Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2012 16 Nov.

Ein spiritueller Kuss

von | Kategorie: BlogMusik aus 2012 | Tags: , | | 3 Comments

Die Formationen des Schlagzeugers Paul Motian wurden stets bereichert von Gitarristen wie Bill Frisell, Ben Monder, Jakob Bro oder, auf dem Album Reincarnation of a Love Bird der Electric Bebob Band: Wolfgang Muthspiel und Kurt Rosenwinkel. Reinkarnation des Sun Ra, so könnte man jetzt Rosenwinkels frisch erschienenes Doppel-Album Star of Jupiter nennen, das einer musikalischen Entwicklung die Krone aufsetzt. Eine interstellare Sehnsucht schwingt mit bei diesem Musiker: Wir kommen alle von weit her.

Im Kosmos ist es kalt und diese Musik lässt leicht frösteln, ist zuweilen aufwühlend, aber eben auch unheimlich, zauberhaft, fremdartig schön. Anders als Hybridguitar-Kollege Pat Metheny, dessen Unity-Band kürzlich allzu Gewohntes präsentierte, lässt sich Rosenwinkels neues Quartett – mit den Marsalis-Musikern Aaron Parks (Piano) und Eric Revis (Bass), ferner Drummer Justin Faulkner – nicht als Ambientsound für den Supermarkt verwenden, es sei denn: Shopping auf die abgefahrene Art.

Sind auf dem Cover Weise aus dem Morgenland, tanzende Derwische zu sehen oder sind es vier Manafonistas, die auf den fünften warten? Die elektrische Gitarre ist ja klanglich oft limitiert, monoton. Der Trick des Rip van Rosenwinkel: er passiert Joe Pass, hat einen eigenen Sound entwickelt und bereichert ihn durch Vocoder-verfremdeten, hymnischen Gesang. Und noch ein Effekt ziert sein Spiel, man kennt das von der Malerei der Jungen Wilden: an den Rändern verläuft die Farbe und der Zufall diktiert entzückende Muster.

Auch die Licks hier, sie zerfransen und zerfasern. Ist es nur ein Mythos, Überlieferung: dass Gitarrenkönig Kurt gelegentlich sein Instrument willkürlich umstimmt, um nicht zu wissen, was er spielt und so den Grenze setzenden Bünden und Mensuren ein Schnippchen schlägt? Wie anders kann es sein, dass es ihm gelingt, völlig fremdartige und unerhörte Läufe hinzulegen? Mir jedenfalls gefallen solche Eskapaden – man zieht Profit daraus. Ein Song auf diesem Album nennt sich „Spirit Kiss“, und genau das ist der Gewinn.

2012 15 Nov.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (30)

von | Kategorie: Blog | | Comments off

 
Kürzlich fiel mir zufällig einmal wieder ein Päckchen in die Hände, von dem ich nie so recht weiß, gehört es in den Platten- oder in den Bücherschrank. Es handelt sich nämlich um ein Buch nebst Kassette. Erschienen ist das ganze 1987 als Gemeinschaftsproduktion des SWF (heute SWR), dem NDR und dem Rowohlt-Verlag. Der Klappentext des Buches erzählt vom Sommer 1966, als Peter Rühmkorf, Michael Naura und Wolfgang Schlüter gemeinsam einen Lastwagen in der Hamburger Innenstadt bestiegen und das Projekt Jazz & Lyrik auf dem Markt starteten. Dieses erste Jazz-und-Lyrik-Konzert wurde immerhin von 3000 Zuhörern besucht und war der Startpunkt einer vieljährigen Zusammenarbeit.
 
 
 

 
 
 
Das 120 Seiten schmale Bändchen enthält 30 Gedichte Rühmkorfs, darunter natürlich auch die Texte, die Rühmkorf auf der Kassette zur Musik von Michael Naura und Wolfgang Schlüter vorträgt: PHÖNIX VORAN, AUF EINEN ALTEN KLANG, SELBSTPORTRÄT, PARADISE REGAINED, IMPROMPTU, DAS WAR UND ICH WEISS NICHT, JETZT MITTEN IM KLAREN, HOCHSEIL, DAS HIMMELSCHLUCK-LIED, EINEN ZWEITEN WEG UMS GEHIRN RUM, VARIATION AUF DAS „ABENDLIED“ VON MATTHIAS CLAUDIUS, TAGELIED, DEUTSCHE ZAUBERSTROPHEN, KOMM RAUS, ALLEIN IST NICHT GENUG und BLEIB ERSCHÜTTERBAR UND WIDERSTEH.

Die Aufnahmen sind herzerfrischend, denn sie sprühen vor Spielfreude. Alles ist live aufgenommen, mit allen Ecken und Kanten. Im Buch erfährt man beim Lesen der zwischen den Gedichten eingebetteten Gespräche zwischen Rühmkorf und Naura unter vielem anderen etwas darüber, weshalb die Aufnahmen so lebendig wirken. Rühmkorf: Und wenn du mal löwenmäßig auf den Klavierdeckel haust oder dem Schlüter ein Schlegel bumms auf den Boden fällt, dann sind das so außerplanmäßige Zugaben. Genauso sollte man aber auch die Gedichte als kleine Instrumente betrachten, als in meiner Instrumentenwerkstatt gefertigte Lyren, die ich rühren kann oder schlagen oder anreißen oder schmirgeln oder zupfen, und über den Anschlag oder die Streichart entscheidet immer der unvorherberechenbare Augenblick, von dem auch ihr ein Teil seid. Naura: Das hör ich gern, ich hab oft eher den Eindruck, dass wir ein Teil von dir wären. Dieser metaphysische Sog, der von deinen Texten ausgeht, ist manchmal so mächtig, dass ich am liebsten den Klavierdeckel ganz leise zumachen möchte und selber nur zuhören. Aber das sind natürlich nur so momentane Schrecksekunden der Ergriffenheit. Rühmkorf: Alles positiv, alles gut. Worauf ich im Augenblick hinaus möchte, ist aber vielmehr die Sphärenharmonie, die sich für mich erst einstellt, wenn ich mich als Vokalist als Teil des Ensembles fühle. … Naura: „Musik stört Dichterlösung“, das hab ich schon mal irgendwo gelesen. Obwohl wir gerade das absolute Feeling gefunden hatten bis in die feinsten metrischen oder rhythmischen Verschiebungen, die man Swing nennt. Rühmkorf: Die Musik ist für mich in jedem Fall etwas Vorgegebenes, mit dem ich rechnen muss, wie mit tragenden Luftschichten. Wenn ihr mal mehr anzieht als gewohnt, das heißt, wenn euch der Teufel reitet, muss ich diesem Teufel folgen. … Ich vertraue mich euch an wie ein Segelflieger den jeweils herrschenden Auf- und Abwinden. …
Buch und Kassette sind also überaus empfehlenswert. Und das schönste: man kann diese Buch-Kassetten-Kombination noch kaufen. Diese unfassbare Entdeckung konnte ich gerade machen. 25 Jahre nach Erscheinen dieses Werkes noch im Handel … es geschehen eben doch noch Zeichen und Wunder.

2012 14 Nov.

Fades Fantasialand

von | Kategorie: Blog | | 2 Comments

„Die freien Menschen, die permanent suchen, also permanent von ihrem Gesuchten fantasieren, haben eine durch und durch sterile Fantasie und müssen also von jeder – naturgemäß unsauberen, besonderen – Wirklichkeit auf das Äußerste irritiert sein. Wer fantasiert, sterilisiert. Die Hypertrophie der Fantasie führt zur Sterilität alles Begehrten. Menschen, die reich an Fantasie sind, haben keine besonders lebendige Fantasie, sondern eine tote, abtötende.“ (Sven Hillenkamp, Das Ende der Liebe)

Eine Freundin zeigt mir ein buddhistisches Weisheitssprüche-Buch mit Bildern aus Nepal, dem Land, das sie gerade bereist hat. Sie sucht sich regelmäßig einen Spruch heraus und knabbert dann gedanklich den lieben langen Tag daran herum, beim Spazierengehen oder bei der Küchenarbeit. Ich verstehe sie gut, die Liebe, denn mir geht es ähnlich. Und so setzt das obige Zitat von Sven Hillenkamp ad hoc eine Assoziationskette frei, die erklärt, was den Poesiealbenbildchen, manchen Comic-Zeichnungen und den Buchverfilmungen von Miss Pilcher gemeinsam ist: sie wirken steril und blenden die unschöne Wirklichkeit aus. Auch bei Musikveröffentlichungen findet man solches. Ein in die Jahre gekommener Popstar und Pianist schwadroniert im neuen Album von jungen Frauen und ein Verdacht erwächst beim Hören: konstruiert und fantasiert, das Ganze – somit fad, gelackt und inhaltslos. Hingegen singt ein anderer Orpheus von Brüchen und Niederlagen, von gescheiterten Ehen und den dramatischen Niederungen eines schwierigen Lebens (La Difficulté d’être). So jemandem hört man gerne zu – egal, ob das durch Improv-Music, Streichersätze oder Synthie-Sampling veredelt wird. Denn die Welt ist, was der Fall ist und nicht fantasiert.

2012 13 Nov.

Truffaut und die Schwarze Serie

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Einer meiner Lieblingsfilme von Francois Truffaut trägt im Deutschen den Titel „Auf Liebe und Tod“. Mit Trintignant und Ardant. Auch Franzosen können mit meisterhaftem „understatement“ spielen. Eine ganz unterkühlt inszenierte Mordgeschichte, eine ganz fein gezeichnete Liebesgeschichte. Während so manche Filme, die ich einst liebte, ihre Faszination verloren haben, bleibt dies ein Werk, das ich, wie Hitchcocks DER UNSICHTBARE DRITTE, die „extended version“ von „VERBLENDUNG“ (nach Stig Larsson, das schwedische Original!), oder „ES WAR EINMAL IN AMERIKA“, immer wieder gucken kann. Da gibt es noch einen anderen Lieblingsfilm von Truffaut, aber vielleicht spielt mir hier die Erinnerung einen Streich. Denn ich habe ihn nur einmal gesehen, mit siebzehn Jahren, „Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent“. Sogar beim Titel bin ich mir nicht mehr ganz sicher, und weigere mich, mich schlau zu machen.

P.S. Vor vielen Jahren bemerkte der Filmkritiker Peter W. Jansen (er war eben auch Filmkritiker im Fernsehen, und daher einem Millionenpublikum vertraut, zudem ein verdammt kluger Kopf!) zu Truffauts Kriminalfilm: „Wie dicht hier alles beieinanderliegt und ineinandergreift, zeigt schon die Entstehungsgeschichte. Der Film ist nicht nur eine Reaktion auf den vorhergehenden, er wurde vielmehr aus der „Frau nebenan“ geboren. Bei der Besichtigung von Mustern, erzählt Truffaut, „gab es eine Szene, wo Fanny Ardant im Trenchcoat um das Haus von Depardieu schleicht; einige Leute vom Team meinten: Das ist toll, Fanny sieht jetzt aus wie in der Schwarzen Serie. Aus diesen Überlegungen ist der Film entstanden.“

 
 

 
 

„Originally conceived as a bit of fun, Magical Mystery Tour presented an hour-long disruption of TV norms. Despite having a cross-generational cast, it was definitely from within youth consciousness, which was becoming more and more radical thanks to LSD and the developing counter-culture. With its non-linear structure, jump-cuts and promo videos, it offered a portal into the future, just when many people wanted to celebrate the past. Whether deliberately or not, it widened the generation gap.“

Als Jugendlicher sah ich den Film in der Flimmerkiste, keine Ahnung, wann er gesendet wurde, wahrscheinlich nicht, wie in England, am 2. Weihnachtsfeiertag – aber irgendwie vermittelte der verrückte Genre-Mix schon eine Art Feriengefühl. Ich bin mir sicher, dass mir bei den Liedern vom Walross und dem Narren auf dem Berg die Kniee weich wurden und die Ohren gross wie Scheunentore. Ansonsten konnte ich mich bestens einlassen auf Typen, die 12, 13, 14 Jahre älter als ich sein mochten, dabei seltsam albern und wissend gleichzeitig rüberkamen. Der Musiklehrer in der Penne hatte keine Chance, „Der Freischütz“ liess mich kalt. Als ich nun den Film erstmals seit damals wieder sah, in der neuen Blu-Ray-Ausgabe, dachte ich nicht, dass er mich, über das Nostalgische hinaus, dermassen packen würde. (M.E.)

„In autumn 1967 (…) The Beatles represented a new kind of person, playful and colourful – which is the way people would like to live now, partly thanks to their example. This jump-cut into the future might have not set well in the schedule for Christmas 1967, but in 2012 it looks fantastic – as though it was made yesterday. MAGICAL MYSTERY TOUR is a film that has found its time.“

Die Meisterwerke. Die 5-Sterne-Alben. Die Sternstunden. Bei Eberhard Weber lauten sie „The Colours of Chloe“, „Yellow Fields“ und „The Following Morning“, dicht bedrängt von „Chorus“ und „Later That Evening“. Der Rest: guter Stoff, okay, vertraute Ware, Beigabe, Nostalgie. Alles Wesentliche schien formuliert. Oder doch nicht?

Denn jetzt erscheint ein kleines Wunderwerk, zwingender als alles, was unter dem Qualitätssiegel „Eberhard Weber“ seit Beginn der Neunziger Jahre noch auftauchte. Der Schwabe hat sein Archiv geöffnet und Fundstücke gesichtet: zahlreiche, vom Elektro-Bass in der Jan Garbarek Group dargebotene Solo-Passagen (oder Konzert-Passagen, in denen der Bass den Ton angab). Quellenstudium. Interludien, das Grundmaterial für „Resume“. Eberhard Weber hört kritisch, wählt aus, bearbeitet die historischen Aufnahmen.

Mitunter spielen Jan Garbarek (Saxofone, Flöte) und Michael Di Pasqua (Schlagzeug) neues Material ein. Alt und neu lässt sich schwer trennen. Wie hat Weber beispielsweise seine Soli bearbeitet? Neue Klänge hinzu fabriziert? Alte Aufnahmen übereinander geschichtet?. Wie funktioniert Klangforschung, wenn man den eigenen Erinnerungen begegnet? Wie kann man die alten Stoffe im bestmöglichen Sinne „fälschen“ – und ihnen gleichzeitig neues Leben einhauchen?

Das Hören von „Resume“ stiftet bei Hörern, die Webers Musik seit Jahrzehnten kennen, interessante Verwirrungen. Denn das Kunststück ist ja, dass aus all diesen Zwischenspielen originelle Kompositionen werden, Erinnerungen gleichsam neu erfunden werden. Ein weiteres 5-Sterne-Album also? Das nicht, aber ein faszinierend inszeniertes Werk, das die ganze Bandbreite der Weberschen Spielkunst noch einmal vor Ohren führt. Hier muss enorm viel Kleinarbeit und Feilen am Detail mit eingeflossen sein. Das Resultat wirkt vollkommen mühelos. Es ist eine helle Freude, sich auf diese  „Fälschungen“ einzulassen. Sein (s.o.) sechstbestes Album!

2012 11 Nov.

Lux (reprise)

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… Eno’s LUX is the sonic equivalent of interplanetary dust drifting slowly away from not-so-Big-Bang origins …

… just imagine …
  … can dust be illuminated …

 
 

 
 

Based on vocal fragments by Renaissance composer Guillaume Dufay (1397-1474), this outing proves that virtually any combination of musical expressionism is possible, and with this release, the output equates to a magical experience. Here, Ambrose Field sets the backdrop via live and studio electronics for acclaimed tenor, John Potter as an ethereal encounter with the past comes to fruition during the modern age.

It’s a very special album, indeed. With Field’s polytonal sound sculptors and Potter’s golden and pristine delivery, the duo shapes a nouveau set of interlinked works that intimate an uncannily natural coexistence. It’s a sanctifying listen, due to Potter’s spirited vocals atop Field’s multihued plane of electronics treatments. They contrast and complement via an assortment of heavenly musings that promote inner peace amid a captivating sequence of streaming effects, enhanced by the classic ECM Records aesthetic.

On the title track „Being Dufay,“ Field’s expansive and shadowy shadings, provide Potter with a forum to instill notions of a divine journey into parts unknown. In other movements, they coalesce for sweeping pastiches of sound, amid vast mystical environs, comprised of soft, yet penetrating mosaics that transmit a sense of meeting the supreme creator. In turn, the duo’s synergy and focused methodology translates into a sparkling gem of an album that instills endearing sentiment and cleverly engineered storylines that touch the heart and warm the soul. (Glenn Astarita)

P.S. Ambrose Field plays several synthesizers. One of them was once used by Pink Floyd. Now the meeting of Old Music and New Music has produced its very own psychedelia. This approach is very different from Garbarek’s one with the Hilliard Ensemble, but, although being nearly unknown, BEING DUFAY offers the same class of vision. (J.S.)

2012 11 Nov.

Interplanetary Dust Drifting

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Lux is a subtle, deceptively simple design of delays and distances, with quiet tones settling like snow, a succession of piano, percussion and string timbres held in suspension, decaying at different rates – the sonic equivalent of interplanetary dust drifting slowly away from not-so-Big-Bang origins. The cool, beautiful result plays tricks with time: whereas most 75-minute albums of short songs swiftly pall, Lux never bores because it’s never making foreground demands on your attention. As music for thinking, it bores only as far as one’s own thoughts bore. (Andy Gill, The Independant)

 
 

 

 

The spirits of Sylvian and Eno may, indeed, loom over Year of the Bullet, but the album speaks with its own voice, a combination of Aagre’s warm, articulate and deeply expressive voice – capable of fragile vulnerability and unbridled power – and Honoré’s sample-driven electronic landscaping. And Year of the Bullet clearly reflects Honoré’s ongoing work as co-Artistic Director of Punkt. „Punkt has mainly provided the craft: the knowledge or skill of working intuitively and swiftly with electronic instruments and samplers, and hopefully doing it with taste, which to a large extent means making the right choices,“ explains Honoré. „I believe Greta and I have had the singer/songwriter bit in us from way back, but the arrangements on this record needed the craft that the whole Punkt experience has taught us.“ (John Kelman)

aagrehonore.com


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