„Ethereal yet utterly visceral, Sunny Kim begins with three notes, repeated and picked up by her sampling device. The darkness around her seems to breathe.“
(Peter Knight, former Artistic Director of Australian Art Orchestra)
(c)
on life, music etc beyond mainstream
2023 27 Dez.
von Henning Bolte | Kategorie: Blog | Tags: Ben Monder, Earshift Music, Sunny Kim, Vardan Ovsepian | | Comments off
„Ethereal yet utterly visceral, Sunny Kim begins with three notes, repeated and picked up by her sampling device. The darkness around her seems to breathe.“
(Peter Knight, former Artistic Director of Australian Art Orchestra)
(c)
(c)
Zuerst ist da Raum, weit und leer. Als ob es da etwas zu antizipieren gäbe, was diese Stille nicht stören will, sich ihr nur leise zur Seite stellen, sie sichtbar machen und und den Raum subtil erweitern möchte. Den Blick nach innen gerichtet und sich doch jeder Nuance der Außenwirkung bewusst öffnet sich aus dem Nichts Cathedral in die Weite, ganz einfach, schwebend und dennoch vielschichtig. Ambientmusik vom Feinsten von einem Meister, von dem man dies als Debütalbum am allerwenigsten erwartet hätte. Vince Clarke gründete Depeche Mode mit, stieg dort aus, als die Band Fahrt aufnahm, spielte kurzzeitig mit Alison Moyet als Yazoo und dann aber 1985 mit Andy Bell in dem erfolgreichen Langzeitprojekt Erasure. Synthie-Pop also, charttauglich und kommerziell. Und jetzt ein stilles, subtiles und diskretes Album nach 53 Jahren Bühnenpräsenz in dem die Erfahrung auch mit leisen Tönen große Bilder zu erzeugen ohne dass er irgendjemanden noch etwas beweisen müsste, zum Tragen kommen. White Rabbit ist ein von einem leisen analogen Sequenzermotiv getragene Tranceinduktion, die in dem dazugehörigen Videoclip eine psychedelisch-dystope Gesellschaftskritik am Leben der immer mehr zunehmenden smombiehaften Mutanten langsam eskaliert. Auch jedes folgende Stück eröffnet eine sehr eigenständige Perspektive, schwebt durch das feinste Gewebe des weiten Raumes fast wie ein Nebel, Imminent, oder entführt in ferne Welten des Red Planet, atmosphärisch inspiriert von den Soundtracks zu den Blade Runner-Filmen. Zweifelsohne der Höhepunkt des Albums ist aber The Lamentations of Jeremiah mit Reed Hays am Cello, das zeit- und schwerelos wie ein urzeitliches Klagelied erklingt. Auch der Rest des Albums, bis man von Last Transmission sanft abgesetzt wird, birgt eine Ambient-Miniatur nach der anderen, die in fast cineastischer Intensität in stets neue akustische Landschaften entführen, deren Pastelltöne wie Vielschichtigkeiten das Bewusstsein in einen Raum einsaugen, den Ambient noch nie zuvor betreten hat. Dagegen wirkt das aktuelle Album seiner früheren Mitstreiter von Depeche Mode Memento Mori kommerziell und flach, muss man hier doch erst einmal die Hälfte durchhören, bis langsam auch einmal spannendere und gewagtere Stücke kommen.

2023 26 Dez.
von Jochen Siemer | Kategorie: Blog | Tags: Acoustic Mikado, looping | | Comments off
[… warum der etwas hochtrabende titel? kurz erklärt: der basisloop war ein versehen, ein vertippen auf dem ditto looper. wollte es löschen, doch: halt stop – da wird was draus! es gibt dinge, die kann man nicht „planen“, man muss sie aufgreifen. catching faults like butterflies …]
2023 26 Dez.
von Alex | Kategorie: Blog | Tags: Nietzsche, Philosophica, Umnachtung | | Comments off
Auf dem Büchertisch im Carrefour Market zufällig gesehen. Ich hatte eigentlich nach einem Taschenkalender gesucht, aber Kalender gab es nicht.
Seit langem höre ich kaum noch Jazz, das soll sich im nächsten Jahr ändern. Stattdessen laufen in Dauerschleife, allerdings mit Gitarre auf dem Schoss und über Kopfhörer ganz nah dran, viele Songs von Taylor Swift (meine Songreiterin des Jahres). Angetan hat es mir auch Haim, bestehend aus den drei Girls aus Los Angeles, die schon mit ihren Eltern zusammen eine Band hatten und die auch im Film Licorice Pizza zu bewundern sind (mein Filmvergnügen des Jahres). Im Wohnzimmer stand ein riesiges Drumset und im Haus herrschte Fernsehverbot. Denn was für Tennisstars gilt, ist ebenso für Musikerinnen angesagt: wer nicht übt, der wird auch nichts und die Glotze raubt kostbare Lebenszeit. Man hört es bei Haim am Gesang: dass ist so trickreich aufeinander abgestimmt, wie es wohl nur Schwestern können. So musste ich bislang bei „Falling“, meinem Lieblingssong der Gruppe, der live rüberkommt wie eine groovende Dampfwalze, bislang passen. Um den rhythmischen Stakkato-Refrain nachspielen zu können, müsste ich wohl so einige Fernsehabende ausfallen lassen und mittels des raffinierten Tools Best Practice, das Songs quasi im Zeitlupeneffekt langsamer abspielen kann, ohne dabei die originale Tonhöhe zu verändern – und auch Dauerschleifen zum Üben schwieriger Stellen ermöglicht – ein paar intensive Studien-Stunden einlegen. Das war in letzter Zeit schwer möglich, da in einer Dauerschleife in zwei Staffeln der Spionage-Serie The Americans eingebunden. Aber ich bleibe dran. Ein akustisches Vorab-Cover muss reichen. Wiederentdeckung des Jahres war übrigens Wandermüde von David Sylvian und Stephan Mathieu. But that’s another story.
2023 25 Dez.
von Henning Bolte | Kategorie: Blog | Tags: Judith Schalansky | | 6 Comments
„DIE KARTOGRAFIE sollte endlich zu den poetischen Gattungen und der Atlas selbst zur schönen Literatur gezählt werden, schließlich wird er seiner ursprünglichen Bezeichnung Theatrum orbit terrarium – >Theater der Welt< – mehr als gerecht. Das Konsultieren von Karten kann zwar das Fernweh, das es verursacht, mildern, sogar das Reisen ersetzen, ist aber zugleich mehr als eine ästhetische Ersatzbefriedigung. Wer den Atlas aufschlägt, begnügt sich nicht mit dem Aufsuchen einzelner exotischer Orte, sondern will maßlos alles auf einmal – die ganze Welt. Die Sehnsucht wird immer groß sein, größer als die Befriedigung durch das Erreichen des Ersehnten. Ich würde einen Atlas heute noch jedem Reiseführer vorziehen.“ (Judith Schalansky im Vorwort zur Erstausgabe von Atlas Der Abgelegenen Inseln)
Der Atlas trägt den Untertitel Fünfundfünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde
listen watch dies ist ein sogenannter REEL, ein kurzes Video mit Musik von Christian Fennez unterlegt (achso)
Auch wenn ich in letzter Zeit eher sporadisch hier als Schreibender in Erscheinung getreten bin und bei so manchen Entwicklungen und Verwerfungen in diesem Blog außen vor blieb, so hoffe ich doch, dass es vielleicht den einen oder anderen gibt, der sich für meinem Jahresrückblick interessiert. Ich selbst war (bzw. bin noch) über die letzten paar Monate in meinem Hauptberuf als Regisseur in einem Spielfilmprojekt [mit starken dokumentarischen Anteilen, im Opernumfeld verankert] in München involviert, für mich eine überaus wertvolle Phase, da ich in den letzten zehn Jahren ausschließlich dokumentarische Filme im Bereich Musik, Kunst, Theater, Schauspiel gemacht habe und mein letztes Spielfilmprojekt (ebenfalls mit dokumentarischen Anteilen) bereits rund zehn Jahre zurückliegt. Ich wollte hier in diesem Blog gerne etwas mehr Einblick in diese Arbeitsprozesse geben, aber meine Zeit hat das leider nicht erlaubt (zumal ich immer parallel an einigen verschiedenen Projekten arbeite und auch noch als Übersetzer berufstätig bin).
Die Produktion an der Bayerischen Staatsoper, die den Rahmen für unsere Filmproduktion gibt, hatte gestern Abend Premiere (mehr Interessantes dazu hier); wir sind noch eine Weile mit der Filmproduktion beschäftigt – das Ergebnis wird voraussichtlich im Juni in den ARD-Mediatheken veröffentlicht. Ich würde gerne bis dahin in Form von Blogbeiträgen etwas mehr Einblick in die Arbeit bieten.
Mit Film-Jahresbestenlisten halte ich mich aktuell zurück, da ich gemerkt habe, dass meine Maßstäbe für die qualitative Einordnung hier nicht immer auf Gegenliebe stoßen (teils anscheinend sogar als Affront aufgenommen wurden). Wahrscheinlich ist dies ein wenig damit vergleichbar, wie jemand, dem an einer gewissen sprachlichen Qualität gelegen ist (als Autor/in, Literat/in, Texter/in oder auch „nur“ als versierte/r Leser/in), auch bei interessanten Themen nicht darüber hinwegsehen kann, wenn der Text sprachlich schlecht oder auch nur uninspiriert geschrieben ist (an dieser Stelle direkt „sorry“ für meine Texte). Dies gesagt, habe ich in der Tat nur sehr wenige wirklich langweilige Filme in diesem Jahr gesehen, dafür aber viele sehr empfehlenswerte. Der filmkünstlerisch vielleicht herausragendste unter vielen sehr sehenswerten ist wohl Martin Scorseses Killers of the Flower Moon — für jemanden wie mich, der ich mich seit den frühen Tagen meiner Kinoleidenschaft in das Werk Scorseses immer wieder intensiv vertieft habe und dabei sowohl große Meisterschaft als auch manierierte und unfreiwillig komische Filme fand, zählt dieser neue zum Besten, was die Kinokunst zu bieten hat. Und dass Scorsese in einem Alter von 80 Jahren noch einmal ein derart inspiriertes, souveränes Werk hinlegt, das zudem keineswegs altbacken oder altherrenmäßig daherkommt, hätte ich nicht für möglich gehalten.
Einen interessanten Roman möchte ich auch noch empfehlen: The Guest von Emma Cline. (Hier eine Rezension aus der SZ.) Wie ich beim Film immer besonders danach suche, dass wirklich filmisch (d.h. nicht literarisch oder dialoglastig) erzählt wird, so sprechen mich Romane immer dann besonders an, wenn sie auf Weisen erzählen, die ureigen literarische Mittel nutzen, wie sie etwa im Film nicht zum Einsatz kommen können. Dazu zählen oftmals (inspirierte) unzuverlässige Erzähler/innen, auch wenn das auf so subtile und irritierende Weise geschieht wie in The Guest. Ich bin etwas unentschlossen, wie ich den Schluss des Buches finde (reizvoll oder vielmehr unschlüssig?), vielleicht sollte ich das letzte Kapitel noch einmal lesen, aber wie Emma Cline häufig mit dem nicht Naheliegenden und mit dem Nebensächlichen, Flüchtigen, Leerstellenhaften auf Augenhöhe mit ihrer Hauptfigur erzählt, hat mich sehr angesprochen. Passenderweise fand ich in diesem Beitrag/Gespräch zum Buch eben folgendes Zitat dazu: „I was thinking that Emma Cline’s writing reminded me of Cat Power’s cover of Satisfaction, where she removed the parts that at first glance would seem like the important ones.“
Nicht ganz so herausragend, aber reizvoll, auch in der Hinsicht, wie eine Protagonistin (in diesem Fall eine junge Fotografin) als nicht immer glaubwürdige Ich-Erzählerin ihre Biografie darlegt, empfand ich Eliza Clarks Buch Boy Parts … wobei es mich erst recht neugierig auf Clarks zweiten Roman Penance (Guardian review) machte, dessen Prämisse und literarische Form ich enorm vielversprechend finde: „How true can ‚true crime‘ really be, she asks us, with every page of this original, provocative novel.“ (review: Confirms the novelist as one of our most exciting new voices) Heute plane ich, mit dem Roman zu beginnen.
Doch nun zur Musik. Ich muss gestehen, dass ich in den letzten zwölf Monaten, speziell in der zweiten Jahreshälfte, so unglaublich viele tolle Alben hören konnte, dass es mir extrem schwer fällt, mich auf eine „Bestenliste“ festzulegen; vor allem kann ich nur schwer eine Auswahl treffen. Dazu kommt, dass ich einige Alben, die ich sicher hervorragend finde, noch gar nicht gehört habe (die Rolling Stones etwa), und ich gerade vorgestern erst eine Ladung 2023er ECM-Alben gekauft habe, die ich entsprechend noch nicht kennenlernen konnte (Strands, Zartir, Scofield, Danish String Quartet, Pärt und einige mehr). Dafür habe ich diesmal endlich eine gute Handvoll aktueller Intakt-Alben erworben, die ich auch sehr schätze. Ein grandioses Album aus dem Vorjahr, das ich verspätet entdeckte und das nachträglich einen Platz in meinen damaligen Top 3 bekommen müsste, muss ich noch erwähnen: Songs of the Recollection von den Cowboy Junkies — eine Kollektion überaus inspirierter, nicht naheliegender Covers von Songs von David Bowie, Gram Parsons, den Rolling Stones, Neil Young, Bob Dylan, The Cure u.a. Grandios schon die Arrangements.
Meine diesjährige Nummer 1 ist immerhin eine klare Sache, eine australische Band um die Sängerin/Songwriterin Romy Vager (RVG steht für Romy Vager Group), auf die ich nur durch einen beiläufigen Hinweis eines anderen Musikfreundes gestoßen wurde. Ich schaute mir auf seine Empfehlung das – in einer coolen Plansequenz gedrehte! – Musikvideo ihrer Single Midnight Sun an und bestellte mir sofort das Album. Und hörte es in diesem Jahr häufiger als jedes andere. Musikalisch ist das sicher keine große Innovation, aber die Energie und der Witz in Romy Vagers Songs sind einfach famos.
Melbourne’s post-punk quartet RVG boldly expands their sound with synths on their third album, Brain Worms, while staying true to their roots. Filled with catchy melodies, driving rhythms, and Romy Vager’s sharp, insightful lyrics, the album evokes the 80s college post-punk era rather than embracing contemporary genre edges. This new direction, characterized by lush orchestration, haunting melodies, and poetic lyrics, demonstrates the band’s growing maturity, solidifying their status as innovators. Brain Worms rewards repeated listens, unveiling depth and complexity over time, inviting introspection and reflection. It’s a sonic journey that transports the listener to a different post-punk era, showcasing RVG’s influence and innovation today. – The Fire Note Blazing Top 50 Albums of 2023