Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Ich habe als Metallkopf angefangen, Musik zu hören, ich spielte E-Gitarre. Dann kam dieser Verwandte von uns aus Rumänien. Er studierte Medizin, und er kam mit dieser riesigen Sammlung von ECM-Cds. Er hatte diese wirklich coole Hi-Fi-Anlage, lud uns zum Zuhören ein und spielte uns all dieses ECM-Zeug vor. LUMINESSENCE mit Jan Garbarek war die erste CD, die ich tatsächlich gekauft habe. Damals gab es im Iran Raubkopien von CDs und Kassetten, die wirklich billig waren, mit kopierten Covers, schlechter Produktion, schrecklicher Qualität. Wir nannten sie CDs, und die Importe, die Sie aus Europa kauften, nannten wir „Originale“, die sehr teuer waren. Also sparte ich und ging in den Laden, und dies war das einzige ECM-Album, das sie hatten, auf dem kein Filmfoto zu sehen war. Es hat diese große Schriftart, also sagte ich: „Okay, ich kaufe das. Ich wusste nicht, wie es klang. Als ich nach Hause kam und es mir anhörte, war ich fassungslos, völlig sprachlos. Es hatte eine Rauheit, die mich wirklich ansprach.

 

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Ich habe das Album damals bekommen über einen Freund von mir, den Verwandten, der aus Rumänien kam. Er sagte, er habe uns CDs geliehen, damit wir sie in mp3 rippen konnten. Ich habe immer noch die mp3s, die ich tatsächlich gerippt habe – ich hänge emotional an digitalen Dateien! [lacht] – ich höre mir immer noch dieselben Dateien an. Die erste Hälfte von ANA sind durchweg Kompositionen mit Klassischer Gitarre. Aber sie sind schmutzig, unordentlich und improvisatorisch. Es ist technisch sehr schwierig, sie zu spielen. Man hört also, wie er mit der Technik kämpft, aber er bringt die Emotionen durch, egal was passiert. Das, was ich daran liebe, ist die Sequenz der Stücke – es beginnt mit den klarsten, definiertesten Harmonien, die man sich vorstellen kann, mit der klarsten Stimme, die Gitarre ist riesig in den Lautsprechern, voll da mit Raum und Hall, dann beginnt sie zu schmelzen.

Ich bin nüchtern geworden vor 19 Monaten. Dieses Album von Ralph Towner stand am Anfang meines Trinkens – ich fing an, Gin aus der Dose zu trinken, ob du das glaubst oder nicht. Als Highschool-Schüler konnte man ihn wirklich billig bekommen. Dieses Album war meine Zuflucht. Ich hatte diese klassische Gitarre, ich war gerade erst nach Teheran gezogen, und alles war zu viel. Die Schule war zu viel, die Stadt war zu viel – ich war wie ein Kleinstadtkind – und dann war da dieses dieses ruhige Album, das mit nur einem Instrument genau das ausdrückte, was es wollte. Es sprach mich sehr an, und ich trank viel Gin dazu.

 

(Erinnerungen eines iranischen Komponisten)

This entry was posted on Samstag, 29. August 2020 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

3 Comments

  1. Rosato:

    ich wusste nicht, dass du ein iraner bist

  2. Michael Engelbrecht:

    Haha. Meinst du, ich erzähle eine erfundene Story zu zwei ECM-Platten?! Nein, nein, das ist a true story. Es geht um Siavash Amini.

    Die unglaublichsten Storys wirken halt oft wie erfunden.

    ‚Iranian electronic musician Siavash Amini was once dubbed ‘the Iranian Brian Eno’, but the ambiguity and textural low-end in his music means he might be better called the Iranian Mika Vainio‘

    Übrigens, ich habe ganz sicher auch eine Geschichte mit Luminessence. Es war ungefähr meine 25. ECM-Platte, oder 30.?. Und sie fängt ganz harmlos an, und hört ganz traurig auf. Ein andermal. Luminessence ist grandios.

  3. Rosato:

    ich habe das nicht für eine erfundene story gehalten

    ich habe erfahren, was ich erfahren wollte

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