Manafonistas

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2023 15 Sep.

Feuer unterm Dach

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Er sei ein Extremist der Desillusionierung, sagt Peter Sloterdijk über sich. In diesem Punkt lässt er sich auch in diesem 80-seitigen Büchelchen nicht lumpen. Das Buch besteht in der ersten Hälfte aus einem Vortrag, den Sloterdijk im Oktober 2022 so bei einem Public-Science-Festival in Luzern gehalten hat. Der Vortrag geht in der zweiten Hälfte des Buchs weiter, ist aber um einige (manchmal recht freidrehende) Passagen erweitert.

Die wenig überraschende Grundidee des Buches besteht darin, dass der „Stoffwechsel des Menschen mit der Natur“ wesentlich von der Nutzung des Feuers bestimmt wurde, was kein großes Problem darstellte, solange es sich um „1 zu 1“-Feuer handelte, also etwa brennende Bäume, die nur einmal verbrannt werden konnten. Bedenklich wurde die Sache, als die Menschen in Brand zu setzen begannen, was Sloterdijk „die unterirdischen Wälder“ nennt — die in Erdöl, Kohle in all ihren Ausformungen, Torf etc. konzentrierte Energie. Deren Nutzung, so der Autor, sei heute, im Angesicht der Klimakatastrophe, zu unserem großen Verhängnis geworden. Prometheus würde sich heute wünschen, uns die Gabe des Feuers verweigert zu haben.

Das ist nun nicht so wahnsinnig überraschend, wenngleich wie immer sehr weit ausholend und mit viel historischem Background vorgetragen. Interessant sind aber einige Nebengleise, die Sloterdijk hier eröffnet — manchmal in Nebensätzen, manchmal sogar in Fußnoten. So zitiert er etwa Georg Herweghs Zeilen „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“ herbei, um am Beispiel der „Modernisierungstragödie“ in der Textilwirtschaft, als die Märkte mit Produkten der Maschinenwebstühle die Handweberei in Weltgegenden von Indien bis Schlesien verdrängten“, einen Denkfehler des marxistischen Arbeitsbegriffs aufzuzeigen: Denn in der Tat sind die Arbeiter sehr wohl in der Lage, die Arbeitsprozesse zum Stoppen zu bringen, doch sind sie — anders als von Marx postuliert — niemals diejenigen gewesen, die die Räder in Gang gehalten haben. Das, so Sloterdijk, hat seit dem Beginn der Industrialisierung in Wirklichkeit das Feuer der brennenden unterirdischen Wälder besorgt, beziehungsweise die aus ihm gewonnene Energie.

In einer anderen, durchaus überraschenden These kritisiert Sloterdijk den Versuch von (ebenfalls marxistischen) Theoretikern, moderne Ingenieursintelligenz einfach durch ihre Kennzeichnung als „geistige Arbeit“ der „proletarischen Sphäre anzugliedern“. Die Tätigkeit des Erfindens lasse sich ebenso wie die künstlerische nicht in den Bereich der „Arbeit überhaupt“ einschließen.

Das sind schon interessante Thesen, die einige Überlegungen auslösen. Dass sich Sloterdijk dabei in zunehmend alarmierendem Tonfall der geistigen Welt Bruno Latours und dessen „Gaia“-Konzept nähert, liegt einerseits nahe und überrascht andererseits doch. Und darauf, dass mögliche Auswege aufgezeigt werden, wartet man in diesem Buch vergeblich. Patentrezepte gibt’s nicht. Hätte ich auch nicht erwartet.

2023 14 Sep.

Die Kunst zu fliegen

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Es gab da diesen Moment einer Koinzidenz, als in dem Porträt Zero Gravity über das Leben des Saxofonisten Wayne Shorter ein Konzertausschnitt von Weather Report mit den Worten kommentiert wurde, da habe eine Jazz-Formation den Kult-Status einer Rockband erhalten, die Massen seien zu den Konzerten gepilgert und so mancher Musiker hätte es kaum erwarten können, zu Hause dann das, was er hörte, selber auszuprobieren. So ging’s mir auch. Ich hielt es nicht mehr aus, drückte auf die Pause-Taste der Fernbedienung und gab dem starken Drang nach, diese flirrend-elektrisierende Klang-Botschaft am heimischen Verstärker nun augenblicklich auch höchstselbst zu verkörpern: to sing the body electric. Auf dem Fusse folgte die vertraute Ernüchterung von der blossen Einbildung hin zum Fakten-Check: denn zu den Phänomenen des Heimwerker-Musizierens gehört ja oft die Erkenntnis, dass dem Wunsch Grenzen gesetzt sind mangels Technik, Disziplin, Geschwindigkeit. Pat Metheny sprach davon, als Profi habe man in jahrelanger Arbeit seine Hausaufgaben gemacht, erst dann ginge die Post ab. Wayne Shorter, das zeigen solche Porträts ja immer wieder eindrucksvoll, hatte schon lange vor dieser sagenhaften Kultband seine Ausbildung und Übungsstrecke. Er hatte Glück mit dem Elternhaus, konnte gut zeichnen und liess seiner Phantasie freien Lauf. Dann die Verbindung zu Miles Davis, einem Wegbegleiter, der ihn früh aufs grosse Podium hievte, dort wo Jazz-Historie geschrieben wurde, in den angesagten Clubs der damaligen Zeit. Überhaupt kommt es einem so vor, dass gerade die Siebziger Jahre eine Zeit der Pionierarbeit gewesen sei, so wie es die Malerei ja schon vorher war. Kürzlich bestellte ich ein Buch aus dem Antiquariat, dass mich einst stark prägte, nach langem Zögern, denn man will Vergangenheit schlussendlich auch auf sich beruhen lassen: Der Sprung ins Leere – Objet trouvé, Surrealismus, Zen von Christian Kellerer. Das Buch beschreibt die Mechanismen von Veränderung, wann und warum Zeit und Epochen reif für einen Wechsel waren. Lernt man denn nicht fliegen, indem man mutig ins Leere springt? Wayne Shorter, der im Laufe seines Lebens auch zum Buddhismus fand, konnte fliegen wie kein Zweiter.

 


 
 

Sich einrichten in der Zeit

 

Es ist spät. Wir schaufeln den Schnee

Aus den Augen. Der Winter ist der Fachmann

Für’s Altern. Die Tage sind kürzer

Als ein Bleistift. Es wird schon

Früh dunkel in den Köpfen

Hausiert die Vergänglichkeit und die Angst

Vor dem Schlaf. Wach liegst du

Neben mir auf einem Leintuch so weiss

Wie ein Stück Papier. Im Dunkeln

Schlägt die Haut Funkeln. Es knistert.

Dann wird es still. In der Sprache brennt noch Licht und ich höre dich atmen.

In meinem Gedicht über das Unsichtbare

Und das Sichtbare darin

 

(von dem rumänischen Dichter Horst Samson)

 
 


 

2023 11 Sep.

acoustic mikados

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„mikado 11/9/23“

 

[„… neulich entwarf ich ein stück und nannte es „acoustic mikado“. eine spur aufnehmen, spontan eine zweite oder dritte hinzu – auf das vorangehende jeweils direkt und ohne korrektur reagierend. es könnte der beginn einer serie werden. mikado spielten wir ja als kinder schon gerne. es ging nicht allein um geschicklichkeit, sondern auch um das spiel mit dem zufall. hinzu kommt der ewige reiz des recordings, die anschliessende konfrontation mit dem ergebnis, folglich die möglichkeit reflexiver abstandnahme und einsicht …“]

 

 

Die aktuelle Ausstellung im Warhol Museum: The Scepter Studio Sessions, die Aufnahme der LP The Velvet Underground & Nico.

 

 

Außer einigen Filmen und Fotos ist allerdings nicht viel zu sehen. Immerhin aber die originalen Tonbänder — selbstverständlich, wie sich’s gehört, in Mono, plus die dazugehörigen Schachteln und zwei originale Blätter von Lou Reed mit Gitarrengriffen.

 

 
 

 
 

 

Und natürlich das Cover in allen möglichen Varianten,

 

 

und ein bisschen Kitsch drumherum:

 

 

Die Ausstellung in Pittsburgh läuft noch bis Mitte September.

 

Die Freiheit, frei zu sein

Hannah Arendt

 
 

Ich stehe am Ufer vom Plattensee, genauer in Balatonalmadi, da wo die Lehrstuhlnachfolgerin von Hannah Arendt, Agnès Heller, ins Wasser ging und vom Schwimmen nicht mehr zurückkehrte. 2019, Sie war 90 Jahre alt. Diese Philosophin war eine laute Stimme gegen Viktor Orban, den sie furchtlos der Lügen bezichtigte. Ich hörte dieser energischen Frau sehr gern zu. Solche kämpferischen Stimmen bräuchte es dringend.

Hier am Balaton bin ich aber nicht wegen der Philosophie, sondern wegen des Balkan:Most Projektes. Es findet in Veszprem statt. Das Städtchen (50000 Einwohner) ist u.a. zur europäischen Kulturhauptstadt ausgezeichnet worden. In Veszprem treffen sich natürlich hauptsächlich die Völker der Balkanländer, aber auch Kulturinteressierte aus dem Westen sind hier. Veczprem ist der Hammer! Die Stadt liegt nur 2,5 Stunden Bahnfahrt südwestlich von Budapest entfernt. Sie erstreckt sich auf 5 Hügeln in grüner Landschaft. Im Festivalprogramm steht, man soll zur Burg hinaufgehen, wenn man auch die dritte Bühne der Balkan:Most mitnehmen will. Aber da gibt es keine Burg, dafür einen Augenschmaus an Barock und Jugendstil. So, forget the castle

 
 
 


 
 
 

Natürlich ist es ein sinnliches Erlebnis, hier in Ungarn Balkanmusik zu hören. Hier treten die besten Musiker aus Ungarn, Rumänien, Serbien, Mazedonien, Albanien, also hier rollt/rockt der gesamte Balkanmusikexpress. Auf den Konzerten ist ausgelassene Stimmung. Alle Konzerte sind frei. Das tolle Wetter auch.

 
 
 


 
 
 

Ich habe hier alte, vergessene Lieder aus Albanien gehört von DINA E MEL. Stolze Mazedonier Loblieder auf ihre Stadt Skopje gehört von der Band BAKLAVA. Ein feines Duo aus den bulgarischen Bergen. Die FYING NOMADS verwenden in ihren Kompositionen Geräusche aus der Natur. Eine einzige Hommage an Mother Earth.Die serbische Band NAKED versetzt das Publikum in emotionale Wechselbäder. Von tieftraurig bis fröhlich ist alles dabei. Neben den südosteuropäischen Musikern treten auch Bands aus dem Westen auf. Gestern Abend brachte die französische Band LA CARAVANE PASSE das Städtchen zum Wackeln. Alle tanzten.

Heute Abend spielt zum Abschied MANU CHAO. Auf ihn freue ich mich sehr. Hoffentlich überrascht er mich nicht so wie DANIELE SEPE, den ich noch als neapolitanischen Protestsänger in Erinnerung habe. Er spielte ausschließlich am Saxophon. Aber au net schlecht.

Das Balkan:Most Projekt wird von Womex unterstützt, was ja für die Musiker vom Balkan eine tolle Gelegenheit ist, sich neu zu vernetzen. Die Konzerte sind wie gesagt frei, auch die Bahn ist für Ältere umsonst. Von den Leuten, mit denen ich gesprochen habe, erfuhr ich, dass sie Ungarn lieber verlassen würden. „Orban ist ein Diktator, aber Ungarn ist keine Diktatur“, sagte Agnès Heller über ihr Land.

Next Stop: … da wo die wilden Donau-Schwaben wohnen …

 

2023 9 Sep.

Mister Teflon

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Man soll die Früchte ernten, bevor sie fallen – das gilt auch für alles, was so unter den Nägeln brennt, bevor dem dann der innere Zensor mittels Schreibhemmung den Garaus macht. Gestern also kurz vorm Zubettgehen noch in eine Talkshow getappt: da sitzt ein junger Mann, über dessen Testosteronspiegel man sich keine Sorgen machen muss, in Papageien-buntem Anzug in seinen besten Jahren und gibt redundant zum Besten, was er meint: dass Wissen wichtig sei für Bildung und man deshalb Fakten gründlich recherchieren müsse. Die ehrenwerte Elke Heidenreich auf dem Platz neben ihm wirft ein, Bildung sei nicht identisch mit Fakten-Wissen, es gehe auch um das eigenständige Verknüpfen von Zusammenhängen. Unsere schillernde, mit Teflon bespickte Testosteronfigur versteht nicht, redet unbehelligt weiter. So geht kein Dialog, denke ich, sondern rabiate Selbstdarstellung. Frau Heidenreich schaut schweigend-pikiert ins Leere und ich schaue mit ihr. Die ebenso anwesende Milliardärsgattin und Schauspielerin Veronica Ferres legt bekräftigend nach und wirft das Stichwort „Herzensbildung“ in die illustre Runde. Mister Teflon scheint jeden ergänzenden Einwand als Angriff zu sehen (Pawlowscher Reflex), hat wohl auch kein Gespür für die Lebenserfahrung älterer Generationen und unsereins schaltet fluchtartig das Gerät ab. Ein kurzer Moment nur, in dem viel passiert ist und etwas unangenehm aufflackerte: mittlerweile darin geschult, sich blutspritzende Tarantino-Filme oder Not-Operationen von Dr. House serienweise anzuschauen (hier wirkt mein Teflon), so wirken doch solche Peinlichkeiten auf mich unverdaulich, fast wie Gewalt.

 

2023 8 Sep.

Turn your radio on (2)

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Popsongs in der Gegenwartsliteratur gibt es eine ganze Menge. Und man sollte die Songs kennen, weil sie eine weitere Interpretationsebene bieten können. Gerade habe ich die Besprechung eines Prosatextes vorbereitet, der mit einem Song beginnt, der im Radio läuft: Sommer of ’69 von Bryan Adams.

 

2023 7 Sep.

Turn your radio on

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Neues von der improvisierten Musik

 

Eine rundum vergnügliche Stunde habe ich gestern Abend am Radio verlebt. Besonders angetan hat es mir die Musik Wolfgang Muthspiel – die LP ist praktisch schon gekauft – und der immer sympathische Alabaster DePlume. Sehr dicht wurde es dann in dem Beitrag über Keith Jarretts Bremen / Lausanne Album: deep listening in der Struktur der Magie. Der Tribut an Jon Hassell von Jan Bang und Eivind Aarset war dann ein perfekter Ausklang.

 

2023 6 Sep.

Frühabend

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Durch einen freundlichen Zufall bin ich auf der Seite des Radiohörers auf das Hörspiel Peyote Dance von und mit Werner Herzog, Patti Smith und dem Soundwalk Collective gestoßen. Während ich mit drei zu spät geernteten Tomaten, zwei Zwiebeln, Knoblauch, einer Chilischote und Reis schnell etwas zu essen machte, waberten Soundscapes und die beiden hypnotischen Stimmen durch mein Bewusstsein, dazu Texte über Bardo & Electroschocks, Einzelzellen, Peyote Pilze, schwarzer Magie, das Exkrement des göttlichen Leids und die unheilige Mutter. Hm. Vielleicht hätte ich nicht nebenbei kochen sollen, oder vielleicht hätte ich besser „The Elements“ von Joe Henderson hören sollen, die doch schon auf dem Plattenteller bereit lag. Jedenfalls fiel mir dann noch ein, dass ich doch diesen Film sehen wollte, zu dem Soundwalk Collective den Soundtrack gemacht haben, wie hieß der doch gleich, drei mal geclickt und festgestellt, dass es sich dabei um All The Beauty And The Bloodshed handelt, der nun über Amazon Prime verfügbar ist und den ich mir dann demnächst anschaue – mal sehen, ob noch vor oder erst nach Jackie Brown.

 


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