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2024 17 Feb

Zwischen zwei Welten

von: Jochen Siemer Filed under: Blog | TB | 2 Comments

 

Zunächst wie so oft skeptisch bezüglich der Investition kostbarer Lebenszeit, komme ich nun im Rückblick zu dem Schluss, dass The Americans zu den besten Fernsehserien gehört, die ich jemals sah. „Was interessieren mich denn sowjetische Spione im Amerika der Reagan Ära zur Zeit des kalten Krieges!“ war die Eingangsfrage. Alle guten Serien (der Spiegel schrieb hinsichtlich der neuen True Detective Staffel mit einer angeblich genial missgelaunten Jodie Foster vom „Hochamt“ des TV-Thrillers) verzeichnen ja gewisse Parallelen, also gemeinsame Qualitätsmerkmale: gute Schauspieler (nicht selten breathtaking), exquisite Kamerafahrten. Dazu Soundtracks, die wie akustische Geschmacksverstärker wirken, familiäre und epische Entwicklungsstränge, knisternde und vor allem geschmackvolle Erotik. In vielem erinnert The Americans an Breaking Bad. Diese sublim situationswitzige Art beispielsweise, mit der Leute ums Leben gebracht werden. Das ist das Gegenteil der Zurschaustellung von Gewalt. Da ist dieses hochattraktive, sportlich fitte, sympathische Spionage-Ehepaar, das eigentlich nach aussen hin mit den zwei Kindern eine Musterehe darstellt: an american dream. Beide sind so top ausgebildet, sodass man als Zuschauer weiss: egal, in welche irrwitzige Situation sie sich verstricken, ihnen passiert nichts, denn sie sind schlichtweg zu gut. Batman und Catwoman im Einsatz. Man muss also nicht auf den Bierdeckel beissen oder an den Nägeln kauen. Dann die Sache mit den Kids, man kennt das beispielsweise auch von Mad Men oder The Affair, wie die sich zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln. Viele Gänsehautmomente, etwa wenn Tschaikowski-Klänge und Rückblenden in die Vergangenheit die russische Seele leibhaftig werden lassen. Dann die intimen Inneneinsichten in das Zentrum der Sowjetmacht, die „Residentura“ und das an Mad Men erinnernde Treiben in den Büros des CIA. Sehr reizvoll ebenso ist der Kontrast zwischen Dialog-Szenen im Kammerspiel und den Action-Szenen im Irgendwo. Sowohl in Russland als auch in Amerika werden schöne Bilder eingefangen, die im Kontast noch schöner wirken, geradezu einmalig sind, optisch vom Allerfeinsten. Der Soundtrack ist sparsam und einfühlsam. Die ganze Serie hindurch herrscht eine kontemplative Grundstimmung, durch Action-Spitzen garniert. Beim Schauen der Serie hat man das Gefühl, dass das eigene Gehirn geschult wird – und dies nicht nur der politischen Bezüge wegen, sondern auch aufgrund der tiefen emotionalen Intelligenz. Etwa, wenn sich Phil und Elizabeth für ihre Einsätze verkleiden: tausendundein Typ – und sie sehen immer gut aus. Allein das ist schon den Eintritt wert und eine Show. Zum enthusiastisch angehauchten Loblied hier passen dann natürlich die sparsam eingesetzten Songakzente, sie kommen umso mehr mit Wucht – etwa von Peter Gabriel, David Bowie, den Talking Heads oder von Depeche Mode. Die deutlichste Parallele zu Breaking Bad ist übrigens die, dass der nachbarliche Freund gleichzeitig der ärgste Feind ist: hier Sowjetspione und ein CIA-Mann, dort der FBI-Schwager und der Kartell-Boss. Und hieraus gründet die eigentliche Grundspannung der ganzen Serie: „Wann und wie fliegt das Ganze auf?“ Die Antwort, ohne viel vorwegzunehmen: auf grandiose Weise! Schade, dass man darüber nicht schreiben kann. Tränen in den Augen, Glücks- und Gänsehautmomente gab’s aber vorher schon zuhauf. Es ist auch die Geschichte einer tiefen Freundschaft, mit hohem menschlichen Anstand. Wenn solche Serien zu Ende gehen, bleibt leichte Melancholie: es ist ein bisschen wie das Ende einer Liebe.

 

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2 Comments

  1. Ursula Mayr:

    Du machst mir direkt Appetit aufs Seriengucken – ich hab da auch immer das Argument mit der Lebenszeit schnell parat.

  2. Karsten:

    Sehr schöne Besprechung. Bin mit allem einverstanden, bis auf die Sache mit den Fingernägeln. Was die Spannung über alle Staffeln hinweg angeht, ist das auf einem Level mit Breaking Bad.

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