Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 

 
 

Die Psychoanalytiker würden das tibetische Bardo als den Winnicott’schen Übergangsraum identifizieren – ein Raum zur Orientierung an Schnittstellen der Entwicklung, der sowohl Neues wie Altes in sich beherbergt, vermischt und integriert und in dem der Kompass für das Weiterleben neu justiert werden kann.

Asghar Farhadi ist ein iranischer Regisseur, bepreist mit der Goldenen Palme, zweimal mit einem Oscar für den besten fremdsprachigen Film, dem deutschen Werner-Herzog-Preis und noch einigen anderen Meriten. Seine Filme funktionieren auf vielen Ebenen.

In der Regel beginnt es mit einer recht einfachen Geschichte, die sich im Schneeballsystem verzweigt und zu einer Lawine von beträchtlichem Vernichtungspotential ausweitet, so dass am Schluss niemand heil davonkommt, nur Gezeichnete zurückbleiben und sich Täter-Opfer-Polaritäten gnadenlos auflösen. Das macht die Filme emotional strapaziös und verbietet eine Einordnung in die polarisierenden Schwarzweiss-Schemata. Immer durchdringt eine desolate Vergangenheit unaufhaltsam die oberflächlich geordnete Gegenwart wie eine toxische Substanz, gegen die kein Gegengift gefunden werden kann.

Es beginnt zu Anfang von Salesman schon spektakulär mit dem Zusammenbruch eines baufälligen Hauses, dem Einzug in eine neue Wohnung, noch voll mit den Habseligkeiten der Vormieterin, die nie abgeholt werden. Ein Theaterstück wird geprobt, Der Tod des Handlungsreisenden, welcher sich nicht von einer erfolgreichen beruflichen Vergangenheit lösen kann und sie halluzinatorisch immer wieder heraufbeschwört, bis sein Sohn ihn mit seinem Selbstbetrug konfrontiert und ihm so die psychische Lebensgrundlage entzieht. Auch in diesem Stück dringt eine Prostituierte in das Badezimmer des Handlungsreisenden ein und stiftet Unruhe in einer scheinbar wohlsituierten Familienwelt – ein Motiv, das der Film ins Gegenteil wendet. Farhadi stellt hier auf vielfältige Weise die Konfliktkonstellationen zwischen Alt und Neu, Tradition und Moderne dar und zeigt uns die toxischen Klebkräfte archaischer Traditionen, an denen die Fliehkräfte der jüngeren Generation manchmal scheitern.

In The Salesman ist es ein alter Mann, der wie gewohnt zur Prostituierten seiner Wahl gehen möchte und zu spät bemerkt, dass inzwischen neue Mieter in deren Wohnung eingezogen sind. Er überrascht die junge Frau unter der Dusche, eine Scheibe geht zu Bruch (warum?) und beide werden durch Glassplitter verletzt. Die Frau ist traumatisiert, offenbar kam es aber zu keiner Gewalttat. Wobei die Frage offen bleibt, warum der Täter dann eine Verletzung am Fuss davongetragen hat, er müsste sich dann bei Betreten des Bades die Schuhe ausgezogen haben – warum auch immer, ein kleines Rätsel, vom Regisseur geschickt eingebaut und Verwirrung stiftend, aus der wir nicht entlassen werden. Die Situation scheint nebulös, das Kopfkino ist gestartet.

Und doch ist die Szene eine Metapher für Gewalt: Das aggressive Eindringen eines begehrlichen Mannes in den Intimraum einer jungen Frau unter Blutvergiessen erweckt Assoziationen an Kindsbräute, eheliche Vergewaltigungen, Zwangsehen, gewaltsame Deflorationen und befleckte Bettwäsche, die über den körperlichen Zustand und damit auch die moralische Integrität der Braut Auskunft gibt. Der sodann als Ehre verkauft wird aber wiederum ihre Schamgrenzen verletzt durch Zurschaustellung und Fetischisierung des hochintimen Vorganges der Defloration. Gleichzeitig ist es auch eine phallische Demonstration der Potenz des frischgebackenen Ehemannes. Die konservativ-muslimische Elterngeneration hat hier schwere Schuld auf sich geladen. Und die Frauen hatten keine Sprache für ihr Leid, das auch niemand hören wollte. So wie Rana nicht beschreiben kann, was wirklich geschehen ist und nicht zulässt, dass ihr Mann die Situation klärt und ihr hilft. Aber was sollten die jungen Frauen auch besprechen, wenn alles comme il faut ist und Allah und den Eltern wohlgefällt und der fatalistische Glaube an Kismet als internalisierte Form einer Sittenpolizei jeden Kampf um irgendeine Form von Freiheit und Selbstbestimmung verhindert? Es gibt keine Sprache für Unrecht, wenn es als Recht und Ordnung umdefiniert wird, das wissen wir auch von Trauma-Opfern, insbesondere von betroffenen Kindern. Demgemäss herrscht in der Filmhandlung überall klaustrophobische Enge, alle Szenen finden in kahlen oder umzugschaotischen Innenräumen statt, die keine Geborgenheit oder eine Form von Kulturbindung vermitteln.

Emad, ein durchaus fortschrittlicher Lehrer, fällt zurück in atavistische Muster von Rache und Vergeltung – was wiederum Rana missfällt, die darin keine Befriedigung findet – und er entlarvt den Täter der bei dieser Prozedur an einer Herzattacke verstirbt, während Rana noch versucht ihn zu schützen.

 
 

 
 

Der Täter ist ein alter kranker Mann und normentreuer Familienvater, er und seine Frau stehen für die regelkonforme Elterngeneration, die Sympathielenkung des Regisseurs verhindert durchaus geschickt dass wir auf den Täter – von dem wir ohnehin nicht genau wissen was er getan hat – nicht wütend werden können, obwohl seine Scham und Angst offensichtlich ist – wiederum ein Zeichen für Schuldbewusstsein …

So ist der Film eine kluge Parabel – Parabeln sind meistens klug, weil sie übergreifende Wahrheiten abbilden; allerdings sind sie auch schwer verfilmbar (man denke nur an den restlos verschnarchten Fahrenheit 451) – über den Generationenkonflikt der Länder in Nahost, deren jüngere Generationen sich von den Traditionen lösen wollen und einer Elterngeneration gegenüberstehen, die noch an den alten Formen festhält und Respekt und Handküsse einfordert: „Ich könnte Dein Vater sein, wie kannst Du mich verdächtigen?“

Alter fordert Ehrerbietigkeit ein – und sei die begangene Schweinerei auch noch so gross. Emad macht da nicht mit, Allah sei gelobt, wirkt aber in seiner Situation insgesamt hilflos und getrieben. In dieser Filmfigur kristallisiert sich der Konflikt des jungen Mannes aus einem muslimisch geprägten Land: So wie meine Vorfahren will ich nicht sein – aber was für ein Mann will ich sein und wie überwinde ich die Relikte des arabischen Machotums? Sind die Männer der westlichen Welt ein Vorbild mit ihrem so ganz anderen Wertekodex, der gern im arabischen Raum als Zügellosigkeit interpretiert wird?

Emad bleibt im Detektiv- und Rachemodus und schafft es nicht, seiner Frau die nötige Ruhe und Zeit zu lassen, um das Geschehene und die dadurch ausgelöste Verwirrung zu ordnen und zu versprachlichen.

Unsere Filmgruppe bestand aus 5 Damen und einem Herrn; letzterer griff als erstes das Gefühl auf, dass der Hauptdarsteller sehr durch seine Frau, die sich nicht artikulieren konnte, in die Enge getrieben und handlungsunfähig gemacht wurde.

Eigentlich ein Gefühl, das konservativ sozialisierte Frauen empfunden haben dürften – hier gerät nun plötzlich der Mann in die Falle der induzierten Hilflosigkeit, weil er in seiner Identität der Frau gegenüber verunsichert ist, während er sich in seiner Schulklasse durchaus adäquat durchzusetzen versteht.

Das Paar im Film ist nicht weiter verortet, wir wissen nichts über ihre Herkunft und ihre familiären Beziehungen, damit auch nichts über ihr individuelles Gewordensein, Farhadi stellt sie hier als Funktionsträger dar: die traumatisierte, ihrer Sprache beraubte Frau; der rächende Mann, der sofort in die Aktivität geht. Ein guter Weg für das handling solcher Situationen scheint das nicht zu sein … am Ende geht es niemandem wirklich besser – eine filmische Warnung. So ist hier der Mann, der Recht und Gerechtigkeit schaffen will, die treibende Kraft hin zum Unglück. Der alte Weg der Geschlechter ist kein guter Pfad, wie es scheint – somit ist der Film in hohem Masse sozialkritisch.

 
 

 
 

Am Ende sitzen Rana und Emad in ihren Theaterkostümen (als das betagte Ehepaar Linda und Willy Loman) voreinander und blicken sich an – in diesem Moment scheint Einverständnis und Zusammengehörigkeit auf, die Hoffnung im Alter vielleicht noch zusammen und auch ein Stück weiter gekommen zu sein. Die letzte Einstellung zeigt zwei voreinanderstehende leere Sessel, durchaus einladend wirkend. Hier könnten zwei Menschen sitzen, sich sehen, miteinander sprechen, auf Augenhöhe sein. Noch sind sie leer. Eine Zukunftsvision? Eine Hoffnung für kommende Generationen? Eine beklemmende Zweiersituation mit zuviel bedrängender Nähe? Oder die endlich leeren Thronsessel der Alten und Betonköpfigen? Eine neue Arena für den Geschlechterkampf von gleich zu gleich? Sie sind rot … Olé, toro!

Eine Schlussszene, die gute Chancen hat, später einmal ikonisch genannt zu werden – auch wenn das Wort von Rezensenten zunehmend inflationär gebraucht wird; deshalb spreche ich hier immer so gerne von impacts, im klassischen Marketing auch branding genannt – Bilder die sich einbrennen und die Grundaussagen eines Films noch einmal visualisieren.

 

2024 14 Jan.

Die, My Love

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Die Rudra Veena ist ein seltenes Instrument, welches in der nordindischen Dhrupad-Musik, die über den großen Sänger Pandit Pan Nath viele westliche Musiker, wie Jon Hassell, Terry Riley und LaMonte Young beeinflusst hat, gespielt wird. Es ist eine Art Basszither mit zwei bespielbaren Saiten, ein großes Instrument mit ungewöhnlichem und mächtigem Klang und großem Resonanzraum. Nun hat die junge, sehr passionierte Rudra-Veena-Spielerin Madhuvanti Pal in einer kongenialen Interpretation des Raag Charukeshi mit Jimmy Sudekum an Gitarre und Surbahar, Peter Jacobson am Cello und Derrick Elliott am Bass einen zeitlos genialen Track geschrieben (to be listened loud):

 
 

D I E,  M Y   LOVE

 

2024 13 Jan.

„space drifter“

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d a y  o n e  _ | _  d a y  t w o

 
 

 
 

Die Chiemgauer Künstlerin Maria Sigl geht künstlerisch so ganz ihren eigenen Weg: Sie gestaltet nicht Materie, sie räumt der Materie die Möglichkeit ein, sich nach ihrer Eigengesetzlichkeit selbst zu gestalten, sowohl malerisch als auch durch Wahrnehmung am und im Stein. Bei ihr entwickelt die Materie ein Eigenleben – das erfordert eine Haltung des Sich-Zurück-nehmens, des Loslassens, des Zulassens und des Einlassens der Künstlerin, frei vom Anspruch ästhetischer Normansprüche oder irgendeiner Zielsetzung im Resultat der Arbeit. Man könnte hier von einer autopoietischen Kunst sprechen. Abwarten, Einfühlen, sich in den Dialog mit dem Material einschwingen: es wird was sich zeigt, ein eingehendes Zulassen des kreativen Prozesses und der Respekt vor den Kräften der Natur – eine Form von Demut. Sie arbeitet mit Sanden, Naturpigmenten, selbst gewonnenen Pigmenten aus den abfallenden Raspel- und Feilresten des von ihr behauenen afrikanischen Steines aus Simbabwe. Dick und breitflächig aufgetragener Sumpfkalk, viele Schüttungen, immer sich wiederholende Trocknungsprozesse, die eine neue Modifikation bewirken; das Material lädt die Spannung über Risse, Spalten ab, es bricht, zieht sich zusammen, splittert, platzt. Annehmen was ist. Beim erneuten Betrachten werden neue Anmutungen und Assoziationen erzeugt, Veränderung, Vergänglichkeit, Neubeginn. Ein neuer Gestaltungsprozess wird geriert, in dem Natur und gestaltende Kultur weiter zusammen arbeiten. Beizen, Tuschen, Ölfarben, Pigmente gestalten mit. So ein Bild dauert oft Wochen, bis es von der Künstlerin als fertig angesehen wird und vermittelt eine Vorstellung davon, wie Natur Leben gestaltet. Es werden Lösungen im Dialog mit dem Material gefunden, um einen weiteren experimentellen Weg mit der oft archaisch anmutenden Arbeit zu beginnen. Abschied und Neubeginn. Dem Unbewußten wird hier wichtiger Raum für diesen kreativen Prozess gegeben und ist auch kunsttherapeutisch so gewollt.

 
 

„Sail away“

 
 

Ähnlich ist es mit den Skulpturen: archaisch-steinzeitlich anmutende Figuren, die nicht in den 2,6 Millarden alten afrikanischen Stein gehauen, sondern aus ihm herauszuwachsen scheinen und damit von einem Wandlungsprozess erzählen, ähnlich den Nachkommen des Paares Deukalion und Pyrrha aus der griechischen Mythologie, die Steine auf das Feld warfen, die sich in Menschen verwandelten, ein in der bildenden Kunst oft verwendetes Motiv. Das Versteinern und wieder Verlebendigen war ja auch Thema von Michelangelo in der Darstellung seiner „Sklaven“. Auch hier gehen die Figuren fliessend vom bearbeiteten in den unbearbeiteten Teil über und vermitteln ein Bild vom Kampf des Menschen mit der belastenden Materie, die er überwinden möchte und die ihn letztlich zwingt, besiegt wieder in sie zurückzukehren. Verlebendigung ist ebenso Thema von Maria Sigl, die viele Jahre als Kunsttherapeutin – unter anderem auch mit Flüchtlingskindern gearbeitet hat, wobei es auch oft galt, traumabedingte Erstarrungen zu lösen und den Menschen wieder ins Fliessen zurück zu führen. Sie arbeitete dabei gerne großformatig mit Papierrollen, Kreiden, Fingerfarben, Acryl, wobei sie leider einen Beuys-Effekt erleben mußte, weil die Reinigungsfrau die gesammelten aufgerollten Arbeiten für Abfall hielt und diese kurzerhand entsorgte. Ein geplanter Vortragsabend bei mir vor einer Schar interessierter und vorfreudiger Kinderpsychotherapeuten fiel dann mangels Material im Wortsinne ins Wasser bzw in die Papiertonne.

 
 

 

 
 

Es ist ein Arbeiten frei von ästhetischen Ansprüchen und ohne ein vorgeformtes Ergebnis, ein Loslassen, ein Zulassen, ein Einlassen – das Material arbeitet mit. Professor Dr. Elmar Zorn hat diese Aussage von der Künstlerin in seinem Begleittext für das Buch noch einmal hervorgehoben.

 

„In unserer auf Effektivität getrimmten Epoche vermittelt es eine wohltuend entspannte und geradezu heilsame Kooperation zwischen Mensch und Natur, von der wir nur profitieren könnten, wenn wir nur bereit wären sie zu erlernen.“

 

Somit wäre die autopoietische Kunst auch geeignet, gesellschaftliche Veränderungsprozesse anzustoßen und zu begleiten und beweist erneut, wie wichtig Kunst generell zur Weiterentwicklung menschlichen Bewußtseins hilfreich sein kann.

Im Zeitalter digitaler – also nicht mehr anfassbarer, fluider und haptisch nicht mehr fühlbarer Kunst erlebt man die archaische Schwere dieser Objekte als wohltuend und erdend. Man entwickelt wieder Vertrauen zu den Fähigkeiten der Natur und zu sich selbst, die Dinge zu etwas Lebensfreundlichem zu wenden, wenn wir sie nur lassen würden.

 
 

„Entfaltung“

2024 7 Jan.

Martin Simpson & Thomm Jutz

von | Kategorie: Blog | Tags:  | | Comments off

 

„Edward“

 

from the Album Nothing But the Green Willow. The Songs of Mary Sands and Jane Gentry

 

topicrecords.co.uk

 

2024 7 Jan.

concerts & venues

von | Kategorie: Blog | Tags: , | | 5 Comments

 

maschinenhaus bremen: TRAIN. BILLY COPHAM. twistringen nähe bahnhof: RELEASE MUSIC ORCHESTRA. römer ostertorviertel bremen: TRI ATMA. JOHN RENBOURN GROUP. aula gymnasium syke: HANNES WADER. BOTHY BAND. LEO KOTTGE. OUGENWEIDE. WERNER LÄMMERHIRT. KLAUS WEILAND. MIKE SILVER. DE DANNAN. KEVIN COYNE. CLANNAD. gasthaus heiligenfelde: HERMANN BROD. stadthalle bremen: FRANK ZAPPA. GENESIS. postaula horn-lehe bremen: AL JARREAU. DAVE LIEBMANS LOOKOUT FARM (feat. RICHIE BEIRACH & JOHN ABERCROMBIE). bremen marktplatz: DAVE HOLLAND QUINTET. quasimodo berlin: DON CHERRY & ORNETTE COLEMAN SEXTET. fabrik hamburg: GILBERTO GIL (feat. NANA VASCONCELOS). rockfestival bruchhausen-vilsen: RORY GALLAGER. aladin bremen hemelingen: BAP. INGA RUMPF. capitol hannover: NINA HAGEN. PACO DE LUCIA. raschplatz pavillon hannover: RADIO TARIFA. HAVANA. IRAKERE. JAN GARBAREK / DAVID TORN / BILLY HART / EBERHARD WEBER. TOSHINORI KONDO. MARGARETH MENEZES. DAVID TORN / BILL BRUFORD / MICK KARN / MARC ISHAM. YOUSSOU N’DOUR. ARTO LINDSAY (feat. VINICIUS CANTUARIA & MARC RIBOT). JOAO BOSCO. HEINER GOEBBELS & ALFRED HARTH. NEY MATTOGROSSO. MARIA JOAO & MARIO LAGINHA. MARISA MONTE. DON CHERRY (feat. NANA VASCONCELOS). WOLF BIERMANN. TON STEINE SCHERBEN. REBEKKA BAKKEN. CARLA BEY & STEVE SWALLOW. KENNY WHEELER QUINTET (feat. JOHN TAYLOR & JOHN ABERCROMBIE). jazzclub minden: GONZALO RUBALCABA TRIO. sasel-haus hamburg: INTI ILLIMANI. dortmund westfalenstadion (katakomben): MERCEDES SOSA. modernes bremen buntentor: DAVID SYLVIAN. irgendwo in berlin: JOHN MARTYN & DANNY THOMSON. irgendwo in hamburg: JOHN MARTYN & GROUP unimensa bremen & marktplatz hildesheim: PAT METHENY GROUP. zelt in gweedore/donegal & bremen glocke & stadthalle göttingen: CLANNAD. kuppelsaal hannover: SUN RA ARCHESTRA. hildesheim 4 linden: AKI TAKASE & MARIA JOAO. LINDSAY COOPER & ALFRED HARTH. ROBBEN FORD & THE BLUE LINE. irgendwo in berlin: DAVID THOMAS w. LINDSAY COOPER & CHRIS CUTLER. jazzclub hannover: JAMES BLOOD ULMER. laeiszhalle hamburg: VIJAY IYER. kulturzentrum faust hannover linden: GUNTER HAMPEL NEXT GENERATION. palo palo hannover: DIETER ILG / CHRISTOF LAUER / WOLFGANG HAFFNER / MARC COPLAND. kesselhaus hannover hainholz: ALEXANDER VON SCHLIPPENBACH QUINTET. hamburg elbphilharmonie: JOHN ZORN. NIK BÄRTSCH RONIN. VIJAY IYER SEXTET. AVISHAI COHEN QUARTET (feat. ZIV RAVITZ). EGBERTO GISMONTI. JULIAN LAGE TRIO.

 

 

 

2024 4 Jan.

Klangquellen

von | Kategorie: Blog | | 3 Comments

Klänge umfassen die gesamte akustische Dimension unseres Erlebens, sind ständig in irgendeiner Form da, selbst an den vermeintlich stillsten Orten. Sie geben uns eine räumliche, aber auch eine kontextuelle Orientierung. Gradgenau können wir in unserem ständigen laufenden Surround-Modus einen Klang lokalisieren und an der Art des Geräusches erkennen, ob sich etwas auf uns zu oder von uns weg bewegt oder ob der Ursprung gar statisch ist. Aber die Gesamtheit der Klänge an einem Ort geben uns auch eine wichtige Information, was hier gerade geschieht. Murray Schafer prägte dafür den Begriff einer Soundscape, die wie ein akustischer Fingerabdruck für einen Ort sein kann. Die Stille einer Wüste hört sich anders an als die Geräusche an einer Küste, die Naturgeräusche des Regenwaldes fundamental anders als die Klangkulisse an der Hauptwache in Frankfurt. Jeder Ort hat seine charakteristische Signatur. Doch in der modernen Welt rücken die Klänge, die im Spektrum zwischen akzidentieller und willentlicher Erzeugung entstehen, immer mehr von der Peripherie in das Zentrum unserer akustischen Lebensräume.

Die Gesichte der Zivilisation ist gleichzeitig auch eine Geschichte der damit verbundenen Klänge, bei einfachen Verrichtungen des Alltags, aber auch von Anbeginn jeglicher kultureller Entwicklung in Form von Musik, wobei es evolutionsbiologisch bis jetzt keine gute Erklärung jenseits der üblichen Plattitüden für ihre Entstehung gibt. Viel interessanter ist jedoch die Frage, was als Geräusch und was (schon) als Musik wahrgenommen wird. Dieser geht beispielsweise das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Studien nach, wobei deren wichtigstes Ergebnis zu seien scheint, dass es viel mehr von soziokulturellen Kontexten und musikalischer Sozialisation abzuhängen scheint als von der Klangquelle selbst, ob eine Folge akustischer Ereignisse als Musik erlebt wird oder nicht.

 
 

 
 

All diesen Fragen, sowie der Herstellung archaischer und archetypischer Instrumente, ihres Einsatzes in rituellen Kontexten, der musikalischen Resonanz mit der jeweiligen Umgebung und der Soundscapes der modernen Welt geht eine Ausstellung im Weltkulturenmuseum Frankfurt nach. Hier werden neben Instrumenten und deren Herstellung und Spielweisen in halb abgedunkelten Räumen auch Klanginstallationen von unterschiedlichen Orten und faszinierenden Experimenten mit Klängen abgespielt. Man kann aber auch an einem äußerst spannenden Experiment des Max-Planck-Instituts zum Musikerleben teilnehmen oder in einer anderen Ecke Klängen nachhören, die überlebt wurden und in unserer Welt nahezu ausgestorben sind. Inspirationen und Anregungen zwischen dem Zirpen der Zikaden, dem sonoren Glucksen afrikanischer Wassertrommeln, Soundscapes und dem subtilen Summen synthetischer Klangerzeuger. Danach ist nichts mehr wie es einmal war und zuvor erklang. Der Heimweg wird zu einer akustischen Dérive, einem Umherirren in der urbanen Soundscape, wobei erst langsam erfahrbar wird, wie sehr all diese vielfältigen Klangquellen letztendlich doch nicht mehr vermögen als die große Stille hinter Allem hörbar zu machen.

In seiner neuen Arbeit enthüllt Daniel Clowes wieder eine Welt hinter unserer geteilten Realität. „Monica“ erschien Anfang Oktober 2023 und ist Daniel Clowes‘  vielschichtigste Graphic Novel und die mit dem weitesten Interpretationsspielraum.

Vordergründig, auf der am leichtesten zu erzählenden Ebene, erzählt „Monica“, wie man es bei diesem Titel auch erwarten würde, die Lebensgeschichte einer Person namens Monica, oder jedenfalls einen Teil davon, denn was am Ende passiert und ob und wie es weitergeht, bleibt in der Schwebe. Die Lebensdaten lassen sich anhand äußerer Ereignisse festlegen. Da Monicas Mutter Penny in der Flower Power Zeit sexuell sehr aktiv war und Monica bei der Rückkehr eines Vietnamsoldaten etwa fünf Jahre alt, liegt es nah, dass Monicas Geburt so um das Jahr 1970 liegt. Im letzten Kapitel arbeitet Monica ihre Familiengeschichte und wie sich diese auf ihre Lebenshaltung ausgewirkt hat, über Skype mit einer Psychotherapeutin auf. Zeitlich befinden wir uns hier einige Jahre nach der ersten Pandemie. Wahrscheinlich ist Monica in dieser Zeit Mitte 50. Nach den frühen Kindheitsjahren im Hippie-Umfeld erfährt Monica das größte Trauma ihres Lebens. Der Versuch, mit diesem Trauma umzugehen, führt im Erwachsenenleben zu unvernünftigen Entscheidungen, die Monica auf gefährliches Terrain führen. Ich halte mich hier bewusst auf einer abstrakten Ebene, um nicht zu viel zu verraten.

Das zentrale Thema, das die Graphic Novel auf verschiedenen Ebenen durchspielt, ist die Suche nach den eigenen Wurzeln. Die Suche nach der Mutter, dem Vater, die Suche nach dem Heimatort, dem Elternhaus, die Suche nach Identität. Der Weg ist – wie von erfahrenen Daniel Clowes Lesern gewohnt – auch ein Trip durch Träume und Alpträume, wir durchqueren verlassene Orte und Flughafenhallen, wir erleben kultische Handlungen, Stimmen aus dem Jenseits und grausame Verbrechen. Spiritualität ist Verlockung und Bedrohung zugleich. Tagelang sind wir mit einem Toyota unterwegs. Wir verlieren die Orientierung über Zeit, Raum und Identität. Auch das Glück hat hier seinen Platz, und auch, ganz zaghaft, die Liebe.

 
 

 
 

Durch das gesamte Buch ziehen sich Irritationen. Diese entstehen auf der einfachsten Ebene durch Platzieren von Pannels an einer Stelle, an der sie eigentlich nicht hingehören. So findet sich auf S. 61 unvermittelt ein Wal, übersät mit zahlreichen Verletzungen wie von Harpunen, und zehn Seiten später erzählt jemand Monica die Geschichte einer Region, wobei auch der Walfang erwähnt wird. Die Einblendung des ersten Wals bekommt dadurch etwas von einer Vorahnung oder einer Intuition. Unbewusstes oder halb Bewusstes dringt immer wieder ins sichtbare, gewöhnliche Leben ein. Die Welt und Monicas Biographie werden präsentiert als ein Netz feiner, leicht zu übersehender Bezüge. Diese Technik, die auch dazu beiträgt, der Graphic Novel einen Zusammenhalt zu geben, ist charakteristisch für das Buch. Dass die weniger offensichtlichen Verknüpfungen von Leuten, denen sie ihre eigene Lebensgeschichte erzählt, leicht übersehen werden, sagt Monica selbst: „They always seemed to glaze over at the intricacies of the narrative.“ (S. 100) Daniel Clowes reflektiert in Monicas Gedanken also seine eigene Methode.

Ein weiteres Beispiele für Bezüge, die man erst beim zweiten Lesen entdeckt: Die Vision „Would I come upon an airtight room filled with dead bodies?“ (S. 72) erfüllt sich (S. 34). Auch die Form eines „Cone“ kehrt wieder, einmal in den Worten eines Unbekannten, der die kleine Monica zu etwas locken will („How would you like to go on a celestial journey inside an enchanted ice cream cone?“, S. 23), und viele Jahre später in einem fremden Gebäudekomplex als Tunnel zwischen Gebäuden, ein Tunnel, der sich einfach zuspitzt und endet. Und auch dies sind die, die süchtig sind nach den tiefen Welten des Daniel Clowes, gewohnt: Personen tauchen im Buch in völlig verschiedenen Lebensaltern und Zusammenhängen auf. Auch aus diesem Grund ist ein mindestens zweimaliges Lesen – und sorgsames Anschauen der Bilder, auch des Namens auf einem Grabstein – für ein vertieftes Verständnis des Buches sehr zu empfehlen.

Nicht immer lösen sich irritierende Bilder oder Szenerien auf. Mehrere Kapitel, die nicht direkt Monicas Geschichte erzählen, stehen scheinbar ohne Zusammenhang da. Im fünften Kapitel („The Incident“) hat einer der (Ex?)Freunde von Monicas Mutter Penny den Auftrag, einen Jugendlichen zu seiner Mutter zurückzubringen. Wahrscheinlich ist dies derselbe junge Mann, der im dritten Kapitel nach vier Jahren Abwesenheit (vermutlich wegen des Vietnamkriegs) in sein Heimatdorf zurückkehrt. Das verbindende Element mit Monica ist die Suche nach den Wurzeln.

 
 

 
 

Das Papier der Buchseiten selbst ist kapitelweise unterschiedlich gefärbt. Manche Kapitel sind auf weißem Papier, andere weisen einen leichten Beigeton auf, wieder andere einen stärkeren Beigeton. Möglicherweise hat dies etwas zu bedeuten. Es kann aber auch genausogut sein, dass es nichts bedeutet.

Widersprüche und nicht miteinander Vereinbares sind weitere Mittel im Spiel der Verwirrung. Als Monica aus dem Koma erwacht, erklärt ihr der Arzt, dass sie auf Stück Glatteis ins Schleudern geraten ist. Es war aber doch Sommer, als Monica im Auto die Rückreise vom Sommerhaus ihrer Großeltern antrat?

Mit „Monica“ präsentiert Daniel Clowes ein Land (die USA), das außer Kontrolle geraten ist. Schon die bloße Existenz Monicas ist ein Beweis für eine nicht geglückte Kontrolle, versuchte Penny doch stets eine Schwangerschaft sowohl durch die Einnahme der Pille als auch durch ein spermientötendes Gel zu verhindern.

Dass Daniel Clowes in größeren zeitlichen Zusammenhängen denkt, zeigen auch die ersten und letzten Doppelseiten des Buches. Vorne präsentiert er eine Urwelt, lange bevor der Mensch sie betrat, mit roten Meeren, Felsen, undefinierbarem Urformen von pflanzlichem oder tierischen Leben und düsteren Wolken. Die hinteren Doppelseiten zeigen die Spuren, die Menschen hinterlassen: Die Twin Towers stürzen zusammen, Menschen sind deformiert und in zerfetzter Kleidung, sie schlagen aufeinander ein, gleichzeitig bedroht von Atombombe, Tsunami und einer erbarmungslos glühenden Sonne.

„And the world opens, like a wound in the soil“. So beschreibt ein Soldat im ersten Kapitel, das zwei Kameraden im vietnamesischen Dschungel im Gespräch zeigt, während um sie herum der Krieg tobt, einen Horrortraum. Versehentlich las ich das letzte Wort anders: „And the world opens, like a wound in the soul.“ Auch so fügt es sich ein, und auch dieser Satz ist wie eine Vorhersehung zu einem anderen Pannel, in dem Monica den Anweisungen einer Stimme aus einem Lautsprecher folgt.

Mit „Monica“ zeigt sich Daniel Clowes auf dem Höhepunkt seiner Kunst. Das Buch hält uns den Spiegel vor. Es ist ein Juwel, ein Meisterwerk.

 
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Seit Mitte 2013 schreibe ich auf Einladung von Michael auf diesem Blog. Nach zehneinhalb Jahren und mehr als 400 Beiträgen verabschiede ich mich mit diesem Text.

Hier ist der Link zu meinem Autorenprofil im Autorenlexikon auf Literaturport.de. Wer ganz herunterscrollt, findet eine thematisch sortierte Liste meiner Blogbeiträge auf Manafonistas (über Filme, Bücher, Graphic Novels sowie von mir geführte Interviews etc.) [Die Liste wird noch ergänzt.]

 
 

 

2023 31 Dez.

Mein Serienjahr

von | Kategorie: Blog | | 2 Comments

 

10/10

Succession – Final Season Four (wow) 

 

9/10

1883 – Limited Series (paramount+)

1923 – Limited Series (paramount+)

Weissensee – All Four Seasons (netflix / ard+)

 

8/10

Ted Lasso – Season Three (apple tv+)

Beef – Season One (netflix) 

The Marvelous Mrs. Maisel – Final Season Five (amazon prime)

The Americans – Season Two (amazon prime)

 

7/10

The White Lotus – Season Two (wow) 

Transatlantic – Miniserie (netflix) 

Last Exit Schinkenstrasse (amazon prime)

Luden – Miniserie (amazon prime) 

Tulsa King – Season One (paramount+)

Tage, die es nicht gab – Limited Series (ard) 

Slow Horses – Season Two (apple+) 

 

6/10

Shrinking – Season One (apple tv+)

The Last of Us – Season One Ep 1-7 (wow) 

Justified – Season Three (freevee)

 

5/10

Yellowjackets -Season One Ep 1-8 (wow)

Poker Face – Season One Ep 1-6 (wow) 

 


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