Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Uwe Meilchen schrieb am 2. Januar, dass er am ersten Tag des Jahres Tabula Rasa und Adam´s Lament von Arvo Pärt gehört habe, beide Werke habe er sich bei einer ECM Adventskalender-Aktion gekauft. Zweierlei fällt mir dazu ein: das war doch eine richtig schöne, ja liebevolle Aktion von ECM, zum einen war es ja wirklich spannend, was sich hinter der nächsten Tür verbergen würde (was für eine kindliche Freude!), zum anderen gab es an manchen Tagen noch eine tolle Überraschung auf die Bestellung oben drauf. So habe ich Arvo Pärts Passio und Tabula Rasa als MC bekommen. Da war die Freude natürlich groß, ein Grund mehr den alten, hochwertigen Kassettenrecorder von AKAI wieder anzuwerfen. Wo gibt es so etwas, da werden die Lager einer Firma geräumt und die Musikkassetten nicht um 50% verscherbelt, sondern verschenkt. Uwe hat mich nun allerdings außerdem auf die Idee gebracht auch meinerseits, von meiner ersten Platte, die ich im neuen Jahr aufgelegt habe, zu erzählen. Es mag verrückt klingen, andere reden über letzte Musikstücke, die ein Mensch in seinem Leben hört, nun meine ich, über erste Musikstücke im neuen Jahr schreiben zu müssen. Okay, das alte Jahr verging mit dem Lauschen der letzten Minuten des Deutschlandfunks auf der Mittelwelle. Als angemessene Hörquelle habe ich mir meine Musiktruhe Nordmende Arabella Stereo aus dem Jahre 1958 ausgewählt. Und tatsächlich, die Mittelwelle wurde abgeschaltet. Das neue Jahr sollte nun mit einer ganz besonderen Platte eingeläutet werden, der einzigen Langspielplatte, die ich mit voller Absicht zweimal besitze: Sgt. Pepper´s Lonely Hearts Club Band.

 
 
 

 
 
 

Ich besitze das Original aus dem Jahr 1967, das mir so wertvoll ist, das ich es nur äußerst selten auflege, normalerweise höre ich eine spätere Wiederveröffentlichung. Nächstes Jahr wird sicherlich auf allen Kanälen über diese Platte vieles zu hören und zu lesen sein, denn dann wird die Scheibe 50 Jahre alt. Am 26. Mai 1967 wurde die Platte veröffentlicht. Mir ist noch gut in Erinnerung, dass diese LP ganz oben auf meiner Wunschliste stand – aber 21,00 DM, das war für einen Schüler ein großer Batzen Geld. Entgegen kam mir, dass ich in jenem Jahr von einem Schulfreund in den Sommerferien auf dessen Bauernhof eingeladen worden bin, dort mithelfen konnte und mich am Ende meiner Zeit dort über 20,00 DM als Dankeschön freuen konnte. Die Kohle war kaum in meiner Hand, da war es auch schon ausgegeben, eben für Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band von den Beatles. Der erste in der Klasse zu sein, der diese Platte sein eigen nennen durfte, war ein schöner Nebeneffekt. Die Musik hat mich umgehauen und noch heute gehört diese Platte zu meinen 20 Lieblingsplatten. Ein angemessenes Einläuten des neuen Jahres 2016, finde ich.

 
 
 

 
 
 

Übrigens gibt es ein schönes Büchlein aus dem Wagenbach-Verlag über diese Beatles-Platte: Walter Grasskamp – Das Cover von Sgt. Pepper. Eine Momentaufnahme der Popkultur.

 

Heute, um 00:00 Uhr wird ein Stück Rundfunkgeschichte beendet werden. Startete 1923 mit der Inbetriebnahme des ersten Mittelwellensenders auf 750-kHz in Berlin die Geschichte unseres geliebten Radios, wird zumindest auf Mittelwelle mit deutschen Sendern jetzt Schluss sein. Der DLF wird heute Nacht alle seine Mittelwellensender abschalten.
 
 
 


 
 
 

Wir erinnern uns: Die Mittelwelle war neben der Kurzwelle in den 60er Jahren unsere musikalische Rettung. Mit zwei Aufnahmen von meinem Grundig Kofferradio „Ocean Boy“ verabschiede ich mich in knapp sechs Stunden von dieser Zeit.

 

Allen ein gutes neues Jahr 2016 wünscht Gregor.
 
 
 


 

 
Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …
 
 
Das war nicht ganz einfach, jetzt, um diese Zeit, die Kneipiers zu erreichen, bei denen meine Boxen stehen. Viele haben im November und fast den ganzen Dezember hindurch geschlossen, andere den ganzen Winter über. Da fällt mir ein, jedes Jahr dasselbe, das Frühjahr bricht an, die Tore der Kneipen öffnen sich, frische Luft vertreibt den Wintermief, die Jukebox wird angeworfen und … tut sich nichts, die gewählte Platte wird zwar angesteuert, die Nadel setzt sich in die Eingangsrille und dann: nichts. Der Plattenteller dreht sich nicht; mindestens eine Hey-Jude-Länge passiert nichts. Dann, wenn der Wirt mich bis dahin nicht schon erbost angerufen hat, beginnt der Plattenteller zu ruckeln, zu zuckeln, die Platte eiert fürchterlich, weitere 30 bis 40 Minuten später kann man dann – vielleicht – die gewählte Platte in Originalgeschwindigkeit hören. Der Kenner weiß Bescheid, die Schmierung der beweglichen Teile der Box verharzt bei längerem Nichtgebrauch der Musikbox und dann kommt es zu dem eben geschildertem Effekt.
 
Zurück zum eigentlichen Thema: ich wollte die Kneipiers erreichen, um von ihnen zu erfahren, welche Platte denn am häufigsten gedrückt worden ist. Interessiert haben mich allerdings nur die 2015 erschienenen Musikstücke. Das macht die Sache natürlich kompliziert, weil in meinen alten Boxen ein mechanisches Zählsystem die zehn häufigst gewünschten Titel zwar anzeigt, aber natürlich nicht zwischen „Yesterday Man“ von Chris Andrews aus dem Jahre 1965 und Robert Forsters „Let Me Imagine You“ aus dem Jahre 2015 unterscheidet. In manchen Kneipen sind fast nur Oldies unter den ersten zehn am häufigsten gedrückten Platten und, wie erfahren wir dann, wie oft neuere Platten gedrückt wurden? Eben, schwierig. Jetzt wissen natürlich meine Jukebox-Pächter von meiner Vorliebe für Hitparaden und haben eine So-In-Etwa-Hitliste erstellt. Prima, das ist ja nun auch aussagekräftig. Und hier sind sie die Top 12 der Jukebox-Kneipen 2015 (wie gesagt, Oldies bleiben außen vor – gerne ein anderes Mal):
 
 
Ganz klar auf Platz
 
1. Sufian Stevens: The only thing, gefolgt von
2. Rickie Lee Jones: I´ai Connais Pas
3. Josh Ritter: Homecoming
 
 
 

 
 
 
4. Wilco: Maynetized
5. Montain Goats: Southwestern Territory
6. Joanna Newson: Sapokanikan
7. Robert Forster: Let me imagine you
8. Kacey Musgraves: Dime Store Cowgirl
9. Patty Griffin: Shine a different way
10. Buffy Saint-Marie: Ke Sakihitin Awasis (I Love you baby)
11. Martin Courtney: Northern Highway
12. Josh Ritter: Birds of the meadow
 
 

Und heute kommen die Top Twenty 2015 aus meinem Plattenschrank:
 
 
01) David Torn: Only Sky

02) Food: This Is Not A Miracle
03) Giya Kancheli: Chiaroscuro
04) Paolu Fresu: In Maggiore
05) Mette Henriette: Mette Henriette
06) Sufjan Stevens: Carrie & Lowell
07) Feldman-Satie-Cage: Rothko Chapel
08) Andras Schiff: Franz Schubert
09) Jakob Bro: Gefion
10) Trifonov: Rachmaninov Variations
 
 
 

 
 
 
11) Igor Levit: Bach Beethoven
12) Andy Sheppard Quartet: Surrounded By Sea
13) Robert Forster: Songs To Play
14) Reinartz Burkhard: Eine Olive des Nichts
15) Laurie Anderson: Heart Of A Dog
16) Kurt Vile: b’lieve i’m goin‘ down
17) Various Artists: Gazing With Tranquility – A Tribute To Donovan
18) Sinikka Langeland: The Half-Finished Heaven
19) Josh Ritter: Sermon On The Rocks
20) Estonian Philharmonic Chamber Choir, Tallinn Chamber Orchestra, Tönu Kaljuste: Gesualdo

 

 
Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …
 
 

Am Anleger warten nur wenige Insulaner, die eines der letzten Schiffe dieses Jahres auf die Insel nehmen wollen. Bald würde bis Anfang März nächsten Jahres kein Schiff mehr die Insel anfahren, dann würde es nur noch den Weg durch das Watt mit dem Traktor oder der Pferdekutsche geben.

Meinen Tempo hatte ich in der Nähe des Hafens geparkt, die wichtigsten Werkzeuge für die Wartung einer NSM-Jukebox in die Tasche gepackt, dazu ein paar Ersatzteile, Schleppkabel, Flachriemen, sogar einen kompletten Laufwagen hatte ich eingesteckt, weil B., der Wirt, den ich besuchen wollte, mir mitgeteilt hatte, mit der Plattenauswahl der NSM-Jukebox würde irgendwas nicht stimmen.

Nebel, wo man nur hinschaut. Die Überfahrt auf der nahezu menschenleeren Fähre gleicht einer Fahrt auf einem Geisterschiff. Spiegelglattes Meer, es regt sich kein Lüftchen. Ich stehe als einziger auf dem Deck. Ich muss an Siegfried Lenz denken, wie grandios er gerade diese Situationen beschreiben konnte. Schattenhaft erscheint die Insel vor dem Schiff.

Auf der Insel: nicht ein Restaurant, nicht ein Kiosk hat geöffnet, keine Trinkhalle oder Kneipe lädt zum Verweilen ein. Auch die Turmkneipe hat geschlossen, erst nach heftigem Wummern gegen die schwere Eingangstüre kommt B. angeschlurft und öffnet. Immerhin, er freut sich, mich zu sehen. Kaffee gefällig? Na klar. In gewohnter Ecke steht die verlassene, dunkle, schweigsame Box. Die aufgestellten Stühle verbreiten nicht gerade eine einladende Atmosphäre. Okay, ich bin ja auch nicht zu einem gemütlichen Plausch eingeladen worden, sondern um zu arbeiten. Also ans Werk.

Es braucht tatsächlich einen neuen Laufwagen, ich würde versuchen den alten zuhause aufzuarbeiten. Die Box muss gereinigt werden, das Übliche eben. Nach zweieinhalb Stunden erst bin ich fertig. B. hatte mich solange unterhalten, den neuesten Inselklatsch erzählt und mich mit Kaffee versorgt. Noch habe ich eine gute Stunde Zeit, bis das Schiff zurückfahren würde. B. hat die grandiose Idee, mich zum Fischerfrühstück (Bratkartoffeln, Spiegelei und Krabben) einzuladen.

 
 
 

 
 
 

Danach trinken wir noch einen Talisker (Distillers Edition 1989) – ein unglaublicher Malt – und unterhalten uns über Musik. B. mag auch so gerne persönliche Hitlisten, wir verraten uns gegenseitig die eine oder andere Platte, die den Sprung in die Jahreshitparade schaffen könnte. B. hat plötzlich die Idee, dass sich jeder von uns beiden eine Lieblingsplatte und davon ein Lieblingsstück wünschen dürfe, aktuell müsse sie sein, in diesem Jahre erschienen, dank Internet würden wir die Platte dann hören können.

Ich überlege, eigentlich wäre nur ein einziges Stück in dieser nebligen, einsamen Saison-Schluss-Atmosphäre passend, ein Musikstück, das uns beiden in dieser verlassenen Kneipe, bei ausgeschalteter Jukebox, bei aufgestellten Stühlen, an unserem kleinen Stammplatz am Fenstereck gefallen würde: Sufjan Stevens „The Only Thing“ von dem Album Carrie & Lowell.

Unterdessen hat B. seinen Titel bereits im Netz gesucht und schon erklingt der Marisa-Anderson-Song: „House Carpenter / See That My Grave is Kept Clean“. Was für ein wunderschönes Gitarren-Solo-Stück. Mit Sufjan Stevens´ „The Only Thing“ im Ohr verlasse ich die Turmkneipe und verschwinde im Nebel in Richtung Hafen.

 
 
 

 
 

John Cage: Organ²/ASLSP (Teil 2)
 
 

Die Aufführung der John Cage-Komposition Organ²/ASLSP faszinierte mich so sehr, dass ich versuchte mit einem Schulprojekt an diesem Vorhaben teilzunehmen. Nun muss man wissen, dass sich die Durchführung des Konzerts zum Teil durch den Verkauf der 639 Aufführungsjahre, genannt Klangjahre, finanziert. Jedem Sponsor, der ein Klangjahr für mindestens 1000 Euro kauft, wird mit einer Metallplatte für seine Spende in dieser Kirche gedacht. Die Gestaltung dieser Scheibe ist dem Spender überlassen. Man kann das Projekt aber auch über Mitgliedschaft in der Stiftung fördern oder auch durch regelmäßige Spenden. Hier zwei Beispiele für diese Gedenk-Platten:

 
 
 


 
 
 


 
 
 

Einige Kolleginnen und Kollegen meiner Schule haben sich nun in Halberstadt das Jahr 2059, in dem die Schule ihr 150-jähriges Bestehen feiern wird, reservieren lassen. Mit Schülerinnen und Schüler meines Literaturkurses besuchte ich daraufhin im Herbst 2007 Halberstadt. Wir wohnten ein paar Tage in dem Kloster, einige Schritte von St.Burchardi entfernt (zu DDR-Zeiten als Internat genutzt – es gab nur 12-Bett-Zimmer). Alle mitgereisten SchülerInnen waren von ASLSP begeistert und haben dort über das Cage-Projekt einen Film gedreht und ein Hörspiel produziert. Beide Projekte wurden während der Feierlichkeiten zum 100jährigem Bestehen unserer Schule präsentiert und sollen nun erst wieder während der Festes zum hundertfünfzigjährigen Bestehen unserer Schule aus dem Schul-Tresor geholt, angeschaut, bzw. angehört werden. Die beteiligten Schülerinnen und Schüler haben versprochen, wenn es ihnen denn möglich sein wird, aus diesem Anlass ihre Projekte nochmals vorzustellen und unseres Klangjahres 2059 zu gedenken. Angesichts unserer schnelllebigen Zeit soll dieses Vorhaben als eine Form der versuchten Entschleunigung, der „Entdeckung der Langsamkeit“ verstanden werden. Die Investition in ein Konzert dieses Ausmaßes soll aber auch unser Vertrauen in die Zukunft verdeutlichen. Wir möchten uns durch das Pflanzen eines „musikalischen Apfelbäumchens“ immer wieder daran erinnern, dass wir an eine lebenswerte Zukunft glauben und versuchen an ihrer Verwirklichung mitzuarbeiten.

 
Nun noch die versprochenen Plattentipps John Cage betreffend:
 
 
 

 
 
 
John Cage: As it is (Alexei Lubimov & Natalia Pschenitschnikova) 2012 ECM
John Cage: Daughter of the Lonesome Isle 1994 New Albion
John Cage: Sonatas and Interludes (Herbert Henck) 2003 ECM
John Cage: Early Piano Music (Herbert Henck) 2005 ECM New Series
John Cage: The Seasons 2000 ECM New Series
 

John Cage: Organ²/ASLSP  (Teil 1)

 
 

Drei Zitate von John Cage:

 

„Ich verstehe nicht, warum Leute Angst vor neuen Ideen haben, ich habe Angst vor den alten.“

„Die Musik, mit der ich mich beschäftige, muss nicht unbedingt Musik genannt werden. In ihr gibt es nicht, woran man sich erinnern soll. Keine Themen, nur Aktivität von Ton und Stille.“

„Wenn etwas nach zwei Minuten langweilig ist, versuche es vier Minuten lang. Dann sechzehn. Dann zweiunddreißig. Schließlich entdeckt man, dass es überhaupt nicht langweilig ist.“

 

Heute ziehe ich aus der Abteilung „John Cage“ ein ganz besondere CD aus dem Plattenschrank: Organ²/ASLSP, eine Aufnahme von Christoph Bossert & Hans-Ola Ericsson aus dem Jahre 2005. Mit dieser CD wollen die Musiker auf das John-Cage-Projekt in Halberstadt aufmerksam machen. Von diesem Vorhaben in der kleinen Stadt am Harzrand hörte ich zum ersten Mal über die Beschäftigung mit der Long-Now-Foundation, das war so etwa im Jahr 2000. Die Idee hatte mich von Anfang an gepackt. Von Hans-Ola Ericsson stammt die Überlegung, was denn ASLSP, As slow as possible, überhaupt bedeuten könnte.

Da der Orgelklang theoretisch unendlich lang gehalten werden kann, würde das bedeuten, dass man das Konzert so ausdehnen könnte, so lange aufführen sollte, wie eine Orgel funktionsfähig bleibt, die Lebensdauer der Orgel wurde so zum Zeitmaß. Nun steht gerade in Halberstadt einer der ältesten noch funktionierenden Instrumente, eine 1361 erbaute Faber-Orgel. Im Jahr 2000 wurde der Plan, ASLSP so langsam als möglich zu spielen, in die Tat umgesetzt, also soll das Konzert 639 Jahre aufgeführt werden.

Die Burchardikirche in Halberstadt bot sich an. Um 1050 erbaut, diente sie über 600 Jahre als Zisterzienserkloster. Im 30-jährigen Krieg wurde sie zum Teil zerstört, 1711 wieder aufgebaut und 1810 säkularisiert. 190 Jahre wurde die Kirche als Scheune, Lagerschuppen und Schweinestall genutzt, was man der Kirche im Inneren auch durchaus ansieht.

 
 
 

 
 
 

Mit ASLSP wird nun in Halberstadt ein Orgelstück gespielt, das man gut und gerne auch in 60 bis 70 Minuten spielen, auch auf 14 Stunden ausdehnen kann, wie im Mai 2007 in Stuttgart geschehen. Auf der CD, auf die ich heute hinweisen möchte, hat man als Spielzeit die maximale Speicherkapazität einer Compact Disc gewählt.

 

Aufführungsort: Die Stadtkirche St.Wenzel in Naumburg an der Saale.

Das Instrument: Zacharias Hildebrandt, 1746.

 

„Die in vier in sich geschlossenen Aufnahmesitzungen entstandene Fassung von Bossert (Spiel auf den Tasten) und Ericsson (Spiel mit den Registerzügen) hält Klangbilder fest, in der die klanglichen und zeitlichen Dimensionen von mechanischer Orgel, von Tag und Nacht, von Wind und Wetter, von Kirchenraum und umgebender Stadt zusammenfließen.“ (aslsp.org)

 

Klaus Falka schreibt zu der Aufnahme:

 

Kurz nach Aufnahmebeginn von Version IV fällt die elektrische Windmaschine der Orgel wegen eines Defekts aus. Jetzt kommt ein Kalkant zum Einsatz: der Tonmeister. Die Aufnahme wird mit handgeschöpftem Wind fortgesetzt.“

 

Cage es hätte sicher gefallen, dass auf der Aufnahme nicht nur die Orgel, die Windmaschine und Windbälge zu hören sind, sondern auch Geräusche der Stadt (Verkehrslärm, Autohupen, Kindergeschrei) und der Natur (Regel, Hagel, Donnerschlag).

 
 
 

 

Der hundertste Plattenschrank … Keine Frage, über wen und über welches Werk da geschrieben werden muss. Der Komponist, der Musiker, der für mich über allem schwebt und nach dem lange niemand anderer kommt. Kennengelernt 1973 im Herbst, erstes Semester: als Orgelnachspiel ertönt nach einem Gottesdienst Musik eines Komponisten, von dem ich bis dahin nie gehört habe: Olivier Messiaen. Wie entgeistert erklimme ich die Empore und frage den Organisten nach dieser unerhörten und nie gehörten Musik. Es entwickelt sich eine kurze, aber intensive musikalische Freundschaft. Ich darf während seiner Orgelkonzerte die Register der Orgel bedienen, die Noten umblättern und lerne dabei ungeheuer viel über diese mir gänzlich neue Musik. Ich entsinne mich an eine wunderbare Orgelnacht. Ich wollte unbedingt La Nativité du Seigneur als Bandaufnahme haben. Also trafen wir uns nach Mitternacht, zur nächtlichen Ruhestunde in der riesigen Kirche. Im Altarraum baute ich mein Uher-Variacord auf, brachte meine extra für diesen Anlass gekauften sündteuren Mikrophone in Stellung und schaltete alles ein, kletterte auf die Empore und dann wurden die 9 Mediationen aus dem Jahre 1935 so hinreißend gespielt, dass ich noch heute meine helle Freude an diesen Aufnahmen habe.

In den letzten gut 40 Jahren habe ich wahrscheinlich die meisten Werke von Messiaen gehört, wobei mir die Orgelmusik besonders gefällt. Einer meiner größten Plattenschätze dürfte wohl die dicke Messiaen-Orgel-Box sein, Einspielungen seiner wichtigesten Orgelwerke von Almuth Rössler. Natürlich befinden sich auch Aufnahmen des Meisters selber in meinem Plattenschrank. Neben den Orgelwerken begeistern mich aber durchaus auch Messiaens Klavier- und Orchsterwerke. Unter seinen Werken, die mich neben den Orgelwerken vor allem begeistern findet sich eine Komposition, die Messiaen in der Gefangenschaft, im Lager Stalag VIII-Görlitz unter widrigsten Umständen geschrieben und mit Gefangenen und vor Gefangenen am 15. Januar 1941 uraufgeführt hat: Quatuor Pour La Fin Du Temps, das Quartett für das Ende der Zeit, mit Olivier Messiaen am Klavier, Etienne Pasquier (Cello), Jean Le Boulaire (Violine) und Henri Akoka (Klarinette).

 
 
 

 
 
 

Ein unglaubliches Stück Musik, dessen Entstehungsgeschichte und musikalischer Hintergrund niemand besser dargestellt hat als Richard Powers in seinem jüngsten Buch Orfeo (Frankfurt 2014), ein Buch, das ich an dieser Stelle unbedingt empfehlen möchte. Ein ganz großer Roman, in dem Musik im Mittelpunkt steht. Unter anderem erzählt Powers von den Umständen der Entstehung der Komposition von Quatuor Pour La Fin Du Temps (Orfeo S.147-S.164). Über die Uraufführung im Lager am 15.Januar 1941 schreibt er u.a.:

Musik schwebt zwischen den dichtgepackten Reihen, durch die im Schnee versunkene Baracke, über die letzte Windung des Stacheldrahtes, der dieses Lager abschließt, hinaus. Der Satz ist zu Ende, Husten überall. Vor Kälte steife Zuhörer regen sich auf den Bänken, dann beginnt der dritte Satz. Dies ist eine Neufassung der Fantasie für Soloklarinette, die Akoka auf jenem freien Feld bei Nancy vom Blatt gespielt hatte, vor so langer Zeit. Der Abgrund der Vögel. „Der Abgrund ist die Zeit“, erklärt Messiaen, „mit ihrer Düsternis und Erschöpfung. Die Vögel sind das Gegenteil von Zeit. Sie sind unsere Sehnsucht nach Licht, nach Sternen, nach Regenbogen und nach jauchzenden Liedern.“ (Orfeo S.158).

Powers widmet aber nicht nur Messiaen viele Seiten, auch der Entstehung der Kindertotenlieder von Gustav Mahler (Orfeo S.49-S.59), der vierten und fünften Symphonie von Schostakowitsch (S.373ff), oder dem Werk von John Cage.

Aufnahmen gibt es von Messiaens Quatuor pour la fin du temps natürlich sehr viele, in meinem Plattenschrank befindet sich ein ziemlich alte Aufnahme aus dem Jahre 1979, die mir aber sehr, sehr gut gefällt: Danie Barenboim (Piano), Luben Yordanoff (Violine), Albert Tetard (Cello) und Claude Desurmont (Klarinette).

 
 
 

 
 
 

Abschließend möchte ich noch einmal Messiaen zitieren: „Wenn sich überhaupt ein Grund dafür benennen lässt, dass ich dieses Quartett komponiert habe, dann war es, weil ich dem Schnee entkommen wollte, dem Krieg, der Gefangenschaft, mir selbst entkommen. Der größte Gewinn daran war für mich, dass ich unter dreihunderttausend Gefangenen vielleicht der einzige war, der nicht gefangen war.“ Und über den Abend im Januar 1941 schreibt Messiaen: „Nie wieder hat jemand eins meiner Werke mit solcher Aufmerksamkeit gehört.“ (zitiert nach Richard Powers: Orfeo S.163f)

 
 

Und hier noch ein paar wenige Plattentipps, Messiaen betreffend:

 

Olivier Messiaen: Orgelwerke, Messiaen spielt an der Orgel Sainte-Trinité (1957)

Olivier Messiaen: Das Orgelwerk – Gesamtausgabe Almuth Rößler (1973)

Olivier Messiaen: Livre du Saint Sacrement Almuth Rößler ( Ursina 2002)

Olivier Messiaen: Visions de I´Amen Alexandre Rabinovitch & Martha Argerich
(EMI 1990)

Olivier Messiaen: Concert Á Quatre: Yvonne Loriod, Mstislav Rostropovich, Catherine Cantin & Heinz Holliger (Deutsche Grammophon 1995)

Olivier Messiaen: Mediations Sur Le Mystére De La Sainte Trinite Christopher Bowers-Broadbent (ECM 1995)

Olivier Messiaen: Préludes pour Piano Alexander Lonquich (ECM 2004)

Olivier Messiaen: Quatuor pour la fin du temps u.a. mit Olivier Messiaen (Deutsche Grammophon 1979)

 

2015 27 Sep.

Schnee

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Ein Fundstück aus der SZ möchte ich hier vorstellen. Es soll einmal mehr um den Reichtum der Sprache gehen, wenn wir zum Beispiel an das Wort Schnee denken. Remember: Kate Bush nannte ihr zehntes Studioalbum 50 Words for Snow. Nun war in der SZ vom 23.09.2015 folgendes zu lesen:

Wer je das Glück hatte, länger in Schottland zu weilen, der weiß, dass es dort viele eigenwillige Ausprägungen von Wetter gibt, und dass die Bewohner des Landes dazu in der Lage sind, diese Ausprägungen auf ebenso vielfältige wie klangvolle Weise zu beschreiben. Das ist auch einem Team von Linguisten an der Universität von Glasgow nicht entgangen, das sich daran gemacht hat, eine historische Wortschatzsammlung des Scots zu erstellen. Scots ist neben Englisch und Gälisch eine der drei schottischen Nationalsprachen und wird von rund 1,5 Millionen Menschen gesprochen. Am Mittwoch stellten die Forscher den ersten Teil ihrer Sammlung vor und verkündeten stolz, dass sie allein 421 Wörter für Schnee gefunden haben.

Es wird oft fälschlich verbreitet, dass die Inuit Dutzende Wörter für Schnee hätten. Tatsächlich handelt es sich um zusammengesetzte Konstruktionen, die auf den immer gleichen Kernwörtern basieren. Die Schotten hingegen haben wirklich Hunderte verschiedene Wörter für Schnee, von denen einige von betörender Schönheit sind. „Flindrikin“ zum Beispiel: Es beschreibt einen leichten Schneeschauer. Eine besonders große Schneeflocke heißt „skelf“, und wenn Schnee, was er in Schottland bekanntlich besonders gern tut, um eine Ecke wirbelt, nennt man das „feefle“.

Es war ein Link, leider finde ich ihn nicht mehr auf manfonistas.de, er führte jedenfalls auf eine Seite des Guardian, ich war auf der Suche nach Kostproben aus dem neuen Robert-Forster-Album, auch wollte ich nach Max Richters Album Sleep schauen. Auf dem Weg dorthin kam ich auf einen Youtube-Link, der mich zu David Lang führte.

Der US-amerikanische achtundfünfzig-jährige Komponist aus Kalifornien ist auf Youtube mit zahlreichen Musikstücken unterschiedlicher Interpreten zu hören, etwa „String of Pearls“ oder „Memory Pieces: no 1, Cage“. Letzteres Stück entstammt dem Album memory pieces, folgende Stücke sind darauf zu hören:

 

cage (in memory of john cage)
spartan arcs (in memory of yvar mikhashoff)
wed (in memory of kate ericson)
grind (in memory of jacob druckman)
diet coke (in memory of bette snapp)
cello (in memory of anna cholakian)
wiggle (in memory of frank wigglesworth)
beach (in memory of david huntley)

 
 
 

 
 
 

Oben genannter Link brachte mich nun zu „wed“ von eben diesem Album memory pieces by David Lang, und das ist eine 4:41 Minuten Kostbarkeit (unbedingt hören, Michael würde sagen: Hörbefehl!!), dieses Stück ist so schön, unfasslich! Auf CD gebrannt, habe ich mir heute in der Frühe auf der Autofahrt zur Arbeit dieses Stück wieder angehört: Dämmerung, ungeheuer viel Gegenverkehr, starker Wind, dann diese Musik …

Ja, und dann gibt es ja noch die Verbindung David Lang (Musikgruppe: Bang On A Can) / Brian Eno. Auf der website dieser Gruppe heißt es zum Eno Album Music for Airports:

 

Thirty years ago, Brian Eno put out Music for Airports, his first „ambient“ album. It was the precursor for the broad spectrum of music that is today called ambient, a term Eno himself invented. It was a four-part piece composed in the studio and devoid of all but the most basic aspects of song, challenging listeners to re-imagine what music might be.

Twenty years later, the Bang on a Can All-Stars created their own version of the work with live musicians, all the while staying close to the source by sharing the project as it developed with Brian Eno. It was released on record in 1998 to wide acclaim.

Ten years later, Cantaloupe Music releases a live version of Music for Airports as a digital-only release via the Bang on a Can Store, eMusic, iTunes, Amazon, and various other digital music vendors.

 

Michael erzählte in seiner ersten XXXL-Klanghorizonte-Nacht, dass er Bang On A Can auf Lanzarote gesehen und gehört habe – ob er da wohl auch David Lang gesehen hat?

 
 
 

 
 
 

… und hier kann man sich das Album anhören.

 


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