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Max, Mischa & Die TET-Offensive (Teil 1)

 

Von Stavanger habe ich bisher wenig gehört; die Hafenstadt war zusammen mit Liverpool europäische Kulturhauptstadt 2008; wunderschön gelegen zwischen Fjorden und Bergen ist die Stadt mit ihren 134000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Norwegens. Hier wächst Max Hansen in den 80er Jahren auf, der Vater SAS-Pilot, die Mutter betreibt einen eigenen Handarbeitsladen. Die Eltern waren in jungen Jahren engagiert im Kampf gegen den Vietnam-Krieg, nicht nur das, sie zählten sich auch zehn Jahre lang zu den Mitgliedern der norwegischen Kommunistischen Arbeiterpartei. Sie träumten von einer ganz anderen Welt. Sohn Max wird mit fünfunddreißig Jahren einmal sagen: „Ich denke oft, dass sie die letzte Generation waren, die glaubte, sie könnte etwas verändern: ich gehöre der ersten Generation an, die verstand, dass wir es nicht konnten.“

Im Alter von acht Jahren findet Max eines Tages eine Kiste mit Erinnerungsstücken aus dieser Zeit: FNL-Abzeichen, eine rote Flagge, die Mao-Bibel uvm. Er befragt seine Eltern zu den Funden, die allerdings haben ihre einstigen Parolen und Ideale längst vergessen. Immerhin erfährt Max zum ersten Mal etwas über den Vietnamkrieg. Ein paar Jahre später wird er zusammen mit Freunden den Film Apocalypse Now sehen, ein sein ganzes Leben prägendes Ereignis. Im Sommer 1988 spielen Max und seine Freunde Krieg – Vietnamkrieg. Zwei Jahre später emigriert die Familie in die USA, die Arbeitsbedingungen seien für den Vater hier in den USA ungleich besser als in Norwegen. Für Max bedeutet die Auswanderung eine Katastrophe, den Verlust der Heimat. Der Umzug nach New York stellt sich für den Jungen als eine totale Entwurzelung dar, er fühlt sich allein, einsam, entortet und schreibt: „Zuhause. Das schönste Wort in meiner Muttersprache. Ich will nachhause und weiß nicht mehr, wo das ist. Das ist die Essenz des Ganzen, eine tiefsitzende Angst davor, kein zuhause mehr zu haben. Ich kenne niemand. Ich habe niemand. Niemand!“ Für Max wird dieser Verlust zum Lebensthema, in der Mitte seines Lebens wird er sagen: „Ich war dabei, mich zu verändern, von jemanden, der sich wünschte nach Hause zurückzukehren, in jemanden, der wünschte, er würde sich wünschen, nach Hause zurückzukehren.“

So beginnt die Lebensgeschichte von Max Hansen, erzählt von dem norwegischen Autor Johan Harstad in dem Roman mit dem Titel Max, Mischa & Die TET-Offensive (VÖ April 2019). Harstad, Jahrgang 1979, kam wie sein Held im Buch in Stavanger zur Welt. Dieser Roman hat, ich sage es besser gleich, 1242 Seiten, aber es lohnt sich sehr, dieses großartige Werk zu lesen.

 

 

Der Roman gliedert sich in vier Teile, der erste beginnt und der vierte endet im Jahr 2012, beide erzählt aus der Sicht von Max, der es inzwischen zu einem erfolgreichen Theaterregisseur gebracht hat und gerade mit einer Theatergruppe durch die USA tourt; aufgeführt wird das Stück Better worlds Through Weyland-Yutani. Die beiden zentralen Buchteile zwei (S.131-660) und drei (S.663-1151) erzählen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven das Leben von Max – von den ersten, zunächst sehr schwierigen Jahren im neuen Land, in der Schule, von der Begegnung mit dem jüdischen Mitschüler Mordecai, der sein bester Freund werden sollte und dem Kennenlernen der sieben Jahre älteren Künstlerin Mischa, die über sechzehn Jahre seine Lebensgefährtin werden sollte – und schließlich von seinem Onkel Owen, dem Bruder seines Vaters, der schon in jungen Jahren Norwegen verlassen hat und, weil er keinen anderen Weg gesehen hatte, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erhalten, am Vietnam-Krieg teilnahm, weshalb es zum Bruch mit seiner Familie gekommen war.

Und das sind die wesentlichen Themen, die in diesem Roman verhandelt werden: Auswanderung, das Böse, Gier, Krieg, Heimat, Zeit-Sterben-Tod, Erinnerung, Freundschaft, Homosexualität, Scheidung, Zufall, Musik (das ist ein ganz wichtiges Thema, Musik als Lebensbegleiter, als Soundtrack zum Leben) Kapitalismus, Entmietung (das Apthorp, ein riesiges Gebäude, in dem preiswertes Wohnen wegen der Mitpreisbremse möglich war, wird verkauft, es war über viele Jahre Heimat für Owen, Max und Mischa), Zukunft und vor allem die Frage: Hat Samuel Beckett recht, wenn er sagt: NICHTS ZU MACHEN? Das Thema „Kann der Mensch etwas machen“ zieht sich durch das ganze Buch, und Max scheint in seinem Leben immer wieder erfahren zu haben, dass man nichts machen könne: gegen Auswanderung, gegen Heimatverlust, gegen Krieg und Tod, gegen den Verlust geliebter Menschen usw. Endet das Buch in Resignation oder doch mit der Möglichkeit des Aufstehens, des Aufbruchs?

 

Bezüglich des Soundtracks zum Buch seien für heute zunächst folgende im Buch erwähnte Titel genannt:

 

The Doors: „I Can´t See Your Face in My Mind“ / „Summer’s Almost Gone“ / „When the Music’s Over“ / „The End“

Miles Davis: „Bitches Brew“

Ry Cooder: „Paris, Texas“

Crosby, Still, Nash & Young: „Ohio“

Neil Diamond: „Coming to America“

Thelonious Monk Quartet with John Coltrane at Carnegie Hall

Bruce Springsteen: „Born to Run“

Harald Sœverud: „Kjempeviseslåtten (Ballad of Revolt)“

Percey Sledge: „When a Man Loves a Woman“

Duke Ellington: „Take The A-Train“

Simon and Garfunkel: „The Only Living Boy in New York“

Maurice Ravel: „Gaspard de la Nuit“

Sonic Youth: „Hyperstation“

Jane’s Addiction: „No One´s Leaving“

Miles Davis, Hank Jones, Sam Jones & Art Blakey Cannonball Adderley: „Somethin‘ Else“

 

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 5)

 

Im September letzten Jahres wurde in Villingen richtig groß gefeiert, das MPS-Studio wurde 50 Jahre alt. Der Techník-Chef von SABA, Hans Georg Brunner-Schwer, hatte 1968 den Schritt gewagt vom Privat-Studio in seinem Wohnhaus hin zu einem großen professionellen Studio.

Zum Jubel-Fest am 7. September 2018 wurde eine fette Doppel-Langspielplatte herausgebracht: Junges Forum 65, Unreleased Tapes From The MPS Studio, mit dabei: Benny Baily, Rolf Kühn, Hans Koller, Stuff Smith, Jimmy Woode, Tubby Hayes, Roger Guérin, George Gruntz, Leo Wright, Erich Kleinschuster, Michael Hausser and others. Es handelt sich um Aufnahmen, die während des 40. NDR-Jazzworkshops am 1. und 2.Juli 1965 in der Vestlandhalle in Recklinghausen gemacht und bisher nicht veröffentlicht wurden (warum nicht? – das ist auch Michael Laages, der die Liner-Notes schrieb, ein Rätsel).

 
 

 
 

Angefangen hatte alles 1961 mit der Entwicklung des SABAmobils (siehe Foto), das 1963 als bahnbrechende Sensation auf dem Markt kam. Das SABAmobil war ein Vorläufer eines Kassettenrecorders, eigentlich eine Kombination aus Kassettengerät und Autoradio.

 
 

 
 

Für die speziell entwickelten Kassetten nahm H.G. Brunner-Schwer die Musik selbst auf. Das war streng genommen der Beginn der SABA-Musikproduktion. Von Beginn an mit dabei Wolfgang Dauner, Albert Mangelsdorf, Hans Koller, Horst Jankowski und bald auch – 1963 – Oscar Peterson. Aber erst 1968 kam es zur Gründung des MPS-Labels. Immerhin umfasste der SABA-Jazz-Katalog zu diesem Zeitpunkt bereits 80 Titel.

Dem Familienunternehmen SABA allerdings ging es damals gar nicht gut, nur große Firmen, wie etwa der Konkurrent GRUNDIG, hatten noch Chancen auf Selbstständigkeit. SABA war auf den Einstieg des amerikanischen GTE – Konzerns angewiesen, die Musikproduktion wurde allerdings ausgegliedert, sie war für GTE nicht von Interesse.

Wer sich für die wunderbaren SABA-Geräte aus dieser Zeit interessiert, der mag das Franziskaner-Museum in Villingen aufsuchen – hier findet man eine kleine Auswahl sehr schöner SABA-Geräte – oder besser gleich ins nahe Villingen gelegene St. Georgen reisen und das Deutsche Phono-Museum aufsuchen. Hier findet man nicht nur alles über die Erfindung und Ursprünge der mechanischen Schallaufzeichnung – man kann etwa ein Modell des mechanisch zu betätigenden Edison-Phonographen (1880) bewundern, sondern kann auch die Blütezeit des Grammophons in all seinen Ausprägungen nachvollziehen, die Geburt des Radios und des Plattenspielers erleben (Perpetuum Ebner / DUAL), die Entwicklung der ersten Tonbandgeräte verfolgen –  von SABA bis REVOX – hin zu High-Fidelity und HIGH END.

 
 

 
 

Es gilt die ersten „Disco-Lichtspiele“ über Grammophon (1920!) zu bewundern, man kann Jukeboxen, SABA-Geräte, die ganze DUAL- und PE-Entwicklung bestaunen, bis hin zur Gegenwart und dem erfreulichen Neustart der Plattenspielerproduktion von PE und THORENS in St.Georgen.

 

Zurück in Villingen:

 

2010 erhielt das MPS-Studio vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg den Titel „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“. Der Förderverein MPS-Studio Villingen e.V. bemüht sich um die Erhaltung des Studios und führt auch wieder Tonaufnahmen durch. Das sind doch mal gute Nachrichten!

Und hier kann man die Lichtmaschine aus dem Jahre 1920 in Aktion erleben:  DSCN7905

Er wurde 1911 in Mississippi geboren, seine Mutter zog mit ihm von Plantage zu Plantage, er begann Maultrommel zu spielen, dann Mundharmonika, erst dann entdeckte er sein Instrument: die Gitarre. Nach dem Tod seiner jungen Ehefrau verschrieb er sich dem Blues. 29 Songs nahm er auf, das war in den Jahren 1936 und 1937. Mit 27 Jahren starb er, an einer Vergiftung? An den Folgen einer Schlägerei? Der Ich-Erzähler einer Geschichte mit dem Titel “Dark Was The Night“ gibt es eines Tages auf, über das Leben von Robert Johnson zu forschen, zu viele Anekdoten, zu wenig ist über sein Leben bekannt, also hält er sich an seine Musik und versucht das ganz große Rätsel zu lösen: Robert Johnson hatte nur 29 Titel eingespielt, dreizehn davon ein zweites Mal, es gab also 42 Aufnahmen, aber seit unser Erzähler1966 zum ersten Mal davon gehört hatte, dass es von Johnson einen dreißigsten Song geben müsste, hatte er sein Lebensthema gefunden: die Suche nach dem dreißigsten Song von Robert Johnson.

Am 2. August habe ich hier das Buch Vintage von Grègoire Hervier zu lesen empfohlen. Für den Sammelband “Soundcheck – Geschichten für Musikfans“, ausgewählt von Christine Stemmermann, steuerte Grègoire Hervier die Erzählung “Dark Was The Night“ bei, die letzte von neunzehn Erzählungen dieses Buches aus dem Diogenes-Verlag, zehn von ihnen wurden anderen Erzähl-Sammlungen entnommen, bei neun handelt es sich um Ausschnitte aus Romanen (was übrigens erstaunlich gut funktioniert).

 
 

 
 

Die Reihe hochinteressanter Musikgeschichten beginnt mit einer Erzählung von T.C. Boyle: ein gerade Verstorbener ist auf der verzweifelten Suche nach dem Hardrock-Himmel.

Rachel Joyce erzählt in “Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie“ von dem Besitzer eines Plattenladens, Frank, der für jeden die Musik vorrätig hat, die er gerade braucht, verkauft freilich ausschließlich VINYL. Eines Tages kommt ein Mann in den Laden, der eine bestimmte Musik sucht, aber er mag nur Chopin hören mag, doch Frank überrascht ihn mit ganz anderer Musik.

In “Becks letzter Sommer“, einer Erzählung von Benedict Wells, geht es um einen Lehrer, der die Fächer Deutsch und Musik am Georg-Büchner-Gymnasium unterrichtet. Gerade eben noch musste er in der chaotischen 11b eine Musikstunde halten, als ihm ein Schüler einfach seine geliebte Fender Stratocaster entwendet und ein atemberaubendes Solo hinlegt.

Nick Hornby schreibt in “I´m Like a Bird“ über ein Phänomen, das auch ich seit meinem zehnten Lebensjahr nur zu gut kenne: da hört man einen Song im Radio und muss das Musikstück immer und immer wieder hören, was bedeutet, dass man es entweder mit dem Tonband aufnehmen oder sich die Platte kaufen muss (wir befinden uns in einer Zeit, in der es noch keine Streaming-Dienste gab). “Speedy Gonzales“ von Pat Boone war für mich so eine Single, die ich nicht genug hören konnte. Die Vorstellung, den Song einmal nicht mehr hören zu wollen, war vollkommen abseitig. Und dennoch geschieht es natürlich immer wieder, es passiert eben doch, dass man eines Tages diese Musik nicht mehr hören kann. Nick Hornby zitiert den großen Erzähler Dave Eggers, der die Theorie vertritt, dass Menschen, die sich Songs wieder und wieder anhören müssten, das nur täten, weil sie die Musik „knacken“ müssten, bis sie sie eines Tages nicht mehr hören könnten. Hornby beschreibt das am Beispiel von „I´m Like a Bird“, einem Lied von Nelly Furtado. Dieser Song habe in ihm, Nick, die Sucht geweckt, dieses Stück immer und immer wieder zu hören. Ich habe mir diesen Song angehört und … nichts, er gefällt mir überhaupt nicht, spricht mich nicht an. Auch das ein interessantes Phänomen.

Der Erzählband “Soundcheck“ hat mich allerdings nicht nur angesprochen, er hat mich begeistert: Neben den eben genannten Autoren, finden sich hier auch Erzählungen von Julio Cortàzar, Haruki Murakami, Rob Sheffield und vielen anderen.

Mir persönlich am liebsten ist allerdings doch die Geschichte von Grègoire Hervier “Dark Was The Night“. Zur Lektüre empfehle ich natürlich die Originalsongs von Robert Johnson aufzulegen.

 
 

Denn das Haus ist unser Winkel der Welt.“

Das Haus beschützt die Träumerei, das Haus umhegt den Träumer, das Haus erlaubt uns, in Frieden zu träumen.“

Das Haus (ist) für die Gedanken, Erinnerungen und Träume des Menschen eine der großen Integrationsmächte…“

Wenn man vom Elternhaus träumt, in der tiefsten Tiefe der Träumerei, dann hat man an dieser ersten Wärme teil, an dieser wohltemperierten Materie des materiellen Paradieses.“

Wohlgemerkt, dem Haus ist es zu danken, daß eine große Zahl unserer Erinnerungen `unterge-bracht´ sind.“

Alle Zitate aus: BACHELARD, Gaston: Poetik des Raumes, München 1960

 

Es war ja schon einigermaßen ungewöhnlich, dass der Autor einen Roman geschrieben hat – Gegen die Welt -, in dem es bis zur Unlesbarkeit verblasste Schrift und leere Seiten zu bewundern gibt, ebenso zweigeteilte Seiten, zwei Handlungsstränge laufen 155 Seiten parallel, jeweils auf den Buchseiten oben und unten. Und nun das „Wendebuch“. Hält man das Buch so in der Hand, dass das orangene Lesebändchen nach unter fällt, hat man es mit dem Buch “Ein Haus auf dem Land“ zu tun, dreht man das Buch, das Lesebändchen ist nun unten befestigt und ist nach oben zu legen, kann man jetzt mit dem Buch “Eine Wohnung in der Stadt“ zu lesen beginnen. Dieser Buchteil hat 232, jener 189 Seiten.

Die Rede ist von Jan Brandt (*1974 in Leer/Ostfriesland) und seinem neuen, großartigem Buch Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen (VÖ Mai 2019). Kennengelernt habe ich das Werk von Jan Brandt über den außergewöhnlichen, fabelhaften Roman Gegen die Welt (VÖ Nov.2011; siehe auch “Gregor öffnet seinen Bücherschrank vom 03.01.2012“). Es folgten die Bücher Tod in Turin (März 2016), Stadt ohne Engel: Wahre Geschichten aus Los Angeles (Sept.2016) und Der magische Adventskalender (Nov.2018; siehe auch “Gregor öffnet seinen Bücherschrank vom 05.12.2018“).

 

 

 

 

 

 

Meine Lektüre habe ich mit dem Buch “Ein Haus auf dem Land – Von einem der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden“ begonnen. Jan Brandt erzählt die Geschichte zweier Brüder, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ihr Glück in den USA suchten, der eine, Arend, fand es tatsächlich, sein Glück, und blieb, der andere Jan Brandt, der Urgroßvater des Autors, kehrte nach sechs Jahren zurück in die Heimat. Auf einer USA-Reise im Jahre 2013 versuchte der Autor Spuren seiner Vorfahren zu entdecken, er berichtet davon in diesem Buch.

Drei Jahre später – Jan Brandt bemüht sich verzweifelt eine bezahlbare Bleibe in Berlin zu finden – erfährt er, dass in Ihrhove – ein Ort, der in der alten Heimat des Autors zu finden ist – das urgroßväterlich Haus, ein Gulfhof, erbaut 1863, zum Verkauf stehe. Der Urgroßvater hatte hier einen blühenden Kolonialwarenladen betrieben und in dem Haus bis zu seinem Tod 1931 auch gelebt. Der Großvater bot das Haus dann 1951 zum Verkauf an. Ein Drogist kaufte schließlich das Anwesen, das nun nicht mehr nicht in Familienbesitz war. Dieser Drogist, Jürgen Thurau, war der letzte Drogist des Dorfes. Das Haus sollte später Vorbild für die Drogerie Kuper in Brandts Roman Gegen die Welt werden. Brandt schreibt über die Geschichte dieses Hauses, in dem er ja nicht aufgewachsen ist, das aber dennoch in diesem Buch für eine gewisse Verwurzelung, Verortung, für einen Sehnsuchtsort steht, in einer Zeit, in der – siehe eben nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern nun auch hier in Ihrhove – alles Alte nutzlos geworden ist, weil es nicht genügend Geld einbringt und deshalb abgerissen wird. Besonders anschaulich wird das dem Leser vor Augen geführt in einer Aufzählung geschichtlicher und kultureller Ereignisse. Was ist in der Zeit, in diesen 150 Jahren, in der dieses Haus in Ihrhove steht, in der Welt passiert, beginnend mit dem Sezessionskrieg in den USA, der Ermordung Abraham Lincolns und endend mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA und den Demonstationen der Frauen für Frauenrechte, für Menschenrechte, für Respekt, Tolerenz und Demokratie, das zählt Jan Brandt auf 34 Seiten in einem einzigen Satz auf. „Und die Zeit wurde hier zum Raum“ (S.103).

Mich erinnert diese Passage an das jüngste Buch von Richard Powers Die Wurzeln des Lebens, in dem der Autor schildert, was die jahrhundertealten Bäume alles “gesehen hätten“ und nun einfach aus Profitgier gefällt würden …

Brandt schildert nun, wie er sich bemüht, das urgroßväterliche Haus zurückzukaufen, um es vor dem Abriss zu bewahren. Anschaulich und sehr detailgenau werden diese Versuche erzählt, angereichert mit Fotos und Ansichtskarten und immer wieder mit Überlegungen zum Thema “Heimat“: wie wollen wir leben, welche Rolle spielt das Haus, die Wohnung, die Kontinuität. Was bedeutet es auf dem Land, im Dorf zu wohnen, in dem es keinen Ortskern mehr gibt, nur noch den Lidl oder den Aldi am Ortsrand, sonst nur noch leerstehende Geschäfte, was heißt es in der Großstadt zu leben, in der, wie der Immobilienmarkt Berlins verdeutlicht, Wohnen vollends zur Ware geworden ist?

 

 

 

 

 

 

Diese Frage führt zur Lektüre des Zweiten Buches (übrigens auch das reich bebildert).

“Eine Wohnung in der Stadt – Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen“ beginnt mit der Erzählung vom Ende des Aufenthaltes in London und der Suche nach einer neuen Heimat in Berlin (1998/1999): „Die Sehnsucht nach Freiheit und die Sehnsucht nach Sicherheit sind die Fliehkräfte meines Lebens“ (S.47) Jan Brandt wohnt zunächst in WGs, die Mieten sind in dieser Zeit durchaus noch zu bezahlen, das Leben interessant, abwechslungsreich, viele neue Bekannte und Freunde, man beginnt sich heimatlich zu fühlen. Es folgen zwei Jahre in München, auch hier wohnt Jan Brandt in einer WG. Zurück in Berlin wächst der Wunsch nach einer eigenen Wohnung, nach Ruhe, um schreiben zu können.

Erzählt wird nun die Geschichte eines Hauses am Landwehrkanal in Kreuzberg, in dem der Autor eine 100 Quadratmeter-Wohnung im Hinterhaus für 625 Euro beziehen kann. Allerdings stellt sich alsbald heraus: es gibt Probleme, Ratten, der Keller, die Treppen, überhaupt das ganze Haus ist in einem betrüblichen Zustand, der Vermieter sollte wirklich etwas tun. Da kaum etwas geschieht, sieht sich unser Autor gezwungen, die Wohnung zu verlassen und in eine wenige Straßen entfernte Unterkunft zu ziehen (2005-2007).

Kaum fühlt sich unser Autor einigermaßen heimatlich, folgt die Kündigung dieser Wohnung aus Gründen des Eigenbedarfs. Die nun folgenden Kapitel beschäftigen sich abwechselnd mit der Wohnungssuche, bzw. den Besichtigungen von Wohnungen, die man dann ohnehin nicht bekommt und der Detektivarbeit des Autors, die Eigenbedarfskündigung zu entkräften.

Dargestellt wird in diesem Buch, wie innerhalb von nur 20 Jahren die Anzahl bezahlbarer Wohnungen in Berlin gegen Null tendiert und Wohnen vollends zur Ware in den Händen von Investoren und Spekulanten wird. „Berlin war keine Heimat, sondern ein Provisorium geworden, ein Ort des Übergangs“, schreibt der Autor.

„Während ich mit meinen zwei Koffern durch die Straßen zog, von einem Provisorium zum anderen, sehnte ich mich nach Beständigkeit, danach, endlich irgendwo anzukommen, in der Zukunft oder in der Vergangenheit.“

 

Zur Musik, die in diesem außergewöhnlichem Buch erwähnt wird, Jan Brandt nennt vier Titel.

 

Herr Nilsson: “Hartes Brot“ auf Liebesleid und Fischigkeit, Berlin 1998

Herr Nilsson: “Unser Dorf“ auf Herr Nilsson ist ausgezogen, Berlin 1999

Knarf Rellöm: “Ihr Seid Immer Nur Dagegen, Macht Doch Mal Bessere Vorschläge“, auf: Bitte vor R.E.M. Einordnen, Hamburg 1997

Ton, Steine, Scherben: “Rauch-Haus-Song“, auf Keine Macht für Niemand, Berlin 1972

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 4)

 

Übrigens arbeiteten nicht nur SABA / MPS und J.E. Berendt eng zusammen, sondern auch MPS und Achim Hebgen (geb. 1943 in Berlin, 2012 in Freiburg gestorben). Berendt und Hebgen waren damals gemeinsam in der SWF-Jazzredaktion (heute SWR) tätig, machten sich um die Musiktage von Donaueschingen verdient und produzierten eben auch Schallplatten. Während des Berlin Jazz Festivals im November 1971 nahmen die beiden zum Beispiel Don „Sugar Cane“ Harris ‎auf: die unfassbar gute Platte mit dem Titel Sugar Cane’s Got The Blues. Mit dabei Volker Kriegel, Robert Wyatt, Neville Whitehead und Terje Rypdal (siehe auch Plattenschrank 156 und 185). Gemeinsam produzierten Hebgen und Berendt auch Schallplatten für Association P.C. – etwa die Platte Rock Around The Cock, ein Album aus dem Jahre 1973, mit Toto Blanke, Sigi Busch, Pierre Courbois, Joachim Kühn und Karl-Heinz Wiberny. Aufgenommen wurde diese MPS-Platte – Überraschung! – von Conny Plank (er ist auch bei mehreren anderen MPS-Produktionen als Tonmeister mit dabei).

Aus der Fülle wunderbarer Platten aus dem Hause SABA/MPS möchte ich an dieser Stelle noch fünf weitere herausragende Produktionen nennen:

 
 

 
 

Tony Scott and Indonesian All Stars: Djanger Bali (SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt / Willi Fruth) – Leider wird die Platte sehr teuer gehandelt, sie ist kaum unter 150,00 Euro zu haben, immerhin kann man sich das eine oder andere Stück auf youtube anhören.

Dewan Motihar Trio, Irene Schweizer Trio, Manfred Schoof, Barney Wilen: Jazz Meets India (SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt /H.G.Brunner-Schwer) – Als LP ist die Scheibe ziemlich teuer, aber als CD wurde sie 2012 wieder veröffentlicht und ist zum Normalpreis käuflich zu erwerben.

Hampton Hawes: Hamp’s Piano (mit Eberhard Weber und Claus Weiss – SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt) 2011 wurde diese wunderbare Platte wieder veröffentlicht.

Baden Powell: Poema On Guitar (mit Eberhard Weber und Charlie Antolini – SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt / Willi Fruth) Wer diese großartige Platte sucht, wird sie unter dem Titel “Tristeza – Poema – Canto – Images On Guitar – The Legendary MPS Records“ finden. 2008 veröffentlichte MPS-Records (Universal Music) eine Doppel-CD mit ebendiesen vier Baden-Powell-Platten (Original Recording Remastered).

 
 

 
 

Albert Mangelsdorf and Friends – Don Cherry, Karl Berger, Wolfgang Dauner, Lee Konitz, Attila Zoller (SABA-Tonstudio 1969, J.E.Berendt). Die Schallplatte wurde 1990 wieder veröffentlicht und ist zu einem vernünftigen Preis zu haben.

 
 

Am 13.4.19 gab Jan Reetze in einem Kommentar zu meinen Text „Musik Produktion Schwarzwald (Teil 3)“ drei weitere Plattentipps, die ich hier, damit sie nicht übersehen werden, weitergeben möchte (ich gebe es zu, ich habe diese Platten inzwischen gekauft).

Jan schrieb: „Vielleicht noch der Hinweis auf drei sehr schön kompilierte Sampler: 1999 bzw. 2000 sind veröffentlicht worden zwei CDs namens Before and Beyond the Black Forest, eine andere erschien ebenfalls 1999 mit dem Titel Supercool. Bei allen drei besteht die akute Gefahr, dass man sich sofort die Originalalben zulegen möchte“.

Auch eine schöne Vorstellung: Einmal unerreichbar sein, ganz für sich. Nur der Turm und das Meer. Leichtturmwärter, das wär´s doch!

 

Natürlich bot die Laterne einen großartigen Blick aufs Meer, den jene Wärter genossen, deren Sinn für die Schönheit des Ozeans noch nicht abgestumpft war. Isolation ist das augenfälligste Merkmal von Leuchttürmen. So wurde etwa der mehr als 30 Kilometer vom Land entfernte Leuchtturm Stannard Rock (1883) im Lake Superior als  „einsamster Ort der Welt“ bezeichnet. (S.124).

 

Diesen Hinweis auf einen radikalen Rückzugsort entnahm ich dem kürzlich im DuMont-Verlag erschienenem Buch “WÄCHTER der SEE“, ein herrliches, ein wunderbares Buch, das mir viele ganz spezielle Abende beschert hat. “WÄCHTER der SEE“ ist ein Buch von R.G.Grant, es geht um die “Geschichte der Leuchttürme“. Dieses großformatige, ungeheuer liebevoll gestaltete Buch, in dem nicht nur Fotos und Baupläne der wichtigsten Leuchttürme der Welt und deren Geschichte zu finden sind, sondern auch Querschnitte der Türme, Zeichnungen, die Geschichte der Leuchtmittel, Leuchtturm-Zubehör und vieles mehr.

 
 
 

 
 
 

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel, sowie einen Prolog und einen Epilog. Im Prolog erfährt der Leser alles über den abenteuerlichen Bau des EDDYSTONE-TURMS – die Arbeiten begannen 1696 . Im Epilog, wer hätte es anders erwartet, geht es um DAS ENDE EINER ÄRA; ein eher trauriges Kapitel.

Im ersten Kapitel wird uns die Geschichte des Leuchtturms erzählt, “WUNDER DER TECHNIK“, im zweiten das gefährliche Metier des Leuchtturmbaus “IM KAMPF MIT DEN ELEMENTEN “, im dritten die Entwicklung von Lampen und Linsen “EIN LICHT IN DER DUNKELHEIT“, und im vierten, menschlich sehr bewegenden Kapitel, die Höhen und Tiefen im Leben der Leuchtturmwärter, „DIE HÜTER DES LICHTS“.

Ein Buch mit 160 Seiten, 250 farbige Abbildungen, 100 s/w Abbildungen, erschienen im Originalverlag: Thames & Hudson Ltd, London 2018, Originaltitel: Sentinels of the Sea. A Miscellany of Lighthouses Past.

Das Buch ist dermaßen schön gestaltet, dass es eigentlich mit Preisen überhäuft werden müsste, aber, wer liest schon ein Buch über Leuchttürme?!

Der Verlag schreibt u.a.: „Wächter der See erzählt von den Anstrengungen und technischen Meisterleistungen, die es möglich machten, selbst auf den kleinsten Felsvorsprüngen und sogar mitten im Meer Bauwerke von enormer Größe und Stabilität zu errichten. Es beschreibt das wichtigste Element der Türme – das Licht – und seine Entwicklung vom schwachen Kerzenschein hin zu weitreichenden gebündelten Strahlen. Es berichtet von Schiffbrüchen und heldenhaften Seenotrettungen und nicht zuletzt von der großen Verantwortung und dem isolierten Leben der Leuchtfeuerwärter.“

 
 
 

 
 
 

Und natürlich braucht es die richtige Musik, die den Leser begleitet. Ich habe mich für die Musik von James Yorkston entschieden. Yorkston, ein schottische Singer/Songwriter lebt am Meer, in einem kleinem Fischernest nördlich von Edinburgh. Meine Lieblingsplatte von ihm begleitete mich durch das Buch: Moving Up Country. Übrigens soll Philip Selway über den Musiker gesagt haben:

 

„James Yorkstons Musik zu hören, ist für mich in etwa so, als wenn man am Rand einer Party auf eine interessant aussehende Person trifft. Bevor man sich versieht, hat man den ganzen Abend damit verbracht, sich von ihren Geschichten fesseln zu lassen.“

Am 16. April wurden die diesjährigen Preisträger des Pulitzer Prize bekannt gegeben. Mit großer Freude konnte ich lesen, dass Richard Powers für seinen Roman “The Overstory“ (“Die Wurzeln des Lebens“) den Preis in der Kategorie Belletristik gewonnen hat. Kürzlich erst habe ich dieses Buch gelesen und ihm viele Leser gewünscht. Wieder einmal hat Powers einen großartigen Roman geschrieben, der nicht nur der Unterhaltung dient, sondern aufrütteln soll, es ist ein Plädoyer für Bäume. Und man lernt sehr viel über Bäume in diesem Buch. Powers hat sich einmal mehr in ein weiteres Thema gründlich eingearbeitet. Stellenweise erinnert der Roman an ein Sachbuch über Bäume, was durchaus positiv gemeint ist. Im Oktober 2015 habe ich im Zusammenhang mit Olivier Messiaen seinen Roman Orfeo (Frankfurt 2014) empfohlen, auch ein ganz großer Roman, in dessen Mittelpunkt die Musik steht. Erinnert sei auch an seine Werke „Das Echo der Erinnerung“ und „Der Klang der Zeit“. Nun erschien Ende letzten Jahres “Die Wurzeln des Lebens“. Powers, geboren am 18. Juni 1957 in Evanston, Illinois, möchte in diesem Buch zeigen, dass der Mensch, der sich doch so gerne für die Krone der Schöpfung hält, gerade dabei ist, seine eigenen Existenzgrundlagen zu zerstören. Seine Profitgier macht ihn blind, sodass er den Zusammenhang von Mensch und Natur nicht mehr sieht. Er nimmt nicht mehr wahr, dass alles miteinander verwurzelt ist und wir – die Natur und der Mensch voneinander abhängig sind. Obwohl – streng genommen braucht uns die Natur nicht, aber wir sie, um atmen und leben zu können.

 
 
 

 
 
 

Wenn man den 624 Seiten umfassenden Roman aufschlägt und zu lesen beginnt, meint man zunächst einen Band mit Erzählungen vor sich zu haben oder einen zweiten “Wolkenatlas“ (David Mitchell). Powers hat seinen Roman in vier Großkapitel unterteilt, die zusammen genommen einen Baum darstellen: Beginnend mit den Wurzeln, dann der Stamm, gefolgt von der Krone und schließlich die Samen. Im Großkapitel “Wurzeln“ werden uns zunächst ganz unterschiedliche Geschichten erzählt, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben, außer, dass sie alle irgendwie Bäume thematisieren. Da lesen wir etwa von Nicholas Hoel, Urururenkel von John, dessen Vater einst Norwegen verlassen hat, um in Iowa ein neues Leben zu beginnen. Auf dem Gebiet seiner Farm pflanzte er einen Kastanienbaum, der für seine Familie eine besondere Bedeutung haben sollte. Er begann die Tradition mit seiner Kamera von einem bestimmten Standpunkt aus jeden Monat ein Foto von diesem Kastanienbaum zu fotografieren. Dieses Ritual wurde von seinen Kindern und Kindeskindern fortgeführt, bis schließlich 900 Baum-Fotografien das Leben dieses einen Baumes zeigen. Nicholas Hoel wird dieses 900-Fotografie starke Daumenkino in seinen Händen halten, als er die am Ende heruntergekommene Farm seiner Vorfahren ausräumen muss. Eine andere Geschichte handelt von Neelay Mehta, der gelähmt im Rollstuhl sitzt, weil er als Junge vom Baum gefallen ist. Jetzt arbeitet er als Entwickler von Computerspielen, in denen die Natur eine wichtige Rolle spielt, die Geographie, das Klima, die Rohstoffe. Die Gegenspieler: Konquistadore, Immobilienhaie, Technokraten usw. Oder die Erzählung von Patricia Westerford, einer Biologin. Sie entwickelt eine Theorie vom Wald als einem sozial interagierenden System. Natürlich macht sich alle Welt über sie lustig, viel später allerdings sollten ihre Texte zumindest unter Umweltschutzaktivisten Anerkennung finden. Fünf weitere Geschichten werden uns in diesem ersten Teil des Romans erzählt, bevor sie sich alle im Großkapitel “Stamm“ miteinander verbinden, um sich in der Krone wieder voneinander entfernen.

Richard Powers hat in seinem Buch durchaus reale Ereignisse aus den Neunzigerjahren verarbeitet, damals gab es in den USA tatsächlich hartnäckige Baumbesetzungen, großangelegte Aktionen gegen Kahlschläge, gegen Holzfirmen und riesige Demonstrationen. Mich erinnert all das an ein Ereignis, das erst vor ein paar Monaten die Nation bewegte: Der Kampf um den Hambacher Wald. Und, vor ein paar Jahren gab es mitten in Stuttgart eine Menge Menschen die um den Erhalt Bäumen kämpfte, es ging im Zusammenhang von Stuttgart 21 um mehr als 280 alte Bäume, mit bis zu fünf Metern Stammumfang, die gefällt werden sollten und nun auch längst umgehauen worden sind. Johannes Kaiser besprach für DeutschlandRadio-Kultur das Buch und kam zu dem Schluss: „Powers ist erneut das Kunststück gelungen, Forschungsergebnisse in aufregende und faszinierende Literatur zu verwandeln. Und er stellt dabei die grundsätzliche Fragen nach unserer Verantwortung für die Natur, nach Solidarität, Opferbereitschaft, Freundschaft und Empathie. „Wurzeln des Lebens“ ist ein poetischer Roman, der berührt, fasziniert, erschreckt und staunen macht.“

Musik spielt in diesem Roman übrigens keine Rolle, jedenfalls nicht Musik im engeren Sinne verstanden, John Cage würde natürlich überall Musik entdecken: im Rauschen des Waldes, im Klang der Kettensäge, im Pfeifen des Windes und im Trommeln des Regens. Mich erinnert all das an eine Sendung von Michael, als er vor zwölf Jahren, am 8.Januar 2007, in seinen Klanghorizonten eine geniale Zusammenstellung zweier Platten präsentierte, diese Komposition ist für mich der Soundtrack zum Buch Zunächst wurde von “Chris Watson – BJ Nilsen“ aus der CD “Storm“ das über fünfzehnminütige Stück “Austrvegr“ gespielt und im Anschluss daran legte Michael die damals gerade erschienene Platte “Fly High Brave Dreamer“ von Chris und Carla auf.

 
 
 

 
 
 

Ein Zitat aus dem Buch zum Schluss:

„ … ich schlage eine Faustregel vor: Wenn Sie einen Baum fällen, dann muss das, was Sie daraus machen, mindestens so großartig sein wie das, was Sie zerstören“ (S.559)

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 3)
 

Wenn man sich näher mit dem Thema `MPS´ beschäftigen möchte, kommt man an einem Buch nicht vorbei: Klaus-Gotthard Fischer: „Jazzin‘ The Black Forest“, The Complete Guide to SABA / MPS – Jazz Records, SABA/MPS – Geschichte eines Jazzlabels (German / English). Hier findet man die MPS-Story mit dem kompletten Verzeichnis aller 700 LPs, inklusive Cover-Abbildungen, sowie zwei ausführlichen Interviews mit Hans Georg Brunner-Schwer und Joachim Ernst Berendt.

 
 
 


 
 

 

Das Buch erschien 1999 zum Preis von DM 99,90, heute ist das Werk leider längst nicht mehr zu haben, nur noch antiquarisch, der Preis liegt zwischen 180,00 Euro und 500,00 Euro. Es gibt Grenzen. Und es gibt Bibliotheken, so habe ich mir das Buch über Fernleihe in einer Stadtbibliothek ausgeliehen. Es hat sich mehr als gelohnt, das Werk ist eine Goldgrube. Klaus-Gotthard Fischer, der mit Ilse Storb 1990 das Buch“ Dave Brubeck. Improvisationen und Kompositionen. Die Idee der kulturellen Wechselbeziehung. Mit einer Diskographie“ herausgegeben hat, leistete hier ganz Arbeit. Fischer ist eben auch ein passionierter Sammler, er verfügt über eine vollständige Sammlung der Jazzplatten von SABA / MPS. Die 78 Seiten genauester diskographischer Daten begeistern den Plattensammler. Genannt werden Datum, Musiker- bzw. Formationsname, Aufnahmeort, Aufnahmelokalität, Toningenieur, beteiligte Musiker mit Instrumentenangabe, Musikstücke, Komponisten, Laufzeit; Titel, Produzent und Jahr der Veröffentlichung der Originalschallplatte; Verfasser der Erläuterungen (Liner Notes) auf der Plattenhülle; Ausgaben, Bestellnummern Originalausgaben bzw. Äquivalentausgaben (In- und Ausland); Compliation- Sampler-Ausgaben und schließlich Bemerkungen zur Aufnahmesitzung und zu den Plattenveröffentlichungen, abweichende Titel von Äquivalentausgaben, Auszeichnungen, Preisverleihungen usw. Hinzu kommen noch das voll-ständige Register aller 700 LPs inklusive Cover-Abbildungen, alphabetische Register der LP / CD Titel, der Musiker und Formationmen. Eine unglaubliche Fundgrube. Ein Beispiel: J.E.Berendt erzählt in einem Interview, das der Autor des Buches mit ihm geführt hat, von einer Aufnahme-session mit Ben Webster und Don Byas: „Der eine ist wohl der größte Tenorsaxophonist, der je bei Duke Ellington gespielt hat, der andere war eng mit Count Basie verbunden – beide von ihren leaders gefeuert, weil sie zu viel tranken. … Wenn ich Don und Ben ihre unbegleiteten Soli spielen höre, kommen mir die Tränen, sie erzählen die ganze Tragödie, den ganzen Schmerz ihres Lebens. Was ich damals über Ben´s Solo schrieb, gilt weiter: `Dieses Solo ist der ganze Ben Webster – es ist in jedem Takt, in jeder Note, in jedem Sound und Atemholen voller Emotion, voller Liebe und Einsamkeit, voller Sehnsucht und Verzweiflung, voll Heimatlosigkeit und Nirgendwohin-Gehören. Ben hatte auf der Fahrt nach Villingen immer wieder gefragt: Where should I Live? In Amerika seien seine Mutter und Großmutter kurz hintereinander gestorben – Everybody is dying now – und er habe niemanden mehr, auch Zuhause in Kansas City nicht; in Europa habe er Paris, Skandinavien, Amsterdam, London ausprobiert. Wohin soll ich noch gehen? All das schwingt in jedem Takt. Der Titel “When Ash Meets Henry“ ist so irreal wie die Musik. Ash ist einer der alten Jazzleute aus dem frühen Kansas City, Henry ist `a great Jazzfan in London´. Die beiden können niemals zusammenkommen – und dieses “Niemals und Nirgendwo“ fühlte Ben, als er sein Solo spielte. Nach der Aufnahme gingen Don und Ben mit Messern aufeinander los. Willi Furth und Hans Georg Brunner-Schwer hatten Angst, als sie die Messer sahen: „Solche Musiker bringen Sie mir aber nicht mehr ins Haus.“ Ich ging rüber ins Studio, drückte auf den Knopf, damit die beiden hören konnten, was sie gerade gespielt hatten. Da sahen sie sich an, umarmten sich und weinten – und dann lachten sie schallend. Ich wußte, daß ihr Zorn keine Wut aufeinander war, sondern auf die Welt, von der sie doch ein Leben lang erfahren haben: Sie ist nicht in Ordnung.“

 
 
 


 
 

 

Natürlich wollte ich die Platte unbedingt hören, als gebrauchte LP oder CD ist sie durchaus noch zu haben und ich möchte sie hier sehr empfehlen, eine wunderbare Platte! Die diskographischen Angaben in dem Buch „Jazzin‘ The Black Forest“ verraten folgendes: Die Aufnahmen fanden am 1.und 2.Februar 1968 im SABA-Tonstudio in Villingen statt, der Toningenieur war Rolf Donner, neben Webster und Byas spielten Tete Montoliu (p), Peter Trunk (b), Al `Tootie´Heath (dr) folgende Titel ein: Blues For Dottie Mae (Byas/Webster), Lullaby to Dottie Mae (Byas/Webster), Sundae (Cann-Miller-Krueger-Styne), Perdido (Duke Ellington- J.Tizol), When Ash Meets Henry (Webster), Caravan (Duke Ellington-J.Tizol). Der Produzent war Joachim Ernst Berendt, die Scheibe erschien 1968 bei SABA-Records, später noch bei MPS, MPS/BASF, PRESTIGE mit den Liner Notes von J.E.Berendt, in den Niederladen mit Erläuterungen von Mike Hennessy. Noch Fragen?

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 2)

Im letzten Jahr feierte man in Villingen das 50jährige Bestehen des legendären MPS-Studios. 1968 hatte Hans Georg Müller-Schwer seine Geschäftsführertätigkeit bei SABA beendet und konzentrierte sich nun ganz auf die Musikproduktion. Allerdings hatte er schon 1960 in seiner Villa (siehe Foto) ein Aufnahmestudio eingerichtet, in dem er im privaten Rahmen Musik aufnahm, sie wurde unter dem Namen SABA veröffentlicht. Bis zum Verkauf des Labels MPS im Jahre 1982 wurden hier über 600 Schallplatten aufgenommen. Der MPS-Katalog ging zunächst an Philips, dann an Universal Music, heute kümmert sich die Hamburger Edel AG um den MPS-Platten-Schatz.

 

 

Kleine Hausaufgabe, man schaue einmal seine persönliche Plattensammlung auf MPS-Produktionen durch, ich zumindest war erstaunt, wie viele Schallplatten aus der Brunner-Schwer-Produktion ich besitze, fünf Highlights (eine kleine MPS-Hitparade) seien genannt:

 

5. Red Garland: Auf Wiedersehen (mit Sam Jones und Roy Brooks. Im Mai 1971 ist Red Garland in den Schwarzwald gereist, um diese herrlichen Aufnahmen zu machen, eine typische Red-Garland-Platte, wunderbar!)

4. Oscar Peterson: Great Connection (mit Niels Henning Orsted-Pedersen und Louis Hayes, aufgenommen im MPS-Studio in Villingen im Oktober 1971)

3. Bill Evans: Some Other Time – The Lost Session From The Black Forest (mit Eddie Gomez und Jack DeJohnette – siehe Plattenschrank 184, Musik Produktion Schwarzwald Teil 1)

2. Volker Kriegel: Missing Link (für mich die beste Kriegel-Platte, ein Meisterwerk, mit Volker Kriegel, John Taylor, Cees See, Alan Skidmore, Heinz Sauer, Albert Mangelsdorff, Eberhard Weber, John Marshall und Peter Baumeister, aufgenommen im März 1972)

1. Don Sugar Cane Harris: Sugar Cane’s Got the Blues (eine Live-Aufnahme eines Konzerts von den Berliner-Jazztagen im November 1971, neben dem Meister an der Violine: Volker Kriegel, Wolfgang Dauner, Nevil Whitehead und Robert Wyatt)

 

Neben Jazzplatten nahm Brunner-Schwer auch klassische Musik auf, von Friedrich Gulda war hier schon die Rede, im Klassikkatalog von MPS konnte ich aber sogar eine LP mit Orgelmusik von Olivier Messiaen finden.

Und da MPS auch Geld verdienen musste, nahm man auch Tanz- und Unterhaltungsmusik auf.

 

 

Wie ich es im ersten Teil der MPS-Story schon erwähnte, hatte ich kürzlich die Gelegenheit das MPS-Studio zu besuchen. Das Studio sollte man auf dem ehemaligen SABA-Gelände an der Richthofenstraße finden. Zweimal umrundete ich das SABA-Grundstück, auf dem man sich streckenweise vorkommt, als wäre man auf dem alten CONTI-Fabrik-Gelände in Hannover: wunderschöne Ruinen, Zeugen einer besseren Zeit. Ich brachte mein Fotoapparat zum Glühen, bis mich jemand von einem Wachdienst fragte, was ich hier zu suchen hätte, klare Antwort: “Das MPS-Studio!“ Der Wachmann: “Wie jetzt MPS-Studio, nie gehört!“ In der Richthofenstraße 1/1, im Hinterhof einer Autolackiererei wurde ich fündig, ganz unspektakulär steht es da, das alte Haus, das derzeit renoviert wird, in dessen ersten Stockwerk das Studio untergebracht ist. Hier allerdings kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus.

 

 

Übrigens, Hans Georg Müller-Schwer starb 77-jährig nach einem Verkehrsunfall auf einem Zebrastreifen, keine 200m von seinem Haus entfernt, sein Mitstreiter und Weggefährte, Joachim Ernst Berendt, wurde beim Überqueren einer Straße in der Hamburger Innenstadt im Februar 2000 angefahren und tödlich verletzt, er starb 78-jährig.

 

 

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 1)

 

Vorgestern war es soweit, endlich, ich hatte die Gelegenheit das legendäre MPS-Studio in Villingen (Schwarzwald) zu besichtigen. Schon im Flur begrüßte mich Robert Wyatt, ein frühes Bild aus Softmachine-Zeiten. Aber dann das Studio, unfasslich, wahrscheinlich eines der ganz wenigen bestens erhaltenen Analog-Studios in Deutschland. Inzwischen stehen Studio und Inventar zum Glück unter Denkmalschutz. Eigentlich fing alles mit meiner Liebe zu alten Röhrenradios an. SABA hat in den fünfziger Jahren unglaublich gute Geräte hergestellt, hatte damals schon jahrelange Erfahrung mit dem automatischen Sendersuchlauf, hatte das magische Auge erfunden, das erste tragbare Tonbandgerät im Programm und vieles mehr. Geführt wurde die Traditionsfirma in den 60 und 70er Jahren von Hermann Brunner-Schwer (kaufmännisch) und Hans Georg Brunner-Schwer (technisch) unter dem wunderschön klingendem Namen SABA (die Abkürzung, für die SABA steht, weckt allerdings weniger romantische Assoziationen: Schwarzwälder Apparate Bau Anstalt August Schwer und Söhne). SABA baute damals auch hochwertige Aufnahmegeräte. Erinnert sei nur an das legendäre SABA 600 SH von 1965. Hans Georg Brunner-Schwer richtete sich Ende der fünfziger Jahre sogar ein Tonstudio in seiner Villa ein, in die er gerne Jazzmusiker einlud, mit ihnen tafelte und eben auch deren Musik aufnahm. Wenig später errichtete er in unmittelbarer Nähe zu seinem Haus ein Studio, so groß, dass sogar Duke Ellington mit seinem Orchester dort Platz fand. Ein Ampex-Bandmaschine mit 24 Spuren und entsprechende Mischpulte wurden eingebaut, ein riesiger Bösendorfer Imperial Flügel eingeflogen und dann fing man an, zunächst noch unter der Flagge von SABA, dann aber unter dem eigenen Label MPS, Music Production Schwarzwald, unvergessliche Aufnahmen zu produzieren. Recht früh mit dabei: Joachim Ernst Berendt, der hier auch erste Weltmusik-Experimente durchführte.

 

 

 

 

Eine Zusammenarbeit von Hans Georg Brunner-Schwer und Joachim Ernst Berendt wurde erst 2016 von dem Label Resonance veröffentlicht: Bill Evans, Eddie Gomez und Jack DeJohnette: “Some Other Time – The Lost Session From The Black Forest“, aufgenommwn am 20.Juni 1968 im MPS-Studio in Villingen. Die Doppel-CD ist fantastisch und nur sehr zu empfehlen.

Die Liste der Musiker, die in Villingen im damals hochmodernem Studio aufgenommen haben oder Konzerte durch MPS haben aufnehmen lassen, ist lang, hier einige Namen: Dexter Gordon, Slide Hampton, Ack von Rooyen, Red Garland, Jimmy Heath, Egberto Gismonti, George Gruntz, Dave Holland, Daniel Humair, Kenny Drew, Bill Evans (gemeint ist der Pianist), Eddie Thompson, Oscar Peterson, Ray Brown, Friedrich Gulda, Joachim Kühn, Volker Kriegel, Toto Blanke, Palle Danielsson, Randy Brecker, Rolf Kühn, Pierre Favre, Phil Woods, Nana Vasconcelos, Peter Warren, Monty Alexander, Woody Shaw, Nathan Davis, Eugen Cicero, Charlie Antolini, Art van Damme, Joe Pass, Eberhard Weber, Wolfgang Dauner, Albert Mangelsdorf, Heinz Sauer, Ralf Hübner, Attila Zoller, Niels Henning Orsted Pedersen, Kenny Clarke, Hans Koller, Siegfried Schwab, Gunter Hampel, Manfred Schoof, Peter Brötzmann, Jackie Liebezeit, Peter Kowald, Tony Scott, Irene Schweizer, Fritz Pauer, Steve Kuhn, Joe Turner, Jan Hammer, Billy Taylor, Joe Nay, Jim Hall, Lee Konitz, Jimmy Knepper, Freddie Hubbard, Baden Powell, Michael Naura, Wolfgang Schlüter, Peter Trunk, George Russell, Don Cherry, Lester Bowie, Karin Krog, John Surman, John Taylor, Tony Levin, Jaspet van’t Hof, Charlie Mariano, Tomasz Stanko, SUN RA, Zoot Sims und viele andere. Diese außergewöhnlich lange Aufzählung zeigt die enorme Bedeutung, die dem MPS-Label damals zukam. Schließlich gab es in den sechziger Jahren kaum auf Jazz spezialisierte Plattenfirmen. ECM wurde erst 1969 gegründet, MPS wurde zwar nur ein Jahre früher,1968, ins Leben gerufen, davor wurden aber schon viele Aufnahmen unter dem Namen SABA gemacht und auch veröffentlicht.

Alles fing damit an, dass SABA-Firmenmitinhaber Hans Georg Brunner-Schwer Oscar Peterson 1963 in sein Privathaus lockte und dort im familiären Rahmen Petersons Spiel aufnahm. Aber wie? Vollkommen neuartig und ungewöhnlich, mit Neumann-Mikrophonen ganz nahe an den Klaviersaiten montiert. So entstand ein ungeheuer dichter, intensiver Sound. Oscar Peterson war begeistert und kam von nun an jedes Jahr zu Privataufnahmen in die Villa des SABA Technikchefs HGBS, wie man ihn gerne nannte. Peterson war bis 1968 noch bei Verve vertraglich gebunden und so konnten die im Zeitraum 1964 bis 1968 entstandenen Aufnahmen erst 1968 erscheinen und wurden kürzlich in einer 4CD-Box unter dem Titel “Exclusively for my friends“ wiederveröffentlicht.

 

 

 

 

Eine letzte dringende Empfehlung aus dem Hause MPS: Eine Box, compiled by Hans Georg Brunner-Schwer “MPS Piano Highlights“. Hier sind Aufnahmen zu finden von Red Garland, Hank Jones, Cecil Taylor und vielen anderen.

 


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