Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Kürzlich haben mehrere Mitautoren hier über das Sortieren und die Ordnungsmethoden eigener Plattensammlungen philosophiert. Dabei tauchte bei mir die Frage auf, was man als Musikliebhaber überhaupt bei sich behält oder wie andere das System handhaben. Die meisten Leute, die ich kenne, besitzen eine mehr oder weniger überschaubare CD-Sammlung. Manche/r kauft sich mal eine Platte, die als „Fehlkauf“ verbucht wird … Aber so eine richtige Sammlungspflege betreibt kaum eine/r. Oder ich höre später, dass einer alles verkauft hat.

Vor zehn Tagen hat ein Nordische-Musik-Bekannter (genau genommen hat er die Seite einst ins Leben gerufen), der zuvor bereits viele lange Jahre für unterschiedliche Zeitschriften geschrieben hatte, geschätzte 6500 CDs verkauft, also mehr als ich besitze – alle auf einen Schlag an einen Händler. Nur einen kleinen Teil persönlich wichtiger Scheiben behält er. Glücklicherweise konnte ich gerade noch rechtzeitig für einen Kurzbesuch dort aufkreuzen und mir einige Sachen heraussuchen, die ich zum größten Teil schon lange gerne haben wollte, unter anderem einige ECM- und Real-World-Veröffentlichungen oder je zwei CDs von June Tabor und Birthday Party. Klar kann ich mir bei weitem nicht alles kaufen, was ich gerne haben möchte – häufig leihe ich verschiedene Musik aus dem reichhaltigen Sortiment des Berliner Bibliotheksverbunds aus, einiges davon erwerbe ich später auch, wenn ich es zu günstigen Preisen finde. Und klar konnte ich bei der Sammlungsauflösung bei weitem nicht alles einpacken, was ich gerne mitgenommen hätte … Doch nun räume ich so nach und nach die CDs in mein Regal, und in der ECM-Sektion gibt es längst nicht mehr genug Platz.

Ich kenne Leute, die finden es ganz wichtig, zu Hause eine ordentliche, will sagen große Bibliothek zu besitzen. Hingegen haben Bücher mich nie so interessiert wie Musikalben. Auch DVDs habe ich nie gesammelt, besitze nur sehr wenige. Man kann doch fast alle Bücher und Filme einfach ausleihen, in einer Stadt wie Berlin sowieso; außer Spezialistensachen vielleicht. Und beim Umzug erst! Uff.

Ja, ich habe Respekt vor den riesigen Bücherregalen von Bekannten und Freunden. Ich verstehe: Dahinter steht der Gedanke, dass man ja dieses oder jenes Buch vielleicht doch irgendwann noch einmal lesen möchte. (Doch kommt man schon dazu, all die Bücher zu lesen, die man gerne lesen würde? Ich überhaupt nicht.) Oder dass einem dieses oder jenes Buch ganz arg am Herzen liegt (bei mir Siri Hustvedts What I loved oder der Katalog zur großen Steve-McQueen-Retrospektive in Basel). Oder man einfach gerne alles parat hat, um gegebenenfalls mal reinzuschauen, für ein Zitat oder ein Gedicht. Aber wenn ich ehrlich bin, sind Bücher für mich eher Gebrauchsgegenstände. Ich hatte nie eine so leidenschaftliche Verbindung zu meiner Hausbibliothek wie meine literarisch bewanderten Freunde. Man häuft schon so vieles an, und wie oft kommt es vor, dass ich in ein bestimmtes Buch unbedingt reinschauen will? Also stehen und liegen hier (fast) ausschließlich Bücher, die ich noch nicht gelesen habe oder von denen ich annehme, dass ich zur Fortbildung oder für ein konkretes Filmprojekt etwas nachschauen oder nachlesen will. Und das sind immer noch zu viele.

 
 


 
 

Ich hingegen pflege lieber eine Musiksammlung, auch wenn man heutzutage vieles online oder ebenfalls in der Bücherei bekommen kann. Aber da kommt es tatsächlich oft vor, dass ich gerade dieses bestimmte Album im Sinn habe und es zum alltäglichen Glück gehört, das dann umgehend aus dem CD-Regal ziehen und in die Hand nehmen zu können. Oder dass ich einfach den Reichtum schätze, aus hunderten von Alben wählen zu können. Und online bzw. über MP3 höre ich sowieso nie Musik, allenfalls wenn ich einen Mietwagen habe, in dem sich – wie in letzter Zeit immer häufiger – kein CD-Spieler befindet. Ohne Cover fehlt mir was bei Musik.

Was aber tun, wenn man weiß, dass man so manche Platte seit Jahren nicht gehört hat und auch nicht davon ausgeht, dass man sie in nächster Zeit wieder hören wird? Marilyn Mansons Mechanical Animals, das Spaghetti-Album von Guns N’Roses oder David Lynchs Eraserhead will ich eigentlich nicht abgeben, auch wenn ich sie nur selten höre. Es sind einfach starke Alben. Am Freitag hörte ich seit langem mal wieder Meds von Placebo – und freute mich, dass ich sie behalten habe. Aber wenn man mit einer Platte nie richtig warm wurde? Bei einigen Alben gehe ich davon aus, dass ich sie noch nicht gut genug kennengelernt habe und womöglich irgendwann mal eher auf ihrer Wellenlänge sein werde (Pat Metheny, Paul’s Boutique, Abercrombie …), und häufig traf das auch zu. Gelegentlich stehen Platten aber auch lange im Regal, immer wieder sehe ich sie, halte sie in der Hand, überlege, höre rein, lege sie womöglich wieder zurück. Manche verkaufe ich irgendwann.

Von ECM gab es immerhin schon drei oder vier Alben, die ich bislang wieder verkauft habe, weil sie mir überhaupt nicht zusagten. (OM und Judith Berkson fallen mir da gerade ein). Doch bei ECM weiß ich eigentlich, dass der Zeitpunkt irgendwann kommt, wenn ich nicht gleich damit warm werde. Aber sonst: Manche Musik versucht man immer mal wieder, ohne dass sich was tut. Eigentlich verabschiede ich mich fast laufend von Platten und CDs, schon allein, weil ich nie all das anhören kann, was ich besitze. Und eben, es gibt ja auch nicht endlos Platz. Bei vielem fällt es mir aber schwer, weil ich denke, vielleicht kommt der Zeitpunkt doch noch …

In den letzten Wochen habe ich gerade wieder einige Platten bei Discogs eingestellt. Dann kaufe ich von dem Geld gleich neue Sachen. Manche CD habe ich tatsächlich irgendwann mal bei Ebay verscherbelt oder verschenkt oder zu Oxfam gebracht… und es dann Jahre später doch mal wieder hören wollen. Da hab ich mir dann Stings Ten Summoner’s Tales oder Notwists rotes Album oder Graffiti Bridge von Prince dann bei Ebay für ein oder zwei Euro wieder besorgt und sie wieder schätzen gelernt.

Und dann entdecke ich oftmals CDs in irgendeinem Laden oder so und denke, ach, die hatte ich ja auch mal, gute Platte. Aber gar nicht vermisst.

 

Der intensive Mensch, definiert Garcia, sucht nicht mehr nach der Wahrheit, sondern er will mit größtmöglicher Energie das sein, was er bereits ist, er will alles intensivieren. Das Subjekt empfindet „die Stille der Stille, das Rot der Röte …“ , variiert etwas, es bleibt immer etwas übrig. S.156: „Die Kraft des ersten Mal ist dem Routineeffekt überlegen. Das Subjekt erfährt zum ersten Mal, dass es zum zweiten Mal verliebt ist.“ Garcia legt eine erstaunlich lange Liste von Intensitätsversprechen vor: bei plötzlicher Erregung; bei sportlicher Leistung; bei Drogen bei Verführung, Liebe, Orgasmus …

Die Intensität wird selbst zur Norm und zwar im Verhältnis zu sich selbst. Das Ziel ist nicht mehr, moralisch gut zu handeln (Kant), sondern intensiv zu leben. Sein kollektives Bild für die Intensität ist der Strom, den er chronologisch durch die Jahrhunderte deutet. Für die Moderne ist es der Rockmusiker an der E-Gitarre. Garcia hat ein faszinierendes Buch für eine Zielgruppe geschrieben. Für diejenigen, die anders leben und DENKEN, ist sein Fetischdiesseits weniger attraktiv.

 

2017 19 Aug.

So ein Teilen vor der Flut

von | Kategorie: Blog | | Comments off

Einige Elementarteilchen können nicht

allein existieren, sagt meine Tischnachbarin.

Niemand widerspricht. Gespräche über Physik

sind eher selten. An der Schattengrenze

sitzen wir im Freien. Speisen und Getränke.

Pasta und Politik. Alle reden. Ich schweige,

denke über Sprache nach. Im Duden steht

Freund hinter freuen, wörtlich: froh machen.

Vriundin sagten Frauen zur Zeit der Zauber-

sprüche zu einer Vertrauten, zu einer,

deren Nähe sie suchten. Ich lehne mich zurück.

Schaue in die Runde. Bitte um etwas Brot.

 

Aus: Barbara Zeizinger – Wenn ich geblieben wäre. Gedichte. Pop Verlag Ludwigsburg 2017
 
 
 

 
 
 

Martina Weber: Dein Gedicht „Einige Elementarteilchen können nicht“ ist das letzte Gedicht deines vierten Gedichtbandes, der in diesem Frühjahr erschien. Da sitzen Leute in einer Runde zum Essen am Tisch, der Anlass bleibt offen und spielt keine Rolle. Das lyrische Ich fühlt sich isoliert, schweift mit seinen Gedanken ab, denkt über den Begriff der Freundin nach und versucht, sich durch eine förmliche Bitte wieder in die Gruppe einzubringen. Es fasziniert mich, wie in diesem Text die Einsamkeit spürbar gemacht wird. Während die Tischnachbarin eine Information aus der Physik in die Runde wirft, denkt das lyrische Ich im Prinzip über das gleiche Phänomen nach, aber auf der begriffsgeschichtlichen Ebene. Ich finde es auch witzig, wie hier mit dem Vorurteil bzw. der Erfahrung, dass sich kaum jemand freiwillig außerhalb der Schule mit Physik beschäftigt und welcher Respekt den angeblich so wertneutralen Naturwissenschaften entgegengebracht wird, gespielt wird. Die Bitte um „etwas Brot“ hebt das Gedicht auf eine metaphysische und symbolhafte Ebene. Brot ist existenziell, die Bitte um Brot kann man niemandem abschlagen. Assoziationen ans Abendmahl flackern auf. Es kann sein, dass die Bitte, die das lyrische Ich äußert, ein paar Höflichkeitssätze auslöst, ein kurzes Geplauder. Grundsätzlich aber scheint es ein verpatzter Abend zu sein. Die Einsamkeit, die in Gegenwart anderer so viel stärker wirkt als allein, ist, denke ich, eine menschliche Urerfahrung. Ich will gar nicht erst damit anfangen, darüber nachzudenken, wie mich diese Erfahrung in meinem Leben begleitet hat, wenn ich mich, vor allem als Kind, unfreiwillig in Tischrunden fand und mich möglichst schnell herausgemogelt habe. Physikalische Erkenntnisse übrigens tauchen dann doch in weiteren deiner Gedichte auf.

 

Barbara Zeizinger: Das Gedicht ist das letzte eines Zyklus‘, in dem ich mich mit den unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes „Aufgehoben“ beschäftige, und behandelt den Aspekt „sich aufgehoben fühlen“. Das lyrische Ich klinkt sich hier aus dem gemeinsamen Gespräch aus, hängt eigenen Gedanken nach, obwohl es zwischen Freunden sitzt.

Vielleicht ist das Gedicht etwas unfreiwillig typisch für viele andere in diesem Gedichtband, die sich mit dem beschäftigen, das du Einsamkeit nennst und wofür es zahlreiche Gründe gibt. Das erste Kapitel „Die Zeit dazwischen“ habe ich mehr oder weniger geschrieben, während ich mein Elternhaus ausräumen musste. Und ehe man sich versieht, kommen längst begraben geglaubte Erinnerungen hoch und man ist wieder das Kind, das auf Familienfotos in der letzten Reihe steht.

 

Martina Weber: Die Methode, die du bei deinem Gedicht „Einige Elementarteilchen können nicht“, anwendest, ist symptomatisch für deine anderen Gedichte: Die Themen sind oft unspektakulär, aus dem Alltag gegriffen, Begegnungen mit Fremden oder innerhalb der Familie zwischen Gefühlen von Zweifel, Nähe und Distanz, Rückblick auf das Leben, die Kindheit, Einblendung politischer Beobachtungen, Empfindungen nach dem Besuch einer Kunstausstellung, Reisen, der Fund einer Puppe ohne Arme am Strand. Die große Stärke deiner Gedichte sehe ich darin, wie es dir immer wieder gelingt, diese scheinbar so auf der Straße herumliegenden Themen durch einprägsame Bilder und Metaphern und Gedanken auf eine andere Ebene zu hieven, dorthin, wo sie etwas Grundsätzliches bekommen und im Lesenden immer wieder eigene Erinnerungen auslösen. Eine Prise Magie. Namedropping: Bloch, Dante, Hemingway. Gerhard Richter. Dies alles wirkt unangestrengt und leicht. Gibt es für dich eine typische Methode, wie du beim Schreiben von Gedichten vorgehst? Welche Art von Notizen machst du dir, bevor du Gedichte schreibst?

 

Barbara Zeizinger: Eine eindeutig typische Methode habe ich eigentlich nicht, weil die Ausgangspunkte, die zu einem Gedicht führen ganz unterschiedlich sind. Bei dem Zyklus „“Grundton Büchner habe ich mich beispielsweise gefragt, welche Assoziationen Büchner-Zitate bei mir auslösen, das Gedicht „Lucy in the Sky“ ist von einem Zeitungsartikel in der Frankfurter Rundschau inspiriert, in dem der Wissenschaftler beschrieben hat, dass diese Lucy genannte Urfrau wahrscheinlich deshalb gestorben ist, weil sie nicht mehr richtig klettern konnte und vom Baum abgestürzt ist. Daraus sind dann die Zeilen „Sie hat sich / entschieden, sie will aufrecht durchs Leben gehen“, geworden. Aber Du hast Recht, meine Gedichte erwachsen aus dem Alltag, aus dem was ich erlebe, lese, sehe – worüber sollte ich auch sonst schreiben. Aber es darf nicht bei mir als Person stehen bleiben, so wichtig bin ich nicht, sondern sollte eben die von dir angesprochene zweite Ebene erreichen. In meinem Lyrikband gibt es ein Gedicht, das handelt auf den ersten Blick nur von Zugvögeln, die an der Ostsee pausieren, um sich im Watt ihren Reiseproviant anzufressen. Dabei machen sie sich überhaupt keine Konkurrenz, und so lauten die wichtigsten Sätze im Gedicht, die sich nicht nur auf Vögel beziehen: „So viele Möglichkeiten. / So ein Teilen vor der Flut.“

Um auf deine Frage nach der Methode zurückzukommen, kann ich vielleicht zwei Punkte nennen. Zum einen trage ich einzelne Wörter oder Sätze oft wochenlang mit mir herum, bis daraus ein Gedicht wird und zum anderen schreibe ich so etwas wie eine Idee erst einmal ganz prosaisch auf und forme dies nach und nach zu einem Gedicht.

 

Martina Weber: Ich kann deinen Gedichtband auch als Rundgang um deinen Plattenschrank oder als Einblick in deine Jukebox lesen. Dies sind die Titel: Leonard Cohen, Pink Floyd, The Doors, The Beatles (Lucy in the Sky). In einem Gedicht heißt es “nie mehr Janis Joplin gehört”. Es klingt so, als ob Musik die Bedeutung, die sie einmal für dich hatte, etwas eingebüßt hat.

 

Barbara Zeizinger: Nicht unbedingt die Musik. The Doors und Janis Joplin habe ich als junge Frau, als Studentin viel gehört und es sind eher die Inhalte der Songs, die ich inzwischen manchmal vermisse. In dem Gedicht, auf das Du anspielst, bedauert das lyrische Ich ja gerade den Verlust der „verwirrenden Möglichkeiten“. Pink Floyd steht in dem Kapitel, das sich in erster Linie mit dem und der Fremde beschäftigt, für etwas Vertrautes. Und das Gedicht über Leonard Cohen soll eine Hommage sein.

 

Martina Weber: Du schreibst nicht nur Gedichte, sondern hast auch einen Reisebericht über Kuba geschrieben, du arbeitest an einer Romantrilogie, die mit dem zweiten Weltkrieg und der Geschichte des 20. Jahrhunderts zusammenhängt, deren erster Teil, Am weißen Kanal, um ein Ereignis am Ende des Zweiten Weltkriegs in Italien kreist und in diesem Jahr auch in italienischer Sprache erschienen ist. Seit Jahren schreibst du Rezensionen für das Literaturportal Fixpoetry.com, das vor zehn Jahren von Julietta Fix gegründet wurde. Was ist dein Eindruck von der aktuellen Literaturszene?

 

Barbara Zeizinger: Sie ist extrem vielseitig. Das betrifft sowohl die Lyrik, als auch die Prosa. Ich könnte jetzt nicht sagen, es gibt in der Lyrik eine bestimmte Richtung oder bei der Prosa bestimmte Themen. Vor allem, weil fixpoetry ja nicht nur die deutsche, sondern auch die internationale Szene im Blick hat. Vielleicht würde ich sagen, es gibt relativ viele Romane, die private Geschichte mit der allgemeinen verbinden. Dieser Eindruck kann aber auch an meinem Blickwinkel liegen, weil mich persönlich solche Themen interessieren.

 

Martina Weber: Die Zeile, die deinem Gedichtband ihren Titel gab, ist die erste Zeile des ersten Gedichts: „Wenn ich geblieben wäre“. Es ist der Beginn eines abgebrochenen Satzes:

 
Wenn ich geblieben wäre

im Wispern der Blätter,

im Rot der Kirschen,

als ich Ohrringe pflückte

von unteren Zweigen.
 

Es bleibt offen, was wäre, wenn das lyrische Ich dort geblieben, wo die Mutter im Tupfenkleid die Kirschkerne einfach ausspuckt.

 

Barbara Zeizinger: Ist es nicht so, dass jeder im Laufe des Lebens getroffene Entscheidungen in Frage stellt und sich vorstellt, wie hätte mein Leben auch anders verlaufen können?

 
 
Website von Barbara Zeizinger:

Barbarazeizinger.de
 
 

Nächste Lesung mit Barbara Zeizinger:

Mittwoch, 6. September 2017, 19.30 Uhr,

Literaturhaus Darmstadt (Kennedyhaus), Lesebühne.

Kasinostraße 2, Darmstadt

Gemeinsam mit Martina Weber

Moderation: Kurt Drawert

 
 
 

 

Es war nach Mitternacht, ich hatte die Uhrzeit dezent im Blick. Tanja räkelte sich auf einem Sessel, sie sagte, sie würde gern noch bleiben, sei aber seit 18 stunden wach und müsse leider aufbrechen. Ich sagte, ich würde die ganze Nacht wach sein und eine Musiksendung hören. Vielleicht würde es sich für sie seltsam anhören, aber ich würde die Sendung auf Audiokassetten aufnehmen, eine Technik, mit der sie wahrscheinlich nie etwas zu tun gehabt hätte. Doch, sagte sie, Rec und Play. Die nachfolgende Generation, diejenigen, die 5 Jahre jünger wären als sie, könnten keinen Kassettenrecorder mehr bedienen. „Warum nimmst du die Sendung auf, wenn du sie doch hörst?“ fragte Tanja. Die Frage verblüffte mich. Ich beschriftete drei 90er Kassetten. Stories, Feldaufnahmen. Was macht man als Zuhörerin einer Livesendung nachts zwischen 1 Uhr und 6 Uhr? Ich war überhaupt nicht müde, vielleicht eine Fernwirkung des Eistees mit Mate, ich holte aus dem Kühlschrank ein Elderflower Tonic Water, knipste zwei Lichterketten an, eine mit bunten Stoffbällen, die mir B aus Kambodscha mitgebracht hatte, und eine puristische. Alltagsmusik aus dem Niemandsland. Schon in der ersten Stunde, in der eine Überraschung der anderen folgt, schaffte Michael es, mindestens fünf Mal den Namen seines all times favourite Brian Eno zu erwähnen. Die Vierecke der Fenster sind unbeleuchtet. Kein Hund bellt, kein Baby schreit. Ich überlege, bis zu welcher Lautstärke ich gehen kann, ich setze den Kopfhörer auf, Liegestühle, many many years, die Namen auf Steinen mit Zahnbürsten reinigen. Die Sternzeit, die Nachrichten und Staumeldungen schneide ich schon bei der Aufnahme raus. Das Doppelkassettentape habe ich seit 1994, es ist eine der besten Anschaffungen in meinem Leben. Kurz nach drei, mitten in der zweiten Audiokassette, beginnt etwas zu quietschen. Ich hole die Kassette raus. Bandsalat. Ich bleibe cool, die Kassette ist neu, ich lege eine andere ein, ebenfalls Quietschen, ebenfalls Bandsalat. Vielleicht liegt´s an der Art der Kassette, ich hole eine andere, alte, bewährte. Dasselbe. Ich beginne, nervös zu werden. Denke an Tanja und denke darüber nach, ob ich die Sendung eigentlich anders hören würde, wenn ich weiß, dass ich sie nur einmal höre und dass es keine Playlist gibt. Vielleicht ist es eine Übung im Loslassen, es ist lächerlich, etwas festhalten zu wollen. Ich mache mir ein paar Notizen, notiere Namen, schließe einen Moment die Augen, denke an den Deutschlandfunk-Radiorecorder, den ich vor längerer Zeit installiert, aber kaum verwendet habe, ich schalte ihn an, das update zieht sich Ewigkeiten hin. Von wegen Ok Computer. Ich mag sowieso keine digitalen Aufnahmen, sie machen mich nervös. The medium is the message. Ich will nicht online sein, wenn ich Musik höre. Jedenfalls will ich es nicht grundsätzlich. Und ich will auch nicht, dass das Notebook an ist, wenn ich Musik höre, jedenfalls nicht immer. Mir fällt ein, dass ich im Keller noch einen relativ neuen, ganz passablen Radiorecorder habe, ziehe Schuhe an und renne los. „Moshi“ läuft weiter ohne mich. Der Deutschlandfunk-Radiorecorder ist immer noch mit seinem update beschäftigt. Inzwischen ist es vier Uhr sieben. Ich bin von vier Lautsprechern umgeben. Zwei meiner „großen“ Musikanlage, und zwei des Radiorecorders aus dem Keller. Ich bin umgeben von „Pyramid of Skulls“ und sitze wie ein Teenager zwischen den Boxen, unfähig, irgend etwas anderes zu tun als dabei zu sein.

Tipp fürs Shelfie: „Pyramid of Skulls“ (wahlweise als DoppelCD, Doppel-LP oder und Kassettenaufnahme) passen zu Wim Wenders und Juliano Ribeiro Salgados Portrait des Fotografen Sabastiao Salgado „Das Salz der Erde“ und zu Benjamin Lee Whorfs Klassiker der Metalinguistik „Sprache, Denken, Wirklichkeit“.

 

K

k

FIRST HOUR Joseph Shabason AYTCHE long swim / Darren Hayman THANKFUL VILLAGES VOL. 2 ( three tracks ) wigsley – east norton – maplebeck / Emanuele De Raymondi SARO viaggio / Fleet Foxes CRACK-UP i should see memphis / Björn Meyer PROVENANCE traces of a song / Fovea Hex THE SALT GARDEN 2 all those signs / Alexei Lubimov & Carl Philipp Emanuel Bach TANGERE cantabile e mesto / Erik Honoré UNREST abandoned home – the park / Joseph Shabason AYTCHE track 3 (the track with the „do-you-remember-when-Joni Mitchell-played-with-Jaco Pastorius-bass“)

 

SECOND HOUR Hans-Joachim Roedelius & Arnold Kasar EINFLUSS (two tracks) black white felt – venta / Porter Ricks ANGUILA ELECTRICA prismatic error / Jeff Tweedy HOME AT LAST sky blue sky / David Torn V. A. – SKY MUSIC (A TRIBUTE TO TERJE RYPDAL) avskjed / Grizzly Bear PAINTED RUINS wasted acres / Stale Storlokken V. A. – SKY MUSIC (A TRIBUTE TO TERJE RYPDAL) dream song – into the wilderness – out of this world / Iron & Wine BEAST EPIC song in stone / Rodach DIE ZEIT IST RUND häuserballett / Matthew Bourne ISOTACH (two tracks) isotherm – isogone

 

THIRD HOUR Music from the reissue of Barney Wilen’s double vinyl album „Moshi“ that can be ordered from the French label „Souffle Inconnu“

 

FOURTH HOUR Music from Carlos Casas‘ double vinyl album „Pyramid of Skulls“ accompanied and surrounded by the composition „Avskjed“ of Terje Rypdal’s album „Descendre“ (1980), and a classic field recording from old England, „Trains in the Night“

 

FIFTH HOUR: two long tracks from the reissue of Pep Lloris‘ „Poiemusia La Nau Dels Argonautes“ and, in the final twenty minutes, a long and winding take on Terje Rypdal’s composition „Icing“ from his classic „What Comes After“ (ECM), to be found on the forthcoming Rune Grammofon release (vinyl only), „Sky Music – a tribute to Terje Typdal – Vol. 2“, a limited addition to the forthcoming „Sky Music“-album (for more information go to the Rune Grammofon homepage!)

2017 18 Aug.

Your eyes in the rain

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Ganz früh versenkte er sich in die Musik der Shadows, später in  Gitarrensounds von Jimi Henrix und John McLaughlin. Die Sechziger Jahre waren vorüber. Er studierte bei George Russell, und entwickelte einen ureigenen Sound, zu einer Zeit, in der manche vielleicht nur grosses Nachahmen für möglich hielten. Es war ein Sound, der wohl nur in Norwegen entstehen konnte. Und dieser Sound war voller Verzweigungen, das Sphärische, das Muskuläre, Neoromantik ohne Frack, Neorock ohne Posen. Das Quantum Jazz brachten vor allem seine Mitstreiter ins Spiel. Genre? „Sky Music“! Vor wenigen Tagen schickte mir Rune Kristoffersen eine sehr spannende Arbeit, eine Hommage an Terje Rypdal zum siebzigsten Geburtstag des Gitarristen. Alles andere als eine erinnerungsselige Veranstaltung, was da Henry Kaiser, David Torn, Bill Frisell, Nels Cline, Jim O’Rourke und etliche Norweger anstellen. Gemütlich geht anders. Wenngleich Bill Frisells Darbietung bei aller Finesse den guten Terje mal en passant ins Hinterland von Kentucky zu transportieren scheint. SKY MUSIC erscheint am 25. August, kann auch direkt bei Rune Grammofon bestellt werden. In der Radionacht Klanghorizonte spiele ich zwei Stücke aus dem Werk, und, zum Ende der Nacht, ein „Original“. Hier die Liste meiner zehn all time favourites, die sich über drei Jahrzehnte erstrecken. Das allererste Mal  hörte ich ihn auf der zweiten Schallplatte von Jan Garbarek für ECM, „Sart“. Das war die Platte, mit der meine ganz persönliche ECM-Geschichte losging.

 
 

01. Whenever I Seem to be Far Away (ECM 1045) 1974
02. What Comes After (ECM 1031) 1974
03. Odyssey (ECM 1067/8) 1975
04. If Mountains Could Sing (ECM 1554) 1995
05. Waves (ECM 1110) 1978
06. After the Rain (ECM 1083) 1976
07. Skywards (ECM 1608) 1997
08. Descendre (ECM 1144) 1980
09. Terje Rypdal (ECM 1016) 1971
10. Undisonus (ECM 1389) 1990

 

Claudio Monteverdi wurde am 15. Mai getauft, ein Datum, das zu merken mir leicht fällt. Im Jahr 1567 war das. Sein Geburtsdatum ist unbekannt. In diesem Jahr gedenkt man des 450. Tauftages dieses Komponisten. Es ist noch keine 100 Jahre her, dass man sich an diesen Großen der abendländischen Musik erinnert und seine Musik auch wieder aufführt. Carl Orff bearbeitete um 1923 Monteverdis Favola in Musica L’Orfeo. Nur wenige mehr machten sich ebenfalls verdient um Monteverdi. Erst mit Nikolaus Harnoncourts Schallplattenaufnahme des L’Orfeo aus dem Jahr 1969 begann die wahre Renaissance des Claudio Monteverdi.

 

Monteverdi und Jazz? Jazz vor 400 Jahren? It don’t mean a thing (if it ain’t got that swing). Also durchgefallen (schon deswegen). Musikalische Gegenfrage:

 

 

Ist das Jazz? Ist das Klaviermusik des 20. Jahrhunderts in freier Atonalität? Ist das auskomponierte oder spontan improvisierte Musik? Letzteres müsste man wissen, denn man hört es der Musik nicht an. Jazz & Improvisation gelten als untrennbar. Im Großen und Ganzen stimmt das, wobei verschiedene Methoden des Improvisierens erkannt werden können: die freie Fantasie ohne Vorlage (Jarretts Solokonzerte), das Orientieren an einer Akkordfolge (Blues-Schema, Rhythm Changes, Harmonien eines Songs), in der Frühzeit des Jazz das Ausschmücken und Verzieren der Melodie.

 

I was embellishing around the melody. At that time (Anm.: vor 1920) I wouldn’t have known what they meant by improvisation. But embellishment was a phrase I understood.

Buster Bailey (1902-1967)

 

Zu Monteverdis Zeiten pflegten die Sänger diese Form der improvisierten Variation, ja man erwartete, dass sie diese als Diminution bezeichnete Technik vollendet beherrschten. Besucht man in unseren Zeiten Konzerte mit Sinfonischer Musik, mit Kammermusik oder Klavierabende, wo vorwiegend Werke der Klassik, Romantik und der gemäßigten Moderne aufgeführt werden, gewinnt man den Eindruck, dass Klassische Musik und Improvisation nicht zusammen gehören. Abgesehen vom singulären Fall der Pianistin Gabriela Montero scheint Improvisation im Konzertleben, das am klassisch-romantischen Repertoire ausgerichtet ist, ausgestorben zu sein. Wagt es ein Künstler, aus diesem Werkkanon auszubrechen, muss mit einem Eklat gerechnet werden.

Man darf jedoch nicht vergessen, dass Bach, Mozart, Beethoven großartige Improvisatoren waren, nicht die einzigen in ihrer Zeit. Im Solokonzert (für ein Soloinstrument und Orchester) gab es in der sog. Kadenz für den Solisten die Möglichkeit, neben seiner Virtuosität auch die Fähigkeit über das thematische Material des Satzes zu fantasieren, vorzuführen. Doch schon Beethoven schränkt ab seinem 4. Klavierkonzert diesen Freiraum ein.

Wie kann man Monteverdi und den Jazz näher zusammen rücken? Dem Madrigal Zefiro torna aus der Sammlung Scherzi Musicali liegt ein ostinater Bass zugrunde, die Ciaccona. Es gibt zahlreiche solcher Bassformeln in jener Zeit. Sie heißen Passamezzo, Romanesca oder Folia. Letztere ist hochberühmt und wurde von Vangelis in der Filmmusik zu Conquest Of Paradise aufgegriffen. Diese ostinaten Bässe entstammen vielfach der volkstümlichen Tanzmusik jener Zeit und sind die Grundlage für Improvisationen in einer schriftlosen Musizierpraxis.

Im folgenden ist eine Introduction zu Monteverdis Zefiro torna zu hören, die nicht im Notentext steht, sondern vom ausführenden Ensemble als (vermutlich vorbereitete) Improvisation gestaltet ist.

 

 

Von Gianluigi Trovesi erschien 2007 bei ECM das wunderbare Album Vaghissimo Ritratto, auf dem unter anderem auch Werke aus der Renaissance in „sehr vagen Bildnissen“ dargeboten werden. Und hier improvisiert der italienische Jazzmusiker über ebendiese Ciaccona. Das Beispiel ist einem anderen Album entnommen.

 

 

Improvisieren über einer ostinaten Formel könnte ein Grundprinzip vielerlei irdischen Musizierens sein.

 

 
 
 

       

 
 
 

Im April 2017 erschien bei ACT Music Monteverdi in the Spirit of Jazz, ein Album, das mehrere Tracks von Richie Beirachs bereits 2003 veröffentlichem Album Round About Monteverdi enthält.

„It’s a strange thing for anyone to say, but from a renowned composer it’s especially baffling. „I’m not much of a music fan,“ says Harold Budd towards the end of a warm, engaging if occasionally mystifying conversation. „I just don’t listen to music – at all!“ Even more surprising, perhaps, is the fact that the 77-year-old doesn’t even own his favoured instrument: a piano. „I think they’re ugly things,“ he chuckles. „Architecturally speaking, and in other ways. So to actually live with a piano? Well, that would really insult my aesthetic sense.“

(from an interview, some years old)

 
 
Hans Otte / Herbert Henck: Buch der Klänge

Roger Eno: 18 Keyboard Studies By Hans Friedrich Micheelsen

Matthew Bourne: Moogmemory

Harold Budd & Brian Eno: The Plateaux of Mirror

Nils Frahm: Solo Remains

Walter Carlos: Switched-on Bach

Roedelius: Selbstportrait Vol. II

Peter Broderick: Partners

Dennis Johnson: November

John Cage / Herbert Henck: Eary Piano Works

L’aggiunta:

Pascal Comelade: Haikus de Piano
 

 
 

 
 


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