Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2023 14 Sep

Die Kunst zu fliegen

von: Jochen Siemer Filed under: Blog | TB | 17 Comments

 

 

Es gab da diesen Moment einer Koinzidenz, als in dem Porträt Zero Gravity über das Leben des Saxofonisten Wayne Shorter ein Konzertausschnitt von Weather Report mit den Worten kommentiert wurde, da habe eine Jazz-Formation den Kult-Status einer Rockband erhalten, die Massen seien zu den Konzerten gepilgert und so mancher Musiker hätte es kaum erwarten können, zu Hause dann das, was er hörte, selber auszuprobieren. So ging’s mir auch. Ich hielt es nicht mehr aus, drückte auf die Pause-Taste der Fernbedienung und gab dem starken Drang nach, diese flirrend-elektrisierende Klang-Botschaft am heimischen Verstärker nun augenblicklich auch höchstselbst zu verkörpern: to sing the body electric. Auf dem Fusse folgte die vertraute Ernüchterung von der blossen Einbildung hin zum Fakten-Check: denn zu den Phänomenen des Heimwerker-Musizierens gehört ja oft die Erkenntnis, dass dem Wunsch Grenzen gesetzt sind mangels Technik, Disziplin, Geschwindigkeit. Pat Metheny sprach davon, als Profi habe man in jahrelanger Arbeit seine Hausaufgaben gemacht, erst dann ginge die Post ab. Wayne Shorter, das zeigen solche Porträts ja immer wieder eindrucksvoll, hatte schon lange vor dieser sagenhaften Kultband seine Ausbildung und Übungsstrecke. Er hatte Glück mit dem Elternhaus, konnte gut zeichnen und liess seiner Phantasie freien Lauf. Dann die Verbindung zu Miles Davis, einem Wegbegleiter, der ihn früh aufs grosse Podium hievte, dort wo Jazz-Historie geschrieben wurde, in den angesagten Clubs der damaligen Zeit. Überhaupt kommt es einem so vor, dass gerade die Siebziger Jahre eine Zeit der Pionierarbeit gewesen sei, so wie es die Malerei ja schon vorher war. Kürzlich bestellte ich ein Buch aus dem Antiquariat, dass mich einst stark prägte, nach langem Zögern, denn man will Vergangenheit schlussendlich auch auf sich beruhen lassen: Der Sprung ins Leere – Objet trouvé, Surrealismus, Zen von Christian Kellerer. Das Buch beschreibt die Mechanismen von Veränderung, wann und warum Zeit und Epochen reif für einen Wechsel waren. Lernt man denn nicht fliegen, indem man mutig ins Leere springt? Wayne Shorter, der im Laufe seines Lebens auch zum Buddhismus fand, konnte fliegen wie kein Zweiter.

 

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17 Comments

  1. Henning Bolte:

    Sehr schöner Text

  2. Olaf Westfeld:

    Schöner Text, danke für den Hinweis – ein Grund, wieder ins Prime Lager zu wechseln.

  3. Alex:

    Der Sprung ins Leere steht bei mir seit 40 Jahren ungelesen im Bücherregal. Noch aus der Zeit als Zen die Antwort auf alle Fragen zu sein schien. Ich bin übrigens damals ins Leere gesprungen. Und es war die beste Entscheidung meines Lebens.

    Bei Weather Report hatte ich immer das Gefühl, sie seien zu Mainstream, irgendwie zu seicht, ich habe die Musik damals gemocht, hatte aber immer ein etwas schlechtes Gewissen dabei. Guilty pleasures.

  4. Olaf Westfeld:

    thebluemoment.com/defying-gravity …

  5. Lajla:

    Ja, schöner Text, Jochen.

    Panamarenko war ein Künstler, der den Sprung ins Leere ganz praktisch ausprobierte. Er entwarf Flugobjekte, in die er sich setzte und tatsächlich in einer beachtlichen Höhe über belgische Äcker flog. Immer stürzte er ab. Ich weiß gar nicht nicht, ob er noch lebt.

  6. Ursula Mayr:

    2019 verstorben. Nicht abgestürzt.

  7. Jochen:

    [aus mir bislang unbekanntem grunde stürzten einige kommentare immer wieder in den spam ordner ab. keine sorge, ich hole euch da wieder raus ;)]

  8. Ursula Mayr:

    Ja, ein Fall von Synchronizität – ich bin 4x abgestürzt.

  9. Jochen:

    Das sind dann Fälle, wo irgendwann der technischer Supervisor einschreiten muss. Wir sollten das weiter beobachten. Ihr habt aber als Redakteure alle auch selbst Zugang zum Spam-Ordner: klicken auf kein Spam>ausstehend>freigeben.

  10. Martina Weber:

    Ganz feiner Text, Jochen.

  11. Lajla:

    @ danke Uschi

    @ Jochen. Meine Kommentare gingen erst nach Stunden ein, deswegen habe ich dann die verspäteten gelöscht.

  12. Ursula Mayr:

    … und wo steht hier kein spam ausstehend?

  13. Jochen:

    Zunächst auf das Symbol für „Kommentare“ klicken, dort auf „Spam“, dann:

    1 „Kein Spam“

    2 „Ausstehend“

    3 „Freigeben“

  14. Jochen:

    Dank an alle für die Resonanz.

    Zu dem Buch Der Sprung ins Leere möchte ich noch hinzufügen, dass ich es mir kaufte, weil ich darin eine bestimmte Textstelle suchte, sie aber nicht fand. Ich wunderte mich dann doch sehr über den sperrig intellektualisierten Schreibstil („Sprachgestrüpp“) – zur damaligen Zeit (1968) wohl durchaus üblich, ist sowas heute nahezu unlesbar. Dafür gibt es jetzt Verschwörungstheorien, simpel formuliert, dafür inhaltlich verstiegen.

  15. Alex:

    Zu dem Buch Der Sprung ins Leere möchte ich noch hinzufügen, dass ich es mir kaufte, weil ich darin eine bestimmte Textstelle suchte, sie aber nicht fand.

    Also auch wieder ein buchstäblicher Sprung ins Leere… ;-) Ich habe gerade nochmal ins Bücherregal geguckt, stimmt das Buch ist ja von 1968, nicht von 1982 als ich es gekauft habe. Irgendwie habe ich jetzt Lust, mich mit der Machete durchs Sprachgestrüpp zu schlagen, um rauszukriegen, was dahinter liegt.

  16. Jochen:

    Da die Originalfassung des Buches schon ’68 geschrieben wurde, konnte ich das Gesuchte gar nicht finden. Trotzdem weist etwas im Buch implizit darauf hin. Rätselauflösung in einem späteren Beitrag.

  17. Michael Engelbrecht:

    Ich habe jetzt in aller Ruhe, verteilt über drei Abende, diese drei Folgen gesehen, und sie sind überragend. Im letzten Jahr faszinierte mich die Dokumentation über King Crimson (wie hiess der Regisseur noch, Toby Amies oder so ähnlich) – und jetzt dann dieser Dreiteiler: wunderbar komponiert und collagiert. Und wie bei der KC Doc, gibt es sooooo viel food for thougt (and sensuality). A mysterious traveller indeed! A tale spinnin‘ story of a life!


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