Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2020 14 März

Precht Han Hirten

von | Kategorie: Blog | | 5 Comments

 
 

Zwei Kobolde begleiten mich stets, flüstern mir zuverlässig ins Ohr. Auf meiner schmalen rechten Schulter sitzt leicht zusammengekauert Frank Asperger, schüchtern und seriös, rausgeputzt in feinem Zwirn. Auf der etwas breiteren, linken sitzt ein namenloser Frechdachs mit Tourette-Syndrom. Nun ist das Koboldhafte sowenig allein mein Brevier, wie es die multiplen Persönlichkeiten sind oder die polymorph perversen Spielarten (Kraft-Ebbing hätte seine helle Freude angesichts dessen, was sich auf den digitalen Pornoseiten offenbart und jeden restriktiv scheinheiligen Saubermann gründlichst blamiert). Was auch so manchem Manafonisten vertraut vorkommen mag, fand literarische Bezüge schon bei Pessoa oder Musil (a man without qualities) und auch in der aktuelleren Frage: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ Womit wir wiedermal bei Richard David Precht wären. „Enttäuschung, Laberkopf, Alleserklärer!“ krächzt das leibhaftige Tourette-Syndrom an meiner Seite. Ganz ruhig, gemahne ich, wir möchten uns zunächst ein Bild verschaffen. „Sinnlose Zukunftsträume, unrealistisches Grundeinkommen!“ geht es vorlaut weiter. Ich verpasse dem Frechdachs eine Valium, damit ich und mein Herr Asperger uns konzentrieren können – meine Güte, wir sind doch nicht im Kindergarten! Also, der Reihe nach: eigentlich nämlich sind die medial-öffentlichen Auftritte und Äusserungen des genannten Bestseller-Philosophen sehr angenehm, da sie wichtige Zeitgeist-Themen präzise und wortgewand auf den Punkt bringen, gleich ob es um „Digitalisierung“ geht, um das Bedingungslose Grundeinkommen, den problematischen Fleischkonsum oder anderes. So lockte mich sein aktuelles Buch nun: Jäger, Hirten, Kritiker. Unbestritten sind auch hier wichtige Aspekte und gute Gedanken aneinander gereiht. Im üppigen Literaturverzeichnis suche ich nach Byung-Chul Han, finde ihn dort nicht. Nanu? Etwas trotzig nehme ich dessen Buch Im Schwarm aus dem Regal, das ebenso kritische Aspekte der Digitalisierung betrachtet, stilistisch aber geradezu kontrapunktisch angelegt ist verglichen mit Prechts utopischer Gedanken-Schau. Sieh an! Gleich einem Chirurgen ist Hans Vorgehen punktgenau, präzise und minimal-invasiv. Solche extrem kurz gefassten Sätze bilden ein Novum in der Szene und sind ein Affront gegen allseits bekannte raunende Jargons oder ausufernde Weitschweifigkeiten. Mir gefallen ja jene Bücher, die dem Leser Raum lassen für eigene Gedanken und Schlussfolgerungen. Precht hingegen ist Pädagoge. Im passenden Setting, im Klassenraum etwa oder in der abendlichen Talk-Show mag das seine Berechtigung haben. Freikarten fürs Hirn bietet aber eher Han. Wie auf dem Rummel („Ischa Freimarkt!“) heisst es dann: noch einmal in die Achterbahn, es war so schön. Hier macht sogar die Wiederholung Spass, Monotonie bleibt aussen vor, weil eigene Gedankenspiele und die Einbildungskraft kaleidoskopisch mitschwingen. Deshalb, auf Reisen oder im Wartezimmer einer Arztpraxis habe ich stets meinen Han dabei, denn es ist gut zu wissen: nur ein, zwei Sätze lesen und schwupps driftet man ins Eigene ab. „Kein roter Faden!“ Auf meiner linken Schulter regt sich was, das Valium lässt nach, vertrautes Blöken macht sich breit. „Blödmann, Blogger, Laberkopf.“ Ich werde das Notierte trotzdem posten, mich nicht beirren lassen. Frank Asperger stimmt zögernd zu. Auch er kennt seine Gründe.

2020 13 März

Monte Corona, Lanzarote

von | Kategorie: Blog | | Comments off


 
 

„We’re on a road to nowhere
Come on inside
Taking that ride to nowhere
We’ll take that ride
I’m feeling okay this morning
And you know
We’re on the road to paradise
Here we go, here we go“

2020 11 März

Max Benedicte Jan

von | Kategorie: Blog | | 3 Comments

Max von Sydow ist vor 3 Tagen verstorben. Anlass für meine letzten Beiträge waren also Todesfälle. Diesen schreibe ich nur deshalb, weil mir Benedicte Maurseths Buch To Be Nothing zugekommen ist, ein Buch, mit dem ich mich gründlich beschäftige. Bei der Lektüre musste ich immer wieder an Jan Troell denken – wieder eine dieser Assoziationen, die mich überfallen, die mir willkommen sind.

In den Nachrufen auf Max von Sydow findet man zwar den Namen Blofeld, aber nicht einmal die Süddeutsche Zeitung erinnert daran, dass Max von Sydow in mehreren eindringlichen Filmen Jan Troells Hauptrollen spielte. Jan Troell lebt noch. Im Jahr 1973 wurde er für die Romanverfilmung Utvandrarna, dt. „Die Auswanderer“, als erster Schwede für den Regie-Oscar nominiert. Fünfmal wurde er mit dem nationalen Filmpreis Schwedens, dem Guldbagge ausgezeichnet. Er ist neben Ingmar Bergman Schwedens bedeutendster Filmemacher.

Ich glaube, „Die Auswanderer“ und die Fortsetzung „Die Neubürger“ (Nybyggarna) waren die ersten Filme Troells, die ich kennenlernte und mit meinem ersten SONY Videorecorder aufnahm. Von den frühen 80er Jahren an wurden bei ARD und ZDF einige Filme Troells gezeigt, die ich alle mitgeschnitten habe: „Hier hast du dein Leben“ / „Der Flug des Adlers“ / „Hamsun“ / Sagolandet, dt. „Das Märchenland“ …

Die Nordischen Filmtage Lübeck 2001 widmeten Jan Troell eine Retrospektive. An ihn wird schon lange nicht mehr erinnert. Kein Wunder, sind seine Filme doch Lichtjahre entfernt vom Mainstream. Fast fünfeinhalb Stunden dauern „Die Auswanderer“ / „Die Neubürger“, drei Stunden Zeit nehmen sich „Der Flug des Adlers“ und „Das Märchenland“. Fast alle Filme, die ich kenne, behandeln Themen der schwedischen Vergangenheit.

Benedicte Maurseth ist 1983 in Eidfjord, Hardanger geboren, im gleichen Jahr wie Troells Tochter Johanna. Aber nicht deswegen musste ich bei der Lektüre von Benedictes Buch an Jan denken, sondern weil sie, geprägt vom tiefen Humanismus ihres Mentors Knut Hamre, fern aller Moden dem reichen Erbe ihrer Heimat die Ehre erweist, es lebendig erhält. Wohl deswegen ist mir Troell immer wieder eingefallen, habe dann nachgeforscht, ob nicht doch DVD Editionen seiner Filme, die ich in fürchterlicher Bildqualität besitze, erhältlich sind. Ja, Glück gehabt – allerdings in Schwedisch!

Den ersten Film mit Max von Sydow, den ich je im TV gesehen habe – „Der nächtliche Besucher“ – habe ich gleich mitbestellt. Auf die Troell-Filme muss ich noch warten. Am letzten Montag, einen Tag nach seinem Ableben ist Sydows Film eingetroffen.

Man verbindet den Namen Lanzarote mit schwarzem Sand, Vulkangestein, Lavahöhlen, kleinen Buchten, sonnenbrandgeschädigten Briten, Fischrestaurants in El Golfo, ungewöhnlichen Weinanbaugebieten. Weniger mit Reggae. Und es ist auch ein Riesenzufall gewesen, dass ich vor ein paar Jahren, hier, bei einem Konzert von Nils Petter Molvaer in Jameos del Agua, Steve kennenlernte, einen ausgewiesenen Reggaeliebhaber und Reggaeforscher. Da er ein kleines Häuschen besitzt nahe Haria, gehört ein Treffen mit Steve im „Restaurant der fünf Brüder“ zu meinen beständigen Ritualen bei einem Besuch auf der Insel. Als wir gestern auf den „Fisch des Tages“ warteten, erzählte er mir von der allerletzten Produktion Lee Perrys in dessen legendärem Black Ark Studio.

 
 

 

 
 

Manchmal glaube ich, das Steve seine Stories von Reggae und Dub aus „goldenen Zeiten“ mit einem Schuss magischen Realismus garniert. Zum kräftigen warmen Wind, der von Marokko her herüberwehte, runzelte ich die Stirn und bezweifelte, dass Lee Perry so sauber Buch geführt habe in seinem mythenumwobenen Low-Tech-Paradies, welches Musikgeschichte schrieb, bis der Meister selbst alles abfackelte, dass dieses „letzte Mal“ wirklich diesseits von Gerüchten und jamaikanischen Blaubartgeschichten existieren würde. – No kidding, sagte Steve, und erzählte mir folgendes. Ich habe es aus der Erinnerung aufgeschrieben, und gestehe, dass ich immer skeptischer wurde, je länger er davon erzählte.

 

Okay, der Anfang dürfte vielen bekannt sein. Zumindest den Lesern, die mehr als fünfzig Reggaealben besitzen. Als die Siebziger Jahre allmählich ausklangen, verlor Lee Perry mehr und mehr seine Geduld. Auf der einen Seite hingen zu viele dubiose Gestalten im Studio herum, es gab Ärger und schlechte „vibes“ – Lee Perry krakelte die Wände voll mit unentzifferbaren Wörtern. Auf der anderen Seite verschlechterten sich seine Beziehungen zu Island Records zunehmend. Obwohl er mit John Martyn, Robert Palmer, Linda McCartney und The Clash gearbeitet hatte, fehlte es dem Innovator an Anerkennung – vorwiegend wurde seine frühe Zusammenarbeit mit Bob Marley ins Spiel gebracht, und die Herren von „Island“ schienen einzig an kommerzfähigen Sounds interessiert zu sein. Als er ihnen einen verblüffenden Remix von „Heart of The Congos“ anbot (und wir reden hier von einem Klassiker des „roots reggae“), schien Perry nur noch auf „taube Ohren“ zu stossen. „Unacceptable“, hiess es. Was Lee Perry nicht davon abhielt, und nun wird es ominös, eine letzte Produktion in Angriff zu nehmen, bevor das Studio in Flammen aufgehen sollte, mit ganz realen Figuren der kongolesischen Musikszene. Ich notiere das Gespräch mit Steve aus der Erinnerung.

 

  • Und diese Musiker hatten eine Einladung, nach Jamaika zu reisen?
  • Ja, gleich zweimal. Lee Perry war von der Idee eines Afro Jazz-Reggae-Fusion-Albums angetan, und hatte mit Molenga und Kawongolo ja schon im Jahr 1978 gearbeitet, aber das verlief irgendwie im Sande. Dann befeuerte Perry die Idee von neuem, und die Sessions wurden fortgesetzt. Sein Lockruf war klar und deutlich zu vernehmen: „Congo is the root.“ Er hatte seine Bläser ins Studio geholt, und seine bewährten Trommler.
  • Und warum hat man davon kaum je vernommen?
  • Nun, die Story ist etwas konfus: Molenga lieferte eine Fassung im Hauptquartier von „Island“ ab, aber das war seinen Worten zufolge nicht der „final mix“, den er im „Black Ark“ gehört hatte. Nun klang es angeblich muffig – exzessives „delay“, vollkommen verdröhnter Hall. Molenga vermutet, dass Lee Perry sauer war auf die Londoner Zentrale, und die Musik wohl absichtlich sabotiert habe.
  • Klingt wirklich verrückt.
  • Ja, Molenga behauptet, er habe die Musik zu einem kleinen Label gebracht, ein bisschen an ihr gearbeitet, und sie dann in kleiner Stückzahl auf den Markt bringen lassen. Das ist umstritten. Denn die „multitrack“-Fassung muss bei Perry geblieben sein, und die Neuausgabe 2020 basiert auf einer unangetasteten Vinyl-Platte. Die ganze Sache bleibt ein wenig mysteriös.
  • Und was sagt der Experte?
  • Du wirst es hören. Man singt Lingala, Yangi, und Englisch, der Überschwang dieser magischen Begegnung der Kulturen ist unüberhörbar, und alles erschallt in diesem besonderen Gebräu des Black Ark-Sounds. Man traut da manchmal seinen Ohren nicht.
  • Hört sich märchenhaft an. Ich spendiere eine Flasche vino rosado, Steve, vom spanischen Festland, mein Lieblingsrosé, wenn ich hier auf der Insel bin.

 

2020 9 März

Year of the Monkey

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Nach dem chinesischen Mondkalender begann im Februar 2016 ein Jahr des Affen. Das bedeutet: Alles ist möglich. Gleichzeitig war 2016 auch das Jahr, in dem Patti Smith 70 wurde.

Ausgehend von einem Neujahrskonzert in San Franciscos Fillmore Auditorium, beschließt Patti, sich in diesem Jahr des Affen auf eine Reise zu begeben – und zwar allein, ein spätes Tramp-Abenteuer. Der Trip führt von San Francisco nach Santa Cruz, geht durch die Wüste Arizonas, eine Farm in Kentucky, ein Krankenzimmer, in dem Patti ihren kranken Mentor besucht, und weiter nach Osten, wobei sie feststellt, dass es anstrengender ist, die Zeitzonen von Westen nach Osten zu durchqueren als umgekehrt.

Sie beschreibt merkwürdige Fahrer, die darauf bestehen, dass keinesfalls gesprochen werden dürfe, oder die eine Pinkelpause nutzen, um wegzufahren und die Tramperin in der Wüste stehenzulassen, sie beschreibt Hotelzimmer, das Gefühl, als Nichtschwimmerin in der Brandung am Strand entlang zu laufen. Sie entdeckt bestimmte, ihr wichtige Bücher wieder, hat politische Ansichten, sie erwähnt ihre Tochter Jesse (die übrigens auf Laurie Andersons letztem Werk, Songs from the Bardo mitwirkt, siehe hier), es dreht sich ums Essen, und immer wieder gibt es Kaffee, in Hotelzimmern oder in Cafés, wieder und wieder und wieder.

Patti Smith denkt im Schreiben, und sie schreibt in der Bewegung. Daraus ergibt sich eine gewisse Ziellosigkeit der Erzählung. Man kann die knapp 180 Seiten dieses Buches aber auch als eine Art Meditation lesen. Eine gewisse Alterweisheit kommt gelegentlich durch, selbst Anflüge von Humor sind zu registrieren, ein Zug, der mir in früheren Büchern Smiths nicht unbedingt aufgefallen ist. Um die 30 Polaroids ergänzen das ansonsten auch typografisch ansprechend aufgemachte Buch.

Nur kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, als hätte jemand – Patti selbst oder jemand vom Verlag – gesagt: Bei M Train hat das doch wunderbar funktioniert, das probieren wir jetzt einfach nochmal.

2020 8 März

From Whiskey Point Recording

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Guitarist and composer Dave Miller has been a prominent fixture in the Chicago music scene for nearly two decades. His last record, Old Door Phantoms, hailed by Audiophile Audition as “the multi-genre instrumental album of the year”, as well as “a complex and beautiful piece of work” by New City, explored themes of nature, spirituality, and the human condition through the lens of an instrumental psychedelic garage rock band. Echoes of Neil Young’s Crazy Horse and guitarist ‪Marc Ribot‬ continue into Miller’s new album, Dave Miller, though he has expanded his focus to now include detailed arrangements and more refined production techniques. With the opening of Miller’s new recording studio, Whiskey Point Recording (co-run with ace pianist/engineer, Dan Pierson (V.V. Lightbody)), Miller’s music has become even more alive and exploratory. Beautiful mellotrons collide with fuzzed out guitars over swampy drums and non-ironic bongos, as if ‪Brian Wilson‬ got into a bar fight with The Meters and ‪Link Wray‬ before realizing they were kindred spirits, with Miller composing the score. Miller’s music, above all, aims to create its own utopic universe where all the cool music coexists. With the words of Mary Halvorson: „Dave Miller has a penchant for melodies that stick with you, in a good way. His latest album provides the joy and the lift we all need right now, through his bad ass guitar playing, a myriad of unexpected shifts reveal a brilliant sonic universe.“ And with the words of Michael Engelbrecht from the June 2020 edition of „Klanghorizonte“: „Gentle does it, strange, too. And I love non-ironic bongos.“ The album will be out on May, 22. Via Tompkins Square.

 

Dave Miller – guitars
Matt Ulery – fender bass
Dan Pierson – keyboards
Devin Drobka – drums
Juan Pastor – percussion
Mikel Patrick Avery – tambourine

 

 

2020 7 März

Play yourself, man

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Aber Turin! … Das ist wirklich die Stadt, die ich jetzt brauchen kann.

 

Turin liegt in der Corona verseuchten Region Piemont. Als dieses Virus noch nicht epidemierte, war es oftmals Harald Schmidt, der uns die problematische Welt per Playmobil erklären konnte. Auch jetzt würde seine Figurenaufstellung zum Thema für uns zum Vorteil sein. Leider hat er das Spielzeug weg gepackt. Aber nicht seinen Ideenkopf. Er sprüht weiterhin und siehe da, es ist für jeden etwas dabei. Für uns After Trouble Manas könnte WANDERTAG, die zweite Folge der Miniserie Labaule und Erben aus Harry’s Ideenschrank lehrreich sein. Zu sehen sind heute Abend auf SWR ab 22:25 Uhr die Folgen drei und vier. Die anderen Folgen sind in der ARD Mediathek.

Etwas versteckt möchte ich die Einladung nach Düsseldorf zu unserem 4. Manatreffen am Nikolaustag hinzufügen. Es gibt, versprochen, keinen Wandertag.

Aus dem schönen Düsseldorf möchte ich noch für alle Jazzfreunde einen Buchtipp weitergeben, den ich gestern hier im Goethe-Museum erhielt: „Play yourself, man!“ von Wolfram Knauer (Reclam). In dem Buch geht es um die Geschichte des Jazz in Deutschland. Anwesende, lokale Jazzer, wie Wolf Doldinger, zeigten sich frustriert, weil der Düsseldorfer Jazz ausgespart wurde. Der Autor versprach, das Buch zu überarbeiten.

Einsicht spielt in den Gedanken von Nietzsche immer wieder eine Rolle.

 

2020 6 März

Peter Serkin †

von | Kategorie: Blog | Tags: , | | 1 Comment

Peter Serkin starb am 1. Februar diesen Jahres in seinem Haus in New York im Alter von 72 Jahren. Er litt an einer schweren Krankheit, an einem Pankreaskarzinom, das zu seinem schnellen Tod führte. Noch am 1. Mai 2019 sprang er in Toronto für den erkrankten Murray Perahia ein. Von seinem Tod erfuhr ich heute bei der Lektüre der neuen Ausgabe des FONO FORUM Magazins.

Peter Serkin entstammt zwei legendären musikalischen Familien. Sein Vater war der berühmte Pianist Rudolf Serkin und der Großvater mütterlicherseits war der bedeutende Dirigent und Geiger Adolf Busch.

 
 
 

 
 
 

Als ich in München studierte, hörte ich Peter Serkin als Solist in Béla Bartóks 3. Klavierkonzert im Herkulessaal der Residenz. Beeindruckend. Er dürfte damals um die 20 Jahre alt gewesen sein und stand kurz vor einer längeren Auszeit. Er war sicherlich stolz auf sein Erbe, empfand es aber auch als Belastung. In seiner Familie wurde Musik ernst genommen wie eine Art Religion. Wie viele, die in den 1960er Jahren groß wurden, stellte er das Establishment sowohl in der Gesellschaft als auch in der Klassischen Musik in Frage. Er widerstand einer traditionellen Karriere und hörte mit 21 Jahren auf, zu konzertieren, spielte monatelang nicht mehr Klavier. Er reiste nach Indien, ließ sich in Nepal und Thailand nieder und lebte eine Weile in Mexiko mit seiner damaligen Frau Wendy Spinner und ihrer kleinen Tochter.

Nach einigen Jahren nahm er das Konzertieren mit neuer Zufriedenheit wieder auf, nicht zuletzt aufgrund einer Neuausrichtung seines Repertoires. Seine Aufnahme von Olivier Messiaens grandiosem Zyklus Vingt Regards sur l’Enfant-Jésus wurde für den Grammy nominiert. Es sind 20 Kontemplationen über das Jesuskind, 1944 komponiert, Musik von außerordentlicher Schwierigkeit, die zweieinhalb Stunden dauert und mit Cluster-Akkorden und der Beschwörung von Vogelstimmen, Momente mystischer Freude und Passagen auffahrender Wildheit lebendig werden lässt. Messiaens Klavierzyklus lernte ich durch Peter Serkin im Jahr 1978 kennen, als ich im Radio einen Liveauftritt Serkins bei den Berliner Festwochen hörte und mitschnitt. Ein solches Wagnis hat vor ihm kein Pianist auf sich genommen.

 
 
 

 
 
 

Peter Serkin ist auf ECM 1676/77 zu hören. In The New York Times schrieb Anthony Tommasini einen sehr lesenswerten Nachruf auf diesen großen Musiker. Ich habe über die Jahre wenig Aufnahmen von ihm gehört, denn seine Diskografie ist nicht ausufernd. Ganz klar deshalb, weil er sich dem üblichen Starrummel entzogen hat. Welcher merkantil wertvolle Pianostar spielt schon als Straßenmusiker? Als ich heute von seinem Tod erfuhr, ging das nicht spurlos an mir vorüber.

 
 
 

 
 
 

Diskografische bzw. YouTubische Hinweise finden die wenigen interessierten Leser in comment #1.

2020 6 März

„Dancing On Architecture“

von | Kategorie: Blog | | Comments off

 

Record Store Day, April 18. The complete original soundtrack to Brian Eno‘s score for ‘Rams’ – Gary Hustwit’s 2018 documentary portrait of legendary German industrial designer, Dieter Rams. This Record Store Day exclusive comes with full colour inner and outer sleeves, contains 11 unreleased instrumentals and is pressed on heavyweight white vinyl with download code.

 

 
 

Vor Jahren war ich mal auf dem Weg zu jener Kirche im Norden Londons, in dem dieses beeindruckende Werk aufgenommen wurde. Oder verwechsle ich da zwei Räume der Andacht und des Rückzugs? Es war der Abend des Tages, an dem ich Scott Walker besucht hatte, es regnete unaufhörlich, und irgendwann war klar, ich würde es nie zeitig dorthin schaffen: ich schaffte sonst alles mögliche in jenen drei Londoner Tagen, ging unfotografiert über den berühmten Zebrastreifen von Abbey Road, stöberte in einem Plattenladen nach alten Vinylschätzen, und sah abends vorm Einschlafen die eine und andere Folge von „Longmire“.

 

In der Kirche im Londoner Norden liess Scott Walker seine Zusammenarbeit mit Sunno))), „Soused“, laufen, als „release party“, über mächtige Lautsprecher. Ich stellte mir das wundervoll vor, dieses dunkle dröhnige Werk mit Donnerhall in mich aufzunehmen, aber es sollte nicht sein. Ich verirrte mich auf halbem Weg. 

 

Nun also lausche ich Musik, die tatsächlich in dem Gemäuer in Stoke Newington entstanden ist. Und das, auf alten Fotos, jeder Gespenstergeschichte gutgetan hätte. Wenn der Drummer Sebastian Rochford ein neues Projekt auf die Beine stellt, bin ich immerzu gespannt, und werde seit den Zeiten der Bands „Acoustic Ladyland“ und  „Polar Bear“ nicht enttäuscht. „Same As You“ ist eines meiner Lieblingsalben vom „Polarbären“, und entführt tief in die Mojave Wüste. Nicht viele können behaupten, mit Brian Eno in Notting Hill und  Manfred Eicher in Lugano Musik aufgenommen zu haben. Aber das ist nur eine witzige Randnote. 

 

Der Schlagzeuger suchte jedenfalls mit Energie nach einem „power spot“ für sein Trio „Pulled By Magnets“, in dem die drei Akteure Schlagwerk, Saxofon und E-Bass spielen, zudem ihre Klänge mit allerlei Elektronik  verwandeln, verbiegen, verrauschen – es gibt keine Gewissheit für den reinen Instrumenenklang. Und er fand seinen „Ort der Kraft“. 

 

Werfen wir mal einige Wörter in die Luft, die bei solcher Wucht die Runde machen: Grime, Drone, Free, Far Out, Improv, Gothic, Hypnos, Raga. In manchen Passagen klingt es wie eine radikalisierte Version von Bohren & Der Club of Gore, in anderen, als träume Brian Eno von einer expressionistischen Variante von Ambient Music, und würde nur deshalb nicht am Mixing Board sitzen, weil die Musiker und das Kirchenschiff alles selbst regeln.

 

Ähnlich wie bei seinem einstigem Mitstreiter  Shabaka Hutchings, spielen auch bei „Pulled By Magnets“ die „ancestors“, die Vorfahren eine Rolle, und so, wie Shabaka und seine südafrikanischen Freunde bis in die Karibik, bis nach Jamaika blicken, um einigen „nyabhingi“-Wurzeln und anderes Groovekraut anzuzapfen, nimmt Sebastian auf sehr, sehr sublime Weise Klangspuren Klassischer Indischer Musik auf (er hat einen Familienstammbaum, der eben auch ins ferne Asien reicht).

 

Da wird keine Ragamusik imitiert, eher schon ein ferne, verblasste Erinnerung an das  Schnurren der Tamboura in ein archaisches Soundgeschehen made in London transportiert. Die Einflüsse sind weit gestreut, ich erfahre, dass Mr. Rochford im Vorfeld der Produktion auch alte Beduinentexte studiert hat. Ist der Jazz, wenn das mal Jazz ist, nicht auch, irgendwie, Geheimwissenschaft?

 

Die Musik des Trios ist ungemein wandlungsfähig, auch Pete Wareham am Saxofon schreit und wildert nicht in Free Jazz-Arealen, wie man ahnen mag, wenn es, wie hier, keine Kompromisse gibt. Eher ist sein Spiel gebündelt, er lässt Sounds ins verwinkelte Rund schallen, folgt dem Echo, als gebe es kein gestern, kein morgen. Alle Drei, auch Neil Charles, der kundige Dritte, der Mann am E-Bass, fühlen sich sauwohl in diesem Szenario, in dem jeder Sound seine eigene Strahlkraft besitzt, und doch, von einer Sekunde zur andern, verloren gehen kann. Und was hat es mit den Pforten, Schwellen, Durchgängen auf sich, die im Titel anklingen: „Rose Golden Doorways“?  Hat man so etwas schon mal gehört?!


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