Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 

Der Flaneur streift durch den Park der Melodien, sein Hund ihm immer ein paar Schritte voraus. In einem Weidenkorb hat er ein Arsenal bunter Flaschen und alter Dosen, die er mit allerlei Fundstücken füllt: Tautropfen, Streicherklänge, Steine, lange Echos, Blumen und Gräser, Klarinetten und Stimmen, Spinnweben, weiche Klaviertöne, Sternenstaub. Seine Schritte lenken ihn durch Heckengänge, am Strand entlang, vorbei am Skelett der alten Dorfkirche, über Wiesen und Felder zu der uralten Anlage mit dem großen Seelenstein, an dessen Öffnung immer ein Melodiefragment auf ihn wartet. Die Randbezirke der Anlage sind karg, dort findet er nur einzelne Töne, Klangfetzen, körnigen Sand. Zu Hause in seinem Kotten angekommen, macht er sich eine Tasse Tee mit Honig, bringt die Fundstücke in das Studio, stellt sie einander vor und beobachtet ihr Zusammentreffen, während der Hund es sich in dem mit Lammfell ausgelegtem Korb gemütlich macht. 

 

Vor mehr als drei Jahren erhielt ich zum Geburtstag ein Päckchen mit einem ganz besonderen Magazin, das schon auf den ersten Blick aus einer anderen Epoche zu stammen schien. Eher ein Buch als eine Zeitschrift, Hardcover, im Postkartenformat, mehr als 200 Seiten, edles, haptisch angenehmes Papier, Fadenbindung. Auf der Vorderseite ein Gemälde in sanften Ocker- und Pastelltönen, eine weite, fast menschenleere Landschaft, als käme sie aus dem 19. Jahrhundert. Analog Sea Review wurde 2018 von Jonathan Simons und Janos Tedeschi gegründet und hat zwei Redaktionssitze, einen in Freiburg im Breisgau und einen in Austin/Texas. Das Journal, von dem bisher drei oder vier Ausgaben erschienen sind, wird ausschließlich durch rund 200 Buchhandlungen in den USA und in Europa vertrieben, nicht online. Es gibt zwar eine Website; diese enthält jedoch ausschließlich die Postadressen der Redaktionen. Zur Kontaktaufnahme – beispielsweise um den aktuellen, kostenfreien Newsletter mit Auszügen aus der kommenden Ausgabe zu bestellen – bleibt nichts anderes übrig, als einen Brief oder eine Postkarte zu schreiben. Die Zeitschrift selbst enthält Gedichte, Interviews, Essays und Prosa, teilweise in Auszügen, dazwischen Abbildungen von Gemälden. Das inhaltliche Zentrum ist das analoge, das echte Leben als Kontrast zum Digitalen mit seinen Surrogaten, grellen Oberflächen und Social Media- Überbietungswettbewerben. Analog Sea geht es um unmittelbare Erfahrungen, Begegnungen face to face, das Sonntag-Nachmittags-Gefühl der Leere, wie man es vor dem Internetzeitalter erleben konnte, Innerlichkeit, Selbstreflexion, (Tag)Träume, Einsamkeit und was daraus entstehen kann: Erfahrung und Kreativität. In zwei ausführlichen Interviews, einem auf Deutsch, einem auf Englisch, erläutert Jonathan Simons seine Anliegen, die sich nicht nur auf den individuellen, sondern auch auf den gesellschaftlichen Bereich beziehen.

Ausgabe zwei von Analog Sea Review las ich während der Pandemie, ebenso wie Walter Benjamins kleine Schrift Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Das stärkte meinen Widerstandsgeist, ich verweigerte einiges, in der Überzeugung, dass das Digitale keine echten Erfahrungen bringt, und ich nahm gravierende Nachteile in Kauf.

Um ein paar bekannte Namen aus Analog Sea Review zu nennen: Ausgabe zwei enthält Texte von Henry David Thoreau, Ray Bradbury, Robert Bly und Albert Einstein; in Ausgabe drei finden sich Texte von Virginia Woolf, Rainer Maria Rilke, Jorge Luis Borges, Wim Wenders, Susan Sontag, C. G. Jung, Robert Macfarlane und Ralph Waldo Emerson. Der Frauenanteil ist verschwindend gering. Ein Werk, auf das sich der Verleger Jonathan Simons gern bezieht, ist Guy Debords Die Gesellschaft des Spektakels aus dem Jahr 1967. Ausgabe zwei von Analog Sea Review veröffentlicht einen anderen Text von Guy Debord: La Dérive. Der Text wurde 1956 auf Französisch veröffentlicht, voilà. Es handelt sich um den Schlüsseltext einer Bewegung, die die Kulturtechnik des Umherschweifens in einem räumlichen Gelände, beispielsweise einer Stadt, beschreibt (hier ein Wikipediaeintrag dazu). In den ersten Zeilen von La Dérive gibt es einen Satz, der mir ein Aha-Erlebnis beschert hat: „The concept of dérive is inextricably linked to the effects of psychogeography (…)“ Ich bin sicher, dass Jon Hassell mit dem Konzept von La Dérive vertraut war, hatte er doch eines seiner Alben Psychogeography benannt. Die Titel einiger Tracks fügen sich ins Konzept des Drifting ein: Aerial View, Neon Night (Rain), Freeway, Midnight, Waterfront District, Favela, Emerald City, Cloud-Shaped Time.

Music for Black Pigeons

 

 

Ohne viel reden
gemeinsam Musik machen
Die Welt verschönern

 

 

Vorgestern habe ich mir den Dokumentarfilm Music for Black Pigeons über Jakob Bro und seine Musikerkollegen von Jørgen Leth und Andreas Koefoed im fsk in Berlin-Kreuzberg angesehen. Davon hatte ja schon Henning geschwärmt (s. Filmplakat oben rechts).

Ein phantastischer Film, mit Lee Konitz im Mittelpunkt, der anfangs eine wunde Lippe hat, dann in den Avatar Studios in NYC im Dezember 2012 auf dem von Henning schon erwähnten Album December Song – es war der magische Opener Laxness, wenn ich mich nicht irre – für einen gefühlvoll-lyrischen Altsaxophonton nicht von dieser Welt sorgt und dessen Grabstelle – er starb im April 2020 an Covid – Jakob Bro am Ende besucht. Ein anderer wunderbarer Moment ist das Stück To Stańko, das dem 2018 verstorbenen polnischen Trompeter Tomasz Stańko gewidmet ist, vom 2021er Album Uma Elmo. Neben Bro an der Gitarre sind hier Jorge Rossy an den Drums und insbesondere Arve Henriksen an der Trompete zu nennen, sein unverwechselbarer „nebliger“ Ton, bei dem ich meine, den Wind zu hören, wie er durch einen Bambushain weht. Manfred Eicher verschlägt es vor Emotion die Sprache beim Hören der Aufnahme. Auch toll der geistig-körperlich noch frische Drummer Andrew Cyrille am Ende, der in New York noch so einige Fans zu haben scheint. Bei den Interviews, wo sich die Musiker vorstellen und dann etwas zum Lebensziel bzw. dem Grund, wieso sie Musik machen, sagen sollen, sieht man dem Kontrabassisten Thomas Morgan lange beim Schweigen zu. Seine erste Sprache ist offensichtlich die Musik.

Etwas traurig, wir waren gerade mal vier Leute im Kino und ich habe den Altersdurchschnitt gesenkt. Der Film läuft in Berlin noch bis zum 4.10. um 18h im fsk bzw. um 20h in der Brotfabrik.

2023 30 Sep.

„mikado 30/9/23“

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audio

 
 

2023 25 Sep.

Xylouris Xystery

von | Kategorie: Blog | Tags:  | | 5 Comments

Die Disco im Nebengebäude war fast leer. Ganz anders als die Location zu der uns eine langjährige Freundin, die zufällig auch in Heraklion weilte, kurz vor Mitternacht gelotst hatte mit der Bemerkung, dass ihr Bauchgefühl ihr sagte, es werde sich lohnen. Hier sollte ein Konzert der Enkel des berühmtesten kretischen Musikers Nikos Xylouris stattfinden und es sollte eine Überraschung in mehrfacher Hinsicht werden.

 
 
 

 
 
 

Der Saal war reichlich gefüllt, Eintritt frei. Die Zuschauer zu meiner Überraschung allesamt höchstens halb so alt wie ich. Auf dem Programm traditionelle kretische Musik, zwei kretische Lauten, eine Lyra, Gesang. Wer um Mitternacht anfängt zu spielen ist mir gleich sympathisch, da sind ganz andere Stimmungen in den Stunden nach Mitternacht und ich habe die besten Konzerte meines Lebens fast alle in den dunkelsten Stunden der Nacht gehört. Drei gutgelaunte junge Männer betraten die Bühne und wurden mit tosendem Applaus begrüßt und los geht die Reise in die Tiefen der traditionellen Musik Kretas, die sich nicht als europäische Musik, sondern viel mehr als ganz eigenständige, eher orientalische Kunstform versteht, die von dem Großvater zweier der Musiker, Nikos und Adonis Xylouris, zu neuen Höhen und internationaler Bekanntheit gehoben wurde. Der Dokumentarfilm A Family Affair (Trailer) berichtet sehr einfühlsam davon. Akustische Musik mit orientalischem Gesang, die fernab einer Tonalität nicht mit Kadenzen spielt, sondern hypnotisch-repetitive Muster fast minimalistisch entwickelt, zu denen auf der Lyra melismierende Melodieschleifen die einzelnen Stücke vorantreiben. Teilweise scharfe Beats, schnelle, groovende Rhythmen, fast rockig. Hier ein schönes Beispiel dafür: Meraklina. Doch die Atmosphäre hatte etwas ganz besonderes: da bestellten die Gäste literweise Whisky an ihre Tische, versanken in Konversationen, Scherzen und teilten ein freudiges Zusammensein, ohne der Musik gegenüber unachtsam zu werden. Also Musique d’Ameublement im tiefsten Satie’schen Sinne. Schon begann ich mich zu wundern, dass diese wirklich wunderbar tiefgründige traditionelle Musik so viele junge Menschen anzog, als das Ganze noch eine kräftige Steigerung erfuhr: einige Zuhörer standen auf, eilten nach vorne und begannen in geordneten Kreistänzen die komplexen alten kretischen Tänze zu der Musik. Schneller und schneller, die komplizierten Schrittfolgen tief verinnerlicht, eskalierte der Tanz langsam bis zum Höhepunkt einige junge Männer in eine sehr artistische Form eines orientalischen Schuhplattlers ekstatisch tanzend verfielen, immer einer nach dem anderen, wild, dionysisch und fast akrobatisch. Welle um Welle der Musik und des Tanzes, des fröhlichen Beisammenseins und Redens, Stunde um Stunde bis tief in die Nacht hinein. Die Stimmung der Musiker wurde besser und besser, die Musik intensiver und dichter und es pendelte sich diese äußerst eigentümliche Stimmung zwischen vitalstem Feiern alter Traditionen (die jungen Zuhörer kannten alle Texte auswendig und sangen mit, wenn es sich gerade mal anbot), sozialem Event a la Musique d’Ameublement und einem Rockkonzert in völlig harmonischer Synthese ein. Eine außergewöhnliche Erfahrung, die mir schmerzhaft bewusst machte, was es bedeutet in einem Land zu leben, das seine Tradition (und hier rede ich nicht von reaktionärer Deutschtümelei) nicht nur verraten, sondern auch unwiederbringlich verloren hat.

 
 
 

 

2023 24 Sep.

Uncanny Valley

von | Kategorie: Blog | | 8 Comments

Ich habe Angst

in der Unmenge gleicher Nächte herum zu irren

im Deodorant ihrer Achselhöhlen,

wo es von durchsichtigen Wesen wimmelt …

(aus dem Gedicht JETZT von Iona Nicolaie)

 

Welche Bilderwelten öffnen sich, welche Phantasien werden getriggert, wenn man „Uncanny Valley“ liest? Unheimliches Tal ist ein Theaterstück von Thomas Melle, einem deutschen Schriftsteller und Dramatiker. Den Titel für sein Stück hat er japanischen Robotforschern entlehnt, die sich mit der unheimlichen Welt zwischen Mensch und Maschine beschäftigen. Realisiert hat Melle das Stück zusammen mit der mehrfach preisgekrönten Theatergruppe Rimini Protokoll.

Es ist schon ein krasser Einfall, einen humanoiden Roboter allein auf die Bühne zu bringen. Ich konnte zunächst den Unterschied zwischen Mensch und Maschine nicht klar erkennen. Da saß ein Mann in entspannter Haltung, mit gescheiteltem Haar und großen Händen. Er sprach mit menschlicher Stimme, die mich seltsamerweise nervte. Sie klang so echt und passte nicht zu dieser „Puppe“. Ich begann immer aufmerksamer dem Gesagten zuzuhören. Da ging es um Identitätsverlust, um Kontrollverlust oder auch um Fragen wie: Ist das Zufällige menschlich? Erst als Thomas Melle sich in einem Video outet und zeigt, wie man ihm die Maske anfertigt und den Robotkörper über den Kopf zieht, wird mir klar, dass hier ein animatronisches Double von Melle kreiert wurde, das mit seiner Originalstimme zu uns spricht. Seinen Hinterkopf kann ich von meinem Sitzplatz nicht einsehen. Es war anfangs darum gebeten worden, nicht zu fotografieren. Nach dem Ende des einstündigen Stückes, das mit sehr langem Applaus belohnt wurde, sprang ich sofort zur Bühne, um den Maschinenmann zu fotografieren. Sein Hinterkopf war ein einziger Kabelsalat. Ich bin froh, dass ich sowas nicht herumschleppen muss.

 
 
 


 
 
 

Ich bin sicher, dass ich hier der Zukunft zugesehen habe. Mich ängstigt sie nicht. Ich finde sie spannend. Ich bin aber froh, dass ich Herz und Verstand spüre. Und  das andere Stück von Thomas Melle macht mich sehr neugierig: „Das Herz ist ein lausiger Stricher“.

 

 

 

Danke, Lajla, für Deinen Post über Zigeunerromantik – ich gebrauche jetzt das Z – Wort, aus später erläuterten Gründen.

Meine Erfahrung mit Zigeunern (mit Sinti und Roma-Bezeichnungen habe ich Probleme, weil ich nie weiss welcher Gruppe derjenige angehört, von dem die Rede ist – früher wussten viele es selbst nicht oder es war ihnen egal. Sie waren stolz auf die Bezeichnung „Zigeuner“) begann im Studium in Würzburg, als wir noch die Welt retten wollten und in einem Stadtteil von Würzburg, den man heute Problemviertel nennen würde, mit Sozialarbeit begannen. Damals hiess es „Zupferviertel“, heute „Klein-Moskau“. Dort gab es überwiegend Kasernen mit Besatzungssoldaten, Sozialbauten und aus dem Betrieb genommene Kasernengebäude, in denen dann Menschen wohnten, Wasser und Klo auf dem Flur, es wurde nie saubergemacht. Dort lebten arme Familien, Frauen mit Kindern unterschiedlichster Couleur, die wiederum von den Soldaten lebten und verarmte alte Leute. Die weissen Soldaten nannte man die Zupfer (Baumwolle), die schwarzen Bimbos und die Zigeuner eben die Zigis. Es wohnten viele Zigis dort, seit Generationen sesshaft in Würzburg, sie unterschieden sich in nichts von den anderen Bewohnern und ihre Namen klangen sehr „deutsch“: Weiss, Lehmann, Winterstein, Herzberger, Grünblatt.

 

 

 

 

Wir richteten eine Vorschulgruppe ein für Kinder, die aus den öffentlichen Kindergärten wegen Verwahrlosung und Aggressivität hinausgeflogen waren, eine Hausaufgabenbetreuung und einen Jugendclub für die Älteren, bekamen Räume die wir erst renovieren mussten, finanziert von der Katholischen Hochschulgemeinde.

Die Zigis lebten überwiegend von Autohandel und -reparatur oder von Sozialhilfe, es gab vier grosse Clans, die sehr gefürchtet waren, auch über die Grenzen des Viertels hinaus. Wir Studenten waren als Helfer bekannt und respektiert, man konnte auch als Studentin unbehelligt nachts durch die Benzstrasse (genannt „Das Tal der langen Messer“) laufen; in den gutbürgerlichen Vierteln ging das für Mädels nicht immer gut aus.

Nachdem die Stadt sich geweigert hatte, einen dringend benötigten Zebrastreifen an der Kreuzung, an der unsere Vorschule lag, zu genehmigen malten wir in der Nacht selbst einen. Die Zigis standen Schmiere.

Die Elterngeneration der Zigis hatten das KZ – meist Dachau – überlebt. Ich arbeitete damals für die Stadtteilzeitung und hatte einmal zusammen mit einem Kommilitonen ein Interview mit dem alten Herzberger (Name geändert, die Nachfahren leben noch dort) über seine Vergangenheit durchgeführt. Ob er Roma oder Sinti war, wusste er selbst nicht, er wollte als Zigeuner bezeichnet werden. Auch er hatte Dachau überlebt. Es begann düster und traurig, aber nachdem seine Frau viertelstündlich eine Runde Slivowitz servierte wurde es zunehmend fröhlicherich verliess meinen professionellen Anwendungskontext und am Ende sangen wir die Internationale und anderes revolutionäres Liedgut, bis die Cops an der Tür standen und vermeldeten dass die Nachbarschaft ihre verdiente Ruhe wollte. Zuvor wollten sie aber noch „Bella,ciao“ dargeboten haben, bitte in der Originalsprache; damit konnten wir dienen. Auch die Cops brauchen manchmal ihr Wunschkonzert. Das Tape habe ich noch – zur Erheiterung in schweren Stunden…

          Den Zebrastreifen haben sie uns natürlich übelgenommen aber es liess sich nicht mehr ermitteln wer genau da gepinselt hatte. Wenig später liess die Stadt einen offiziellen

malen –  geht doch!

In Würzburg war es noch Usus, dass sich die Ehemaligen SS-Verbände regelmässig in einem Lokal in der Innenstadt trafen – dies wurde auch so in der Zeitung angekündigt (Mitglieder der 4. SS-Sturmtruppe treffen sich am … ). Immerhin 1977.

Herzbergers verfolgten dies aufmerksam und als es mal wieder soweit war, wurde Alarm geblasen und jeder männliche Zigi über 14 machte sich mit einem Knüppel unter der Jacke auf zum entsprechenden Lokal. Ich mit dem Fotoapparat hinterher. Es gab eine filmreife Prügelei, mit reichlich Prellungen und Blutergüssen, angeblich kam niemand ernsthaft zu Schaden. Ein wehrhaftes Volk.

In unserer Studentengruppe mussten wir uns dann mit unserer klammheimlichen Freude auseinandersetzen und ob man Gewalt befürworten darf, wenn sie die Richtigen trifft.

Manchmal frage ich mich, wer mehr von unserer Arbeit profitiert hat: Die Kinder unserer Zielgruppe oder die braven Bürgerkinder unter den Studenten, die die dunkle Seite der Welt vielleicht sonst nie kennengelernt hätten. Zumindest sind sie dankbar dafür. Die Kinder lernten die hellere Seite kennen – wir nahmen sie mit in die Uni, unsere WGs, machten Wochenendausflüge mit Gitarre und Lagerfeuer, viele begleiteten wir jahrelang. Beim 25-jährigen Jubiläum sahen wir sie wieder als Erwachsene, uns fiel auf dass sie sprachlich wortgewandter und verbalisierungsfähiger waren, als man sonst vom „Prekariat“ gewöhnt ist. Den Arbeitskreis gibt es bis heute, also über 50 Jahre.

 

Da sitzt das Haustier, abgerichtet,

und es wird ihm klar:

Es gibt auch noch das andre

nicht versklavte Exemplar.

(F.J. Degenhardt, Zigeuner hinterm Haus des Sängers)

 

 

Spirit of Eden (1988) und Laughing Stock (1991), die mit als die ersten Alben des Post-Rock gelten, habe ich beide erst viele Jahre später entdeckt, der Impact dieser beiden Scheiben auf mein musikalisches Weltbild wurde jedoch dadurch kein bisschen geschmälert. Es wäre generell mal interessant, zu welcher Lieblingsmusik man synchron gelebt hat und zu welcher asynchron, also mit Verspätung und, ob das irgendeinen Unterschied macht, ich kam meist spät zur Party, aber davon eventuell später mal mehr. Danach kam dann noch das Mark Hollis Soloalbum (1998), das natürlich alles andere als ein Soloalbum war, mit dem ich jedoch nie so richtig warm wurde, das mir dann doch etwas zu karg und spröde war mit zu vielen Pausen, dazu ein Gesang, der mich an ein waidwundes Reh erinnerte, durchdringend und nur schwer zu ertragen. Danach wartete man vergeblich auf weitere Musik, alles was noch kam, war das mehr oder weniger völlige Verstummen. Am 25. Februar 2019 starb Mark Hollis dann schließlich. Und damit die Hoffnung, dass es jemals noch mehr von dieser großartigen zwischen Klassik, Jazz, Improvisation, Geräuschen, Stille, Folk und Rock balancierenden Musik geben würde.

Und dann kam Corona und der erste Lockdown. Und David Joseph, ein britischer Multiinstrumentalist und Komponist, hatte die Idee, verschiedene Studiomusiker, die zum Teil mit Mark Hollis und Talk Talk kollaboriert hatten, einzuladen, über seine Rhythmusmuster und Akkordfolgen zu improvisieren. Insgesamt stehen 26 Mitwirkende auf der Rückseite der CD im Pappschuber. Darunter auch Phill Brown, der Toningenieur, sowie James Marsh, der Coverdesigner, die wie auch Martin Ditcham an Drums und Percussion und Robbie McIntosh an der Gitarre schon bei Talk Talk mit von der Partie waren. Was soll ich sagen, das Ergebnis, das Instrumentalalbum Solace von Held By Trees, wie sich die Band bzw. das Projekt in Anspielung auf die letzten beiden Talk Talk Cover nennt, das letztes Jahr erschien, ist ein Kleinod an impressionistischer Kammermusik, die auch durchaus rhythmisch sein kann, mit einem melancholischen Touch. Es ergibt sich eine wunderbare Vielstimmigkeit durch die vielen Instrumente und man möchte förmlich baden in diesem organischen, warmen Sound.
 
Übrigens sind die Tracks recht unterschiedlich. Ein Stück, was mich mitnimmt in eine andere, bessere Welt, ist Rain after Sun, allein schon dieses leichte Quietschen beim Akkordwechsel auf der Gitarre, dieses Hingetupfe der Gitarren, das subtile Klavierspiel, dieses ziellose Schweben. Einziges Manko, das Stück hört viel zu früh auf. Gut, dass man im digitalen Zeitalter so einfach Repeat drücken kann. Immer wieder phantastisch der Einsatz des Harmoniums, das so etwas vage Nostalgisches ausdrückt. Ein weiteres Highlight, The Tree of Life, das einen erst in die Tiefe zieht und dann dem Sonnenlicht aussetzt. Man ist hin- und hergerissen zwischen Schwere und Leichtigkeit. Bösartige Menschen könnten sagen, dass diese Musik kitschig ist. Man muss ihnen kein Gehör schenken. Auch der Album Closer The New Earth ist ganz wunderbar, obwohl oder weil man hier einen starken Einfluss der frühen Dire Straits heraushört, David Knopfler ist auch bei zwei Stücken mit am Start, allerdings laut Mitwirkendenliste angeblich nicht bei diesem. Mein Album des letzten Jahres.

 

 

Meine erste Erfahrung mit dem fahrenden Völkchen hatte ich in den 70ern in Freiburg. Auf der Kaiser-Joseph Straße hatte ein Stadtbewohner einen Sinti am helllichten Tag erstochen. Die Stimmung in der Stadt war aufgeheizt, weil es sich herumgesprochen hatte, dass die im Rieselfeld zur Verfügung gestellten Wohnungen beschädigt, ausgeraubt und verlassen worden waren.

Meine zweite Erfahrung war in Düsseldorf Heerdt, dort wo der Freigeist Joseph Beuys sein Atelier hatte. Auf einem Plätzchen hatten sich Sinti niedergelassen. Innerhalb eines Tages wurden sie aufgefordert, vor die Toren der Stadt zu ziehen. Das war Mitte der 80er Jahre. Kaum vorstellbar, dass noch vor wenigen Jahren Roma Frauen,  in Tschechien z. B., zwangssterilisiert wurden. In Europa leben etwa 12 Millionen Sinti und Roma. Sinti leben  in West und Mitteleuropa, Roma in Süd und Osteuropa. Beide kamen aus Indien/ Pakistan, seit 600 Jahren leben sie in Europa. Ihre Sprache heißt Romanes. Es gibt sehr viele Subsprachen. Selbst die Sinti und Roma verstehen sich untereinander kaum.

Wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Unsesshaftigkeit, ihrer Bettelei und angeblicher Arbeitsscheu werden sie als diebisch, Gesindel etc bezeichnet. Die Nazis versuchten sie zu vernichten.

In Timisoara spielte eine Roma Band aus Italien. ALEXIAN SANTINO SPINELLI ist der Kopf der Band. Er spielt am Akkordeon. Er ist der einzige Roma Professor in Europa. Er lehrt Romanes. Von ihm stammt das Gedicht “Auschwitz “, das auf dem Rand des Brunnens, der im Gesamtdenkmal zur Erinnerung der Ermordung der Sinti und Roma durch die Nazis angelegt ist, zu lesen ist.

 

Eingefallenes Gesicht / erloschene Augen / kalte Lippen / Stille / ein zerrissenes Herz / ohne Atem / ohne Worte/ keine Tränen.

 

Ich war lange nicht mehr auf einem Konzert, das mich so aufgewühlt hat, so begeistert hat und doch so nachdenklich gestimmt hat.

Die 5 Bandmitglieder – Percussion, Contrabass, Klarinette, Trompete, Violine standen um ein Tischlein, das mit der Romaflagge drapiert war. Die Farbe blau für den Himmel, grün für die Wiesen, das rote Wagenrad für die Freiheit. Davor saß der Maestro SPINELLI am Akkordeon. Er lachte viel während des Spielens, neben ihm sein Sohn an der Geige, er ist der eigentliche Dirigent der Gruppe, bespielt phänomenal souverän sein Instrument. Sehr faszinierend in seinem Gesamtauftritt. Das intensive Konzert war vom Rhythmus galloperender Pferde geprägt, es gab ein paar Tanzlieder, einige Kompositionen von SPINELLI, die dem Sound des Windes entsprangen und viele Echos beinhalteten. Natürlich gedachten sie Django Reinhardt und spielten mit ihren Instrumenten einfachere Stücke, die der große Musiker leider nur noch mit zwei Fingern spielen konnte.

SPINELLI nennt seine Auftritte “Poesie der Kommunikation“. Das ist wunderbar ausgedrückt.

Nach dem fulminanten zweistündigen Konzert bei freiem Eintritt konnte ich mit dem Leiter des interkulturellen Zentrums von Timisoara sprechen. Er hatte die Roma Band eingeladen. Er ist auch Roma. Ich fragte ihn, ob er mir außer natürlich Django Reinhardt noch andere bekannte Roma nennen könnte. Ja, Charly Chaplin, Yul Brunner, Johnny Depp. Ob Romanes in den Schulen unterrichtet wird. Ja immer mehr. Woher eigentlich das Musiktalent und der Musikreichtum komme. Die Volksgruppen kamen auf ihrer Flucht vor Hunger und Kriegen durch viele Länder, deren Musik sie aufnahmen. Sie transportierten quasi diese Melodien bis nach Europa. Ob er mir Filme über sie empfehlen könnte. Ja, zwei von Tony Garlif: „Transilvania“ und „Gadjo Dilo“. Ob er einen Roma Dichter kenne? Ja eine Dichterin (er lachte).

 

Iva Bittova

BANJO

 

Am Tag, an dem ich geboren wurde, 

kannte keiner in Kuçe einen Takt

des Souls, den Aritha Franklin sang, 

hätte nicht mein Vater mit wirrem Fuß 

ausgelassen den Rhythmus ergriffen

bis seine Milz an den hungrigen Magen schlug

und er mit den Lidern den Schweiß, 

der ihm von der faltigen Stirn rann

aus seinen Augen wischte …

 

2023 15 Sep.

Feuer unterm Dach

von | Kategorie: Blog | Tags:  | | 2 Comments

 

 

Er sei ein Extremist der Desillusionierung, sagt Peter Sloterdijk über sich. In diesem Punkt lässt er sich auch in diesem 80-seitigen Büchelchen nicht lumpen. Das Buch besteht in der ersten Hälfte aus einem Vortrag, den Sloterdijk im Oktober 2022 so bei einem Public-Science-Festival in Luzern gehalten hat. Der Vortrag geht in der zweiten Hälfte des Buchs weiter, ist aber um einige (manchmal recht freidrehende) Passagen erweitert.

Die wenig überraschende Grundidee des Buches besteht darin, dass der „Stoffwechsel des Menschen mit der Natur“ wesentlich von der Nutzung des Feuers bestimmt wurde, was kein großes Problem darstellte, solange es sich um „1 zu 1“-Feuer handelte, also etwa brennende Bäume, die nur einmal verbrannt werden konnten. Bedenklich wurde die Sache, als die Menschen in Brand zu setzen begannen, was Sloterdijk „die unterirdischen Wälder“ nennt — die in Erdöl, Kohle in all ihren Ausformungen, Torf etc. konzentrierte Energie. Deren Nutzung, so der Autor, sei heute, im Angesicht der Klimakatastrophe, zu unserem großen Verhängnis geworden. Prometheus würde sich heute wünschen, uns die Gabe des Feuers verweigert zu haben.

Das ist nun nicht so wahnsinnig überraschend, wenngleich wie immer sehr weit ausholend und mit viel historischem Background vorgetragen. Interessant sind aber einige Nebengleise, die Sloterdijk hier eröffnet — manchmal in Nebensätzen, manchmal sogar in Fußnoten. So zitiert er etwa Georg Herweghs Zeilen „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“ herbei, um am Beispiel der „Modernisierungstragödie“ in der Textilwirtschaft, als die Märkte mit Produkten der Maschinenwebstühle die Handweberei in Weltgegenden von Indien bis Schlesien verdrängten“, einen Denkfehler des marxistischen Arbeitsbegriffs aufzuzeigen: Denn in der Tat sind die Arbeiter sehr wohl in der Lage, die Arbeitsprozesse zum Stoppen zu bringen, doch sind sie — anders als von Marx postuliert — niemals diejenigen gewesen, die die Räder in Gang gehalten haben. Das, so Sloterdijk, hat seit dem Beginn der Industrialisierung in Wirklichkeit das Feuer der brennenden unterirdischen Wälder besorgt, beziehungsweise die aus ihm gewonnene Energie.

In einer anderen, durchaus überraschenden These kritisiert Sloterdijk den Versuch von (ebenfalls marxistischen) Theoretikern, moderne Ingenieursintelligenz einfach durch ihre Kennzeichnung als „geistige Arbeit“ der „proletarischen Sphäre anzugliedern“. Die Tätigkeit des Erfindens lasse sich ebenso wie die künstlerische nicht in den Bereich der „Arbeit überhaupt“ einschließen.

Das sind schon interessante Thesen, die einige Überlegungen auslösen. Dass sich Sloterdijk dabei in zunehmend alarmierendem Tonfall der geistigen Welt Bruno Latours und dessen „Gaia“-Konzept nähert, liegt einerseits nahe und überrascht andererseits doch. Und darauf, dass mögliche Auswege aufgezeigt werden, wartet man in diesem Buch vergeblich. Patentrezepte gibt’s nicht. Hätte ich auch nicht erwartet.


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