Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 

 
 
 
Mit schätzungsweise 10, also um 1966, habe ich in der Leihbibliothek, die in Hamburg „Bücherhalle“ hieß, Werner Hörnemanns Buch Die gefesselten Gespenster entdeckt.

Die Handlung spielt in einem heißen Sommer kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges in einer Gegend von Marseille, in der nicht die Reichen wohnen. Sieben junge Typen diverser Nationen und Hautfarben schlagen sich durch mit irgendwelchen Jobs, zum Teil auch mit sehr kleiner Kleinkriminalität, und hoffen, es werde irgendwann einmal besser werden. Einer dieser sieben Typen, der hoffnungsvolle, aber bettelarme Kunstmaler Maurice, der von seinem reichen Vater keinen Pfenning will (und der ganz offensichtlich eine Art alter ego des Verfassers ist), findet eines Tages eine Anzeige in der Zeitung: In einem Schloss in Villeneuve treten schwere Spukerscheinungen auf, die gegen saftiges Honorar beseitigt werden sollen.

Ich will jetzt die Geschichte nicht nacherzählen. Ich bin damals kopfüber in sie hineingefallen und habe sie in den Folgejahren noch einige Male wiedergelesen.

Der Autor arbeitet mit einigen karikierenden Klischees, die heute wohl als „rassistisch“ gebrandmarkt würden — Michael Ende hat dieses Phänomen ebenfalls kennengelernt. An keiner Stelle sind diese Schilderungen abwertend gemeint, und ich habe sie auch nie so empfunden. Das Buch ist erstmals 1952 erschienen — da hießen Neger Neger, Chinesen hatten Schlitzaugen und Italiener klauten gern mal. Dabei dachte man sich damals nichts. Der Autor dürfte aus seiner persönlichen Erfahrung geschöpft haben; er hat einige Jahre dort gelebt, wo das Buch spielt, sein Beobachtungsvermögen ist bemerkenswert, und es ist offenkundig, dass er seine Charaktere mit großer Sympathie beschreibt, ihre individuellen Schicksale ebenso wie ihre Irrungen und Wirrungen. Gelegentlich merkt man pädagogische Absichten des Autors allzu deutlich, aber das hat mich damals ebenso wenig gestört wie seine gelegentliche Neigung, flapsige Dialoge um ihrer selbst willen einzubauen.

Ich habe das Buch nie selbst besessen — bis ich es vor einigen Jahren in einer Buchhandlung durch reinen Zufall in einer Neuauflage fand (rechts im Bild). Ich konnte nicht widerstehen und habe das Buch gekauft.

Dieses Gefühl, wenn man merkt, dass nicht mehr das in dem Buch steht, was man erinnert! Dieses Gefühl, wenn man schließlich dahinterkommt, dass man versucht hat, das Buch zu modernisieren! Dialoge sind verändert. Bestimmte, für eine Person typische Begriffe (etwa Renés „Schafsnase!“) tauchen nicht mehr auf. Schlimmer noch: Den Schilderungen fehlt der zeitliche Hintergrund. Vieles, was die Jungs tun, aber auch, was sie in dem Spukschloss entdecken, erklärt sich aus der Zeit, in der die Geschichte spielt. Wenn man das weglässt, schwebt die Story im Raum, etliche Handlungsfäden ergeben keinen Sinn mehr, selbst die (neuen) Zeichnungen funktionieren nicht.

Durch einen weiteren Zufall — ich musste im Postamt eine Adresse aus dem Bonner Telefonbuch heraussuchen (damals musste man das noch, und die Postämter hatten noch alle wichtigen Telefonbücher) — stieß ich um 1995 auf die Adresse des Autors Werner Hörnemann. Ich schickte ihm spontan eine Karte, in der ich ihm mitteilte, wie sehr ich das Buch als Kind geliebt hatte und wie enttäuschend ich die Neuauflage fand. Zwei Tage später rief er mich zu meiner Überraschung an. Er gab mir im wesentlichen recht, sagte aber, er habe keinen Einfluss auf die Gestaltung gehabt. Aus diesem Gespräch weiß ich, dass er tatsächlich in Marseille gelebt hat und dass die Jungs nicht völlig frei erfunden waren. Leider, so sagte er, habe er kein altes Exemplar mehr, sonst würde er mir eines zukommen lassen. (Werner Hörnemann ist 1997 verstorben.)

Es ließ mir keine Ruhe. Bis ich schließlich vor einiger Zeit ein gebrauchtes altes Originalexemplar im Internet gefunden habe (links im Bild) — für, ich glaube, fünf Euronen.

Jetzt stimmt wieder alles. Die Dialoge, die Handlungsfäden, die wunderbaren Zeichnungen von Horst Lemke. Und René sagt endlich wieder „Schafsnase!“

2018 5 Aug.

Neocuriosa: Berliner Hinterhofbotanik

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Mehr zufällig bin ich auf diese Musik gestoßen. Doch halt: ist das noch Musik? Es beginnt mit seltsamen Tiergeräuschen (die Tiere dazu müssten aber noch erfunden werden) und findet alsbald einen organisch-technoiden Groove, der abbricht, sich wieder anders aufbaut, mal ganz friedlich, mal zerhackt daherkommt. Höchst seltsam. Dann ein paar humanoide Samples, die die Freude am Rhythmischen und dessen umgehender Demontage erkennen lassen. Jetzt drängt sich aus dem Hintergrund etwas Salonmusik des 22. Jahrhunderts, tanzbar. Time-Shift für die Bremer Stadtmusikanten. Seltsam verwaschene Reminiszenzen. Mal hüpfend, mal düster ziehend. Field recordings? Nur scheinbar zufällig. Und desto länger ich das höre, wird mir klar: das ist nicht nur zusammengebastelt, wie so Vieles, was man heute von so lichtscheuen Kellerkindern zu hören bekommt. Wer sowas macht ist ein Profikiller. Vorbestehender Hörgewohnheiten. Fleischsalat aus veganen Berliner Hinterhöfen. Ein akustisches Panoptikum, das recht subtil eine Atmosphäre aufbaut, die mich geborgen mitnimmt, obwohl da nichts stimmt: alles zusammengestoppelt, experimentell und nur kurz mal ein paar Takte, die wenigstens Assoziationen aufkommen lassen können. Nichts für Rückwärtsgewandte. Kurios. Sowas Kurioses hat seit Cluster keiner mehr versucht. Außer halt Paul Frick. Teil von Brand Brauer Frick, die mit ihrem genialen Debütalbum You Make Me Real einen Meilenstein jenseits der Synthese klassischer Instrumentierung und Techno gesetzt haben ohne dabei auch nur einen Moment angestrengt oder bemüht zu klingen. Second Yard Botanicals ist das Debütalbum des gelernten und klassisch geübten Pianisten und Komponisten aus Berlin. Hinhören, denn da kommt einer, der die Radieschen im Prinzessinnengarten nicht nur vertikal pflanzt und der induktionsgesteuerte Quietscheentchen abstrakt reanimieren kann, panakustisch. Exorbitant! Intensiv! Hinhören!

2018 3 Aug.

Maskentänzer

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Zufällig entdecke ich gerade, dass der Deutschlandfunk vorhin mein Feature über die Maskentänzer Lavinia Schulz und Walter Holdt wiederholt hat. Damit steht es dann für eine Weile wieder in der DLF-Audiothek oder HIER zum Nachhören.

 

What has been your last great jazz concert?

 

In fact that has been yesterday, in Torino, so to speak. I have been listening to Part 1 of Keith Jarrett‘s performance from 1998, about 43 minutes long. And I‘ve been obsessed with these 43 minutes during the last weeks. Nothing against the other performances, but this one grabbed me mysteriously, and I love every second of it. A Multitude of Angels is a gas, the whole box.

 

What record are you really waiting for at the moment?

 

Well, I think the best record of 2018 will be from 1968. I really hope they put out the surround version of the Beatles‘ so-called White Album. I recently listened to the excellent mono-remastering on vinyl, gosh, unbelievable. The pieces float into one another, and the way they do it, or George Martin did, thrills me since I listened to the album nearly every day in my first winter in Würzburg. My room mate had a cheap cassette player, and we were real White Album addicts.

 
 
 

 
 
 
You sound a bit retro-minded!

 

Boy, I wouldn‘t be so sure if the word retro-minded is in official use, haha, but, yes, I‘m so fucking retro-minded that I should get a professional look at my mental state. Another example: in two weeks from now, I will play, in my night show, two bands I always thought I should stay away from as far as possible, Tangerine Dream and Yes. In my mental map they have been equally pretentious and boring as, say, Coldplay or U2 or Simple  Minds, and now a change of my own simple mind, haha …

 

More symptoms you want to speak about?

 

Well, I tell you something quite embarrassing. Recently I ordered music by Deodato that has been reissued in a quadrophonic version, and lots of people got crazy about it. I do really have pale memories about Deodato, he had one or two hits, a grandioso version of „Also Sprach Zarathustra“, and I think he very much went for showmanship anf big gestures, but I fucking like to lose myself inside that sound. One more time. The last time I have heared it, hundred years ago, I must have been in love with a daughter of a priest and been listening to Genesis‘ „Foxtrot“. Deodato, come on – possibly purely regressive behaviour. Hopefully my blinking red lights for a loss of judgement abilities all go wrong. But I‘m not totally lost – the Jarrett magic from 1998 still sends me places.

 

Is there some deeper reason for all this moving back in time?

 

You mean, if I can talk some sense into it?! I can. And it‘s sad enough.

 

Da scherten die Erinnerungen gleich aus, als ich das Bild von der Insel da unten sah, mit der ich soviel Kindheit und frühe Jugend verbinde, und ich huschte nur über ein paar Zeilen, die von der Entrüstung eines Paares handelten, das jetzt Brüssel verklagen möchte, weil es die Klimaschutzbestimmungen missachtet sieht. Sofort fesselte mich der Wald von Langeoog, durch den ich so oft geradelt bin, die geliebten Lichtungen, die Verdunstungskälte, der Weg zum Teehaus. Ja, ich glaube, auf dem Foto erkenne ich die kleine Einbuchtung, in der es damals stets riesengrossen Apfelkuchen (gedeckt, heute eine Seltenheit) und ostfriesischen Tee mit Sahne und Kluntjes gab. Die Erinnerungen schwappen stets zwischen Borkum und Langeoog hin und her, nirgendwo war ich damals öfter in den grossen Ferien. Unzweifelhaft verliebte ich mich auf Langeoog in die Pensionsbesitzerin des Hauses Westfalen (habe ich tatsächlich den Namen behalten?), es war der Urlaub, in dem ich 8 Jahre alt war, und einen Drachen besass und einen Roller. Einmal stand der Wind so kräftig im Rücken, dass ich mit dem linken Fuss nur einmal zum Schwung auf Asphalt ausholte, und dann gelangte ich ohne jedes Absetzen bis zur Bäckerei am Stadtrand, und war ganz glücklich, ein Rosinenbrötchen zu erstehen. In Langeoog gab es, und gibt es noch heute, das Cafe Leiß, und dort ass ich zum ersten Mal eine Eisspezialität jener Jahre, komm, sag mir, wie sie heisst, eine Porzellanschale mit Vanilleeis und einer heissen Banane, ordentlich Sahne dazu. Ja, den Michael Naura und seine magischen Jazzsendungen habe ich auf Borkum entdeckt, auf Langeoog hatte ich frühe Kinoerlebnisse. Am Bahnhof hingen die Plakate, was wann zu sehen ist, aber ich kann mich an keinen einzigen Film erinnern, nur an die Vorfreude, und dass es gar nicht genug Western sein konnten. Ich weiss auch nicht, welchen Strand ich vor mir sah, den von Langeoog oder Borkum, als meine Mutter mir geschichtenhungrigem Kind immer wieder (auf meinen Wunsch) diese zwei erfundenen Märchen erzählte, in einer kam dieser Strand vor, ohne Menschen, nur das Meer, und ihr Satz: – In hundert Jahren sind wir alle tot. Vielleicht habe ich mich deshalb als Teenager so sehr für Gespenstergeschichten interessiert, die oft genug von Toten handelten, die nicht in weissen Gewändern durch ein Schloss, sondern gern auch in luftiger Höhe, am Meeresaum, entlang schwebten. Jahre später erstand ich in der Inselbuchhandlung Krebs (ich glaube, sie heisst Krebs) Peter Rühmkorffs Lyrikband mit dem Titel „Haltbar bis Ende 1999“. Auf dem Umschlagcover ein überquellender Aschenbecher. In diesem Gedichtband habe ich eine gute Woche gelebt, in dem ich wahlweise in einem Strandkorb sass, oder abseits von dem Getümmel in den verbotenen Dünen.

 

 

Also, Jochen sollte sich das Buch noch heute besorgen, das müsste ihn doch interessieren, es geht um Gitarren und um einen Musiker, Liebhaber von Vintage-Gitarren, der in einem Gitarrenladen aushilft, er braucht Geld, sein Name Thomas Dupré. Eines Tages darf er nach Schottland fahren, Ziel ist ein nobles Landhaus am Loch Ness, sein Chef hatte ihn beauftragt, dort die berühmte Goldtop, eine Les Paul von 1954, zu überbringen, ein reicher Kunde hatte sie gekauft. Dort angekommen, bleibt unserem Helden zunächst das Herz stehen, stand da nicht Jimmy Page vor ihm? Wie sich herausstellt: nein, aber es war ehemals das Haus von Jimmy Page, das schon. Ein gewisser Lord Charles Winsley begrüßt Thomas, bittet ihn herein und zeigt ihm später seine atemberaubende Gitarrensammlung:

 

… hier eine weiße Broadcaster, die bestimmt zu den ersten zählte, die Leo Fender gebaut hatte; da eine Stratocaster in dem wunderbaren Lake-Placid-Blau aus der Mitte der fünfziger Jahre; und dort der Traum von Sammlern auf der ganzen Welt: eine Les Paul Standard von 1959 mit der atemberaubenden geflammten Decke. Letztere mochte so um die 500 000 Dollar wert sein. Direkt darunter hing eine Gretsch White Penguin, weiß und goldfarben …

 

In einer geheimen Kabine bewahrt der Lord noch zwei besondere Gitarren auf, die Thomas später auch betrachten darf, eine Flying V und die Explorer. Das Herzstück der Sammlung fehle allerdings, so Lord Winsley, der Heilige Gral der Vintage-Gitarren, die Gibson-Moderne, sie wurde dem Besitzer gestohlen.

Thomas Dupré wird nun beauftragt, diese Gitarre zu suchen oder zumindest zu beweisen, dass es sie gab, damit die Versicherung zahlen würde. Ein Roadmovie beginnt; spannende 400 Seiten prallgefüllt mit Musik- und Musikergeschichten sowie Erzählungen von sagenumwobenen Gitarren.

Grègoire Hervier schrieb das Buch Vintage, erschienen 2017 im Diogenes Verlag.

 
 

 
 

Eine weitere Leseprobe: Thomas darf sich einige Stunden mit der Sammlung des Lords beschäftigen und dessen Gitarren und Verstärker ausprobieren:

 

Endlich traf ich eine Entscheidung und griff ganz vorsichtig nach der Gretsch, auf der ich zunächst nur schüchtern herumschrammelte. Sie war ein Gedicht, und als ich ein bisschen beherzter zugriff, vibrierte sie nur so vor Lebendigkeit. Es war an der Zeit, einen Verstärker anzuschließen. Ein Vox AC30 wollte unbedingt ausprobiert werden und fing an zu summen, kaum dass er Strom hatte. … Als erstes ertönten die Beatles mit dem guten alten Day Tripper … Das brachte mich zu While My Guitar Gently Weeps und I Want You. Weiter ging es mit dem Solo von Oh Sweet Nothin´von Velvet Underground, und dem Thank You von Jimmy Page während seines BBC-Konzerts. Dafür brauchte ich eine Les Paul´59, was sich ganz gut traf, und warum das Ganze nicht mit dem Marshall-Amp spielen, der sich zu langweilen schien, so ganz allein in der Ecke …

 

Später im Buch erfährt unser Held, Thomas, von einem sagenumwobenen Musiker, der auf einer Single-Platte das Stück Half Moon Blues auf einer Gibson-Moderne gespielt haben soll. Sein Name: “Li Grand Zombi“, mit bürgerlichem Namen hieß er Harold Clay. Ein Musikstück mit dem Titel “Li Grand Zombi“ findet sich auf der Platte Versus von Branner Griswell aus dem Jahre 2015 (aber hat das etwas mit unserem Blues-Musiker zu tun? Wohl eher nicht.). Den Half Moon Blues kann man sich auf YouTube anhören (original song by John Richards).

2018 1 Aug.

Trees of Your Town (für Frank Nikol)

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“I hear something in the sounds that surround me / that only seems to remind me / that I’m lost and longing for a different place and time.”

 

2018 30 Juli

Once in a very red moon

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Dear Heathcliff,

 

sorry to say, that I have first of all sad news: Tomasz Stanko is dead. I know how much you like his trumpet sound. May I soothe your polish heart with a calm and peaceful melody of Paul Motion Broadway Vol.5. ? Listen to it, his music will bring you comfort.

I just heard the news on the radio. They mentioned that Ellis Bell was born 200 years ago. Do you remember our hike through Wales, where we were talking about Bonnie Tyler, who lives there? When the whole world was starring at the red moon, I was humming her song Total Eclipse of the Heart … you’re love is like a shadow on me all the time … Did you know that this song is based on the bitter love story: Wuthering Heights?

„Wuthering“ being a significant provincial adjective, descriptive of the atmospheric tumult to which its station is exposed in stormy weather …“

After Michelmas I plan to go to Haworth in the moores of West Yorkshire. I am looking forward to visit that inspiring place. I’ll send you some transcendent love lines from there.

 

Tikia, Nelly

2018 28 Juli

Records to live with …

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