Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2016 3 Apr

„Bäume, Gras & Steine“

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 1 Comment

 

 
 
 

Was für eine Zeitreise in die alte Bundesrepublik (die BBC 4-Doku „Krautrock – The Rebirth of Germany„) als sich vormals glühende Nazis in blitzblanke Sudeldemokraten verwandelten und die Welt farbig wurde, von der Wilp’schen Coca-Cola-Welt bis zum grellorangenen NEU!-Cover! Und wenn bei schnellen Bewegungen die Körper ihre Kolorierung abstreiften, hatte man entweder die falschen Drogen erworben, oder ein Farbfernsehgerät, das schon nach kurzer Zeit museumsreif war. Es gab halt immer noch „bloody nazis all around the place“, die zu gern ein Bilderbuchdeutschland kultivierten, das so kitschig war, dass Teddybären Peter Alexander hiessen und gute Deutsche wie Heinz Rühmann aussahen.

Wäre das Leben nicht so fürchterlich vergänglich, die Deutschen wären auf Regierungsanordnung in einer Zeitschleife verschwunden, mit alten UFA-Filmen aus Bella Italia, Drei Vollpfosten an der Tankstelle und Heinz Erhard’schem Schabernack. Aber zum Glück kam es anders, und von Can bis Amon Düül, von Kluster bis Cluster, von Harmonia bis Kraftwerk wurde eine Stunde Null ins Visier genommen, ein Bruch auch mit dem Charme der Importierten Tanzschulenpopmusik der Späten Sechziger Jahre.

Solche Abgrenzungen betrieben auch Länder in Europa, die im Zweiten Weltkrieg am liebsten unsichtbar geblieben wären, was natürlich nie ganz gelang. Die Schweden trotzten den Zeiten und bereiteten, klug und antifaschistisch, den Boden für eine Schar tollkühner Nachfahren, vom frohem Sozialismus bis zum Leben als Pop-Art-Experiment. Hatten die Schweden damals den besseren Sex?! Auf jeden Fall hatten sie „Träd, Gräs Och Stenar„, eine herrlich abgedrehte Band aus einer Parallelwelt, die tatsächlich „Bäume, Gras und Steine“ hiess, und manchmal auch so klang.

Eine in Kürze erscheinende Box zeigt, was diese Freunde des Undergrounds live so alles anstellten mit engischen Jukeboxhymnen a la „Last Time“ von den Rolling Stones. Da war jede Menge Verwandlungskunst im Spiel, wenn manisch und repetitiv so ein Ohrwurm zerlegt wurde, wie im Terry-Riley-Rausch mit gekrümmtem Regenbogen, und eine halbe Ewigkeit lang. Auch der eigene Stoff war richtig gut, „one of the best heavy-psych-improv-folk-blues-rock bands ever“ nannte sie Stephen Malkmus einmal.

In einem „Boxset“ kann man sich das unheimliche Vergnügen gönnen, der Band in den Frühen Siebziger Jahren auf die Spur zu kommen. Wer kennt schon Bo Anders Persson, Torbjörn Abelli, Arne Ericsson and Thomas Mera Gartz!? Das war das Andere Schweden, lassen wir ABBA den Ruhm: „The Winner Takes It All“ – so ist das eben. Subversives bleibt besser unkultiviert. Sonst wird auch das Wilde nur eine weitere Fake-Welt, eine falsch gefärbte Erinnerung. Popakademiestoff.

 

  • (Live-Remix eine JT Moores-Textes von M.E.)

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1 Comment

  1. Lajla:

    Und es gab die Deutschen, die sich ins Hinterland begaben, weil sie den Druck der Nazis nicht aushielten. Otto Dix zog mit seiner Familie von Dresden weg auf die „Höri“, eine Halbinsel im Bodensee (bin hier auf Radtour). Seinen Sohn Jan Dix kennen vielleicht einige, er war mal Drummer von ‚BAP‘.


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