Am kommenden Dienstag werde ich in Calais ankommen und ein Ticket für die Fähre lösen. Es wird dann schon einige Jahre her sein, dass Alex Woods an diesem Ort der grauen Hafenanlagen auftauchte, mit viel Marihuana und einer Urne voller Asche. Was ich auf meiner Reise erleben werde, wird hier zu lesen sein. Die Geschichte von Alex Woods – Sie würden diese Erzählstimme so leicht nicht vergessen – können Sie bereits nachlesen. Sie erzählt von einem jungen Aussenseiter, der von den Resten extraterrestrischen Gesteins getroffen wird, und sich dadurch eine Epilepsie einhandelt. Sie erzählt vom Leben und Sterben, und ganz viel von Kurt Vonnegut. Ein anrührendes Leseerlebnis für jung und alt und mittelalt. „The Universe vs. Alex Woods“ heisst das Buch im Original, die deutsche Übersetzung ist etwas plakativer: „Das unerhörte Leben des Alex Woods, oder warum das Universum keinen Plan hat“. Den Namen „Extence“ habe ich noch nie gehört, vielleicht ist das ein Künstlername, und Gavin heisst im realen Leben Existence.
2014 27 März
Der Debutroman von Gavin Extence
von Michael Engelbrecht | Kategorie: Blog | | 2 Comments
Das der heutigen ZEIT beiliegende Magazin ueber Maenner war fuer mich schnell durchgeblaettert. Kermit der Frosch (!) auf dem Titel, Headline darueber: Ueber sich selbst lachen ist maennlich. – Im Heft immerhin: Nick Hornby !
DIE ZEIT: Was wuerden Sie also einem 25-jaehrigem raten, dessen Freundin ihm sagt, er solle doch bitte weniger Fussball schauen oder Musik hoeren?
NICK HORNBY: Kuemmer‘ dich nicht drum. Hoer‘ noch mehr Musik ! Aber ich wuerde ihm auch sagen: Versuche, mehr wertzuschaetzen und zu lieben, was die Musik aussagt. Ihren Inhalt. Und verschwende nicht so viel Energie darauf, alle unterschiedlichen Aufnahmen desselben Stuecks zu bekommen. Ausserdem: Was ist denn der Unterschied zu Frauen, die eine halbe Stunde lang am Telefon miteinander reden und dann am Ende sagen: „Jetzt haben wir uns aber noch gar nicht richtig miteinander ausgetauscht.“ Das sagt meine Frau manchmal nach Telefonaten mit ihren Freundinnen. Wie verlieren uns doch alle oft in Details, statt uns mit dem grossen Ganzen zu befassen. Wenn es um etwas Emotionales geht, um Kommunikation, wird gesagt, dass das okay ist. Aber ist die Substanz der Kommunikation wirklich immer mehr wert, als Musik zu hoeren? Das bezweifle ich.
Das Album hat zwar nur einen Track, aber es lassen sich darin sehr wohl einzelne Teile und Übergänge unterscheiden. Acht insgesamt, was aber weitere Unterteilungen nicht ausschliesst.
Das Stück beginnt mit leise schwingenden Pianosaiten, in die sich diffuse Obertöne mischen, was wiederum mit dem Klang von Gongs und Becken interagiert. Nach vier Minuten setzt ein unregelmäβig sich wiederholendes fragmentarisches Pianomotiv ein. Es klingt wie ein Anfang, der nicht kommen will mit dem Effekt, dass die dadurch genährte subbewusste Hörererwartung beiläufig in sich zusammenbricht. Womit Geist und Weg frei wären für reine Klanglichkeit und darin verborgene Melodiosität.
Persistente Tappen der Baβsaiten und Perkussion erzeugen sodann eine etwas unheimliche, drohende Atmosphäre. Das Ganze funktioniert allerdings nicht im Sinne herkömmlicher Klangmalerei. Es ähnelt vielmehr der Kulisse oder dem Ensemble realer Naturgeräusche mit ihren ganz eigenen Kadenzen, die sich bei intensivem Lauschen zu Stimmungen verdichten. Nach achtzehn Minuten taucht zum erstem Mal so etwas wie ein Ostinato auf, das durch Drumrolls unterstützt wird. Nach weiteren fünf Minuten entsteht daraus ein pastorales Ambiente. Der Pedalton splittert sich in einen spektralen Orgelton auf, der um die achtundzwanzigste Minute hinübergleitet in einen kreisenden Drone.
Hieraus entwickelt sich so etwas wie das Geräusch, der Klang eines Dust Devil, einer Windhose, das Geräusch, der Klang eines aufkommenden Zyklons und schliesslich der Klang einer anrollenden enormen ozeanischen Flutwelle. Es ist beeindruckend, wie dies aus der Klangkumulation dreier zusammenwirkender akustischer Instrumente entsteht.
Es wird immer deutlicher, dass das Ganze einer naturähnlichen Klanglogik folgt, wie man sie in der Geo- und Biophonie findet. Durch die Reibungen verschiedener Schichten entsteht ein Gesang, der sich über dem Ganzen erhebt. Zum Schluss breitet sich eine unbestimmte Landschaft aus mit einem immer langsamer werdenden, ersterbendem Puls. Überraschend taucht daraus auf einmal erneut das Anfangsmotiv auf, das sich zu einer fast choralhaften Stimmung verdichtet.
Die repetitiven Muster, die hier auftauchen, sind meistens ganz anderer Art als die aus gängigen Varianten von Minimal Music. Der im Zusammenhang mit der Musik der Necks häufig gebrauchte Vergleich mit Minimal Music hinkt einfach. Man könnte hier sogar fast besser von Maximal Music sprechen, weil der Einzelklang in seiner ganzen Dimensionalität (und Spektralität) maximal entfaltet wird und zum Tragen kommt.
2014 26 März
war was, was war
von Henning Bolte | Kategorie: Blog | Tags: Bimhuis, The Necks | | Comments off
Ja, ein Versuch der Beschreibung der Musik, die The Necks machen, auf Tonträger aufgenommen. Und live. Von ihrem kürzlichen Auftritt im Bishopsgate Institute in London gibt es HIER einen Bericht.

Bei ihrem Amsterdamer Konzert im Bimhuis spielten The Necks zwei Sets mit Musik von deutlich unterschiedlichem Charakter.
Im ersten Set werden zunächst – ähnlich wie auf dem letzten Album – Wahrnehmungsfelder geöffnet, Wahrnehmung geschärft.

The Necks © FoBo – HBolte
Einerseits entsteht aus dem Zusammenfliessen der Instrumente ein Klangraum. Andererseits werden nach und nach in der entstehenden Tiefenschärfe faszinierende Details hörbar. Nach etwa zwölf Minuten hat sich der Klangraum nicht nur in voller Entfaltung aufgebaut.

Tony Buck © FoBo – HBolte
Man konnte meinen, es mit einer pulsierenden Wolke elektronischer Klänge zu tun zu haben, aus der sich wechselnde Gestalten herausdestillieren.
Es ist schwer zu fassen, dass dies tatsächlich einzig der stetigen Bearbeitung dieser drei akustischen Instrumente entspringt, von denen jedes seiner ganz eigenen stetigen Logik folgt und gleichzeitig die Folge tiefen Hineinhörens in den Klang auch der anderen ist.

Lloyd Swanton © FoBo – HBolte
Der erste Set bot zwei Stücke. Im Pianospiel des zweiten Stücks formten sich Wassercharakteristiken aus, während der Bass den Wind hören und das Schlagzeug die Wolken ziehen liess und sie zusammen diese Landschaft vor sich hertrieben.

Chris Abrahams © FoBo – HBolte
Der zweite Set hatte einen gänzlich anderen Charakter, ein ganz anderes Temperament. Es ging ruppiger und stossender zu, was nicht nur eine andere Bewegungsart beinhaltete, sondern auch ein andere Art der Wechselhaftigkeit. Das Wechselspiel von stetigem Fortfahren in der jeweilig eigenen Spur und aufeinander zuarbeiten, erreichte hier nicht dasselbe Level wie im ersten Set.
Die Stücke, das zeigte das Konzert deutlich, werden nicht vollständig aus dem Moment erschaffen. Es sind vielmehr gegebene Stückcharakteristiken, anhand derer aus dem Moment heraus das Stück immer wieder neu erschaffen wird.
Dietmar Darth, von mir hochgeschaetzter Schriftsteller – sein Roman „Waffenwetter“ !! — schreibt regelmaessig fuer die „FAZ“. Seine Hymne auf Diana Ross, die heute ihren siebzigsten Geburtstag feiert …
Wahrlich, so muss man formulieren können !
Auszuege:
Wer heute den Sog aus jenseitiger Sehnsucht in diesseitiges Festhalten hört, der „Stop! In the Name of Love“ heißt, wer die jede leibesmögliche Erfüllung im vorläufigen Verzichtenmüssen vorwegnehmende schwere Süße von „You Can’t Hurry Love“ oder die sexy Ausgeschlafenheit von „Buttered Popcorn“ („Ah, and salty and gooey and sticky“) wiederfindet, muss wohl glauben, dass Menschen vor fünfzig Jahren aus denkendem Konfekt gemacht waren, statt, wie heute, aus Genetik und Sozialdressur.
(…)
So ließ sie nach Ausflügen in die Schauspielerei und Versuchen als Produzentin von Fernsehshows Ende der siebziger Jahre ihren Vertrag mit Motown auslaufen, um es sich im Amt der Diva nicht zu bequem zu machen – und meldete sich dann mit einem von den Disco-Funk-Genies Nile Rodgers und Bernard Edwards destillierten messerscharfen Blättchenschokosplitter namens „Upside Down“ zurück, der in nur zwei Songzeilen heiter-beiläufig das gesamte Spektrum ihrer Sängerinnenseele durchquerte: „Respectfully I say to thee I know that you’re cheatin’ when no one makes me feel like you do“ – die minneverzückte oder religiös entflammte Anrede „thee“ steht da direkt neben der lässig-straßensmarten Verkürzung des „cheating“ (mit, wie die Phonetik sagt, velar-nasalem Endkonsonanten) zu „cheatin‘’“ (mit alveolarem Endkonsonanten) – der Kontrast zwischen Göttin und Gör, den sie da ausspielt, als wäre er Kleingeld, sagt auch, dass sie sich einfach nimmt, was sie gebrauchen kann, dass sie also nicht etwa die ausführende Sängerin für Rodgers und Edwards ist, sondern diese beiden ihre Zulieferer sind.
On May 1st, round about midnight, on this site! You want something really surprising, executed with sharp humour and good stories, food for thought, a possible trigger for deep emotions, a touch of happiness, a big smile on your face? I’m just asking. I mean this happens here anyway on a quite regular basis, but the “burner” on May 1st is something very special. So, make a mental note, come here, and don’t get nervous. Once posted with care and enriched with photos and, maybe some drawings, it will stay here forever! Nick Hornby will have fun reading it.
2014 26 März
… die letzten Klanghorizonte in aller Herrgottsfrühe (Update)
von Michael Engelbrecht | Kategorie: Blog | | Comments off
Bevor im Deutschlandfunk die Radionacht „umformatiert“ wird, und die Klanghorizonte dann alle zwei Monate , XXL-mässig, dreistündig, und durchweg live stattfinden (mein Startschuss ist der 21. Juni, von 1.05 Uhr bis 4.00 Uhr), bin ich noch dreimal am Start mit dem Hahnenschrei-Termin um 4.05 Uhr, am kommenden Samstag, dem 29. März, sodann am 12. und 26. April. Am 1. Mai moderiere ich die JazzFacts. (Zu den neuen, alten Klanghorizonten s.a. Blogeintrag vom 21. März).
2014 25 März
Sometimes I like lyrics I do not completely understand, because of this verse or that verse or a special vibe lingering between the lines, and when the song fills some holes, good, and when the same song leaves some holes untouched, that’s even greater, for example Elbow’s „Charge“
von Michael Engelbrecht | Kategorie: Blog | | Comments off
I am electric
With a bottle in me
Got a bottle in me
And glory be these fuckers are ignoring me
I’m from another century
I am a preacher
When I’ve got it on me
And I’ve got it on me
And glory be these fuckers are ignoring me
We never learn from history
Hey
I am the beau who loved her so in every song
And I designed that little mystery on your tongue
I’ve broken jaws protecting laws to keep you free
I made your day so take a seat by me
I am an old tree
Gonna talk my jaw free
Someone come and get me
Another night beside myself would finish me
Give us G & T and sympathy
I am the diehard with an empty dance card propping up a young bar
I’m pouring oil in double time upon the troubled rising tide inside of me
Upon my history
1. Far North
2. Way Down South Suite
3. Flame
4. Longer
5. Pent – Up House
This is the tracklist.
A live recording from 2008.
By one of those guys you can (without cliche) call a living jazz legend.
Four compositions by the man himself.
One composition by Sonny Rollins.
Out this friday. White cover. Black letters.
A tracklist like a poem, or a story with five chapters.

Und nocheinmal Vorfreude: Der unermuedliche Steven Wilson! Hoch gelobt fuer seine Stereo- und 5.1. Neuabmischungen alter Progrock-Klassiker von EMERSON, LAKE & PALMER, JETHRO TULL oder KING CRIMSON ist er auch in eigener Sache nicht untaetig, eher im Gegenteil. Nach THE RAVEN THAT REFUSED TO SING erscheint nun ein Doppel-Vinyl dass von ihm in den letzten sieben Jahren solo aufgenommene Coverversionen versammelt.
Die Auswahl ist recht spannend – wer haette gedacht dass sich Steven Wilson fuer ABBA’s „The Day Before You Came“, einem meiner all time favourite tracks der Schweden begeistern wuerde ? – Die DLP ist bestellt, Ende naechster Woche ist VÖ und ich werde hier erste Hoereindrucke berichten ! Stay tuned.