard“, it has the looseness of an „after hours“-session with African moods and a quite exotic flair, a million miles away from American songbooks. Jack De Johnette‘s melodic feel on drums and percussion makes up for a perfect couple of like-minded spirits. For reasons I cannot explain really, I will love this album forever. It is uncomparable with any other album they did together. There are records you have had a great story with, you offer them some good place in the back of your mind without ever revisiting them. This is one of those I return to since my teenager days. Though it got a new cover design at some point in time, I was always happy with the surreal naivety of the original cover. Let‘s speak about music sending you places …

 


 
 

Song titles such as „The Big Wind,“ „Form,“ „Walking,“ and „Aerial View“ convey a marriage of sound and word. The strong Asian influence present in much of Tibbetts‘ music is less obvious on „Northern Song“, but an openness to non-western music, as well as a reverence for the natural world and big landscapes still prevails. The songs sound like music for a locale defined by the elements and surrounded by a lot of primeval space. Space and sky, time and wind, rock and earth. More accurately, it’s the music of a rich wild nothingness. A wild nothingness sometimes dark, occasionally lonely, but just as often warm, intimate and inviting.

(Rob Caldwell, All About Jazz)

 

Of course, his albums have nothing to do with jazz. I‘m waiting for a new record by Steve Tibbetts, like I‘ve been waiting, over the years, with a similar set of joyful sensations, for forthcoming albums by other favourites of mine. Tibbetts made records of high diversity, and I nearly fell for all of them. I still think, one of his works, „Full Moon Dogs“ ist one of the most disturbing and wild hardcore „fusion records“ ever made. For „Big Map Idea“, I wrote the liner notes. When he called his last and very sophisticated CD, „Natural Causes“, with a sense of irony, „a three-legged dog“, what can we expect from his forthcoming work: an army of cats? Wait and listen!

(m.e.)

1982 gehört zu meinen wildesten Jahren, und so wundert es mich, dass ich mich nicht daran erinnere, wann und wie  mich, an einem Tag in jenen zwölf Monaten, die mich gnadenlos durch Höhen und Tiefen purzeln liessen (mit meiner tätigen Mithilfe), via „jazz py post“ (wie sonst am Ende der Welt) ein Päckchen aus München erreichte, mit Gary Peacocks „Voice from the Past“ – diese Wahnsinnsmusik hätte sich, auch mit dem farbig aufgerissenen Himmelsmotiv, bestens in meinen Soundtrack jenes Jahres eingefügt.

 

Noch heute produzieren die Kompositionen Gänsehaut, so eindringlich, dass man sich ihnen ganz hingeben muss, lauschend: eine Traumgruppe hatte der amerikanische Basssist um sich geschart, und von dem stetig befeuerten Jack DeJohnette abgesehen, spielten Tomasz Stanko und Jan Garbarek mit einer Furiosität,  von der sie in nachfolgenden Jahrzehnten weitgehend ablassen würden, zugunsten anderer Spielideale. Als sollten es die Soli ihres Lebens werden, als würden sie ALLES hineinlegen! Selten passt das Wort „entfesselt“ mehr, und auch die im Titel zu vernehmende „Stimme aus der Vergangenheit“ kommt eher aus slawischen Urwäldern und des Bassmannes Erinnerungen an Jazzclubzeiten mit Albert Ayler, als aus einem idyllischen Shangrila.

 

„Guamba“ erschien fünf Jahre später, 1987, an das Cover erinnere ich mich, denn ich mochte es auf Anhieb, und es gibt einige dieser Art, bei denen sich sonderbare Gestalten im Vordergrund eher im Kontakt befinden mit dem Horizont und dem Abgelegenen als der Porträtlaune eines Fotografen zu folgen (man denke nur an den Wanderer auf einer John Surman-Platte, „The Amazing Adventures of Simon Simon“).  Instrumental gesehen ist es die gleiche Besetzung, allerdings spielt neben Jan Garbarek Palle Mikkelborg Trompete (ich habe zwei Lieblingsscheiben, an denen der Däne mitwirkt, „Waves“ und „Returnings“, gerade mal vier Jahrzehnte liegen zwischen ihnen, wer sagt, Zeit fliegt?), und am Schlagzeug sitzt Peter Erskine.

 

In meiner leicht pastell getönten, flüchtigen  Erinnerung (ich verlor das Werk bei irgendeinem Umzug) ist das Album im Vergleich viel melodischer, weniger ekstatisch. Es hat also bei mir nicht so viele Spuren hinterlassen, und doch möchte ich es gerne auf Vinyl wiederhören. Ich wäre sehr, sehr gespannt, wie dann diese „Stimme aus der Vergangenheit“ tönt.

2018 5 Apr

ECM – Double Take (prelude)

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This will be a new series, and nearly everyone can contribute. The double review of Jakob Bro and Yo la Tengo (the albums of this month) maybe strange, on first sight, but makes sense. This forthcoming series does not imply extended reviews, but short reflections on two (!) new, old, ancient, whatever ECM albums of your choice. It can include personal memories, memories of first listening experiences, a change of perception within years, quotes of other reviews, fictional elements. My first text will be about two Gary Peacock albums, „Voice from the Past“, and „Guamba“. The first one is one from my 100 favourite ECM albums of all time, the second one a record I have simply lost – now having to rely on pale memory only. Interesting. Gregor, for example, could make some „Plattenschrank Openers“ with this „Double Take“ as second title :)

 


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