Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 

Von frühen Morgen bis zum frühen Abend an Weinbergen entlang auf dem Rad, über Tage, über die Dörfer, zwischendurch Rast, ein Abstecher in ein eiskaltes Maar, und vor heraufziehenden Wolken zurück in ein Hotel mit Blick auf eine Sonnenuhr, auch auf die Schreckensnachrichten von dem Irren mit der Bibel vor dem Weissen Haus. Eine Anfrage, meine fünf Lieblingsalben des Jahres (bis hierhin) aus dem Ärmel zu schütteln, was nicht so leicht ist, nur die Nummer eins, mein „album of the year“ scheint bei mir konkurrenzlos, aufgenommen in Teilen mit Musikern des London Symphony Orchestra in den Abbey Road Studios – da denkt man doch gleich an Pompöses, aber was Owen Pallett auf seinem Album „Island“ macht, ist doch etwas vollkommen anderes, eine verstörende Geschichte voller Abgründe und Ergriffenheiten. Sir George Martin würde applaudieren.

 
 

1) Owen Pallett: Island

2) Die Wilde Jagd: Haut

3) Thomas Köner: Motus 

4) Jon Balke: Discourses

5) Wire: Mind Hive

 

skandierte David Byrne mit gequält dünner Stimme in Robert Fripp’s Under Heavy Manners und endet nach einigen düsteren Glockenklängen ein paar Takte weiter schließlich mit dem kryptischen „I am resplendent in divergence“. An meinem Arbeitsplatz kann ich auch Glocken hören: auf der anderen Seite des flachen Tals, in dessen Sohle der Schwarzbach fließt, liegt der Friedhof, von wo die Totenglocke über den ganzen Ort erklingt. Sie ist nicht besonders obertonreich und verbreitet eine triste Monotonie, die den Verstorbenen wahrscheinlich den Übergang erleichtern und den Lebenden ein düsteres Mahnmal ihrer Endlichkeit sein soll.

Die Spannbreite der Glockenklänge ist enorm und wegen einiger Besonderheiten ihrer Akustik ein nicht ganz so einfach, aber dafür um so effektvoller einzusetzendes Instrument. Curt Sachs definiert „Die Glocke ist ein Aufschlaggefäß mit klingendem Rand und stummem Scheitel“ – kürzer geht’s nicht. Allerdings ist die Komplexität und Vielfalt eines Glockenklanges so groß, was damit beginnt, dass der so genannte Schlagton nicht messbar und nur virtuell existiert und je nach Form, Material und Größe sehr viele, teilweise auch nicht harmonische Teiltöne erklingen, die je nach Tonhöhe und Resonanz zum Gesamtklang unterschiedlich schnell abklingen oder in hochkomplexen Schwebungen verhallen können. All das wiederum führt dazu, dass das Gehirn des geneigten Hörers mit einer einfachen Zuordnung des Klangereignisses schnell überfordert ist und hochtaktet, indem es möglichst viele, gerade nicht erforderliche Funktionen aufs Abstellgleis befördert, was dem Einsatz von Glocken im sakralen Umfeld die Tore weit öffnete und eine der kulturhistorisch ältesten Einsatzmöglichkeiten von Glocken seit der Bronzezeit darstellt. In diesem Spektrum faszinieren mich zwei Alben, zwischen denen sich die ganze Bandbreite klanglicher Möglichkeiten ausbreitet: da ist einmal Brian Eno’s Bell Studies for The Clock of The Long Now, der mit synthetischen Studien nicht nur die Klangräume möglicher Glocken ausschöpft, sondern die Muster auch in den Raum nicht real zu erzeugenden Klangkörpern hinentransponiert und so quasi unmögliche Glocken schafft. Zum anderen ist da Tsering Tobgyal’s Art of Meditation, der in ganz unesoterischer Weise die Tiefe der Wirkung tibetischer Klangschalen (per definitionem auch zu den Glocken gehörig) auf den Geist auslotet und in fast schroffer, rhythmisch nicht immer durchschaubarer Weise die geistige Reset-Taste betätigt.

 

 

        

 

 

Diese beiden Aspekte führt ganz aktuell Jon Hopkins in Meditations zusammen, in dem er gewaltige Klangräume schafft, die elektronisch verfemdet in fast brachialer Weise über sich hinauswachsen und den Geist zum Innehalten zwingen. Hierbei bedient er sich der archaischen Figuren und zeigt sich andererseits ganz unüberhörbar von Brian Eno’s Einfluß und den Bell Studies inspiriert.

 

 

 

 

Musikalischer hingegen geht es in Hedrik Weber aka Pantha du Prince’s zweiter Kollaboration mit The Bell Laboratory (nach Elements of Light) in Conference of Trees zu, wo in subtiler Weise zu diversen Drones und Klängen überwiegend selbstgebauter Instrumente eine leise und sehr hinter- wie tiefgründige Kommunikation stattfindet, die Patterns pflanzenhaften Austauschs reflektieren soll. Unterstützt wird er dabei auch von Håkon Stene und Bendik Hovik Kjeldsberg und weiteren Musikern, die mit dem früher primär elektronisch Produzierenden akustische Arrangements erarbeiten und dabei eine ganz eigene Art von Ambientmusik entstehen lassen. Ein feines Gewebe, dass an den indischen Mythos von Indra’s Netz denken lässt, das den Ausgangspunkt der manifesten Schöpfung darstellt und gleichzeitig die Einheit und Verbundenheit von allem miteinander veranschaulicht. Intim.

 

 

         

 

 

Auf eine ganz andere Art intim ist die ganz frische Veröffentlichung des Albums Nocturne anlässlich des 83. Geburtstags des letzten verbliebenen Can-Mitglieds Irmin Schmidt. Es ist der Mitschnitt eines Livekonzerts beim letztjährigen Huddersfield Contemporary Music Festival mit drei improvisierten Stücken: Klavierstück Zwei, das bereits in einer kürzeren Studioversion auf seinem letzten herausragenden Album zu finden war, dem Titelstück Nocturne, in dem Samples eines tropfenden Wasserhahns ein eingenwilliges Klangszenario liefern, das in unglaublich faszinierender Dichte das letzte Stück Yonder vorbereitet. Die Klänge von Glocken haben Irmin Schmidt schon seit seiner Kindheit fasziniert, wie es in diesem Interview berichtet und so hat er über viele Jahrzehnte diverse Glockenklänge gesammelt und nun zu einer atemberaubenden Liveperformance mit präpariertem Klavier bis an die Grenze des Unerträglichen verdichtet und gesteigert. Angesichts der Intensität dieser Aufführung verstummte das Auditorium vollständig und der Applaus nach Ende der Performance ist Erlösung und Übersteigerung dieses außerordentlichen Stückes zugleich. Bells, I can hear bells. They are resplendent in divergence.

 

1

 

Pianist and composer Jon Balke has always been interested in Africa.  Along with singer Amina Alaoui from Marocco (now living in Granada), master violinist Kheir Edine K’Hachiche, a Norwegian ensemble of Early Music afficionados and master trumpet player Jon Hassell, Balke has created a bold fantasy – cycling around a dead end of history, when the period of Al-Andalous fell apart in 1492. Peaceful coexistence between Muslims, Christians and Jews had been destroyed by intolerance and those „witch hunters“ every period knows too well.

 

Now, Balke asked himself, how would the music have sounded like when the creatve dialogue of arts and sciences had been continued. How would arabic music sound  melt with baroque textures and modern improvisation? Such experiments could easily end up in kitsch and high brow art. But, with „Siwan“, Jon Balke is brilliantly successfull. The music has a natural flow, nothing seems artificial, the elegant, sensual voice of Amina Alaoui is, now and again, in deep „conversation“ with Jon Hassell’s drifting trumpet figures. A lot is going on.

 

The whole project started when Jon Balke was intrigued by an anthology of Spanish and English translations of old texts and poems from Al-Andalous. When his companion Amina performed some of the pieces in arabic language, the words finally brightened up. They started to glow. Nearky everything was done with  original texts. Lovers of Early Music could as easily enter this word as jazz freaks (with a special knack for textures from Gil Evans and Miles Davis), or people from the not-so-fucked-up corner of „ethnic fusion“. It rarely happens: a pure fantasy that comes along without cliches!

(Mai 2011)

 

2

 

Es begann alles damit, dass ich die CD in meinen Player schob, auf dem Weg zwischen Arrecife und El Golfo. 23 Grad, spät nachmittags, und dann kam ein einsames „Wow!!!“ aus meinem Mund, als die ersten zwei Stücke von Jon Balkes Werk vorüber waren. Ich kenne die Musik des Pianisten schon lange, der früher bei „Masqualero“ spielte, später mit „Oslo 13“ „fusion“ und Nordafrikanisches aufregend mixte, und schliesslich mit seinem „Magnetic North Orchestra“ Wege aufzeigte, wie man Neue Musik, Jazz und Afrika ohne akademischen Kunstkrampf & Allerweltsklänge kombinierte.

 

„Siwan“ ist Jon Balkes Versuch, Parallelen hörbar zu machen zwischen Alter Musik aus Europa (Barock), al-andalusischen Traditionen (9. bis 15. Jahrhundert) und moderner Improvisationskunst. Dazu hat der 1955 geborene Pianist die idealen Spiel-gefährten an seiner Seite: den Trompeter Jon Hassell, den Violinisten Kheir Eddine M-Kachiche, den Trommler Helge Norbakken, ein norwegisches Ensemble mit versierten Kennern des Barock und – vor allem – die Sängerin Amina Alaoui aus Marokko!

 

Wie freigeistig die muslimische Kultur und Wissenschaft war, die in „Al-Andalous“ in gar nicht so grauer Vorzeit den Ton angab, kann man den alten Texten und Gedichten ablesen, welche die Grundlage bildeteten für diese Kompositionen. Jon Balke erinnert mit dieser Phantasie an eine Ära, die von der Inquistion gnadenlos verfolgt wurde – das „Ende vom Lied“ war, dass diese freizügige muslimische Geisteswelt (fernab der heute den Ton angebenden Fundamentalisten) heuzutage kaum noch erinnert wird. Dabei war ihr Einfluss, etwa auf die Renaissance, immens; die Bibliotheken von Cordoba horteten Wissenschätze ohnegleichen.

 

 

Als ich mit dem Wagen in El Golfo angekommen war – zuende gehört hatte ich die Musik an diesen berüchtigten Vulkanklippen der Westküste Lanzarotes, deren Name mir gerade entfallen ist – nahm ich Platz im Fischrestaurant meines Vertrauens. Und dann passierte einer dieser sonderbaren Zufälle, wenn man die richtige Musik zur richtigen Zeit am richtigen Ort hört: ich las die beiliegenden Texte von SIWAN (die sowohl arabisch abgedruckt sind – viel Spass beim Volkshochschulkurs! – als auch auf englisch) und musste so sehr schmunzeln, als

 

“ A serene evening
We spent it drinking wine.
The sun, going down,
Lays its cheek against the earth, to rest … „

 

Nun, ich war allein, aber ein Glas Wein stand auf meinem Tisch, und die Sonne bereitete sich gerade auf ihren first-class-„westcoast“-Untergang vor. Ich blieb, bis es kühl wurde, stieg ins Auto und schob SIWAN ein. (Mai 2011)

 

 

3

 

 

Baka, Wolof & The Fear of Stealing (an interview with Jon Balke from 2011)


ME: Jon, in a rather strange way, your new album, „Say and Play“ (ECM 2245), brings together a kind of „easy listening“, easy in a very thrilling way, and some avantgarde principles. The music is highly accessible, but not in a well-known way. It is groovy, but without ethno-cliches … so, one could call it, with a smile, „easy-avant-music“…

 

JB: The departure point in developing this music is 100% rythm, as it appears in spoken language, poems, drumming, AND in melodic playing. I think the melodic „friendliness“ is a consequence of this approach: the melodies are rythmic tools to propel the music onwards, more than sculptural elements in themselves. We also tried to record and mix everything from this point of view: the melodic phrases as background for the solistic drumming and language. This was the dogma that producer Olav Torget and me reminded ourselves of again and again: rythm and language  is king.

 

Brian Eno did publish so-called “speech songs“ on „Drums Between the Bells“, his cooperation with Rick Holland. You are also presenting four spoken-word pieces from a Norwegian poet. Why did you use his original language (your language) – and what was so special to work with the energy of spoken words? 

 

JB:  If you listen to „Statements“ (the first Jon Balke/ Batagraf album on ECM records; Anm. V. M.E.)  there is a track with a long speech by Miki N´Doye in Wolof. This is a monologue of Miki speaking to someone imaginary that  he meets. As I know very few who speak Wolof, but very many who like the melodics in the voice and language of this track enormously, I felt it right to follow this approach and use the poems and voice of Torgeir in the same manner: his sound, melody and the way he floats over the percussion in a kind of counter-rythm makes musical sense to me. As I hope it does to others … The poems in themselves are a kind of bonus, he is a very playful, subtle writer.

 

Is there, in the way you´re treating these poems, a parallel to African music?

 

JB: Not in the poems as such, but In all the tracks, as well as in all the music I have made, there is an influence and a parallel to and from Africa, especially West-Africa. But I have painstakingly tried to avoid copying the great music from there. I hope I have not unconciously patched in elements from things I have heard. If I found such things, I would have removed them, as it would feel like stealing … And I don´t like to be a musical thief .

 

You are working on several pieces  with Jon Chistensen´s daughter,  using  a very different type of lyrics: riddles, surreal imageries, daydreams … how do they relate to the powerful drum patterns? The record sounds fantastic, by the way.

 

JB: This is actually the main building block in Batagrafs music : original Bakas. The Baka is a term from Wolof meaning short poem-like phrases that say something about life or a person, and these phrases can also be played by percussion groups. So the Wolof drum groups build up a complex system of these bakas that are mixed with grooves and patterns, and bakas serve as breaks to change energy or tempo in the music. I think it is a fantastically interesting way to organize music, so I have started to construct my own universe of Bakas, which is what you hear Emilie speaking or singing, and the percussion choir responding. I hope the listener can be rewarded  by repeated listening to this album, I hope it constitutes a musical universe that you can „travel“ in by using your ear to focus around in  different layers.

 

On some pieces your keyboards/synths are reminiscent (and I´m sure this was intended!) of Joe Zawinul and Weather Report. Nevertheless it sounds totally fresh.  Can you illuminate this element of „hommage“ „or „nordic way“ of  playing with some stylings a la  Zawinul … Is the „Birdland“ now a music club in “Oslo 13”, the non-existent area of Oslo?  (“Oslo 13” the name of an early Jon Balke album; Anm. v. M.E.)

 

JB: I owe enormously to Joe Zawinul, especially from the Weather Report era, but as with the Bakas, I feel like stealing if I go for his sounds. So I try to squeeze other stuff out of what I have, mostly just developing by ear. But in Say and Play the overall use of synths is there to make depth: drums/voice up front, and layers of keyboard sounds floating inwards in the soundscape, from solo lines inwards all the way to „melodic“ reverb layers. Melodically Zawinul is a European, with strong echoes of romantic music and harmonizations. Olivier Messiaen is another important voice, when you speak of sustained keyboard sounds. The vague notion of „Nordic sound“ is an echo of both these voices, as well as  the melodic traditions of the north.

 

Are you making use of some of the old, famous keyboards/synths, some sounds ring a bell … 

 

JB: I accidentally ended up with a DX7 in a theatre performance in 1982, so this has been with me since then. I feel familiar with the inner structure of that instrument. And somehow I have been continuing using Yamahas from different times: AN1x, FS1r, and now the Motif XS. Maybe this also has to do with keeping a distance to old Joe, all the Moogs and Prophets in the world tend to pull towards his sound. I also have an ambivalent relation to synth music: I get easily tired by an overall synthetic soundscape, and feel the need to mix with acoustic sounds that are richer in timbre. There is no ideology in this, I just go for the sounds i like by research and discover.

 

You are making, on this new album, a very careful and thoughtful use of jazz piano playing. But this also adds to the  different textures of the compositions …

 

JB: The piano here is used as a single line solo instrument, in order not to  fill up the soundscape but keep it transparent. So I play very economically and rather add electronic shadows to the lines that blend with the electronics … that is the idea … again depths of melodic and rythmic polyphony punctured by powerful drums phrases and voices …

2020 31 Mai

heute

von | Kategorie: Blog | | 4 Comments


            
 
 
 
            
 
 

 


„For as long as there have been people, there have been storytellers. The philosopher Paul Ricoeur attributed it to the human desire for meaning, which naturally spills over to the human search for narrative. We desperately want to believe that our lives are building up to something, that all this makes Chekhovian sense, even as the world reminds us every day of its absurdity and randomness. We tell ourselves stories in order to live, because otherwise, we’d have no urge for going. We are all storytellers, because we cannot fathom existing otherwise.“

Deany Cheng beginnt so eine meiner liebsten Filmbesprechungen der letzten Jahre. Etwas Profundes beiläufig zu erzählen, gelingt ihm bezaubernd, während er die Filme Lady Bird und Call Me By Your Name Revue passieren lässt. Sein Text zündete, obwohl ich Lady Bird einfach nur sehenswert fand, aber sicher nicht, wie so viele, hingerissen war. Den anderen habe ich bis heute nicht angeguckt. Aber Deanys Text habe ich gleich mehrere Male mit Genuss gelesen, so unabhängig haben sie sich vom Gegenstand der Betrachtung gemacht. Gleichzeitig sind die beiden „Coming-of-age“-Filme auf meiner nicht wirklich existenten watch-list ganz oben in der Kategorie „so um Weihnachten rum, und mit Feuerzangenbowle“. (Bei der letzten Feuerzangenbowle stand Ananas-Express auf dem Programm 😂😂😂). Am liebsten würde ich ein Buch von ihm lesen, und das habe ich ihm auch gesagt, mit dreiunddreissig Kapiteln über dreiunddreissig die Stationen seines bisherigen Lebens begleitenden Filmerlebnisse, wobei er nichts googeln und recherchieren dürfte – die Erinnerung an die Filme würde also grob lückenhaft sein, Irrtümer aufweisen, die aber allesamt unerheblich und sogar reizvoll wären, weil die natürlich auch fehlerhaften Erinnerungen seiner privaten Stories den Aspekt der blitzgescheiten Filmkritikfragmente auf paradoxe Weise aushebeln und kompensieren würden. Und das wäre der Clou eines fantastischen Filmbuches: an die Stelle des klugen Filmnarren mit literarischem Knowhow träte der  gleich mal im doppelten Sinne unverlässliche Erzähler. Italo Calvino hätte daraus einen Klassiker der trickreichen Avantgarde machen können! Also, Deany, hau rein! Sonst schreibe ich das Buch, und dann würde es mit einem Kinobesuch in Dortmund-Hombruch beginnen, anno 1967 oder 68: „Man nannte ihn Hombre“. Ein Western, basierend auf einer Story von einem gewissen Elmore Leonard.

 

2020 30 Mai

In the year 1981

von | Kategorie: Blog | | Comments off

 

 

Der wesentliche Grund, warum ich nie in Versuchung geriet, über meine Schulsprachen hinaus, eine weitere Fremdsprache zu lernen, lag an den Dingen, die ich bei unserm Englischlehrer Dr. Werlich erfuhr. Noch heute hallt vieles nach, was er uns damals erzählte, mitteilte, z. B. diese Verwandlung des Denkens und Empfindens, die eintritt, wenn man von einem Sprachraum in den anderen wechselt, bei Reisen von Deutschland nach England, oder, wenn man lernt, englisch zu denken. Diese Verwandlungen empfand ich stets dermassen faszinierend, dass ich lieber in den englischen Modus wechselte als mich in einer Vielzahl von Sprachen so nett wie anfängerhaft zu verzetteln. Auf mein Airport-Spanisch kann ich gerne verzichten.

Etwas anders liegt der Fall, wenn man von der eigenen Sprache in die gleiche wechselt, ich meine nicht den Übergang vom Westfälischen ins Friesische, dergleichen, sondern die schöne Unheimlichkeit der Erfahrung, wenn man ein altes Lieblingsbuch in neuer Übersetzung liest. Solches war in den den letzten zwanzig Jahren möglich, als mir Neuübersetzungen alter Favoriten von Georges Simenon, Mark Twain, Dostojewski und anderen auf den Tisch kamen. Nicht immer nahm ich das Angebot wahr, aber wenn, dann wich der alte Zauber einem neuen, und die Freude ging weit darüber hinaus, einem jüngeren Ich zu begegnen, das sich grossenteils ohnehin aufgelöst hatte.

Wunderbar das zweite Lesen von Don Quixote, oder Günther Ohnemus‘ betörender Transfer von Richard Brautigans „Forellenfischen in Amerika“. Diese zweiten Begegnungen mit unvergesslichen, und nun auch noch leicht verwandelten, Büchern, sind Zeitreisen der besonderen Art, und einer der Gründe, wieso ich John Passos‘ „USA Trilogie“ entgegenfiebere. Nur, wann finde ich die Zeit, mich in diesen Schmöker für alle Sinne hinein fallen zu lassen? Ich visiere die Adventszeit an.

Ich sitze in einem Raum mit Aruan Ortiz, Andrew Cyrille und Mauricio Herrera. Nach langer Zeit habe ich wieder Lust auf argentinischen Mate-Tee entwickelt, was leicht passieren kann, wenn sich ein Buch von Julio Cortazar – diesmal ist es „62/Modellbaukasten“ – auf meiner Couch von den Schaumstoffschwestern breitmacht. Es ist dunkel, nur eine Kerze brennt. Aruan ist Kubaner, komponiert, und spielt Klavier, Andrew gehört zu den zehn luftigsten Schlagzeugern der Jazzhistorie, manchmal glaubt man, er bediene eine Windmaschine, und Mauricio Herrera bearbeitet mit unverschämter Lässigkeit Marímbula, Changüi Bongoes, Catá – und Kuhglocken. Wenn ich die Namen dieser Instrumente in mir nachhallen lasse, fühle ich mich an mein germanistisches Proseminar über Konkrete Poesie im westfälischen Münster erinnert: warum hat Eugen Gomringer nie einen Gedichtband mit Kling und Klang herausgebracht – ein Klassiker wäre das geworden über die Auflösung de Musikkritik in puren Sounds und flüchtigen Bildern. „Inside Rhythmic Falls“ ist ein fantastisches Album, eine Zeitreise in die Räume der Kindheit, tief hinein in die Provinz Oriente im Osten Kubas. Es ist bei Intakt Records rausgekommen. Julio, der alte Jazzlover, hätte es übrigens geliebt.

 
 

2020 26 Mai

Have a Good Trip

von | Kategorie: Blog | | 1 Comment

 
 

Es muss etwa 40 Jahre her sein. Ich erinnere, wie ich ein paar Leute auf den wunderschönen Sonnenaufgang hinwies, dann aber von denen gesagt bekam, es sei 2 Uhr nachts.

Von ungefähr dieser Qualität ist die Netflix-Doku Have A Good Trip — Adventures In Psychedelics, die im US-Netflix zu sehen ist. Wer ernsthaft den Nerv hat, dem sich auf dem Sofa räkelnden Sting dabei zuzuhören, wie er sich daran erinnert, einmal nach dem Genuss einiger Magic Mushrooms einer Kuh beim Kalben geholfen zu haben, der ist sicherlich auch reif für den Rest: die durchweg kichernd dargereichten Drogenerlebnisse einiger prominenter und vieler nicht ganz so prominenter Künstler. Optisch ist das manchmal ganz hübsch gemacht, mit Zeichentricksequenzen und kurzen Parodien „wissenschaftlicher“ Warnungen, wie sie in den 1960er Jahren als After-School-Specials im US-TV gesendet wurden („This is your brain on drugs“), unterbrochen von kurzen Reportagebeiträgen der Marke „das versteht nur, wer dabei war“. Star Wars-Prinzessin Leias Erlebnisse führen ebenso ins Nichts wie die Bekenntnisse irgendeines Rappers. Das Ganze läuft knapp 90 Minuten; nach 30 spätestens hat man das Gefühl, einer Washmaschine beim Rotieren zuzuschauen.

„Getretner Quark wird breit, nicht stark“, schrieb, glaube ich, schon Goethe im Westöstlichen Divan. Hier ist der Trailer. Die Substanz des ganzen Films in zwei Minuten.

 

2020 26 Mai

Die Klanghorizonte vom 25. Mai mit Niklas Wandt

von | Kategorie: Blog | | Comments off


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz