Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2019 22 Jun

„Capsule“

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Mein schönstes Lied des Jahres, ohne Worte, es klingt so, als wäre „Sowiesoso“ von Cluster in Hamilton, Ontario, entstanden, mit Daniel Lanois an den Reglern und der Gitarre, es ist der „missing link“ zwischen der Ferne, in der man nur „surrender“ hauchen kann, und der Kneipe um die Ecke, in der die Jukebox alle Evergreens der näheren Zukunft hamstert.

 

 

Nordic Noir ist ja so eine Hülse, auf CASE *** trifft sie vollumfänglich zu, man könnte auch von Nordic Slow sprechen. Gute Schauspieler, vollkommen deprimierende Geschichte. Kann Island so runterziehen? In einem ähnlichen Terrain des Lebensalters angesiedelt, Jugendliche am Rande des Erwachsenseins (und gefährdet), spielt sich QUICKSAND **** ab, und erzählt fesselnd und einfühlsam von einem grausamen Verbrechen. Sechs Folgen, kein Gramm Fett. Wer alter Agatha Christie-Romantik nachhängt, sollte mal die spanische Serie HIGH SEAS * testen, oder besser doch nicht: bleibt alles seifenopernhaft, mit passend schlechtem Soundtrack. Ein Schlafmittel. Bin auch nicht bescheuert, und habe nach zwei Folgen abgebrochen. Hundefreunde wie ich könnten bei IT‘S BRUNO ** auf ihre Kosten kommen, dieser no-brainer ist dann aber doch ein bisschen zu blöd. „Everything changes, and nothing really changes. People die, new people are born, and we exist in between.“ Sagt JESSICA JONES, sie ist eine Superheldin mit diversen Defiziten, hat den lakonischen Humor eines Sam Spade, und ich finde die SEASON 3 ***1/2 herrlich abgefahren. Bei der fünften Staffel von BLACK MIRROR kann man ja stets einsteigen, weil jede Science Fiction / Virtual Reality – Story in sich abgeschlossen ist. Die dritte **** und vierte Episode sind umwerfend gut. Auch witzig übrigens. Okay, die vierte Episode *** ist nur gut. Der Burner ist natürlich Martin Scorseses Filmtrip mit Bob Dylan und seiner ROLLING THUNDER REVUE *****. Ein über zwei Stunden währender Rausch, mit allen Nebenwirkungen, die Zeitreisen haben können! Habe ich was vergessen, Joey?

 

 

1

Hier spricht das Cover Bände über die Musik, die zu erwarten ist. Und es ist, neben „Magico“ von Garbarek, Gismonti, und Haden, ein weiteres meiner Lieblingscover des Labels. Zudem werde ich dieser Musik nie überdrüssig. Auf kuriose Weise führte einst eine Art „Hörspielkassette“ von Steve dazu, dass ich überhaupt bei Radiostationen vorstellig wurde. Dass ich mich später weiterhin für die Alben dieses „guitar outlaw“ begeisterte, hatte nichts mit Dankbarkeitsbekundungen zu tun. Und wie im letzten Jahr „Life Of“ bei mir einschlug – ich komme bei diesem Album bis heute nicht aus dem Staunen heraus. Steve Tibbetts hat sein Feuer nie verloren. Selten ist es vorgekommen, dass ein Musiker seine fertige Aufnahme einpackt, zu einem anderen Raum fährt, sie dort abspielt und zugleich über diverse Mikrofone neu aufzeichnet, so dass ein leicht verwandelter Sound entsteht, die andere Raumakustik als subtiler Gewinn betrachtet wird. Verblüffend, die Aktion, positiv „klangverrückt“, auch wenn ich die zwei Fassungen nicht vergleichen kann. Ich hoffe, der eine oder andere Leser dieser Zeilen macht sich auf den Weg zum Punktfestival nach Kristiansand, dort spielen Steve und Mark in einer Kirche. Nicht mein Lieblingsort für Konzerte – ich fürchte stets ein Übermass an Echo – aber sie werden sich schon etwas einfallen lassen, die Akustik zu nutzen.

2

Man nenne dies nicht Fusion Music und auch nicht Crossover. Die Musik des 1954 in Madison, Wisconsin, geborenen Steve Tibbetts erzählt Reisegeschichten über elektrische Wildnis und akustische Kulturlandschaften. Mit sechs Jahren hatte Steve begonnen, die Ukulele zu erforschen, und griff zur akustischen Gitarre, sobald seine Hände sie fassen konnten. Später spielte er in Rockbands und richtete sich im Laufe der Zeit in St. Paul, Minnesota, ein eigenes Studio ein, das bald zum zweiten Instrument wurde – Klangmanipulationen gehörten zum Handwerk eines Musikers, der Tag und Nacht Tomorrow Never Knows von den Beatles und Ege Bamyasi von Can hörte.

Der Globetrotter aus Passion hielt Abstand zu jedem drohenden Mainstream, vermied die mechanische Griffbrettartistik mancher Kollegen und kämpfte gegen den üblichen Etikettenschwindel: „Folkmusik vom Mars“ nannte ein Journalist Tibbetts‘ Klanggebräu. Seine erste große Reise führte nur nach Oslo: Unter der Klangregie Manfred Eichers entstand die karge, leicht pulsierende Gelassenheitskunst von Northern Song. Seitdem mischte der Gitarrist die Höhen- und Breitengrade seiner Musik nach den Gesetzen des freien Falls von Mikadostäbchen und produzierte brillante Werke, mit Titeln wie Safe Journey (1984), Big Map Idea (1990) oder The Fall Of Us All (1994) – eine konstante Verletzung des Orientierungssinnes. Manchmal sind da Geräuschspuren der Fernstraßen um Minneapolis zu hören, der Rocky Mountains oder eines Mönchschors aus Tibet.

Und so finden sich auch Fetzen eines fremden Alltags auf seiner neuesten Arbeit, A Man About A Horse, wenn beim Sampeln Natur- und Tierlaute zusammen mit den bronzenen Sounds von Gongs gespeichert werden (ECM 1814). Fasziniert ist Tibbetts von der Kebyar-Schule der Gamelan-Musik, ihren explosiven Attacken, kühnen Synkopen und verwickelten Läufen aus Blockakkorden. Bali, Indonesien und Nepal wurden bald zum ständigen Reiseziel. Er hört zu, wenn ein Einheimischer von den Geistern der Bäume spricht, und lässt sich vom endlosen Klingklang indonesischer Puppenspiele in den Schlaf wiegen. Kehrt Steve Tibbetts von seinen Reisen zurück, arbeitet er mit frei schwebenden Erinnerungen, nicht mit akustischen Abziehbildern.

Asien wird hier zu einer Welt, von der ein später Jimi Hendrix geträumt haben könnte. Komplexe Texturen, die, allem Gitarrenfeuer, aller Perkussionsdichte und Basswucht zum Trotz, eine seltsam beglückende Klarheit verströmen – als könnte man der Musik beim Luftholen zuhören!

 

 
 
 

Stets eine Lieblingsplatte gewesen aus dem Haus MPS. Gepflegter Hippie-Langhaar-Look, und vielleicht die aufregendste Platte des Flötisten Chris Hinze. Gar nicht mal im berühmten Schwarzwald-Studio aufgenommen, gelang auch in Köln ein Kunstwerk der fusion music, das sich vor den lebenden Legenden des Genres nicht zu verstecken brauchte. Es gab auf MPS eine ganze Reihe mitreissender Jazz-Rock-Scheiben, von Joachim Kühn oder Association P.C. – und auch George Duke legte mit „Faces In Reflection“ ein kleines  Meisterstück hin. Meine meistgespielten Platten von der Musik Produktion Schwarzwald aber waren, in der ersten Hälfte der Siebziger, Don Sugarcane Harris mit „Fiddler On The Rock“ (mit der einzigen Version von „Eleanor Rigby“, die wir gelten liessen, neben dem Original der besten Band der Welt), Volker Kriegels „Face Lift“ (oder doch „Missing Link“), und, keine Frage, Chris Hinze mit seiner „Mission Suite“ – auch das Cover empfand ich als ziemlich cool. Und ganz sicher ist mir der eine und andere Schatz entfallen.

 

2019 18 Jun

Floating

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Ladies and gentlemen, you‘re floating through space, always. This is not a mindset, this is sheer physics. Nevertheless, being a dog-loving pagean, I do have much love for all those bangers on the doors of perception who found their ways in, with meditation, esoterics, and the power of musics. So, the August edition of MOJO (Uwe will be happy) contains an interstellar list of so-called spiritual jazz. Part of the charts, on No. 2, is Don Cherry‘s „Brown Rice“ which I played extensively during my last radio night. Mojo says: „In the wake of John Coltrane’s passing, former collaborator and band member Cherry recorded a series of albums that continued his mentor’s legacy, crafting a chaotic, beautiful sound that blended African rhythms and Eastern gamelan percussion with free jazz improvisation. However, this mid-’70s recording, which utilises the framework of Miles Davis’s otherworldly spacejazz, is arguably the most satisfying place to start. Bookended by two eerie, motorik-funk incantations – Cherry’s hypnotic vocal whisper floating over squealing toy trumpet spirals and oily electric bass – the LP explores African, Indian, and Arabic polyrhythms, in trippy shamanic spells that pull you into a bubble of mysterious calm.“ Well said, guys. This is really a record that sends you places. Other „astral stuff“ comes from Joe Henderson, Alice Coltrane, Larry Young, Roland Kirk, Herbie Hancock a.o. Far away from being „historical“, this music is still crazy (and mind-bending) after all these years and will  never be losing its deep emotional impact, as long as you are open for a state of wonder. Ladies and gentlemen, you‘re floating through space. Al Reinert‘s documentary on the Apollo 9-mission,  „For All Mankind“, will be reissued before the end of month, and might be an ideal travel companion. A lot of drifting, and Brian‘s „Apollo“ part of the surround mix.

 
 

NEW ALBUMS Leafcutter John Kevin Morby Kuba Kapsa Aldous Harding Saffronkeira Barria/Petrella/Aarset Richard Hawley Brian Eno James Hurwitz Gianluigi Trovesi & Gianni Coscia Brian Harnetty Bruce Springsteen Bill Callahan Lee Perry Sunno)) 

 
 

 
 

 
 

„ECM & THE HOUR OF THE SOLO BASS“ Dave Holland & Barre Phillips Music for Two Basses Gary Peacock December Poems Dave Holland Emerald Tears & Life Cycle Eberhard Weber Pendulum Björn Meyer Provenance Barre Phillips End To End Larry Grenadier The Gleaners

 
 

 
 

TIME TRAVEL DEPARTMENT Ras Michael & The Sons of Negus None A Jah Jah Children Joshua Abrams & Natural Information Society Simultonality & Mandatory Reality Don Cherry Brown Rice Bennie Maupin The Jewel In The Lotus 

 
 

 
 

 

 

 

 

Michael: This is a fantastic record, Eivind. Free, floating and adventurous. Have there been, before the days in Udine, conversationsabout the feel of the music, and other preparations?

 

Eivind: Michele and I have performed as a duo on different occasions, we have also played a couple of gigs with Gianluca before the recording. Before we met in studio, we talked about keeping the project open for much collective improvisations.

 

And the producer‘s presence?

 

In the studio Manfred Eicher first listened, and then came with suggestions and inspirations. He would typically ask us to do one more in the same territory if he liked where we were heading, but maybe the version was not quit there yet. He would ask us to move on to something else if we got stuck, and also being enthusiastic when he heard something he enjoyed.

 

The pieces rely very much on texture, atmosphere, a drifting mood – some touchstones come to mind. Did you talk history before?

 

References were never a topic, but for me personally I have spent so much time listening to certain stuff – 70’s Miles Davis, Rypdal and Garbarek, Jon Hassell, Brian Eno, David Torn, they have all been highly influential on me. I think Michele has some of the same references too. I am not sure about Gianluca, but he has a stronger jazz background than me, and he is very into music from the 70´s.

 

A golden age, that decade. You don‘t have to be nostalgic to realize that. The rhythmic anchor of the piece „Flood“ is, in the first part, a pulsating figure of the trombone followed by this immersive watery feel of the whole track, with, well, waves of sound. The three of you make use of additional electronics and „sounds“.

 

This was the first improvisation we did. In the post-production we added delay and some low frequency on Gianluca’s riff, and at the very beginning and very end we also added some a „cloud“ texture from another improv, a combination of trombone, guitar, and I think, some of Michele‘s stuff. The watery feel you mention is mirrored in a lot of the titles. But that „water concept“ first came up when Michele and I listened thru the material and thought the music had a watery floating feel to it. This seemed to be OK for Gianluca and Manfred as well.

 

 

 

 

A recognizable „jazz vibe“ can be detected in the opening track „Nimbus“, in the trombone, and some of Michele‘s percussive patterns. For some seconds, I had a fleeting memory of an old Rypdal recording with guitar and trombone. And there‘s a short Rypdal-esque moment at the beginning of „Styx“. I like to speak of „ghost echoes“ here. 

 

I love Rypdal‘s album Odyssey with Torbjørn Sunde on the trombone! And, yes I agree, the beginning of „Styx“ for sure has some Rypdal in there … He is such a strong influence, so I try to avoid to be too close, but you know, sometimes it leaks thru …

 

A change of scene, the appearance of your acoustic sounding guitar on „What Floats Above“. A very ambient piece.

 

I wrote this one before the studio session. It was nice to explore this two very separate worlds, the very concrete acoustic guitar, and the all the other stuff playing more in parallel than with the guitar. Nils Petter Molvaer introduced me to Michael Brooks Hybrid in the 80´s, and it is one of the records which really changed me. This is also one of my favorite records from the production team of Lanois / Eno.

 

 

 

 

Still a buried treasure, that album On the title track, „Lost River“, the trombone moves through a very special „landscape“, no classifications possible. Is it a cliche to speak of a cinematic feel here and on other tracks, but, so, here we go, what a cinematic feeling!

 

This a another collective improvisation, and I remember that there were some talks about films, although I don’t remember if there was any specific movie mentioned. I actually read about a river which disappeared into a underground canal, and it is called „Lost River“.

 

There‘s a beautiful, melancholic sense of impermanence prevailing on the whole album, but here it comes, on „Night Sea Journey“, a groove!

 

Yes it is a kind of groove tune, and as I said; I know that Gianluca are very much into music from the 70´s so it might be some references for him there. The starting point of the tune was a combination of effects on the guitar; harmonizers and delays, which had a character which we felt would be nice to explore.  

 

Do you see the cover photo as a kind of signifier for the music, or just a more or less typical „ECM design“ suggesting space. And, really, what do I see on that picture: a wall, a floor, a bag? Somehow mysterious.

 

Well I am not sure, the decision on the cover was made by ECM, and we all liked it but I don’t know what it actually is …, so absolutely a mystery …

 

  1. Bill Callahan: Shepherd in a Sheepskin Vest
  2. Brian Eno w/ Daniel Lanois and Roger Eno: For All Mankind
  3. Joe Lovano: Trio Tapestry
  4. Barria / Petrella / Aarset: Lost River
  5. Aldous Harding: Designer
  6. Sunno)): Life Metal
  7. Matmos: Plastic Anniversary
  8. Areni Agbabian: Bloom
  9. Thom Yorke: Anima
  10. Will Burns & Hannah Peel: Chalk Hill Blue
  11. Lambchop: This (is what I said)
  12. Lee Perry: Rainford

 

2019 6 Jun

Far away

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„There’s a place on a blank stretch of road / where nobody travels and nobody goes“ 

 

Die Geschichte der frei improvisierten Musik hat, seit den frühen Tagen des Free Jazz und seiner Randzonen, ein  spezielles Kapitel  fliessender Atmosphären entfaltet, abseits vertrauter Muster und  verlässlicher rhythmischer Fundamente.

LOST RIVER  handelt vom Unerhörten. Jazz ist in Klangspuren erkennbar, im luftig geerdeten Posaunenspiel von Gianluca Petrella, in flüchtigen Webereien des Gitarrenspiels von Eivind Aarset, in der Puls- und Rauschforschung von Michele Rabbias Schlagwerk. LOST RIVER betritt auch, in der Art der Einarbeitung elektronischer Schwingungen, ein abenteuerliches Grenzgebiet von freier Improvisation und Ambient Music.

Nur selten zeichnet sich ein klar definiertes Führungsinstrument  ab, Vorder- und Hintergrund changieren – hat die Posaune gerade  noch eine melodische Figur umrissen, kann sie plötzlich pure Textur werden. Das Album setzt eine Tradition fort, an der Manfred Eicher seit 50 Jahren als Produzent mitgewirkt hat, eine Kammermusik unaufdringlicher Intensität, die im Idealfall, und der ist hier realisiert, aus allen Begrenzungen heraus ins Offene treibt. Kammermusik mit Panoramafenster – keine einzige verschenkte Note, und eine perfekte Dramaturgie!


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