Manafonistas

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Archives: Juli 2016

2016 6 Juli

Planet Janssen

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Ich sende meine Sonde in den Orbit von Horst Janssen. Ich versuche herauszufinden, was sich unter der Gewaltdecke von diesem genialen Zeichner verbarg. Er hat seine Partnerinnen verprügelt, doch keine hat Vergeltung geuebt. Die Philosophin Svenja Flasspoehler sagt: „Verzeihen heißt Verzicht auf Vergeltung.“ Nicht nur seine beiden Hauptfrauen bleiben ein Leben lang seine Freundinnen.

Warum halten sie ihn aus und zu ihm? Ist es die Kunst des Gebens? Ist es der Stolz, dabei sein zu können, wenn seine Eingebungen in Kunst umgesetzt werden? Ihr mütterliches Verständnis fuer ein ungeliebtes Kind? Horst Jannsen weiß um seine Dämonen. Wenn die zerstörerischen Tiefflieger vorübergeflogen sind, wirbt er um die Geflohenen, die Malträtierten mit allem, was er kann: mit zeichnen.

Er gewinnt sie mit liebenswerten Worten, Kunstwerkchen und Spielereien zurück. Die klugen Zurückeroberten strecken ihre Fühler aus, um rechtzeitig vor seinen Attacken fliehen zu können. Der Künstler und Alkoholiker ist einerseits ein r/echter Kotzbrocken und andrerseits ein Faszinosum der Kunst.

In den 70er Jahren hingen in den WGs Poster von Frank Zappa im Badezimmer und Kalender von Horst Janssen überm Studischreibtisch. Der Tausendstrichzeichner wurde bewundert, obwohl er keine riesigen Ölgemälde schuf. Man musste schon genau auf die Linie achten, die er talentiert wie kaum ein anderer in dieser Zeit auf’s Büttpapier brachte. Horst Janssen arbeitete immer. Aus Geld machte er sich wenig.

Einmal zerriss er vor den Augen einer Käuferin einen Druck im Wert von 100 000 DM. Der Dame war der finanzielle Wert höher als der künstlerische. Mich begeisterte er schon früh. Mir gefiel sein gesunder, mutiger Menschen- und Kunstverstand neben seinen hervorragenden Drucken natuerlich. Er erkannte und prangerte an, dass der Kunstmarkt zum Kapitalmarkt mutierte. In honorigen Gesellschaften trank er sehr viel, um deren Heucheleien aushalten zu können. Oft zerschlug er deren Mobiliar und beschimpfte sie auf Erniedrigendste.

Als ich mir vor ein paar Jahren in Oldenburg (daher kam H.J.) im Horst-Janssen Museum, eine Ausstellung von Luepertz ansah, dachte ich, dass der „Fürst“ der würdigste Nachfolger von Janssen sei. Dass Hamburg sich mit ihm so schwertut, liegt sicherlich daran, dass sie sich nicht von diesem genialen Zeichner und Graphiker den Spiegel vorhalten lassen wollten und ihre Lieblinge, z.B. Anselm Kiefer, entlarvt sehen wollten.

„Der Motor fuer den Kunstzirkus – den Preisauftrieb, die immer neuen Moden, die Verkäuflichkeit von jedem betrügerischem Schwachsinn als „Original‘ – sei die „Blähung“ und „Verdummung“ der Mittelschicht gewesen, sowie deren „satte Angst, etwas nicht zu haben, was alle haben“: das Wohlstandwachstum der Nachkriegsepoche. Jetzt seien „die Blinden“ zahlreich und die „Blindenparties, eingepeitscht von einer tollgewordenen Händlerliga.“
 
 
Sehr empfehlenswert zu lesen: Horst Janssen – Ein Leben.

Von Henning Albrecht, Rowohlt 2016.
 

Lieder aus grauen Gärten; Nachruf für gestrandete Fische; Im Zeichen des blauen Hundes; Dem kalten Sternwind offen; Das müde Lächeln im Holunderbaum; Zeit der blauen Schatten; Nur eine Bewegung von Licht; Das geöffnete Schneeblatt. Solch wundervolle Titel tragen die Bücher des Schweizer Schriftstellers Joseph Kopf. Das Werk des 1929 in St. Gallen geborenen und 1979 ebendort verstorbenen Schriftstellers besteht hauptsächlich aus Lyrik. 1991 las ich das erste Mal ein Gedicht von ihm. Einer richtigen Langspielplatte war ein strahlend weißes Heft beigefügt (30cmx30cm). Das erste Blatt des großen Heftes war wie das letzte, zehnte, komplett weiß gehalten, nur oben rechts in der Ecke stand in kleiner Schrift geschrieben:

 

ich habe auf den steinernen tisch die blaue mondfrucht gelegt

ich habe die weissen tiere aus ihren wäldern gebeten

sie sind gekommen und haben kein blatt an den sträuchern bewegt

ihre silbernen hufe haben kein gras in der steppe zertreten

 

dies blieb mir als traum oder wie ein verlorenes gesicht

in ihren augen stand noch das wort der schöpfung geschrieben

ich weiss es nicht mehr es war größer und stiller als lieben

sie gingen und alles war wieder nur eine bewegung von licht

 

joseph kopf

 
 
 

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Dieses Heft ist einer wundervollen Schallplatte beigefügt, sie erschien 1991 bei ECM New Series, ist in Oslo in den Rainbow-Studios von Jan Erik Kongshaug aufgenommen worden und wurde von mir kürzlich, nach langer Zeit, einmal wieder auf den Plattenteller gelegt. Es war, als hörte ich die Platte zum ersten Mal. Eine Offenbarung. Die Rede ist von ALPSTEIN, mit Paul Giger (Violin), Jan Garbarek (Tenor Saxophone) und Pierre Favre (Percussion). Ich habe diese Musik nun, als hätte ich eine neue Schallplatte erworben, wirklich neu entdeckt. Plattenseite A, Beginn Zäuerli Violine Solo, man schließt die Augen und befindet sich in der Heimat Paul Gigers, im nördlichsten Ausläufer der schweizerischen Alpen. Stück 2 Karma Shadub Die Violine spielt eine kurze Melodie, die Berge werfen den Hall der Klänge zurück. Dann folgt Alpsegen, Pierre Favre lässt Kuhgkocken erklingen … Diese Musik würde ich `Landschaftsmusik` nennen, eine Musik, die aus der Landschaft geboren wurde – faszinierend.

 
 
 

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Und: immer wieder kann man dankbar sein, dass ECM all diese Werke und mögen sie jahrzehntealt sein, im Katalog behält, alle sechs Platten von Paul Giger sind noch erhältlich: 1988 Chartres, 1991 ALPSTEIN, 1993 Schattenwelt, 2000 Ignis, 2003 Vindonissa, 2007 Towards Silence (alle ECM New Series, bis auf Vindonissa ECM).

2016 4 Juli

Into The Maelstrom

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„In this first installment of acclaimed music writer David Toop’s interdisciplinary and sweeping overview of free improvisation, Into the Maelstrom: Music, Improvisation and the Dream of Freedom: Before 1970 introduces the philosophy and practice of improvisation (both musical and otherwise) within the historical context of the post-World War II era.

Neither strictly chronological, or exclusively a history, Into the Maelstrom investigates a wide range of improvisational tendencies: from surrealist automatism to stream-of-consciousness in literature and vocalization; from the free music of Percy Grainger to the free improvising groups emerging out of the early 1960s (Group Ongaku, Nuova Consonanza, MEV, AMM, the Spontaneous Music Ensemble); and from free jazz to the strands of free improvisation that sought to distance itself from jazz.

In exploring the diverse ways in which spontaneity became a core value in the early twentieth century as well as free improvisation’s connection to both 1960s rock (The Beatles, Cream, Pink Floyd) and the era of post-Cagean indeterminacy in composition, Toop provides a definitive and all-encompassing exploration of free improvisation up to 1970, ending with the late 1960s international developments of free music from Roscoe Mitchell in Chicago, Peter Brötzmann in Berlin and Han Bennink and Misha Mengelberg in Amsterdam.“

(Bloomsbury Headquarter, out now)

Während jetzt der eine oder andere Manafonista das neue Buch von Robert Macfarlane liest (Hallo, Lajla!), erinnere ich mich an meine Zeit mit dem Klassiker von Henry David Thoreau. Ich hatte meine erste Stelle als Psychologe in einer Fachklinik in Furth im Wald angetreten und eine Souterrainwohnung am Ausläufer des Hohen Bogens gemietet, „mein Dorf“ bestand aus einer Handvoll Häusern und hiess Bergeinöden. Wann also „Walden“ lesen, wenn nicht damals!?

Ich fremdelte ein wenig nahe der tschechischen Grenze, meine Studienstadt Würzburg war drei Autostunden entfernt, Dortmund in schier unerreichbarer Ferne. Und meine zwei ersten Bücher waren „Ripley Underground“ von Patricia Highsmith, und das Buch von Mr. Thoreau. Aber nach ca. 50 Seiten verlor ich, warum auch immer, die Lust an der Lektüre. ich weiss aber noch (ungefähr) zwei Dinge aus dem Buch. Thoreau beschreibt, wie man trainieren kann, in ungewohnt kühler Umgebung gut zu schlafen, und er macht sich über das ständige Geschrei über Neuigkeiten lustig. Schon damals waren Übertreibungen, speziell in der Kultur, weit verbreitet.

Knapp zwei Jahre hielt ich es am Arsch der Welt aus, als Stadtkind war das eine harte Nummer, und Ausflüge nach München reine Selbsttherapie. In München kaufte ich damals Egberto Gismontis zauberhaftes Album „Solo“. Und stromerte durch Schwabing.

Wenn ich an die Schallplatten denke, die in meiner Zeit in Bergeinöden das Licht des Marktes erblickten, fallen mir, neben Gismonti, aus dem Stegreif zwei ein, die unentwegt liefen, und reine Seelennahrung waren: „Remain In Light“ von den Talking Heads (einmal drehte die alte Wirtin, weil ich allein war mit meinem Wiener Schnitzel, den „Zündfunk“ laut auf, es liefen „Listening Wind“ und „London Calling“ als Zugabe) – und „On Land“ von Brian Eno. Letztere hatte dort, wo ich umgeben war von dem Dialekt der Bayerischen Oberpfälzer, von einem nachtaus, nachtein an der Kette schlagenden, verbitterten Hund, und später auch von einer Indianerin aus meinen Kindheitsträumen, ihren perfekten Ort gefunden. Musik für Geologen und Urzeitforscher.

Ian’s account (July 2016)

 

If you think back way back into the haar of time to a time before driverless automobiles, self-baking cakes, octa-core processors, and so on, right back to 1986/1987 the only sound around was The Sound, whose world-beating LP „Thunder Up“ was everywhere from the television music shows to the radio to the turntables of teenagers across England, through Europe and all the way to America, as well as plenty of places in between. Adrian Borland (God rest his soul) was a poet, a visionary, and The Sound deserved every piece of praise they got. Of which there was tons – with entire 6 page pull-out sections in the NME, Sounds, Record Mirror (although for some reason Melody Maker didn’t join in the fun – presumably as a cynical market differentiation ploy). If you put The Sound on the cover of your weekly music paper or Sunday supplement, your periodical’s circulation would surge. Show me someone who can’t sing the chorus from Thunder Up’s opening song Acceleration Group and I’ll show you someone who lived on Mars in eightysix/seven.

But you know all that. In fact the last time you were in WH Smiths at the railway station there was probably a hacked-together The Sound tribute mag on the shelf for £7.99. What you may not know is that in eightyix/seven there was other music out there. And if you digged deep enough, you might even have chanced upon The Joshua Tree by U2. I wasn’t aware of its existence until much later – only finding it by chance on a streaming playlist. U2 were apparently a peripheral band on the Blackwell roster. Kind of (maybe) a bit like Simple Minds or The Waterboys, but then again not. They had this mad guitar player who’s sound is a mystery – it’s not really lead guitar, it’s not really rhythm section, it’s out there, at the edge.

The Joshua Tree is a very well assembled work, some of its sonic textures are Turner Prize-winning art. There’s an odd metallicism in it, and a searing Camusian heat. Hot knives, sun’s out guns out. I don’t know if Meursault’s infinitely reverberating sentence “ Et c’était comme quatre coups brefs que je frappais sur la porte du malheur“ is a reference point for this record, but it feels like it is – blood and burning sand. I dont pretend to ‚get‘ all of this record – it’s too avant-garde, but it does have good tunes, and I like the way the first three songs are anthemic and address eternal human points. It’s mad that they did this – put the best three songs at the start and let the rest of the record go off on some very uncommercial tangents. Maybe this is why nobody bought the record at the time and only a hardcore of about 1- 3,000 people actually own it on CD. I doubt anyone truly grudges The Sound for their success, but it is fascinating to me that U2 are – for the most part – a footnote to the 1980s.

The best records always leave a question mark. And the question The Joshua Tree leaves is … how do people go into a room and write this stuff? Impossible to imagine the guitar guy going into the studio going „check out this new riff I’ve made up“ because the guitar seems to emerge out of the songs rather than be any basis for them.

 

DJ Mireia Moreorless’s account (December 2190)

 

… found a new 20th century work … not crasy [sic] abt the 1st 3 songs (the singer, is he a phantom on these? haha) … heart the beat on >>Red Hill Mining town<< just yes. did anybody here [sic] this record? burning sand or tears in rain? … death hangs over thee / whilst yet thou livest / whilst thou mayest / be good

 
 
 

 

2016 2 Juli

Broken

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Is it far away in the glitter-frieze,
Or in our eyes every time they meet?

It’s by the light of the plasma screens
We keep switched on all through the night while we sleep

It’s broken
Our love

Broken

It’s broken
Our love

Broken

It’s broken
Our love

Broken

It’s broken
Our love

Broken
 

2016 2 Juli

Bye, bye, Lake Wobegon

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Das da oben? Das ist ein fiktives amerikanisches 800-Seelen-Dorf mit Namen Lake Wobegon, „the little town that time forgot, and the decades cannot improve“.

Ich lebe ja im Land der originalen radio personalities, wie es sie in dieser Form nirgendwo sonst gibt. Und wer mehr über solche amerikanischen Radioshows wissen möchte, dem sei der Film A Prairie Home Companion ans Herz gelegt (USA 2006, Regie: Robert Altman, Drehbuch: Garrison Keillor, deutscher Titel Robert Altman’s Last Radio Show – bitte aber dann nicht die deutsche Synchronfassung auswählen, sondern den Originalton!).

Die wirkliche Radioshow dieses Namens gibt es seit 1974, geschrieben und präsentiert von Garrison Keillor, einem amerikanischen Unterhaltungsautor, dessen Markenzeichen rote Chucks und der Anzug mit einem roten, zu langen Schlips sind. Dazu hat der Mann einen merkwürdigen Kinderhaarschnitt. Macht aber nichts, seine Stimme wiegt das auf. A Prairie Home Companion wird jeden Sonnabend zwei Stunden lang live aus dem immer ausverkauften Fitzgerald Theater in Saint Paul, Minnesota, im Radio übertragen.

Die Show ist über die Jahre zur freundlich-nostalgischen Persiflage klassischer amerikanischer Radioshows geworden. Es spielt eine Live-Band, es kommen Gastmusiker (Emmylou Harris, Willie Nelson und k.d. lang waren schon da), wir hören Sprecher und Geräuschemacher. Kaillor moderiert locker vom Blatt, er singt, spricht live die (Fake-) Werbung und präsentiert immer eine neue Folge der „News from Lake Wobegon“, mit dessen Einwohnern er alle Probleme der Welt in verkleinertem Maßstab durchspielt wie seinerzeit der NDR-Schulfunk in „Neues aus Waldhagen“. Und das alles ist nicht nur liebenswert, sondern vermittelt sehr anschaulich das Gefühl, was das ist oder war oder sein könnte: amerikanisches Radio.

 
 
 

 
 
 

Und nun ist Schluss. Am 2. Juli nimmt Garrison Keillor live aus der Hollywood Bowl seinen Abschied — nicht zum ersten Mal, aber diesmal meint er es anscheinend ernst.

 
Livestream und Podcast hier.

 
Ach ja, und vergessen Sie dann bitte nicht, Ihre Antenne zu erden.

Meine Mutter hat mir die meisten Lieder überliefert. Ich nehme an, dass sie ihren Liedbesitz von ihrer Pfadfinderschaft erhielt. Sie pflegte in der Kueche und auf unseren vielen Wanderungen zu singen. Merkwürdigerweise verstummten diese Lieder bei mir mit dem Aufkommen der Popmusik, die sich plötzlich sehr breit machte. Es gibt allerdings ein Volkslied, das mich durchgängig bis heute in den unterschiedlichsten Lebenssituationen immer bestärkt hat: DIE GEDANKEN SIND FREI, wer kann sie erraten, … . Ich habe dieses Lied noch nie laut gesungen, aber oft klang es in mir an, wenn ich akute Situationen zu bewältigen hatte. Ich erinnere mich daran, dass ich als junge Schülerin gerne das Lied über die 5 SCHWÄNE gesungen habe und später immer an das Lied dachte, wenn ich den ergreifenden Film Wenn die Kraniche ziehen von Michail Kalatosow sah. Zu diesem Bilderlebnis gehört auch das Gedicht von Walter Flex: WILDGAENSE RAUSCHEN DURCH DIE NACHT, vertont hat es Robert Goetz 1916. Auf meinen Auslandsaufenthalten bin ich manchmal darum gebeten worden, einmal ein deutsches Lied zu singen. Zu meinem textsicheren Repertoire gehören folgende Lieder:

 

– Ännchen von Tharau (17.Jh.)
– Kein schöner Land (alte Melodie)
– Es geht eine helle Flöte ( Text und Melodie von Hans Baumann)
– Die Forelle ( Franz Schubert)

 

Oft haben die ausländischen Deutschlerner beklagt, dass wir Deutschen so wenig singen würden. Oft war es eine reine Freude, mit ihnen aufgrund ihrer unterschiedlichen Mentalitäten und Rhythmen Lieder einzuüben. Ich erinnere mich an das erotische Lied: IN DES WALDES TIEFSTEN GRÜNDEN (Rinaldo Rinaldini). Man singt es nach der Melodie von den „Drei Chinesen mit dem Kontrabass.“ Wir haben beim Singen Tränen gelacht; dabei weiss ich gar nicht, ob ihnen der doppeldeutige Text so klar war:

 

In des Waldes tiefsten Gründen – von vorn,
In den Höhlen tief versteckt – von hinten,
Schläft der Räuber aller kühnster – zum Zeitvertreib,
Bis ihn seine Rosa weckt – am Unterleib.

 

Es gibt herrliche Chansons von Ringelnatz, Kästner, Mehring, Klabund, die ich den Deutschlehrern im Ausland vorstellte. Darunter von Erich Kästner: ANKÜNDIGUNG EINER CHANSONETTE, in der die Zeile: „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen“, vorkommt, in spöttischer Anlehnung an Goethe. Oder von Klabund, den ich immer B. B. vorgezogen habe: „DIE HARFENJULE“ (Emsig dreht sich meine Spule / Immer zur Musik bereit …). Songs, Moritaten, Balladen von Fritz Grasshoff findet man im Deutschen Taschenbuch Verlag. Er hat mehrere Bücher dazu herausgegeben. Sehr schön DIE BALLADE VOM PARISER METRO MALER CESAR PATTE. Ich weiss nicht, ob sie vertont wurde.

 

Cesar Patte, Schnurrbartmaler,
und verblichen in Paris,
war als Mensch ein schwacher Zahler
und ein Trinker überdies,
doch als Künstler ein Immenser,
ein Genie wie Chassepot und bedeutender als Ensor
oder Michelangelo …

 

Wer mal in durchsoffener Nacht oder in Rauchschwaden schweren Kneipen in Schottland oder Irland versucht hat, die gelallten Texte der Lieder zu verstehen, der fühlt sich in den Pennergesängen von dem unvergleichlichen Günter Bruno Fuchs zu Hause.

 

LEIERKASTENLIED vom Pferdchen Krause:

 

Ich stahl ein Pferd vom Platz für dich
und führte es zu dir. Dort sprach ich fromm und feierlich:
Ich schenke dir ein Tier …

(Für Nietzsche wäre dieses Lied die Rettung gewesen :))

 

Natürlich hat Wolf Biermann „MIT MARX- UND ENGELSZUNGEN“ damals noch in der DDR gesungen. Ich habe Biermann mehrmals live gesehen. Man durfte sich meist ein Lied wünschen. Ich habe mir immer; ENFANT PERDU gewünscht und er hat es immer sehr pathetisch vorgetragen. Es ist fuer mich das schönste Wendelied:

 

Der kleine Flori Have –
Zwei-Meter-Mann, das brave
das uralt kluge Kind
Ist abgehaun nach Westen …

 

Landeskundliche Paradebeispiele sind vor allem die Lieder von Reinhard Mey. HAMM, HAUPTBAHNHOF singt er einmal quer durch die Republik. Das Lied ist zeitlos, hochaktuell. Als Düsseldorferin – mit der längsten Theke der Welt – will ich mit einem Gassenhauer schliessen, der eigentlich aus der Operette Gasparone von Milloeker entlehnt ist und es bis in die Technocharts geschafft hat:

 

MUTTER, DER MANN MIT DEM KOKS IST DA.
Mutter, der Mann mit dem Koks ist da.
Junge, halt’s Maul, ich weiss es ja.
Hast du denn Jeld?
Ich hab‘ keen Jeld.
Wer hat denn den Mann mit dem Koks bestellt?

2016 1 Juli

The title of my Punkt lecture

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Desire Lines and The Disturbance of Memory – Time Travel with Sound

Fucking Brexit. Cameron and Corbyn are selfrighteous idiots as far as it concerns their personal EU approaches and ambivalences over the last months (resp. years). They should do social work in local cemeteries. Wouldn’t be surprising if Mr. Cameron would reinstall fox hunting in his country and follow some regressive landlord desires. People are embarrased and angry at what has happened. The vote was, at parts, too, won by the tabloid press lying to people and also by far right racists. This is the most serious situation in UK politics in many, many years. There may not even be a UK in a few years‘ time. The people of Scotland want back into Europe as soon as possible. London and Scotland voted to stay in Europe – and both should. But how? Apart from that, no reason to not being enthralled by the hinterland Britannia, by old ways, ancient landscapes – and people who didn’t lose their fucking minds.

Our record of the month July is digging deep in rural British life. I’m totally sure that Robert Wyatt quite loves the ways Darren Hayman revisits desolate churches, deserted swimming pools, on his buried treasure „Lido“ (no chance for David Hockney’s touch of kitsch with popish blue and nice bodies) – and the witch trials of long-gone centuries. He has some vibes in common with the ways Robert Wyatt and Ray Davies observe traditions vanishing from earth, from unions to railways, from hospitality to old tunes. Sam Lee is another great spirit, singer and detective of lost songs – they could join a club of gentlemen. Hayman now turns his attention to a disparate group of locations tied together by their wartime fortunes a century earlier. „Thankful Villages, Vol. 1“ is sincere and intimate, the tracks range from instrumental field recordings incl. ambient weather and dialogue to full-fledged folk-pop songs. Wonderful.

Full of wonders and magic, too, the concert tour of Van Morrison with t h e orchestra of his lifetime in 1973. The return of the classic double album and the new edition of unreleased concerts of Van Morrison with the Caledonia Soul Orchestra surprise me in many ways. Listening to these performances of exuberant elan vital and uninhibited joie de vivre, I’M THERE! And sitting on my petrol green sofa, slightly deprived of sleep, with a glass of red wine, I’m joining the crowd of another era – pure joy floating through my body – I would call it „solitary, collective joy“!

Brad Nelson has written the following lines in „Pitchfork“, and you can carve them in stone: „History and myth are two forms of context Morrison is determined to combine in his music. His sets juxtaposed original material from throughout his career with established soul and blues songs by Ray Charles and Sam Cooke, Willie Dixon and Sonny Boy Williamson. His own songs are composites themselves: blues, jazz, folk, and rock forms all appear in his music, sometimes at once, collapsing into a slipstream of associations. This feeling of endlessness, of the language of a genre losing its sharpness and blending with others, gives even his straightest R&B numbers the shape of a whirlpool.“

One of Van’s classic albums is called „Common One“ – a richly textured journey through the English landscapes of his mind. Recorded in Switzerland (I think), it transports every listener to the wilderness of Morrison’s pastime power spots. In, too, come the spirits of old English poets. „Summertime in England“ is a cracker. Highly recommended, too, and hard to imagine, the Irishman has not yet read one of the books of Robert Macfarlane.

In England the book is called „The Old Ways – A Journey on Foot“. And though there are some excursions through far away places, his walks are centered on two heartlands, Southern England’s soft chalk downs, and the unyielding Scottish north. (I’ve been there, with a Land Rover and eight loudspeakers, I have to confess:))

Robert Macfarlane is a storyteller of the sublime – far away from looking for linearity, He is  a clear mind open for the apparition of ghosts. A philosopher who thinks better when being in the walking mode? „To describe Macfarlane as a philosopher of walking is to undersell the achievement of “The Old Ways”: his prose feels so firmly grounded, resistant to abstraction. He wears his polymath intelligence lightly as his mind roams across geology, archaeology, fauna, flora, architecture, art, literature and urban design, retrieving small surprises everywhere he walks.“ (The Guardian)

Strolling old ways, lights in the dark, an immersive, life-affirming loneliness, that’s part of the deal reading this book, slowly, slowly. Zigzagging through a life’s story is somehow similar. A bit, for instance. No matter if you’re a returning guest to the Matthew Scudder novels (I’ve read Lawrence Block’s excellent „Eight Million Ways To Die“), or a novice – we have now finally crossed the Atlantic and left English soil – you might find it very interesting to read about this modern anti-hero at different points of his life, at different stages of fighting his demons. It’s like an invented biography in fragments where single moments suggest rather different coping strategies for the „noirish“ elements of life. This might be a good entry for starting with the first novel of the series that has recently been published in Germany, with a new translation, titled „Die Sünden der Väter“. Good day, and good riddance!

(Written between hours, at Bagles and Beans, some words stolen from Ian, finished yesterday) 


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