on life, music etc beyond mainstream
2024 21 Feb.
von Jochen Siemer | Kategorie: Blog | Tags: Kurt Rosenwinkel, Pedro Martins, Rick Beato | | Comments off
Wer schonmal Ski gefahren ist, der weiss: das ist wie guter Sex, manchmal besser. Die Piste runter, Hüftschwung hopp, muss man mal erlebt haben. Im Skiort diese eigentümliche Winterstille, der Schnee verschluckt die Geräusche, menschliche Stimmen klingen trocken, wie kleine Sensationen. Vom Ski zu Kurt, wie geht das? Sehr gut, denn kürzlich wurde mir eine besondere Abfahrt zuteil: zunächst das heitere Gespräch der beiden Gitarristen Rosenwinkel und Beato auf YouTube. Ich hatte wohl das Stück „Use of Light“ aus dem Album Deep Song angeklickt, weil mir an diesem regnerischen Februartag bewusst war, wie nutzbringend doch generell das Licht ist. Ich glaube an die Sonne, mehr als an jeden Gott, denn Dunkelheit drückt auf’s Gemüt. Nach dem Gesprächs-Uplift der beiden Genannten folgte die Abfahrt, Algorithmus-induziert: nach einer Session mit jungen Talenten der New Generation (Kurt Rosenwinkel ist seit langem schon auch Musikpädagoge) dann der Auftritt mit der immer wieder erstaunlichen Frankfurt Radio Bigband. Ja, Skifahren wäre eine angemessene Metapher, Kite-Surfen in den Kosmos aber auch. Immer schwingt in Kurt Rosenwinkels Spiel Lebensfreude mit und das Abfeiern der grenzenlosen Möglichkeiten kreativen Ausdrucks. Es ist im Wesentlichen ekstatisch, permanente Grenzüberschreitung. Ihm sitzt auch der menschenfreundliche Schalk im Nacken, wie sich einmal in einem Interview backstage mit einer etwas naiven französischen Jounalistin zeigte: Ob das auch teilweise improvisiert sei, was er spiele? Yes, occasionally there is some improvisation. Die Musikhistorie schwingt mit in seinen Soli: Bach, Brahms, die Stones, Samba, Jazz, Pop, Blues und Soul. Das sind Höhenflüge, die flinke Finger auf das Griffbrett zaubern. Wer zaudernd introspektive Seelenschau in Moll sucht, geht hier fehl. Nicht zu jeder Zeit passt jede Musik – umso schöner, wenn einen etwas plötzlich anturnt, tagesaktuell oder rein stimmungsmässig. Nimm es mit, take the a-train, catch the nightflight, down the slope!
Zunächst wie so oft skeptisch bezüglich der Investition kostbarer Lebenszeit, komme ich nun im Rückblick zu dem Schluss, dass The Americans zu den besten Fernsehserien gehört, die ich jemals sah. „Was interessieren mich denn sowjetische Spione im Amerika der Reagan Ära zur Zeit des kalten Krieges!“ war die Eingangsfrage. Alle guten Serien (der Spiegel schrieb hinsichtlich der neuen True Detective Staffel mit einer angeblich genial missgelaunten Jodie Foster vom „Hochamt“ des TV-Thrillers) verzeichnen ja gewisse Parallelen, also gemeinsame Qualitätsmerkmale: gute Schauspieler (nicht selten breathtaking), exquisite Kamerafahrten. Dazu Soundtracks, die wie akustische Geschmacksverstärker wirken, familiäre und epische Entwicklungsstränge, knisternde und vor allem geschmackvolle Erotik. In vielem erinnert The Americans an Breaking Bad. Diese sublim situationswitzige Art beispielsweise, mit der Leute ums Leben gebracht werden. Das ist das Gegenteil der Zurschaustellung von Gewalt. Da ist dieses hochattraktive, sportlich fitte, sympathische Spionage-Ehepaar, das eigentlich nach aussen hin mit den zwei Kindern eine Musterehe darstellt: an american dream. Beide sind so top ausgebildet, sodass man als Zuschauer weiss: egal, in welche irrwitzige Situation sie sich verstricken, ihnen passiert nichts, denn sie sind schlichtweg zu gut. Batman und Catwoman im Einsatz. Man muss also nicht auf den Bierdeckel beissen oder an den Nägeln kauen. Dann die Sache mit den Kids, man kennt das beispielsweise auch von Mad Men oder The Affair, wie die sich zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln. Viele Gänsehautmomente, etwa wenn Tschaikowski-Klänge und Rückblenden in die Vergangenheit die russische Seele leibhaftig werden lassen. Dann die intimen Inneneinsichten in das Zentrum der Sowjetmacht, die „Residentura“ und das an Mad Men erinnernde Treiben in den Büros des CIA. Sehr reizvoll ebenso ist der Kontrast zwischen Dialog-Szenen im Kammerspiel und den Action-Szenen im Irgendwo. Sowohl in Russland als auch in Amerika werden schöne Bilder eingefangen, die im Kontast noch schöner wirken, geradezu einmalig sind, optisch vom Allerfeinsten. Der Soundtrack ist sparsam und einfühlsam. Die ganze Serie hindurch herrscht eine kontemplative Grundstimmung, durch Action-Spitzen garniert. Beim Schauen der Serie hat man das Gefühl, dass das eigene Gehirn geschult wird – und dies nicht nur der politischen Bezüge wegen, sondern auch aufgrund der tiefen emotionalen Intelligenz. Etwa, wenn sich Phil und Elizabeth für ihre Einsätze verkleiden: tausendundein Typ – und sie sehen immer gut aus. Allein das ist schon den Eintritt wert und eine Show. Zum enthusiastisch angehauchten Loblied hier passen dann natürlich die sparsam eingesetzten Songakzente, sie kommen umso mehr mit Wucht – etwa von Peter Gabriel, David Bowie, den Talking Heads oder von Depeche Mode. Die deutlichste Parallele zu Breaking Bad ist übrigens die, dass der nachbarliche Freund gleichzeitig der ärgste Feind ist: hier Sowjetspione und ein CIA-Mann, dort der FBI-Schwager und der Kartell-Boss. Und hieraus gründet die eigentliche Grundspannung der ganzen Serie: „Wann und wie fliegt das Ganze auf?“ Die Antwort, ohne viel vorwegzunehmen: auf grandiose Weise! Schade, dass man darüber nicht schreiben kann. Tränen in den Augen, Glücks- und Gänsehautmomente gab’s aber vorher schon zuhauf. Es ist auch die Geschichte einer tiefen Freundschaft, mit hohem menschlichen Anstand. Wenn solche Serien zu Ende gehen, bleibt leichte Melancholie: es ist ein bisschen wie das Ende einer Liebe.
Den Namen Mary Timony hatte ich schon vorher gehört, aber noch nie ihre Musik. Sie hat am 23.2. ihr neues Album Untame the Tiger am Start und von den drei bereits hörbaren Songs, hat mir The Guest am besten gefallen. Phantastische Gitarrenarbeit, eine tolle eher herb-spröde Stimme, die etwas zu erzählen hat. Sie musste zuletzt einige schwere menschliche Verluste erleiden, was man der Musik nicht unbedingt sofort anhört. Obwohl diesem Lied schon. Mit von der Partie ist Dave Mattacks, der Drummer von Fairport Convention! To be watched.
Lautlos schieben sich die Blätter des virtuellen Dschungels auseinander und ein paar Augen mit länglichen Pupillen werden im phosphoreszierenden Dunkel sichtbar. Hyperfuturistisch archaische Flötentöne und scheinbar zufallsgenerierte Trommeln schlagen durch den aufkommenden Nebel. I Swear, I Really Wanted To Make A „Rap“ Album But This Is Literally The Way The Wind Blew Me This Time bekennt der Musiker während die milchsonnigen Blätter zu hyperboliodem Staub zerfallen und ein pulsierendes Licht sich zwischen den knorrigen Stämmen hindurchschlängelt. Leise unaufdringlich und dennoch ganz nah The Slang Word P(*)ssy Rolls Off The Tongue With Far Better Ease Than The Proper Word Vagina. Do You Agree? Kein Ausweichen, der virtuelle Dschungel ist tief, die Songtitel bizarr, plakativ und anschaulich und der verhaltene Beat würde in jedem Rap-Song bestens als Intro oder Bridge funktionieren. Aber diesmal stand der Wind anders, weiter in das Weglose hinein. That Night In Hawaii When I Turned Into A Panther And Started Making This Low Register Purring Tones That I Couldn’t Control … Sh¥t Was Wild. Die Glühwürmchen schimmern in zunehmender Größe wie helle Lampions, drängen sich in das Bewusstsein, öffnen sich weit in die vermeintliche Monotonie der Virtualität und lassen Geister der Parallelwelt ihre fließenden amorphen Tänze in leuchtenden kortikalen Bahnen, die nach warmem, feuchten Boden riechen und den Hörer freundlich umschließen, irgendwo im Zeitlosen durchschweben. Dreams Once Buried Beneath The Dungeon Floor Slowly Sprout Into Undying Gardens. Exzellente Fourth World Music, da gibt es nicht mehr zu sagen, nur zu hören!
Hinsichtlich des körperlichen Erlebens waren mir zwei Gedanken stets wichtig. War es Georges Moustaki, vom dem ich vor Jahrzehnten schon den entscheidenden Hinweis bekam, oder war es ein anderer weltberühmter Chansonnier? Auf die Frage, wie er das Älterwerden bewältige, meinte der nämlich schlicht: „Ich versuche, mich zu verausgaben.“ So lautet ein anderer Spruch, tief verankert im Hippocampus, der Schaltzentrale für biografisches Gedächtnis und somit auch Garant für die Gewissheit, wer ich bin: „Wenn du tanzen willst wie ein Afrikaner, darf dir keinerlei Bewegung peinlich sein.“ In der Musik Peter Gabriels steckte immer viel afrikanischer Rhythmus. Was ihn von einigen Songwritern abhebt, ist die in dieser Klangwelt enthaltene body performance: Tanzen um das Lagerfeuer, böse Geister vertreiben, die Traumata der Kindheit heilen. Nun kehre ich zurück in diese Welt, antizipiere sie durch Tanz, will viele Songs natürlich selber spielen, auch das gehört zur Antizipation: nachahmen wollen. Gabriels Stimme ist eine Bank. Seit Genesis haben sich seine Songs verändert. Sie sind weniger verspielt, kubistisch aufgesplittert und ins Fabelwesen driftend, vielmehr griffiger geworden: Kinderlieder, Abzählreime, Symmetrien. Subtil schwingt auch das Gefühl von Verlorensein mit, ferner die Sehnsucht nach Heimat und Verbundenheit. „Mercy Street“ aus dem Album So wäre ein solches Lied. Ist dies nicht auch psychotherapeutische Musik, die Selbstfindungsprozesse wiederspiegelt? Aus den jüngeren Alben gefallen mir am besten die Songs „Don’t break this Rhythm“, „The Road to Joy“ (klingt irgendwie nach David Bowie, Brian Eno produzierte hier zumindest), „Nocturnal“ und „i/o“ – letzterer auch lyrisch ein grosser Wurf.
2024 14 Feb.
von Alex | Kategorie: Blog | Tags: Romanische Kirchen | | 1 Comment
Für Ursula: Ich stelle gerade fest, dass die erste Kirche auf meiner heutigen Wanderetappe die romanische Kirche von Mörshausen aus dem 12. Jahrhundert war. Ich habe das gar nicht so richtig registriert. Sie ist die älteste Kirche im Altkreis Melsungen. Heute evangelisch. Innen habe ich einen Pilgerstempel in meinen Pilgerausweis gestempelt. Es war recht dunkel dort, so dass ich die große Attraktion der Kirche, den Schmerzensmann, eine gotische Säule, nicht gesehen habe. Allerdings gibt es ein Bild in meinem Pilgerführer. Er sieht recht harmlos aus, hat die Arme über der Brust verschränkt und ein kurzes Höschen an. Ein Bild im Internet finde ich nicht.