Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Eine Zufallszusammenstellung. Da fiel mein Blick drauf, letzte Woche, ich fotografierte den Blick (sorry, nicht ganz scharf!), nichts war arrangiert, der Schnappschuss hat was zu erzählen. Fragt man mich, was ich an der Welt des Reggae so mag – lassen Sie den Blick kurz auf dem Cover von Bobby Kalphats Album „Zion Hill“ ruhen (das mit der roten Flasche!)  – , ist es wohl auch „the living with holes“, die Aussetzer im Rhythmus, als würde fortlaufend etwas stolpern und fliessen, stolpern und fliessen in einem Atemzug: das Stolpern und der „flow“ s i n d eins.

Die wenigsten kennen Bobby Kalphat, und diese auf zwei Platten verteilte Edition des „Berges von Zion“. Bobby Kalphat spielt gerne Melodika, ist aber, obgleich einst ein gefragter Sessionmann, lang nicht so bekannt wie Augustus Pablo. Er spielt auch Keyboards – und einen Moog, der leicht zu handeln ist und schöne Brummgeräusche macht. Die Melodika ist durchaus nicht das tragende, markante Instrument. Alles auf „Zion Hill“ ist aus einem Guss – „trippin‘ through the Jamaican Book of Standards“ – Bobby Kalphat nimmt sich einen Haufen von Lieblngsliedern vor, die gebucht sind für fast jede jamaikanische Jukebox.

 
 
 

 
 
 

Mein Gott Jah! Der satte Sound mit konturierten Drums und knochentrockenen Bässen ist hinreissend. Man befindet sich im „goldenen Zeitalter“, Lee Perry winkt die ganze Bande herein. Man geht von Studio zu Studio, und am Ende hat man von jedem Raum, jedem „Medizinmann“, einen besonderem Abdruck eingefangen, eine Handschrift, ein Riddim, einen Toast, haltbar bis zum „Armageddon“.

Fast so perfekt wie Donald Fagens digitale „Nachtfliege“, aber klangwärmer, mit verschmitzt aus der Reihe tanzenden Tönen. „Zion Hill“ ist ein gut gehüteter Schatz, von einem dieser Unterschätzten, die in ihrer frühen Zeit eminent wichtig waren für die Verwandlung von Rocksteady in Reggae. Und für Insider den Status der Granate Jackie Mitoo hatten.

1977 erblickte „Zion Hill“ kurz das Licht der Welt, verschwand umso schneller und tauchte vor Jahr uns Tag in dieser Hammervinylversion auf. Ein „Showcase“ für Bobbys Talente – und soviel mehr! Wird man hier nach dem Lieblingsstück gefragt, nennt jeder ein anderes, und ich „Collie Collie“, eine Version von Al Campbells „All These Shackles“. Alles „Versionen“ hier, klar. Sogar eine von „Take Five“. Cooking.

2016 7 Mai

„Die Kommune“ (oh, fuck, those were the days?)

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Thomas Vinterberg hat einige beachtliche Filme gemacht, allen voran das fiebrige Psychodrama „Das Fest“, auch die traditionell gehaltene Verfilmung eines alten Schmökers von Thomas Hardy „Am Rand der grünen Welt“ hatte Qualität.

Jetzt nahm er sich die Wohngemeinschaftsszene im Schweden der Siebziger Jahre vor, hatte exzellente Schauspieler zur Hand, und liefert einen unendlich bescheidenen, totlangweiligen, in jeder Hinsicht vorhersehbaren, Film ab. Ein bisschen „Das Fest“ (weichgespült),  ein bisschen „Szenen einer Ehe“ (gähn!).  Nach 30 Minuten wollte ich erstmals das Kino verlassen  (draussen lockte Sommerabendstimmmung, ein Caipirinha, das Leben mit all seinen Überraschungen), aber ich war dumm genug, auf eine Wende, einen Dreh zu hoffen. Vergeblich.

Vorhersehbare Dramen haben etwas Ermüdendes an sich; selbst das grosse Können der Schauspieler hängt an den Strippen eines extrem uninspirierten Drehbuchs, das kein Klischee auslässt. Und natürlich so gut wie jedem Typus von WG-Bewohner alter Zeiten gerecht werden will (ich erspare mir die ermüdende Auflistung). Ach, wie gut gefällt mir Ulrich Thomsen in den drei Staffeln von „Banshee“, eine Art „Tarantino hoch zwei“, allerdings ohne ausufernde Dialogarien! Ach, wie wenig kann selbst Trine Dyrholm mit ihrer Rolle einer aus allem Ehe- und Karriereglück hinauskatapultierten Frau diesen miserablen Post-Dogma-Film retten, auch wenn die Juroren des Berliner Filmfests ihr einen „Silbernen Bären“ überreicht haben. Dem Zuschauer wird hier ein ganz und gar waschechter Bär aufgebunden.

 

P.S. Ich habe selbst im Ausklang der Siebziger in einer WG gewohnt. Eines Tages kam eine junge Brünette aus Bochum zu uns, eine Bekannte von jemandem, der sich,  gern auch öffentlich, einer Fusspilzbehandlung unterzog. Sie hiess Susanne, hatte eine herzenswarme Ausstrahlung,  und brachte ihm zwei Lehrbücher vorbei. Nett, freundlich, zugewandt. Nett war aber hier nicht die Schwester von langweilig.

Während des Kaffeetrinkens wurde mit bewusst, dass diese Studentin einen  fabelhaften Zauber auf mich ausübte. Braungebrannte Haut, rehbraune Augen, langes schwarzes Haar, und irgendein Parfum, das ganze Arbeit leistete. Entscheidend waren die Augen, ihre französisch anmutende Erscheinung, und zwei ihrer Blicke, die mich mit einer  im Sekundentakt anschwellenden Erektion beglückten. Bevor sie ihr erste Tasse Kaffee getrunken hatte, musste ich kurz in mein Zimmer huschen und mir Erleichterung verschaffen.

Es war leicht, ihre Adresse zu bekommen. Am Tag darauf  stürzten  wir uns aufeinander, bevor ich die  erste und einzig gute Platte von „Dire Straits“ auflegen konnte. Sie sagte mir, ihr sei es ähnlich gegangen in der Küche der WG, sie sei selbst ganz feucht geworden. Es habe „geknistert“. Schöner Studentensex. Liebe wurde nicht daraus. Das habe ich dem Film von Vinterberg zu verdanken, dass mir diese Erinnerung hochkam. Schade, das es kein Pornokino war. 

2016 7 Mai

Grant 10

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Gestern jährte sich der zehnte Todestag von Grant McLennan, und ich liess im Auto auf dem Weg zum Rhein BEFORE HOLLYWOOD laufen, das ganze Album mit dem magischen Song „Cattle and Cane“. Und diese Zeilen verweilten: „The railroad takes him home/ Through fields of cattle / Through fields of cane.“ Ich wäre jetzt gerne in Brisbane und würde über die Go-Betweens-Bridge laufen.

2016 6 Mai

Janis: Little Girl Blue

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Ami Bergs neuer Dokumentarfilm über Janis Joplin, Janis: Little Girl Blue, hatte vor zwei Tagen seine amerikanische Fernsehpremiere und steht für die nächsten paar Wochen online bei PBS (leider vermutlich nicht ausserhalb der USA).

Um es vorwegzunehmen: Viel Neues bietet der Film nicht. Aber damit war wohl auch kaum zu rechnen. Es gibt nur wenige US-Stars, deren Werk und Nachlass so systematisch in kleinen Portionen in Büchern, Booklets und Zeitschriftenartikeln, auf immer wieder neuen CD-Kollektionen und neuerdings auch auf der Musicalbühne verhackstückt worden ist wie das Janis Joplins. Und noch immer hält die familieneigene Stiftung den Daumen auf allem, was von Interesse sein könnte. Wer die Janis-Biografien von Alice Echols, Myra Friedman, Ingeborg Schober und Janis‘ Schwester Laura Joplin gelesen hat, kennt die meisten der verfügbaren Informationen und Quellen, weiß aber auch, wie unklar und weitläufig interpretierbar sie sind. Besonders die Biografien Echols und Friedmans tragen allzu deutlich die Spuren des Versuchs, Janis für die politischen oder weltanschaulichen Vorlieben der Autorinnen zu vereinnahmen. Janis, behaupte ich, würde sich das energisch verbeten haben.

Diesen Fehler immerhin macht der Film nicht. Er verlässt nur kaum je das amerikanische Fernsehlevel, er bleibt also stets dicht an der Oberfläche. Dabei hätte er mit einer Laufdauer von 105 Minuten Zeit genug gehabt, auch mal weiter in die Tiefe zu gehen. Neben viel Archivmaterial, das man längst kennt (Studio, Woodstock, Monterey, Festival Express), gibt es auch relativ neue Interviewschnipsel mit ihren Bandmates Peter Albin, Dave Getz und dem (inzwischen verstorbenen) Sam Andrew, mit Bob Weir von Grateful Dead, Country Joe McDonald, Kris Kristofferson, Fernsehmann Dick Cavett, dem damaligen CBS-Boss Clive Davis sowie dem Filmemacher DA Pennebaker. Auch Freunde, Liebhaber und Verwandte tauchen auf; manchmal haben sie sogar etwas Interessantes zu sagen. Viel hat Janis auch von ihrem Produzenten Paul Rothchild gelernt, doch der ist leider nicht mehr zu interviewen.

Meist wird Janis getreu ihrem Klischeebild als emotionsgesteuertes Powerpaket dargestellt, das ständig von ihrem eigenen Überschwang davongetragen wurde. Dass ihr Gesang in Wahrheit sehr genau ausgetüftelt und bis in kleinste Verzweigungen ihrer stimmlichen Möglichkeiten erforscht, ausprobiert und einstudiert war – kein Wort davon in diesem Film. Dass Big Brother & The Holding Company eine passable Band war, soll nicht bezweifelt werden. Für Janis war sie ein guter Start. Dennoch musste Janis die Band verlassen, weil sie auf die Dauer dort mit ihrem Ausnahmetalent verhungert wäre. Meiner Ansicht nach eine konsequente und richtige Entscheidung. Der Film jedoch stellt sie als Fehlentscheidung dar, weil Janis mit der Band auch so etwas wie ihre Familie und damit ihren emotionalen Rückhalt aufgab. Man kann das so sehen, und sicher ist das ein Teil des emotionalen Chaos, das Janis wohl eigen war.

Weshalb dann die von Janis selbst zusammengestellte Kozmic Blues Band nicht funktionierte, macht der Film immerhin ansatzweise klar: Weil die Band aus Musikprofis bestand, die alles spielen konnten, was man von ihnen wollte, denen man aber genau sagen musste, was sie spielen sollten. Diese Führungsrolle war nicht Janis‘ Ding. Dass noch dazu die damals soultypischen Bläsersätze ihre Stimme erdrückten, muss sie selbst gemerkt haben. Wie Janis dann an die überwiegend kanadischen Musiker ihrer Full Tilt Boogie Band kam (ihrer zweifellos besten), wird leider gar nicht erklärt. Auch ihr Spielchen mit der Kunstfigur „Pearl“, die sie sich – vermutlich für die Bühne – ausgedacht hatte, bleibt unerwähnt und ungeklärt. (Nein, „Pearl“ war nicht, wie immer wieder behauptet wird, Janis‘ Spitzname.)

In einigen Interviewausschnitten mit Janis kommt bei aller Oberflächlichkeit des Films trotzdem durch, dass sie eine hochintelligente Person war. Mit ihr konnte man über Musik und Kunst ebenso fundiert wie über politische oder soziologische Fragen diskutieren, sie hatte die amerikanischen Systemtheoretiker ebenso gelesen, wie sie Adorno oder Sartre an Bord hatte. Die Präzision und Überlegtheit, mit der sie Fragen beantwortet, ist oftmals bemerkenswert. Sie kannte Odetta und Billie Holiday bis ins Detail, ebenso aber auch Strawinsky oder Ligeti. Zeitlebens muss diese Frau darunter gelitten haben, dass das keiner von ihr hören wollte, ja, mehr noch: dass keiner ihr diese Kenntnisse überhaupt zutraute. Der Film geht auf diesen Aspekt kaum ein. Deswegen bleibt es letztlich auch rätselhaft, weshalb sie weder vom Alkohol noch vom Heroin dauerhaft loskam – der Film erklärt den Drogenkonsum durchweg mit jugendlichem Rebellentum, der emotionalen Leere nach den Auftritten und der Einsamkeit in den Hotelzimmern. Sicherlich nicht verkehrt, aber mir ein bisschen zu dünn.

Alles in allem ist Janis: Little Girl Blue kein schlechter Portraitfilm über eine sehr vielschichtige Persönlichkeit. Wer wenig über Janis Joplin weiß, erfährt hier einiges zum Einstieg. Aber man hätte mehr daraus machen können.

2016 5 Mai

Dominique Gonzalez-Foerster im K20 in Duesseldorf

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Die franzoesische Kuenstlerin liess im Museum Jugendherbergsbetten aufstellen, damit sich Mensch und Kunst dort vor Dauerregen retten koennen. Auf jedem Bett liegt ein Buch. Ich nahm zufaellig dieses in die Hand und staunte nicht schlecht:
 

„And, playing an undefined sort of music between the metallic bunks, there will be musicians who will be like an echo of the orchestra that went down with the Titanic but playing acoustic string instruments along with electric guitars. Maybe what they play will be the distorted jazz of the future, perhaps a hybrid style that, one day, will called electric Marienbad.“

2016 4 Mai

Hard not to compare

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„It’s a very different type of album but the boldness, change of direction and sheer level of high musical attainment makes it hard not to compare it to another album released this year by a contemporary of Eno, namely Blackstar by David Bowie.“ (Steven Johnson, omh) 

 

 

Weitgehend abwesend, die Bedeutungsträger
der realen Welt, so dass heute nur Traumstoffe
gehandelt werden: eine Hängematte für den Orangenhain,
Kopfhörer, die „Odysseus“ heissen (Sirenenschutz!),
„we’re gonna ride out in a country silence“
glaubt jemand, die Eintrübungen der ersten Farbfilme
mit künstlichem Himmel und Federkissenwolken
seien vollkommen spurlos an uns vorübergezogen?

 

2016 3 Mai

Physiognomy of the Prestidigitator

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The title „Physiognomy of the Prestidigator“ has nothing to do with the above. I can’t remember what I made it up for, or when. I remember this, though: the prestidigitator is a nobody – a sub-subcharacter referenced in a piece of dialogue in one of the 5 Truffaut films about the crazy life of Antoine Doinel. A nobody referenced in the conversation of a nobody. Severe delays on the Circle Line. Everything is broken. Everything is repairable.

 

When Nietzsche said ‚hey, God is dead‘
He forgot to mention this:
Satan died in the same accident –
Everything’s all it is. All is garbage, all is bliss.

 

2016 30 Apr.

Merman’s Song for Jim, Lou and David

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If the doors of perception were cleansed

everything would appear to man as it is, infinite (W.Blake)

In der „hauseigenen Review“ ist nicht zu viel versprochen worden. Ich habe die neue Brian Eno CD THE SHIP inzwischen etliche Male angehört: sie bleibt immer von gleich hoher Qualität. Vielleicht haben mich die pastoralen Klänge am Anfang mit Blake assoziieren lassen, vielleicht sind es die düsteren Wortfetzen, die ich herausverstehen kann:
 

Thin hour, wicked sun, young sky, I am lost …
 

Es erinnert mich an The END von den Doors, an deren metaphysische Welt, die den Versuch wagt: break on through to the other side. Die Sonne zeigt sich launisch,  abwartend, noch heisst es „waiting for the sun“ (Doors) und dann, maybe, „after the rain, after the rain“, vielleicht doch ein Befreiendes: „Here comes the sun?“ (Beatles)

„Piper pipe that song again!“, will man rufen. Eno versucht es schließlich mit seiner wunderbaren Stimme – jetzt nicht so sonorig wie im ersten Teil The Ship. Er hebt zum Lou Reed Song an:
 

I’m set free to find a new illusion.
 

Das Lebensschiff ist untergegangen. Arche Noah schwimmt weiter, bereits mit Meeresmann Kierkegaard an Bord.

Solange jemand Geräusche von Möwen, Wellen, Maschinenräumen so wunderbar in Musik umwandeln kann, solange gibt es Trost!

Was für ein Geschenk.

2016 30 Apr.

Ad hoc!

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Es ist eine interessante Situation entstanden, was meinen Arbeitsmix aus Journalismus und Psychotherapie angeht – ein „drittes Territorium“ hat sich geöffnet, wie der Eingang einer Höhle in 1001 Nacht – und ich weiss keineswegs, ob ich hinterher mit leeren Händen oder einem Sack voller Gold an die Oberfläche zurückkehre. Nur stellt sich der Arbeitsalltag in Kürze dermassen drastisch um, dass ich einen Zeittrick, eine „Eselsbrücke“ anwende, um der Runde der Manafonisten erhalten zu bleiben.

Ich bin hinfort, ähnlich wie Gregor (der alle zwei Wochenenden zur Feder greift) der „Samstagsmann“. Was immer ich zu erzählen habe, wird hier an Samstagen auftauchen, wobei durchaus auch mal ein, zwei dieser Wochenendtage am Stück ausfallen können, ohne dass gleich Suchtrupps losgeschickt werden müssen. So wird es kommen – dieser selbst ausgehandelte Deal gilt bis Ende 2017.


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