Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2019 14 Sep.

Harvest Moon over America

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Sun Rings for String Quartet, Chorus and pre-recorded Spacescapes ist der vollständige Titel dieser zehnteiligen Kompositionssuite, geschrieben und uraufgeführt mit dem Kronos Quartet bereits 2002. Eines der Stücke, „One Earth, One People, One Love“, war bereits Teil des Albums Sunrise of the Planetary Dream Collector, in dessen Folge der Zyklus entstanden ist; das schadet aber nichts, denn nun steht es in seinem richtigen Kontext, am Ende von Sun Rings.

Das Weltall war immer ein faszinierendes Thema, spätestens seit Gustav Holsts Die Planeten ist es auch Teil des Konzertlebens. Dass Sterne und Planeten Radiosignale von sich geben, weiß man schon länger. Voyager 1 und 2 waren sehr fleißige Sammler in dieser Hinsicht. Die NASA zeichnet diese Signale auf und analysiert sie zu Forschungszwecken — man kann daraus Rückschlüsse auf Atmosphäre, Zusammensetzung und andere Dinge ziehen. Man kann die Signale aber auch elektronisch so bearbeiten, dass sie für menschliche Ohren hörbar werden — rhythmisch krachend, pfeifend, singend, rauschend. Wer sie pur hören will, findet sie auf der Webpage der NASA. Die Sonne klingt eher aufdringlich, Saturn erinnert an singende Wale, Jupiter dagegen ist fast unheimlich (aber letzteres bilde ich mir vielleicht nur ein; ich fand den Jupiter immer irgendwie unheimlich).

Terry Rileys Verbindung zu den Sternen war ein Peyote-Button, irgendwo in der nächtlichen Landschaft des Tahoe National Forest, in dessen Nähe er aufwuchs. Nun hat er die Sternensounds, die er vielleicht schon damals gehört hat, zur Basis seiner Sun Rings gemacht. Sie liegen nicht nur einfach „unter“ der Musik, sondern sind ihr Ausgangspunkt. Die Klänge fließen mit den Streicherklängen, aber auch einem gemischten Chor zusammen, verstärken sie, rhythmisieren sie, geben ihnen Farbe und Atmosphäre. Sun Rings ist auch nicht „klassische Minimal-Musik“. Natürlich gibt es die Riley-typischen melodischen Schleifen, aber die Stücke sind auskomponiert, nichts ist Zufall. 9/11 war eine Unterbrechung; Riley wusste eine Weile nicht mehr weiter. Der Schock, den er bis heute mit den meisten Amerikanern teilt, hinterließ Spuren: „Prayer Central“, das längste Stück der Suite, ruft, zum Teil in Einzelsilben zerlegt, zum Frieden auf: „Now we must learn to de-pend on vast, mo-tion-less thought.“ Man mag das hoffnungslos romantisch oder Koyaanisqatsi-selig finden, das ist es auch, aber es funktioniert im Kontext der Musik. Das Schlussstück basiert dann auf der Zuspielung der Stimme der Autorin Alice Walker, die, während sie die 9/11-Anschläge beobachtete, diese Worte als Mantra sprach: „One Earth, One People, One Love.“

 

 

2019 27 Aug.

Green Book

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Der New Yorker hat diesen Film ziemlich heftig verrissen, und die Gründe sind bestimmt diskutabel. Die Familie des realen Pianisten Don Shirley ruft zum Boykott des Films auf oder wünscht zumindest, man möge ihn sich erst ansehen, wenn er im Kabel-TV gezeigt wird, weil dann die Produzenten weniger daran verdienen.

Ich bin da etwas anderer Meinung. Dass Green Book deutliche Parallelen zu Driving Miss Daisy aufweist, ist nicht nur mir aufgefallen, aber das liegt im Sujet und ist wohl kaum zu vermeiden. Im übrigen kann man dem Film nur eines wirklich vorhalten: dass er vorhersehbar ist.

Der afroamerikanische Pianist Dr. Don Shirley (von dem ich bislang nie gehört hatte — sorry für den Fall, dass das eine Bildungslücke ist), lebt in den frühen 1960er Jahren in einem museumsgleichen Apartment über der New Yorker Carnegie Hall. Für eine zweimonatige Tournee durch die USA heuert er Frank „Tony Lip“ Vallelonga als Fahrer an, den italoamerikanischen Rausschmeißer einer New Yorker Bar. Die beiden Männer sind so grundverschieden, wie sie überhaupt nur sein können — hochgebildet, eloquent und bestens erzogen der eine, verfressen, grammatikalisch zweifelhaft und straßenerprobt der andere. Green Book zeigt, wie diese beiden Typen eine Reihe von Abenteuern im tief rassistischen „Deep South“ der Vereinigten Staaten zu überstehen haben, sich dabei zunächst zaghaft, dann zunehmend vertrauensvoll, manchmal heftig streitend, einander immer weiter annähern, voneinander lernen, sich helfen und letztlich dicke Freunde werden. Der eine kapiert, dass es Situationen gibt, in denen ein trockener Fausthieb in die richtige Visage das einzg mögliche Argument ist, der andere kapiert, dass es in anderen Situationen wichtiger sein kann, seine Würde zu wahren als draufzuhauen. Das alles ahnt man von Anfang an, und genau so kommt es.

Was Green Book trotzdem sehenswert macht, ist das, was quasi „nebenbei“ erzählt wird: Der tiefsitzende Rassismus war viel mehr als nur Gesetz. Er war in die DNA der Menschen eingeschmolzen, sicher bis weit über das offizielle Ende der Rassentrennung hinaus (bis heute), und selbst viele Schwarze hatten ihn irgendwie als „normal“ absorbiert. Es gibt eine Szene in dem Film, die Bände spricht: Bei einer Autopanne behebt Tony über den dampfenden Motor gebeugt den Schaden, während Don danebensteht und zuschaut. Einige schwarze Feldarbeiter beobachten das Geschehen — und können einfach nicht glauben, was sie da sehen. Es widerspricht ihrer gesamten Lebenserfahrung. (Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch gern nochmals an Joan Didions Buch „South and West“, auf das ich letztes Jahr hier hingewiesen hatte.) Die Zumutungen, denen Schwarze seinerzeit ausgesetzt waren, machen nicht selten sprachlos; desgleichen die Polizeiwillkür, die in den Südstaaten völlig normal war. Nicht zu sprechen von den heruntergekommenen Motels und Spelunken, in denen Schwarze unterkommen konnten. Letztere waren verzeichnet im jährlich zwischen 1936 und 1966 erscheinenden „Negro Motorist Green-Book“, herausgegeben von seinem Namensgeber Victor Hugo Green.

Das Ganze ist manchmal ziemlich dick aufgetragen, die Fallhöhen sind oft sehr hoch angelegt. Das ist natürlich Absicht, aber es funktioniert. Don Shirleys Familie liegt mit ihrer Kritik an dem Film insofern falsch, als Green Book eben nicht, wie sie anscheinend glaubt, die wahre Lebensgeschichte des Musikers Don Shirley zeigen will, sondern dass eine Episode seines Lebens als Folie für eine Geschichte dient — nicht mehr und nicht weniger. Was vielen (besonders deutschen) Kritikern offenbar ebenfalls nicht passt: dass der Film sein Thema nicht mit empörtem Gebrüll und ständig hängenden Mundwinkeln anpackt, sondern als Komödie daherkommt — na gut, als Tragikomödie. Das allerdings ist auf ganzer Breite gelungen, und deswegen halte ich den Film für sehenswert. Seine Oscars hat er allemal verdient.

Trailer

2019 25 Aug.

Kim Gordon @ The Warhol

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Kim Gordon im Warhol-Museum, Pittsburgh

 
 

 
 

Eine langweilige Ausstellung. Aber das war wohl Konzept:

 
 

 

2019 20 Aug.

Back to School!

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Der Renner des neuen Schuljahres: Schusssichere Backpacks!

 
 

 
 

Wie man sieht, findet der freie Markt für jedes Problem eine Lösung.

 

 
 
Da ist er wieder bei seinem Lieblingsthema, der Mr. Boyle: der Gruppendynamik, wie auch schon in „Drop City“ oder in den „Terranauts“. Der Titel bezieht sich auf eine Zeile des Songs „Legend of A Mind“ der Moody Blues: „Timothy Leary’s dead / No, no, he’s outside looking in“ aus dem Album In Search of the Lost Chord von 1968. Während allerdings der Song Leary bescheinigt: „He’ll take you up, he’ll bring you down / He’ll plant your feet back firmly on the ground / He flies so high, he swoops so low / He knows exactly which way he’s gonna go“, so zeigt der Roman sehr deutlich auf, dass Letzteres wohl kaum der Fall war.

In einer Art Vorgeschichte schildert Boyle, wie der Pharmazeut Albert Hofmann bei der Sandoz AG in Basel eine Droge synthetisierte, die er LSD-25 nannte (25, weil es noch 24 weitere Varianten gab). Testweise applizierte er sich 1943 eine Dosis der Droge, die er für minimal hielt, die aber, wie sich herausstellte, bereits einer etwa zehnfachen Überdosierung entsprach. Das liest sich im Roman amüsanter als es für Hofmann vermutlich war. Hofmanns Fahrradfahrt nach Hause wird von allen Späthippies der Welt noch heute am 19. April als „Bicycle Day“ begangen (womit auch immer).

Nach diesem Präludium erfolgt ein Sprung an die Harvard-Uni des Jahres 1962. Der Dreh, den Boyle hier jetzt anwendet, besteht darin, dass er erfundene Protagonisten (den Doktoranden Fitz, seine Frau Joanie und deren Teenagersohn Corey) in die Forschungsgruppe um Timothy Leary, Richard Alpert und seine Compagnons einbaut. Die meisten dieser Personen erscheinen mit ihrem wirklichen Namen; im Impressum des Buches wird sehr gewunden darauf hingewiesen, dass diese Personen fiktiv sind, mit der Namensnennung jedoch eine Anmutung von Authentizität erzeugt werden soll. Wer mal eine Leary-Biografie gelesen hat, wird das einordnen können; die Abfolge der Ereignisse in der Geschichte entspricht weitgehend der Realität, und der Roman folgt der Realität bis ins Jahr 1964. (Lassen wir mal außen vor, dass Leary hier stets als Professor bezeichnet wird, der er tatsächlich nie war. Er war Assistenzprofessor in Berkeley, in Harvard war er „Lecturer“. Irgendwann wäre er sicherlich Professor geworden, aber dazu kam es nicht.) Learys und Alperts Rausschmiss aus der Uni wird ebenso geschildert wie die Entstehung der Gruppe um diese beiden herum, die Learys Experimente mit der Droge auf privater und Stiftungsebene weiterführt. Teil I und III werden aus Fitz‘, Teil II wird aus Joanies Sicht erzählt.

Leary besaß offensichtlich das Talent, Geldgeber und Unterstützer von seinen Vorhaben zu überzeugen, und so trifft sich diese Gruppe — etwa 20 Personen — zunächst zum regelmäßigen Samstagabendtrip in der Villa eines befreundeten Professors, verwüstet sie dabei, bemalt die Wände mit Mandalas und fliegt achtkantig raus. Was aus der Klage des Besitzers gegen Leary wird, erfahren wir leider nicht.

Es gelingt Leary, für ein halbes Jahr ein komplettes Hotel in Zihuatanejo, Mexiko, zur Verfügung gestellt zu bekommen. Die Gruppe genießt die „summer seminar“ genannte Reise wie Urlaub mit allen Annehmlichkeiten bei freier Versorgung mit Cocktails aller Art und LSD, wobei diese Trips zunächst noch per Fragebogen nachgearbeitet werden — es ist ja Wissenschaft, was man hier betreibt. Im zweiten Jahr (wir sind dann in 1963) wiederholt sich das Spiel, bis die mexikanische Polizei der Sache ein Ende macht — ohne dass die Gruppe, die sich inzwischen als „Family“ sieht, als „Brothers and Sisters“, überhaupt bemerkt, was für wilde Gerüchte über sie inzwischen im Dorf und der Presse kursieren. Fitz, Joanie und Corey geraten in erhebliche Schwierigkeiten, da sie für die Reise sowohl ihre Wohnung und Joanie ihren Job als Bibliothekarin aufgegeben hatten.

Dann, wiederum mit Hilfe reicher Gönner, schafft es Leary, ein Anwesen mit 64 Zimmern und riesigem Garten in Millbrook bei New York zu ergattern. Dort lässt sich die Family dauerhaft nieder, ergänzt nun allerdings um einige Leute, deren Herkunft niemandem so ganz klar ist und die zum Teil als Störfaktoren wirken. Die örtliche Polizei behält das Anwesen ständig im Auge und nervt mit kleinkarierten Kontrollen; auch die „Merry Pranksters“ mit Ken Kesey statten dem Haus einen (ungebetenen) Besuch ab und hinterlassen Chaos.

In Teil III des Buches, Millbrook 1964, zeichnet sich dann zunehmend der Verfall der Gruppe ab. Dabei ist Boyle ein einerseits guter Beobachter, der sehr wohl in der Lage ist, gruppendynamische Prozesse und auch die Beziehungen zwischen einzelnen Personen auszuloten, aber andererseits zeigt sich spätestens hier auch der große Schwachpunkt: Charaktere tauchen auf und verschwinden wieder. Sie sind oberflächlich, oft in sich widersprüchlich, handeln beliebig oder kaum nachvollziehbar und sind zum Teil überhaupt nur deshalb erfunden (etwa Corey), weil sie eine bestimmte Funktion im Handlungsablauf übernehmen müssen, nicht, weil sich Boyle wirklich für sie interessiert. Konflikte gibt es jede Menge, alle auf dem Niveau von Daily Soaps, furchtbar aufgeregt, aber nicht aufregend, sexuelle Eskapaden gesellen sich hinzu. Dass die Beziehung von Fitz und Joanie/Corey zu Bruch geht, ahnt man von Anfang an, wenn man den Ton hört, in dem sie miteinander reden, und dass Fitz zunehmend psychotisch handelt, wird auch schnell deutlich. Leider gibt es trotzdem keinen einzigen Protagonisten in der gesamten Geschichte, dessen Schicksal mir nahegehen würde, es ist auch niemand dabei, den oder die ich gern kennenlernen würde. Selbst Leary bleibt eine blasse, irgendwie unmotivierte Erscheinung. Boyle hat zwar drauf, wie man Plotpoints setzt, aber sie führen zu keiner Dynamik, und, was noch unangenehmer ist, man bemerkt jedesmal sofort, wie er sie setzt. Angenehm immerhin, dass Boyle auf längliche Tripschilderungen verzichtet. Es ist ihm offensichtlich klar, dass das zwecklos wäre — man kann natürlich schildern, wie Musik farbig durch den Raum fliegt, wie sich die Wände biegen oder sich der Himmel auftut, aber es ist sinnlos, weil sich das eigentliche Triperlebnis nicht darstellen lässt. (Vielleicht könnte das ein wirklich erstklassiger Autor, aber der ist Boyle nicht. Boyle ist ein brauchbarer Autor. Immerhin.)

Das Buch endet irgendwo nach knapp 390 Seiten, ohne Auflösung, ohne Höhepunkt, ohne wirklichen Schluss. Nur eines wird deutlich: Während noch alle Family-Mitglieder sich selbst gegenüber vorschieben, als Gemeinschaft, als Experiment, als Pioniere wissenschaftlicher Forschung zu agieren, ist dem Leser klar, dass schon längst die Droge die Regie übernommen hat. Dass es den Leuten tatsächlich um nichts anderes mehr geht als um den nächsten Trip, der dann aber natürlich auch nichts löst. Wenn es Boyle darum ging, dies zu zeigen, dann ist es ihm gelungen. Im übrigen ist „Outside Looking In“ kein schlechtes Buch, es liest sich ohne große Schwierigkeiten weg, man langweilt sich nicht. Aber mit wichtigen oder sonstwie klugen Erkenntnissen rechnet man besser nicht, es kommen keine.

Diese Besprechung bezieht sich auf die Originalausgabe, die deutsche Übersetzung kenne ich nicht.
 
 

 
 
Mit (offiziellen) Live-Alben ihrer Band waren die CCR-Fans bislang nicht allzu üppig gesegnet. Das Royal Albert Hall Concert wurde 1980 veröffentlicht und entpuppte sich als Aufnahme aus Oakland, California, von 1970. Spätere Neuaflagen hießen dann einfach The Concert. Dann gab es da noch das Doppelalbum (mit 52 Minuten Gesamtspielzeit!) Live in Europe von 1972, das einzige, das die Band in Triobesetzung dokumentiert, ohne Tom Fogerty, der die Band verlassen hatte. Ein paar Graumarktprodukte gab es dann noch, aber die lassen wir mal lieber außen vor.

Ich, für meinen Teil, wusste lange Zeit nicht mal, dass CCR auf dem Woodstock-Festival überhaupt gespielt haben. John Fogerty wollte den Auftritt nicht veröffentlichen, weder im Film noch sonstwie. Anders als etwa Santana, die in Woodstock um ihren Durchbruch spielten und das auch wussten (selbst Carlos himself dürfte das in seinem Meskalinnebel noch erkannt haben), waren CCR zum Zeitpunkt des Festivals bereits Stars, und John Fogerty gab die Diva. Die Band musste nach den Grateful Dead auftreten, die ihren Slot gnadenlos überzogen und, wie Fogerty sagte, das Publikum in den Schlaf gespielt hatten. Der Auftritt von CCR begann dann um Mitternacht, ein wenig — na, sagen wir mal: tastend, kam dann aber spätestens mit Wilson Picketts alter Soulnummer „Ninety-Nine and a Half (Won’t Do)“ in Schwung. Das ist kein Wunder, denn CCR waren dafür bekannt, ihre Auftritte bis ins i-Tüpfelchen eingeprobt zu haben, und exakt so wurden die Auftritte abgespult. Da konnte nicht viel schiefgehen. Eine weitere Gänsehautnummer: „I Put A Spell On You“.

Das eine kann man sicher sagen: Nach den exakt 55 Minuten dieses Auftritts war das Publikum wieder wach. Sogar eine Zugabe gab es, zehn Minuten lang „Suzie Q“. Normalerweise war nach „Keep on Chooglin'“ Schluss. Zugaben wurden nie gespielt, John war der Ansicht, ein CCR-Auftritt sei von Anfang bis Ende durchdacht und als eine Gesamtheit zu sehen; in der Oper gäb‘ es ja schließlich auch keine Zugaben. Hier aber machten sie eine Ausnahme, und die ist so kochend heiß, als habe sich die Band gedacht: Los Jungs, jetzt machen wir sie fertig.

Wen stören da schon die paar Mängel im Sound, die paar verrutschen Beats (tatsächlich verrutschten ja nicht nur die Beats, sondern die gesamte Bühne, und zwar nach rechts im Boden).

Für mich bis heute: die amerikanischste aller amerikanischen Rockgruppen.

2019 16 Juli

Gong x 2

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There’s somebody there that you’re pleased to find
My face just fits
What you have in mind.
Rejoice!
I’m dead!
At last you’re free
You’ve recognized yourself
In me …

(Daevid Allen)

 
 

Natürlich: Gong war das Vehikel des Alien Australian und seiner good witch Shakti Yoni. Leider leben sie beide nicht mehr, aber Rejoice! I’m Dead! — es scheint ihnen nicht viel auszumachen. Space Whisper hört man nicht mehr, die eigentlich Allen-typische Glissandogitarre aber schon noch.

Gong besteht heute aus Ian East (sax), Fabio Golfetti (git, voc), Cheb Nettles (dr), Dave Sturt (bg, voc) und Kavus Torabi (voc, g), und auch, wenn keiner dieser Musiker noch zu einer der diversen Urbesetzungen gehört hat, so wissen sie doch genau, wo sie herkommen. Sie haben das gesamte Gong-Repertoire an Bord, wie jedes ihrer Konzerte beweist. Und man hört diese Tradition auch auf dieser Platte, denn die Band konnte hier noch auf Musik und Texte zurückgreifen, die aus Daevid Allens Feder stammten. Zudem sind in einzelnen Stücken die Gong-Veteranen Steve Hillage (der auch live immer mal wieder mit von der Partie ist) und Didier Malherbe dabei, auch Daevids Stimme ist als Sample noch zu hören. Die Platte hat für mein Gefühl keine Schwachstelle.
 
 

 
 
Und weiter geht’s. The Universe Also Collapses erschien im Mai 2019, diesmal ohne Gastmusiker und ohne Rückgriffe auf Allensches Material. Das schadet überhaupt nichts, die Platte ist Powerplay von Anfang bis Ende (bis auf „If Never I’m And Ever You“, das mir ein bisschen vorkommt wie an den Anfang von Seite 2 geschoben, weil noch Platz war). Es liegt nicht zuletzt an Kavus Torabis Stimme und Gesangsstil, dass mich dieses Gong-Album mehr an den Zappa der Siebziger erinnert als an die ursprüngliche Gong-Trilogie (Flying Teapot, Angel’s Egg, You). Wobei Parallelen zwischen „Forever Reoccurring“, dem zwanzigminütigen Startstück des Albums, und dem Meisterwerk „Master Builder“ vom You-Album schon auffallen. Aber das ist nicht negativ gemeint. Es ist einfach eine volle Dosis Hippieseligkeit, aber ohne Räucherstäbchen und ohne in irgendeiner Weise nostalgisch zu sein — das muss man erstmal hinbekommen. Der ethnischen Vielfalt der Musiker ist es im übrigen geschuldet (vermute ich jedenfalls), dass auch ein Werk wie „My Sawtooth Wake“ zu finden ist, eine Viertelstunde mit orientalischer Atmosphäre und einem Rhythmus, der auch ansonsten fitte Schlagzeuger ins Schwimmen bringen kann.

Ein ziemlich sicherer Kandidat für meine Alben des Jahres.

 

Nebenbei mit großer Freude festgestellt: Viele Soloalben und Kollaborationen Daevid Allens, die seinerzeit über mindestens ein Dutzend Klein- und Kleinstlabels verstreut und natürlich längst vergriffen waren, sind — anscheinend durch die Initiative einer Daevid-Allen-Foundation — nun auf Bandcamp versammelt und zumindest als Download wieder zu beziehen. Es fehlen immer noch einige, aber immerhin, es ist ein Anfang.
 
 

2019 12 Juni

Sehr schade

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Gerade stirbt in den USA ein weiteres Highlight der amerikanischen Presse: Die New York Times hat angekündigt, in Zukunft keine politischen Karikaturen mehr zu veröffentlichen. Bislang waren Karikaturen – wie in fast allen Zeitungen hier – fester Bestandteil der täglichen Op-Ed-Seiten, der politischen Kommentarseite also.

Traurig, dass es gerade eines der Flaggschiffe der amerikanischen Presse betrifft – wenn irgendein Blatt sich gegen Anwürfe aller Art wehren kann und sich nicht unter Druck setzen lassen müsste, dann doch wohl die New York Times. Aber sie liegt im Trend. Auch die eigentlich von mir durchaus mal geschätzte Pittsburgh Post-Gazette hat vor einiger Zeit ihren Karikaturisten Rob Rogers gefeuert – einen mehrfach preisgekrönten Könner des Metiers. Das war kein gutes Signal. Tatsächlich läutete das den langsamen Abstieg der Zeitung ins Pro-Trump-Lager ein. Anscheinend lohnt es sich nicht mal, die Zeitung verliert immer noch laufend Auflage. Inzwischen erscheint sie Dienstags und Sonnabends nicht mehr gedruckt.

 

2019 28 Mai

Two Books and a Video

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Jeder, der die Pet Shop Boys kennt, sieht natürlich sofort, dass sich sowohl der Buchtitel wie auch diese Abbildung auf das Cover des Actually-Albums beziehen:
 
 

 
 
Aber weshalb die Anspielung auf Che Guevara? Und wen stellt der Herr rechts im Bild dar?

Die Buchrückseite verrät es uns. Das Bild bezieht sich auf die Zeilen
 

I was faced with a choice at a difficult age
Should I write a book or should I take the stage
But in the back of my head I heard distant feet
Che Guevara and Debussy to a disco beat

 
aus „Left To My Own Devices“ vom Album Introspective von 1988.
Der Herr rechts ist also Claude Debussy. Den hätte ich jetzt nicht erkannt. Darauf kann man nur kommen, wenn man sich mit dem Werk der Pet Shop Boys wirklich sehr ausführlich beschäftigt. Ich fürchte, noch immer werden viele gar nicht auf die Idee kommen, dass sich das lohnen könnte, aber sie irren. Der „Spex“-Autor und Übersetzer Jan-Niklas Jäger jedenfalls hat sich dieser Aufgabe unterzogen, und das resultierende Buch ist sehr lesenswert. In neun Kapiteln geht er der Karriere dieses Duos auf den Grund, weniger im Sinne einer Band-Biographie als im Sinne einer großflächigen Analyse ihres Werks.

Dass Neil Tennant und Chris Lowe trotz ihres (scheinbaren) Dauer-Kirmesdiscobeats ziemlich geniale Songschreiber sind, muss man sicher nicht mehr betonen. Auf einem Album kann man bluffen, vielleicht auch auf zweien, aber nicht 33 Jahre lang auf — wenn ich richtig zähle — 17 Alben. Und die Songs darauf, wie Jäger an Beispielen immer wieder zeigt, sind gesellschaftspolitisch oft reflektierend, mit wachen Augen beobachtend, manchmal witzig, manchmal satirisch, manchmal melancholisch, manchmal aber auch regelrecht subversiv wie „West End Girls“ oder „King’s Cross“, ebenso bemerkenswert die freundliche Ironie, mit der eine Gurke wie „You Were Always On My Mind“ ihrer originalen Sentimentalität beraubt wird. Das Eingangszitat aus „Left To My Own Devices“ ist nicht zufällig gewählt, Jäger zeigt, dass dies ein Schlüssel zum gesamten PSB-Kosmos ist. Die Jungs kennen ihre Szene sehr genau, und weil auch Jäger sie kennt, gelingt es ihm immer wieder, auch die Musik (und die Discobeats) auf die Texte zu beziehen und klarzumachen, warum sie so sind, wie sie sind — ich muss in diesem Punkt passen; Jäger folgt den diversen Club-, Disco- und sonstigen Wurzeln manchmal bis in die feinsten Verästelungen, die ich nur noch zur Kenntnis nehmen, aber nicht mehr aus eigener Erfahrung nachvollziehen kann.

Klar, etliche PSB-Songs sind einfach Schlager. Kein Problem damit — wenn sie so gut gemacht sind wie die der PSB, dann darf man das mögen. Der „Rockism“, demzufolge Rockmusik nur ehrlich ist, wenn sie auf Gitarren und Schlagzeugen handgespielt wird, ist ohnehin Unsinn. Jäger geht aber weiter. Obwohl weder Neil noch Chris je dazu tendiert haben, viel über sich selbst zu verraten, zeigt er an etlichen Beispielen die persönliche Ebene, die hinter den Lyrics und ihrer musikalischen Umsetzung steckt. „It’s all in the lyrics“, wie Chris Frager abzufertigen pflegt, die ihn zu persönlich fragen. Und da ist es wirklich. Nicht immer so hammerhart wie in „It’s A Sin“, aber wenn man weiß, worauf zu achten ist, dann hört man die persönliche Ebene ebenso wie die Sozialkritik; in der mittleren Phase der Pet Shop Boys klopft auch AIDS an die Tür und wird ohne Holzhammer thematisiert.

Selten haben sich die Pet Shop Boys so weit aus dem Fenster gelehnt wie auf dem Album Very, dem Jäger ein komplettes Kapitel widmet. Hier ist selbst die Reihenfolge der Tracks nicht ohne Bedeutung. Die Trias „Can You Forgive Her?“ (hier geht es noch darum, dass der Protagonist seiner Freundin verzeiht, statt sich seiner eigenen Sexualität zu stellen) — „I Wouldn’t Normally Do This Kind Of Thing“ (dass es „this“ heißt und nicht „that“, ist kein Zufall) — „Liberation“ (das übrigens auch Horst Königsteins Lieblingssong war) ist sprechend. Da ist nichts mehr ironisch, jedenfalls nicht, wenn man bereit ist, auf Empfang zu schalten.

Eine spezielle Analyse erhält der Song „Go West“, ein alter Titel der Village People, der es nicht so recht zum Hit geschafft hatte. Der Vergleich des Originals mit der PSB-Version zeigt, dass es nicht einfach eine Coverversion ist, sondern durch einige kleine textliche und melodische Ergänzungen (etwa die hinzugefügten Harmonien aus Pachelbels „Kanon“, obwohl die natürlich auf hunderte von Poptiteln passen) erhält der Song eine verblüffende inhaltliche Verlagerung ins Melancholische. In Verbindung mit dem Video, dessen Bluescreen-Tricks heute schon fast zum schmunzeln sind, der Kostümierung des Duos, der leicht veralberten Riefenstahl-Ästhetik sowie der Hinzunahme einer schwarzen Sängerin als Freiheitsstatue wird die inhaltliche Verlagerung noch betont, indem Neil plötzlich seitwärts von der Treppe in den Himmel hineinläuft und durch eine sich öffnende Tür in einer Art Disco-Paradies landet — das dann in wilder Grafik ausgemalt wird. Und dann ist da natürlich der Titel: Von New York aus gesehen heißt „Go West“: nach San Francisco. Auf der CD folgen dann zwei oder drei Minuten Pause, bis schließlich ein kurzer, „Postscript“ genannter Song ertönt. Hier singt Chris: „I believe in ecstasy / the times we’ve had, you and me / friends we’ve met along the way / partied every night and day / And I know we’ll meet again.“ Da bleibt nichts mehr zu sagen.

Dies nur als ein Beispiel. Jäger nennt viele; ich will sie nicht alle aufführen. Gelegentlich überzieht er seine Interpretationen vielleicht ein bisschen; manchmal nimmt er die Jungs auch ernster als die sich vermutlich selber nehmen, aber das macht nichts. Ich empfehle das Buch einfach. Man hört die Pet Shop Boys nach der Lektüre dieses Buches anders als vorher.

Eine kleine Bitte nur an den Verlag: Wenn ein Buch Anmerkungen enthält, die über reine Quellenangaben hinausgehen, dann sollten die bitte als Fußnoten unten auf der Seite stehen; das ständige Blättern ans Ende des Buches nervt irgendwann.

Weil es ebenfalls gerade erschienen ist, hier noch eine wunderbare Ergänzung:
 
 

 
 
Ein schön in weiß und silber aufgemachtes Buch mit Lyrics, deren Lektüre sich tatsächlich lohnt. Das hat man in der Popmusik nicht allzu oft. Dazu gibt es ein informatives Vorwort des Verfassers. Die Texte sind titelalphabetisch geordnet. Das ist vielleicht nicht ganz ideal, befreit einen aber auch von dem Zwang, in den Texten eine „Entwicklung“ wahrnehmen zu wollen. Es ist ohnehin nicht ratsam, die Texte hintereinander weg zu lesen. Und das „Poem“? Nein, ich verrate die Pointe hier nicht.
 
Und dann ist da natürlich noch dies:
 
 
 

 
 
 
Die bislang letzte Bühnenshow der Pet Shop Boys, aufgezeichnet an zwei Tagen im Juli 2018 in London, benannt nach einem Titel des Albums Super. Es ist müßig, über Playback oder Live zu diskutieren, das Ganze ist eine Show, kein Konzert im klassischen Sinne, und die Pet Shop Boys haben die Mechanismen solcher Events immer zu hintertreiben gewusst. Auffällig ist gleichwohl, dass die Shows der Pet Shop Boys im Laufe der Zeit „poppiger“ geworden sind. Eine latent verstörende Bühnenpräsentation wie Performance, bei der es nicht einmal Musiker auf der Bühne gab, scheint mir heute kaum noch vorstellbar zu sein. Dass Chris sein Gesicht gern hinter großen Brillen oder anderen Gegenständen versteckt, ist ein Running Gag geworden; die helmartigen Gebilde, mit denen die beiden hier aber auf der Bühne erscheinen, erinnern allmählich eher an Michel in der Suppenschüssel. Aber nach ein paar Titeln werden die Dinger entfernt, wobei kurz aufblitzt, dass inzwischen beide, Neil und Chris, sich vom wohl spärlich gewordenen Haupthaar verabschiedet haben. Die Tänzer, die in tropfenartigen Kostümen gegen Ende der Show erscheinen, erinnern an das MDR-Fernsehballett im „Kessel Buntes“, auch auf Requisiten wird weitgehend verzichtet, im Wesentlichen sehen wir Projektionen. Aber gut, damit kann man leben. Und auch, wenn offensichtlich wird, dass die Pet Shop Boys ihre stärksten Jahre wohl hinter sich haben, macht die DVD insgesamt noch immer Spaß. (Ihre beste Show, für mein Gefühl, bleibt aber Pandemonium von 2010.) Zudem gibt es als Zugabe einen Festival-Auftritt in Rio. Die Show ist dieselbe, wenngleich festivaltypisch auf 60 Minuten gekürzt; die Stimmung scheint mir dort fast besser zu sein als in London. — Geliefert werden in der Box die gesamte Show auf zwei CDs, auf einer DVD und einer BluRay-Disc.


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