Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2016 5 Apr.

Ritt entlang des Bodensees

von | Kategorie: Blog | Tags:  | | 10 Comments

 

 
 
 

Er hat dieses Haus gebaut und er hat diesen Garten angelegt. Den Hauptweg „pflasterte“ er mit Manuskripten und Büchern. Er hat eine ganze Generation „aphrodisiakatisiert“, seine Jünger folgten ihm in langen Gewändern mit Lorbeerkränzen auf den Häuptern. Zu diesen Wandlern gehoerte ich nicht, ich war auch nie eine eifrige Leserin seiner Werke. Ich teile sicher mit ihm die Unruhe und den Reisegeist, der durch das Entdecken der Vielfalt, mit Freude belohnt wird.

Hermann Hesse wohnte in diesem grossen Haus in Gaichingen auf der Hoeri nur 5 Jahre. Warum er das schöne Anwesen verliess, laesst sich nur vermuten. Entweder er dachte wie Michel Leiris: „sich leicht wie eine Feder machen“ oder er konnte die Bodenseepeople nicht ertragen, hier haben sie einfach zu viele Gene von Lehrer Lempel oder er konnte den Sauerampferpudding von seiner Mia nicht mehr sehen.

Der Bodensee ist mir in seiner riesigen Ausdehnung unheimlich. Ich fuhr mit dem Rad auf der Schweizerseite entlang (von Konstanz bis Steckborn 35km). Auf dem Rückweg sehnte ich mich nach dem freien Platz neben Neil Young. Mein Wochenhit: Glimmer auf STORYTONE.

 

2016 4 Apr.

El Gato und Lars G.

von | Kategorie: Blog | | Comments off

Sie drehte sich eine Zeitlang wie verrückt bei mir, wohl nach „A Love Supreme“ eine meiner meistgespielten Schallplatten von Impulse Records. „Latin America, Chapter 1“. Die Folklore reichte weit und tief in die Pampas, ins kleinste Hüttendorf, weit über den Tango der Nachtclubs von Buenos Aires hinaus. Was Teenager  so alles hörten, in der alten Bundesrepublik, um gepflegten Hecken und Gartenzäunen zu entkommen! Solch sinnestrunkene Tollkühnheit gelang Gato Barbieri, extrem reduziert, auch auf seinem Soundtrack zu „Last Tango in Paris“. Eine Lieblingsplatte von Harold Budd. Dass Gato Barbieri, Charlie Haden und Don Cherry sich bestens verstanden, ist naheliegend. Man höre nur, ein anderer Dauerbrenner aus meinem Impulse-Katalog damals, Charlie Hadens erstes Opus mit dem „Liberation Music Orchestra“.

El Gato ist am Samstag gestorben. Lars Gustafsson auch, der alte Schwede, das ist eine andere Geschichte, die mich aber auch, erinnerungstechnisch, in die 70er Jahre führt. Mein Lieblingsbuch hatte den schrägen Titel „Sigismund – Aus den Erinnerungen eines polnischen Barockfürsten“. Es drehte sich ums Fahrradfahren, das Ende der fossilen Brennstoffe, und revolutionäre Gesinnungen. Herr Gustafsson konnte einen gut in die Irre führen, später ging ich einmal mit ihm speisen, in Recklinghausen, wir sprachen über einen anderen, dunkleren, Roman, „Die Sache mit dem Hund“. Er war ein Philosoph, ein schlauer Fuchs, neben all seinen Romanen schrieb er auch formidable Lyrik. Wenn da einmal Musik vorkam, kam sie aus der Ecke von Bach. Lesenswert der Nachruf von Thomas Steinfeld in der SZ von heute. A propos Johann Sebastian, einer seiner Gedichtbände heisst „Die Stille der Welt vor Bach“. Und eines seiner schönsten Gedichte, „Wie die Winter einmal waren“, lautet so (und man kann durchaus dazu Gatos Klängen zum letzten Tango in Paris lauschen):

 
 

Dieser kalte grüne Streifen
welcher der Morgen war
hatte mit uns
nichts zu schaffen.

Und feierlich stieg senkrechter Rauch
aus den Schornsteinen auf.
Zu einem Gott, der Gefallen
an solch vertikalen Bewegungen fand.

Und das Knarren unter den Füßen!
O dieses unbeschreibliche Knarren:

Niemand konnte sich ungehört nähern
so viel war sicher.

Und der Verdacht, dass das Leben
vielleicht wirklich sinnlos w a r

nicht nur bei Schopenhauer
und diesen anderen kühnen älteren Typen.

Sondern auch hier
unter den weißen Rauchsäulen des Himmels.

 

2016 3 Apr.

Pet Shop Boys: Super

von | Kategorie: Blog | Tags:  | | 3 Comments

They called us the Pop Kids / cause we loved the pop hits / and quoted the best bits / so we were the Pop Kids.

Genau so war das, damals in den 80ern und 90ern. Und seltsamerweise funktioniert das noch immer. Jedenfalls wenn Neil Tennant und Chris Lowe an den Hebeln sitzen. Und wenn das der Fall ist, dann bin ich heute wie damals neugierig. Auch einem Manafonista muss das zwischen den wie immer todernsten ECM-Produktionen erlaubt sein.

Super ist, wenn ich richtig zähle, das dreizehnte reguläre Album der Pet Shop Boys (die diversen Compiler, Remixe, Discoversionen etc. haben mich nie interessiert). Ihre beste Zeit, das kann man sagen, ohne unfair zu sein, haben die Jungs wohl hinter sich; das Level von Actually, Very oder Fundamental erreichen sie heute nicht mehr. Aber wie man solide Popmusik zuwege bringt, haben sie nicht verlernt, und wer ihr letztes Album mochte, wird auch mit diesem keine Schwierigkeiten haben.

„Kirmestechno“ hat die Süddeutsche das genannt. Das trifft es gar nicht schlecht. Von Zeit zu Zeit mag ich Kirmes. Wirkliche Highlights gibt es auf Super nicht, aber auch keine wirklichen Durchhänger. Nach wie vor produziert Chris Lowe eingängige Melodien und interessante Klänge, er bleibt in der Spur, ohne sich übermäßig zu wiederholen. Und nach wie vor verfügt Neil Tennant nicht nur über eine angenehme und markante Stimme, sondern ist auch ein guter Beobachter, der in der Lage ist, textliche Widerhaken zu plazieren. „Twenty-something“ und „The Dictator Decides“ beweisen es.

Nur dies sei angemerkt: Mittlerweile sind viele Platten aus aktueller Popmusikproduktion dermaßen hochkomprimiert und haben derartig massive Bassimpulse, dass mein guter alter iPod Classic mit grässlichen Verzerrungen in die Knie geht. Das trifft leider auch auf diese Platte zu. Ach ja, und Autotuning als Klangeffekt auf der Stimme ist längst zu Tode geritten. Bitte abschaffen. Sänger, die dieses Tool wirklich brauchen, weil sie die Töne anders nicht mehr treffen, sollten eh aufhören. (Das gilt auch für Dich, Madonna.)

 
 
 
super

 

2016 3 Apr.

Eileen Myles

von | Kategorie: Blog | | 9 Comments

 

I write weird books. My next book is about a time-travelling dog. I’m not interested in writing a straightforward memoir. I love the saying: “You shouldn’t be influenced by anybody, least of all yourself.” I never want to reproduce what I’ve done before – I always want the work to feel new.

 

 

 
 
 

Was für eine Zeitreise in die alte Bundesrepublik (die BBC 4-Doku „Krautrock – The Rebirth of Germany„) als sich vormals glühende Nazis in blitzblanke Sudeldemokraten verwandelten und die Welt farbig wurde, von der Wilp’schen Coca-Cola-Welt bis zum grellorangenen NEU!-Cover! Und wenn bei schnellen Bewegungen die Körper ihre Kolorierung abstreiften, hatte man entweder die falschen Drogen erworben, oder ein Farbfernsehgerät, das schon nach kurzer Zeit museumsreif war. Es gab halt immer noch „bloody nazis all around the place“, die zu gern ein Bilderbuchdeutschland kultivierten, das so kitschig war, dass Teddybären Peter Alexander hiessen und gute Deutsche wie Heinz Rühmann aussahen.

Wäre das Leben nicht so fürchterlich vergänglich, die Deutschen wären auf Regierungsanordnung in einer Zeitschleife verschwunden, mit alten UFA-Filmen aus Bella Italia, Drei Vollpfosten an der Tankstelle und Heinz Erhard’schem Schabernack. Aber zum Glück kam es anders, und von Can bis Amon Düül, von Kluster bis Cluster, von Harmonia bis Kraftwerk wurde eine Stunde Null ins Visier genommen, ein Bruch auch mit dem Charme der Importierten Tanzschulenpopmusik der Späten Sechziger Jahre.

Solche Abgrenzungen betrieben auch Länder in Europa, die im Zweiten Weltkrieg am liebsten unsichtbar geblieben wären, was natürlich nie ganz gelang. Die Schweden trotzten den Zeiten und bereiteten, klug und antifaschistisch, den Boden für eine Schar tollkühner Nachfahren, vom frohem Sozialismus bis zum Leben als Pop-Art-Experiment. Hatten die Schweden damals den besseren Sex?! Auf jeden Fall hatten sie „Träd, Gräs Och Stenar„, eine herrlich abgedrehte Band aus einer Parallelwelt, die tatsächlich „Bäume, Gras und Steine“ hiess, und manchmal auch so klang.

Eine in Kürze erscheinende Box zeigt, was diese Freunde des Undergrounds live so alles anstellten mit engischen Jukeboxhymnen a la „Last Time“ von den Rolling Stones. Da war jede Menge Verwandlungskunst im Spiel, wenn manisch und repetitiv so ein Ohrwurm zerlegt wurde, wie im Terry-Riley-Rausch mit gekrümmtem Regenbogen, und eine halbe Ewigkeit lang. Auch der eigene Stoff war richtig gut, „one of the best heavy-psych-improv-folk-blues-rock bands ever“ nannte sie Stephen Malkmus einmal.

In einem „Boxset“ kann man sich das unheimliche Vergnügen gönnen, der Band in den Frühen Siebziger Jahren auf die Spur zu kommen. Wer kennt schon Bo Anders Persson, Torbjörn Abelli, Arne Ericsson and Thomas Mera Gartz!? Das war das Andere Schweden, lassen wir ABBA den Ruhm: „The Winner Takes It All“ – so ist das eben. Subversives bleibt besser unkultiviert. Sonst wird auch das Wilde nur eine weitere Fake-Welt, eine falsch gefärbte Erinnerung. Popakademiestoff.

 

  • (Live-Remix eine JT Moores-Textes von M.E.)

2016 3 Apr.

Green glass balconies

von | Kategorie: Blog | | Comments off

I’ve got pockets full of solutions to the problems of the world
I’ve got barbecues like footballs perched on green glass balconies
Where dereliction used to fester
Where the coffee bars spread like weeds
And streetlights flicker eternal*

 
 
 


 
 
 

*The Karl Hyde lyric is weak lights flicker in tunnels but hey, my ears hear what they hear. Edgeland is still on heavy rotation in my personal playlist. I fucking love this record. Fucking genius, fucking all. Fucking everything: fucking motorways, fucking supermarkets, fucking clouds in my coffee.

Notes on the photo: this was taken in Staten Island in late April 2012. I have no memory of why I took it, or what happened that day. If there was a moment under the moment, then this was it. The cosmos was broken. The cosmos was repairable. She kissed me: it felt like a hit.

2016 2 Apr.

Hard hitting rain

von | Kategorie: Blog | | Comments off

The fire engine is finally vanishing within the pages of a picture book and what is left of a lefthanded dream requires the possibilities or the routine of grave digging and nobody doubts that something stunning at least would be helpful out of some deep joker sky like the sound of hard hitting rain on black roads and everything would be alright again like fucking Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich in an old noise-making jukebox. Bend it, fix it, love it. A sirtaki might work taming the demons.

 

 
 
 

„The album is a killer, a stone cold killer. And young Mr. Terp knows how to attack the guitar with a hard core drone and some vintage analogue synths from Carpenter’s early days in his back.“

(Ian P., Wire, June edition)

 


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