Manafonistas

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2021 20 Dez.

Launiger Briefwechsel am Ende einer Migräne

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Sehr geehrter Herr Dr.  Lenz,

ich möchte einige Dinge richtigstellen, als Antwort auf ihren  Brief vom 6.12.:

Es ist falsch, wenn  sie implizit behaupten, ich würde unter keinen  Migräneattacken leiden. Es ist, durch den Erfolg der Triptane, und eine gründliche Exploration, nachgewiesen, dass ich tatsächlich unter einer Form von Migräne leide.  Mein Fall wird zudem wohl dokumentiert im Rahmen einer europaweiten Datenerhebung / Forschungsstudie.

Es ist falsch, wenn sie behaupten – so jedenfalls stellt es sich mir dar -, dass in meinem Fall Triptane kontraindiziert seien. Sie bestehen auf einer in der Schmerzambulanz erstellten Diagnose, die nicht korrekt ist.

Es ist falsch, dass sie unterstellen, „dass auch diese Substanzen bei entsprechend disponierten Patienten ein nicht unerhebliches Missbrauchsrisiko bergen.“ Ein Triptan verursacht keinerlei High, ausser, die Freude, den Schmerz in ziemlich kurzer Zeit loszuwerden. Und da ich von einem Schmerztherapeuten (und meiner neuen Hausärztin) bestens informiert wurde, besteht auch keine Gefahr für einen anderen, durch Triptane verursachten, Dauerkopfschmerz. Ich halte mich streng an die Vorgaben der Triptan-Benutzung, und bei in der in den letzten  Monaten  auftretenden Frequenz von Migräne-Attacke  (ca. alle 14 Tage im Schnitt) bin ich deutlich im „sicherem Bereich“.

Es ist falsch, mein Verhalten als „auffällig“ zu bezeichnen, weil ich von Anfang an darauf gedrängt habe, mir invasiv Dipidolor zu geben bei einer Attacke. Denn, aufgepasst, zweimal im Laufe dieser Schmerzgeschichte hatte die invasive Verabreichung von 7.5 mg Dipidolor (in zwei Krankenhäusern) den Schmerz beseitigt (und mir wurde nur diese zwei Male Dipidolor invasiv verabreicht ((subkutan stellte sich kein Effekt ein)) – klar, dass ich darin einen Schlüssel zur zumindest symptomatischen Therapie sah. 

Die Diagnose, zu der man bei  meinem Kopfschmerz gelangte (in der Schmerzambulanz) ist, ist de facto falsch. Ein Schmerztherapeut, der offensichtlich eine grössere Fachkompetenz besitzt, verschrieb mir ein Triptan, wofür ich im nachhinein unendlich dankbar bin, denn eine gut vierjähriges Martyrium hat damit ein Ende gefunden.

Erstaunlich, dass sie, Dr. Lenz,  diesen Heilerfolg  in ihrem Schreiben völlig ausblenden (das ist keine Placebo-Geschichte) –  aus meinem Text ist doch unzweifelhaft zu erkennen, dass die Triptane bei mit das angezeigte Mittel sind – und ich unter einer Form von Migräne leide. Stichwort: trigemino-autonome Kopfschmerzen. 

Zur von ihnen angesprochenen „fehlenden Compliance“: ich habe nach Rücksprache mit einem anderen Arzt und Studium des Beipackzettels die Medikation auf 4 mg Temgesic erhöht, um dadurch den Schmerz zu beseitigen. Nicht, um ein stärkeres High zu erleben. Die Wirkung war nicht wie erhofft. Ein wenig schienen Opioide den Schmerz gelegentlich zu verkürzen (zusammen mit Paracetamol) – aber auf Dauer ändert sich nichts Wesentliches: die Migräneattacken traten  mit der Zeit  häufiger auf. Ich sah keine Sinn in der Fortsetzung der Behandlung in ihrer Schmerzambulanz. Ich setzte auf Chiropraktik, Physio, Liebscher und Bracht, Akupunktur – meine Situatiom wurde immer dramatischer, eben weil sich die Frequenz der Attacken verkürzte. 

Auch folegndes muss ich richtigstellen. Ich habe den drei Schmerztherapeut*innnen in der Schmerzambulanz im Laufe der diversen Sitzungen mitgeteilt, dass der Schmerz zuweilen auch im Hinterkopf links beginnt und zum Nacken runterwandert. 

Mit ihrer Darstellung, Dr. Lenz, scheinen sie, so kommt es mir vor, meine Glaubwürdigkeit herabzusetzen, und eindeutige Fehler in der Differentialdiagnostik zu kaschieren. Ich habe immer gesagt, dass dieser Schmerz, nach einer oft mehrstündigen Anflutphase,  sich vier Stunden lang mahe am Unerträglichen bewegt, und dann in kürzester Zeit „abstürzt“, „sich in Luft auflöst“. Das ist  schon ein Indiz für eine Migräne. Atypisch oder nicht.

Zum Positiven verändert hat sich meine Situation erst, als meine neue Hausärztin mit einem Spezialisten für Kopfschmerzen Kontakt aufnahm. Das ist keine zwei, drei Monate her.

LOROTRIPTAN: darauf hätten die Schmerztherapeuten wirklich mal kommen müssen. Denn als jemand mit  multipler Schmerzmittelallergie (ich vertrage nur Paracetamol und Opioide – Triptane hatte ich bislang nie gekommen, sie sind  aber in keiner Weise vergleichbar mit den für mich lebensbedrohlichen Mitteln wie Ibuprofen,  Aspirin, Duclocphenac, Novalgin etc.) blieb eigentlich nur noch ein Versuch mit Triptanen übrig – UND DIESER ANSATZ WAR BEI MIR EINE ECHTE UND KEINESWEGS ABSEITIGE OPTION (es gibt atypische Migränesymptome). 

Ich bin erstaunt und irritiert, dass sie in ihrem Schreiben auf einer Diagnose beharren, die sich durch meine ausführliche Darstellung, und nach meiner bestmöglichen Einschätzung, als FALSCH erwiesen hat.

Ich finde es im übrigens deplatziert, mich als nicht somderlich vertrauenswürdigen Patienten darzustellen.

In anderen Worten: wären mir Triptane verschrieben worden, hätten sich die gut vier Jahre meiner Schmerz-Odyssee um knapp die Hälfte verkürzt! Dass sie zudem noch die gefährlichen Nebenwirkungen dieser Medikamente betonen, ist ebenfalls nicht angemessen.

Und, noch deutlicher: ich möchte ein Gespräch mit einem der zuständigem  Ärzte*innen, gerne auch in ihrer Anwesenheit. Denn: STATT AUF EINER M. E. FALSCHEN DIAGNOSE ZU BEHARREN ,  KÖNNTE ANDEREN PATIENTEN*INNEN BESSER GEHOLFEN WERDEN IN IHRER SCHMERZAMBULANZ, WENN DIE DORT TÄTIGEN ÄRZTE*INNEN IN ZUKUNFT ATYPISCHE FORMEN VON MIGRÄNE MIT IN IHRE DIAGNOSTIK MITEINBEZIEHEN. 

Sie blenden in ihrem Antwortschreiben vom 6. Dezember einfach einige wesentliche Dinge und Sachverhalte aus, und das allein ist der Grund, warum ich mir in diesem Schreiben nun eine gehörige Portion Redundanz leiste. Mir ist natürlich klar, dass sie deutlich Partei ergreifen. Dass sie dies allerdings auf der Basis einer  nicht länger aufrecht zu haltenden Diagnose machen, ist schon bedenklich. Und wie sie versuchen, mich als Person in ein zwielichtiges Licht zu rücken, ist  schon „schräg“. Und im Grunde eine Unverschämtheit.

Aus allen diesen Gründen wirft meine  Behandlung in ihrem Haus durchaus gerechtfertigte Fragen auf, und verlangt doch nach einer fairen Klärung.

 

Mit besten Grüssen,

Michael Engelbrecht

Ich hatte die Schallplatte mit den Gesängen der Buckelwale bei Zweitausendeins gekauft, himmelblaues Cover, und fühlte mich avantgardistisch damit. Das Wort „Feldaufnahmen“ kannte ich noch nicht. Ich hörte den Begriff zum ersten Mal in Michaels Sendung und dachte, es sei eine Erfindung von ihm. Eine Radiosendung mit Michael hörte ich zum ersten Mal, weil ich rein zufällig an einem Samstag Nachmittag im Juli 1995 das Radio anschaltete, zu „Radio Unfrisiert“. Man konnte Hintergrundmaterial anfordern und erhielt zusammenkopierte Playlisten und Rezensionsauszüge, und das Gefühl, zu einem besonderen Kreis zu gehören. Schätze, die ich sorgsam aufbewahre. Die Spur verlor sich. Im Herbst 1998 entdeckte ich den Deutschlandfunk und Michaels Namen im Programmheft. Seither habe ich keine Ausgabe der „Klanghorizonte“ verpasst, – nur eine, als ich vergaß, den Wecker, den ich auf 4 Uhr gestellt hatte, auf „on“ zu stellen. Es gab nur einen Grund, warum ich das nicht bereut habe: Es brachte mich auf die Autorenliste dieses Blogs. Für mich waren die „Klanghorizonte“ immer mehr als eine Musiksendung mit einer verdammt coolen, schrägen und grenzüberschreitenden Auswahl, viel mehr. Es schimmerte, aus großer Entfernung, ein Lebensentwurf darin, was nicht nur an der Musik lag, sondern vor allem an den außergewöhnlichen und sprachlich verdichteten Moderationen. Als ich Michaels Stimme zum ersten Mal bei „Radio Unfrisiert“ hörte, dachte ich, was ist das nur für ein Typ, er verkörpert seine Sendung vollkommen und wirkt geradezu unverschämt frei. Ich habe mich von dieser Musik ernährt, Kassetten immer wieder zurückgespult, Playlisten erstellt, Mixtapes verschenkt, Teile der Moderation transkribiert. Ich wollte ein Teil von etwas sein, ohne genau zu wissen, wovon. Ich wollte die Aura dessen, was „die Sendung“, wie ich sie immer nannte (als ob es keine andere gäbe, und es gab keine andere), ausmachte, in meine Gedichte aufnehmen, das kristallisierte sich für mich heraus. „Dass so eine Musik existiert, macht Hoffnung“, sagte Michael bei der Moderation des Tracks Mittelfinger aus dem Album Geisterfaust von Bohren und Der Club of Gore. Eben eine Kassettenhülle aufgeschlagen und das Zitat gefunden. Es gäbe so viele davon. Auch wenn der Genuss der Livesendung unübertroffen war: Ich werde meine Aufnahmen wieder und wieder hören und mich nach einer Lieblingsformulierung von Michael durch die Musik an andere Orte transportieren lassen.

In a Station of the Metro

The apparition of these faces in the crowd:
Petals on a wet, black bough.
(by Ezra Pound)

 

„FIRST HOUR“ (ends with a jukebox)

 

 

Michael Engelbrecht: What was the basic idea that triggered „Warp“ as a melange of solo piano composition and all the other things and sounds surrounding the Steinway?

Jon Balke: I think the starting point was an abstract idea about making an architecture of sound: walls, curved spaces, light and darkness, actually a question: can this be done? Can we experience sound as a physical environment? And then as I developed my piano playing in paralell. I wanted to try to place the piano inside these imaginary spaces. I am still not sure if I achieved what I wanted, but the process is very intriguing and interesting.

 

Rickie Lee Jones: Show Biz Kids (It‘s Like This, 1991)
Angelo Badalamenti: Twin Peaks Theme (Music from Twin Peaks, 1990)

talking one  – „do you remember Twin Peaks, 1989?“

Jon Balke: Kantor (Warp, 2016)
Radiohead: Dollars and Cents (In Rainbows, 2007)

Anna Gourari / Giya Kancheli: Piano Piece No. 15 (Elusive Affinity, 2019)
Mark Hollis: A Life (1895-1915) (Mark Hollis, 1997)
Budd / Eno:  Not Yet Remembered (The Plataux of Mirror, 1981)
Robert Wyatt: Maryan (Shleep, 1997)

talking two – „on evergreens and everblues“

Chris Watson: The Sounds of Lindisfarne (In St. Cuthbert‘s Time, 2013)
T. Rex: Cosmic Dancer (from Electric Warrior, 1971)

 

„SECOND HOUR“ (ends with a darkness)

STERNZEIT

 

 

Michael Engelbrecht: Listening to „Life Of“ you can easily feel something brooding, some darkness, a certain twilight zone. Is the origin for these sensations unknown – or somehow graspable? Echoes from all those „stranger things“ you experienced in Asia?

Steve Tibbetts: There is sometimes a sort of credulous enthusiasm to believe in „stranger things“, as you say, especially in Asia. Nonetheless there does seem to be a certain permeability to the fabric of reality in some places in the world. A friend of mine called it „thinness.“ You can look for that in music and art as well. You listen and there is a quiet collapse of duality, self and other. This might sound terribly exotic or over-thought, but if you watch your mind when you listen to music you might witness a kind of melting.

 

Steve Tibbetts Life of Alice (Life of, 2018)

(my story with „Klanghorizonte“ began with a tape cassette Steve sent me from St. Paul, with sounds from the Rocky Mountains, children‘s voices, monk chants from the Far East. With that cassette at hand, I started contacting German radio stations, and I did my first radio features about Steve‘s music in November 1989 – on the same day these shows were broadcasted by the NDR (Michael Naura) and Deutschlandfunk (Harald Rehmann). That was a problem, so I wrote two completely different texts and used different stories from Steve. The content of that transatlantic interview ended up, too, als liner notes on Steve Tibbetts‘ great album „Big Map Idea“.) 

Tunng: Eating The Dead (Tunng presents Dead Club, 2020)

talking three – „an English journey“

Mike Sammes: Tuc / Timex (Music for Biscuits, 1973)
Brian Eno: This (Another Day On Earth, 2005)

Darren Hayman: Wysall, (Thankful Villages, Vol. 3, 2018)
David Bowie: tis a pity she was a whore (Darkstar, 2016)

John Surman: Trethewy Quoit, (Road to St. Ives, 1990)
Incredible String Band: (a song from Wee Tam & The Big Huge, 1971)
Paul Giovanni: Searching for Rowan (The Wicker Man O.S.T, 1973)
Damon Albarn: Esja, The Tower of Montevideo (The nearer…, 2021)

talking four – „the magic of field recordings“

Jana Winderen: (Spring Bloom In The Marginal Ice Zone, 2017)
Leonard Cohen: You Want It Darker (You Want It Darker, 2018)

 

„THIRD HOUR“ (ends with a celebration)

 

 

talking five – „our life in the bush of ghosts“

V.A. – Bayu Bayu (from: West Java – Sundanese Jaipong, 2003) 
Dadawah: Run Come Rally (Love and Peace, 1974) 
Tinariwen: Hayati (Elwan, 2017)
Sussan Deyhim & Richard Horowitz: Got Away (Desert Equations, 1986)
Tinariwen: Iklam Dglour (from: Amadjar, 2019)
Keith Hudson (from Flesh Of My Skin…, 1974)
Codona: Que Faser (from: Codona 2, 1981) 

talking six – „ECM classics“

Keith Jarrett:  Long As You Know You‘re Living Yours (from BELONGING)

KALENDERBLATT

 

 

“FOURTH HOUR“ (ends with 50 words for snow)

 

Les Baxter: Zambezi (Tamboo, 1955)
Various Animals: Hippopotamus (Animals of Africa)
Burnt Friedman: Mura (from Bokoboko, 2011)

talking seven – „dancing, dreaming, meditating“

Underworld:  mmm Skyscaper … (dubnobasswithmyheadon, 1997)
Brian Eno: Fractal Zoom (Nerve Net, 1992)
Jon Hassell: Choir Moire (Dream Theory in Malay, 1981)
Jon Hopkins: (Music for Psychedelic Therapy, 2021)

talking eight – „Jon Hopkins on his new album“ 

Kate Bush: 50 Words for Snow (50 Words For Snow, 2011)

 

 

„FIFTH HOUR (part 1)“ (ends with a stranger)

 


Laurie Anderson: World without end (from: Bright Red, 1994)
Ralph Towner: Entry in a Diary (from: Diary, 1973)
Lambchop: The Last Benedict (from: Showtunes, 2021)

talking nine – „this and that“

Portico Quartet: A.O.E. (from: Monument, 2021)
Robert Plant & Alison Krauss: Quattro (World Drifts In) (Raise The Roof, 2021)

 

 

„FIFTH HOUR (part 2)“ (ends with  a beginning)

 

The Allman Brothers Band: In Memory of Elizabeth Reed (Live at Fillmore East (1971)

talking ten – „circle line, district line, waterloo station“  (above my underground photo, April 2014)

801 Live: Tomorrow Never Knows (801 Live, 1976)

 

When I entered Brian Eno’s studio in West London on a sunny, early April morning, 2014, he was just working on an idea in his head (a special sound maybe, a rhythm, a melodic shape?). I was quiet for a moment so that he could make a mental note. – You look a bit Moroccan, I then said to him. I’ve never seen Brian Eno with a white beard before. He really was in the Moroccan hills a short time ago. What I didn’t know was that he bought a hat there – in that country that was once a “hippie dream world” deep in the last century, but which turned to hell for too many young people. I have known Brian since 1989, and when I’m in London, there are casual meetings once in a while. This time Brian and Karl (Hyde) would play a „concert for one“, happily for me, two days later. The first day of working on their follow-up album „High Life“. When I left the studio, with a copy of SOMEDAY WORLD, I saw Brian setting a pulsating electronic rhythm in motion. Always fun to hear a glimpse of a possible future. Hope he was able to – nearly seamlessly, return to the idea he had in his mind – meaning the completely different place he had been some minutes before!

 

 

1) Mikal Gilmore über Enos „Discreet Music“, David Bowies „Low“ & Gavin Bryars „The Sinking of The Titanic“ (Down Beat)

2) Richard Williams über Jan Garbareks „Places“, Brian Enos „Music for Films“, und Weather Reports „Mr. Gone“ (Melody Maker)

3) Werner Panke über Keith Jarretts „Sun Bear Concerts“ (Sounds)

4) Hartmut Geerken über Marion Browns „Geechee Recollections“ (Jazzpodium)

5) Richard Williams über Walter Dickersons „Peace“ (Melody Maker)

6) Marcel Carneau über Keith Jarretts „Luminessence“ (Jazz Magazine)

7) Ingeborg Schober über Wire‘s „154“ (Süddeutsche Zeitung)

 

Was für eine seltsame Liste, und wohl die erste ihrer Art. Eine Premiere, ich sage es mit Schmunzeln, kann mich tatsächlich nicht erinnern, je eine Liste mit „Lieblingsrezensionen von Musikalben“ gelesen zu haben. Nun hat es mit dieser Auswahl noch etwas Eigenes auf sich. Dieses „Sieben Glorreichen“ habe ich nämlich nicht gewählt, um musikliterarische Höhenflüge einzufangen – diese Plattenkritiken (ein paar davon enthielten  mehr als ein Album), sind mir auch deshalb unvergesslich, weil sie  das Träumen von den jeweiligen  Klängen  mächtig befeuerten.

Ich las sie also wieder und wieder und wieder, bevor endlich irgendwann die Musik auf dem Plattenteller lag. Vorgestern noch sprach ich Richard W., am Rande einer Mail, auf seinen Text über das traumhafte Vibraphon-Album von Mr. Dickerson auf Steeplechase Records an, und dazu bemerkte er  „‘Peace’ still sounds good, doesn’t it? I’m glad I sent you in that direction!“

 

 


Werner Panke war ein Jazzkritiker, Stammgast im alten Dortmunder „Domicil“. Wo auch die Jazzredaktion manche Konzerte mitschnitt. Und dann las ich in einer „Sounds“ (rückblickend darf gesagt werden, das beste deutsche Musimagazin ever), wie Werner Panke ganz berauscht war (und der Mann tendierte mit seinem Bürstenschnitt eher zur Nüchternheit) von dieser Box mit 10 Lps vom Jarrett – ich war damals sowieso schon Fan des „Meisters“, und „Bremen / Lausanne“ lag so oft auf dem Plattenteller wie „Foxtrot“ von Genesis. Den Namen des französischen Rezensenten habe ich erfunden, und weiss noch en detail, wie er das Spiel Garbareks an diversen Parametern festmachte, und ihm dabei einige Saxofonlegenden an die Seite stellte. Und welche drei Platten es genau waren, die Mikal Gilmore (s. Foto) besprach, weiss ich nicht mehr genau, umso mehr weiss ich, dass ich nach der Lektüre Brian Enos „Taking Tiger Mountain (By Strategy)“ bestellte, und an einem kalten verregneten Dezembertag rund um Nikolaus, dieses Werk von Brian Eno aus dem Musikgeschäft gegenüber des Sitzes der Würzburger „Mainpost“ mitnahm, und wie vom Donner gerührt war, diesen Liedern, dieser Stimme, diesen Klängen zu lauschen.

Interessant: meine sieben Musikkritik-Favoriten wurden alle zwischen 1975 und 1979 veröffentlicht. Ingeborg Schobers Hymne auf „154“ hielt, für einen Song, einen Vergleich mit Can parat. Ingeborgs Stimme kannte ich aus dem Zündfunk, und ich erinnere mich gut, wie sie eines schönen Nachmittags ein, zwei Stücke aus Phil Manzaneras „801 Live“ auflegte, darunter „Tomorrow Never Knows“. Eno sang also einen Song aus „Revolver“, grandios – nicht von ungefähr (und aus noch anderen guten Gründen) mein Abschiedssong in den Klanghorizonten.

2021 18 Dez.

Achtzehn Zwölf Einundzwanzig

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21.06.1941

Es heisst immer, es sei die Liebe, nach der wir ein Leben lang suchen, oder es sei Ruhm. Es ist keins  von beiden. Was wir suchen ist Verständnis. Wir suchen dauernd ein anderes Herz, das wir anrühren können und das uns anrühren kann. Unermüdlich wie ein ausgehungertes Tier suchen wir danach. Denn unser Herz ist immerzu einsam. Immerzu allein. Und wo immer wir dieses Verständnis auch zu finden meinen, bei einem Mädchen, bei einem Jungen, einem gebrechlichen Greis oder einer alten Schrulle, bei einem Säufer, einer Prostituierten, einem Verrückten, einem Kind, dahin gehen wir, und nichts auf der Welt kann uns zurückhalten.

Patricia Highsmith, „Tage- und Notizbücher“

 

So ein Buch, das Spuren hinterlässt bis heute, weil es mir in den seltsamsten Momenten einfällt, kommt mir rasch in den Sinn. Es gibt natürlich manch nachwirkende Leseabenteuer, aber dieser Roman macht sich ungefähr so oft bemerkbar (im Hinterkopf) wie sonst nur Don Quixote, auch wenn es da, was Berühmtheit angeht, in jeder Weise hinterher hinkt. Wahrscheinlich taucht das kleine Wunderwerk hier und da in Proseminaren der Germanistik auf, wenn es um den Unterschied von „Erzählzeit“ und „erzählter Zeit“ geht. Dabei ist es für mich eines meiner Lieblingsbücher aus der viel zu flüchtigen Zeit, sagen wir mal, zwischen 1968 bis 1988. Und das Ende Januar 2022 bei C.H. Beck erscheinende Erinnerungsbuch wird meinen Lobgesang gleich chorweise auffächern. Ich weiss noch genau, wie es mich mit Vorfreude erfüllte, das Buch plötzlich vor meinen Augen zu sehen, in der Buchhandlung Lensing, denn ein Lieblingsbuch des Schriftstellers hatte ich schon Jahre zuvor und gleich zweimal (!) verschlungen („Eastend“), was sehr selten ist. Ich sehe den Umschlag, das Hard Cover, genau vor mir. Die Erstausgabe. Suhrkamp. Später habe ich einer Frau zugehört, die genau das erlebt hat, was der Junge, der Held des Buches, im ersten Kapitel erlebt. Der Unterschied: sie hat überlebt. Der Junge zumindest eine Weile. Zumindest lang genug, um all das ungelebte Leben nachzuholen, einmal, für immer. Und so begegnen wir dem grossen weiten Amerika, Latino-Träumen, tollem Hard Bop (Lee Morgans „The Sidewinder“) – und „richtigen Detektiven“. Der amerikanische Traum heisst das Buch, Ernst Augustin hat es geschrieben. Dieses Buch wird nie in Regalen verschwinden, bleibt in Reichweite. Always. Und im C. H. Beck-Verlag hat dieser Schriftsteller und lang praktizierende Psychiater sein letztes grosses Zelt aufgeschlagen, mit all seinen Büchern.

Bald kann ich mein 20-monatiges Lauftrainings-Jubiläum feiern. Das wäre unmöglich ohne mein altes iPod, ohne Musik. Laufen ist Training, es geht mir um eine möglichst lange Strecke ohne Pause. Geschwindigkeit spielt keine Rolle. Radfahren dagegen ist meditativ, ich denke meist über etwas nach, ohne vorher zu wissen, worüber, unberechenbar, wo es endet. Es gibt Stationen, die die Strecke definieren: Die Bahnunterführung, der Outdoor-Fitnessplatz, der Fluss, der Minigolfplatz, das Freibad, der kleine Flugplatz (nicht mehr im Betrieb), die Pferdekoppel, der Anschlag (maximale Strecke). Erst vor ein paar Monaten habe ich ein amerikanisches Motel entdeckt, das neben einem Campingplatz liegt. Innehalten vor einer Filmkulisse. Der Radius beim Laufen ist kleiner. Fast immer geht es am Grundstück mit den beiden großen schwarzen Hunden vorbei. Ich habe die Tricks, das Laufen mit dem Gehen abzuwechseln und die Laufphasen zu verlängern, bei früheren, zaghaften Laufversuchen nicht gekannt, und hatte immer wieder aufgegeben oder gar nicht erst angefangen, weil es mir unmöglich erschien. Die Musik darf mich nicht zum Grübeln bringen. Sie darf auch nicht zu entspannt sein. Sunset Mission von Bohren & der Club of Gore, ein Album, das mich noch nie enttäuscht hat, wäre ungeeignet. Die CDs von R.E.M., lange nicht mehr aufgelegt, habe ich oft gleich zu Beginn angeklickt. Ebenso den Song California Dreamin‘ (The Mamas & The Papas). Noch besser: OK Computer von Radiohead, Sun Kil Moon (Common as Light and Love are Valleys of Blood), The Go-Betweens (Spring Hill Fair). Andere Richtungen: Nils Petter Molvaer (re-vision), Chick Corea (Return to Forever), Pharoah Sanders (Tauhid), Robert Wyatt (Rock Bottom), Kammerflimmer Kollektief (Absencen). Wie oft habe ich mich auf Private Parts von Robert Ashley konzentriert, immer wieder neue Bedeutungsnuancen entdeckt, und irgendwann konnte ich die Strecke der beiden Tracks, der Story von The Park (die eigentlich mehr in einem Hotelzimmer spielt) und von The Backyard durchlaufen. Leider beschäftigen mich technische Herausforderungen. Das iPod ist viele Jahre alt, und mein einziges Produkt aus dem Haus mit dem Apfel. Wer in einem anderen Computersystem die gewünschten Alben anklickt, bekommt sie nicht zwingend überspielt, sondern andere. So hatte ich plötzlich Forever Young (Alphaville) auf dem Gerät. Erst wollte ich es gar nicht hören. Dann haben ein paar Songs meine Laufzeit, als ich schon aufhören wollte, verlängert. Die Unergründlichkeit des Biofeedback.

 

Lesetipp: Andrea Kortig Das Lauf Kompendium

 

Ich hatte mal einen Caféhauskumpel namens Dirk Zander. Er erzählte besonders gerne von einer Ausgabe meiner „Klanghorizonte“, die auf den ersten Weihnachtstag gefallen war, und die ich mit einem abgründig melancholischen Lied gestartet hätte, „It’s Raining Today“, von Scott Walker. In allerlei Variationen gab ich dann zum Besten, dass diese kollektive  Gefühlsseligkeit einfach zuviel des Guten sein könne, dass man es sich auch sehr behaglich im Unheimlichen einrichten könne. Ja, tottraurige Musik zu Weihnachten könne  etwas durchaus Beglückendes haben. Dirk hört gerne Blues und Neil Young, besonders faszinierte ihn der herrlich abgedrehte Schlussong seines ersten Soloalbums („The Last Trip to Tulsa“). Ihm widme ich diese kleine Story. Und hoffe, dass „Barn“ von Neil Young und Crazy Horse auf seinem Gabentisch liegt. Das alte Feuer glüht auf dem Meistersong „Welcome Back“.


Der
 Kollege drehte sich eine Zigarette, er sass mir gegenüber in unserem Zwei-Mann-Büro. Zwei Psychologen, einer hatte Liebeskummer. Michael, um aus dieser Nummer raus zu kommen, flieg nach London, über Weihnachten, das ist doch deine Stadt. Du musst einfach ständig wach sein, saug Piccadilly auf, das tut richtig weh, aber gut, alleine, ganz alleine, saug die Einsamkeit auf. In vollen Zügen. Das hilft. Down to the bottom! Ja, sie ist bestimmt die schönste Frauen Regensburgs. Du warst ihr Ausbruch, sie hat die Reissleine gezogen.

Die Würfel sind gefallen. Er hatte ja so recht. Ich wohnte noch immer am Ende der Welt, die Wölfe der Tschechei kamen manchmal über die Grenze, und ein Buch mit Kurzgeschichten von Richard Brautigan lag neben dem Bett. Ich fuhr von Bergeinöden nach Frankfurt und besorgte mir ein Flugticket nach London. So allein wollte ich auch nicht sein, und so kündigte ich meinem alten Würzburger Freund David Webster meinen Besuch an. Er freute sich darauf, mich wiederzusehen.

In Frankfurt verweigerten sie mir die Einreise nach London. Ich landete in Büros, und musste sogar zu einem amerikanischen Konsulat, wieso musste ich auf das fucking amerikanische Konsulat? Ein Riesentheater, und ich war sauer, und zeigte das auch. Da klärte es sich, dass ich als Amerikareisender gebucht war, ohne Visum, alles war ein Missverständnis im Frankfurter Nieselregen. Lauter Sorrys und Entschuldigungen, und Lufthansa schenkte mir ein Ticket für die Business Class, mit Sekt und allem Drum und Dran für eine Dreiviertelstunde Flug in den Londoner Nebelregen.

Heiligabend war ich bei den Websters eingeladen, bis dahin hatte ich zwei Tage: billige Absteigen, alte Cafes, und ich besorgte mir sofort ein Musikmagazin. Musik sollte Teil meiner Selbsttherapie sein. Ich liess mich in einem Pub nieder, erleichtert nach dem Tagesstress, der Kaktus auf der Ablage über mir geriet in Bewegung und plumpste dem Mann hinter mir in den Nacken. Ein Aufsschrei. Ich kümmerte mich sofort um ihn, zog ihm einzelne Stachel raus, ein paar Stellen waren blutig, aber er blieb freundlich. Der Pubbesitzer hatte sogar ein Desinfektionsmittel. Am Abend ging ich in den Marquee Club, um Jah Wobble & The Invaders of the Heart zu erleben.

Jah Wobble hatte einen Trenchcoat an, der aussah, als wäre er den ganzen Tag durch den Londoner Dunkelregen gewandert. Man konnte hören, dass Jah Wobble nach der Zeit mit Public Image Ltd. noch viel mehr in die Welt des „elektrischen Miles“ eingetaucht war. Dunkel pulste sein Bass durch den Raum. Eine Trompete mit Wah-Wah-Pedal verschickte knappe telegraphische Notizen, der Drummer hämmerte wohltuende Monotonie. Da erkannte ich sie und taufte sie Healy. Du bist die Fremde, mit der ich diese Nacht erobern werde. Sie stand alleine an der Seite, und trug auch einen fucking beautiful Trenchcoat. Hoffentlich war sie kein Jah Wobble-Groupie. War sie nicht.

Nach dem Konzert lud ich sie zu einem Drink ein, nachdem ich mich freundlich vorgestellt hatte. Why me, fragte sie mich, und ich sagte, your eyes. Sie hatte ein kleines Appartment in West Hampstead. Sie legte eine gemeinsame Lieblingsplatte auf, Chairs Missing von Wire, und dann schliefen wir miteinander. In dieser Nacht lösten sich die Bilder der schönsten Frau Regensburgs in den Umarmungen einer Wildfremden  auf. Wir kifften, lachten, und mochten einander – small talk with a beating heart.  Sie hatte kleine feste Brüste und einen extrem schlanken Körper, Londoner Regenblässe. Sexual Healing. Ein wenig.

Ich wanderte den ganzen Tag durch Hampstead Heath, ich hörte spät am Abend John Peel im billigen Hotelzimmer (er spielte Musik von Howard Devotos Band  „Magazine“, ich weiss es noch genau, einen Song aus „Second Hand Daylight“, oder „The Correct Use of Soap“, wunderbar) und am nächsten Abend, Heiligabend, traf ich bei den Websters ein. Es gab Gans, Rotkohl, und Plumpudding. Es waren noch andere Gäste da. Ich hatte mir einen Infekt eingefangen, und später nachts 38.9 Grad Fieber. Ich schnupfte. David sagte: Michael, erzähl, wie war das Jahr? Wollt ihr das wirklich hören? Ja, Mann! Und ich erzählte die ganze Geschichte. Bis zu dem Augenblick, wo mein Kollege sich eine Zigarette drehte. In einer Fachklinik für Suchtabhängige. Ich ruinierte die Party mit dieser Story, leider. Obwohl ja alles so magisch anfing, mit einem Western mit James Stewart,  und dem berühmten Song der Gruppe Grauzone. Ich hätte gerne als Entschuldigung einen Weihnachtsbaum gestiftet. Für Mrs. Webster wurde ich zum roten Tuch.

Das Allerschönste in diesen Tagen waren die Fahrten mit der Underground, besonders die Augenblicke, wenn man die letzte Treppe zum Tageslicht betrat. Immer wieder gerne: Piccadilly Circus, die bunten, flackernden Werbetafeln im Dauerregen. Ich kam mir vor wie in einer ungeschriebenen Geschichte von Richard Brautigan. Eine, in der  Duftkerzen Patchouli verströmen, die Kinks im Radio „Mr. Pleasant“ spielen, ein Hirschbraten mit Preiselbeerrahm serviert wird, und  ein paar Glückskekse am Tannenbaum hängen. 

video


Lieber Michael Engelbrecht, 
ich freue mich auf das Finale, auch ohne die Ton-Lichter aus New York. 3 Jahrzehnte des Organisierens des Aufnehmens von Klanghorizonten gehen zuende, schnüff. Die Stimme von Micha Engelbrecht und die seltenen Klänge bleiben in einigen Konserven erhalten, und manche Nacht, wo ich  die Nacht dann doch bis zum Morgen anhörte, bleibt Erinnerung. Ich danke herzlich für die Reisen in die Welt, die ich in meinem Zimmerchen mit den Klanghorizonten erleben durfte! Danke! sagt Ullrich Christ

 


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