Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Autoren-Archiv:

Seit Januar erhältlich:

 

 

 

1010 Paul Bley: Ballads – ***1/2  / ***** (gm)
1014 Chick Corea: Piano Improvisations Vol.1 – ***** – *** (gm) 
1056 Ralph Towner/Gary Burton: Matchbook – **** – (me / jr / gm)
1076 Barre Phillips: Mountainscapes – **** – ****1/2 (bw) – *** (jr) – **** (gm)
1084 Eberhard Weber: The Following Morning – ***** (me / bw / jr) – **** (gm)
1097 Pat Metheny: Watercolors – **** – ***** (bw) – **** (jr / gm / js)
1139 Mick Goodrick: In Pas(s)ing – ****1/2 – **** (bw) – ****1/2
1169 Jan Garbarek/Kjell Johnsen: Aftenland – *1/2 – ***1/2 (gm)
1218 Steve Tibbetts: Northern Song – ***** (me / gm / hdk)
1220 Mike Nock: Ondas – ****1/2 – **** (gm)
1255 Keith Jarrett: Standards Vol. 1 – ***** – ****1/2 (gm)
1272 John Abercrombie: Night – **** – ***** (gm) 
1322 David Torn: Cloud About Mercury – **** (me / jr/ gm)
1346 Terje Rypdal: Blue  – **** – ***** (jr) – ****1/2 (gm)
1458 Louis Sclavis Quintet: Rouge  – **** (me / gm)
1475 Miroslav Vitous/Jan Garbarek: Atmos – *** (me / gm)
1478 Surman/Warren: The Brass Project – *** – ***1/2 (gm)
1486 Stephan Micus: To The Evening Child – *** (me / gm) 
1604 Bobo Stenson Trio: War Orphans  – *** (me / gm)
1657 Peter Erskine: Juni – *** (me / gm)

 

Ab Mai erhältlich:

 

 

 

1024 Gary Burton/Chick Corea: Crystal Silence – ***** (me / jr / gm / js / hdk)
1030 Gary Burton: The New Quartet – ***1/2 – **** (jr) – **** (gm / hdk)
1032 Ralph Towner: Diary – ***** – **** (jr) – ***** (gm / js / hdk)
1038 Art Lande / Jan Garbarek: Red Lanta – ***** (me / bw / gm / js)
1041 Garbarek/ Stenson: Witchi-Tai-To – ***** (me / ijb) – ****1/2 (gm / js /jr)
1043 Bennie Maupin: The Jewel in the Lotus – ****1/2 – **** (gm) – ***** (js)
1044 Julian Priester: Love, Love – ***** – **** (gm) 
1048 Paul Motian: Tribute – **** (me / gm / js) – ***** (hdk)
1052 Steve Kuhn: Trance –  **** (me / gm / hdk)
1120 Bill Connors: Of Mist & Melting – **** – ***1/2 (gm) 
1128 Jack DeJohnette: New Directions – ****1/2 – *** (jr) – ***1/2 (gm)
1160 Steve Swallow: Home – ***1/2 – **** (jr) – **** (gm)
1193 John Surman: The Amazing Adventures of Simon Simon – **** (me / gm)
1230 Don Cherry/Ed Blackwell: El Corazon – ***** – **** (gm) 
1352 Gary Peacock: Guamba  – ***1/2 (me / gm)
1464 David Darling: Cello – *****  (me / jr / gm / ijb)
1577 Keith Jarrett: At The Blue Note, 3rd CD  – **** (me / gm)
1744 Trygve Seim: Different Rivers – **** – **** (gm) – ***** (ijb)
1906 Susanne Abbuehl: Compass – *** – **** (gm) – ***** (hdk)

 

 


 
 

 

Es war einmal, in den Siebzigern, da trat Gary Burton mit seiner damaligen Band im Sauerland auf, in der Balver Höhle, im Rahmen des dortigen Jazzfestivals. Für ihn muss es ein sehr ungewöhnliches Erlebnis gewesen sein, denn er wusste erstmal nicht, dass dieses Event in einer Höhle stattfand. Das ist ja irgendwie etwas Seltsames, Spezielles. Man denkt an Höhlenmalerei, an Steinzeitmenschen und Affen. Da landete also der filigrane Vibraphonist (der meiner Meinung nach einige der besten Alben seiner Karriere bei ECM veröffentlichte, die meisten in den frühen Jahren, und das ist auch eine Story, die in jenem alten Jahrzehnt begann) an einem solchen Kristallisationspunkt der Menschheitsgeschichte. Gary Burton spielte am Ende des Tages, das Publikum war enthusiastisch, teilweise betrunken, teilweise bekifft, und teilweise bei klarem Verstand. Die Band gab mehrere Zugaben. Nach der ungefähr fünften Zugabe war man der Meinung, das sei nun genug und zog sich zurück, obwohl das Publikum mittlerweile in ein rhythmisches Klatschen verfallen war. Man ging auf die Bühne, packte die Instrumente zusammen, doch das Publikum hörte nicht mehr auf mit dem Klatschen, schien sich selbst in eine Klatschtrance versetzt zu haben – das Echo des Klatschens wurde durch die Höhle getragen, sprang von den Wänden zurück. Der Höhlenraum war sehr eng, und so musste die Band etliche Male von der Bühne, an den Klatschenden vorbei, zum Bühneneingang, zum Tourwagen, und zurück. Nachdem alles verstaut war, setzte sich Gary Burton noch mit dem Veranstalter zusammen, regelte den Papierverkehr und nahm das Honorar entegegen. Und selbst dann noch, als man sich anschickte loszufahren, war das kollektive Klatschen aus der Höhle zu vernehmen.

 
 

Hier könnte dem einen oder der anderen das Argument abhanden kommen, es seien halt Kurzgeschichten, und Romane hätten eindeutig Vorrang , weil  man es sich in ihnen behaglich einrichten könne. Wer einmal DIE KRÖTE zu sich genommen hat, weiss, das diese psychoaktive Droge auch nur einen halbbstündigen Trip in eine andere Welt beschert – unvergesslich bleibt die Erfahrung allemal. Und das gilt auch für die Short Stories von Clemens J. Setz, der vor Jahren das Wunderwerk „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ auf den Markt brachte. Und hier, in diesem schmaleren Büchlein aus dem Suhrkamp-Verlag, begegnen wir einmal mehr einer Schar beschädigter, verwundeter Protagonisten, die allesamt eine hochauflösende, fast halluzinierende Wachsamkeit verströmen, und oft alltäglichste Dinge mit einem psychedelischen Röntgenblick ausleuchten. Der Seher ist stets ein Einsamer, aber sobald wir ihm Blick für Blick folgen, in erweitertem Bewusstsein, wird das Abseitige, das, positiv betrachtet, Konventionen durchbricht, geteilt. Wer sagt denn, dass man stets allein auf einen „Trip“ gehen sollte?!

 

Spirit of Eden und Laughing Stock sind Meilensteine. Die beiden letzten beiden Talk Talk-Alben liessen John Lee Hooker und Miles Davis anklingen, Elvin Jones und Ligeti, Robert Johnson und Gil Evans, als Stoff der Verwandlung, als Spurenelement. Und sowohl Mark Hollis wie Tim Friese-Greene hatten einige alte ECM-Platten als Quelle der Inspiration ausgemacht. 

 

Die Entstehung beider Alben ist legendär. Sicher wurden die Grenzen der Belastbarkeit öfter überschritten, bei dem Nachfolger Laughing Stock noch um einiges mehr. Soundmeister Phill Brown erinnert sich an The Spirit Of Eden:  

 

„I recall an endlessly blacked-out studio, an oil projector in the control room, strobe lighting and five 24-track tape-machines synced together. Twelve hours a day in the dark listening to the same six songs for eight months became pretty intense. There was very little communication with musicians who came in to play. They were led to a studio in darkness and a track would be played down the headphones.”

 

Das letzte Werk von Mark Hollis  erschien im Januar 1998, und hiess schlicht Mark Hollis. Es gehört In die einsame Klasse zeitgeistferner Aufnahmen jener Jahre, in dieser Hinsicht vergleichbar mit Robert Wyatts Shleep, Scott Walkers Tilt, Brian Enos Nerve Net. All diesen Alben ist etwas Überfliessendes zueigen, sie sind zerrissen und vollkommen zugleich, in ihrem Furor, ihrer Sehnsucht, ihrer Melancholie. 

 

Was für ein Liederzyklus: „The Colour of Spring“ handelt von Krämerseelen, die sich als Naturromantiker gebärden. „The Gift“ ist inspiriert von dem King Vidor-Film The Crowd, und erzählt vom Verschleudern natürlicher Begabungen. „The Daily Planet“ umreisst das Eindringen der Medien in die Privatsphäre. Mark Hollis war zu der Zeit in Deutschland, als Silke Bischoff beim Gladbecker Geiseldrama auch das Opfer einer zynischen Medienhatz wurde. Die hoffnungslose Lage im Palästina-Konflikt findet genauso ihren Widerhall wie eine Episode aus der Zeit der  „Depression“ in den alten USA. 

 

Die Musik des letzten Werkes von Mark Hollis ist der Endpunkt einer langen Reise, ein Gespinst von Klageliedern, die von einer Vergänglichkeit in die nächste stürzen, und dabei kein Verfallsdatum tragen. Eine gute Handvoll Interviews gab der Mann aus Tottenham damals, rund um die Jahreswende 97/98, es waren die letzten seines Lebens,  bevor er sich ins Privatleben mit seiner Familie zurückzog. Ich traf ihn im Hamburger Hotel Atlantic. Es war ein herzliches Wiedersehen, sieben Jahre nach unserem Londoner Treffen, nach dem Erscheinen von Laughing Stock. Mark Hollis ist am 25. Februar 2019 gestorben.

 
 
 

 
 
 

Michael: Mark, deine neuen Songs scheinen zu einer anderen Art der Ruhe gefunden zu haben. Weniger Wildheit und Wildnis als auf den beiden Vorgängern, und doch höre ich ich eine enorme innere Spannung heraus.

 

Mark Hollis: Ich wollte zurück zur einfachsten, grundlegendsten Aufnahmesituation. Ich wollte die Klänge so berühren, dass sie nicht gesäubert oder poliert klingen. Der Sound sollte den Charakter der Instrumente wahren. So nah wie möglich wollten wir herankommen an den realen Klang der Instrumente im Raum.

 

Michael: Kannst du etwas mehr von diesem Raum erzählen?

 

Mark Hollis: Der Raum, in dem die Musik entstand, ist diesem hier sehr ähnlich. Es beginnt immer mit dem Raum. Als erstes hörst du auf dem Album den Raumklang in aller Stille. Dieser Sound ist ein bedeutender Teil des Albums und immer wieder hörbar. Jeder Musiker hat eine klar definierte Position. Ich höre mir die Musik am  liebsten mit dem Rücken zu den Lautsprechern an. Dann kommt  es mir so vor, als wäre ich mitten im Raum. Wenn du intensiv genig lauschst, kannst du die Positionen der Instrumente genau lokalisieren. Du kannst hören, wo das Piano platziert wurde, wo genau Piano und Bass in Schwingung versetzt werden, und wo sich im jeweiligen Moment die Spielhand befindet.

 

Michael: Wie wurde diese leise Musik von den Mitspielern wahrgenommen, so weit weg vom traditionellen Gestus der Rockmusik? 

 

Mark Hollis: Wir fahren die Instrumente auf eine so niedrige Stufe herunter, dass der Nachhall so bedeutend wird wie das Erklingen der Instrumente. Es ist schon verblüffend, wieviel Raum auf dem Band zu hören wird, wenn man das Volumen so weit zurücknimmt. Für einige Musiker war das eine Überraschung, die waren so sehr an grössere Lautstärke gewohnt, und meinten anfangs, nur laute Töne könnten einen Raum vergrössern. Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Wenn du die Ohren auf solch feine Strukturen einstimmst, kann sich ein faktisch kleiner Raum sehr gross anfühlen.

 
 

KLEINER AUSFLUG ZUM TONMEISTER NACH LONDON 

 

Ein paar Tage nach der Begegnung mit Mark Hollis sprach ich am Telefon mit Phill Brown, der Mann, der hinter den Reglern Geschichte geschrieben hat, und auch bei den beiden letzten Talk Talk-Alben dabei war, bei monatelangen Sessions, gnadenlosen Löschungen des Materials, auf der erschöpfenden Suche von Mark Hollis und Co. nach der idealen Synthese von freier Improvisation und finaler Gestalt. 

 

Phill Brown: Im Vorfeld hatten wir drei Studios zur Hand, die brauchbar schienen für Marks Vorstellungen für sein Soloalbum. Das eine war das „Air“, das andere „Land‘s Down“. Wir hatten eine hübsche Sammlung von Mikrofonen, das Telefunken-47, das Neumann-48, und viele andere, wir probierten sie alle aus, und hörten, wie sie klangen, wenn eine akustische Gitarre oder Perkussion zu hören waren. Wir entschieden uns für zwei Röhren-Stereomikrofone, zwei Neuman M-49s, sie kamen am ehesten an das heran, was wir wollten. Wenn du bedenkst, dass wir für kein Instrument Equalizer einsetzten, dann liegt es allein an den Mikrofonen, das ehrlichste Bild des Raumes zu vermitteln. Nach einiger Zeit fanden wir das Air-Studio zu lebhaft, „Land‘s Down“ war akustisch zu tot, also wählten wor das dritte Studio. Wir haben keine Klangfilter benutzt und keine Kompression. Das Studio war für einen bestimmten Sound hergerichtet, und das galt für alle Instrumente. In der Abmischung benutzten wir lediglich „spring reverb“ für die Stimme, eine historisch sehr frühe Form eines Hallerzeugers. In den Sechzigern gab es das „EMT-echo-play“, das einen sehr natürlichen Nachhall hatte. Das „spring reverb“ ist, wie gesagt, viel älter, und es bekam den Vorzug. Wir versuchten, eine Aufnahme zu machen, die den Jazzprodukrionen der frühen Fünfziger Jahre nicht unähnlich ist. Damals waren die Musiker sitzend um ein einziges Mikrofon gruppiert, und wer ein Solo zu spielen hatte, musste aufstehen.

 
 

FORTSETZUNG IM HOTEL ATLANTIC

 

Mark Hollis: Was den Sound angeht, dämpften wir das Studio noch, weil es anfangs etwas harsch klang. Die Optik des Raumes war nicht besonders einladend. Oft schalteten wir das Licht runter. Wenn aber die Holzbläser spielten, musste das Licht voll aufgedreht sein, damit die Noten zu lesen waren. Die Musik hatte viel mit Konzentration zu tun, die optischen Reize der Umgebung verschwanden beim Spielen. Ich glaube, die meisten spielten mit geschlossenen Augen.

 

Michael: Viele traditionelle Rockkritiker sind hier überfordert, die bevorzugte ihre Urstoffe hören wollen und sicher elektrische Gitarren vermissen. Dabei ist diese Musik sehr, sehr intensiv.

 

Mark Hollis: Ganz sicher. So war es sehr anstrengend, für Mark Feltham die Mundharmonika so zu spielen, dass sie sich in den vorwiegend leisen Gruppensound einfügen konnte. Bei anderen Instrumenten ist das leichter zu erreichen, aber bei der Mundharmonika musst du dich wahnsinnig anstrengen und enorm viel Kraft aufwenden, um einen ruhigen Ton zu produzieren. Ähnlich verhält es sich bei nahezu tonlosen Phrasierungen einiger Gesangspassagen.

 

Michael: ich glaube, daher rührt auch die seltsame Intensität einer  nur  an der Oberfläche so ruhigen Musik. 

 

Mark Hollis: Ich wollte drei Areale der Musik einbeziehen, das klassische Feld, den Jazz, und eine Art von Folk. Ich stellte mir ein kleines Kammerensemble vor, oder eine Folkgruppe. Welche dort gebräuchlichen Instrumente könnte ich da hernehmen? Ich wollte, mit Blick auf die Farbenskala, mit etwa fünfzehn, zwanzig Instrumenten arbeiten. Zugleich wollte ich immer nur eine kleine Anzahl von Instrumenten einsetzen. Stets eine sehr begrenzte Gruppe von Tönen, bei Wahrung der Vielfalt. So hast du die Möglichkeit, in diese drei Areale hineinzutreiben, und wieder hinaus. Für einen Augenblick scheinst du dich inmitten eines klassischen Ensembles zu befinden. In der nächsten Minuten bewegst du dich durch eine jazznahe Stimmung. Diese Vorstellungen bestimmen die Auswahl der Musiker, beispielsweise die Holzbläser. Der Klarinettist musste für micn ein Jazzmusiker sein mit einem ausgeprägten Verständnis fürs Klassische, und beim Oboisten war es umgekehrt. Laurence Pendress spielt das Piano und das Harmonium, er hat einen wichtigen Anteil an der Wirkung des Albums, er ist einer der wenigen, die mühelos durch die drei Zonen gleiten können. Seine  Art, sich den Klängen zu nähern, war so unglaublich zurückgenommen, du konntest fast nicht den Anschlag hören. Ihn zu finden, war ein Glücksfall, er ist der Musiklehrer meiner Kinder in der Schule.

 

Michael: Ich finde es faszinierend, wie die Holzbläser an einigen Stellen auftauchen, sich entfalten, und wieder verschwinden. Wie ich las, ist die Musik weitgehend auskomponiert, allein das Trompetensolo auf dem Anti-Heroin-Song „The Watershed“, und der Harmonika-Part auf der „bridge“ von „The Daily Planet“ waren nicht im Vorfeld geschrieben. 

 

Mark Hollis: Du weisst, wie  bedeutend für mich die Alben „Sketches of Spain“ und „Porgy and Bess“ von Miles und Gil Evans sind, über zwanzig Jahre hat die Verbindug zu diesen zwei Schallplatten schon gehalten. Ihre besondere Stärke ist die Balance zwischen sehr sorgfältig gestalteten Arrangements, und der sehr offenen, freien Ausführung. Bei „Laughing Stock“ und „Spirit of Eden“ jatten wir eine ähnliche Haltung. Nur dass damals nichts im Vorfeld arrangiert  wurde – es war alles frei improvisiert, bis wir in der zweiten Phase die Musik aus stundenlangem Material montierten und destillierten. Für dieses Album ist zwar nahezu alles im Vorhinein notiert worden, aber in der Interpretation wirklich offen.

 

Michael: Das Lied „A Life (1895-1915) erzählt vom kurzen Dasein eines Menschen,  dem erst grosser Fortschrittsglaube begegnet, dann unheilvoller Nationalismus, bis der Erste Weltkrieg sein Leben auslöscht. Und da  taucht auf einmal ein ätherischer weiblicher Chor auf.

 

Mark Hollis: Als ich die Musik für diesen Chor schrieb, wollte ich eine Tradition ländlicher Folklore aufgreifen. Eine elementare Struktur, ein Lied der Leute, und doch nahezu ein Mantra, in der Art, wie sich die Verse im Kreis drehen. Eine Melodie, die durchaus freudvoll vorgetragen werden könnte, wird hier zu einem Chor von Menschen, die an einem Grab stehen, ein leiser, murmelnder Klagegesang.

 

Michael: Und auch wenn hier viel Geschichte anklingt, die Kompositiomen lassen sich nie als rein „politische“ oder „historische“ Lieder fassen. Keine lineare Story, keine eingängigen Refrains. Es dreht sich stets um die tieferen Schichten von Leiden, von Schmerz. Nur das Wort, das schon im Gesang zerfällt, scheint  gültig zu bleiben.  Man ahnt den emotionalen Kern, auch wenn die Worte  nur bruchstückhaft bewusst werden. Wie etwa auf „Westward Bound“…

 

Mark Hollis: “Westward Bound“ begann mit der Idee, einen Song in der Tradition von Johnny  Cash zu schreiben, aber ihn dann in einer Weise zu realisieren, der für die Denkweise von Country & Western völlig fremdartig ist. Nur von der Basismelodie und der Intrumentierung her könnte er sich in das Genre einfügen. Das Lied ist angesiedelt zur Zeit der amerikanischen Depression. Ein Mann und eine Frau, sie erwartet ein Baby, die wirtschaftliche Lage ist deprimierend. Zwei Dinge gehen gleichzeitig durch seinen Kopf, die Freude über die bevorstehende Geburt, und der extreme ökonomische Druck. Auf das Singen übertragen heisst das: er hat dieses Leid in seinem Kopf, möchte aber auf keinen Fall seine Frau damit belasten, und verstummt innerlich. Der Druck ist aber so gross, dass er über die Lippen kommt. Der Mann versucht, dass die Stimme nur Denken ist, kein Gesang.

 
 

 
 

Mark Hollis sitzt gerne in einem stillen Raum.

 

Ich schaue mir das Bild auf dem Cover an. 

 

Mark Hollis: In Sizilien gibt es viele Osterprozessionen. Zu diesem Anlass fertigt man Gebäck an, welches das Lamm Gottes darstellen soll. Der Fotograf hat dieses Bild gemacht, weil die Augen auf diesem Teilchen so vollkommen jenseitig wirken, als stammte das Geschöpf von einem anderen Planeten. Der Glitzerschmuck auf der Stirn erschien mir  wie ein Symbol für das Strömen von Ideen.

 
 

NACHKLANG 1

 

Das Strömen von Ideen in kleinen, unendlichen Räumen.

 
 

NACHKLANG 2

 

Das ist das Paradoxe, die Lieder umkreisen Verlöschen, Versagen, Verschwinden, treiben die Töne an den Rändern des Nichts entlang. Und doch ist jeder sich bildende Klang noch Hoffnung, noch Schönheit, noch Bewegung. Als ich immer mehr in den Sog dieser Lieder geriet, fiel mir eim Gedichtband in die Hände, wie ein fernes Echo dieser Lieder, „Dreizehnte Vertikale Poesie“, von Roberto Juarroz. Ein Gedicht darin lautet so: „In jede Lücke ein Bild legen: / ein Flügel, aufgelöst in Licht, / oder eine Stille, umgeben vom einem Blitz. / / Und wenn man bei der letzten Lücke ankommt, / es für alle Fälle leer lassen. / Es könnte das schönste Bild sein.“ 

Was Michael Pollan mir sympathisch macht, neben anderen Dingen, ist seine mentale Annäherung an die vier, fünf psychedelischen Reisen, von dener er in seinem Buch berichtet. Er bringt Neugier, aber auch Skepsis mit, und die Nächte vor seinen Drogenreisen sind schlaflos. Grosse Ängste plagen ihn, ob er nicht eine Herzattacke erleiden und elendig verenden könnte, in der Abgeschiedenheit mancher Hütte, in der er, von einem Psychonauten seines nicht gänzlich voll ausgeprägten Vertrauens, LSD erhalten würde. 

Einen grossen Bogen macht er um um MDMA herum, weil diese Droge tatsächlich auch durch das Herz-Kreislaufsystem geschleust wird. Dass ein Mensch mit solch ausgeprägter Vorsicht sich dann auf holotropes Atmen einlässt, ließ mich schmunzeln, denn diese Technik impliziert Hyperventilationen der heftigeren Sorte, was einem nervösen Herzen schon einiges Herzstolpern, sprich, Extrasystolen, bescheren kann. Zudem katapultierte ihn diese Methode des Atmens  in eine andere Welt, in welcher er auf einem wilden Pferd durch unbekannte Räume gallopierte, eine beträchtliche Pulsbeschleunigung ist da danz naheliegend. (Als ich vor zehn Jahren einen Dreh finden wollte, für einen gordischen Knoten, bekam ich die Möglichkeit, mit der Begleitung erfahrener Psychonauten, eine „Reise“ anzutreten, aber aufgrund meines Unwissens und daraus resultierender Ängstlichkeit lehnte ich ab, was mir heute nicht mehr passieren würde.)

 
 
 

 
 
 

Als ich vor einem knappen Jahr bei einem 91-jährigen peruanischen Schamanen im tiefen Sauerland aus einem grossen Kelch mit etlichen anderen Teilnehmern „die kleine Schwester von Ayahuasca“ schlürfte, die keinerlei Halluzinationen produziert, aber schon einen sehr interessanten Zustand eröffnet, wurde ich von einer betörenden Klarheit des Bewusstseins ergriffen. Ich fühlte mich wie ein Psychotherapeut, der auf der Höhe seiner Fähigkeiten agieren könnte. In diesen zwei Tagen hatte ich fesselnde Gespräche, die Hanseatin auf dem Foto etwa erzählte mir von ihren Reisen in den peruanischen Dschungel, von profunden Heilungsprozessen, und neuen Formen der Darmsanierung. Während um mich herum, reihenweise, eingehüllt in Nebelschwaden reinen Dschungeltabaks, bei schamanistischen Tiefenbindegewebsmassagen, wohl ein Mix aus „Rolfing“ und alten Heilertechniken aus Peru, tiefe Traumen aufbrachen, und zahlreiche Menschen gleichzeitig schrien, weinten, stöhnten, machte ich leise Konversation mit meinen neben mir sitzenden Gefährten, die auch bald schreien und weinen würden. So liebevoll ich es nur vermochte, kümmerte ich mich um sie, sprach ihnen Mut zu, und als ich selbst massiert wurde, erlebte ich die Session als unendlich angenehm. (Seine Erfahrung mit Ayahuasca schildert Michael Pollan gegen Ende des Buches.) 

Kein Trauma, kein Schmerz, aber ich hatte die Rechnung ohne die Hexe gemacht, die, am Nachmittag vor dieser langen Nacht, plötzlich auf ihrem Weg zurück anhielt, nachdem sie ihre gesammelten, unfreiwillig absurd wirkenden, Wirrungen dem Peruaner geklagt hatte, und zwar ellenlang, ohne Punkt und Komma, und wohl aus der Ferne ein unterdrücktes Lachen aus meiner Ecke vernommen hatte (die Schweizerin hatte mir ins Ohr geflüstert: „zehn Minuten kalt duschen kann auch helfen!“) – wenn es den bösen Blick gibt, dann traf er mich da und unvermittelt. Ein grosser Fehler, ich wendete meinen Blick ab, statt dem ihren standzuhalten, aufzustehen, und sie zu konfrontieren. In den Wochen danach machten sich seltsame Krankheitssymptome bemerkbar, und ich scheue mich nicht, von dieser unglaublichen Begebenheit zu erzählen. Und einer Spur von Parapsychologie Raum zu geben. Ich hörte von sehr rationalen Zeitgenossen, die von ähnlichen Erfahrungen berichteten. Ein  Mistelzweig wurde über den Türeingang gehängt. Sollte ich sie in diesem Jahr wiedersehen, beim Peruaner, werde ich, weil ich durchaus bedacht sein kann, ihr nicht meine Faust ins Gesicht rammen, sondern sie freundlich, aber unnachgiebig, zur Rede stellen. Und herausfinden, ob ich Opfer einer Einbildung oder eines gezielten Angriffs aus der westlichen Voodookiste wurde. (Um Missverständnissen vorzubeugen, ich schlage niemals Frauen, aber bei Hexen, die mir Böses wollen, könnte ich schon mal eine Ausnahme machen.)

Aber ich schweife ab. Und, wie es aussieht, muss die Geschichte von dem Pilzforscher auf dem Baum noch einmal verschoben werden. Kurz vor Ende der langen Nacht war jeder angehalten, mit dem angemieteten Bus oder Taxi zu fahren, wegen des drastisch veränderten Bewusstseinszustandes. Da mein Geist aber vollkommen klar war, und der böse Blick noch weit davon entfernt, seine Wirkung zu tun, setzte ich mich ans Steuer meines Toyota und brauste durch die späte Nacht, die noch keine Dämmerung bereithielt. Ich fuhr in einen Feldweg hinein und entdeckte einen Fuchs am Wegesrand, der keine Anstalten machte, die Flucht zu ergreifen. Er zeigte keinerlei motorische Unruhe, und ich vermutete keine Tollwutgefahr. Als ich ausstieg, näherte ich mich langsam, und er schaute zu mir auf. Ich setzte mich wenige  Meter von ihm entfernt ins Gras, und wir verbrachten eine herrliche Stille miteinander, während der wir uns immer wieder direkt anschauten, er bevorzugt mit schiefgelegtem Kopf. 

Ein tiefer Friede erfüllte mich. Dann begann der Fuchs zu reden: „Ich glaube, es wartet dein Freund, der Steuner, auf dich. Der, den du auf Lanzarote gefüttert hast.“ ich gab ihm recht, und nahm mir  vor, bald ein Flugticket nach Arrecife zu besorgen.  Ich fragte den Fuchs, ob er eine Lieblingsmusik habe. Der Fuchs antwortete, der spanische Streuner würde am liebsten Flamenogitarren hören, bekäme sie aber nur selten, aus den Autos von Touristen, in Fetzen und Fragmenten, mit, immerhin genug, um ein paar Flamencoschritte auf dem trockenen Gras zu imitieren. Besonders liebe er das Gitarrenspiel von Niño Miguel. Als  ich ihm versicherte, ich würde dem Streuner,  neben gutem Futter, auch jede Menge Flamenco zukommen lassen, fragte ich nochmal, was er denn so, als Fuchs, gerne hören würde aus der Menschenwelt. Und seine Antwort verblüffte mich: „Pink Moon von Nick Drake“, das waren seine Worte, und dann sang er noch ein paar Zeilen aus dem Lied „Place To Be“, in bestem Fuchsenglisch. Tränen der Rührung liefen aus meinen Augen.

Die Psychonauten sind eine besondere Spezies, und wenige von ihnen waren so exzentrisch wie es all die Geschichten aus der alten Zeit, von Ken Kesey bis Timothy Leary, vermuten lassen. Geradezu nüchterne Wissenschaftler, teilweise Angestellte der Regierung in Forschungsprogrammen, erlebten die aufkommende Gegenkultur der „beatniks“ und „hippies“ eher mit Skepsis, hielten die traditionellen Werte für bedroht – und erlebten, was historisch belegt ist, eine Offenbarung nach der andern, als sie erstmals LSD oder einen „magic mushroom“ zu sich nahmen. Ihre Sicht der Dinge geriet ins Wanken und verwandelte sich, und wir reden hier nicht von Kreativmenschen, die Drogen gerne en passant als Horizont erweiternd erlebten.

Ganz schlicht berichteten manche dieser frühen Psychonauten (die sich zu Beginn nie im Leben so genannt hätten) über Erfahrungen von Transzendenz und Gott, von universellem Einssein, und sie hatten kein Seminar bei einem fernöstlichen Guru besucht, oder zuviel Ragamusik gehört. Damals, vor der grossmäuligen Propaganda Learys, war LSD legal und verfügbar, und eine der schillernsten Figuren jener Ära, Al Hubbard, Politiker, Heiler, Geheimagent, Forscher, und was weiss der Kuckuck noch alles, hatte aus Zürich eine unfassbare Menge LSD erhalten, mit der er quer durch die Lande zog, um anderen Forschern und Heilsuchenden, mit geleiteten Sitzungen, neue Welten zu erschliessen. HBO sollte aus dem Leben dieses Mannes eine grosse Serie machen, und Herrn Leary mal links liegen lassen.

Von früh an an war klar, dass man für eine LSD- und Pilzreise einen geschützten Rahmen braucht. Und dass die erschütternden oder seligmachenden Erfahrungen unbedingt im Gespräch, im Austausch mit einem erfahrenen Therapeuten oder Psychonauten, verarbeitet werden sollten. Essentiell ist auch die Einstimmung: dem Probanden wird ein Set an Regeln an sie Hand gegeben, dass er, je nach Notwendigkeit während seines Trips aktivieren sollte, Dinge wie: „du kannst nicht sterben“ / „spreche mit den Gestalten, die dir Angst einflössen“ / „vermeide jede Panik, atme ruhig“.  Ein Teil der Leser dieser Zeilen wird an dieser Stelle genug haben, und froh sein, dass die einzige Droge in seinem / ihrem Leben Kaffee oder grüner Tee ist, oder ein Viertel Rotwein am Abend. Tatsächlich offenbaren die Reisen erstklassiges Material, um eigene Konflikte zu entschlüsseln, chronische Muster aufzulösen, lang überfällige Versöhnungen einzuleiten, tiefitzende Ängste zu überwinden. Wenn es gut läuft. Stanislav Grov etwa wusste, dass der verantwortungsbewusste Umgang mit LSD die Behandlungszeit einer klassischen Psychoanalyse drastisch verkürzen konnte. Aber wer ausser einen Handvoll Heilern und Psychotherapeuten konnte diese neuen Potentiale schon klug einsetzen? Wer sich überschätzte und als Einzelperson auf Expedition ging, fand sich rasch auf einem Horrortrip wieder. Wie gesagt, es geht hier nicht allein um Heilung und Therapie, es geht auch für den gesunden „Normalneurotiker“ und die  Zeitgenossen, die sich einfach rundum wohlfühlen in ihrer Haut und ihrem Leben, um die Kunst, die eigene Welt zu bereichern. Immens zu bereichern.

 
 
 

 
 
 

In seinem Buch zur Psychedelika-Forschung geht Michael Pollan in keinem Moment ein auf die Welt der Klarträume, der luziden Träume, warum sollte er auch? Das ist nun mein liebstes Terrain der Traumforschung, und ich kann Ihnen versichern, dass die regelmässige und klug eingesetzte Technik, im Traum das  Bewusstsein „anzuknipsen“, und zu erkennen, dass man träumt, nicht minder weitreichende Erfahrungen ermöglichen kann, was Therapie, Selbstentwicklung, Aha-Erlebnisse und alltagsrelevante philosophische Erkenntnisse etc. angeht. Pures Abenteuer, auch das!

Man kann im luziden Traum die surrealsten Erscheinungen und Erlebnisse viel besser lenken, wie gesagt, bei vollem Bewusstsein, dass man sich im Traumzustand befindet, und auch hier empfiehlt es sich, einen Begleiter an der Seite zu haben, der einem die Praxis der Klarträume lehrt, Verhaltensregeln für die Traumreisen ausspricht, und die Erfahrungen im nachinein mit aufarbeitet.

Neulich fragte mich ein Freund, wozu denn luzide Träume gut seien. Wer einmal durch eine fremde Stadt geht, aus der Ferne dunpfe Beats hört, ihnen folgt, bis er, an der Kasse vorbei, einen riesigen Raum voller Menschen betritt, und vorne Wayne Coyne und The Flaming Lips erlebt – und dann plötzlich merkt, dass er in einem Traum ist – wird diese Frage nicht mehr stellen.

Und alle kleinen Tricks anwenden, damit dieses Konzert noch länger dauert. Als der Träumer dieses Klartraums dann innig wünschte, Wayne Coyne würde mal wieder den berühmten Bowie-Song zum Besten geben, schossen dem Träumenden alsbald ganz reale Tränen des Glücks durch die (Traum-)Augen, er schwebte über die Bühne, Minuten lang, und landete sanft in der Nähe des Mischpults. Von hinten legten sich zwei Hände auf seine Schultern, und sein Herz klopfte, als er sich umdrehte. Ich hatte für diesen luziden Traum keinen Auftrag, ich entschied spontan, es war ja nur einer aus der Abteilung „fun & adventure“ – und doch war die Erfahrung überwältigend. Ich hätte aber jederzeit auch die Szenerie verwandeln können – das ist viel leichter als bei einer von Psychedelika induzierten Erfahrung. Bald wird hier zu lesen sein, wie es dem Pilzforscher erging, als er auf einen Baum kletterte.

 
 
 

 
 
 

EMPFOHLENE LITERATUR:

 

Thomas Yuschak – Advanced Lucid Dreaming – The Power of Supplements (für Fortgeschrittene)

Dylan Tucillo, Jared Zeizel, Thomas Peisel – Klarträumen (für Anfänger)

Clare R. Johnson: Llewelyn‘s Complete Book of Lucid Dreaming – A comprehensive guide to promote creativity, overcome sleep disturbances & enhance health and wellness (für Anfänger und Fortgeschrittene)

 

 

 

 

Anfang 1998 gab Mark Hollis noch ein paar Interviews, bevor er sich ins private Leben zurückzog. Eines dieser Interviews machte ich, und es drehte sich um sein tatsächlich letztes Album, schlicht „Mark Hollis“ genannt. In nächster Zeit wird es hier zu lesen sein. Spätestens im April oder Mai. Als Journalist, der die Freiheit hat, nach der faszinierendsten Musik unserer Tage zu suchen, merke ich, dass ich kein Interesse daran habe, allem gerecht zu werden. Ich werde, neben den Entdeckungen am Rande (gerade am Rande passiert mehr als da, wo sich alle Schlagzeilen tummeln), immer zu jenen Werken zurückkehren, die nicht aufhören, mich zu fesseln, resp. zu öffnen, grenzenlos.

Das sind gar nicht so viele. Mit hundert Alben könnte ich gut meinen Koffer schnüren, und zur „desert island“ segeln. Mark wäre dabei, mindestens mit zwei Werken. Sein Tod hat mich getroffen, nicht aus einer sentimentalen Laune heraus. Viel tiefer. Es war und ist die Musik. Ich bin Mark nur zweimal begegnet, wir wurden keine „buddies“, wir waren Fremde, aber die Herzlichkeit des Hamburger Wiedersehens, sieben Jahre nach dem „Laughing Stock“-Gespräch, belegte die Nachwirkungen der scheinbar so flüchtigen Begegnung in einer Souterrain-Wohnung nahe Angel Station – Mark war extra aus Suffolk angereist, für dieses einzige Interview mit deutschsprachigen Journalisten, Markus Müller und mir.

Wir hatten auch eine Fussballverbindung, er zu Tottenham Hotspur, ich zu Borussia Dortmund, und immer wenn die Clubs gegeneinander spielten, konnte ich mich mit jeder Niederlage leicht abfinden, weil ich Mark Hollis auf der anderen Seite wähnte. Er wurde nah des Stadions an der White Lane in Tottenham geboren, und ich glaube, sein Gesicht gefunden zu haben, auf diesem Foto aus dem Jahre 1968. Wir waren beide 13, und ich kann mich täuschen. 5th October 1968. Tottenham Hotspur legend Jimmy Greaves scoring the winning goal against Leicester City, in a five goal thriller at White Lane. Wir hätten, da bin ich sicher, über genau dieses Spiel sprechen können, er hat es nie vergessen, aber wir sprachen über die Kugel, die Silke Bischoff tötete.

 

 

 

 

I‘m in a dreamland. It is Japan, many years away from now. Satoshi Asiwaka sets the mood, with his composition „Still Space“, and it sounds exactly like that, „exactly“, I know, is a funny word here.

When I was a child, my father, a traveling man in industry, sent postcards from time to time, and I will never forget the big, big stamps on his cards from Japan – great hills with snow, women with strange eyes and long black hair.

Oh, what is that, Hideku Matsutake‘s „Nemireru Yoru“, for a moment, I think of my old and long gone „Spielzeugeisenbahn“. If that would have been the music for  my big green train crossing the big green field, I surely would have stopped time moving, I would have shouted „freeze“ to the world in a tender way.

When I was a bit older, I had a book called „Getting There“, and one of the first exercises was to fall up to the stars. It was a trance exercise – if you find the book, just follow the instructions, and use Joe Hisaishi’s „Islander“ as a way to activate a different you. In these synthetic arpeggios, the relaxed drum figures sound like real drum figures.

If it is very quiet in a room, and you do your Ikebana or your favourite solitary game (es gibt so viele Patiencen!), this can be the record of your choice. Oh, Yoshiaki Ochi‘s „Ear Dreamin‘“ has a real touch of Japan, slow enough for Western perception modes. It‘s no joke when, in the middle of the radio night, and in the middle of my hour on KANKYO ONGAKU, I will play a song from David Sylvian‘s „Beehive“, a distant brother to these moods of environmental music.

Oh, big surprise, a new favourite piece rolls along with waves of water, „Variation iii“, by Masashi Kitamura. The ascetic dark drumming, the space between the beats, and it stops way before its time, the shame of shiny fragments.

The constant loss of shiny fragments.

Now I have to stop writing and lose myself in the music of the double album. All the tracks seem to shy away from smartass knowing. They are just t h e r e, like the smell of my beloved plant (what was its name?), in the garden of my second childhood. I’m away now, on a day, where a tiny drip of blood found its way out of a tiny part of my body.

 

 

 

 

Die hier sichtbare Ahnenreihe präsentiert alte Meister der Unterhaltungsmusik, die vor Jahrhunderten schon mit heiteren und nachdenklichen Stoffen das Gemüt in Schwingung versetzten. Alte Gassenhauer gibt es hier, auf dieser Schallplatte, zuhauf, von niemand anderem inszeniert als einem weiteren Maestro der U-Musik des 20. Jahrhunderts. James Last wusste  natürlich, wie sehr die alten Schinken einst in höfische Rituale eingebunden waren, und stets viel ernster als nötig dargeboten wurden. Alles wollte ergriffen und erlöst sein, und ein seltsamer Verehrungszirkus  wurde diesen alten Entertainern zuteil. Selbst die religiösen Wallungen hatten etwas Zirkusreifes. Nun, die Altvorderen nahmen das gerne in Kauf, und fabrizierten manch kommerzielle Nummer für grosse und kleine Orchester. James Last hat diese Verklärung in den Sechziger und Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufs rechte Mass gestutzt, und die Oldies aus heiligen Hallen herausgelockt. Endlich konnte man sie lustvoll goutieren, zu den angesagten Longdrinks jener Jahre, zu Apfelkuchen und Käsefondue, zum Grill im Garten, zum Bier in der Bar. Die Bundesrepublik erlebte den Boom der Hollywoodschaukel. Und einen nie zuvor vernommenen, neuen Glanz seidiger Streichinstrumente. Erst jetzt erkennt man, wie subversiv die Musik von James Last war. Ein einziges, frohgemutes Sockelstossen.

 

 

 

 

Ich habe unter den Schriftstellern stets besonders die Phantasten – neben den Schöpfern grosser Kriminalliteratur, ob es Julio Cortazar ist / war,  H.C. Artmann (ich warte noch auf den Roman, der sein ungeheuerliches Leben erzählt), oder Stanislaw Lem. Der grandiose Heinrich Steinfest ist ein Zwischengänger zwischen Thrill und Parallelwirklichkeit, wie in alter Zeit ein E.T.A. Hoffmann, oder Jean Paul, dessen „Siebenkäs“ mich einst verzauberte. Und vor Jahr und Tag versank ich an der deutschen Nordsee in einer Prachtausgabe dieses Buches, aus dem ich zwei Seiten abfotografierte, 700 Seiten lang, und alles Cinemascope. Wie sagte doch Deus X. Machina: „Das Leben ist zu kostbar, um es dem Schicksal zu überlassen.“

 


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