Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2009 wurden alle Liebhaber seiner Erzählungen und Romane ganz heftig in Aufregung versetzt.  Aus Paris erreichte uns die Nachricht, dass in Julio Cortázars Nachlass stapelweise „papeles inesperados“ (unverhoffte Papiere) gefunden worden sind. Ein vollkommen unbekanntes Kapitel aus Rayuela – Himmel und Hölle habe man gefunden, Erzählungen, Kritiken, Aufsätze. Nach dieser Meldung warteten wir … vergebens. Der Suhrkamp-Verlag, der seine Werke verlegt, schien kein Interesse an den “Papieren“ zu haben, es geschah einfach nichts. Einmal las ich, dass in Spanien wohl recht bald eine Auswahl aus den “Papieren“ erschienen war, immerhin, ein Buch, 472 Seiten schwer: Papeles inesperados nannte der spanische Verlag Alfaguara das Buch. In Deutschland warteten wir weiterhin, bis sich im Sommer 2018 etwas bewegte. Im Rahmen eines Übersetzungsschwerpunktes der Kunststiftung NRW hatten sich Henriette Terpe und Frank Henseleit eine Erzählung aus den Papeles inesperados vorgenommen und zwar Los gatos („Die Katzen“) und sie ins Deutsche übersetzt. Der Lilienfeld-Verlag brachte dann eine liebevoll gestaltete zweisprachige Ausgabe (mit Lesebändchen) heraus, sodass jetzt auch hierzulande aus dem Nachlass Julio Cortázars wenigstens eine Erzählung auf Deutsch erscheinen konnte. Und was für eine!

 
 
 

 
 
 

1948 hatte Julio Cortázar Los gatos geschrieben. Zwei Kinder, Marta und Carlos Maria,  wachsen miteinander als Cousine und Cousin wie Geschwister auf.

 

„Als Carlos María acht Jahre alt war, reizte er an seiner Cousine gerne alle Möglichkeiten eines gnadenlosen, ausgeklügelten Spiels aus, um damit die Stunden der Siesta zu füllen. Marta zögerte, bevor sie in die Rolle des Häuptlings der Sioux schlüpfte, denn sie fürchtete das knallende Lasso, das sie unter der Weide in die Enge trieb, die gefesselten Knöchel, den selbstgerechten Blick Buffalo Bills, wenn er sie vor das Gericht der Bleichgesichter zerrte. Lieber spielte sie Fangen, weil sie darin ihrem weniger wendigen Cousin überlegen war, oder stromerte durch das Brachland, um Heuschrecken zu fangen.“

 

Die beiden werden miteinander älter und entdecken im jugendlichen Alter ganz neue Interessen aneinander. Als sich eines Tages ein gewisser Rolando für Marta interessiert, erwacht in Carlos Maria rasende Eifersucht:

 

„ … und er hatte sie geküsst … Es war wohl nicht das erste Mal, dachte Carlos Maria, während er sie beide finster anstarrte, und diese Gewissheit brachte ihn vollends durcheinander, so, als hätte ein Fausthieb die gewohnten, unbewussten Wahrnehmungen jäh beendet und im schrecklichen Moment des Auftreffens einen unerträglichen Tumult von Schmerz, Gerüchen, Geschmack, Sternen und Übelkeit hervorgerufen, als prasselte ein wütender Bienenschwarm gegen eine Windschutzscheibe. Er starrte Rolando unverändert an, ohne etwas sagen zu wollen, nicht einmal anstarren wollte er ihn …“

 

Als Carlos Maria eines Tages im alten Sekretär seines Vaters einen rätselhaften Brief findet, kommt alles noch viel schlimmer. Leider endet die Lektüre viel zu schnell, man möchte, dass dieses wunderbare Büchlein bitte nicht so schnell endet.

Was für eine Freude: Julio Cortazar – Die Katzen/Los gatos!

Im Bunker Ulmenwall in Bielefeld meine ich ihn gehört zu haben, das müsste Mitte der siebziger Jahre gewesen sein. Wen habe ich dort nicht alles gehört, erlebt, gesehen, ein wunderbarer Club war das damals. 1978 kauft ich mir eine erste Platte dieses am 18. November 1946 in Chattanooga, Tennessee, geborenen Tenorsaxophonisten Bennie Wallace. Es handelte sich um eine Live-Aufnahme aus dem Public Theater, New York City, mit dabei waren Eddie Gomez und Dannie Richmond. Die drei spielten zwei Wallace-Kompositionen, eine von Duke Ellington, In A Sentimental Mood und eine von Thelonious Monk, Blue Monk.
 
 
 

 
 
 

Dann verlor ich Wallace aus dem Blick und wurde erst wieder auf ihn aufmerksam als er 1985 auf dem Blue-Note-Label Platten veröffentlichte. Vollkommen begeistert war ich von der LP Twilight Time und bin es noch heute. Als ich vor ein paar Tagen diese Platte einmal wieder aufgelegt hatte, konnte ich es nicht fassen, was für eine wunderbare Musik. Wallace arbeitete hier mit Dr John, John Scofield, Stevie Ray Vaughan, Jack DeJohnette, Eddie Gomez, Ray Anderson und anderen zusammen. Wallace schreibt auf dem Cover zu seiner hier eingespielten Musik:

 

This is music about redneck bars

like Katiés 4 O´Clock Club …

Willie Purplès and the Little Indian Rock Grill …

after hours Clubs on East Ninth street in Chattanooga …

bands like Buck Turner and the Town and Country Boys at the V.E.W. …

street bands in New Orleans …

Texas blues, saturday night dances …

and the Tennessee waltz.

 

1988 kaufte ich mir Bordertown, einmal mehr mit Dr John, Scofield, Gomez und Anderson, mit dabei dieses Mal allerdings auch Chris Parker und Herlin Riley. Auf dieser feinen Scheibe haben mir vor allem die von Wallace selbst komponierten Stücke, es sind derer vier auf dieser Scheibe, gefallen, vor allem das Titelstück der Platte, das die B-Seite eröffnet. Also echt, das Stück könnte, wäre es in besagter Kneipe in Hörnum in der Jukebox wählbar, die Gesellschaft dort ziemlich aufmischen. Übrigens beide Platten, Bordertown und Twilight Time wurden von Dr John produziert.

 
 
 

 
 
 

Seltsam, dann vergaß ich Bennie Wallace tatsächlich vollkommen, bis ich vor ein paar Tagen den Buchstaben `W´ meines Plattenschrankes in Augenschein nahm und mich dieses wunderbaren Tenorsaxophonisten erinnerte. Auf der Seite von Discogs lese ich, dass Bennie Wallace 2004 noch eine Platte mit Kenny Barron und Eddie Gomez einspielte, The Nearness of you (auch eine richtig gute Schallplatte) und 2006 seine letzte CD veröffentlichte, ‎Disorder At The Border – The Music Of Coleman Hawkins. 2011 erschien noch eine Compliation: Bennie Wallace ‎ The Big Sound Of Bennie Wallace. Nicht unerwähnt lassen möchte ich noch eine Veröffentlichung von Wallace aus dem Jahre 1998, ein George-Gershwin-Album: Someone To Watch Over Me mit Mulgrew Miller, Peter Washington, Yoron Israel.

Es ist schon einige Jahre her, am 3. Januar 2012 war es, als ich an dieser Stelle etwas über das 927 Seiten starke Buch Gegen die Welt von Jan Brandt geschrieben habe. Es geht in diesem fantastischen Buch um die Welt des Daniel Kuper, geboren Mitte der 70er Jahre in einem kleinen Ort, Jericho, in Ostfriesland. Jericho, „nicht zu verwechseln mit dem an gleicher Stelle gelegenen Ort Ihrhove“.

Auf der überaus informativen Internetseite www.gegendiewelt.de erfahren wir, dass Jericho in Ihrhove, in der Gemeinde Westoverledingen im Landkreis Leer zu finden ist. Hier also wächst Daniel auf. Am Ende der ersten Klasse, 1983, beginnt der Roman mit der Erzählung von Daniels Kindheit. Das Buch endet 2010 in einer ganz anderen Welt.
 
 
 

 
 
 
Andere fahren nach Dublin, um am Bloomsday dem Roman Ulysses von James Joyce, der Geschichte eines einzigen Tages, dem 16.Juni 1904, nachzuspüren, was ich im übrigen auch sehr gerne einmal tun würde, vielleicht aber nicht gerade am Blommsday. Ich hatte nun aber die Idee, die Welt des Romans Gegen die Welt kennenzulernen. Im traurigen Monat November war es, dass ich mich auf den Weg machte, Ostfriesland, die Welt von Daniel Kuper zu entdecken. Das Fahrrad hatte ich dabei, um auch die kleinsten Ortschaften und Winkel anschauen zu können, aber nicht nur das, ich wollte auch wirklich in die Atmosphäre dieser Gegend eintauchen, was vom Auto aus ja nur in geringem Maße möglich ist.

Also ging es nicht nur nach Ihrhove, sondern auch nach Uthusen, Neuschwoog, Altschwoog, Eisinghausen, Bollinghausen, Heisfelde, Tergast, Oldersum, Pekum, Ditzum und Leer, über die Felder, Wiesen und Deiche. Natürlich gibt es die Drogerie von Daniels Vater, Bernhard Kuper, nicht mehr, überhaupt stehen viele Geschäfte leer, wie Brandt es in seinem Buch ja auch beschreibt: die Aldis, Lidls. KIKs oder Schleckers sind gekommen, die Schleckers allerdings inzwischen wieder abgelöst worden, wenn nicht von einer Müller- oder dm-Filiale, dann von einer Spielothek oder einem Tattoo-Laden. Ich konnte mir jedenfalls das, was Jan Brandt seinem Roman beschrieben hat, hier in Jericho und Umgebung sehr gut vorstellen, es war tatsächlich eine Fahrt in die Welt von Daniel Kuper.
 
 
 

 
 
 
Abends habe ich das neue Buch von Jan Brandt gelesen, Der magische Adventskalender, ein Weihnachtsmärchen. Wunderbar illustriert übrigens von Daniel Faller. Auch in diesem Buch geht es um die Welt eines Jungen und darum, sich in dieser Welt einzurichten.

Ein zehnjähriger Junge, Jonas, nicht gerade vom Leben mit Glück gesegnet, findet eines Tages vor seiner Haustüre einen seltsamen Kasten. Schnell erkennt er an den 24 Türchen, dass es sich um einen Adventskalender handeln muss. Er versucht das erste Türchen zu öffnen, was ihm aber nicht gelingen will, alle Türchen scheinen fest verschlossen zu sein. Allerdings entdeckt Jonas auf jeder Tür ein unterschiedliches Symbol, zum Beispiel einen Kuhkopf. Also macht er sich auf den Weg zum Metzger und bittet ihn, das entsprechende Türchen zu berühren, was dann auch sogleich aufspringt, und den Blick auf ein Stückchen Schokolade freigibt. Mit den anderen Türchen des Kalenders ergeht es ihm ähnlich, wobei Jonas so manches Rätsel zu lösen und allerlei Abenteuer zu bestehen hat.
 
 
 

 
 
 
Jonas, ein verschlossener Außenseiter, wird auf diese Weise gezwungen, sich mit seiner ihn umgebenden Welt auseinanderzusetzen, wenn er denn die Türchen seines Kalenders öffnen möchte.

Jan Brandt gelingt es auch in diesem Buch, Menschen wahrhaftig und mitfühlend zu beschreiben, ähnlich vermag das auch der amerikanische Autor Stewart O´Nan, von dem übrigens kürzlich auch ein neues, sehr lesenswertes Buch erschienen ist, Stadt der Geheimnisse, aber das ist eine andere Geschichte.

Und nun noch eine Liste, die über die Schallplatten Auskunft gibt, die in den Jukeboxen meiner Kneipiers im Jahr 2018 am häufigsten gedrückt wurden. Wie ich an dieser Stelle schon mehrfach erläutert habe, bin ich auf die Aussagen meiner Jukeboxpächter angewiesen. Es gibt deshalb auch keine Platzierungen, sondern nur mehr oder weniger gleichwertige Nennungen. Interessant dieses Jahr: Neil Young ist schon wieder vertreten, auch Ray Davis ist ein weiteres Mal anzutreffen, ebenso Father John Misty und Willie Nelson. Nach dem neuen Album von Van Morrison The Prophet Speaks wird schon heftig nachgefragt, erscheint aber erst am 7. Dezember, ebenso wartet man ungeduldig auf Warm von Jeff Tweedy (VÖ: 30.11.18.) Die ersten fünf Platten, die ich hier nennen möchte, sind gleich mit jeweils zwei Auskoppelungen vertreten. In der folgenden Auflistung wird/werden zunächst der/die Musiker genannt, dann der Schallplattentitel und am Schluss das Musikstück.

 
 

Ray Davies – Our Country: Americana Act 2 – „Empty Room / The Big Guy“

EelsDeconstruction – „Premonition / Today Is The Day“

Graham Nash – Over The Years – „Marrakesh Express / Chicago-We Can Change The World“ (Die Mehrzahl der auf dieser Doppel-CD/LP enthaltenen Stücke sind remastered, sonst wäre diese Platte aber ganz sicher in den Top Twenty)

Paul McCartney Egypt Station – „Come on to me / Fuh You“

Neil Young Roxy: Tonight’s The Night Live – „Tonight’s The Night / Mellow My Mind“

BombinoDeran – „Imajghane (The Tuareg People)“

Anna BurchQuit the Curse – „Tea-Soaked Letter“

David Byrne – American Utopia – „I Dance Like This“

Yo La Tengo – Here’s A Riot Going On – „Shades Of Blue“

Dead Horses – My Mother The Moon – „Turntable“

 
 
 

 
 
 

Cat PowerWanderer – „Robbin Hood“

Special ExplosionTo Infinity – „Fire“

SYMLWhere´s my love – „Where´s my love“

Bob DylanMore Blood, More Tracks – The Bootleg Series Vol.14 – „Tangled up in Blue“

Say Sue MeWhere We Were Togehter „Old Town“ (Radio Edit)

The Voidz – Virtue – „Leave it in my dreams“

LulucSculptor – „Heist“

MattielMattiel – „Bye, bye“

The Good The Bad & The QueenMerrie Land – „Merrie Land“

Father John MistyGod´s Favorite Custumer – „God´s Favorite Customer“

Willie NelsonMy Way – „My Way“

Brandi CarlileBy The Way, I Forgive You – „The Mother“

KhruangbinCon Todo El Mundo – „A Hymn“

 

War dieser Kriminalroman ein klassischer „Pageturner“ für dich?

 

Das kann man sagen, es war ein ziemlich spannendes, aber auch wirklich interessantes Buch.

 

Wenn du dir eine sehr gute Verfilmung des Romans vorstellst, wer wäre die Idealbesetzung für Regie, Hauptrolle, und Filmmusik (du kannst Lebende und Verstorbene benennen, es ist ja eh imaginär)?

 

Regie: Tony Richardson // Hauptrolle für Philip Nore: Patrick McGoohan // Filmmusik: Franco Ambrosetti: LP Movies Too, Titel: Thema from Peter Gunn / Kenny Barron: LP Landscape, Titel: Hush-A-Bye und Ringo Oiwake / Ensemble Economique: Interval Signals Ausschnitte / Pan American: Cloud Room Ausschnitte

 

 

 

 

Was ist der ideale Ort zum Lesen? Ist es das klassische „book for the beach“, oder gibt es für dich eine idealere Umgebung?

 

Kein klassisches „book for the beach“, eher ein Buch für die Kneipe in Hörnum in der Nähe der Dünen, in einer Ecke sitzend, Blick aufs Meer und auf Amrum, Krug Weißwein, ansonsten allein, und man sollte mich beim Lesen in Ruhe lassen.

 

Dick Francis hatte ja die Eigenart, ein bestimmtes Sachgebiet in seine Kriminalromane einzuarbeiten. Wie ist ihm die Umsetzumg in „Reflex“ und „Verrechnet“ gelungen?

 

Das Sachgebiet Pferderennsport interessiert mich eigentlich nicht die Bohne, aber Dick Francis bringt den Stoff so interessant an den Leser, dass er mein Interesse dafür absolut geweckt hat, ich habe viel darüber gelernt. Das zweite Sachgebiet: Fotografie und Entwicklung von Fotos, Arbeit im Fotolabor hat mich schon allein deshalb interessiert, weil ich früher selber ein Fotolabor hatte und sehr gerne Fotos entwickelt habe.

 

Wenn du einen Themenabend zu dem Roman veranstalten würdest, was würde auf der Speise- und Getränkekarte stehen, und welche Hintergrundmusik würde zur Begrüssung der Gäste laufen?

 

Ein Jockey darf nicht viel auf die Waage bringen, deshalb auch nicht viel essen. Aber okay, nach dem Rennen gibt es schon etwas Ordentliches, auf der Speisekarte des Themenabends steht zunächst eine Vorsuppe: Klare Gemüsesuppe mit Eierstich; als Hauptgericht: Pasta mit einer Lachssoße (natürlich vom schottischen Lachs), dazu ein guter Weißwein; Nachtisch: Creme Brulee.

Hintergrundmusik: Brian Eno: Music for Installations:  I Dormienti

 

 

 

 

Wenn ein „special guest“ an diesem Dick Francis-Abend einen Vortrag halten würde, der mit dem Autor und / oder dem Roman zu tun hätte, wie könnte man ihn idealerweise betiteln?

 

Thema des Vortrags des „Special Guest“: die Ein-Wort-Titel der Kriminalromane von Dick Francis und was sie dem Leser des jeweiligen Romans verraten: Todsicher, Rufmord, Doping, Nervensache, Blindflug, Schnappschuss, Hilflos, Peitsche, Rat Race, Knochenbruch, Gefilmt, Schlittenfahrt, Zuschlag, Versteck, Gefälscht, Risiko, Galopp, Handicap, Reflex, Fehlstart, Banker, Gefahr, Weinprobe, Ausgestochen, Festgenagelt, Mammon, Gegenzug, Unbestechlich, Außenseite, Comeback, Lunte, Zügellos, Favorit, Verrechnet, Rivalen, Hurrikan, Scherben, Gambling, Abgebrüht, Schikanen, Verwettet, Kreuzfeuer.

 

Dick Francis gehörte ja zu einer älteren Generation von Kriminalschriftstellern. Wie würdest du das Buch zwischen den Polen „Zeitlos“ und „Altmodisch“ einordnen?

 

Reflex erschien 1980 in England, 1982 im Ullstein-Verlag, 1991 im Diogenes-Verlag, es wird auch in Zukunft nachgedruckt werden, es ist ein zeitloser Roman.

 

Was wird der nächste Roman sein, den du liest? Erzähl ein wenig von dem Buch!

 

Ich werde mir wahrscheinlich ein Buch vornehmen, das mich schon längere Zeit anbrüllt: „Lies mich endlich!“. Es wurde von Georges Perec geschrieben und heißt Das Leben – Gebrauchsanweisung. Das Buch erschien 1978 in Frankreich und wurde 1982 von Eugen Helmlè ins Deutsche übersetzt. Das wird ein größeres Leseprojekt sein, ich werde darüber sich auf manafonistas.de erzählen.

Heute wird der Plattenschrank flügelweit aufgemacht und das einen Monat früher als sonst (Michael hat dazu bereits passende Worte gefunden). Bemerkenswert dieses Jahr: Michaels Platz 30 steht bei mir glatt auf Platz 1.

Und dann: Brian Eno mit seiner Music For Installations war die meiste Zeit des Jahres meine Lieblingsplatte (ein Box voller Überraschungen und noch längst nicht erschöpfend gewürdigt), sie wurde aber auch noch durch die bewegende Platte von Marianne Faithfull vom zweiten Platz verdrängt. Was weiter auffällt: Schallplatten des Labels HUBRO spielen für mich eine immer wichtigere Rolle. Hier gibt es soviel Neues und Überraschendes zu entdecken, ich fasse es nicht! Anyway, was noch aussteht, das sind die Jukebox-Hits des Jahres, aber da muss ich noch warten, bis alle Kneipiers ihre Stimme abgegeben haben. Spätestens in 14 Tagen wird es soweit sein, dann stehen hier die Top-Twenty-Jukebox-Hits. Hier nun meine Top 30 des Jahres 2018.

 

  1. Janek Schaefer: What Light There Is Tells Us Nothing (for Robert Wyatt)
  2. Marianne Faithfull: Negative Capability
  3. Brian Eno: Music For Installations
  4. Hilde Marie Holsen: Lazuli
  5. Anja Lechner / Paoblo Màrquez: Schubert – Die Nacht
  6. The Necks: Body
  7. Clarice Jensen: From this from that will be filled
  8. Daniel Bachman: The Morning Star
  9. Jakob Bro: Returnings
  10. Arve Henriksen: The Height of the Reeds
  11. Frode Haltli: Avant Folk
  12. Neil Young: Roxy – Tonight‘s The Night Live 1976
  13. Duo Gazzana: Ravel, Franck, Ligeti, Messiaen
  14. Charles Lloyd &The Marvels and Lucinda Williams: Vanished Gardens
  15. The National Jazz Trio of Scotland: Standards Vol. IV

 
 
 

 
 
 

  1. Julia Holter: Aviary
  2. Nils Frahm: All Melody
  3. Jeff Tweedy: Warm
  4. Jon Hassell: Listening to Pictures
  5. Paul Bley Trio: Bremen 1966
  6. Marisa Anderson: Cloud Corner
  7. Kim Myhr/Quatuor Bozzini/Caroline Bergvall/Ingar Zach: pressing clouds passing crowds
  8. Glenn Jones: The Giant Who Ate Himself
  9. Geir Sundstol: Brodlos
  10. Father John Misty: God‘s Favourite Customer
  11. Building Instrument: Mangelen Min
  12. Sonar with David Torn: Vortex
  13. Bill Frisell: Music IS
  14. Van Morrison: The Prophet Speaks
  15. Andy Sheppard Quartet: Romaria

 

Der brasilianische Gitarrist und Pianist Egberto Gismonti ist während des vierten Esslinger Jazzfestivals am letzten Mittwoch in der Stadtkirche Esslingens aufgetreten. Der 71jährige spielte zunächst 45 Minuten auf verschiedenen Gitarren, anschließend musizierte er, und das war ebenso begeisternd, ihm dabei zuzuhören, nochmals eine dreiviertel Stunde auf dem Flügel.

 
 
 

 
 
 

Das allein war ein abendfüllendes Konzert für sich und hätte den Besuch der Stadtkirche mehr als gelohnt, aber dann, nach einer kleinen Umbaupause, war das sich um den französischen Pianisten François Couturier gebildete Tarkovsky Quartet zu hören, mit der Cellistin Anja Lechner, dem Saxophonisten Jean-Marc Larché und dem Akkordeonisten Jean-Louis Matinier. Auch dieses Konzert war ein Hochgenuss.

In bester Stimmung erwartete ich nun den Freitag, der Tag an dem Carla Bley mit dem Bassisten Steve Swallow und dem Saxophonisten Andy Sheppard in Stuttgart auftreten sollten. Als es endlich soweit war, trat etwas ein, womit niemand gerechnet hatte: Carla Bley konnte einer schweren Bronchitis wegen nicht auftreten. Steve Swallow sagte später, dass Carla, 82jährig, noch nie ein Konzert habe absagen müssen, aber nun hätte sie sich, von einem Jazzfestival in Korea kommend, während eines Open-Air-Konzertes bei eisigen Temperaturen wohl eine Bronchitis geholt und hüte nun untröstlich in einem Stuttgarter Hotel das Bett. Steve Swallow und Andy Sheppard waren nun aber mutig genug, das Konzert im Duo zu gestalten. Der Flügel war bereits von der Bühne weggeschoben worden und da standen sie nun beide, allein, mit ihrem Bass und ihrem Saxophon und spielten die Musik von Carla Bley. Nur ein Stück entstammte der Feder von Thelonius Monk, „Misterioso“, die Musik des restlichen Abend waren Kompositionen von Carla Bley. Es begann gleich mit einem meiner Lieblingsstücke der Pianistin, „Utviklingssang“, Steve spielte diese zauberhafte Melodie solo, später dann im Duo mit Andy Sheppard. Bei diesem wie bei den anderen Bley-Kompositionen gelang des den beiden in dieser für alle unerwarteten Welturaufführung des Duos so wunderbar zu spielen, als wollten sie die kranke Carla Bley herbeizaubern. Sie war ja auch fast so präsent, als wäre sie persönlich anwesend.

Nach diesen einmaligen Abenden müssen mindestens die folgenden Platten unbedingt dem Plattenschrank entnommen und in den nächsten Tagen angehört werden:

 
 
 

 
 
 

Egberto Gismonti: Dança Das Cabeças

Anja Lechner, François Couturier: Moderato cantabile

Tarkovsky Quartet: Nuit blanche

Carla Bley, Andy Sheppard, Steve Swallow: Andando el Tiempo

Carla Bley, Andy Sheppard, Steve Swallow: Trios

 
 

Auf jeden Fall darf auch die Platte The Lost Chords Find Paolo Fresu von Carla Bley nicht fehlen, schon allein deshalb nicht, weil Steve Swallow während besagten Abends von diesem Projekt erzählte und die beiden dann auch aus den Kompositionen dieser LP „One Banana“, „Two Banana“, „Three Banana“, „Four“, „Five Banana“ und „One Banana More“ spielten.

Immer wieder muss ich an Paul Austers jüngstes Buch 4321 denken, vor allem dann, wenn ich einmal mehr erkenne, wie sehr unser Leben durch Zufälle bestimmt ist und wie wenig wir eigentlich selber in der Hand haben. Vor ein paar Tagen zog ich zwei Langspielplatten aus meinem Plattenschrank, die ich mit Sicherheit seit mindestens 25 Jahren nicht mehr in der Hand hatte. Es handelt sich um Platten des dänischen Jazztrompeters Allan Botschinsky. Die eine nahm er im Duo mit Niels-Henning Ørsted Pedersen auf, sie trägt den bezeichnenden Titel Duologue (1987), die andere spielte er im Quintet ein, mit Ove Ingemarsson, Thomas Clausen, Lars Danielsson und Victor Lewis: The Night (1988), wunderbare Schallplatten übrigens.
 
 
 

 
 
 
Auf der Plattenhülle von Duologue sind in winziger Schrift ausführliche Interviews mit Allan Botschinsky und Niels-Henning Ørsted Pedersen wiedergegeben. Im Interview mit NHOP entlockt der Interviewer John V. Baer dem Bassisten interessante Informationen – ursprünglich hätte er gar nicht Bass gespielt, sondern ab dem sechsten bis zum dreizehnten Lebensjahr Klavierstunden gehabt, erst durch Zufall sei er zum Bass und zum Jazz gekommen, erzählt Niels-Henning:
 

„My friend, Ole Kock Hansen, who now plays with the Danish Radio Big Band, also played piano … better than I. Since we wanted to play together with his brother and my two Brothers and me, being the youngest, they decided that I should play bass, because we needed a bass player.“

 
So wurde Niels-Henning Ørsted Pedersen, der den Bass so einzigartig spielte (er starb 2005), zum Bassisten. Paul Auster hätte seine Freude. Niels-Henning war damals zwölf Jahre alt, als er begann auf einem czekoslovakian Plywood bass zu spielen. In seiner „family band“, wie er sie nannte, lernte er Jazz zu spielen, seine Ausbildung am Bass war eine klassische.
 
 
 

 
 
 
Auch die Begegnung mit dem Trompeter Allan Botschinsky verdankt NHOP dem Zufall:
 

„When I met him, he was playing in the number one of jazz club in Copenhagen, called Vingaarden. I went there to buy my second bass from the bass player in that band, which was at that time the number one band in Denmark. Probably just out of curiosity, they asked me to sit in with them. So I did. I mean, I didn´t know anything about anything, but they liked it. Later, they were in the process of getting a new bass player, and all of sudden I was a part time bass player with them. You see, I had to go to school in the morning so I couldn´t play all six shows a week. So we had some kind of agreement that I played three times a week, preferably on the weekends. … The group was called `Jazz Quintet 60´.“

 
Übrigens, mit seinem Jugendfreund Ole Kock Hansen sollte NHOP später noch überaus erfolgreiche Platten einspielen. Beide sind zu hören auf Jaywalkin‘ (1975), The Eternal Traveller (1984), Hommage (1990), To A Brother (1993), aber auch auf dem Miles-Davis-Album Aura sowie auf Platten mit Karin Krog & Palle Mikkelborg, Ben Webster und anderen.

2018 8 Okt

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (171)

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Es gibt seltsame Rituale, aber irgendwie sind sie wohl wichtig. Als ich mir Mitte der 90er Jahre das damals weltweit modernste Radio gekauft hatte, ein DSR-Radio von Telefunken (1300,-DM), war es natürlich nicht ohne Belang, welcher Sender, welche Sendung, welche Musik als erstes über das neue Gerät empfangen werden sollte. Die Auswahl war schwer, konnte man doch nun 16 Hörfunkprogramme (zumeist die Kulturwellen SWR 2, hr2, NDR Kultur usw.) bundesweit in CD-Qualität empfangen. Am 16. Januar 1997 wurde um 00:01 Uhr DSR abgeschaltet, die Sonderkanäle, die DSR verbreitet hatten, sollten für Fernsehprogramme genutzt werden (seither steht mein DSR-Empfänger nutzlos im Keller, ich schrieb auf dieser Seite bereits über dieses Ereignis). Und natürlich wurde auch dieser traurige Anlass gebührend begangen: welcher Sender sollte als letztes eingeschaltet werden? Ich entschied mich damals für eine Blues-Sendung, ausgestrahlt, so erinnere ich mich zumindest, vom NDR.

Das letzte Ritual dieser Art wurde erst kürzlich gefeiert. Ein neuer Plattenspieler war gekauft worden, das komplizierte Einrichten des Gerätes wurde mir von den überaus hilfsbereiten Herren von HighFidelium in Stuttgart abgenommen und so konnte nach dem Heimtransport und dem Anschließen des Gerätes die Feier beginnen. Aber welche Platte sollte als erstes auf den Plattenteller gelegt werden? Die Entscheidung war sofort klar, nur eine LP kam infrage: Tears von Paul Bley. Eine wunderbare Soloplatte des Meisters, aufgenommen in Paris und veröffentlicht auf dem OWL-Label, produziert von Jean-Jacques Pussiau.

 
 
 

 
 
 

Paul Bley starb am 3. Januar 2016; große Platten waren noch wenige Jahre vor seinem Tod erschienen, 2012 war er noch auf BRO/KNAK von Jakob Bro & Thomas Knak mit dem wunderbaren 16-Minuten-Stück „Roots Piano Variations“ zu hören, 2014 veröffentlichte ECM Play Blue, das Oslo Concert vom August 2008. Und im Mai dieses Jahres konnten sich Paul-Bley-Liebhaber besonders freuen, wurden doch gleich zwei Konzertmitschnitte aus dem Jahr 1966 herausgebracht: Das Paul Bley Trio mit Live at the International Jazz Festival, Lugano, Switzerland 31st August 1966 und ebenfalls das Paul Bley Trio mit Bremen `66 (dieses Konzert wurde im September dieses Jahres gegeben). In beiden Konzerten bestand das Trio aus Paul Bley, Mark Levinson und Barry Altschul. Die Stücke „Matzalan“ und „Ida Lupino“ kann man auf beiden Konzertmitschnitten hören, im Bremer Konzert bot das Trio dann noch „New Love“, „Closer“ und „Sweet & Lovely“, in Lugano „Announcement by Joyce Pataccini“, „Both“, „St. Thomas“ und „Albert´ s Love Theme“.

 
 
 

 

Alle, bei denen sich das Doppelalbum im Plattenschrank findet, sollten es heute herausnehmen, entstauben und genüsslich anhören, vier Plattenseiten, 24 Titel, 74 Minuten. Das Album wurde zwar erst am 23.Mai 1969 veröffentlicht und die Idee zu diesem Konzeptalbum reicht bis in das Jahr 1966 (Pete Townshend), aber die Arbeit in den IBC Studios in London begann exakt am 19.September 1968. Mit anderen Worten: es ist auf den Tag 50 Jahre her, als die Arbeit an diesem großartigem Werk ihren Anfang nahm. Grund genug, sich dieses Werkes angemessen zu erinnern: wir legen sie auf, die legendäre Platte: “Tommy“ von The Who, die Geschichte von einem Kind, das blind und taubstumm wird, als es ein schreckliches Verbrechen mitansehen muss, den Mord des aus dem Krieg heimgekehrten Vater an den Geliebten der Mutter. Später spielt er erfolgreich an Flipperautomaten usw … man kennt die Geschichte.

 
 
 

 
 
 

Ein geniales Album, wunderbare Musik, Ich hörte es gleich nach Veröffentlichung im Mai 1969 auf meinem Lieblingssender BFBS. Es gab da samstags eine Sendung von 10:00-12:00 Uhr, in der neue Platten vorstellt wurden. Da natürlich auch am Samstag Schule war, konnte ich die Sendung nur in den Ferien hören. Es sei denn, mein Sitznachbar Tom P. wurde von seinem Vater im Daimler gleich nach Schulschluss abgeholt, dann konnte ich mitfahren und der letzte halbe Stunde dieser Sendung lauschen. Solche Väter gab es eben auch, bei denen im Auto auf einem Becker-Auto-Radio BFBS eingeschaltet werden konnte. Genau so ein Samstag war es, als das komplette Doppelalbum vorgestellt wurde (im deutschen Rundfunk damals unvorstellbar!), wir konnten gerade noch die vierte Seite hören.


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