Manafonistas

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Die Liste seiner Literaturpreise ist lang, aber einer dieser Auszeichnungen hat mich denn doch überrascht. David Mitchell bekam 2015 den World Fantasy Award für seinen vorletzten Roman Die Knochenuhren. Wir erinnern uns: der Roman zerfällt, wie bei Mitchell üblich – wir lassen Der Dreizehnte Monat einmal außen vor – in mehrere Teile, mehrere Geschichten, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen, Bereits während der ersten vier Geschichten spürt der Leser, dass da etwas nicht stimmt, irgendwie fallen die Geschichten kaum merklich aus der Realität. Aber erst im fünften Teil lesen wir Fantasy pur. Mitchells Leser staunten nicht schlecht, das gab es bei ihm bisher nicht. Genau für diese Geschichte, Teil fünf der Knochenuhren, erhielt der Autor diesen Preis.

 
 
 

 
 
 

Am 15.Mai dieses Jahres erschien nun Slade House, der neue Roman von David Mitchell. Es sei gleich verraten, das ist nun ein ganzes Buch Fantasy pur. Das geheimnisvolle Slade House in der Slade Alley mit allem was drumherum passiert, alles Fantasy. Immerhin bleibt Mitchell sich und seinen bisherigen Büchern treu, wenn er auch diesen Roman in verschiedene Geschichten, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen, zerfallen lässt, freilich spannt er den Zeitrahmen dieses Mal recht kurz: es beginnt im Jahre 1979 und schreitet im Neun-Jahres-Rhythmus bis zum Jahr 2015 fort. Die fünf relativ kurzen Geschichten werden dem Leser jeweils aus unterschiedlichen Ich-Perspektiven präsentiert: zunächst erzählt der Schüler Nathan Bishop, wie er und seine Mutter Lady Grayer und ihren vermeintlichen Sohn im Slade House besuchen. Die zweite Erzählung wird aus der Sicht eines Polizisten, die dritte aus der einer Studentin, die vierte aus der einer Journalistin und die fünfte von einem der Grayer-Zwillingen dargeboten. Die ersten vier Ich-Erzähler gelangen alle ins Slade House, aus dem es kein Zurück gibt, denn hier geht es darum, dass man ihnen die Seele nimmt. Thema ist also einmal mehr lebenswütige Menschen, die den eigenen Tod nicht akzeptieren wollen und auf Kosten des Lebens anderer ihr Dasein ins Unendliche ausweiten möchten.-

Von der Slade Alley führt ein nur alle neun Jahre im Oktober sichtbares Türchen in einen paradiesisch anmutenden Garten an dessen Ende das riesige, unheimliche Slade House aufragt. Hier leben die Grayer-Zwillinge, die alle neun Jahre Seelen-Nachschub brauchen. All das kommt der Mitchell-Leser-Gemeinde natürlich bekannt vor: genau um diese Thematik ging es in den Knochenuhren. Slade House könnte man ja auch durchaus als Fortsetzung dieses 816 Seiten Wälzers verstehen, wobei freilich, für Mitchell höchst ungewöhnlich, Slade House recht knapp ausgefallen ist: 233 Seiten kurz. Hier wie dort kämpfen die Horlogen für die Unantastbarkeit des Lebens und gegen die Gier nach Unsterblichkeit.

Obwohl ich gewiss kein Liebhaber von Fantasy-Literatur bin, gefällt mir auch dieser Roman Mitchells sehr gut. Die fünf Geschichten sind dermaßen gut erzählt, dass der Leser die Figuren und die Stories sehr schnell lieb gewinnt und sich nur schwerlich damit abfinden kann, dass die Erzählungen rasch abbrechen und er sich auf Neues einstellen muss, was allerdings wiederum im Handumdrehen gelingt. Wie immer legt Mitchell viel Wert auf die historische und kulturelle Situation der jeweiligen Zeit, in der eine Erzählung spielt: 2015 ist natürlich von iPhone als Kommunikationsmittel die Rede, 2006 vom Handy und den SMS, natürlich auch von Tony Blair, 1997 spielen die Eels ihr Novocaine for the Soul, Morrissey titt auf, Björk singt die Hyperballad und von Massive Attack gibt es Safe from Harm.

 
 
 

 
 
 

Auch freut den Mitchell-Leser, dass er Bekanntes aus früheren Romanen wiederfinden kann: So arbeitet die Jounalistin Freya im vierten Teil des Slade House für die Zeitschrift Spyglass Magazine, wir kennen es aus dem Wolkenatlas, dort arbeitete Luisa Rey für diese Illustrierte. Auch Dr. Marinus ist ein alter Bekannter, er spielt in den Knochenuhren eine wichtige Rolle. Ganz zu schweigen von Vyryan Ayrs, dem Robert Frobisher im Chateau Zedelheim dient (Wolkenatlas).

Nach Chaos, Der Wolkenatlas, Der dreizehnte Monat, number 9 Dream, Die tausend Herbste des Jacob de Zoet und Die Knochenuhren ist Slade House sicher nicht Mitchells stärkster Roman, aber der Freund der Bücher dieses Autors kommt auf seine Kosten und für den Entdecker von David Mitchells Bücher ist Slade House sicher ein guter Einstieg in seine Romanwelt.

 

Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt … – wenn ich jetzt hier davon erzählen würde, dass ich beinahe Schläge bezogen habe, nur weil ich eine bestimmte Platte in einer Jukebox drücken wollte, man würde mir nicht glauben. Allerdings, die Geschichte habe ich erlebt. Anyway, vielleicht glaubt man ja Michael Scholl, er schrieb folgenden Gastbeitrag:

 
 

Don’t Cry for Me Argentina

Wie man sich durch die Juke-Box selbst gefährden kann

 

Ort: Ardossan, Schottland, in einer Kneipe mit Spätlizenz

Zeit: Frühjahr 1982 an einem Abend nach 23.00 Uhr

 

Niemand wird glauben, dass es gefährlich sein kann, einen Song an einer Juke-Box auszuwählen.

Im Schuljahr 1981/1982 lebte ich in Schottland und unterrichtete Deutsch als Foreign Assistant Teacher an der Ardrossan Academy. Aber eigentlich war ich noch Student und eher am Ausgehen als am Unterrichten interessiert. Mit dem Sohn meiner Vermieterin und dessen Freunden gingen wir oft abends Bier trinken. Unsere Stammkneipe schloss immer um 23.00 Uhr und es gab nur eine Kneipe in der kleinen Ortschaft, die eine Spätlizenz hatte. Man kann sich vorstellen, welche Leute in welchem Zustand dort nach 23.00 Uhr dort verkehrten. Und natürlich auch wir und im selben Zustand.

In diesem Zustand mag man Musik, die ans Herz geht. Also wählte ich an der Juke-Box dieser Kneipe, nachdem wir uns alle ein weiteres Bier bestellt hatten, den Song „Don’t cry for me Argentina“ aus dem Musical „Evita“ von Andrew Lloyd Webber. Ja, betrunken hat man nicht den besten Geschmack

Unmittelbar nachdem der Song angefangen hatte, zog der Barkeeper den Stecker und die Juke-Box war stumm. Natürlich – angesichts des Zustandes, in dem ich mich befand – ging ich sofort zur Bar und beschwerte mich, was ich besser unterlassen hätte. Ich sah mich plötzlich einer Front bedrohlich aussehender, betrunkener Schotten gegenüber, die mir verständlich machten, dass dieser Song nicht gespielt werde und ich mich besser zurückhalten solle, wenn ich mir weiteren Ärger ersparen wolle.

Wie kam das alles, was war an diesem Lied so schlimm? War es für schottische Ohren eine musikalische Zumutung, die sie nicht ertragen konnten, weil kein Dudelsack dabei war? Nein – es war Falkland-Krieg und solche Musik war schlicht non grata.

Letztendlich ist alles gut gegangen und ich konnte die Kneipe unversehrt verlassen. Was habe ich aus der Situation gelernt? Wenn der Barkeeper die Macht über die Juke-Box ausübt, dann sollte man das hinnehmen. Und die Schotten sind den Engländern mehr verbunden als sie zugeben.

 

Michael Scholl

 

Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …

 

Natürlich gibt es diese Platten, die einfach nie aus den Jukeboxen der Welt verschwinden. Und, wenn es dann eines Tages wirklich nur noch knistert und knastert, wird die Scheibe eben ausgetauscht. Irgendwoher wird der Jukebox-Man Ersatz beschaffen. Zu diesen Singles, die man sich wirklich kaum getraut, aus der Box zu nehmen, gehören zum Beispiel die Klassiker der Beatles und der Rolling Stones, aber das ist von Land zu Land durchaus unterschiedlich. In Frankreich käme zum Beispiel nie jemand auf die Idee, Jaques Brel mit seinem Song Ne me quitte pas aus der Box zu nehmen. Interessant wird es allerdings, wenn man nach Kuriositäten Ausschau hält, da hat jede Kneipe, in der eine Jukebox steht, seine eigenen Schwerpunkte. Wie ich im Dezember letzten Jahres schon schrieb: in Hörnum sind es die Platten von Robert Wyatt, die gerne gewählt werden, in Cuxhaven eher die Songs von Brian Eno, anderswo wird Daniel Lanois gewünscht. Aber überall schätzt man die Musik zwischen 1968 und 1973, aus dieser Zeit werden zu gerne „Oldies“ gedrückt. Auf Amrum/Wittdün dürfte ich etwa die Platten der Kinks nicht anrühren, käme allerdings auch niemals auf so eine Idee, diese Scheiben aus der Jukebox zu nehmen . Dort liebt man so außergewöhnliche Titel wie folgende vier Auskopplungen aus der LP Face To Face, nämlich: Party Line, Session Man, Rainy Day In June und Rosy Won´t You Please Come Home. In dieser Box befindet sich auch eine Scheibe von Gene Clark aus dem Jahre 1971 For a Spanish Guitar, eine Platte, zu hören bei offener Kneipentür, Blick zum Meer …

 

 

 

 

In Hörnum steckt auch eine kuriose Platte, sie ist nicht wegzudenken: J.B.Lenoir: Eisenhower Blues aus dem Jahr 1958. Hier wird auch sehr häufig John Cale gedrückt, z.B. mit seinem phantastischem Song Fear Is The Man´s Best Friend (1974). In Cuxhaven schwärmt man für Muddy Waters, besonders beliebt My Home Is In The Delta (1964), siehe auch die LP The FolkSinger, fantastisch!. Auch halten sich, was mich besonders freut, The Electric Prunes mit ihren beiden Singles I´ve Too Much to Dream last Night und Get Me To The World On Time in den Jukeboxen, das sind Sachen aus den Sechzigern, die hört man auf keinem Sender mehr, die Gruppe ist auch hierzulande damals nicht sehr erfolgreich gewesen, ich habe sie aber sehr gemocht und mir neben den Singles auch die LP Release On An Oath aus dem Jahr 1968 gekauft.

 

 

 

 

Eine unglaubliche Rarität steht freilich nur in meiner eigenen privaten Jukebox, eine EP von den Beatles. Diese Single sieht auf den ersten Blick aus wie eine Miniarturversion von der LP Rubber Soul, dann aber entdeckt der Kenner, dass unten in der Mitte des Covers zusätzlich Michelle aufgedruckt ist. Die EP enthält auf der S.A Michelle und Run For Your Life und auf der Seite B, Drive My Car und Girl. Diese Platte in einer Kneipenbox eingestellt, das wäre natürlich der Hammer, mit einem Drücken hätte man gleich zwei hervorragende Beatles-Songs.

In der letzten Woche war in der Süddeutschen-Zeitung eine Buchbesprechung von Thomas Steinfeld zu lesen. Es ging um ein Buch des Berliner Schriftstellers Friedrich Christian Delius. „Die Zukunft der Schönheit“. In diesem Buch wird von einer Begegnung mit Albert Ayler berichtet. Der Erzähler sei zu der Tagung der Gruppe 47 im Jahre 1966 nach Princeton eingeladen worden und anschließend wäre er nach New York gefahren und hätte dort in einen Jazzkeller in der Lower East Side Albert Ayler und seinen Free Jazz gehört …

Diese Rezension erinnerte mich an eine große schwarze Box, die seit vielen Jahren in meinem Plattenschrank steht und ständig vergeblich ruft, ich möge mich endlich mal wieder mit ihr beschäftigen. Nun, der Artikel hat mich dazu verführt, die Box aus dem Plattenschrank zu holen und abzustauben. 2004 hatte die englische Musikzeitschrift WIRE Albert Ayler Holy Ghost: Rare & Unreleased Recordings (1962-70) als Platte des Jahres ausgewählt (auf Platz 2 kam übrigens Sonic Youth: Sonic Nurse und auf Platz 3: Fennesz: Venice).

 
 
 

 
 
 

Ich dachte mir, okay, diese Box sollte in deinem Plattenschrank nicht fehlen und kaufte sie mir. Was für eine Überraschung: Man öffnet einen schön gestalteten schwarzen Kasten und erblickt zunächst ein in blaues Leinen gebundenes Buch, 208 Seiten, wunderschön gestaltet, bebildert, mit allen nur erdenklichen Informationen zu den neun CDs. Das hier abgebildete Foto des jungen Albert liegt ebenfalls in der Box, dann: eine gepresste Blüte, eine Notiz des Meisters auf Hotelbriefpapier geschrieben (Hotel Esplanaden / Kopenhagen), ein Werbeblatt des New Yorker Clubs “Slugs“ mit Hinweisen auf Konzerte im September und Oktober 1967, eine Schrift von Paul Haines: Ayler-Peacock-Murray- You And The Night And The Music, ein Auszug aus einem Heft The Cricket – Black Music in Evolution mit Aufsätzen zu Pharoah Sanders und Albert Ayler, eine CD, die sich in einer als Tonbandbox gestalteten Hülle befindet. Die CD enthält zwei Ayler-Titel: Tenderly und Leap Frog, aufgenommen am 14.September 1960. Ganz unten im schwarzen Kasten findet man dann endlich die neun CDs. Diese Musik zu hören, das erfordert schon Mut und Durchhalte-vermögen, wofür man dann letztlich aber belohnt wird: Free Jazz eben.

 
 

Folgende Musiker wirken auf den Aufnahmen mit: Albert Ayler (tenor saxophone), Herbert Katz (guitar), Teuvo Suojärvi (piano), Heikki Annala (bass), Martti Äijänen (drums), Cecil Taylor (piano), Jimmy Lyons (alto saxophone), Gary Peacock (bass), Sunny Murray (drums), Don Cherry (cornet),  Burton Greene (piano), Frank Smith (tenor saxophone), Steve Tintweiss (bass), Rashied Ali (drums), Don Ayler (trumpet), Michel Samson (violin), Mutawef Shaheed [Clyde Shy] (bass), Ronald Shannon Jackson (drums), Frank Wright (tenor saxophone), Bill Folwell (bass), Beaver Harris (drums), Milford Graves (drums), Pharoah Sanders (tenor saxophone), Chris Capers (trumpet), Dave Burrell (piano), Sirone (bass), Roger Blank (drums), Call Cobbs (piano, Rocksichord), Bernard Purdie (drums), Mary Parks (vocal, prob. tambourine), Vivian Bostic (vocal), Sam Rivers (tenor saxophone), Richard Johnson (piano), Richard Davis, Ibrahim Wahen (bass), Muhammad Ali (drums), Allen Blairman (drums) u.a. … Paul Bley fehlt in dieser erlauchten Liste, erstaunlich eigentlich.

 
 
 

 
 
 

Übrigens Thomas Steinfeld behauptet in seinem Artikel, Albert Ayler sei im Herbst 1970 im Alter von nur 34 Jahren gestorben, vermutlich habe er sich auf der Fähre zur Freiheitsstatue in den East River geworfen. Auf der website https://www.ayler.co.uk/ ist über seinen Tod folgendes zu lesen:

 

„Following his death, at the age of 34, there was the usual outpouring of conspiracy theories: that there was a bullethole in the back of his head; that he was tied to a jukebox; that the F.B.I. had killed him as part of their policy of assassinating all prominent Black figures; that the Black Power movement had killed him because he wouldn’t support the cause; that the Mafia had tied him to the jukebox because he refused to make any more rock`n`roll records for Impulse. But the simplest explanation is that it was suicide. Guilt over the treatment of his brother, and Don’s subsequent illness, the fact that his attempt to popularize his music had not only failed, but alienated the critics and fans who had supported him in the past, the cancellation of the Impulse contract, all could have combined to tip him over the edge. Albert Ayler was buried in Highland Park Cemetery, Beachwood, Cuyahoga County, Ohio on 4th December, 1970. The funeral was paid for by the US army (a benefit which every former serviceman is entitled to), and through some oversight, Albert Ayler’s gravestone implies that he died in Vietnam.“

 

HOLY GHOST rare & unissued recordings (1962 – 70) 9 CD Spirit Box

P.S. Cecil Taylor starb ab 5.April 2018. Er wurde 89 Jahre alt.

Diese interessante, hörenswerte Platte erscheint am 6.4.2018. Man kann sie auf npr.org schon jetzt hören.
 
 
 

 
 
 
Dazu Tom Huizenga:

 

Cellist Clarice Jensen says the music on her debut solo album solicits „meditation and disorientation“ — two words that, while not mutually exclusive, seem to suggest both a remedy for, and the reality of, a complicated world. On For this from that will be filled, Jensen extends the voice of the solo cello using loops, electronic effects and the thoughtful layering of textures and sounds. It might be labeled an ambient album, but the music isn’t always conventionally pretty. It’s not audio comfort food meant to induce a beatific smile or numb the mind. In its somber way, the album acknowledges an increasingly loud world while offering a safe harbor of drones topped with soaring, long-lined melodies. It actually does adhere to one of the tenets of ambient music, as spelled out by Brian Eno 40 years ago on his classic Music for Airports, in that it accommodates „many levels of listening attention without enforcing one in particular.“

Bunita Marcus

 

Am 11. Januar schrieb ich an dieser Stelle (Plattenschrank 154) unter anderem über eine Schallplatte, die für mich das Jahr 2018 eingeläutet hatte: Morton Feldman – For Bunita Marcus, am Piano: Marc-Andrè Hamelin. Hans-Dieter Klinger äußerte sich am 12.Januar ausführlich dazu. Von Bunita Marcus hatten wir beide nie gehört und wollten damals wissen, wer diese Künstlerin eigentlich ist. In seinem Artikel wies Hans-Dieter auf ihre Biographie hin, auf entsprechende Seiten im Internet und auf eines ihrer Werke: Bunita Marcus – Sugar Cubes. Unter diesem Titel erschien eine CD mit fünf Ersteinspielungen von Kammermusik- und Solowerken von Bunita Marcus, sowie eine 1983 von Morton Feldman verfertigte, bislang unveröffentlichte Orchestrierung des Klavierstücks Merry Christmas Mrs. Whiting. Das ganze brachte das für mich damals gänzlich unbekannten Label Testklang heraus. Das Label Testklang definiert seine Arbeit so: Testklang sei ein Label für klassische und zeitgenössische Musik. In aufwändigen Editionen präsentiere das in Berlin ansässige Label Konzeptalben von herausragender Qualität. Testklang verbinde Musik, Film, Dichtung und Gestaltung.

Neben Bunita Marcus – Sugar Cubes finden sich im Katalog noch: Jig for John, diese CD präsentiert die Klavierfassung von John Cages 16 Dances // Tracking Pierrot: beinhaltet Schönbergs Pierrot Lunaire. Dann: Pierrot Lunaire von Johannes Schöllhorn (1992), Palmström von Hanns Eisler und zwei Aufnahmen der Open Form Komposition Tracking Pierrot von Earle Brown // Palimpsesto enthält Aufnahmen von Werken der zeitgenössischen spanischen Komponisten Hèctor Parra, Elena Mendoza, Alberto Posadas und Juan María Cué. // Schließlich findet sich im Katalog noch Luc Ferraris Journal Intime // 

Die CD/DVD Sugar Cubes hat inzwischen ihren Platz in meinem Plattenschrank gefunden und ich möchte sie an dieser Stelle sehr empfehlen. Nicht nur ist die Musik für die Liebhaber von Klängen aus dem Umkreis von Morton Feldman sehr interessant, die ganze Aufmachung, die Gestaltung der CD hält, was Testklang verspricht. Am Klavier hören wir übrigens Marc Tritschler, ein Interview mit ihm, auch über das Label Testklang findet sich hier …

 
 
 

 
 

Auf den vom SWR veranstalteten Donaueschinger Musiktagen (2017) wurde eine Komposition von Bunita Marcus uraufgeführt: White Butterflies. Die Komponistin schreibt über das Stück:

 
 

White Butterflies wurde für die Flüchtlinge unseres Planeten geschrieben. Es ist ein Versuch, einen inneren sicheren Ort zu schaffen in einer Welt des Verlusts und der Hoffnungslosigkeit. Mit diesem Stück ziele ich auf die Chakren und die Aura der Hörer. Jeder Klang ist im „persönlichen Klangraum“ eines jeden Hörers verankert und hallt in ihm wider. … Unser ganzer Körper hört und spürt die Schwingungen der Musik; es ist nicht allein unser Ohr und unser Verstand, der dies tut. Lange Zeit habe ich die winzigsten Elemente der Musik untersucht, die die Art und Weise verändern, wie wir fühlen. Ich habe die Subtexte betrachtet, die inneren Gefühle, die durch Musik hervorgerufen werden. …“

 
 

Der vollständige Artikel findet sich auf der Seite des SWR; unter dem Stichwort Donaueschinger Musiktage 2017 kann man sich das Programmheft herunterladen und findet auf der Seite 188f den zitierten Aufsatz.

Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …
 

Es wird Frühjahr. Die Jukebox-Kneipen, die über die Wintermonate geschlossen hatten, erwachen zum Leben, die Wirte öffnen die Läden, lassen frische Luft herein, schalten schon einmal die Jukebox ein, bemerken, dass die Schallplatten nicht gleichmäßig laufen, wenn sie sich überhaupt bewegen. Das altbekannte Problem: die Schmierung der beweglichen Teile wird während der langen Ruhezeiten zäh und es dauert seine Zeit bis alles wieder rund läuft.

Ein Wirt schickte mir neben seinen Plattenwünschen auch noch einen kurzen literarischen Text, der ihm während des Lesens an langen Winterabenden besonders gefallen hat, es handelt sich um einen Ausschnitt aus einem Buch von Peter Handke „Versuch über die Jukebox“:
 

An einem Spätwinterabend saß er, in den Skripten das um so stärker anstreichend, was er um so weniger aufnahm, in einem seiner bewährten Jukebox-Cafès. Dieses lag an einem für dergleichen eher untypischen Ort, am Rand des Stadtparks, und auch die Kuchenvitrine und die Mamortischchen paßten nicht zu seinem Ding. Die Box spielte, aber er wartete wie immer auf die von ihm selbst gedrückten Nummern; dann erst war es richtig. Auf einmal, nach der Plattenwechselpause, die, mitsamt ihren Geräuschen – dem Klicken, dem Suchsurren, hinwärts und herwärts durch den Gerätebauch, dem Schnappen, dem Einrasten, dem Knistern vor dem ersten Takt-, gleichsam zum Wesen der Jukebox gehörte, scholl von dort aus der Tiefe eine Musik, bei der er zum ersten Mal im Leben, und später nur noch in den Augenblicken der Liebe, das erfuhr, was in der Fachsprache „Levitation“ heißt, und das er selber mehr als ein Vierteljahrundert später wie nennen sollte: „Auffahrt“? „Entgrenzung“? „Weltwerdung“? Oder so: „Das – dieses Lied, dieser Klang – bin jetzt ich; mit diesen Stimmen, diesen Harmonien bin ich, wie noch nie im Leben, der geworden, der ich bin; wie dieser Gesang ist, so bin ich, ganz!“? (Wie üblich gab es dazu eine Redensart, aber, wie üblich, entsprach sie nicht ganz: „Er ging in der Musik auf“.)

 
Ein wunderbarer Text!
 
Jetzt aber zu den Platten: natürlich bleiben die Klassiker in den Boxen. Zu ihnen gehören auch zwei Singles der Sparks: `This Town Ain´t Be Big Enough For Both Of Us´ und `Amateur Hour´, beide erschienen 1974. Ich erwähne hier besonders die Sparks, weil sie unlängst auf ARTE zu sehen waren und – ehrlich, man glaubt es kaum – sie spielten die beiden Lieder am Schluss des Konzerts in alter Frische.
 
 
 

 
 
 
Nun aber endlich zu einigen – ich nenne mal elf – eingegangen Jukebox-Plattenwünschen für dieses Frühjahr:
 
Twain: Solar Pilgram (The Sorcerer / Nov.2017)

Tristen: Glass Jar (Sneaker Waves / Febr.2018)

Van Morrison & Joey DeFrancesco: You´re Driving Me Crasy (You´re Driving me Crasy / April`18)

Aisha Bradu: Bridges (Bridges – Acoustic 2018)

Special Explosion: Fire (To Infinity Dez.2017)

Eels: Premonition (The Deconstruction / April 2018)

Eels: Today Is The Day  (The Deconstruction / April 2018)

Anna Burch: Tea-Soaked Letter (Quit The Curse / Febr.2018)

Collapsing Stars: The Storm (2012 / Aug.2017)

Dead Horses: Turntable (My Mother The Moon / April 2018)

Sparks: I Wish You Were Fun (Hippopotamus / Sept.2017)
 
 
 

 

Auf npr.org kann man sie schon mal hören, die neue Platte von David Byrne, American Utopia. Die Scheibe beginnt mit einer großen Überraschung. Bob Boilen von npr bringt es auf den Punkt:

 

American Utopia’s origins began with tracks from Brian Eno and it grew and morphed from there, bringing in other collaborators and musicians, including producer Rodaidh McDonald (The xx, King Krule, Adele), producer Patrick Dillett (Nile Rogers, Sufjan Stevens,) drummer Joey Waronker (Atoms for Peace, Beck), Isaiah Barr on sax (Onyx Collective) Thomas Bartlett (aka Doveman) on mellotron, Daniel Lopatin (Oneohtrix Point Never) on keys and electronics, singer and pianist Sampha and Brian Eno on keys, brass, whistling, robot rhythm guitar and more. The list of contributors is actually longer than this. But, suffice it to say, that inspiration for this record came from an awful lot of talent. The music is intense, it’s playful and quite memorable.

 

Also mir gefällt die Platte richtig gut, am 9.3.2018 erscheint sie bei uns.

 
 

Er war gerade sechs Jahre alt geworden, als er zum ersten Mal allein in die Innenstadt fahren durfte. Zunächst galt es zur Straßenbahnhaltestelle zu schlendern und dann zu hoffen, dass eine alte Straßenbahn kommen möge, die mit den Holzsitzen und der langen Lederschnur unter dem Straßenbahndach, an dem der Schaffner kräftig ziehen musste, um ein schrilles Läuten auszulösen, was dem Fahrer bedeutete, dass er nun abfahren durfte. Diese alten Bahnen, die 1959 manchmal noch durch Hannover fuhren, hatte er ins Herz geschlossen. Und tatsächlich, an diesem Tag kam die betagte Bahn mit der Nummer 5. Er kaufte beim Schaffner eine Kinderfahrkarte und los ging es bis zum Aegidientorplatz. Dort führte sein Weg zunächst zu einer Filiale der Firma MOST. Bis 1999 konnte man bei MOST edle Süßigkeiten kaufen, Ende der fünfziger Jahre, da gab es die Firma schon 100Jahre, bekam man zumindest hier in der hannoverschen Filiale für ein paar Groschen ein große Tüte Süßigkeiten-Bruch. Weiter führte der Weg des Jungen an den Mercedes-Benz-Ausstellungsräumen vorbei, magisch angezogen von den wunderschönen Autos, konnte er sich von den Schaufenbstern kaum lösen. Dann am Theater-Am-Aegi entlang – das Theater sollte 1964 in Flammen aufgehen und ein riesiges schwarzen Loch hinterlassen, was den Jungen stets in Schrecken versetzte – in die Maschstraße. Hier gab es nicht viel Interessantes zu schauen, außerdem war diese uninteressante Straße auch noch sehr lang, bis sie dann schließlich in die Meterstraße mündete. Hier, auf dem Gelände einer Schule waren die Übungsräume des Knabenchor Hannover, dem der Junge nun angehören sollte, untergebracht. Er hat das Singen im Chor gemocht, sehr sogar, aber die Fahrt und der Weg dorthin und wieder zurück, nach Hause, das war für ihn einfach nur großartig und er freute sich immer darauf, allein unterwegs zu sein.

 
 
 

 
 
 
Jahrzehnte ist das her, aber sein weiteres Leben hat der ehemalige Chorknabe seinen Knacbenchor Hannover niemals aus dem Blick verloren. An zahlreichen Veröffentlichungen hat er sich über all die Jahre erfreut, aber 2017 wurde er besonders hellhörig, da hat der Knabenchor Hannover eine ganz ungewöhnliche CD herausgebracht: ”New Eyes on Martin Luther” mit Jeanette Köhn, Nils Landgren, Magnus Lindgren, Eva Kruse, Johan Norberg, Knabenchor Hannover und Capella de la Torre . Jörg Breiding leitet inzwischen den Chor und er hatte während des Projektes ”New Eyes on Martin Luther” auch die Aufgabe, so unterschiedliche Ensembles musikalisch zusammenzuführen; also das von Katharina Bäuml an der Schalmei geleitete Capella de la Torre, die Gruppe Nils Landgren and Friends und schließlich seinen eigenen Chor. Der NDR hat das Konzert in Hannover mitgeschnitten und auf Act-Records veröffentlicht. Herausgekommen ist eine großartige Platte. ACT-Music schreibt auf seiner Produkt-Info-Seite u.a.: „The three ensembles just dived into the music without pre-conceptions. The traditional German folksong “Die Gedanken sind frei” is here performed with a percussive flute solo, and Landgren’s smooth voice on top of a funky rhythm. Sometimes he joins Capella de la Torre with a trombone solo and when all musicians play together it sounds as if the music was originally written with this in mind. It moves seamlessly between genres and what you can hear is the sound of really skilled musicians together – and just having fun.“
 
 
 

 

 

Damals hieß er noch Südwestfunk, der SWR, als Achim Hebgen mit gerade einmal 27Jahren in die Jazzredaktion des Senders eintrat, Joachim Ernst Berendt war sein Chef. Wie Berendt, war auch Hebgen nicht nur am Sender tätig, sondern bei zahlreichen Musikproduktionen beteiligt, bei MPS zum Beispiel. Die wunderbare Platte „Got The Blues“ von Don `Sugar Can´ Harris (mit Kriegel; Rypdal, Dauner, Whitehead und Robert Wyatt!!) wurde von ihm und Berendt gemeinsam produziert. Er arbeitete ferner bei den Berliner Jazztagen, dem Free Jazz Meeting Baden-Baden und den Donaueschinger Musiktagen mit.

Ich erinnere mich, 1978, in einer seiner Sendungen zum ersten Mal von Philip Catherine gehört zu haben, auch legte er gerne Gianluigi Trovesi auf, den ich durch seine Sendungen zu schätzen lernte. Übrigens, dessen Album „Round About A Midsummer’s Dream“, wurde im Jahre 2000 von Hebgen produziert.

Achim Hebgen liebte, wie Michael Engelbrecht, Sendungen mit weitem, sehr weitem Horizont, er erfand für den SWF die Sendungen RADIOPHON (noch heute im SWR zu hören) und MUSIC AVENUE.

Zwischen 1991 und 2002 leitete er dann die Jazzredaktion. Das waren schwierige Zeiten damals, denn SDR und SWF wurden 1991 zur Fusion ihrer beiden Kulturprogramme gezwungen, aus SDR 2 und SWF 2 wurde dann S2 Kultur. 1998 entstand dann ein neuer Großsender, der SWR.

Als 1990 klar war, dass dank intensiver Untersuchungen der amerikanischen Wirtschaftsberatungsfirma McKinsey, die beiden Kulturprogramme des Südens aus wirtschaftlichen Gründen zusammengelegt wurden, da verabschiedete sich Achim Hebgen tief enttäuscht von dieser kulturellen Entwicklung während einer seiner Sendungen sehr persönlich. Über 60% der Jazzsendungen seien dem Rotstift zum Opfer gefallen, zahlreiche Sendeplätze aus dem Bereich NEUE MUSIK ebenso, auch das Format MUSIC AVENUE. Während der letzten Sendung der MUSIC AVENUE beklagte Hebgen öffentlich diese Entwicklung und legte dann eine Platte auf, die diese Sendung für immer beenden sollte. Diese letzte Platte hatte es mir damals angetan. Überhaupt, der Gedanke, einmal eine letzte Platte, ein letztes Musikstück zu hören, welches Stück könnte das sein und wird es dann letztlich wohl sein?
 
 
 

 
 
 
Peter Rühmkorf schrieb am 13.12.1989 in sein Tagebuch: „Eigentlich schade, wie viele Bücher wie einmal unaufgeschlagen an der Grabeskante zurücklassen müssen …“. Recht hat er, ich bedaure das auch schon jetzt. Mir fällt allerdings noch ein anderer Gedanke dazu ein: „Wie viele Musikstücke müssen wir wohl ungehört an der Grabeskante zurücklassen?“

Zurück zu Achim Hebgens MUSIC AVENUE und zurück zu seiner letzten Schallplate in dieser Sendung. Er legte eine Schallplatte von John Surman auf: „Road to Saint Ives“ und wählte das Stück „Tintagel“, ein Stück, das seit vielen Jahren zu meinen liebsten zwanzig Stücken gehört (meine Lebenshitparade).

Achim Hebgen starb am 25. September 2012 in Freiburg, er wurde 69 Jahre alt.

Ihm eingedenk höre ich jetzt „Tintagel“, lege zuvor aber noch eine ganz neue Scheibe auf, die ihm sicher sehr gefallen würde (aber freilich nicht alle Stücke, manche sind schrecklich, wie ich finde). Nils Frahm und „All Melody“, von dieser Platte werde ich „My Friend the Forest“ und „Harm Hymn“ hören.
 
 
 

 


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