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2023 26 Okt

Enophilharmonie

von: Olaf Westfeld Filed under: Blog | TB | Tags: , | 13 Comments

Wie Alex war ich am 24.10. bei dem Konzert von Brian Eno mit dem Baltic Sea Philharmonic in der Philharmonie, Berlin. Ich kann einerseits seinem Post kaum etwas hinzufügen, andererseits habe ich doch einiges anders gehört, deswegen hier noch einmal eigenständig… los ging es schon einmal magisch: angeführt von den Querflöten, denen auch die ersten tastenden Töne gehörten, kamen die Musiker des Kammerorchesters leise auf die Bühne. Während des ganzen Konzerts bewegten sie sich dort scheinbar frei und wurden von dem ‚Dirigenten‘ (auch auf mich wirkte er wie ein Animateur) Kristjan Järvi in unterschiedliche Konstellationen zusammengeführt. Eno, der als letzter sehr unauffällig die Bühne betrat, stand neben einigen anderen Musikern (Percussionisten, Sänger, Gitarrist, Laptop,…) auf einer zweiten Ebene. 

Die ersten Hälfte des Konzerts gehörte The Ship, einem Werk das mir weitgehend unbekannt war, ich hatte es bei Erscheinen nur einmal gestreamt – zwar für gut befunden, aber mein Geld dann für andere Alben ausgegeben. Die 45 Minuten gingen schnell vorbei. Schroffe Klanglandschaften, von idyllischen Lichtungen unterbrochen wurden, um dann zu verwirbeln; immer wieder fanden neue Instrumente in neue Konstellation zueinander, die aber immer nur kurz zusammen blieben. Wave After Wave After Wave… Die Flüchtigkeit war aber immer spannend, nie beliebig; eine große improvisatorische Anstrengung der Musiker und sicher eine besondere Leistung des Dirigenten. 

Für mich waren die Songs der zweiten Hälfte der Höhepunkt, also ab I‘m Set Free. Eno war zwar etwas erkältet und dadurch nicht im Vollbesitz seiner Stimme, aber das tat der Magie keinen Abbruch. Die Art und Weise wie das Orchester bei den Pop Stücken – zwei von Another Day On Earth, zwei von Forevernomore,dazu By This River – eingesetzt wurde, hatte nichts zuckriges, kleberisch-kleisterhaftes – kein elegischer Hustensaft für Enos heisere Stimme. Die Musiker schufen kleine Partikel, Töne, die atmosphärisch durch die Stücke schwebten, eine zusätzliche Klangquelle, um neue Räume zu erschließen. Apropos: der Klangraum eines Konzertsaals ist etwas ganz besonderes, auch wenn ich für perfekten Raumklang etwas zu weit seitlich saß. Die Freude der Musiker war jedenfalls ansteckend, die stehenden Ovationen am Ende mehr als verdient.

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13 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Zum Baltic Sea Philharmonic:

    https://baltic-sea-philharmonic.eu/de

    Ein paar Gedanken zu einem Konzert, bei dem ich leider nicht dabei sein konnte.

    – Es ist ein langer Weg von den gewitzten Dilettanten des Portsmouth Symphonia (Brian könnte da viele Stories erzählen) bis zur Baltic Sea Philharmonic, aber eine soziale Dimension, ein Aufbrechen klassischer Orchesterstrukturen vereint beide.

    – ich bin sicher, das jedes Mitglied der „Baltiker“ ganz intensiv, wieder und wieder, die Musik von THE SHIP gehört, in sich aufgenommen hat, evtl. mit einigen Transkriptionen fürs Notenpapier (es gab 2016 keine Notationen für das Album), um bei den Aufführungen fesselnd improvisieren zu können.

    – Brians Stimme kann nicht mehr in die höheren Stimmlagen vorstossen wie einst, und so muss er sehr bedacht die Songs auswählen. BACK IN JUDY’S JUNGLE (1974) oder HERE HE COMES (1977) könnte er heute nicht mehr mit dem alten Feuer ausstatten, SPINNING AWAY (1990) auch nicht, um mal drei weitere zeitlose Songs ins Spiel zu bringen von drei grossartigen Alben. Heute ist da eine andere Gravitas im Spiel. Er hat seit den frühen Songalben immer wieder Wege gefunden, die Stimme in Sound zu verwandeln, selten so facettenreich wie auf dem 2005er Album ANOTHER DAY ON EARTH.

    – Wie unheimlich fantasievoll (voller impacts) dabei Vocoder und neuere Software zur Stimmmanipulation eingesetzt werden können, zeigte sich in letzten Jahren auf bezaubernden Werken von Justin Vernon, und vor allem Kurt Wagner (Lambchop). Wie gerne hätte ich in Berlin diesen einen Song von ANOTHER DAY ON EARTH gehört, der mich in den passenden Momenten zu Tränen rühren kann!

    – Auch wenn ihm noch hoffentlich viele kreative Jahre bevorstehen, vermute ich, dass dies seine Abschiedstour war (ein wenig crazy klingt das, weil Brian sowieso herzlich wenig getourt ist seit seinen Roxy Music Tagen)…

    – Mir scheint, eine enorme Qualität des Albums THE SHIP, jedem Pathos des klanglichen Ausdrucks aus dem Weg zu gehen (indem Brian die Texturen (nach einem möglichen Aufwallen) stranden versanden, abtauchen lässt), sehr, sehr gut auf die Darbietung im orchestralen Rahmen gelungen zu sein.

    – Ich kann mir mittlerweile den Berliner Abend gut vorstellen, aber es gibt keine Ersatz zum Dagewesensein, nicht mal eine CD. Allein schon wegen des Spiels mit Licht und Dunkelheit. Dann also bitte eine BluRay vom Auftritt in Venedig. In Atmos. Oder in grossen alten Lichtspieltheatern. (Oder es wird so kommen wie vor Wochen beim „Abend für Manfred Eicher“ in der Elbphilharmonie. Der Deal war: DIE MAGIE DES MOMENTS. Keine Aufzeichnungen.)

    – Alles, was Brian Eno und Manfred Eicher nunmehr produzieren, jeder auf seine Art, zählt zu ihrem Spätwerk. Und es wundert mich kein bisschen, dass da so gut wie nichts aus der Zuckerbäckerei kommt. Die eigenen Visionen sind beiden so viel mehr wert wie die sentimentale Selbstinszenierung. Men in the background, fürwahr! (meine Empfehlungen für den Herbst: Nitai Hershkovits: Call On The Old Wise / Palle Mikkelborg – Jalob Bro – Marilyn Mazur: Strands / The Gurdjieff Ensemble: Zartir // Brian Eno: Top Boy (O.S.T))

  2. Michael Engelbrecht:

    Hier die Version von AND THEN SO CLEAR aus dem 2005er Werk Another Day On Earth in Venedig. So geht das OHNE Pomp, brilliant.

    https://www.youtube.com/watch?v=SDN9BfgqwsE

    Aus einem alten Interview, Berlin 2005

    Michael Engelbrecht: Der zweite Song, „And Then So Clear“, entführt den Hörer in eine bizarre Schnee- und Stimmenlandschaft. Eine sehnsüchtige Melodie, deine Stimme voller Risse und Sprünge…

    Brian Eno: Ich benutze für den Song „And Then So Clear“ ein elektronisches Hilfsmittel, um meine Stimme eine Oktave zu heben. Oft versuchen Musiker, den Eindruck des Artifiziellen zu glätten , wenn sie solche Mittel einsetzen. Viele würden diese seltsamen Einrisse sofort entfernen, wenn die originale Stimme für den Bruchteil einer Sekunde  durchbricht oder die Maschine die Stimme nicht korrekt in der Spur hält.

    Ich dachte hingegen, daß alle Fehler in der Maschine die Stimme noch anrührender machen, noch bewegender. Mir stand der Sinn nicht nach einer Maschinenstimme. Ich wollte etwas Halb-Menschliches, Halb-Maschinelles, das nicht richtig rundläuft und wie ein Geisterwesen um Menschlichkeit ringt. Ich ließ also all die kleinen Probleme  mit dem Sound  unangetastet. Ich lasse  Technologie gerne scheitern und erkläre das Scheitern zum Teil des Bildes.

  3. Hans-Peter Müller:

    So geht das OHNE Pomp, brilliant

    Sorry, wenn ich widerspreche.
    1. Der Dirigent stört.
    2. Die Interpretation mit Streichern ist, nun …, für wen? Aufdringlich. Ganz anders Eno beim Acropolis Konzert (das man glücklicherweise immer noch auf YouTube findet).
    3. Auch By this River im Anschluss. Abgesehen von der brüchigen Stimme Enos (verziehen, da offenbar nicht ganz gesund): Was soll das? Von dem immens emotionalen Stück gibt es viele Versionen im Netz, die besser sind.

  4. Michael Engelbrecht:

    Ich kann verstehen dass manche diese Art des „Dirigierens“ nicht mögen Ich habe kein Problem mit dem Rumspringer:)

    Ohne Pomp, so empfinde ich es halt: diese alten Stücke werden nicht künstlich aufgeblasen, verkitscht, und behalten in diesen neuen Versionen ihr Etikett bei: „Vorsicht, fragil“.

    Für mich bleibt die Version auf der alten Schallplatte von 1977 die beste, aber es ist fesselnd, sie im Kontext eines unorthodoxen Orchesters zu erleben.

    Aus dem Interview von 2005:

    Michael: In deiner Musik schwingen oft ferne Landschaften mit. Als du mit Harmonia Musik gemacht hast, ungefähr in der Zeit, als mit Moebius und Roedelius die Alben „Cluster & Eno“ bzw. „After The Heat“ entstanden, Mitte  der Siebziger Jahre, da hast du ja selbst mal auf dem Land gelebt, im Weserbergland…

    Brian Eno: Es war eine sehr angenehme Zeit, dort zu arbeiten. Es war eine Art Luftblase in meiner Geschichte. Teilweise, weil es eine so entlegene Gegend war. Wir arbeiteten nicht weit entfernt von diesem mächtigen Flußlauf. Der Song „By The River“ aus meinem Album „Before And After Science“ ist an diesen Ort gebunden. Wir lebten in diesem sehr stillen ruhigen alten Bauernhaus. Die Weser war dort ein schneller, fast rasender Fluß. Mir kam er vor wie ein Bild für die ungeheuer schnell verrinnende Zeit. Demgegenüber wirkte das Leben in dem alten Haus noch ruhiger! Die Musik, die dort entstand, besaß etwas Magisches. Wie können wir aus Nichts Etwas machen? Das war die Kernfrage. Wie bei einem Zaubertrick. Wir hatten nur einfache Instrumente, ein einfaches Studio. Ich weiß nicht mal, ob ich irgendwas mitgebracht hatte. Wir benutzten einfach, was in dem Raum vorhanden war, und das war nicht viel.

  5. Olaf Westfeld:

    Viele Versionen, die der eine oder andere besser finden kann, gibt es von so großen Songs wie „By This River“ wohl immer. Das Akropolis Konzert war ganz anders, reduzierte, sparsame Interpretationen, aber auch toll. Das Konzert in Berlin war dann eher Maximalismus. Und der Dirigent… dessen Selbstdarstellung war etwas zweifelhaft, aber ich glaube, der hat nen richtig guten Job an dem Abend gemacht.

  6. Michael Engelbrecht:

    Maximal minimalism😉

  7. Michael Engelbrecht:

    Nach all diesen Konzerterlebnissen stand es mal wieder Spitz auf Knopf: nach Utrecht wären es zwei Stunde gewesen, und eine Pressekarte easypeasy. Aber dann sagte ich mir. Mhmm, ich zünde einfach eine Kerze an, lege The Ship auf (warum heisst dass neue Vinyl coke green und nicht maritime green), und betrete das Schiff in aller Ruhe. Gedacht getan. Ein wall of sound ist beides, die orchestrale und das vinyleske Version. Aber sinken / versinken, das geht für mich am besten home, in the dark.

  8. Anonymous:

    Konzertbericht, Eno, Baltic, SHIPS, von UNCUT

    https://www.uncut.co.uk/reviews/live-brian-eno-baltic-sea-philharmonic-royal-festival-hall-london-30-10-23-144119/

  9. Michael Engelbrecht:

    Und noch eine sehr lesenswerte Konzertberichterstattung, in voller Länge in TheArtsDesk zu finden, von Mark Kidel. Darin heisst es, zum Ende…

    „… Hier wird nichts vorgespielt, und selbst die Vokalbearbeitungen tragen eher zur Menschlichkeit des Sängers bei, als dass sie sie abschwächen. Bei aller hymnischen Qualität der Höhepunkte, die Eno den dicht gewebten Klangwellen des Orchesters entlockt, gibt es eine Unschuld, die im Kontrast zu dem steht, was dem Bombastischen gefährlich nahe kommt. Es ist eine Art musikalische Zurückhaltung, die vielleicht mit der typisch englischen Qualität seiner Arbeit zusammenhängt.

    Wenn er sich an das Publikum wendet und sich für seine durch eine Erkältung leicht angeschlagene Stimme entschuldigt oder über die Schrecken in Gaza und im Nahen Osten spricht, tut er dies ohne den geringsten Anflug von Pose. Er ist sichtlich aufgewühlt. Er schafft es, auf der Bühne ganz er selbst zu sein, hundertprozentig. Vielleicht ist das der Grund, warum er es sich nicht zur Gewohnheit macht, live aufzutreten, denn sich auf diese Weise zu entblößen, ohne die Personae, die die quasi priesterliche Rolle eines Rockmusikers erträglicher machen, ist ein Weg, der mit psychologischen und emotionalen Schwierigkeiten verbunden ist. Klugerweise überlässt er in diesem Fall die Rolle des Frontmanns dem Orchester und seinem charismatischen Dirigenten Kristjan Järvi. Er steht im Hintergrund, wenn auch manchmal durch ein starkes Scheinwerferlicht hervorgehoben, als eine Art Anstifter im Hinterzimmer und nicht als ein aufgeblasenes Ego, das sich zur Schau stellt.“

  10. Alex:

    Schon aufschlussreich, dass sie seit dem Konzert in Utrecht am 28.10. jetzt gegen Ende auch Bone Bomb aus Another Day on Earth von 2005 spielen, wo es ja um ein palästinensisches Mädchen geht, das zur Selbstmordattentäterin wird. Während der Detonation werden ihre Knochen zu Schrapnell, also zur Waffe. Eno bezieht damit ganz klar Stellung. Angesichts des Massakers der Hamas finde ich das etwas schwierig.

  11. Michael:

    Mittlerweile gibt es auf palästinenischer Seite viel mehr unschuldige Opfer als auf der israelischen Seite. Und faschistoide Chefideologen auf israelischer Seite versteigen sich zu Behauptungen, demnach das Töten unerlässlich sei, um das Morden zu unterbinden. Da nimmt man halt die toten Kinder, die toten Eltern in Kauf. Widerlich. All these innocent people on both sides! Der Kriegsherr N. hat schon lange nicht mehr das Recht auf seiner Seite. Weil er das Recht auf Selbstverteidigung exzessiv auslegt und so selbst zum Kriegsverbrecher wird. Mehr und mehr willkürliche Erschiessungen von wiederum unschuldigen Palästinensern von ebenfalls faschistoiden Siedlern.

  12. Michael:

    Etwas Quellenforschung zu dem Song Bone Bomb aus meinem 2005er Interview zu dem Album Another Day On Earth

    Michael: Springen wir kurz ans Ende. „Bonebomb“ ist große unerbittliche Musik. Erzählt sie von Geistern, von Untoten?

    Brian Eno: Die Geschichte hinter diesem Song ist bitter. ich las vor Jahren eine Zeitung, in der auf einer Seite zwei Artikel über palästinensiche Selbstmordattentate waren. In dem einen wurde der Prozess beschrieben, den eine junge Frau durchlaufen muß, um in diese Rolle hineinzuwachsen. Der Artikel basierte auf einem Brief, den ein Mädchen hinterlassen hatte. Wenn sich jemand für diese Art von Märtyertum hergibt, dann weiß das jeder in der kleinen Gemeinde, und man betrachtet das Mädchen als eine schon Gestorbene. Sie haben dann den Status von Auserwählten, die bereits im Himmel sind und daher als Heilige gelten an den letzten Tagen ihres Lebens. Für „Bonebomb“ habe ich eine weibliche Stimme eingesetzt.

    Michael : Also wird dieses verstörende Stück Musik aus einer Innenperspektive entwickelt. Aber es kommt eine zweite Ebene hinzu, Teenager in der amerikanischen Provinz, die von wunderschönen Todesarten träumen und Bilder von Popstars über ihren Betten hängen haben. Das Wirkliche ist hier porös, aber es ist auf dem ganzen Album porös! Und auf keinem deiner vier vorigen Songalben aus den Siebziger Jahren hast du ein dermaßen schroffes Ende gewählt. Hier überschlägt sich die Musik ins Nichts.

    Brian Eno: Ganz sicher. Und auf derselben Seite war ein anderer Artikel, in dem ein israelischer Arzt sagte, daß eine der schlimmsten Dinge beim Umgang mit den Opfern darin bestehe, daß man Knochensplitter aus den Leichen der Getöteten entfernen muß, die von den Attentätern stammen, die ja bei der Explosion in Stücke zerrissen werden. Ein Horrorbild vom Verschmelzen zweier Körper, Horror im 21. Jahrhundert.

  13. Alex:

    Das war sicherlich das erste und letzte Konzert, welches ich von Eno besucht habe:

    3sat.de / roger-waters-brian-eno-und-der-anisemitismus-vorwurf …


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