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2016 17 Apr

So, so, …

von: Jan Reetze Filed under: Blog | TB | 12 Comments

… Dieter Hallervorden ruft also alle Kabarettisten auf, jetzt Stellung zu beziehen. Auch wenn ich kein Kabarettist bin: Das können Sie haben.

Allmählich wird die Sache nämlich lächerlich.
 
 

  1. Böhmermann wird nicht ins Gefängnis gehen (jede Wette), und auch sonst wird niemand wegen eines Satirebeitrages geköpft oder mit Publikationsverbot belegt werden. Böhmermann wird — wenn überhaupt ein Verfahren eröffnet wird — im ungünstigsten Fall mit einer überschaubaren Geldstrafe davonkommen. Danach kann er seinen Job weitermachen. So what.
  2.  

  3. Erdogans Klage gründet auf einem Paragrafen, der derzeit noch geltendes Recht ist. Die Kanzlerin kann das nicht ignorieren. Sie kann allerdings, und das hat sie getan, die Streichung des betreffenden Paragrafen noch für diese Legislaturperiode in Aussicht stellen. Mehr kann man im Augenblick wohl kaum verlangen.
  4.  

  5. Die Leute scheinen mehrheitlich nicht zu verstehen (oder wollen es nicht verstehen), dass die Kanzlerin gerade dadurch, dass sie die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft erlaubt, kein Urteil abgibt und auch keine Bestrafung Böhmermanns fordert oder nahelegt. Hätte sie die Genehmigung nicht erteilt, dann wäre das ein aktiver Eingriff der Regierung in die Arbeit der Justiz gewesen — und das sollten wir uns lieber nicht wünschen.
  6.  

  7. Comedians oder wer sich in Deutschland sonst noch für einen Satiriker hält, scheinen seit einigen Jahren zu erwarten, dass sie unter dem Deckmäntelchen „Satire“ nach freiem Belieben herumpöbeln und auf unterstem Niveau sinnfrei beleidigen dürfen (und sich dabei oft noch auf das Zitat „Was darf die Satire? Alles!“ aus einem Tucholsky-Artikel berufen, den sie entweder nicht verstanden oder gar nicht erst gelesen haben).
     
    Nun hat sich halt mal jemand dagegen gewehrt, und prompt geht ein großes Gegreine los. Aber gibt es da nicht auch so etwas wie die Verantwortlichkeit für das eigene Handeln? Böhmermann hat sich seine Suppe selbst angerührt — OK, das soll er von mir aus dürfen, aber er muss dann auch bereit sein, die möglichen Konsequenzen zu tragen.
  8.  

  9. Leute wie Dieter Hildebrandt oder Lore Lorentz wären in eine solche Situation nie hineingeraten. Die hatten ihren Tucholsky nämlich gelesen — und verstanden.

 
 
Alles klar, Herr Hallervorden? Eigentlich sollte man solche Dinge einem bekennenden Liberalen nicht erklären müssen, aber im Augenblick scheinen wohl alle verrückt zu sein.

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12 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Ins Allgemeine gesprochen: ein Staatsführer (z.B. aus Pulaskia), dem schwere politische Verbrechen zu Last gelegt werden können, zurecht, und der massiv Freiheitsrechte beschneidet etc. – zudem (einfach mal als Vorstellung!) einen nachweisbaren Genozid leugnet, darf m.E. mit jeder Form von Satire odet Häme oder Wutrede angegangen werden.

    Der Rahmen einer Satireveranstaltung sollte einen juristischen Schutzraum bieten. Stilvoll vs. Geschmacklos ist da für mich kein Kriterium mehr, obwohl ich genau weiss, wie Tucholsky das gemeint hat.

  2. Lajla:

    Nein, es sind nicht alle verrückt geworden. Es gibt durchaus auch noch Satiriker von damaligem Kommödchen Format. Claus von Wagner und Max Uthoff von der „Anstalt“ beispielsweise.

    Leider wird in der Sache B. nicht darüber berichtet, dass die in Deutschland lebenden Türken mit beleidigt wurden. Dass sie ihren Präsidenten mögen, zeigt sich bei seinem alljährlichen Besuch hier. Die Fussballstadien sind voll.

    Mal sehen welcher Richter ausgesucht wird. B. sollte einen „Bedenkzettel“ bekommen. Was er tut, ist so weit weg von Kunst.

  3. Michael:

    Das sehe ich ganz anders.

    Die Türken hier werden dadurch beleidigt????

    Gewiss, Kunst war es nicht gerade ;)

  4. Uwe Meilchen:

    Michaels erster Kommentar hier ist eine sehr treffende Beschreibung von Erdogan. Leider sehe ich so garnicht, welche Sachverhalte dieses Schmaehgedicht von Boehmermann denn ironisierend aufspiesst.

    Hier ist es aehnlich wie das Titelbild der „Titanic“, dass den Papst mit einer gelb gefleckten Soutane zeigt. Auch hier: keinerlei Satire ! Es geht nur um eine Form der Beleidigung, auf die mit dem Reflex „Meinungsfreiheit“ reagiert werden soll und muss.

  5. Oliver Kalkofes Kommentar zur Satirefreiheit:

    https://www.facebook.com/tele5.de/videos/1019297711453570/

  6. Michael Engelbrecht:

    „Wenn der Baum faul ist, triffts du immer den richtigen Apfel“

    (Als Chaplin Hitler aufs Korn nahm, hat er auch oft gezielt „daneben“ „geschossen“ – Satire, die auch noch politisch korrekt sein soll, nein danke.)

  7. Michael Engelbrecht:

    Es gibt auch viele Italiener, die Berlusconi mochten. Wurden die auch mit beleidigt, wenn die Satire ausfällig wurde?????

    Und zum Papst: es gab viel Gelb-Beflecktes in der Kath. Kirche, und selbst der vielgefeierte Pole woytyla hat sich damals vor den einen und anderen Kinderschänder gestellt, aus Blindheit oder was auch immer.

  8. Michael Engelbrecht:

    Und: ich plädiere auf Freispruch und absolut keinen Be-Denkzettel. Das ZDF zahlt sowieso, und hier lobe ich mal ganz ausdrücklich meinen Arbeitgeber, nicht nach dem Motto: wes Brot ich ess‘ , des Lied ich sing :)

    Es gibt in diesem Zusammenhang gar keine Geschmacklosigkeit, die nicht ins Schwarze treffen würde: das sind alles Metaphern, bildliche Ausdrücke, um die Verachtung vor den Abgründigkeiten der Selbstherrlichkeit auszudrücken.

    Der einzige Grund, warum i c h den Text nicht so vorgetragen hätte: ich fand ihn nicht gut. Ich hätte eine andere Härte gewählt, und nur Fakten sprechen lassen. Die Fakten reichen.

  9. Lajla:

    Wäre ich jetzt auf Lesbos und sähe dort Frau Merkel als Hitler in einem Satiremagazin abgebildet, würde mir das nicht gefallen. Ich würde mit den Griechen über Frau Merkel diskutieren. Sie macht nicht nur Schlechtes. Ausserdem finde ich, dass die VW- und Schleckerbande zuforderst anzuprangern sind.

  10. Michael Engelbrecht:

    Äpfel und Birnen?

  11. Uli Koch:

    Wenn aus Satire Realsatire wird, dann hat der Hofnarr seine Aufgabe doch erfüllt und Niveau und Geschmack werden dann zur Nebensache! Und das alles nur, weil sich zu Viele einfach zu ernst nehmen. Was wär die Welt doch dröge ohne sie …

  12. Michael Engelbrecht:

    Das Widerliche ist zudem, dass ein kleiner Teil der Erdo-Freunde in D durchaus bereit ist, physische Gewalt auszuüben, und ein Böhmermann sich fürs erste kaum sicher durch deutsche Grossstadtzonen ohne Sonnenbrille, Verkleidung resp. Polizeischutz bewegen kann.

    Wohnungswechsel ist auch angebracht. Der Effekt ist sowas wie 1/50 Salman Rushdie.


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