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Der brasilianische Gitarrist und Pianist Egberto Gismonti ist während des vierten Esslinger Jazzfestivals am letzten Mittwoch in der Stadtkirche Esslingens aufgetreten. Der 71jährige spielte zunächst 45 Minuten auf verschiedenen Gitarren, anschließend musizierte er, und das war ebenso begeisternd, ihm dabei zuzuhören, nochmals eine dreiviertel Stunde auf dem Flügel.

 
 
 

 
 
 

Das allein war ein abendfüllendes Konzert für sich und hätte den Besuch der Stadtkirche mehr als gelohnt, aber dann, nach einer kleinen Umbaupause, war das sich um den französischen Pianisten François Couturier gebildete Tarkovsky Quartet zu hören, mit der Cellistin Anja Lechner, dem Saxophonisten Jean-Marc Larché und dem Akkordeonisten Jean-Louis Matinier. Auch dieses Konzert war ein Hochgenuss.

In bester Stimmung erwartete ich nun den Freitag, der Tag an dem Carla Bley mit dem Bassisten Steve Swallow und dem Saxophonisten Andy Sheppard in Stuttgart auftreten sollten. Als es endlich soweit war, trat etwas ein, womit niemand gerechnet hatte: Carla Bley konnte einer schweren Bronchitis wegen nicht auftreten. Steve Swallow sagte später, dass Carla, 82jährig, noch nie ein Konzert habe absagen müssen, aber nun hätte sie sich, von einem Jazzfestival in Korea kommend, während eines Open-Air-Konzertes bei eisigen Temperaturen wohl eine Bronchitis geholt und hüte nun untröstlich in einem Stuttgarter Hotel das Bett. Steve Swallow und Andy Sheppard waren nun aber mutig genug, das Konzert im Duo zu gestalten. Der Flügel war bereits von der Bühne weggeschoben worden und da standen sie nun beide, allein, mit ihrem Bass und ihrem Saxophon und spielten die Musik von Carla Bley. Nur ein Stück entstammte der Feder von Thelonius Monk, „Misterioso“, die Musik des restlichen Abend waren Kompositionen von Carla Bley. Es begann gleich mit einem meiner Lieblingsstücke der Pianistin, „Utviklingssang“, Steve spielte diese zauberhafte Melodie solo, später dann im Duo mit Andy Sheppard. Bei diesem wie bei den anderen Bley-Kompositionen gelang des den beiden in dieser für alle unerwarteten Welturaufführung des Duos so wunderbar zu spielen, als wollten sie die kranke Carla Bley herbeizaubern. Sie war ja auch fast so präsent, als wäre sie persönlich anwesend.

Nach diesen einmaligen Abenden müssen mindestens die folgenden Platten unbedingt dem Plattenschrank entnommen und in den nächsten Tagen angehört werden:

 
 
 

 
 
 

Egberto Gismonti: Dança Das Cabeças

Anja Lechner, François Couturier: Moderato cantabile

Tarkovsky Quartet: Nuit blanche

Carla Bley, Andy Sheppard, Steve Swallow: Andando el Tiempo

Carla Bley, Andy Sheppard, Steve Swallow: Trios

 
 

Auf jeden Fall darf auch die Platte The Lost Chords Find Paolo Fresu von Carla Bley nicht fehlen, schon allein deshalb nicht, weil Steve Swallow während besagten Abends von diesem Projekt erzählte und die beiden dann auch aus den Kompositionen dieser LP „One Banana“, „Two Banana“, „Three Banana“, „Four“, „Five Banana“ und „One Banana More“ spielten.

Immer wieder muss ich an Paul Austers jüngstes Buch 4321 denken, vor allem dann, wenn ich einmal mehr erkenne, wie sehr unser Leben durch Zufälle bestimmt ist und wie wenig wir eigentlich selber in der Hand haben. Vor ein paar Tagen zog ich zwei Langspielplatten aus meinem Plattenschrank, die ich mit Sicherheit seit mindestens 25 Jahren nicht mehr in der Hand hatte. Es handelt sich um Platten des dänischen Jazztrompeters Allan Botschinsky. Die eine nahm er im Duo mit Niels-Henning Ørsted Pedersen auf, sie trägt den bezeichnenden Titel Duologue (1987), die andere spielte er im Quintet ein, mit Ove Ingemarsson, Thomas Clausen, Lars Danielsson und Victor Lewis: The Night (1988), wunderbare Schallplatten übrigens.
 
 
 

 
 
 
Auf der Plattenhülle von Duologue sind in winziger Schrift ausführliche Interviews mit Allan Botschinsky und Niels-Henning Ørsted Pedersen wiedergegeben. Im Interview mit NHOP entlockt der Interviewer John V. Baer dem Bassisten interessante Informationen – ursprünglich hätte er gar nicht Bass gespielt, sondern ab dem sechsten bis zum dreizehnten Lebensjahr Klavierstunden gehabt, erst durch Zufall sei er zum Bass und zum Jazz gekommen, erzählt Niels-Henning:
 

„My friend, Ole Kock Hansen, who now plays with the Danish Radio Big Band, also played piano … better than I. Since we wanted to play together with his brother and my two Brothers and me, being the youngest, they decided that I should play bass, because we needed a bass player.“

 
So wurde Niels-Henning Ørsted Pedersen, der den Bass so einzigartig spielte (er starb 2005), zum Bassisten. Paul Auster hätte seine Freude. Niels-Henning war damals zwölf Jahre alt, als er begann auf einem czekoslovakian Plywood bass zu spielen. In seiner „family band“, wie er sie nannte, lernte er Jazz zu spielen, seine Ausbildung am Bass war eine klassische.
 
 
 

 
 
 
Auch die Begegnung mit dem Trompeter Allan Botschinsky verdankt NHOP dem Zufall:
 

„When I met him, he was playing in the number one of jazz club in Copenhagen, called Vingaarden. I went there to buy my second bass from the bass player in that band, which was at that time the number one band in Denmark. Probably just out of curiosity, they asked me to sit in with them. So I did. I mean, I didn´t know anything about anything, but they liked it. Later, they were in the process of getting a new bass player, and all of sudden I was a part time bass player with them. You see, I had to go to school in the morning so I couldn´t play all six shows a week. So we had some kind of agreement that I played three times a week, preferably on the weekends. … The group was called `Jazz Quintet 60´.“

 
Übrigens, mit seinem Jugendfreund Ole Kock Hansen sollte NHOP später noch überaus erfolgreiche Platten einspielen. Beide sind zu hören auf Jaywalkin‘ (1975), The Eternal Traveller (1984), Hommage (1990), To A Brother (1993), aber auch auf dem Miles-Davis-Album Aura sowie auf Platten mit Karin Krog & Palle Mikkelborg, Ben Webster und anderen.

2018 8 Okt

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (171)

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Es gibt seltsame Rituale, aber irgendwie sind sie wohl wichtig. Als ich mir Mitte der 90er Jahre das damals weltweit modernste Radio gekauft hatte, ein DSR-Radio von Telefunken (1300,-DM), war es natürlich nicht ohne Belang, welcher Sender, welche Sendung, welche Musik als erstes über das neue Gerät empfangen werden sollte. Die Auswahl war schwer, konnte man doch nun 16 Hörfunkprogramme (zumeist die Kulturwellen SWR 2, hr2, NDR Kultur usw.) bundesweit in CD-Qualität empfangen. Am 16. Januar 1997 wurde um 00:01 Uhr DSR abgeschaltet, die Sonderkanäle, die DSR verbreitet hatten, sollten für Fernsehprogramme genutzt werden (seither steht mein DSR-Empfänger nutzlos im Keller, ich schrieb auf dieser Seite bereits über dieses Ereignis). Und natürlich wurde auch dieser traurige Anlass gebührend begangen: welcher Sender sollte als letztes eingeschaltet werden? Ich entschied mich damals für eine Blues-Sendung, ausgestrahlt, so erinnere ich mich zumindest, vom NDR.

Das letzte Ritual dieser Art wurde erst kürzlich gefeiert. Ein neuer Plattenspieler war gekauft worden, das komplizierte Einrichten des Gerätes wurde mir von den überaus hilfsbereiten Herren von HighFidelium in Stuttgart abgenommen und so konnte nach dem Heimtransport und dem Anschließen des Gerätes die Feier beginnen. Aber welche Platte sollte als erstes auf den Plattenteller gelegt werden? Die Entscheidung war sofort klar, nur eine LP kam infrage: Tears von Paul Bley. Eine wunderbare Soloplatte des Meisters, aufgenommen in Paris und veröffentlicht auf dem OWL-Label, produziert von Jean-Jacques Pussiau.

 
 
 

 
 
 

Paul Bley starb am 3. Januar 2016; große Platten waren noch wenige Jahre vor seinem Tod erschienen, 2012 war er noch auf BRO/KNAK von Jakob Bro & Thomas Knak mit dem wunderbaren 16-Minuten-Stück „Roots Piano Variations“ zu hören, 2014 veröffentlichte ECM Play Blue, das Oslo Concert vom August 2008. Und im Mai dieses Jahres konnten sich Paul-Bley-Liebhaber besonders freuen, wurden doch gleich zwei Konzertmitschnitte aus dem Jahr 1966 herausgebracht: Das Paul Bley Trio mit Live at the International Jazz Festival, Lugano, Switzerland 31st August 1966 und ebenfalls das Paul Bley Trio mit Bremen `66 (dieses Konzert wurde im September dieses Jahres gegeben). In beiden Konzerten bestand das Trio aus Paul Bley, Mark Levinson und Barry Altschul. Die Stücke „Matzalan“ und „Ida Lupino“ kann man auf beiden Konzertmitschnitten hören, im Bremer Konzert bot das Trio dann noch „New Love“, „Closer“ und „Sweet & Lovely“, in Lugano „Announcement by Joyce Pataccini“, „Both“, „St. Thomas“ und „Albert´ s Love Theme“.

 
 
 

 

Alle, bei denen sich das Doppelalbum im Plattenschrank findet, sollten es heute herausnehmen, entstauben und genüsslich anhören, vier Plattenseiten, 24 Titel, 74 Minuten. Das Album wurde zwar erst am 23.Mai 1969 veröffentlicht und die Idee zu diesem Konzeptalbum reicht bis in das Jahr 1966 (Pete Townshend), aber die Arbeit in den IBC Studios in London begann exakt am 19.September 1968. Mit anderen Worten: es ist auf den Tag 50 Jahre her, als die Arbeit an diesem großartigem Werk ihren Anfang nahm. Grund genug, sich dieses Werkes angemessen zu erinnern: wir legen sie auf, die legendäre Platte: “Tommy“ von The Who, die Geschichte von einem Kind, das blind und taubstumm wird, als es ein schreckliches Verbrechen mitansehen muss, den Mord des aus dem Krieg heimgekehrten Vater an den Geliebten der Mutter. Später spielt er erfolgreich an Flipperautomaten usw … man kennt die Geschichte.

 
 
 

 
 
 

Ein geniales Album, wunderbare Musik, Ich hörte es gleich nach Veröffentlichung im Mai 1969 auf meinem Lieblingssender BFBS. Es gab da samstags eine Sendung von 10:00-12:00 Uhr, in der neue Platten vorstellt wurden. Da natürlich auch am Samstag Schule war, konnte ich die Sendung nur in den Ferien hören. Es sei denn, mein Sitznachbar Tom P. wurde von seinem Vater im Daimler gleich nach Schulschluss abgeholt, dann konnte ich mitfahren und der letzte halbe Stunde dieser Sendung lauschen. Solche Väter gab es eben auch, bei denen im Auto auf einem Becker-Auto-Radio BFBS eingeschaltet werden konnte. Genau so ein Samstag war es, als das komplette Doppelalbum vorgestellt wurde (im deutschen Rundfunk damals unvorstellbar!), wir konnten gerade noch die vierte Seite hören.

Vor 10 Tagen, am 1.September ist er in New York gestorben, er wurde 92 Jahre alt: Randy Weston. Er war ein begnadeter Jazzpianist. Auf seiner Website lesen wir:

 
 

WAKE
Sunday, September 9
Visitation 1-7 pm – Wake service 4-7 pm
FRANK BELL FUNERAL HOME
536 Sterling Place
Brooklyn, NY 11238

 

CELEBRATION OF LIFE
Monday, September 10
Public viewing 3PM-4PM
Service. 4PM-7PM
CATHEDRAL OF ST. JOHN THE DIVINE
1047 Amsterdam Avenue
New York NY

 

Randy Weston, born in Brooklyn, New York in 1926, didn’t have to travel far to hear the early jazz giants that were to influence him. Though Weston cites Count Basie, Nat King Cole, Art Tatum, and of course, Duke Ellington as his other piano heroes, it was Monk who had the greatest impact.  „He was the most original I ever heard,“ Weston remembers. „He  played like they must have played in Egypt 5000 years ago.“ … Randy Weston has never failed to make the connections between African and American music. His dedication is due in large part to his father, Frank Edward Weston, who told his son that he was, „an African born in America.“ „He told me I had to learn about myself and about him and about my grandparents,“ Weston said in an interview, „and the only way to do it was I’d have to go back to the motherland one day.“

 
 

 
 
 

Seine Discography weist 50 Schallplatten auf, das Album Uhuru Afrika aus dem Jahre 1960 wurde im Apartheids-Staat Südafrika sofort verboten. Zusammen mit dem Dichter Langston Hughes hatte er hier den Unabhängigkeitskampf der Schwarzen gefeiert. Später sollte Weston im Auftrag der UN und verschiedener Kulturstiftungen mehrfach Afrika bereisen. Von 1968 bis 1973 lebte er sogar auf dem afrikanischem Kontinent, in Marokko.

Ich gestalte mir einen Abschiedsabend mit Schallplatten von Randy Weston. Dabei ist natürlich besagte Platte Uhuru Afrika, ich höre das Stück “Fourth Movement: Kucheza Blues (feat Sahib Shihab)“. Dieser Blues findet sich auch auf seiner letzten Platte Randy Weston – Solo Piano, erschienen im Februar dieses Jahres. Der Titel der Scheibe “Sound“, fast ausschließlich live eingespielte Musikstücke wurden hier zusammengestellt, darunter eben auch der “Kucheza Blues“. Und wenn diese letzte Scheibe des großen Meistern schon aufliegt, höre ich noch “Porträt of Billy Holiday“ und den “Marrekach Blues“. Dann darf natürlich The Spirits of our Ancestors aus dem Jahre 1991 nicht fehlen, eine wunderbare Platte, ich lege “Blue Moses“ auf, ein Stück auf dem auch der von mir sehr verehrte Pharoah Sanders mitspielt. Eine Schallplatte mit dem Titel Blue Moses wurde nebenbei bemerkt auch veröffentlicht, im Jahre 1972, übrigens u.a. mit Ron Carter am Bass und Billy Cobham an den Drums, davon lege ich “Medina“ auf. Unter Orrin Keepnews und Rudy Van Gelder entstand 1955 die Platte GET HAPPY with the Randy Weston Trio , davon höre ich abschließend “Summer Time“.

 
 
 

 

 

Seine Großeltern überlebten auf einem ärmlichen Bauernhof, sein Vater unbekannt. John Williams, Jahrgang 1922, schlug sich nach der Schule als Mitarbeiter verschiedener Zeitungen und als Radiosprecher durch, meldete sich dann als Freiwilliger bei der United States Army Air Forces. Nach dem Krieg: Studium im Fach Englische Literatur, Promotion, Karriereende als Assistenzprofessor an der University of Missouri (bis 1985). Bereits 1948 veröffentliche Williams sein Debüt Nichts als die Nacht. 1960 folgte Butchter`s Crossing, 1965 Stoner und schließlich 1973 Augustus. Auch wenn sein letzter Roman mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, konnte John Williams nicht mehr den Erfolg seiner Bücher erleben, er starb 1994.

Anfang des neuen Jahrtausends wird Williams endlich entdeckt, 2013, nach fast 50 Jahren erscheint Stoner in deutscher Sprache, zwei Jahre später Butcher´s Crossing, 2016 Augustus.

Meine John-Williams-Lektüre begann mit Stoner. Stoners Leben wird in einem großen Bogen, von Geburt an, über Kindheit und Jugend – er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf einem Bauernhof auf – Studium, akademische Karriere, Hochzeit, Ehe, Ehekrise, bis hin zu Krankheit und Tod erzählt. Diese Geschichte zu lesen, fasziniert von Anfang an. Der Leser kann so gut nachvollziehen, fast miterleben, wie Stoner versucht, ein gutes, ein wahrhaftiges Leben zu meistern. Ein ums andere Mal scheitert er, beruflich und privat: Auf Grund von Intrigen, hinterhältigen Machenschaften eines Professors bleibt er im akademischen Mittelbau stecken; er heiratet die falsche Frau, klammert sich an sein Kind, versucht immer und immer wieder das erfüllte Leben zu erlangen, vergeblich. Vielleicht ist es gerade das, dass hier jemand versucht, trotz aller Widrigkeiten, sich treu zu bleiben und die Frage „Was macht gutes Leben aus?“ nie aus dem Blick zu verlieren, was den Leser an diesem wahrhaftigen und auch sprachlich grandiosen Roman fesselt. Zitat:

 

Er hatte jene Phase in seinem Leben erreicht, in der sich mit wachsender Dringlichkeit eine Frage von solch überwältigender Einfachheit stellte, dass er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Er begann sich nämlich zu fragen, ob sein Leben lebenswert sei, ob es das je gewesen war …

 

Nach Stoner habe ich, eigentlich war das so gar nicht geplant, einen ganz anderen Williams-Roman gelesen: Butcher`s Crossing. Die SZ nannte diesen Roman einen “Anti-Western“. Mir gefällt diese Bezeichnung nicht, für mich handelt es sich hier um einen ganz unglaublich guten Western, freilich um einen höchst ungewöhnlichen, und ich würde mir dringend wünschen, Wim Wenders würde dieses Buch verfilmen. In Butcher´s Crossing kommt der Held nicht vom Lande, nein,er kommt aus bürgerlichen Verhältnissen und möchte das wahre Leben in der Natur finden, sein Name: William Andrews. Nach seinem Harvard-Abschluss reizt ihn nicht die brügerliche Karriere, sondern die Suche nach einem ursprünglichen, wahrhaftigen Leben. Nachdem unser Held 1870 Boston verlassen hat, trifft er nach langer, beschwerlicher Reise in Butcher`s Crossing, Kansas, auf den Jäger Miller, einen Mann, der die Natur, die Büffeljagd, das ganze Leben kennt, dem man sich anvertrauen kann. Mit ihm und seinem Freund beginnt der Ritt ins große Abenteuer …

Die Witwe von John Williams antwortete im Dezember 2016 der Süddeutschen Zeitung auf die Frage, weshalb ihr verstorbener Mann als Universitätsprofessors diesen Western geschrieben habe:

 

Nun, er lebte im Westen. Die Berge, die Flüsse waren für ihn greifbar. Als er an „Butcher’s Crossing“ schrieb, zog er einfach mit einem Zelt los in die Wälder. Ich glaube, er lag innerlich im Clinch mit Ralph Waldo Emerson, der die Natur für gütig hielt. Ich glaube nicht, dass der Roman autobiografisch ist, aber da steckt viel von seiner eigenen Erfahrung drin.

 

Die Natur wird in diesem Roman ganz und gar nicht als “gütig“ beschrieben, als grandios, das ja, aber eben auch als tödlich. Mich erinnert Sprache und Inhalt so sehr an Ernest Hemingway, an Tod am Nachmittag, Inseln im Strom, Der alte Mann und das Meer und an die Nick Adams Stories, dass ich zuweilen dachte, Hemingway habe einen Western geschrieben. Immerhin, auch ihm ging es letztlich um die Frage nach einem wahrem, einem sinnvollen Leben. Butcher`s Crossing, ein packendes Buch!

2018 6 Aug

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (168)

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Auch wenn er schon einige Alben herausgebracht hat, für mich war bisher der 29-Jahre junge Gitarrist Daniel Bachman kaum Begriff. Bachman lebt und arbeitet in Fredericksburg, Virginia. Zum Kennenlernen schaue man sich auf YouTube “Daniel Bachman: NPR Music Tiny Desk Concert“ an. Bislang veröffentlichte er Platten, die durchaus an John Fahey, Peter Lang (z.B. die Platte The Thing At The Nursery Room Window) oder Glenn Jones erinnerten, aber bereits 2016 kündigte es sich an. Da kam Bachman mit einer Platte heraus: Daniel Bachman, so auch der Titel, auf der sich die Stücke Brightleaf Blues I und II befinden, besonders mit dem „Brightleaf Blues II“ bahnt sich etwas an, was auf seinem neuesten Werk im Zentrum steht: die Hinwendung zur experimentellen Musik.
 
 
 

 
 
 
Vor ein paar Tagen erschien sein verstörendes Werk The Morning Star, eine Doppel-LP. Gleich das erste Stück „Invocation“ beansprucht mit achtzehn Minuten eine ganze Plattenseite und der erstaunte Hörer vermisst sogleich die vertrauten Töne des Gitarristen. Konnte man sich zur „Orange County Serenade“ noch eine herrliche Autofahrt Richtung Atlantik (Südfrankreich) vorstellen, sollte man sich diese Musik besser Zuhause auf einer guten Anlage konzentriert anhören: eine Entdeckungsreise beginnt. Glocken, Natur-, Maschinengeräusche, Klangteppiche, man könnte meinen, man hätte sich vertan und eine neue Scheibe aus dem Hause HUBRO MUSIC aufgelegt. Mitnichten: Daniel Bachman – The Morning Star.

Das zweite Stück der Doppel-LP, „Sycamore City“, erinnert stark an Sings Reign Rebuilder vonder Gruppe Set Fire to Flames. Ich stelle mir vor, hier spielt jemand in seinem Wohnzimmer Gitarre, lässt die Fenster geöffnet, sodass die Uher-Vierspur-Bandmaschine alle Nebengeräusche aufnimmt. Immerhin spielt der Meister hier sein ureigenes Instrument. Stück 3: „Car“. Geräusche, eine Radioübertragung von irgendwas, ein Harmonium? Recht traditionell geht es dann bei Song For The Setting Sun III und VI zu, bis zum Ende der letzteren Aufnahme wieder Field-Recordings (aus dem tropischen Regenwald?) eingespielt werden. Ich liebe ja Musik, die in Feldaufnahmen eingebettet, eine ganz eigene Atmosphäre ausstrahlt, so ist es auch bei dieser wunderbaren Platte, bei der die Entdeckungsreise kein Ende nimmt. The Morning Star gehört sicherlich zu den Platten des Jahres 2018.

 

Also, Jochen sollte sich das Buch noch heute besorgen, das müsste ihn doch interessieren, es geht um Gitarren und um einen Musiker, Liebhaber von Vintage-Gitarren, der in einem Gitarrenladen aushilft, er braucht Geld, sein Name Thomas Dupré. Eines Tages darf er nach Schottland fahren, Ziel ist ein nobles Landhaus am Loch Ness, sein Chef hatte ihn beauftragt, dort die berühmte Goldtop, eine Les Paul von 1954, zu überbringen, ein reicher Kunde hatte sie gekauft. Dort angekommen, bleibt unserem Helden zunächst das Herz stehen, stand da nicht Jimmy Page vor ihm? Wie sich herausstellt: nein, aber es war ehemals das Haus von Jimmy Page, das schon. Ein gewisser Lord Charles Winsley begrüßt Thomas, bittet ihn herein und zeigt ihm später seine atemberaubende Gitarrensammlung:

 

… hier eine weiße Broadcaster, die bestimmt zu den ersten zählte, die Leo Fender gebaut hatte; da eine Stratocaster in dem wunderbaren Lake-Placid-Blau aus der Mitte der fünfziger Jahre; und dort der Traum von Sammlern auf der ganzen Welt: eine Les Paul Standard von 1959 mit der atemberaubenden geflammten Decke. Letztere mochte so um die 500 000 Dollar wert sein. Direkt darunter hing eine Gretsch White Penguin, weiß und goldfarben …

 

In einer geheimen Kabine bewahrt der Lord noch zwei besondere Gitarren auf, die Thomas später auch betrachten darf, eine Flying V und die Explorer. Das Herzstück der Sammlung fehle allerdings, so Lord Winsley, der Heilige Gral der Vintage-Gitarren, die Gibson-Moderne, sie wurde dem Besitzer gestohlen.

Thomas Dupré wird nun beauftragt, diese Gitarre zu suchen oder zumindest zu beweisen, dass es sie gab, damit die Versicherung zahlen würde. Ein Roadmovie beginnt; spannende 400 Seiten prallgefüllt mit Musik- und Musikergeschichten sowie Erzählungen von sagenumwobenen Gitarren.

Grègoire Hervier schrieb das Buch Vintage, erschienen 2017 im Diogenes Verlag.

 
 

 
 

Eine weitere Leseprobe: Thomas darf sich einige Stunden mit der Sammlung des Lords beschäftigen und dessen Gitarren und Verstärker ausprobieren:

 

Endlich traf ich eine Entscheidung und griff ganz vorsichtig nach der Gretsch, auf der ich zunächst nur schüchtern herumschrammelte. Sie war ein Gedicht, und als ich ein bisschen beherzter zugriff, vibrierte sie nur so vor Lebendigkeit. Es war an der Zeit, einen Verstärker anzuschließen. Ein Vox AC30 wollte unbedingt ausprobiert werden und fing an zu summen, kaum dass er Strom hatte. … Als erstes ertönten die Beatles mit dem guten alten Day Tripper … Das brachte mich zu While My Guitar Gently Weeps und I Want You. Weiter ging es mit dem Solo von Oh Sweet Nothin´von Velvet Underground, und dem Thank You von Jimmy Page während seines BBC-Konzerts. Dafür brauchte ich eine Les Paul´59, was sich ganz gut traf, und warum das Ganze nicht mit dem Marshall-Amp spielen, der sich zu langweilen schien, so ganz allein in der Ecke …

 

Später im Buch erfährt unser Held, Thomas, von einem sagenumwobenen Musiker, der auf einer Single-Platte das Stück Half Moon Blues auf einer Gibson-Moderne gespielt haben soll. Sein Name: “Li Grand Zombi“, mit bürgerlichem Namen hieß er Harold Clay. Ein Musikstück mit dem Titel “Li Grand Zombi“ findet sich auf der Platte Versus von Branner Griswell aus dem Jahre 2015 (aber hat das etwas mit unserem Blues-Musiker zu tun? Wohl eher nicht.). Den Half Moon Blues kann man sich auf YouTube anhören (original song by John Richards).

Ich habe ja schon einiges von dem am 21. Februar 1962 in Ithaca, New York geborenen David Foster Wallace († 12. September 2008 in Claremont, Kalifornien) gelesen, selten aber hatte ich so viel Freude wie bei der Lektüre des kleinen Büchleins “Schrecklich Amüsant – Aber in Zukunft ohne mich“. Bereits 1996 veröffentlichte Wallace diesen Bericht über eine siebentägige Karibik-Kreuzfahrt in Harper´s Magazine, 1997 dann als Buch unter dem Titel “Shipping Out“. In Deutschland konnte man das Buch erstmals 2002 in der marebibliothek lesen. Und nun, 2018, publiziert die Büchergilde das Werk wunderschön illustriert von Chrigel Farner.

 

 

 

 

 

Das Buch habe ich mir gekauft, weil ich dieses kleine Werk von Wallace noch nicht kannte und habe es gelesen, als sei es erst 2018 als Erstausgabe, quasi posthum, erschienen. Inzwischen gibt es ja, was Kreuzfahrten angeht, einen regelrechten Hype, für mich vollkommen unverständlich, nie würde ich mich auf derartiges einlassen. Anyway, die 1996 erstmals in einer Zeitschrift veröffentlichte Reportage liest sich jedenfalls wie ein aktuelle Bericht aus dieser Szene. Und da kommt man als Unwissender aus dem Staunen nicht heraus, man hält das, was man hier erfährt, für unfassbar, alles wird sehr realistisch beschrieben, aber eben in einer höchst originellen Sprache – vor allem sollte man die zahlreichen Fußnoten keinesfalls auslassen, man bringt sich um mindestens 50% des Lesevergnügens. Denn Wallace wäre nicht David Foster Wallace, wenn diese Geschichte nicht unglaublich unterhaltsam geschrieben wäre und dennoch bitterernst gemeint ist; seine Erzählungen enthalten nämlich auch beißende Kritik. Ein paar Zitate mögen den Leser dazu bewegen, sich das Buch noch heute zuzulegen.

D.F. Wallace befindet sich also im Frühjahr 1995 auf einem 47255-Tonnen-Schiff der Celebrity Cruises Inc. namens Zenith, wobei sich unser Autor nicht verkneifen kann, den Kahn in Zukunft Nadir zu nennen. 1,2 Crewmitglieder, die ständig strahlen müssen und die Wünsche ihrer Passagiere schon zu erfüllen haben, bevor sie überhaupt geäußert wurden, betreuen zwei Passagiere.

Eine Fußnote sei zitiert: „In unbeobachteten Momenten hatten die Service-Mitarbeiter diesen geschundenen, übermüdeten Ausdruck im Gesicht, wie man ihn auch aus anderen Niedriglohnjobs kennt. Dazu die ständige Angst, wie mir schien, schon für die kleinste Nachlässigkeit gefeuert zu werden, was nicht nur einen hochglanzpolierten griechischen Offiziersfußtritt beinhalten mochte, sondern auch die Gelegenheit, in karibischen Gewässern den Fahrtenschwimmer nachzuholen.“

Eine weitere Fußnote beschäftigt sich mit dem geschäftsmäßigem Dauerlächeln von Mitarbeitern nicht nur auf Kreuzfahrtschiffen: „Bin ich eigentlich der Einzige, der diesen Dauerbeschuss der guten Laune allmählich in die Verzweiflung treibt? Ist außer mir noch nie jemand auf die Idee gekommen, dass die zunehmende Zahl von vorher völlig unauffälligen Leuten, die in Shoppingmalls, Versicherungsbüros, Medizinzentren und McDonald`s-Filialen mit automatischen Waffen plötzlich um sich ballern, irgendwie mit der Tatsache zusammenhängt, dass dies die Hochburgen des Service-Lächelns sind?“

Einmal erzählt Wallace von einem Vortrag “Hinter den Kulissen: Lassen Sie sich von Cruise Director Scott Peterson auf den Arbeitsplatz Kreuzfahrtschiff entführen!“ und schreibt: „Scott Peterson, ein 39-jähriger Dauerlächler mit spröde abstehenden Haaren, kleinem Schnurrbart und dicker Rolex, Scott Peterson zählt zu jenen Menschen, für die weiße Turnschuhe (ohne Socken) und mintgrüne Lacoste-Shirts einst erfunden wurden. Für mich zählt er zu den unsympathischsten Nadir-Mitarbeitern überhaupt. … Ich schwöre, ich übertreibe nicht. Ein Sultan der Selbstdarstellung und so oberpeinlich, dass man schreiend hinauslaufen möchte.“

In den Werbetexten für diese Kreuzfahrt wird damit geworben endlich einmal DIE SEELE BAUMELN ZU LASSEN oder versprochen ENTSPANNUNG WIRD IHNEN ZUR ZWEITEN NATUR. Wenn man in die Suchmaschine seines Vertrauens diesen Satz, der in mir maßloses Grauen verursacht, eingibt, nämlich „Die Seele baumeln lassen“ plus das Stichwort „Kreuzfahrt“ nimmt man staunend zur Kenntnis, dass noch heute, vielleicht auch heute noch viel mehr als früher mit diesem furchtbaren Satz geworben wird. Die Zusammenhänge, in die dieser Satz gestellt wird, sind dann noch ganz speziell. Mit einem guten Glas Whisky lassen sich die Ergebnisse dieser Suchanfrage aber durchaus lesen.

Abschließend noch ein Zitat aus dieser köstlichen Wallace-Reportage, unser Autor beschreibt eine Toilette der Luxusklasse: „Sie haben übrigens richtig gehört: ein Unterdruck-Lokus. Aber wie schon bei der Lüftungsanlage in der Decke handelt es sich nicht um irgendwelchen Kinderkram, sondern sozusagen um die Vollversion, die große Lösung. Schon die Spülung verursacht ein kurzes, aber traumatisierendes Geräusch, ein Gurgeln in Höhe des dreigestrichenen C, wie ein gastrischer Tumult im kosmischen Maßstab, begleitend von knatternden Sauglauten, die angsteinflößend und tröstlich zugleich sind. Die eigenen Rückstände werden, so wird einem vermittelt, nicht nur einfach entfernt, sondern geradezu hinweg katapultiert, und das so vehement, dass sie buchstäblich wesenlos werden … Schon beinahe eine existenzielle Entsorgungsmethode.“

Wenn des Tages Last noch drückt, die Arbeit einfach zu viel war, dann suche ich gerne noch vor dem Zu-Bett-Gehen meinen Plattenschrank auf, und spiele “Ziehe mit geschlossenen Augen eine Platte“. Meist bringt dieses Spiel Überraschungen hervor, ich entdecke dann Platten, an die ich schon Jahre nicht mehr gedacht habe. So auch dieses Mal:

 
 
 

 
 
 

Die Wahl fällt auf das von Bill Laswell produzierte Pharoah-Sanders-Album „Message from home“, mit dabei Michael White, Bernie Worrell, Charnett Moffett, Hamid Drake und Aiyb Dieng. Koraspieler Foday Musa Suso ergänzt die Truppe, wir kennen ihn aus der Zusammenarbeit mit Jack DeJohnette, dem Kronos Quartett, Herbie Hancock, Philip Glass. Zusätzlich arbeitet Sanders auf dieser Platte mit der Unterstützung einiger Vocalisten. „Message from home“ erschien im Februar 1996. Drei Jahre später überraschte uns Pharoah Sanders mit der Album “Save The Children“. Aber auch „Message from home“ ist ein wunderbares Album, ich höre den Titelsong “Our Roots (Began in Africa)“ und bin begeistert, die Platte muss bald einmal mehr in Gänze gehört werden.

 
 
 

 
 
 

Mit dem zweiten Zufallstreffer erwische ich eine richtige Sommerplatte: Philip Catherine “Summer Night“. Diese Scheibe erreichte 2002 die Läden. Der heute 76jährige Gitarrist spielt hier mit Philippe Aerts (b), Joost van Schaik (dr) und Bert Joris (tp). Natürlich lege ich die Philip-Catherine-Komposition “Janet“ auf, bin allerdings etwas enttäuscht, vielleicht habe ich zu sehr die Janet-Version von der Platte im Ohr, die für mich immer noch eine herausragende Veröffentlichung Catherines darstellt: “End Of August“, aufgenommen mit Nicolas Fiszman und Trilok Gurtu. Die für mich beste Schallplattte des Gitarristen ist allerdings immer noch zweifellos “End Of August“ (1974). Remember? Das grandiose Eröffnungsstück “Nairam“, aus dem Robert Wyatt dann “Maryan“ zauberte? Nein? Dann unbedingt noch heute anhören: Robert Wyatt “Maryan“ aus dem Album „Shleep“, das war 1997 – auch schon wieder 21 Jahre her.


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