Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the category ‘Blog’.

Category: Blog

 
 

Hab nicht gut aufgepasst: Welcher Pyro- und Lasertechniker hat jetzt eigentlich den ESC gewonnen? Angeblich soll sogar gesungen worden sein, wie man hört …

Spässle!

Music isn’t fireworks – Music is feeling.

Also sprach der portugiesische Sänger Salvador Sobral ex cathedra, als er 2017 das grosse ESC – Rattenrennen gewann, mit pubertärem Charme in einem viel zu grossen Sakko. Und einem Song, der entfernt nach verräucherten Studentenkneipen mit existenzialistischem Flair, Nächte füllenden Diskussionen, Sozialromantik und einem Hauch von Intellektualiät roch, mit der man damals vergeblich versuchte, erotische Wirrnisse mental zu erfassen und bewältigbar zu verstoffwechseln oder wahlweise die Welt zu retten. Daran erinnert man sich in jedem Fall gerne. Über die logischen Brüche im Text – wenn einer nicht liebt muss der andere eben doppelt soviel lieben – breiten wir einmal den Mantel des Schweigens oder verhandeln es als Paradoxon – als Thema für ein psychologisches Seminar. Eine Mathematik der Gefühle, nu ja, zumindest amüsant, ein bisschen zum Dahinschmelzen, wenn der Schmelzpunkt tiefer liegt, was man ja Frauen gemeinhin nachsagt. Wurde allerdings in „Wenn Frauen zu sehr lieben“ schon 1985 verhandelt und scheint als Lebensmodell nicht wirklich hinzuhauen.

Aber zurück zum Rattenrennen:

1960 – etwa so lange gucke ich schon ESC, damals noch Grand Prix d‘ Eurovision de la Chanson genannt (Satz für die Ewigkeit: Douze points pour l‘ Allemagne, Mann war das spannend!). Damals herrschte in der leichten Muse noch die schwarze Pädagogik, die junge Leute belehrte, dass man noch Träume haben sollte (anstatt zu handeln) und über den Frieden und gegen den Krieg singen sollte (anstatt zu handeln). Ein Antikriegslied hiess tatsächlich „Bumm badda bumm„, womit Geschützlärm verklausuliert war, als ob Krieg nur aus Krach bestünde. Damals meinte man noch Botschaften in süsse Melodien verpacken zu müssen – Beiss nicht gleich in jeden Apfel und Sprich nicht drüber und Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein und Liebeskummer lohnt sich nicht und kleine Italiener haben immer Heimweh nach ihren Freundinnen und sonst anscheinend keine Probleme. Und die Sänger/ innen waren hübsch und sauber mit Kernseife gewaschen.

 
 

 
 

Was in der Erinnerung bleiben wird sind Melodien, Rhythmen und Gesichter der Protagonisten. Einige Songs waren wirklich nicht schlecht: Das pfiffige „Puppet on a String“ von Sandie Shaw, das herrlich mediterran – theatralische „Apres Toi “ von Vicky Leandros, naja, und später dann natürlich „Waterloo“. Merci Cherie hab ich erfolgreich verdrängt, bei Udo Jürgens krieg ich Pickel. Vor ein paar Jahren dann ein zweiter Platz für die sympathischen Common Linnets mit „Calm after the Storm“ mit sehr puristischen optischen Effekten und Country – Einschlag. Ausreisser!

Natürlich weiss ich, wer heuer gewonnen hat – eine Schwedin, plaziert auf einer Art überdimensionierter Sonnenbank wie ein Sandwichbelag, die aussieht wie Pocahontas und sich tatsächlich von den anderen abhob, weil sie ungeschminkt war. (Dürfte übrigens Michas Kragenweite sein). Vermutlich war sie das aber nicht, sondern wurde vorher 4 Stunden in der Maske mit dem Nude-Look versehen: Man wird mühevoll so geschminkt, dass man aussieht als sei man nicht geschminkt – wer’s nicht glaubt, der google „Tilda Swinton“, die hat als erste damit reüssiert. Keine Ahnung wie lange die morgens in der Maske hockt. In den Nagelstudios gibt’s den gleichen Trend – eine Stunde Kreation von künstlichen Gelnägeln die aussehen wie natürliche Nägel. Milchbad-Look heisst das – unten rosa, oben weiss – fetzig, oder? Ich verkneife mir hier mal den Tarzanschrei und lege es ab unter „ungeklärte kulturhistorische Phänomene“, denen ich mich im höheren Alter widmen werde (sogenannte Verzweiflungsprokrastination), kann doch nicht sein dass alles nur auf Kohlemachen hinausläuft, by the way …

Oder?

Der ESC ab Millennium hat keine Botschaften mehr, die Protagonisten drehen sich in ihren Texten um sich selbst und ihre Empfindungswelt, in der Regel um ihre Beziehung (Youre my tattoo, I am your satellite, we are blood and glitter ), das ist die Narzissierung der Wohlstands- und Spasshaben-Gesellschaft, das schwappt in alle Bereiche der Trivialkunst, dazu fuchteln sie wie ein Fitnesscoach auf Speed. In den letzten 10 Jahren wurde zusehends mehr gerappt, klar, damit verjüngte sich die Zielgruppe, während 1960 auch noch die Oma zuguckte und mit den Liedern etwas anfangen konnte. Bei Heavy Metal geht das nicht mehr, obwohl … Opa und Oma sind heutzutage Ü50, da waren die schon in Wacken dabei. Der Uropa noch in Woodstock.

Während es früher noch um Wellsounding und Goodlooking ging, steht nun Andersartigkeit im Focus – als einzige Chance den Preis abzustauben: Man muss sich dramatisch von der Masse abheben. Das führte zu zwei Siegen für Deutschland mit einem Nonsens-Lied von Guildo Horn und einem Quatsch-Rap von Stefan Raab. Das nächste Mal sang eine schöne Frau mit Vollbart, hat auch geklappt. Etwas später dann der knuddelige Portugiese a capella mit einsamem Barpianisten und im zu weiten Anzug. Dann war der Distinktionstrick wieder ausgereizt.

Wenn ich an die – von mir jährlich treulich verfolgten – ESCs des 3. Jahrtausends denke, erinnere ich ausschliesslich das Aussehen der Sänger und die optischen Affekte, keineswegs das Lied. Dafür aber die finnischen Lordi, mit denen man problemlos eine Geisterbahn ausstatten könnte, die Lady mit Vollbart, die queeren deutschen Punker von 2023 und die Nude-loo -Lady im Bitchburner. (Deutschland immer weit vorn und öfter sogar Erster, wenn man nur die Tabelle um 180 Grad drehte).

 
 

 
 

Somit folgt die Darbietung dem Muster eines Infantilisierungsprozesses; wenn man einem Baby ein Lied vorsingt und zeitgleich eine Christbaumkugel hinhält, dann wird es sich nur für letztere interessieren, der visuelle Effekt toppt den akustischen (vermutlich ein Atavismus – in der Steinzeit war das Mammut schon eher zu sehen, als dass man es hörte), Lied und Gesang werden zu einer funktionalisierenden Tonspur, die man – wie auch oft im Film – nur unterschwellig oder auch gar nicht mitbekommt und sich auch nicht mehr daran erinnert; zumindest ich muss immer nachhören, mit geschlossenen Augen. Ein Tonspur-Contest. Dann merkt man auch nicht gleich was mies ist.

Nach einem Jahrzehnt Gerappe setzte man heuer übrigens wieder auf Melodisches – Distinktionstrick. Kunst und Wettbewerb beissen sich, haben sich schon immer gebissen. In einer Konkurrenzsituation wächst selten etwas Gutes; Aussenorientierung und Nach-Nebenan-Schielen statt Sammlung, Kontemplation und eigene Handschrift.

Einen Wettbewerb für Künstlerisches oder auch nur Trivialentertainment auszuschreiben evoziert den Effekt, den man auch in einer Kinderschar beim Wurstschnappen bekommt, in der jeder immer höher zu hopsen versucht als der andere, um gesehen zu werden und das angesabberte Paar Wiener zu bekommen. Was dann entsteht ist eine Freakshow mit Unterströmungen von Hysterie und Verzweiflung – eben ein ESC.

 

2023 28 Mai

Ein doppeltes Farewell

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

 

 

Den Plan hatte ich schon länger ins Auge gefasst, und jetzt führe ich ihn aus, allerdings nicht unter den geträumten Vorzeichen. Ich begann im Jahre 2011, als der BVB die erste von zwei Meisterschaften unter Klopp holte, hier auf dem Blog, zusammen mit Jo und Dirk. Ich hatte grosse Freude daran, grossenteils aus der Hüfte zu schreiben, und manchmal im Teamwork (The Ship – a review and a story bleibt mein Favorit, auch dank Ians Input), in variierenden Textformen, mich in Feldern zu tummeln zwischen dem Trivialen und der Sehnsucht, zwischen sound & vison, Traum und Traumdeutung, Tagebuch und Fiktion, Zeitreisen und Radio, Fussball und Heimatkunde, Sylt, Lanzarote, Kristiansand, etcetera etcetera. Nun schliesst sich ein Kreis für mich – der Rahmen wäre perfekt gewesen mit dem Gewinn der Meisterschaft unter Edin Terzic (ich hätte es gerade ihm so fucking gegönnt!), und einigen drumherum drappierten Stories (etwa ein Re-Boost alter Heimatorte). Shit happens. Melancholia rules.

 

 

 

 

Ich begegnete gestern Abend und heute auf dem Borsigplatz auf einer kleinen Nostalgierunde, die im Westpark und am Stadion endete, etlichen Menschen, die sich einfach dadurch entlasten konnten, dass sie ihrer Fassungslosigkeit Ausdruck verliehen (ich war und bin genauso angezählt, keine Frage) – wir teilten Beobachtungen, Empfindungen, Erlebnisse, Sekunden, Schocks, Ernüchterungen. Kollektive Trauer – nichts anderes ist das, es muss da nicht immer um Krieg und Tod gehen. Abschiede von Illusionen spielen sich im Leben auf vielen Ebenen ab. Und da jetzt so einige andere Themen anstehen, und so manches von mir zuende erzählt wurde, verlasse ich diesen Kreis. Aller Dank geht an alle, mit denen ich mich gut verstand und verstehe, die eindeutige Mehrheit. Und wenn ich mit einer der grössten Sozialfloskeln schliesse, ist sie doch ernst gemeint. Wir bleiben in Kontakt.

 

 


(Borsigplatz, „ich in blau“ –  mein Abgang fand dann etwas apäter endgültig statt…Ende Juni…was lange währt, wird endlich over…) 

 

2023 28 Mai

Listen, Listen

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 4 Comments

TV Events in 2023

 

  1. Succession – Season Four (wow) 10/10
  2. 1883 – Limited Series (paramount+) 9/10
  3. 1923 – Limited Series (paramount+) 9/10
  4. Weissensee – All Four Seasons (netflix / ard+) 9/10
  5. Ted Lasso – Season Three (apple tv+) 8/10
  6. Beef – Season One (netflix) 8/10
  7. The Marvelous Mrs. Maisel – Final Season Five (amazon prime) 8/10
  8. The Americans – Season Two (amazon prime) 8/10
  9. The White Lotus – Season Two (wow) 7/10
  10. Transatlantic – Miniserie (netflix) 7/10
  11. Last Exit Schinkenstrasse (amazon prime) 7/10
  12. Luden – Miniserie (amazon prime) 7/10
  13. Tulsa King – Season One (paramount+) 7/10
  14. Tage, die es nicht gab – Limited Series (ard) 7/10
  15. Slow Horses – Season Two (apple+) 7/10
  16. Shrinking – Season One (apple tv+) 6/10
  17. The Last of Us – Season One Ep 1-7 (wow) 6/10
  18. Justified – Season Three (freevee) 6/10
  19. Yellowjackets -Season One Ep 1-8 (wow) 5/10
  20. Poker Face – Season One Ep 1-6 (wow) 5/10
  21. Babylon Berlin – Season Four Ep 1-3 (wow) 4/10

 

 

 

Album Listenings in May

 

Daniel Humair –Drum Thing
Louis Sclavis – Asian Fields Variations
Vincent Courtois – Finis Terrae
Borderlands Trio – Asteroidea
Thomas Strønen – Bayou
Tyshawn Sorey Trio – The Off-Off Broadway Guide …
Berne / Roberts / Nealand – Oceans And
Tom Rainey Obbligato – Untucked in Hannover
Young / Eilertsen / Kleive – Eventually
Trio Cellin Celea Humair – New Stories

 

2023 26 Mai

Open air (start)

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: , | 2 Comments

Yesterday the first open-air live event (the wind was a bit to cold still): a pre-opening gathering of Rotterdam’s NORTH SEA ROUND TOWN city community festival with its 350 musical events at 125 locations …

 
 


 
 

Stro/ing free form Body Voice (Fl)Air(y) Sweeps – forte effusione frappant

 
 


 
 

Sanem Kalfa, (voc, cello), Lucija Gregov (cellos), Alice de Maio and Kelly Bigirindavyi (dance) presented the very personal exploration of their 3-days residency at Wibbine Kien’s Driebergen Farm on the rural outskirts of Rotterdam – A closeness experience of open throws and hitting arrows.

 
 


 
 

Here only a few pictures of many sequences of gripping movements of bodies, voices, strings, eyes and souls in high directness.

 
 


 
 
 

Apropos closeness … an album with duets of Charlie Haden comes to mind, released 1976. It’s duos with Ornette Coleman, Keith Jarrett, Alice Coltrane and Paul Motian, an early (unforgettable) school of listening. Simply a cross-sectional association.

 
 
AUDIO  Closeness Duets

 

The videotape ended up here from a filmmaker’s household. Never heard of „Elling“, by Christian Ellefsen, Norwegian original version with English subtitles. I watched it for a few minutes just to get an impression and I planned to give it one or two stars out of five, referring to the movie-rating game Michael suggested a few days ago. For me, it had a comedic feel to it at first as these two traumatized middle-aged men tried to find their own lives; the characters were not believable to me, but the authenticity of the characters is one of the most important characteristics of a successful movie. One day in the hallway, Elling mumbles a sentence to himself and discovers poetry in it. That’s the storyline that grabs me. Everything passes on to something else. In the end, it’s just me and that anonymous voice from the quiet streets of the night. And four stars at least.

 

2023 25 Mai

Jean-Louis Murat 1952-2023

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments

 

Seine häufig getragenen, keyboardlastigen und meist melancholischen Lieder haben mich berührt wie die keines anderen zeitgenössischen französischen Songwriters. Er hatte eine unglaubliche Sanftheit in seiner Stimme, man konnte jedes Wort verstehen, so klar war die Artikulation. Man hatte immer das Gefühl, er sang immer nur für einen selbst, er schuf eine Intimität wie wenige andere Sänger. Er flüsterte einem ins Ohr. Es sollen Frauen beurteilen, aber ich finde seine Stimme erotisch. Ich war gerade überrascht, dass er schon 71 war, ich dachte er wäre kaum älter als ich. Das erste Mal habe ich seine Stimme in Luxemburg gehört auf France Inter, wo l’inrockuptible Bernard Lenoir, der John Peel Frankreichs, ihn in seiner täglichen Abendsendung Anfang der Neunziger öfter auflegte. Und ich war sofort ein Fan. Gerade erst habe ich von seinem nicht ganz einfachen Leben gelesen, von dem ich vorher nichts wusste außer, dass er aus der Auvergne (Zentralmassiv), einer einsamen, für französische Verhältnisse rauhen Gegend, kam. Mit 17 geheiratet, 1970 zum Isle of Wight Festival getrampt, mit 19 Vater, geschieden, einige Zeit mit Gelegenheitsjobs on the road in Europa, die musikalischen Anfänge schwer. Jemand, der direkt seine Meinung gesagt hat und sich damit nicht unbedingt immer Freunde gemacht hat. Jean-Louis Bergheaud, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, starb zuhause an einer Lungenembolie. Eines meiner Lieblingslieder von ihm, Aimer, hier mit Szenen aus Paris, Texas.

 

2023 24 Mai

„simply spread“

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 4 Comments

 

a u d i o

 

2023 24 Mai

Dialektische Dynamik

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 3 Comments

 

Records sind Verfestigungen von Ketten von live Momenten und musikalischen Recherchen. Ohne Records gäbe es eine Menge von Stileingrenzungen gar nicht. Auch gäbe es eifriges klassifizierendes Tun viel weniger oder vielleicht gar nicht. Nun gut, es ist so wie es ist. Wir leben in dieser verfestigten und verfestigenden Welt mit all ihren Vor- und Nachteilen. Es ist mitunter auch verblüffend, was Gruppen, die auf markanten Labeln festgelegt wurden, tatsächlich live machen. Und natürlich tun viele Musiker alles, um nicht in den Verfestigungen von Records gefangen zu sein. Es drängt viele zum Aufbrechen der Verfestigungen, die eine (produktive) dialektische Dynamik verursacht.

 

„The Horse“ is a musically branching, adventurous journey through, well, horse worlds and human worlds. Whether you have a lifetime of experience with mustangs, remember the aching buttocks of your first riding lessons, or have come close to these magnificent animals, especially in films and series, from Fury to The Horse Whisperer, it doesn’t matter.

Matthew Herbert had new instruments built from horse bones in advance, enriching the traditional instrumentarium of  electronica, jazz, field recordings, chamber music, ans all the in-between spaces – the music can easily lift you out of the saddle. Amazing what comes out on Modern Recordings, from Daniel Lanois‘ magical piano album to Rickie Lee Jones‘ existential (!) trip through the American Songbook.

 

 

 

 

01. Fire! Orchestra: Echoes (1)  9.5
02. Matthew Herbert: The Horse (2) 9.4
03. Califone: Villagers (-) 9.0
04. Paul St. Hilaire: Tikiman Vol. 1 (11) 8.6
05. Natural Information Society: Since Time Is Gravity (5) 8.5
06. Craven Vaults: Standers (-) 8.3
07. The Necks: Travel (4) 8.3
08. Rickie Lee Jones: Pieces of Treasure (-) 8.3
09. Lankum: False Lankum (9) 8.3
10. Seb Rochford & Kit Downes: A Short Diary (10) 8.2
11. Josephine Foster: Domestic Sphere (-)  8.2 

12. Tinariwen: Amatssou (-)  8.1 

 

Eine kleine Zusatzbemerkung: es ist interessant zu sehen, wie sich eigene Favoriten wandeln oder sich unter den ersten 12 behaupten. Ein Wechselspiel von aufflammender Begeisterung, vorübergehender Beruhigung, „growers & sinkers“, etc. – zuweilen erweisen sich nicht mal Tiefenwirkung und Oberflächentaumel als trennscharf (durchaus eine Parallele zur Liebe auf den ersten Blick). Platten, die erst mal aus der Parade herausgefallen sind, können durchaus im Laufe des Jahres wieder auftauchen –  die nächste „hot list“ Ende Juni.

 

 

 

 

Die Musik von STANDERS ist verblüffend ohne Ende, mit all ihren Echos und Eigenheiten. „Meers & Hushes“ hat die melancholische Anmut einer liebeskranken Folk-Ballade, während die hüpfende Basslinie von „Severals“ fast luftig ist. Fügt man der aufsteigenden Euphorie von „Sun Vein Strings“ einen stampfenden Beat hinzu, könnte man sich vorstellen, dass die Leute in der Morgendämmerung auf einem Feld dazu tanzen. Ich zitiere Sam Richards aus UNCUT, übersetzt und leicht remixt

 

 

 


„Die Ikonographie von Craven Faults widersetzt sich der üblichen Darstellung von Synthesizer-Musik als futuristisch, spacig oder psychedelisch. Und das aus gutem Grund – diese Tracks fühlen sich erdig und urwüchsig an, als wären sie von unten ausgegraben und nicht aus dem Kosmos heruntergebeamt worden. Die Präsentation ist ein kluger Schachzug, der die Fantasie anregt, während sich diese monolithischen Stücke entfalten. Aber es ist nicht wie bei einer konzeptionellen Kunstausstellung, bei der man die Erläuterungen in der Galerie braucht, um den Sinn der Ausstellung zu verstehen. Trotz der asketischen Atmosphäre handelt es sich hier um viszerale, emotionale Musik, die eher in der weißen Hitze des Rock’n’Roll und Post-Punk als in der akademischen Avantgarde geschmiedet wurde.“

(Und, wenn möglich,  besorgt euch die Doppel-Vinylausgabe in Dunkelgrün. Nasses Moosgrün.  Bei JPC fliegen noch ein paar rum.) 

„Faults selbst verweist auf „Tomorrow Never Knows“, „Radioactivity“ und „Sister Ray“ sowie auf Charles Ives‘ „The Unanswered Question“, ein eindringliches Stück zutiefst existentieller Musik für Streicher, Flöten und Trompete, das 1946 uraufgeführt wurde. Stellt man sich auf die richtige Frequenz ein, hört man alle möglichen anderen – vermutlich unterbewussten – Resonanzen: das Hauptriff, das „Sun Vein Strings“ einläutet und wie eine synthetisierte Version von „TV Eye“ klingt; die flüchtige Ähnlichkeit von „Odda Delf“ mit Radioheads „Street Spirit“; das schräge „Pling“ in „Hurrocstanes“, das einen plötzlich an „Superfly“ denken lässt.


Aber das Schöne an Standers ist,

dass es dazu einlädt, diese Blitze der Transzendenz des 20. Jahrhunderts

in einem viel längeren Kontinuum zu betrachten,

das sich bis in den Nebel der Zeit zurück erstreckt.

Stellt man den Ton wieder ab,

hört man nur noch das leise, langsame Knirschen

der Verwerfungssysteme, die unendlich unter unseren Füßen knirschen.“

 

2023 23 Mai

Sanem Kalfa, l’appassionata (2)

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

 

 

 

This is part 2 of the story of vocalist/cellist Sanem Kalfa. Part 1 you can read HERE

 

Sound-making: the real voice 

 

I always ask myself: is this the real Sanem speaking? There is so much music, there are so many thoughts, people, places and events happening around us. I think it’s important where you position yourself, where you stand in order to act in truest ‘being yourself’ mode while all these other things are happening around you. This way, it’s a question of a powerful balance between giving and receiving. Anything effortless and honest reaches me easily.”

 

To the comment that the voice is the foghorn of the soul, she replies:

 

“I believe that the voice is one of the channels of the soul through our body. Perhaps the most concrete one. You can call it the foghorn or anything else that speaks to your imagination.”

 

This opens up a fascinating conversation about different types of soul and about discovering your own kind of soul through shared musical travels and about her Dream Project entitled “Invisible Columns”. Music can lead to moments of intense contact with our own souls as well as with other souls’ vibrations and flames.

 

This means that while the inner light of our souls is burning, it is often obscured by a lot of internal and external noise and confusion (fog), such that we may even lose our way by losing the ability to feel or by avoiding certain internal areas. We can sigh or cry, cry or scream. We can yell or roar. But we are supported when we sing together. And we need our voice for laughing, too. 

 

The physical voice and its qualities can lead us into and around in that fog. It can warn us of danger or pain. It can seduce us into following, immersing ourselves and even surrendering. It can soothe and open us up to mourning and acceptance. It can incite us to cross the threshold for doing cruel things. It is a central human organ and instrument when it comes to leading people.

 

Indeed,” interjects Kalfa, “and it must be used wisely.”.

It can also allow us to experience the abyss, as well as dark, threatening shadows. It can conjure and heal. If we didn’t have this medium stimulating us to connect the internal to the external, we would be alone in a hell of inner noise or in a dead cave with muffled heartbeats discernible only at a distance.  

 

 

 

 

Voice (“ses” in Turkish) and sound-making (“ses cikarmak” in Turkish) are an integral part of the movement of our bodies. As Kalfa says:

 

I imagine it like this: emotions trigger the body, and the body reacts by producing sound.”

 

According to her, LISTENING in a broader sense is key for the emergence and shaping of music. Kalfa:

 

Music comes from the depth of the ground to the limits of the sky – everything, everywhere. When we start filtering, then it becomes music.

 

It means that children receive a multitude of sounds which have different effects on them and they are specifically attracted to human voices and their musical qualities when talking, humming and singing (as when Kalfa’s older sister sings Turkish lullabies for her as a primary voice). This plays a guiding role in the absorption of surrounding sounds. On the journey from sounds to music, the travelling continues from music back to sounds to create and enrich music. According to Kalfa, immersive listening with the whole body is also the basis for getting into the flow during performances. And then there are these moments of rising excitement when listening to music when performing yourself – but also when listening to and watching a performance. 

 

There is the expression “music is in the air”, but neither air nor wind play music. It is we ourselves who hear it as music and can then build a wind harp, for example, to channel and shape this natural process. There is also the concept of musica universalis/music of the spheres (Johannes Kepler, 1571-1630) which perceives the movements and constellations of the universe in musical terms. A similar concept can be found in the biophonic work of electronic musician and biologist Bernie Krause (The Great Animal Orchestra (2012)). Remarkably, the latest theory of the universe, String Theory, is also based on vibrations. Kalfa feels very much connected to the idea that musicians are mediums who make it possible to hear music which, as she said “comes from the depth of the ground to the limits of the sky”. A medium is required to maintain a context-sensitive balance of noticing/receiving sounds and then shaping them in open, attractive ways. 

 

The continuing creation process

 

Two examples of Kalfa’s continuing work of creation are Televisyon and a new, extended version of Miraculous Layers with a new line-up.

 

Televisyon is a new group formed by Kalfa around the core of the longstanding duo of Kalfa and pianist extraordinaire Marta Warelis by teaming up with Norwegian bedrock, bassist Ingebrigt Håker Flaten, and Amsterdam drummer Nasim López-Palacios Navarro, originally from the Canary Islands. The group comes up with music which is alive and kicking for the love of life inspired and informed by the shimmer of the tv and its backdrop of jumbled sound to extract dramatic television stories from it. The music is drawn from memories of times at home when the TV was on all day and all night, effectively becoming fluent wallpaper. You can stop watching, but you can’t escape its backdrop of jumbled sound which will insinuate itself into your memory. In this case, however, it’s not at all nightmarish, more of a joyful celebration involving jams which possibly evoke associations with hints of Blondie or even the Mothers of Invention. It was commissioned as an SITP production in Amsterdam. 

 

 

 

 

The group Miraculous Layers will enter new, free waters with its line-up including saxophonist Tineke Postma. The group started working on extending its repertoire with a live performance-based strategy, developing music from the inherent musical features of the spoken word, a gradual process of crystallization (à la Steve Lacy) resulting in something between composition and improvisation. Kalfa’s cello-playing will take a bigger role, leading into a new counterpoint and coalescence of saxophone and cello. 

 

 

 

 

 

It is evident that Kalfa has a preference for duo work which will be further manifested in promising, thrilling combinations with guitarist Teis Semey, pianist Marta Warelis, pianist Harmen Fraanje and percussionist Sofia Borges (Whispers&Cries). 

 

It will make room for Kalfa’s versatility, for the deepening her music and in future, for her free wingbeats which will eventually lead to as yet unknown multidisciplinary projects. 


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz