Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: September 2020

2020 25 Sep.

Au Revoir Juliette

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Ich gehe die Treppe hinunter in die Bar Tabou. Dort steht „die geschlossene Gesellschaft“: Sartre, Mauriac, Gainsbourg, Prévert, Ferré. Und mittendrin ihre Schwarze Braut. Sie singt „La Rue des Blancs Manteaux“. Jean Paul hat es für sie geschrieben. Sie lehnt an Serge, lacht, singt bis sie von Albert zum Tanz weggezogen wird. Wie ich sie um ihre Freunde beneide, ich hätte sie alle gerne gekannt.

Ich liege auf einer Mauer an der Seine. Ich warte auf meinen Provo, der eben mal seinen Rucksack aus dem „Le Chat qui pêche“ holen wollte. Er kommt nicht zurück. „Le Temps des Cérices“ ist kurz. Juliette Greco singt es am schönsten. Sie legt Revoluzzertimbre hinein. Sie will, dass sich die sozialen Umstände verbessern und sie will Freiheit. Wie sie Jacques Brel‘s „Ne Me Quitte Pas“ ganz anders interpretiert – frauenstark, selbstverliebt: „Mich verlässt hier keiner!“

Ich sitze in der ersten Reihe einer Konzerthalle. Hinter mir ertönt eine Stimme: „Ah, Frau N also auch Greco Fan.“ Es ist die Stimme meines idiotischen Fachreferenten. Ich drehe mich nicht um. Mon dieu, was will der in einem Greco-Konzert, er kann nicht mal L’ Accordéon auf Französisch schreiben. Mit diesem Chanson beginnt die Kajalsphinx ihren Auftritt. Natürlich in black mit ihren feinen Händen in der Luft. Sie kann Elfe sein und im nächsten Song barsch und androgyn wie David Bowie: „Non, je n ´ai pas 20 ans“. Jetzt ist sie mit 93 gestorben. Wo wird man sie beerdigen? Ich hoffe in der Nähe von Gainsbourg. Ich werde hingehen und zwei Zigaretten auf einmal rauchen und mit lasziver Stimme „Déshabillez-moi“ summen und Serge diesen weiblichsten Song überhaupt als Vorspiel für „Je t‘aime“ empfehlen.

2020 23 Sep.

London, Dezember 1982

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Der Kollege drehte sich eine Zigarette, er sass mir gegenüber in unserem Zwei-Mann-Büro. Michael, um aus dieser Nummer raus zu kommen, flieg nach London, über Weihnachten, das ist doch deine Stadt. Du musst einfach ständig wach sein, saug Piccadilly auf, das tut richtig weh, alleine, saug die Einsamkeit auf. In vollen Zügen. Das hilft … Down to the bottom! Ja, sie ist bestimmt eine der schönsten Frauen Regensburgs, und ihr habt ein Jahr lang gevögelt wie die Weltmeister. Aber sie ist konservativ, und macht jetzt eine Partnertherapie mit ihrem Ehemann, ihrer Jugendliebe. Du warst ihr Ausbruch, aber als sie schwanger wurde von dir, hat sie sich zur Abtreibung entschieden.

Die Würfel sind gefallen. Fuck. Er hatte ja so recht. Ich hatte ihr angeboten, das Kind alleine grosszuziehen, aber sie hatte sich festgelegt. Ich wohnte noch immer am Ende der Welt, die Wölfe der Tschechei kamen manchmal über die Grenze. Ich hörte in jenen Wochen am liebsten Ian Dury. Ich fuhr nach Frankfurt und besorgte mir ein Flugticket nach London. So allein wollte ich auch nicht sein, und so kündigte ich meinem alten Würzburger Freund David Webster meinen Besuch an. Er freute sich darauf, mich wiederzusehen.

In Frankfurt verweigerten sie mir die Einreise nach London. Ich landete in Büros, und musste sogar zu einem amerikanischen Konsulat, wieso musste ich auf das fucking amerikanische Konsulat! Ein Riesentheater, und ich war sauer, und zeigte das auch. Da klärte sich auf, dass ich als Amerikareisender gebucht war, ohne Visum, alles war ein Missverständnis im Frankfurter Nieselregen. Lauter Sorrys und Entschuldigungen, und Lufthansa schenkte mir ein Ticket für die Business Class, mit Sekt und allem Drum und Dran für eine Dreiviertelstunde Flug in den Londoner Nieselregen.

Heiligabend war ich bei den Websters eingeladen, bis dahin hatte ich zwei Tage: billige Absteigen, alte Cafes, und ich besorgte mir sofort ein Musikmagazin. Musik sollte Teil meiner Selbsttherapie sein. Ich liess mich in einem Pub, erleichtert nach dem Tagesstress, auf eine Sitzbank fallen, der Kaktus auf der Ablage über mir geriet in Bewegung und plumpste dem Mann hinter mir in den Nacken. Ein Aufsschrei. Ich kümmerte mich sofort um ihn, zog ihm einzelne Stachel raus, ein paar Stellen waren blutig, aber er blieb freundlich. Der Pubbesitzer hatte sogar ein Desinfektionsmittel. Am Abend ging ich in den Marquee Club, um Jah Wobble & The Invaders of the Heart zu erleben.

Jah Wobble hatte einen Trenchcoat an, der aussah, als wäre er den ganzen Tag durch den Londoner Regen geschleppt worden. Man konnte hören, dass Jah Wobble nach der Zeit mit Public Image Ltd. noch viel mehr in die Welt des „elektrischen Miles“ eingetaucht war. Dunkel pulste sein Bass durch den Raum. Eine Trompete mit Wah-Wah-Pedal verschickte knappe telegraphische Notizen, der Drummer hämmerte wohltuende Monotonie. Da erkannte ich sie und taufte sie Healy. Du bist die Fremde, mit der ich diese Nacht erobern werde. Sie stand alleine an der Seite, und trug auch einen fucking Trenchcoat. Hoffentlich war sie kein Jah Wobble-Groupie. War sie nicht.

Nach dem Konzert lud ich sie zu einem Drink ein, nachdem ich mich freundlich vorgestellt hatte. Why me, fragte sie mich, und ich sagte, your eyes. Sie hatte ein kleines Appartment in West Hampstead. Sie legte eine gemeinsame Lieblingsplatte auf, Chairs Missing von Wire, und dann schliefen wir miteinander. Es tat gut, und in dieser Nacht lösten sich die Bilder der schönsten Frau Regensburgs in Luft auf. Wir kifften, lachten, und wussten, wir werden uns nie wieder sehen. Aber wir mochten uns, und waren ganz Auge und Ohr füreinander. Ich kann mich gut an ihren wohlriechenden Schweiss erinnern. Sie hatte kleine feste Brüste und einen extrem schlanken Körper, Londoner Regenblässe. Sexual Healing. Ein wenig.

Ich wanderte den ganzen Tag durch Hampstead Heath, ich hörte spät am Abend John Peel im billigen Hotelzimmer (er spielte Magazine, ich weiss es noch genau, einen Song aus „Second Hand Daylight“, oder „The Correct Use of Soap“, wunderbar) und am nächsten Abend, Heiligabend, traf ich bei den Websters ein. Es gab Gans. Es waren noch andere Gäste da. Ich hatte mir einen Infekt eingefangen, 38.9 Grad. Ich schnupfte. David sagte: Michael, erzähl, wie war das Jahr. Wollt ihr das wirklich hören? Ja, Mann! Und ich erzählte die ganze Geschichte. Bis zu dem Augenblick, wo mein Kollege sich eine Zigarette drehte. In einer Fachklinik für Suchtabhängige.

2020 20 Sep.

Septemberlicht

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Im Wartezimmer der kieferchirurgischen Praxis lag die heissbegehrte Ware wohlfeil ausgestellt: der Patient nahm eine jener Zeitschriften zur Hand, die er sonst selten zur Ansicht bekam und wenn, dann nur zuhause online (umsonst & drinnen). Es fand sich schnell ein interessanter Artikel, um die Wartezeit zu überbrücken: von Bas Kast, jenem Journalisten, dem es gelungen war, mittels ausgiebiger Recherche einen „Ernährungskompass“ zu erstellen, den man wohl in der Kategorie „Mega-Bestseller“ verbuchen kann. Mittlerweile zu einem Papst für gesundes Essen avanciert, beklagte der Autor aber, dass er sich in dieser Rolle unwohl fühle: erstens sei er noch nicht so alt und zum Zweiten auch kein professionell legitimierter Berater dieses Fachgebiets. Es entspräche auch nicht seinem Bild von sich selbst. Das brachte ihn aber auf ein anderes Thema, nämlich die Frage, wer wir eigentlich sind. Darüber schrieb er dann einen Roman. Der Patient fand das insofern interessant, weil er festgestellt hatte, dass sich im Laufe der Jahre Identitäts-Schwerpunkte verlagern und Vieles von Früher später obsolet erscheine. Weitergehend seine These, dass man selbst zu den Neurosen, vergangenen Verhangenheiten und skurrilen Leidenschaften Abstand gewinnen könne. Praktische Dinge gewännen zunehmend an Gewicht. Der eigene Körper verfiele zudem zunehmend in die Rolle eines schwer erziehbaren Störenfrieds, wie der Lümmel in der letzten Reihe, den es zu händeln gelte. Auch im Zuge von Corona wurde wieder klar, was viele sehen: „Ich weiss, dass ich nicht weiss“. Der Patient wurde aufgerufen und brach die Wartezimmer-Lektüre abrupt ab. Als er dann, im Praxisraum auf dem Behandlungsstuhl sitzend, auf eine riesige Luftaufnahme von Rio de Janeiro blickte und der strahlende Doktor ihm auch zahntechnisch eine Perspektive eröffnete, war die Welt wieder in Ordnung. Das Ich stellte keine weiteren Forderungen. Der Patient trat im Septemberlicht radelnd gutgelaunt den Heimweg an und auch der Lümmel aus der letzten Reihe schwieg für eine Weile.

 

 

Die Tendenz geht nicht gerade zum Zweitwagen, aber hier ist er, mein Traum für zukünftige Roadmovies. Vom alten Feuerwehrauto zum modernen Camper umgerüstet, da werden Kinderträume wahr. Der Anschaffungspreis des reinen Gefährts war günstig, der Rest (die Wohnkabine) eine once-in-a-lifetime-Aktion. Der erste Camper vielleicht mit Plattenspieler (Rega Planar) und Aktivboxen aus dem Hause der grossartigen Lautsprecherschmiede Abacus. Spitzengeschwindigkeit, okay, 80 km/h. Erste Reiseziele: der Feldberg im Schwarzwald, und die Lüneburger Heide. Kosename: Herr Dylan. Erste Schallplattensession mit Sonny Rollins‘ Way Out West, Bill Connors‘ Theme of the Gaurdian, und in Mono Rubber Soul. Keine Frage, ich teile gerne: come on baby, drive my car!

 

 

Die Überschrift enthält ein Wortspiel, das eine andere Art, die Worte zu kombinieren, suggeriert. Wenn ich daran denke, wie aufregend der Tag war, als mir der Postbote „Music for Films“ überreichte, 1976, 77, 78 oder 79 – wer will schon Erinnerungen ständig googelnd datieren – nun, das wird im November nicht annähernd vergleichbar sein, wenn „Film Music 1976 – 2020“ ins Haus steht. Ich werde einige Kompositionen ganz gut kennen, andere nicht oder nur wenig, und endlich findet sich Enos wunderbare Lesart von „You don‘t miss your water“ in einer sorgsam kompilierten, und rein instrumentaler, Umgebung wieder. Aber bei allen kleinen Entdeckungen bleibt das Album ein Querschnitt durch vergangene Jahrzehnte, der manche vielleicht anmimieren wird, „Die Mafiosibraut“ oder „The Lovely Bones“ noch einmal anzuschauen. Als ich damals mitbekam, dass Eno ein, zwei Stücke für David Lynchs Sci-Fi-Epos „Der Wüstenplanet“ komponiert hatte, wartete ich ungeduldig, um im Kino grandios enttäuscht zu werden. Entgegen all meiner Erwartung fand ich den Film unsagbar langweilig, und auch Brian konnte da nichts rausreissen. Kam mir da nicht auch sein Sphärengeraune etwas zu sakral vor?! Das Abenteuer seiner ersten Filmmusik wird der Nostalgie eines Rückblicks weichen, und trotzdem werde ich die eine und andere blaue Stunde anzetteln, in einem Raum voller Abendlicht. In einer komplett aus den Fugen geratenen Welt des Jahres 2020.

 

2020 18 Sep.

Konspirative Gruppe

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1975 oder 1976 muss es wohl gewesen sein, als es mich mit meiner damaligen Gang in die Hamburger „Fabrik“ verschlug. Angekündigt war das „1. New Jazz Festival“, federführend stand wohl der NDR dahinter, dennoch hat es meines Wissens nie eine zweite Ausgabe gegeben.

Ich meine, es hätten drei Gruppen an dem Abend gespielt. Die beiden anderen habe ich vergessen (bestimmt zu Unrecht), aber eine hat sich mir unauslöschlich ins Gehirn eingegraben: die Band von Terje Rypdal, dessen Album Odyssey damals noch als eine Art Geheimtipp herumgereicht wurde. Die „Fabrik“ war zum Bersten voll, die einzigen (Steh-)Plätze, die es noch gab, waren ganz hinten im Saal, oben auf der Galerie, direkt hinter dem Elefanten mit den nickenden Kopf und den Glühbirnenaugen. Die Luft war blau, und auf der Bühne war es dunkel. Tatsächlich, Rypdal spielte annähernd im Dunkeln. Mehr Licht hätte gestört. Aus dem Dunkel schälte sich Terjes singender, vom Spiel mit dem Volumenpedal geprägter Gitarrensound heraus, füllte die „Fabrik“, kombiniert mit dem Klang eines damals neuen Keyboard-Instruments, dem sogenannten „String-Ensemble“ (eine Solina, dem Klang nach). Dazu vorsichtig tappende Drums, ein zurückhaltender, aber hochpräziser Bass, eine geheimnisvoll klagende Posaune. Für mich damals der Beginn einer wunderbaren musikalischen Freundschaft.

 

 

 

 

Nach langer Pause — sein letztes Album liegt sieben Jahre zurück — ist Terje Rypdal zur Atmosphäre von Odyssey oder Waves zurückgekehrt. Mit seinen Mitstreitern Ståle Storløkken (Keyboards), Endre Hareide Hallre (fretless und Fender Bass) und Pål Thowsen (Drums und Percussion) ist ihm ein Album gelungen, das mühelos an das Konzert von damals anknüpft und trotzdem keine Sekunde lang „alt“ klingt. Hier ist er wieder, der schwebende, raumfüllende Gitarrenklang, der mal flüsternd, mal auftrumpfend, mal singend, mal wild daherkommt; ein Sound irgendwo zwischen Mike Oldfield und Robert Fripp, dabei aber immer präsent und unverwechselbar Rypdal. Diesen Klang kann kein anderer.

Aufgenommen im Osloer Rainbow Studio und produziert von Manfred Eicher ist Conspiracy ein strahlendes Polarlicht in einer Zeit, in der der Rauch von der Westküste auch hier im Nordosten den Himmel seltsam zu färben beginnt. Schade lediglich, dass das Vergnügen mit gerade mal 32 Minuten recht kurz ist. Und das Schlagzeug könnte vielleicht ein wenig präsenter sein. Das ist aber auch alles, was es an dem Album auszusetzen gibt.

2020 18 Sep.

Hen Ogledd

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Als ich am Abend vom Baden im See zurückkam, und auf einmal, durch einen Fahrfehler, in der Gegend landete, in der mir einst die letzten Dampflokomotiven eine kleine Nachtmusik bescherten, war es sehr frisch geworden, und im Fenster tauchten bald darauf nurmehr meine neonbestrahlten Körperumrisse auf, alles grüne Gezweig hatte sich in Schattenrisse verwandelt. Ich legte mich aufs Bett, las zwei Kapitel in der auch leicht durchfinsterten Zeitreise in ein altes Berlin und ein altes Westdeutschland, und liess dann der neuen Musik von Hen Ogledd freien Lauf.

 

Es gibt diese Art von Alben, gross und opulent, die keinerlei Schranken fürs Fantastische akzeptieren, und in diesem Fall, in einer Urzeit landen, vor den Menschen, wie wir sie kennen, später auch in einer Welt, in der die eine und andere Apokalypse einen Restzustand aus Ruinösem und letztem Rattern von Maschinen freilegt. Die Inspirationen reichen von Hildegard von Bingen bis ABBA, und was sich sonst noch alles an paradoxen Paarbildungen anbietet – die Liste ist beträchtlich. Hen Ogledd sind ein britannisches Quartett: Dawn Bothwell, Rhodri Davies, Richard Dawson and Sally Pilkington.

 

„Free Humans“ heisst das Doppelalbum, für das sich der Begriff „psychedelisch“ wie selbstverständlich aufdrängt, und man sollte sich ernsthaft überlegen, zu Beginn der Reise einen klaren Kopf zu haben – wer die vier Seiten dieses opus magnum heil übersteht, wird genug verrückte Dinge erleben, in dieser Science- und Psycho-Fiction der Sonderklasse. Krass experimentell, wunderlich melodisch, und hinreissend rhythmisch, alles zu seiner Zeit. It’s an amalgamation of energies; a melee of bodies and spirits and colors,” sagt  Rhodri.

2020 17 Sep.

„Just another day“

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Lieben Sie Boeuf Bourgignon? Wir sollten hier mal unsere Lieblingsrezepte teilen, Freunde! Es gehört zu der Geschichte dieses Blogs, dass immer wieder mal Dinge in den Raum gestellt werden, die dann nie oder ganz anders stattfinden. Ideen sind fragile Geschöpfe. Ich bin derzeit in einem Hotel nahe des Hauptbahnhofes in Essen, und verbringe die Zeit in meinem Zimmer, einen möglichst konstanten flow sicherzustellen. So habe ich mir vom Hanser Verlag einen Roman schicken lassen, der eine Zeitreise anbietet: Westberlin, achtziger Jahre. Punk und Strassenschlachten, AIDS und Drogen, raue Kunst und wilde Theorien. Das Buch anzufangen, ist verführerisch. Aus meiner Lieblingsbäckerei in Düsseldorf (Ulrike und Lajla kennen sie gut!) habe ich mir „gedeckten Apfelkuchen“ besorgt. Meine HNO-Ärztin hatte mir hernach eine so witzige Story erzählt, zwischen Tür und Angel, dass ich mich wunderte, dass sie das halbe Wartezimmer mithören liess. Und auf YouTube sah ich mir  gerade zwei spannende Interviews mit David Rodigan an. Ich mag es zuzuschauen, wie  andere Menschen in ihrer Liebe zur Musik aufgehen, und dabei zu Geschichtenerzählern mutieren.

 

Und natürlich kam ich auf den Reggaemann, weil mich die Musik aus The Bakery, Stockport in den letzten Wochen so gefesselt hat. Dub und Reggae von den Herren Birchall & Breadwinner. Ich hatte Nat gestern eine Mail geschrieben, und wenn alles gut geht, bekomme ich bald seine Antworten für die Jazzfakten vom 1. Oktober. Ich servierte ihm meinen Überblick über die 55 Minuten, und finde es ziemlich gut, wenn ich in der Sendung eine Schallplatte in einen besonderen Fokus stelle, die es nur in Mono gibt. Und das war dann die Initialzündung: das Aufregende an neuen Tönen, getriggert vom Echoraum anderer Zeiten. 

 

Ich werfe einen Blick aus dem Fenster, und beschliesse, an den Baldeney-See zu fahren und eine Runde zu schwimmen. Die heissen Tage sind vorbei, und ich kenne eine kleine Ecke am See mit aufgeschüttetem Sand. Ich nehme die BOOM-Box mit, und John Cales „Paris 1919“ wird laufen. Vor etlichen Jahren erlebte ich den Waliser hier, ein paar hundert Meter entfernt, wie er in der Lichtburg das Album live spielte. Time fades away. 

Mitten im nordamerikanischen Hinterland im Bundesstaat Michigan versucht John Shepherd 30 Jahre lang Ausserirdische zu kontaktieren. Er beginnt in den 60er Jahren von seinem Kinderzimmer aus, Signale ins All zu senden. Irgendwann ist auch das großelterliche Wohnzimmer zu klein, es muss ein Anbau für sein Hobby her: riesige Oszillatoren, Sendemasten, Kathodenstrahlröhren und was weiß ich noch alles kommen zum Einsatz. Die Bilder seiner Ausrüstung strahlen die eigentümliche Schönheit überholter Science Fiction aus. Um fremdes Leben herbeizulocken schickt er Musik in den Weltraum. „I sent music into space because it represents a universal language. I am talking about non-commercial music, Jazz, electronic music.“ Er spielt den Aliens unter anderem Kraftwerk, Tangerine Dream, Can, Harmonia, Fripp/Eno, Steve Reich und Keith Jarrett vor, auch Musik aus Afrika, östliche Musik, Gamelan. Seine Geschichte kann man, berührend, respektvoll und empathisch erzählt, in dem Kurzfilm „John Was Trying to Contact Aliens“ kennen lernen.

 

Vielleicht würde John heute die flauschig kosmische Musik von Kikagaku Moyo in den interstellaren Raum senden, vielleicht wären sie ihm zu kommerziell. Zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, Orgel und / oder eine Sitar bringen geometrische Muster (so der Bandname auf deutsch) zum Schweben, bis sie von einem Sternen- oder Klangnebel aufgelöst werden und sich neu formiert auf ihre Reise begeben. Die fünfköpfige Formation scheint mir eher an einem inner space, als an den Fernen der Galaxie interessiert zu sein, doch vielleicht war auch das ein Ziel von Mr Shepherds Suche.

2020 12 Sep.

Diana Rigg

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Sie war, als Emma Peel, meine Heldin bei Mit Schirm, Charme und Melone, als ich blutjung war, sie brillierte auf der Bühne mit Shakespeare, sie war wunderbar in Game of Thrones, und sie war von früh an, im realen Leben, verdammt klug, mutig, witzig, und liess sich nie über den Tisch ziehen. Auch nicht in der Kultserie. Als sie herausfand, dass selbst die Kameramänner mehr verdienten als sie, stieg sie nach zwei Staffeln aus. Unsterblich war sie sowieso schon.

 


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