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Gibt es aber überhaupt eine vernünftige Art, über den arabisch-jüdischen Konflikt zu sprechen? Wenn man als Nichtjude nach dem Antisemiten-Methadon „Israelkritik“ süchtig ist, natürlich nicht.

(Maxim Biller)

 

Geht es nach Maxim Biller, bin ich ich wohl auch Antisemit, empfinde ich doch den Ausdruck „Israelkritik“ als hilfreich und sachlich. Angemessen der hanebüchenen Politik des israelischen Premiers.

Seit langer Zeit wird das Recht der Palestinenser untergaben, ausgehöhlt, das Völkerrecht Lügen gestraft. Wie oft muss man das hier in Diskussionen eigentlich noch wiederholen, und, ja, einfache Schwarzweiss-Muster mache ich mir auch nicht zueigen – dass auch der gerechte Zorn die Züge verzerren kann, wissen wir nicht erst seit Brecht.

Mein beherztes Kopfschütteln allerdings (wiederum kein Antisemitismus) gilt den gesammelten Tiraden von Herrn Biller gegen deutsche „Antisemiten“, die keine sind, und die er schon in der 68er-Bewegung ausfindig macht.

Werter Herr Biller, habe Sie es noch nie so empfunden, dass die Politik Israels so einiges aus der Zeit des Nationalsozialismus, der finstersten Zeit der jüngeren deutschen Geschichte, übernommen hat? Soll ich das auflisten?! Am Schluss einfach mal was aus aktuellen Meldungen der letzten Wochen: 

„Israel ist das gelobte Land, Brasilien ist das Land der Verheißung“, sagte Benjamin Netanjahu während einer Pressekonferenz mit Jair Bolsonaro. Netanjahu erklärte außerdem, Bolsonaro nach Israel eingeladen zu haben, wo er als „ein großer Freund, ein großer Verbündeter, als Bruder“ willkommen sei. Erinnern wir kurz daran, dass Bolsanaro nie einen Hehl aus seiner Bewunderung für die Militärdidaktur der Jahre 1964 bis 1985 gemacht hat.

Drei Wochen nach dem Treffen mit Benjamin: der brasilianische Präsident unterschrieb ein Dekret, wonach Menschen, bis zu vier Schusswaffen besitzen dürfen, und löste damit ein Wahlversprechen ein. Schreiben Sie doch einmal über Brasilien, Herr Biller, den neuen „Bruder“ Ihres Landesvaters. Sie werden eine Entdeckung machen – von „Israelkritik“ keine Spur!

Every once in a while there comes along an old-fashioned, experimental song album that is overflowing with ideas and melodies, nevertheless focussed and carefully assembled up to the tiniest details, at the same time extremely relaxed (close to an ancient J. J. Cale vibe), with a broad palette of rare sounds and a stunning theatre of voices (mainly from the man himself) – altogether a wonderfully performed manual in getting lost, though always linked to a deeply human agenda of our existence. Rustin Man‘s „Drift Code“ is such a work. Paul Webb has learned some reverberating lessons in the nights and months of Talk Talk‘s „Spirit of Eden“ recording sessions, and following an old tradition from the likes of Scott Walker and Robert Wyatt, he‘s not hesitating to nearly disappear for many years (after his marvelous expedition of „Out of Season“ with Beth Gibbons), risking dust from the history books, just waiting for the music to finally fall into place (exuding an energetically pure and primordial atmosphere, nothing less). Drift Code“ may be the perfect album for those armchair travelers who love to listen to albums from start to end, with a knack for the strangeness of things they only think they know about.

 

 

 

Es gibt so unfassbar gute Romane, die ihren Weg nie zu einem deutschen Übersetzer finden. Das gilt nicht zuletzt auch für Thriller und Kriminalromane, die eine enorme literarische Qualität mitbringen, eine tolle Geschichte erzählen, und doch durch das Raster der Markttauglichkeitsprüfung oder was auch immer fallen. Aber es gibt eben auch Zeichen und Wunder, und auf einmal findet sich so ein kleines Meisterstück in der Buchhandlung deines Vertrauens wieder. Wie eben seit kurzem James Andersons Debutroman „The Never-Open Desert Diner“. Der kleine Polar-Verlag (aus Stuttgart!) hat einmal mehr ganze Arbeit geleistet. Eigentlich ahnte ich schon, dass da etwas Besonderes auf mich zukam, als ich, vor Jahren, vor der ersten Zeile, die Widmungen las, für einen mir Unbekannten, der die Wüste, und einen anderen, der das Cello liebt. Dann: „… in Erinnerung an die folgenden Autoren und ihre Figuren, die, ob real oder imaginär, für mich zu besten Freunden wurden …“ James Anderson listet fünf Autoren mit Geburts- und Todesjahr, und fügt dem Namen ihrer Protagonisten auch noch den Ort ihres Treibens zu. Ich erwähne hier nur den wunderbaren, hier nahezu unbekannten John D. MacDonald, und seinen herrlich melancholischen „Helden“ Travis McGee (Florida). Dann finden sich noch, bevor es losgeht, ein paar Zeilen aus den „Schattierungen von Grau in Philipsburg“ von Richard Hugo: „Ist das nicht dein Leben? Ein uralter Kuss, / der dir noch immer die Augen ausbrennt? / Ist dein Scheitern nicht so absolut, dass die Kirchenglocke / nur noch / eins verkündet: Läute und niemand kommt? / Ist das bei leeren Häusern nicht ebenso?“ Sie sind neugierig geworden? Machen Sie sich nicht schlau, und besorgen sich einfach das Buch. Ein Truck Driver. Ein geschlossenes Diner. Ein abgelegenes Haus. Und es  geht los. Gute Reise!

 

 

 
 
 

Bei aller Liebe zu England musste ich mich einst doch fragen, ob mir eine Ader für „typisch britischen Humor“ fehlt. Schliesslich hat weder in jungen noch in späteren Jahren irgendein Film von Monty Python auch nur das kleinste Schmunzeln bei mir ausgelöst, von einem Lachanfall ganz zu schweigen. „Englischer Humor“ ist aber ein weites Feld, und die drei Staffeln der Serie „Detectorists“ (DVD) sind geradezu eine Schule der Heiterkeitsausbrüche, nicht zuletzt weil die skurrile Komik stets ausbalanciert wurde von den kleinen Obsessionen und Verlorenheiten der hier auftauchenden Tagträumer.

 

„With its wistful tone, subtle, folky score and confidence in letting dialogue and sentiments breathe, it’s a show that does not feel the need to shout about its strengths. In fact, the series is not even really about metal-detecting. The hobby could be replaced by trainspotting, bird-watching or just spending too much time in the shed. It’s what these characters are running from, as much as what they are looking for, that lies at its heart.“ (David Renshaw, The Guardian).

 

Wer hätte schon gedacht, dass das amerikanische Folk-Duo Simon & Garfunkel zum coolsten „running gag“ der jüngeren BBC4-Historie mutieren, und im Norden Suffolks auf Schatzsuche gehen würde!? Und dass in der zweiten Staffel die botswanische Black Metal-Combo „Black Crust“ den heimischen Gefilden einen bizarren afrikanischen Horizont öffnen würde, ohne dass von ihnen nur ein einziger Brachialsound erklingt. In einer Zeit, als Ray Davies mitten im „love & peace“-Rummel zwischen Carnaby Street und Marquee Club die Spuren eines alten, immer mehr verschwindenden Britanniens nachzeichnete, hätte er auch hier in der Provinz fündig werden können, bei diesen im Scheitern erprobten „Metalldetektoristen“. In einer Szene findet Lance tatsächlich ein altes Teil unter der Erde, mit römischer Inschrift: „Status Quo“. Leider nur die Devotionale eines anonymen Rockers.

 

 

 
 
 

Paul Webb sass in seinem Arbeitszimmer (nicht im Heimstudio, das man sich in dem Video zu dem Song VANISHING HEART zu Gemüte führen kann), ich wurde ihm über das Berliner Büro von Domino zugeschaltet, und befragte ihn zu dem Album, das 2018 mein Album des Jahres geworden wäre. Das  muss man sich mal vorstellen, dass sein letztes Opus schon sechzehn Jahre zurückliegt, es war sein erster Auftritt als Rustin Man, an der Seite von Beth Gibbons. OUT OF SEASON hiess es, und nun erscheint am 1. Februar der Zweitling, bei dem das einstige Mitglied von Talk Talk (bei SPIRIT OF EDEN war er noch dabei) das Singen selbst übernommen hat. Und Paul Webb, heute 56 Lenze jung, singt in so vielen Facetten, dass erste Hörer des Albums, wie er mir erzählte, mehrere Stimmen vermutet hatten. Auch Robert Wyatt, was, in manchen Passagen, ein hinreissender Zufall und keine Absicht ist. Sein absoluter Favorit von Robert ist DONDESTAN, in einer alten Jazzthetikausgabe kann man mein langes, erstes Interview mit Wyatt finden, genau zu diesem Werk, das so herrlich entwurzelt und schwebend ist, trotz manch mitgeliefertem politischem Blues. Paul spricht klar, klug und in einem flotten Fluss, der Dialekt gefällt mir. Das ist also die Sprechstimme hinter den Liedern, die mich über den Horizont blasen. Ganz am Ende fragte ich ihn nach einem Lieblingsalbum aus jüngster Zeit, aber da ist er gar nicht auf der Höhe, will sich schlicht keinen Einflüssen aussetzen, die ihn in modische Fettnäpfchen treten lassen, er fühlt sich anscheinend in alten Platten aus den Vierziger und Fünfziger Jahren mehr zuhause. Fragen Sie ihn mal nach den Mills Brothers! Die erstaunlichsten Abseitigkeiten erwarten einen auf DRIFT CODE, und das Cover ist die Eintrittskarte. Dabei ist das Album ein Füllhorn an Melodien, überraschenden Wendungen, und, ja,  „homegrown“. Schliesslich gaben wir uns doch beide jeweils ein Album jüngeren Datums mit auf den Weg – kein Wunder, dass meine Empfehlung eine uralte verwitterte Gitarre ins Spiel brachte, und seine eine Stimme, die völlig aus der Zeit gefallen scheint. Er notierte sich LIFE OF von Steve Tibbetts, und ich mir FAITHFUL FAIRY HARMONY von der auf dem obigen Foto abgebildeten Josephine Foster. 

 

„I remember where I came from
There were tropical breezes and a wide open sea
I remember my childhood
I remember being free.“

 

Bell’s Lab Experimental Research Facility, New Jersey, 1978, Laurie Spiegel, das dunkle Haar fällt die Schultern runter, die Augen geschlossenen, Zigarette in den Fingern, umgeben von Maschinen wie aus einem Science Fiction. Genau in dem Monat, an dem dieses Foto gemacht wurde, treten die blutjungen Talking Heads im CBGB auf.

Eine Pionierin der Computermusik. Die riesigen Kolosse wurden mit Argwohn betrachtet, und ihnen musikalischen Ausdruck zu verleihen, war eine Herausforderung: Kann man den humanen Faktor einschleusen? Bei einem Stück wie „Patchwork“ springen skelettierte Arpeggios aus den Boxen, fast mit dem gleichen frohgemuten Spirit, der Clusters Zuckerzeit auszeichnete.

Man kann sich kleine Filmchen auf YouTube ansehen: Laurie kommt da rüber wie eine außergewöhnliche charmante Astronautin: gutaussehend, bescheiden, klar im Ausdruck. Ihre Erklärungen sind geschliffen und intelligent, fast schon bis zum Punkt des Verführerischen. Hier in Bell’s Lab wurde der erste Vocoder erfunden, noch für politische Aufklärungszwecke. Wie würde die Zukunft klingen? Jetzt, im Januar erscheint die wohl endgültige Ausgabe von Lauries Klassiker The Expanded Universe, auf drei Schallplatten, resp. zwei CDs, mit allem Drum und Dran – nennen wir es „real life cosmic music“: eines ihrer Stücke wurde in illustrer Gesellschaft ins Weltall geschickt, auf dem „golden record“ im Rahmen des „Voyager Space Program“.

 

 

Damals wollte kein Label für zeitgenösssiche Musik diese Arbeiten veröffentlichen, und die Urfassung landete witzigerweise auf einem Folk-Label. Irgendwie passte das. Sie liebte ja schon als Jugendliche die Gitarrenforschungen eines John Fahey, nannte seine Musik eine Offenbarung, obwohl der Blick da weit in die Vergangenheit reichte. Sie war im ländlichen Raum hinter Illinois aufgewachsen, nahe dem Mississippi. Und auf verschlungenen, algorhythmischen Wegen dringt etwas von der verwunschen Wildnis der Kindheit in ihre Labormusik hinein. Diese seltsame Phänomen, wenn sich Menschen in der Fantasie, im Studio, im Labor, aufmachen zu fernen Welten. Irgendwann, irgendwo, „on the road“, „lost in space“, erkennen sie kleine Dinge, die sie an die vertrautesten Räume ihrer Heimat erinnern.

War dieser Kriminalroman ein klassischer „Pageturner“ für dich?

 

Nein, das wohl langatmigste Buch, das ich von ihm je gelesen habe. Und ich habe ca. 12 gelesen, die meisten sehr genossen. Völlig überladen, das Teil hier, viel zu viele holzschnittartige Figuren, er kann das viel besser, aber der hier war wohl für Queen Mom geschrieben, seinen grössten weiblichen Fan, damals. Ich habe mich bei der Auswahl komplett „verrechnet“.

 
 
 

 
 
 

Wenn du dir eine sehr gute Verfilmung des Romans vorstellst, wer wäre die Idealbesetzung für Regie, Hauptrolle, und Filmmusik (du kannst Lebende und Verstorbene benennen, es ist ja eh imaginär)?

 

Vorab dies: es gibt ganz schlechte Bücher, aus deren Grundideen Drehbuchautoren und begabte Regisseure einen sehr guten Film machen können. Damals etwa, dieser Liebesfilm mit Clint Eastwood und Merryl Streep. Unter der Voraussetzung, dass ein Meister seines Fachs diesen Roman entmistet, kann man tatsächlich ein sehenswertes Netflix Original Movie oder einen kleinen kultigen Film machen, denn es gibt sie, die faszinierenden Sub-Plots und „Momente“ in diesem Krimi, der eigentlich ein Genre-Mix ist, und dabei, leider,  nahezu jedes Genre komplett an die Wand fährt. 

 

Der junge Alexander Kinloch würde gespielt von dem Hauptdarsteller aus Bodyguard, Richard Madden. Man kennt ihn bestens aus Game of Thrones. Für George Clooney gibt es leider keine Rolle. Die Regie würde Wim Wenders führen, und die Musik sich allein aus Penguin Cafe Orchestra sowie historischer Dudelsackmusik (der langsamen und dronigen Art) zusammensetzen. Komplett instrumental. Nur im Abspann würde ein Song von Bob Dylan laufen, „One More Coffee“, oder wie der Track aus Desire heisst, immer noch meine Dylan-Lieblingsplatte, egal, was die Dylanologen sagen.

 

By the way, the photo is from the movie Michael Clayton, a good one. As Peter Bradshaw once wrote in The Guardian: „George Clooney comes unprecedentedly near to playing a damaged man, a weak man, a defeated man, in this corporate-legal thriller, which comes swathed in a fur of anxiety and shame.“

 

Was ist der ideale Ort zum Lesen? Ist es das klassische „book for the beach“, oder gibt es für dich eine idealere Umgebung?

 

Das Buch ist ein Rohrkrepierer, es sollte nur von dem Drehbuchautor und Wim Wenders gelesen werden. Ach, Wim sollte auch das Drehbuch schreiben. 

 

Dick Francis hatte ja die Eigenart, ein bestimmtes Sachgebiet in seine Kriminalromane einzuarbeiten. Wie ist ihm die Umsetzumg in „Verrechnet“ gelungen?

 

Nicht so gut. Den Scheiss mit den interkontinentalen Geldverschiebungen gleich rausschmeissen, wenn es um die Verfilmung geht. Auch die schottische Geschichtsstunde kommt hölzern daher. Das mit der Dudelsackmusik und der Landschafts- und Portraitmalerei hingegen ist flüssig und enthält Tiefe.

 

Wenn du einen Themenabend zu dem Roman veranstalten würdest, was würde auf der Speise- und Getränkekarte stehen, und welche Hintergrundmusik würde zur Begrüssung der Gäste laufen?

 

Wir wollen es mit dem Lokalkolorit nicht übertreiben. Zu Anfang gäbe es für alle ein grosses Stück Pissaladière, eime Spezialität aus Nizza (s. Foto, von mir angefertigt, gerne auch für das Mana-Treffen in Tübingen:)), als Hauptgericht Linsensuppe, das klassische Rezept mit dem Thermomix. Hintergrundmusik: Brian Enos Music for Installations, alle sechs CDs, als Rausschmeisser  Paranoid von Black Sabbath. Das Album. Cooler Scheiss.

 
 
 

 
 
 

Wenn ein „special guest“ an diesem Dick Francis-Abend einen Vortrag halten würde, der mit dem Autor und / oder dem Roman zu tun hätte, wie könnte man ihn idealerweise betiteln?

 

Wim Wenders würde auftreten und von seinem Filmarbeiten an Verrechnet berichten, der in die Kinos käme mit dem Titel „Eine Geschichte aus den Highlands“. Ich glaube, keiner von euch hat den wunderbaren Film Lucky gesehen, der letzte grosse Auftritt von Harry Dean Stanton. Bei den Extras der DVD erzählt Wim von seinen Erlebnissen mit Harry bei den Dreharbeiten von Paris, Texas. Herrlich. Die Episode mit Ry Cooder ist der Knaller. Aber die gesammelten Stories, die Wim da auftischt, sind ganz und gar fabelhaft.

 

Dick Francis gehörte ja zu einer älteren Generation von Kriminalschriftstellern. Wie würdest du das Buch zwischen den Polen „Zeitlos“ und „Altmodisch“ einordnen?

 

Very, very old-fashioned.

 

Was wird der nächste Roman sein, den du liest?

 

Memorial Device von David Keenan. Von diesem kleinen Taschenbuch verspreche ich mir, hinsichtlich des kompletten Versinkens, was Feridun Zaimoglu über seine Lieblingslektüre 2018 geschrieben hat: „Ein Buch über Fremdheit und Entwurzelung, ein wunderbarem Deutsch geschrieben. Ich war betrunken vor Freude, habe gelesen, gelesen, und nur zwischendurch ein Brötchen gegessen und bin gar nicht mehr rausgegangen.“ Fast vergessen, er meinte Austerlitz von W.G. Sebald. 

 

 

 

Es wird einige Alben geben bis Anfang März, die unsere Herzen höher schlagen lassen. Von Joe Lovano bis Robert Forster, von William Tyler bis Lambchop, von Eleni Karaindrou bis Rustin Man. Quasi als Nachhall des nun rasch endenden Jahres hat Brian Whistler sich für Aaron Parks’ voluminöses Doppelalbum Little Big begeistert. Ein pianistisch versierter Jazzkenner aus dem Raume Kronach ist ihm beigesprungen, und aus Niedersachsen ist zu vernehmen, dass man auf diesem Opus des Jazzpianisten manch Verschärftes zu entdecken habe. 

 

Im fernen Pittsburgh hat Jan Reetze ein altes, nie sonderlich hoch angesiedeltes Werk der Talking Heads, True Stories, neu für sich entdeckt. Oft genug geraten „additional tracks“ zur blossen Sammlerfreude, aber hier kamen im Archiv erstaunliche Entdeckungen zum Vorschein, die auch Lust machen könnten, den zugehörigen, satirischen Film anzuschauen, „a delightfully odd musical comedy from 1986“. Die Blu-Ray Criterion-Edition des Films, mit vielen Extras und neuer 5:1-Abmischung ist ab Ende Januar erhältlich.

 

Manchmal können wir auch anderen Stimmen trauen, ohne selbst im Stoff zu stecken. Aber als ich das erste Kapitel von David Keenans Roman (wirklich, ein Roman??!!), gelesen hatte, machte sich ein breites Honigkuchengrinsen auf meinem Gesicht breit, und ich ahne, dieses Buch wird mein nächtster Oberburner sein. Wie bemerkte Irvin Walsh dazu: „Captures the terrific, obsessive, ludicrous pomposity of every music fan’s youth in an utterly definitive way.“ 

 

Wann haben Sie Ihren letzten Spionagethriller gelesen? In meinem Fall kann ich es genau sagen: heute Nacht. Gegen 2.00 Uhr war die letzte Seite des Debut-Romans von Matthew Richardson geschafft. Wenn man so ruhig Spannungsbögen entwickeln kann, ohne in fiebrige Hektik zu verfallen, ist das schon allerste Güte. Dem Briten ist eine meisterhafte Charade gelungen, angesiedelt in der Post-Snowdon-Ära, bei der selbst einem mit allen Wassern gewaschenen Ex-Agenten des MI-6 zwischendurch die alte Frage Drehschwindel bereitet: „Who the fuck am I?“ Makellos erzählt, hervorragende Übersetzung.

 

Ganz grosses Kino für daheim garantiert diese erste und sicher einzige Staffel von Sharp Objects. Jean Marc Vallée kannte ich nicht mal vom Namen, aber das änderte sich seit dem Kinofilm Dallas Buyers Club, sowie der Serie Big Little Lies. Und jetzt diese meisterhafte Verfilmung des ersten Romans von Gillian Flynn. Amy Adams gibt wohl die Rolle ihres Lebens, und wenn man sich nach dem Abspann der letzten Folge, den man aus guten Gründen bis zum Ende durchlaufen lassen sollte, fragt, „What the hell …“, weiss man spätestens, dass man hier in eine extrem dunkle Spielart von „Southern Gothic“ gelockt wurde. Und alles ist leider so furchtbar real. 

 

It has happened before. It happened when I got the most beautiful Christmas gift in days of still being a virgin: Joni Mitchell‘s Blue, and The Allman Brothers Band Live At Fillmore East. I lost my virginity soon. It happened when I had been with friends, on a long gone December morning of my youth, and someone put on Tago Mago. Oh, Hallelujah! It happened when I listened (the first time) to the White Album, or Return To Forever (nothing as good as the first one), or to the greatest part of the first three hundred ECM albums. It happened when I listened to After The Goldrush (my entry code to the world of Neil Young, in Paignton), Taking Tiger Mountain (By Strategy), and, later, to More Songs About Buildings And Food, On Land and Liberty Belle and the Black Diamond Express. It definitely happened when I listened to Spirit of Eden and Laughing Stock. Time running backwards and forwards, nevermind. It happened when I listened to Rock Bottom and Mahler’s Symphony No. 5. Always love at first sight. Building a home in the wind. And now it has happened again, listening to Rustin Man‘s forthcoming album Drift Code. Probably my album of 2019.

 


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