Ich bin ein Freund des Deutschen Tourismusverbandes – er macht die Welt zu einem grösseren Ort. Wer hierzulande auf den offiziell gezeichneten Routen radelt, kommt fast dreimal rund um die Welt, äquatorlängentechnisch. „Deutschland umsonst“ heisst das alte Buch von Michael Holzach, der mit seinem Hund die alte BRD durchwanderte, und später daheim in Dortmund in der Emscher ertrank, als er seinen Hund retten wollte. Ich kannte ihn nicht persönlich, aber die Geschichte fand ich so bestürzend, dass ich damals den Ort aufsuchte, an dem er sein Leben liess – manchen Fremden fühle ich mich seltsam verbunden. Als Kind stürzte ich einmal in diesen alten Kanal, und obwohl er klein und schmal wirkte, riss er mich von den Beinen. Die Wanderlust hat mich nie ergriffen, aber die E-Bike-Lust ganz und gar. Wer diese nun in Mode gekommene Fortbewegungsart Seniorenradeln nennt, ist genauso behämmert wie der Vertreter der Anschauung, dass gutes Essen der Sex des Alters sei. Wie wäre es also mit den Radwegen im Ruhrgebiet, als Dortmunder komme ich ständig an alter Heimat und nie gesehenen Strassen, Wiesen, Erholungszonen, Industrieruinen, Sportplätzen, Schwimmbädern, Friedhöfen, Waldrandzonen vorbei, auch an Kaffeehäusern, die den verblichenen Charme der Nachkriegszeit verströmen, und den guten Filterkaffee noch mit Büchsenmilch servieren. Das Leben ist voller Abenteuer, aber „Deutschland unsonst“, das war einmal. E-Bike-Touristen sind zahlungskräftig und allseits gern gesehen. 2,3 Milliarden Euro gaben Radreisende aller Art 2015 für Unterkunft, Verpflegung und Kulturgenuss aus. Alles easy going? Keineswegs: mit den Wegbeschilderungen liegt noch vieles im Argen, es droht also, wenn Sie mal GPS daheimlassen, allerschönstes, die Sinne schärfendes, Verirren. Das Verirren im eignen Land ist keineswegs zu unterschätzen. Wer erinnert sich nicht an Brian Enos Zeilen aus seiner Zeit an der Weser: „I got lost in Lüneburg Heath“!? Wem das alles dann doch zu wenig radikal erscheint, dem empfehle ich die Lektüre von Tim Moores Buch „Mit dem Klapprad in die Kälte. Abenteuer auf dem Iron Curtain Trail“. Als Tim die russisch-finnische Grenze hinter liess, gehörte er nur selten noch zum Club der Gern-Gesehenen.
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2017 21 Sep.
Mit dem Elektrorad durch deutsche Lande
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments
2017 20 Sep.
Karl Bartos: Der Klang der Maschine
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Karl Bartos, Kraftwerk | 4 Comments

In Wirklichkeit heißt der Mann also Karlheinz. Zu Herrn Karl wurde er erst, als es darum ging, seinen Namen für die Kraftwerk-Bühne in Neonrohr zu biegen: Da ist Karl eben nur halb so teuer wie Karlheinz.
Wenn das alles wäre, was man aus der soeben vorgelegten Autobiografie des Musikers Karl Bartos erfahren würde, wären 600 Seiten ein bisschen viel. Aber man erfährt doch eine ganze Menge mehr. Um falschen Erwartungen vorzubeugen, sollte man sich zunächst klarmachen, dass dies die Autobiografie Karl Bartos‘ ist, nicht die Story von Kraftwerk — die nimmt zwar den größeren Teil des Buches ein, und sie klebt, wie er selbst sagt, wie ein Schatten an ihm, aber sie ist nicht sein ganzes Leben.
Karl Bartos, geboren in Berchtesgaden, aufgewachsen in Düsseldorf, heute in Hamburg lebend, ist ausgebildeter klassischer Perkussionist, der in Schlager- und Tanzbands ebenso gespielt hat wie im Opernorchester. Zur Abschlussprüfung spielte er Gary Burtons nur scheinbar unauffällige Solokomposition „The Sunset Bell“ — aber wer das Werk mal konzentriert gehört hat, wird ungefähr einordnen können, auf welchem spielerischen Niveau er sich bewegt. Kraftwerk war denn zunächst auch nicht mehr als ein Job unter diversen, bis ihn die Kraftwerker ultimativ aufforderten, exklusiv für sie zur Verfügung zu stehen (man könne schließlich nicht gleichzeitig für Mercedes und BMW arbeiten). Dass sie ihn damit zu einem Unternehmer machten, der nur einen einzigen Kunden haben durfte, fiel ihm wohl selbst erst später auf — dann allerdings umso unangenehmer, denn klare Absprachen oder Verträge gab es nie. Jahrelange Rechtsstreitigkeiten folgten auf dem Fuße.
Aber das ist ein Vorgriff. Bartos schildert zunächst mal seine Jahre mit Kraftwerk, die die Alben von Radioaktivität bis Electric Cafe umfasst. Man lernt Titel für Titel die Arbeitsweise der Gruppe kennen, die „Writing Sessions“, und seinen eigenen steigenden Anteil daran. Er war weit mehr als nur „der Drummer“. Wer Bartos‘ spätere Soloplatten kennt, kann seine Handschrift auch bei Kraftwerk ohne große Schwierigkeiten heraushören. Als Co-Autor genannt zu werden ist ihm schließlich gelungen; später sogar — was ich nicht wusste — haben ihn Ralf und Florian auch an den Plattenverkäufen beteiligt.
Man erfährt, dass das Radio-Aktivität-Album auf einer geliehenen Achtspurmaschine aufgenommen wurde und Trans Europa Express in den angesagtesten Studios der USA gemischt, die Mischung dann aber doch verworfen wurde, weil sie zu amerikanisch klang. Zu den interessantesten Teilen des Buches gehört das jahrelange Drama um das Electric Cafe-Album. Das begann schon damit, dass die EMI die Platte unabgesprochen angekündigt hatte und daraufhin überstürzt die „Tour de France“-Single veröffentlicht wurde. Dass das Album dann jahrelang nicht fertig wurde, lag daran, dass die Gruppe ihr Equipment auf digitale Technologie umstellte, was einen Umbau nicht nur des Studios bedingte, sondern — und das war der eigentliche Knackpunkt — die bis dahin praktizierte Arbeits- und Kompositionsweise unmöglich machte. Diese nämlich beruhte auf unmittelbarer Kommunikation im Studio. Durch die Digitaltechnik war plötzlich jeder der Musiker auf sich selbst bezogen, und die Band fand keinen Weg, damit umzugehen. Es stellte sich heraus, dass Musik nicht zwangsläufig dadurch besser wird, dass man das jeweils modernste Equipment verwendet. Es gibt wichtigere Faktoren, zu denen sie aber den Rückweg nicht mehr fanden.
Karl Bartos verließ die Band während der Arbeit am Mix-Album, weil er schlicht nichts mehr zu tun hatte. Bezeichnend ist das Unverständnis, das ihm dafür von Hütter und Schneider entgegenschlug. Und es spricht für ihn, dass er das Buch nie dazu nutzt, irgendwelche Schmutzwäsche zu waschen, obwohl der Frust nicht selten zwischen den Zeilen steht. Und auch viele Fans nahmen ihm seinen Weggang übel. Das zum Teil wirklich widerliche Bartos-Bashing jedenfalls, das in einigen Kraftwerk-Foren im Internet bis heute losbricht, wenn nur sein Name erwähnt wird, spricht Bände. Aber das ist nur ein Teil der Fans; die meisten wissen seinen Anteil an der Gruppe sehr wohl einzuordnen.
Nach seinem Weggang machte Bartos zunächst die unangenehme Erfahrung, dass etliche Türen, die ihm als Mitglied von Kraftwerk stets geöffnet worden waren, jetzt verschlossen blieben. Es ist interessant zu lesen, wie er sich dann doch irgendwie mit der Situation arrangierte, bis heute. Mehr erfahren hätte ich gern über seine Gastprofessur an der UdK in Berlin, aber da bleibt es bei wenigen Seiten.
Bartos ist kein professioneller Autor, dennoch liest sich das Buch gut und flüssig. Gelegentlich hätte man ihm ein besseres Lektorat gewünscht (falsch geschriebene Namen, gelegentliches Namedropping und die eine oder andere Stilblüte wären so vermeidbar gewesen), aber das ist Kleinkram. Ein kleines bisschen mehr analytische Tiefe hätte manchmal auch nicht geschadet, das Buch verbleibt doch stark auf der rein deskriptiven Ebene. Aber während die 1999 erschienene Autobiografie von Wolfgang Flür mir über weite Strecken eher „wishful thinking“ gewesen zu sein schien, liest man Bartos‘ Buch in jedem Fall mit Gewinn.
2017 20 Sep.
Wally Heider Studios, Los Angeles, 20. September 1977
Manafonistas | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment
2017 20 Sep.
Das Cover von „Provenance“
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Björn Meyer, ECM, Provenance | 5 Comments
Lieber Michael,
hier die Antwort von Mayo Bucher:
Das Bild heisst eigentlich „December Walk“. Was es genau darstellt, bleibt der Fantasie überlassen. Nur so viel: Ich habe das Foto 2010 auf dem Flugplatz Dübendorf (wo sich auch mein Atelier befand) im Nebel geschossen, und der Boden war voller Raureif- so dass das gefrorene Gras beim Laufen geknistert hat. Die Schwarz-Weiss Fotografie wurde mit Pigmentdruck auf Malerei auf Holz übertragen. Matt und Glanz spielen im Original auch eine wichtige Rolle.
Das finde ich sehr passend! Vielschichtig, knisternd, glitzernd, aber gleichzeitig etwas Weiches – tief, aber sanft etc.
Liebe Grüsse, Björn
2017 19 Sep.
Songs From So Deep – from Gesualdo to The Go-Betweens
Manafonistas | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments
Es sind intuitive, oft auch gut begründbare Entscheidungen, die einem keine Wahl lassen, wenn man die Wahl hat. In der SZ entbrannte vor vielen Jahren eine streitlustige Diskussion, vielleicht sogar in der Form eines Briefwechsels – es ging, u.a. um das prinzipielle Qualitätsgefälle von Klassischer Musik und Popmusik.
Meine schlichte Antwort dazu: es gibt keins. Eine Qualität des „Un-Fass-Baren“ kann sich hier wie dort ereignen, sie ist nicht genreabhängig. Das sehen natürlich manche Zeitgenossen anders, besonders solche, die zuviel Weihrauch geschnüffelt haben und ihr Brett vor dem Kopf für eine heilige Tafel halten.
Der launige Diskurs fand zwischen Karl Bruckmaier und Helmut Krausser statt, der in jener Zeit einen historischen Roman über das Leben, Wirken und Leiden des Komponisten Gesualdo verfasst hatte, aus dem HBO leicht eine dreistaffelige Serie schöpfen könnte. So eine Art Phil Spector seiner Zeit, ein Wahnsinniger, ein Killer.
Eine damalige Bekannte schenkte mir diesen Roman, den ich nach fünfzig Seiten in die Tonne warf, weil ich ihn unendlich hölzern und bieder geschrieben fand. In dem angesprochenen „Briefwechsel“ gab Krausser sich als gönnerhafter Teilzeitliebhaber des Pop zu erkennen, vermerkte aber, in Bezug auf Bruckmaiers Wertschätzung der Go-Betweens, dass ja Gesualdo wohl ein anderes, grossartigeres, erhebenderes Kaliber sei. Uuuaaahhhh – eine Leuchtturm-Existenz!
Beim Entschlüsseln der Struktur von „Magie“ zählen nun, wenn man nicht gerade der Riege der Weihrauchschnüffler angehört, die Parameter des Bahnbrechenden und Innovativen allein ganz und gar nicht (den Satz erst mal setzen lassen)! Lieder wie „Spring Rain“ oder „Cattle and Cane“ (von den Go-Betweens), ach, ganze Platten dieser Band aus Brisbane, können, auf einer feinstofflichen – und keinesfalls esoterischen – Ebene der ihnen innewohnenden Eigenheiten soviel „Mikromagie“ (all das, was durch die Raster akademischer Analyse fällt) verströmen wie irgendein alter ehrwürdiger Liederstoff aus fernen Jahrhunderten. Bingo.
k
K
k
Das Beste zum Schluss: ich fliege derzeit durch Robert Forsters Buch „Grant & Ich – The Go-Betweens und die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft“, das am 2. Oktober bei „Heyne Encore“ in der vorzüglichen Übersetzung von Maik Brüggemeyer erscheinen wird. Und was stellt sich bei dieser bewegenden Lektüre heraus: Robert Forster ist diesem gesualdoanischen Anhängers einer Wertehierarchie aus der Mottenkiste an schriftstellerischem „élan vital“ weit überlegen, und da muss man nicht einmal die Ebene der „Mikromagie“ bemühen. Genie, oder kein Genie, das ist nicht die Frage. Das, was Seelennahrung ausmacht, entscheidet zum Glück jeder für sich, es sei denn, lieber Leser, Sie lassen sich etwas vom Pferd erzählen.
P.S.: ich kann dieses Buch gar nicht distanziert beurteilen, ich war zufällig zur ungefähr gleichen Zeit in London, Paris und Regensburg, als die Go-Betweens bzw. einzelne „Botengänger“ dort weilten. Synchronizitäten. In London hätten sie mir 1982 oft über den Weg laufen können, im Rough Trade Shop war ich oft, eine Platte von Aztec Camera hing einmal an der Wand. Ich habe oft die gleichen Platten wie die Drei gehört (beim Lesen permanentes Verblüfftsein), war von „Send Me A Lullaby“ an dabei, habe keine Band öfter in meinem Leben live erlebt, und einmal in Köln (ich könnte das genaue Datum auf der Erinnerungsseite der Band nachschlagen) habe ich mit der vor Vitalität sprühenden Drummerin im Luxor getanzt, ohne mich zu trauen, sie zu einem Drink einzuladen. Eine Viertelstunde lang war ich zu verliebt, um einen klaren Gedanken oder einen Plan zu entwickeln.
The satellites sing songs
The days run into one
I need the sound of cars
To drown the quiet sun
I need the sound of cars
To drown the silent night
The shadows in the sun
I’m lookin’ for a light
I’m dancing in the sun
A strapless Friday night
I’m laughin’ on the run
To dim the quiet light
The nights run into days
The days run into nights
I dream the sound of cars
To drown to satellites
2017 19 Sep.
Augenblicke gestreiften Sonnenlichts
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments
Willkommen in der Gegenwart, der einzige Ort für Entdeckungen. Das frisch gepresste Vinyl zapft alte Schallaufzeichnungen aus dem Jahre 1986 an, und die Wenigen (waren es mehr als 5000?), die es damals gehört haben, müssen „Kult! Kult!“ gerufen haben. Es zirkulierte in kleinsten Kreisen, die Engländer würden es heute zurecht „a nearly forgotten masterpiece of its kind“ nennen. Oh, der hochgepitchte Synthesizer, oh, das Theater der Stimmen in freier Natur, in klimatisiertem Studio. Die Kunst, so variabel und aus einem Guss zu sein. Ich kann diesem Kling und Klang kaum entkommen, wittere Kindermund, Kunde des Staunens, Tribalo Simplico, humanes Flötenspiel für geklonte Schafe, lauter kleine Überraschungen aus dem Off. Erinnern Sie sich an Ihre erste Kirmes, die Augenblicke gestreiften Sonnenlichts! Und einen Chor haben wir auch im Angebot. Die Töne laufen geschnitten und und ungeschnitten weiter. Kennt Meredith Monk diese Platte? Nach Midori Takada und Pep Lloris die dritte Ausgrabung aus den Achtzigern der eigensinnigen Empfindungsart, minimal einmal mehr, und mehr wird nicht verraten. Gesetzt für die Morgenstunde der Klanghorizonte im Oktober.
2017 17 Sep.
Live Schaltung aus dem Folkwang Museum in Essen
Lajla Nizinski | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 10 Comments
Ich tauche heute den ganzen Nachmittag in das PLURIVERSUM von Alexander Kluge ein. Ihm zu Ehren wurde diese totale Ausstellung anlässlich seines 85. Geburtstages ausgerichtet. Kluge ist seit meiner Studentenzeit eine wichtige öffentliche Stimme für mich. Irgendwann konnte ich seinem Informationswasserfall nicht mehr gebührende Aufmerksamkeit schenken. Das versuche ich jetzt, nachzuholen.
Wenn Ihr aktuell Fragen zu seinem Leben oder Werk habt, versuche ich, Antworten vor Ort zu finden.
Der Katalog für 24 € ist empfehlenswert.
Die Ausstellung ist in 6 Themenräume eingeteilt. Als gebildeter :) Betrachter hat man die Möglichkeit, sich durch die sehr sinnlich konzipierte Bilder- und Filmfest zu bewegen. Alexander Kluge ist für mich am stärksten, wenn er in Dialogform arbeitet (RTL). Auch hier setzt er sich immer wieder mit Werken anderer Künstler auseinander und gibt so dem Betrachter das Gefühl, seine eigenen, inneren Bilder hinzuzufügen. Unter diesem Aspekt stelle ich die Ausstellung vor:
Die Ausstellung ist mäßig besucht. Es gibt ein Handout mit einigen Begriffen aus dem Kluge-Lexikon:
„Cross-Mapping“ beschreibt das Prinzip, „mit einer Straßenkarte von Grosslondon den Harz zu durchwandern“ (Kluge). Überlagerung von Bekanntem mit Unbekanntem …
„Eigensinn“ ist nicht als negativer konnotierter Begriff eines egoistisch handelnden Menschen zu verstehen. „Eigensinn entsteht aus bitterer Not.“ (Kluge) Er ist eine Kraft, die auch dann unbezwingbar bleibt, wenn ein Mensch alles sonst verloren hat.
Ich sehe mir jetzt seinen ersten Film „Brutalität in Stein“ an. Er handelt von einem Gärtner auf dem Reichstagsgelände. 1945. Heute Nacht ist der Sohn von Albert Speer gestorben. Er hieß genauso.
Am 15. Juli habe ich hier einige Überlegungen zu Alejandro González Iñárritus großartigem Film „21 Grams“ zusammengestellt, bei dem ein Geschehnis drei Personen an einem Ort verbindet (wobei ein Großteil der Spannung darin liegt, dieses verbindende Element nicht zu kennen. Man kann ja mit Klappentexten einiges zerstören, es ging mir gerade so mit einem 520-Seiten-Roman, dazu aber ein andermal). Eine Besonderheit von „21 Grams“ besteht darin, dass der Film nicht chronologisch erzählt wird, wobei man ihn allerdings dennoch in eine chronologische Reihenfolge bringen kann, wenn man ihn gesehen hat. Heute habe ich einen zweiten Film von Alejandro González Iñárritu auf DVD gesehen und bereits nach kurzer Zeit saß ich für den Rest des Films, der immerhin 138 Minuten lang ist, derart angespannt (ja, angespannt, im Sinn einer Steigerung von gebannt) vor dem Bildschirm, wie ich es lang nicht mehr erlebt habe. „Babel“ wird chronologisch bzw. synchron erzählt und spielt an drei Orten der Welt, an denen ich keine Autopanne haben möchte und die außerhalb meiner Reisepläne liegen und dennoch einen großen Zauber entfalten: die marokkanische Wüste, die südlichen USA, Mexiko und das Grenzgebiet, eine Hochzeitsfeier, – das waren bisher zwei – und Tokio. Da ist ein amerikanisches Paar unterwegs ohne ihre hinreißenden beiden kleinen Kinder, eine Reisegesellschaft im Bus, eine bitterarme Familie mit zwei Jungs und einer Tochter, eine taubstumme japanische Teenagerin mit ihren taubstummen Freundinnen, die wie die Moonies in „The Leftovers“ immer Notizzettel & Stifte mit sich herumtragen und auf diese Weise mit Leuten kommunizieren, die nicht die Gebärdensprache können. Wer bisher nicht daran geglaubt hat, welche Auswirkungen der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt auf sein Leben haben könnte (was natürlich eine Metapher ist), erlebt es hier. Sounddesign, Kameraführung und Bildauswahl sind atemberaubend, Schwarzweißlicht in einer Disko, das nächtliche Tokio, dann wieder Wüste, unbefestigte Straßen. Faszinierende Brüche auch zwischen Bild und Ton, musikalisch geprägt von klassichen Gitarren. Es sind die großen Themen, Zufall, Schuld, Versöhnung, Verantwortung, Ursache und Wirkung, eine Ungeduld, ein unkontrollierter Impuls, ein falsch verstandenes Wort, ein deplatzierter Auftritt mit weitreichenden völlig ungeahnten Folgen. An allen Schauplätzen ist Polizei im Einsatz und die Arbeitsmethoden sind landestypisch verschieden. Die Erotik lebt jeder für sich. Es gibt eine Szene, in der eine Frau so schwach ist, dass sie nicht aufstehen kann, um zu urinieren. Ihr Mann hält sie im Arm, zieht ihren Slip runter und stellt eine Schüssel hin. Diese Momente haben viel mit Würde, Vertrauen und einer Innigkeit zu tun, wie ich es so noch nie gesehen habe. Wie auch „21 Gramm“ ist „Babel“ eine Sammlung von Grenzsituationen, fast jede Sekunde ist existenziell. Die beiden anderen Filme von Alejandro González Iñárritu habe ich schon bestellt: „Buitiful“ und „Amores Perros“. Vielleicht erzähle ich auch darüber.












