Manafonistas

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Archiv: Juli 2017

Guten Morgen,

 

es ist ein frischer windiger Tag im Rheinland, aber schon früh lag in der Post eine Platte aus der näheren Zukunft, oder, besser, aus der fernen Vergangenheit. Ich kenne mich nun wahrlich nicht sonderlich gut aus in jener Phase der Musikhistorie, purer Dilletant, aber da schaffen die ausführlichen „liner notes“ Abhilfe – und  ich möchte hier eine Lanze brechen für eine Aufnahme Klassischer Musik von CPE Bach, vorgetragen auf einem uralten Tasteninstrument.

Ich habe ein Faible für solche raren Klangkörper, und sie erlauben mir einen direkteren emotionalen Zugang zu solcher Musik, als jedes konventionelle Instrument. Ich fühle mich da mehr auf einer Zeitreise, und weniger in einem Saal mit tiefernsten Menschen. Also hörte ich die „Freye Fantasie“, und war seltsam begeistert, dem Sound, der Dynamik sei es vor allem gedankt. Die CD des Pianisten Alexei Lubimov erscheint bei ECM in der New Series am 25. August.

Und so habe ich hier, mit einiger Unterstützung, Neuerscheinungen der kommenden drei Monate gesammelt, die schlicht vielversprechend sind. Okay, eine Schallplatte ist bereits erschienen – bei A-Musik in Köln kann man sie sich besorgen, sie haben einen Riesenbestand davon, seit sie wissen, dass sie bei uns zum Album des Monats gekürt wurde: Carlos Casas und seine „Pyramid of Skulls“ (Discrepant Records) wird ausführlich in den Klanghorizonten am 19. August vorgestellt, ich nenne das Teil mal „ethnic hardcore“, und dass man, laut „Boomkat“, hinterher ein Sauerstoffzelt und einen süssen Tee braucht, darf als lediglich leichte Übertreibung durchgehen – eine weitere Zeitreise der anderen Art!

Sehr fantasievoll ist das Soloalabum des Gitarristen Michael Rodach, „Die Zeit ist rund“, das am 11. August erscheint. Joey ist ganz und gar angetan von seinem alten Liebling Tim Berne (er hörte sich das Album in meinem „electric cinema“ an), und ich wette, er wird beizeiten etwas dazu schreiben.

Und so könnte ich endlos weitermachen, die CDs betreffend, die ich schon gehört habe, und die schlicht fabelhaft sind, ob Erik Honore (Hubro, Oktober) oder Björn Meyer (ECM, 15.9.), aber eine Frage bleibt: was ist der Recherche entgangen, welche grossartigen Silberscheiben werden in diesem Jahr noch auftauchen?

Man wünscht sich, Scott Walker wäre in einem späten Schaffensrausch, Robert Wyatt würde wenigstens sein Archiv öffnen, (oder ein Audio-Book rausbringen, das neue Buch von Monica Hesse lesen, und zwischendrin kleine Trompetensoli spielen), Steve Tibbetts ein Lebenszeichen aus Minneapolis senden, und Scritti Politti endlich das neue Werk vollenden. Hauptsache, Lucinda Williams ist nicht volltrunken (wie in Hamburg, vor Jahr und Tag), wenn sie in Köln-Nippes auftritt, im August.

Mit freundlichen Grüssen,

Michael Engelbrecht,  Bagles & Beans

P.S.  Dank Gregor ist nun unsere Jukebox in Hörnum mit einem Klassiker bestückt worden, und zwar mit meinem Lieblingssong von den Rolling Stones, „Paint It Black“. Jetzt fährt auch Larry, Urholländer und Chef des Ladens mit dem besten Cappuccino und dem besten Flat White Deutschlands, mal nach Sylt, statt immer mit dem Wohnwagen nach Domburg.

 

David Virelles: Gnosis / Richard Horowitz: Eros in Arabia / Joseph Shabason: Aytche / Grizzly Bear: Painted Ruins / Audun Kleive & Jan Bang: The Periphery of a Buildung / Carlos Casas: Pyramid of Skulls / David Rawlings: Poor David’s Almanack / Vijay Iyer Sextet: Far From Over / Iron & Wine: Beast Epic / Erik Honoré: Unrest / Björn Meyer: Provenance / Tim Berne’s Snakeoil: Incidentals / Moebius – Story – Leidecker: Familiar / V. A.: Sky Music – A Tribute To Terje Rypdal / The Gist: Holding Pattern (unveröffentlichtlichte Aufnahme aus dem Jahr 1983) / Shit and Shine: Some People Really Know How To Live / Gary Peacock Trio: Tangents / Alexei Lubimov: Carl Philipp Emanuel Bach / Randy Newman: Dark Matter / BJ Nilsen: Massif Trophies / The National: Sleep Well Beast / Rodach: Die Zeit ist rund / Hannah Peel: Mary Casio – Journey to Cassiopeia / Greta Aagre & Erik Honoré: Tuesday Gods / Stefano Battaglia: Pegalos / Anouar Brahem w/ Django Bates, Dave Holland, Jack DeJohnette: Blue Magams 

 

 

2017 28 Jul

„Neighbors“

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„Junge Leute unterschreiben Major-Plattenverträge, bloß um über die Liebe zu singen. Hey, ich glaube ja an die Liebe. Aber for fucks sake: Wen interessiert das, wenn du von 15 Pfund in der Woche überleben musst?“, erklärt Jason Williamson, ehemaliger Hühnerfabrik-Fließbandarbeiter und Chef des Grantelrap-Duos Sleaford Mods aus Nottingham. Zusammen mit Beatmaker Andrew Fearn kümmert sich Williamson lieber um die Themen, die vom englischen Musikbusiness normalerweise ignoriert werden: die Conservative Party, Celebrity-Scheinwelten und das Leben am unteren Rand der Gesellschaft, zwischen Arbeitsamtsbesuchen und Sozialhilfeanträgen. Eine Haltung, die den beiden und ihrem Manager, dem Ex-Busfahrer und Betreiber des Avantgarde-Noise-Labels Harbinger Sound, Steve Underwood, in ihrer Heimat den Titel „Voice of the Working-Class“ einbrachte. Die Musikdoku „Bunch of Kunst“ erzählt die Geschichte von drei Überzeugungstätern, die mit scharfkantigem Sprechgepunk, Rumpel-Beats und DIY-Ethos das Musikbusiness nach ihren Regeln aufmischen. Ein Punkmärchen zwischen Boston (Lincolnshire) und Iggy-Pop-Audienz. Ein Film über Katzen. Ein Film über Fans. Ein Pop-and-Politics-Roadmovie durch die englische Provinz.“

 

2017 26 Jul

Trimpele, Trampele

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Noch mehr singende Tatort- und Polizeiruf 110-Kommissare und -Kommissarinnen
 
 
Es fing mit Paul Stöwer (Manfred Krug) und Brocki Brockmüller (Charles Brauer) an und wurde zum Massenphänomen: Tatort – Kommissare lieben es offensichtlich zu singen, entweder bei einer Fahndungspause im Film oder im anderen Leben auf der Bühne oder im Club. Meine nicht verifizierte These heißt: keine andere Berufsgruppe singt so viel wie die Tatort-Kommissare. Außer vielleicht Cowboys. Auf keinen Fall Serienärzte. Irgendwo in den Archiven der Manafonistas befindet sich eine Liste mit ca. 20 singenden Tatort-Kommissaren. Nun wird es Zeit für eine Ergänzung. Nebenbei: Polizeiruf 110 wird dem Tatort gleichgestellt.

Den kürzesten Beitrag zu dieser Sammlung hat das neue Dresdner Team (Lessing / Dorn) geleistet: das a capella vorgetragene Doldinger-Intro zum Tatort dauert nach kurzer Diskussion etwa 7 Sekunden. Da wird es noch hektischer als in echt, wenn der Flaschenöfffner noch gesucht werden muss oder jemand gerade jetzt die Diskussion anfängt: darf bei der derzeitigen Weltlage und bei diesem Wetter und überhaupt Tatort noch geguckt werden? Schnauze! Ja! Ruhe jetzt!

Nora Tschirner (Kira Dorn) hat Banderfahrung; von 2012-2015 war sie Mitglied der Gruppe „Prag“, die stilistisch an Element of Crime erinnert – und ohne die Strenge und Dominanz transportierende männliche Stimme vielleicht sogar an Julee Cruise. Mut und Eigenständigkeit wünscht man ihr auch im Tatort Weimar, dessen Debut ganz witzig war. Für das in Tübingen kursierende Gerücht, Nora Tschirner sei auch bei Konzerten der Randgruppen-Combo zur Erinnerung an den DDR-Liedermacher und Baggerführer Gundermann dabei gewesen, konnte ich keine Belege finden.

Carlo Menzinger (Michael Fitz) brauchte 17 Jahre und eine Erbschaft, um sich von den mobbenden Kollegen Ivo Batic (Miroslav Nehmet) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) zu befreien. Fitz und Nemec treten häufig als Sänger / Musiker auf, Wachtveitl durfte beim Presseball mal mitsingen.

Matthias Brandt (Hanns van Meuffels), der nur noch wenige Male im Polizeiruf 110 dabei sein wird, hat ein kleines Buch über seine Kindheitserinnerungen geschrieben: zurückhaltend, das politische Geschehen in Bonn aus Kindersicht schildernd, ironisch und mit Sinn für Magie, etwa wenn es darum geht, einen angezündelten Vorhang zu beschwören. Aber es geht ja um Musik: die liefert der Musiker Jens Thomas mit seinen ergänzenden Erinnerungen auf der CD „Memoryboy“. Bei 2 Liedern singt Matthias Brandt mit.

Die Berufung von Meret Becker zur Tatort-Kommissarin Nina Rubin in Berlin gehört sicher zu den besseren Personalentscheidungen der ARD, zumal Meret Becker den neuen Job ernst zu nehmen scheint und die in ihren früher eher hingehauchten Liedern präsentierte Kindlichkeit überwindet. Auch die Stimme ist größer und erwachsener geworden, wie etwa bei Leonhard Cohens Seniorenhymne Dance me to the end of love eindrücklich zu hören.

Das Video mit Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) ist höchst dramatisch – fast ein kleiner Tatort für sich. Bei einer Observation vertreiben sich die beiden die Zeit damit, ein Lied von den Sportfreunden Stiller zu singen, und zwar die Rap-Romanze „Es muss was Wunderbares sein, von mir geliebt zu werden“ (wobei die Sportfreunde, vom dir zu mir, einen wichtigen Konsonanten des Originals verändert haben.) Dann geht es actionmäßig wild zu im Weißen Rössl am Wolfgangsee; er liegt im Sterben, sie wird hysterisch, man weiß nicht, was schlimmer ist.

Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) gehört zu den Schwaben, die zum Lachen in den Keller gehen und dann Ärger mit dem Hausbesitzer bekommen wegen der Treppenabnutzung (Original-Tatort-Thema). Umso mehr ist man überrascht, wenn Bienzle in der Stuttgarter Markthalle plötzlich zu singen beginnt:
 

„Solang ich leb auf Erden,
sollst du mein Trimpele-Trampele sein,
und wenn ich einst gestorben bin,
dann trampelst hinterdrein.
Fiderullarulla rulla la la la.“

(5.Strophe des Liedes „Wohlan, die Zeit ist kommen“; aus: Des Knaben Wunderhorn)

 
Auch wenn der Zusammenhang mit der Festnahme eines offensichtlich behinderten jungen Mannes seltsam anmutet, so ist und bleibt das Lied ein Kleinödle deutscher Dichtkunst.

Mehr lieben wir freilich Ringelnatz – nur nicht, wenn jemand seine Gedichte so distanziert, fast gelangweilt vorträgt wie Devid Striesow (Jens Stellbrink) dasjenige mit dem Titel „Der Briefmark“:
 

„Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor er klebte … .“

Ringelnatz wäre dagegen was für Marie Gruber (Rosamunde Weigand, Kriminaltechnikerin), die seit einigen Jahren im Ensemble „Bukowski Waits For You“ mitwirkt und auf Berlinerisch Texte dieser beiden und von Knef, Lindenberg u.a. vorträgt.

Wer nach all den prominenten singenden Kommissaren des gehobenen Dienstes zwei uniformierte singende Streifenpolizisten begleiten möchte, der ist mit diesem Video gut bedient: „Atemlos durch die Nacht“ aus dem Polizeifunk.

Das ist auch die Überleitung zum letzten Tip: im Til-Schweiger-(Nick Tschiller-)Tatort „Der große Schmerz“ wechselt Helene Fischer die Genres andersrum vom Gesang zur Schauspielerei. Dunkel gekleidet und mit schwarzen Haaren ist sie nicht gleich zu erkennen: sie entführt Frau und Tochter von Nick Tschiller, darf sich dabei ein bißchen prügeln und gehört eindeutig zu den Bösen – oder nicht?
 
Ein kleiner Nachtrag: nicht alle musikalischen Kommissare singen. Maximilian Brückner (Franz Kappl) spielt Tuba.

Mir gehen die Geschichten langsam aus, was „Another Green World“ betrifft, aber wohl nie die Empfindungen. Mitte der Siebziger gab es in Italien eine ganz famose Musikzeitschrift, vom Gehalt bis zur Aufmachung. Ich war dort, in Padua und Venedig, mit der schönsten Frau Gelsenkirchens, als ich in diesem Blatt, dessen Namen ich vergessen habe, die Besprechung der alsbald zur Veröffentlichung anstehenden Schallplatte las. In den Monaten zuvor hatte ich mir alles besorgt, was Eno herausgebracht hatte, und war natürlich voller Vorfreude – eine scheinbar glückliche Liebe unter mindestens einem dunklen Stern, die verrotteten Strassen Venedigs mit Giftschildern an jeder Ecke, die pulsierende linke Szene Paduas, eine Stadt, die in einem kleinen Laden ein knappes Hundert Sun Ra-Platten hortete – und meine Lust, diesen italienischen Text halbwegs zu verstehen. Endlich wusste ich, wozu mein Grosses Latinum gut war. Als es dann soweit war mit dem ersten Hören, war die Erwartung immens, und sie wurde nie enttäuscht, auch nicht nach dem schätzungsweise vierhundertdreiundzwanzigsten Lauschen von vorne bis hinten.

Ick weit einen Eikboom vull Knorrn un vull Knäst

Up den fött kein Biel nich un Axt

Sien Bork is so ruuhig und sien Holt is so fast

As was hei mal bannt un behext …
 
(Fritz Reuter 1810-1874)

 

… Ok dat Gelee wier wat för mi.

Man ein Deil nich, dat segg ick di.

Dei Mammelad künn ik nich verknusen,

Wäg’n all deine Karns man miene Kusen.

 
 


 
 
 

 
 

Rezept für Heidelbeermarmelade

 

1 kg Heidelbeeren

400 gr Gelierzucker

1 Banane

1 kl. Stück Ingwer

Eine halbe Limone ausdrücken

 

Alles 5 Min. kochen

Gläser mit heißem Wasser füllen

Gläser leeren und mit Marmelade füllen

Gläser stürzen für 10 Min.

Gläser umdrehen

 

2017 25 Jul

„Call It Dreaming“

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Iron & Wine

say its here where our pieces fall in place
any rain softly kisses us on the face
any wind means we’re running
we can sleep and see them coming
where we drift and call it dreaming
we can weep and call it singing
 
where we break when our hearts are strong enough
we can bow because our musics warmer than blood
where we see enough to follow
we can hear when we are hollow
where we keep the light we’re given
we can lose and call it living
 
where the sun isn’t only sinking fast
every night knows how long its supposed to last
where the time of our lives is all we have
and we get a chance to say before we ease away
for all the love you’ve left behind, you can have mine
 
say its here where our pieces fall in place
we can fear because a feelings fine to betray
where our water isn’t hidden
we can burn and be forgiven
where our hands hurt from healing
we can laugh without a reason
 
because the sun isn’t only sinking fast
every moon and our bodies make shining glass
where the time of our lives is all we have
and we get a chance to say before we ease away
for all the love you’ve left behind, you can have mine
 
 
 

2017 25 Jul

Der zweite Streich

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Nathalie Merchant war auch mal jung und eine Plattendiebin, das erste Album, das sie klaute, in ihrem lokalen „drugstore“, war „Taking Tiger Mountain (By Strategy)“. Als sie Brian später einmal bei einer Musikveranstaltung traf, versuchte sie ihm zu erklären, was sie an seinen Soloalben, und nicht zuletzt an der „Tigerbergmusik“, so liebte: nicht die Welt schien ihr mit 14 ein besonders lebenswerter Ort zu sein, sondern die Räume, die Brians Musik aufschloss. Wäre Nathalie da nicht schon eine gestandene Künstlerin gewesen, Brian hätte Angst haben müssen, einen besonders fanatischen Fan vor sich zu haben. „I couldn’t even recognize the instruments that were being played, it was so outrageously original and bizarre“.

Tatsächlich klang hier manches nach Synthesizern, was allein auf das „treatment“ klassischer Instrumente zurückging. Und wenn „Here Come The Warm Jets“ eine in alle Richtungen schiessende Freisetzung kreativer Energien darstellte, „Astral Weeks a la Eno“ (es muss sich zu Roxy-Zeiten einiges aufgestaut haben), ging es auf dem Nachfolger konzentrierter, konzentrischer, zur Sache, die Lieder besassen eine in seltsamen Kreisläufen verlaufende Form, in denen „singalongs“ an Moebiusschleifen erinnerten – und einmal sagte Eno, er wollte  das  Empfinden erzeugen, diese Lieder würden um ein  „imaginäres Zentrum kreisen“.

Als ich den ersten Song hörte, „Burning Airlines Give You So Much More“, Mitte der Siebziger, wusste ich, dass ich hier einen neuen Lieblingsmusiker (Seelenverwandten) gefunden hatte, der mich zu Roxy-Music-Zeiten noch seltsam ungerührt liess. Ich mochte die surrealen Geschichten von Menschen, die kleine Kameras in ihrem Haar trugen, durch den Dschungel wanderten und in lauter Abenteuer verwickelt schienen. Das war großes Theater. Einmal, lange vor meinen Journalistenjahren, rief ich beim Hauptquartier von Polydor in London an und abeitete mich mit charmanter Hartnäckigkeit zu einer Sekretärin vor, die mir Enos handgeschriebene „lyrics“ fotokopierte und nach Würzburg schickte.

Wie entstanden denn diese Songtexte, die, bei aller Exotik, mit skurrilem Humor, seltsamer Traurigkeit, und, immer wieder auch, einem Quantum Sehnsucht durchsetzt waren? Das fragte ich Brian einst, im Sommer 2005, und erhielt folgende Antwort. Will Nathalie Merchant wirklich dort leben? Sie sollte es sich gut überlegen. Zum Glück gibt es Paralleluniversen, und zum Glück wird hier auch eins lebendig, in dem ein Nachfahre von Lewis Carroll Verse in die Popkultur schleust, und Atheisten Krippenlieder schmieden.

 

Witzigerweise fand ich vor drei oder vier Monaten das Notizbuch, in das ich die Songtexte von “Taking Tiger Mountain (By Strategy)” geschrieben hatte. Und es war sehr interessant , da einen Blick hineinzuwerfen. Da ist eine Seite, auf der ich einen ganzen Song in einem Rutsch geschrieben habe. Als hätte jemand anders mir alles diktiert. Der Text ist voll ausgeschrieben, manchmal ist ein Wort durchgestrichen und durch ein anderes Wort ersetzt. Oder zwei Zeilen veränderten ihre Position. Ich weiß nicht, ob meine Erinnerung mir einen Streich spielt und die Dinge schönt: ich erinnere mich jedenfalls, überhaupt keinen Zweifel und keine Schwierigkeiten gehabt zu haben, die Texte zu schreiben. Es war, als wären sie schon alle in mir vorhanden gewesen. Und ich hatte ein sehr klares Bild von dem Gefühl, daß dieses Album vermitteln sollte. Es war die Tragödie der „chinesischen Erfahrung“, dieses große Zerplatzen der Träume, die der Maoismus einst repräsentiert hatte. Und wie bei allen Zusammenbrüchen revolutionärer Hoffnungen, entwickelt sich ein kollektiver Unterton der Enttäuschung. Im letzten Song des Albums machen sich die Menschen auf den langen Marsch über den Berg, sie kämpfen sich durch Schnee und Eis in eine ungewisse Zukunft. Sehr melancholisch.“

2017 24 Jul

Time Travel Selfie

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„When I rise in the morning
It’s as if I’ve walked a hundred miles
What I once did so easy
Now comes in a hundred styles
Hundred styles in a magazine
The same summer to spring
What I need is persistence
Too Much Of One Thing“

 

2017 23 Jul

Der erste Streich

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Das war der erste Streich der vier Songalben von Eno in den Siebzigern, und über keine Platte aus diesem Quartett wurde in den Jahren der Manafonisten weniger gesprochen als über dieses erste Liederalbum nach Brians Weggang von Roxy Music. Völlig zu Unrecht, für mich steht es auf einem Level mit den drei Nachfolgern. Die Songs sind so bizarr und surreal wie das Cover, Eno wandelt seinen Gesang,  seine „persona“, von Track zu Track. So war es unmöglich, seiner Stimme ein kommerziell taugliches „branding“ zu verpassen – er entzog sich jeder biederen Vereinnahmung – viele andere Künstler, die „ihre‘ Stimme gefunden hatten, wiederholten diese Rezeptur bis zum Sankt Nimmerleinstag. Und die ständig wiederkehrenden herzerweichenden Melodien? Inmitten all der Songwildnis? Sie  konnten nie Hits werden, weil ihr instrumentaler Untergrund zu subversiv war, ihr Text zu erratisch. Proto-Punk. Psychedelic Exotica. Pure Pop. „Weird, very weird, very strange, disturbing and utterly beautiful.“  Am vierten August erscheint also das Quartett jener Dekade in „half speed-masters“. Obwohl ich diese vier Langspielplatten ohne Ermüdung und seit Jahrzehnten von vorne bis hinten höre und höre, lauschend wohlgemerkt, bin ich ein bisschen neugierig auf den möglichen magischen Mehrwert, obwohl mein Wunsch nach 5:1-surround-Abmischungen unerfüllt bleibt.


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