Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2019 30 Jan

To get through the fence

von: Martina Weber Abgelegt unter: Blog | TB | 11 Kommentare

Es kommt nicht oft vor, dass im Bonusmaterial einer DVD ein Interview mit der Kostümbildnerin enthalten ist. Eher finden sich Interviews mit Schauspielern und manchmal habe ich mich darüber gewundert, wie wenig Hintergründiges (oder vermeintlich Tiefsinniges) diese über einen Film zu sagen haben. Erst durch das Buch „Die Kunst der Filmregie“ von David Mamet wurde mir klar, warum Schauspieler eher wenig über einen Film wissen sollten. „Hinzu kommt“, schreibt Mamet in seiner Klage über schlechte Schauspieler, „daß die meisten Schauspieler versuchen, ihre Intellektualität einzusetzen, um die Idee des Films wiederzugeben. Aber das ist nicht ihre Aufgabe. Ihre Aufgabe besteht darin, so einfach wie möglich die spezifische Handlung, die das Drehbuch und der Regisseur von ihnen fordern, Handlungsschritt um Handlungsschritt auszuführen.“

 

Jaqueline West, Konstümbildnerin bei dem Film „Song to Song“ unter der Regie von Terrence Malick, hat mich mit ihrer Sichtweise auf den Film überrascht. Sie sagte, die Dreiecks-Liebesgeschichte hätte sie an Simone de Beauvoir, Nelson Algren und Jean-Paul Sartre erinnert. Sie sprach von einer Frau, die ihre sexuelle, intellektuelle und künstlerische Freiheit erforscht und dabei Männer auf eine Art benutzt, wie diese es oft mit Frauen tun. Ich holte die Monographie über Simone de Beauvoir von Christiane Zehl Romero aus dem Bücherregal, blätterte darin und las die Passage über ihre Beziehung zu Algren, die im Nachhinein, wen wundert´s?, von beiden Seiten sehr verschieden beurteilt wurde. Jaqueline West hatte sich darüber Gedanken gemacht, wie der Kleidungsstil der jeweiligen Charaktere deren Persönlichkeit spiegelt. Eine schöne Begründung für dunkle düstere Farben: Sie lässt die Seele strahlen, das Gesicht.

 

Ich war über die Suche nach weiteren Filmen mit Ryan Gosling auf „Song to Song“ aufmerksam geworden, Stichworte wie Musikszene in Austin, Texas / exzentrische Lichtgestalt / explosives Dreiergespann. Ryan Gosling spielt hier ganz den good guy und hat mich in dieser Rolle nicht ganz so begeistert wie in „Stay“ oder „Drive“. Entdeckt habe ich Rooney Mara. Im Covertext wird die von ihr gespielte Figur, Faye, zwar als ambitionierte Musikerin bezeichnet, sie spielt Gitarre, im Film aber wir erleben nie, wie sie völlig in der Musik aufgeht. Sie ist okkupiert von ihrer Identitätssuche und damit, in ein Umfeld zu gelangen, in dem sie bekommt, was sie braucht. „Always been afraid to be myself. Thought there was no one there.“ Over-Voice Passagen sind charakteristisch für das filmische Werk von Terrence Malick, ebenso wie schnelle, harte Schnitte, ein dynamischer Kamerablick, meditative Bilder, Motivwiederholungen (Bäume, Äste, der Blick in den Himmel, Schwärme von Vögeln, Gardinen, Berührungen von Gesichtern, die schmalen Bäuche der Frauen, eine Tanzeinlage in der Stunde, bevor es dunkel wird, und immer wieder in verschiedenen Formen das Wasser, die Berührung mit Wasser, die Weite der Landschaft, das Licht). Plötzlich spricht eine Nebenfigur von ihrem Leben wie in einem Dokumentarfilm. Einmal wurde eine Sequenz aus einem Schwarzweißfilm eingefügt. Patti Smith erklärt Faye in einem Café, dass die alten Gitarren die Songs schon in sich tragen, sie sagt, sie könne stundenlang einen Akkord spielen, und fängt damit an. Das sind Autorenfilme, Filme mit Handschrift. Die Dramaturgie liegt ganz in den Bildern, in der Atmosphäre, die sie erzeugen.

 

  • What do you see?
  • A pool.
  • It´s a stage.

 

Die Geschichte ist das, was im Unterbewusstsein zwischen den Schnitten passiert. Faye trägt anfangs verschiedene Perücken, sie spielt mit ihrer Identität, sie sucht sie, ihre Identität ist nicht einfach da, sie muss sie, wie jede Künstlerin, jeder Künstler erschaffen. Die Körper verändern sich, die Gesichter. Es geht nicht darum, dass eine Schauspielerin einfach eine Handlung ausführt. Es geht darum, dass sie durch die Art, wie sie es tut, etwas zeigt. Malick und Mamet leben in verschiedenen Welten. Mamet geht davon aus, dass jeder Film ein Drehbuch hat. Terrence Malick filmt ohne Drehbuch.

 

Partys am Pool. Live-Konzerte. Drogen, experimenteller Sex. Tell me, what really scares you? You killed my love.

 

Umherziehen, zu zweit, wie die Vögel. Nur neben dir sitzen. Verzaubert sein.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 30. Januar 2019 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

11 Kommentare

  1. Jan Reetze:

    Kaum jemand weiß, dass die Schauspieler meist das komplette Drehbuch gar nicht kennen, die unmittelbaren Hauptdarsteeler mal ausgenommen, aber manchmal sogar sie. Üblicherweise bekommen sie nur die Szenen, in den sie selbst vorkommen.

  2. Martina Weber:

    Ja, das wird im Bonusmaterial oft gesagt bzw. gezeigt. Und wie gespannt alle sind, wenn sie den Film zum ersten Mal sehen. Trotzdem muss der Gedanke von David Memet einen realen Hintergrund haben, wie ich den Autor einschätze.

  3. Michael Engelbrecht:

    Sehr, sehr interessant, aber was ist experimenteller Sex?

    Hatte Eric Rohmer Drehbücher? Dann kann man sie als Einschlafhilfe benutzen.

    Bei Rivette wiederum liebe ich die improvisierten Elemente seiner Filme, da dürften manche Drehbücher nur aus rohen Skizzen bestehen.

    Die Intellektualität von David Mamet nimmt seinen Filmen, auch seinen Drehbüchern, etwas an Drive und Suspense.

  4. Martina Weber:

    Experimenteller Sex in diesem Film, der im übrigen eine FSK Freigabe ab 12 hat, also nur angedeutet und sehr harmlos ist, hat einige Varianten. Besonders der Musikproduzent Cook (Michael Fassbender) ist da sehr obsessiv und sehr machtorientiert. Zum Beispiel lässt er, nachdem er gerade eine Kellnerin geheiratet hat, zwei Frauen Sex haben, schaut dabei zu und macht dann mit. Da sind sicher auch Drogen im Spiel. Außerdem ist Sex ein Mittel, um Ziele zu erreichen, es geht um subtile Gewalt, was dann wiederum vielleicht weniger experimentell ist. Vieles findet zwischen den Schnitten statt. Der Film ist generell sehr sinnlich und körperbezogen.

    Das Buch von David Memet habe ich zufällig im Katalog der UB entdeckt (über die Funktion: „Andere interessierten sich auch für folgende Bücher: …“). Den größten Teil des Buches macht ein Gespräch aus über die Kamera- und Schnittechnik bei einem fiktiven Film, und ich finde, mit seiner Eingangsfrage holt er die Studierenden geschickt ab: „Ich schlage vor, wir machen einen Film aus der Situation, in der wir uns gerade befinden. Eine Handvoll Leute kommt zu einem Kurs zusammen. Was wäre eine interessante Möglichkeit, das zu filmen?“

    Ich habe keinen Film von David Memet gesehen.

    Wim Wenders filmt auch ohne Drehbuch.

  5. Martina Weber:

    Es ist, nicht zuletzt, ein authentischer Musikfilm mit echten Konzerterlebnissen vor riesigem Publikum. Austin / Texas ist eine Musikmetropole. Neben der bereits erwähnten Patti Smith sind dabei: Iggy Pop, Black Lips, The Antwoord, Florence and the Machine, Neon India, Big Freedia. Es ist fantastisch gelungen, wie der Film diese authentische Kulisse nutzt.

    Natalie Portman, die die Kellnerin, die dann den Musikproduzenten heiratet, spielt, sagt im Interview: „The musicans are so at ease. they have comfort in their own bodies and personalities and you just see that.“

  6. Michael Engelbrecht:

    Etwas kühl inszeniert, aber Mamets House of Games war / ist schon ein richtig guter Film.

  7. Lajla:

    Was die Kostümbildnerin assoziiert, ist sehr „frei“ :)

    Simone de Beauvoir hat sicherlich nicht sexuell „ausprobiert“. Mit Sartre war es die einmalige intellektuelle Übereinstimmung. Mit Nelson lebte sie eine leidenschaftliche Beziehung. Von männlicher Bestrafung kann da nicht die Rede sein. Ihre Frauenbeziehungen waren von zärtlicher, freundinnengemäßer Natur. Auch hier kann nicht von sexuellen Experimenten gesprochen werden.

  8. Michael Engelbrecht:

    Der Ausdruck experimenteller Sex ist originell, ich denke da an experimentelle Musik.

    Passender wäre wohl experimentierfreudiger Sex.

    And here we go, ladies …

  9. Martina Weber:

    Der Ausdruck experimenteller Sex scheint mir passend. Es ist viel harmloses und sogar kindisches Balzgehabe dabei. Unter der Oberfläche liegt die Dramaturgie.

    Wie kommst du jetzt auf männliche Bestrafung, Lajla?

    Kennst du „Song to Song“? Ich will hier nicht den Plot verraten, ich wollte nur ein paar Themen anskizzieren. Ich möchte hier nicht einmal das Stichwort nennen, sonst wäre zu viel über den Film gesagt. Ich fand den Beauvoir-Sarte-Nelson-Vergleich der Kostümbildnerin ganz unpassend.

  10. Lajla:

    „Wenn Frauen Männer auf eine Art benutzen, wie diese es oft mit Frauen tun“, dann hat das immer was mit Bestrafung zu tun.

    Ich würde mir den Film gerne bei Gelegenheit ansehen.Allein schon wegen der Musikszene in Austin/Texas. Da könnten Neuentdeckungen für meinen Geschmack dabei sein.

  11. Martina Weber:

    Ja, der Satz ist sehr provokativ …

    Bin gespannt, wie du den Film findest.

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