Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2023 16 Juli

Junkfood ohne Nährwert

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The Whale (USA 2022), Darren Aronofsky

 

Der Plot dürfte bekannt sein: Ein schwerst adipöser Lehrer kann seine Wohnung nicht mehr verlassen, sich kaum mehr bewegen, beschäftigt sich mit Essen, Gay-Pornos und Online-Seminaren über Literatur, bei denen seine Webcam ausgeschaltet bleibt. Er scheint ein guter Lehrer zu sein. In dieser Rolle kann er „ganz Geist“ sein, seinen Körper vergessen und wird von seinen Schülern wertgeschätzt. Ein Quäntchen Lebensinhalt, immerhin … und ein Fall von Fatshaming.

Eine befreundete Krankenschwester versorgt ihn, sie scheinen zusammengeschmiedet wie Gargantua und Pantagruel. Eine dicke Made in ihrem gleichfarbigen Kokon – Khaki – eine Tarnfarbe. So ist man zunächst mit den Show-Werten von Charly beschäftigt – abwechselnd angerührt, angeekelt, insgeheim so mancher auch schadenfroh und fühlt sich zuzeiten auch zurückversetzt in Becketts fatalistisches All that fall mit seinem spezifischen Topos des ewigen Wartens – letztlich ist Godot ja doch der Tod und in diesem Fall lässt der nicht allzu lange auf sich warten.

Er meldet sich sogar gleich zu Anfang, als Charly einen Herzanfall erleidet und nur durch das Vorlesen des Aufsatzes einer Schülerin über Moby Dick wieder zu Atem kommt – auch hier geht es um einen Wal, der getötet werden soll, als Metapher für den gierigen und verschlingenden Anteil seiner selbst. Der weitere Hinweis auf das langweilige Leben der Wale im allgemeinen und das vielleicht ebenso empfundene Leben des Autors von Moby Dick wirft ihn um … bzw er gesundet daran; soviel kindliches Einfühlungsvermögen bewegt ihn und weist zurück auf den Konflikt mit seiner Tochter, die er vor Jahren verlassen hat um eines jungen Lovers willen und um deren Verständnis er in Dauerschleife wirbt. Es beginnt insofern recht vielversprechend. Leider identifiziert sich der Regisseur zunehmend mit seinem Hauptdarsteller, dem nach jedem Anfangsschub gleich wieder die Puste ausgeht und der zur externen Sauerstoffzufuhr greifen muss – und das ist auch das weitere Procedere und Schicksal der Filmhandlung: die Puste reicht nicht. Und leider fehlt dem Regisseur auch die externe Sauerstoffzufuhr. Die restlichen anderthalb Stunden ist man voyeuristisch, fasziniert und abgestossen beim Beobachten von Charlys monströsem Körper und seinen schweisstreibenden Mühen, der allein den Film aber nicht zu tragen versteht, genauso wenig wie die Unterwerfung unter seine kiebige Tochter und ihrer entnervenden Daueraggressivität – eine Figur ohne Tiefenschärfe, ebenso wie die Krankenschwester und der junge Preacherman, dessen Funktion im Handlungsgefüge sich mir nicht wirklich erschlossen hat, ausser dass er sich im Schutzpanzer seiner kruden sektierischen Religion genauso eingeigelt hat wie Charly in seinem Fett, die Tochter in ihrer Aggressivität und die Krankenschwester in einer Form von nicht deutlicher werdendem Frust, auch eine Person die nirgends verortet scheint und keine erkennbare Geschichte hat, also letztlich kein Interesse weckt. Die Figuren bleiben platt.

Man findet sich als Zuschauer eher wieder in einer Position, die vergleichbar ist mit dem Betrachten von RTL2-Realityshows wie etwa Hartz und herzlich, die die sogenannte Unterschicht – jetzt als Prekariat benahmt – neu definiert und in Form eines Menschenzoos vorführt.

Früher war diese Schicht soziologisch beschrieben als arbeitende Klasse, fleissig malochend, standesbewusst und damit revolutionäres Potential, zumindest hätten’s die deutschen Studenten gern so gehabt. Leider wollten die zu Befreienden gar nicht befreit werden. Jetzt besteht die Unterschicht aus einem Cluster von Personen, die eben gerade NICHT arbeiten, von öffentlichen Mitteln leben und ketten-rauchend in einer Dauerregression vor dem Fernseher verfetten.

 

 

 

 

RTL2 schildert verständnisvoll und teilnehmend deren schwieriges Leben, die Kamera erzählt nebenbei eine ganz andere Geschichte:

Wenn der Sozialhilfeempfänger klagt, dass er keine Reha für seine chronische Bronchitis bekomme oder das Skilager für die Kinder nicht erschwinglich sei, schwenkt sie klammheimlich auf übervolle Aschenbecher, Plasmafernseher, Laptops, Designeroutfits und kunstvoll gestaltete künstliche Fingernägel (eine Art Erkennungszeichen dieser Gruppe), auf dass der Steuerzahler bemerke, wo seine Gelder bleiben. „Parasiten am Volkskörper“ nannte man das früher irgendwann einmal. Ein hundsgemeines Vorführen der ohnehin Abgehängten und einmal mehr eine zynische Ausbeutung, mit der man die Zuschauer erfreut die nun froh sein können, nicht so auszusehen und um diese Loser-Situation im Leben noch einmal herumgekommen zu sein. Und trotzdem den Sozialneid schürt. Auch so ein Schneewittchenspiegel, der uns unsere hässliche Seite zeigt.

Einige Stars dieser Serie haben inzwischen Kultstatus, eigene Blogs und Twitterkanäle und der erste hat bereits seine eigene Sendung im Bezahlfernsehen – aber zurück zu Moby Dick.

Freilich gibt es auch anrührende Momente – insgesamt aber zu dünn gesät, um ein wirkliches Filmerlebnis mit Tiefgang zu gerieren. Da hätte man mehr daraus machen können, wenn man schon Aronofski heisst und bisher viel Brauchbareres abgeliefert hat.

Dem Oscar-Team ging es wohl ebenso: So schnappte der Hauptdarsteller im Fatsuit (Brendan Fraser, früher durchaus ein Sixpack-man) dem Regisseur den ebenso sauer wie wohlverdienten Oskar als bester Schauspieler weg und Aronofsky guckte in die Röhre. Es gibt doch noch so etwas wie Gerechtigkeit.

Das Ende driftet dann vollends ins Theatralisch-Sentimentale: Ein unangebracht melodramatischer Showdown mit halbwegs versöhnter Tochter, bei dem Charly vom Boden abhebt, ins Meer watet und sich dann in Licht auflöst. Schluchz!

Von Aronofsky ist man Besseres gewöhnt, anscheinend hat er mehr auf die Oskars geschielt anstatt einen kritischen Blick auf sein Werk zu richten. So bemerkt der Zuschauer, dass er zwar konsumiert, aber nicht wirklich satt wird und ein paarmal zuviel kompensatorisch in die Popcorntüte gelangt hat.

Und so bleibt der Film Junkfood mit Geschmacksverstärkern, aber ohne wirklich sättigenden Subtext und intellektuellen Nährwert.

 

2023 26 Juni

Schauder und Idylle

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Die Welle (D, 2008) von Dennis Gansel
nach dem gleichnamigen Roman von Morton Rhue , 1981
basierend auf einer wahren Begebenheit in den USA

 

Es gibt Filme, die ersparen einem eine 4-wöchige Selbsterfahrungsgruppe, indem sie ein Übertragungsgeschehen in uns wachrufen, das uns mit neuen Nebenräumen des eigenen Kellergeschoßes konfrontiert, in dem auch mal dringend abgestaubt werden sollte. Man verlässt dann das Kino reichlich erschüttert – letztlich am meisten über sich selbst. Auch das ein Kriterium für einen guten Film.

Der Film Die Welle handelt von der Unternehmung eines progressiven, aber auch etwas naiven Lehrers, mit seiner Klasse eine Projektwoche zum Thema „Autokratie“ durchzuführen. Der Lehrer – ein grandioser Jürgen Vogel – ernennt sich selbst zum Autokrator, die Klasse zu seiner Gefolgschaft. Es wird Uniformierung vereinbart, eine Begrüssung durch Handzeichen, Gehorsam. Dann bekommen die Schüler beigebracht im Gleichschritt auf der Stelle zu marschieren – die Schule erbebt. „So kann man Brücken zum Einsturz bringen!“.

The first impact has landed – in den Zuschauerraum weht ein Schauder – aber nicht von der negativen Art, nein – sondern von der Macht eines gleichgeschalteten Kollektivs und seiner Durchschlagskraft. Und ja, auch von der Geborgenheit unter Gleichgesinnten und ihrer Verführung. Es entsteht ein „Wir“ wo vorher viele smartphonehypnotisierte „Ichs“ waren. Das springt rasch in den Zuschauerraum über.

Einen ähnlichen Impact konnte ich bei der ikonischen Szene aus Cabaret beobachten, als eine friedliche Biergartengesellschaft ihren Nachmittag geniesst, ein blonder Junge glockenhell und nett anzusehen „Tomorrow belongs to me“ singt, die übrigen Gäste mit einstimmen, die Gesichter sich aber zunehmend aggressiv verzerren und am Ende alle aufstehen und den deutschen Gruss entbieten. Schauder und Idylle – hier mehr Schauder, in der „Welle“ zuerst noch Idylle. Die Klasse, zuvor in die üblichen Interessen-Grüppchen zersplittert, man ist en vogue und weniger en vogue, schliesst sich in einer ungewohnten Einigkeit zusammen, bisherige Outsider werden integriert und gestützt, dem „Autokraten“ wird Gehorsam gezollt. Es macht sich eine Form von Solidarität breit, die auch den Zuschauer aufatmen lässt, der um die Folgen von Autokratien weiss. Aber der Verstand ist ein Idiot, sobald ihn ein Gefühl anspringt. Man suhlt sich also mit im Gemeinschaftsleben, in dem alles zusammen getragen und ertragen wird.

Aber auch Brüche und Verwerfungen werden gezeigt: Unterschwellige Rivalitäten machen sich breit unter den testosterongebeutelten Jungs, während die Mädels besonnener bleiben: eine Rauferei im Schwimmbad unter Wasser – metaphorisch für zunehmende Aggression unterhalb der Wahrnehmungsschwelle; ein türkischer Mitschüler wird attackiert. Die Klasse kreiert sich ein Logo, drängt zunehmend an die Öffentlichkeit auf der Suche nach mehr Geltung. Ein Anfang, wie wir ihn aus der Geschichte bereits kennen.

Das Misstrauen einer kleineren Gruppe von Schülern gegen das Experiment wächst, die zunehmende Abgrenzung nach Außen, der Kadavergehorsam und die Gewaltbereitschaft beunruhigt einige, es entwickelt sich eine Widerstandsbewegung. Diese sensibilisiert uns in einer Art, dass wir nun auch die Gefahr wittern, die die Idylle zunehmend durchtränkt. Flugblätter werden geschrieben. Eine Szene, in der eine Schülerin nachts in der Schule Flugblätter auslegen will und Angst vor Entdeckung hat, zitiert das Sophie-Scholl-Motiv und wirft den Zuschauer in einen Zustand quälender Ambivalenz, der die Idylle nicht verlassen will. Plötzlich ist man gegen Sophie Scholl eingenommen, als hätte sie etwas Wertvolles zerstört.

Schliesslich scheitert das Experiment dramatisch, der Lehrer wird festgenommen und kann sich nun an einem ruhigen Ort mit seinen eigenen Seelenräumen auseinandersetzen. Und seiner Unkenntnis über das Schicksal des Zauberlehrlings und der Unterschätzung der destruktiven Kraft von fehlgeleiteter Autoritäts- und Vatersehnsucht seiner Schüler in einer vaterlosen Gesellschaft. Den hätte ich nur zu gern auf der Couch gehabt …

Zurück bleibt eine traumatisierte Klasse und ein sekundär traumatisierter Zuschauer. Was hat man erlebt? Den Sog des diktatorischen Faschismus und sein Geschick, Idyllen zu inszenieren.

Der Titel zu diesem Beitrag ist geklaut, es ist der Titel eines Buches von Gudrun Brockhaus (Jahrgang 1947), die darin viel selbsterlebte Idyllen, Volkslieder, Lagerfeuerromantik, Gemeinschaftsschauder, Mutterschaftsidealisierung ihrer Kindheit analysiert, und immerzu mit dem eigenen Erleben verknüpft.

 

 

 

 

Der Faschismus und seine Ästhetik ist weiterhin ein Marktfaktor, vor allem in der Comicwelt und Populärkultur. Natürlich sind die Faschisten die bösen Gegner, aber die Heroisierung als Teilmenge der faschistischen Idyllenreinszenierung findet trotzdem statt.

 

 

 

 

Sozusagen das zweite Leben des Dritten Reichs, wenn nicht gar schon das dritte. Das zweite fand dann wohl statt in der Filmproduktion des kalten Krieges, dem geopolitischen Zusammenschluss mit den USA und der zunehmenden Wiederaufrüstung Deutschlands, als der latente Faschismus die Filmproduktionen diskret durchwebte und umschlich: „Ein Jäger ist ein Heger, der das Schwache und Kranke ausmerzt damit das Gesunde erstarken kann!“ schwurbelte damals der Förster vom Silberwald. Das sass so tief, da musste ein Regisseur noch nicht mal besonders dämlich sein, um dergleichen 1954 flott in sein Kunstwerk einzubauen. Von der brutalen Germanisierung und Christianisierung der Indigenen durch einen gewissen Karl May jetzt mal gar nicht zu reden, da waren die Überlebenschancen eines Indianers direkt proportional zu der Angleichung an das Wertesystem des weissen Bruders Scharlih, oder zumindest musste er dahingehend modifizierbar sein; ein Old Shatterhand-look-alike-Rattenrennen in jeder Folge sozusagen – aber ich schweife ab.

 

 

 

 

Faschistische Ikonik, eine Gemengelage aus Wiederentdeckung, Verdrängung, Modifikation und Stellungnahme mit teils unscharf gezeichneten Rändern, aber auf jeden Fall höllisch interessant für viele. Monumental, überwältigend und mörderisch steckt sie auch in Star Wars; Darth Vader trägt nicht umsonst einen Stahlhelm, dem traut man zu, dass er zum totalen Krieg bläst. Der Schatten der westlichen Demokratie im jungianischen Sinne sieht für mich so aus, zumindest fällt mir Vader da immer als erstes ein.

Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.

 

Ist dieser Film „ein unheimliches Prosa-Gedicht über die Einsamkeit“? Ich habe ihn gestern in völliger Dunkelheit gesehen, auf grosser Leinwand, was dem Zugang und Erleben sicher nicht abträglich ist. Für Uschis psychoanalytisches Filmseminar wäre er wohl ein gefundenes Fressen. Safe Journey!

Peter Bradshaw vermerkt dazu, und das möge als Einstimmung genügen: „Der Film selbst fühlt sich an wie ein hartes, schrumpeliges, verwittertes Objekt, wie die, die man auf der Leinwand sieht. Lange Strecken vergehen völlig wortlos, mit Umgebungsgeräuschen von Meeresspritzern und Nahaufnahmen von Steinen oder Tassen oder dem Zifferblatt des alten Funkgeräts, mit dem der Kontakt zur Außenwelt aufrechterhalten wird. Enys Men ist in kräftigen, satten Farben gedreht und sieht aus, als wäre er in dem Jahr gedreht worden, in dem er spielt: 1973.“  (m.e.)

 

 

 

 

Ein Frau arbeitet isoliert auf einer einsamen Insel für den „Wildlife Trust“, beobachtet eine Blume beim Wachsen, führt darüber Protokoll, ist die meiste Zeit damit beschäftigt ihren widerspenstigen Generator zu starten, hört ihrem Transistorradio zu und liest abends im Bett „A Blueprint for Survival“. In ihrer Vereinsamung kommt es zu einer Lockerung der Realitätsschranke, zu beunruhigenden optischen und akustischen Wahrnehmungsphänomenen. Das ist soweit nicht neu, und viele Blüten des Horrorgenres oder der „Haunted-House-Filme“ arbeiten mit diesem Motiv; von inspiriert bis platt. Ein isolierter Mensch ist bestrebt eine objektlose Umwelt mit Objekten zu füllen, wie wir es aus Deprivationsexperimenten kennen: er betet, meditiert, denkt an seine Lieben und führt Gespräche mit ihnen, bei längerdauernder Isolierung entgleitet dieser Prozess der Steuerung, und die Innenwelt begegnet ihm im Aussen in freundlicher oder bedrohlicher Art. Eine Gelegenheit, die eigenen Gespenster zu begrüssen und sich neu kennenzulernen für die, die mutig genug sind und nicht alles im Aussen verortet wissen wollen wo es gut verstaut ist.

So weit, so gut!

Dieser Film ist nun aber – genau wie seine etwas rätselhaft bleibende Protagonistin – spröder und sperriger, die Umwelt und die Phänomene geheimnisvoller und nicht leicht deutbar, keine unerlösten Geister und Träger von bösen Geheimnissen, sondern eine Welt voller rätselhafter Zeichen und Hinweise ohne klaren Bezug zueinander, in der die Wissenschaftlerin herumirrt. Eine steinerne Skulptur auf dem Berg erinnert offenbar an verstorbene Kinder oder auch anderes.

Die Wissenschaftlerin selbst verhält sich desgleichen rätselhaft – nach jedem Gang zu ihren Blumen wirft sie einen weissen Stein in einen tiefen schwarzen Schacht und lauscht auf das Aufschlagen. In ihrem Protokoll steht lange Zeit „no change“, die Zeit scheint stillzustehen. Der Film bedient sich nicht eines platten Symbolismus, dessen Zeichen wir enträtseln könnten, sondern er belässt uns – und das ist seine Stärke – in einem Zustand der Sinn- und Zusammenhanglosigkeit.

Was bedeutet die oft eingesetzte Farbe Rot auf dem Hintergrund einer eher fahlen Natur? Warum ist der Anorak rot, der Generator, der Benzinkanister? Sie sorgen für Wärme, okay, aber warum dann die eingeblendeten roten Schnürsenkel? Was war mit den 7 Frauen, die herumgeistern? Dem Priester mit dem Baby, der für die Rettung eines Seemanns beten lässt? Man irrt umher, friert innerlich, und versteht nicht, ebenso wie die Frau auf der Leinwand.

Das Ganze erinnert an das Buch des Analytikers André Green über die „Tote Mutter“. Eine Mutter, die nicht tot ist sondern in einer schweren Depression verfangen, traumatisiert oder anderweitig in einer Situation, in der sie ihr Kind zwar versorgen, aber keinen emotionalen Rapport zu ihm herstellen, und seine Annäherungsversuche nicht beantworten kann. Diese Kinder erleben eine überwältigende Leere und Sinnlosigkeit, ein Auf-Sich-Zurückgeworfensein, nachdem sie sich vorher vergeblich damit erschöpft haben, die Mutter aufzumuntern und zu beleben.

Was macht es für einen Sinn, ein Bauklötzchen in den Raum zu werfen, wenn es niemand zurückbringt und ein fröhliches beziehungsstiftendes Spiel daraus entsteht oder ein beruhigendes Ritual? Und daraus Lebensfreude erwächst. Was macht das bei Kleinkindern so beliebte Gugu – dada – Spiel für einen Sinn, wenn niemand da ist, der die Angstspannung beim Verschwinden mitempfindet und die beidseitige Freude beim Wiedersehen?

Ein lebendiges Gefühlsleben kann nicht entstehen, stattdessen eine „Krypta im Ich“, eine Identifikation mit einer Mutter, die keine Lebendigkeit erträgt und weitergibt – es werden immer seltener Steine in den schwarzen Schacht geworfen und auf das Aufschlagen gelauscht, um sich zu vergewissern, dass er nicht grundlos sondern doch noch irgendwie endlich ist. Und die Zeit steht still in den immergleichen vergeblichen Abläufen. Ein junges Mädchen mit erstarrtem Gesicht stürzt sich vom Dach und erleidet eine schwere Verletzung, die Frau hat eine Narbe an derselben Stelle, zum erstenmal blitzt ein Zusammenhang auf.

Das Jemand-Erreichen-Können ist bei diesen Kindern ein zentrales Thema („Ich werf den Ball jetzt bis nach Afrika, dann schauen wir ob er zurückkommt!“ „Schau mal – die Schnur! Meinst Du, die reicht von hier bis zu mir nach Hause?“ ). Gerne wird auch etwas Eigenes in der Praxis zurückgelassen, ein Püppchen, das ich zwischenzeitlich versorgen muss, damit der Faden zwischen uns nicht reisst. Verbindung, Verbindung, diese Kinder hungern danach. Verbindung lässt einen die Welt und sich selbst kennenlernen und verstehen, lässt Lebensfreude entstehen. Die Statue auf dem Hügel bleibt versteinert und erstarrt, auch wenn sie zwischenzeitlich kurz verschwunden ist. Auch nicht zu enträtseln.

Die weissen Blumen, die die Protagonistin bewacht, strecken schliesslich doch ihre Fruchtstempel aus (rot!), bereit zum Kontakt, zu einer Befruchtung; aber schon legt sich wieder eine weisse Flechte wie Schimmel über die Blütenblätter. Wird sie sie töten? Haben sie umsonst die Arme ausgestreckt?

Im Haus ertönen die üblichen rhythmischen Geräusche, zum erstenmal schwingt sich die Frau ein, tritt im gleichen Rhythmus auf den Boden, eine Verbindung ist nun zum erstenmal hergestellt. Die toten Mädchen erscheinen und nehmen den Marschrhythmus auf.

Eine Blume bleibt frei von Schimmel – sie wird gepflückt und woanders untergebracht, die Wissenschaftlerin wirkt hoffnungsvoller und entspannter, die Lieder enthalten Versöhnungsmotive. Ein Priester singt ein Lied über einen Seemann in Not, würdigt aber das Baby in seinem Arm keines Blickes. Er scheint etwas anderes zu betrauern.

Die Natur erblüht (rot!), eine Nacktschnecke entrollt sich, streckt die Fühler aus und wittert die Welt. Die Statue leuchtet rötlich in der Abendsonne. Die Frau lächelt.

So kann der Subtext des Filmes gelesen werden als Reise in eine erstarrte ,zerstörte und von allem abgetrennte Innenwelt, die belebt werden muss damit der Mensch überleben kann.

Ein zehnjähriges Mädchen, das in einem solchen Zustand war, spielte am liebsten mit mir „Eismann“ (oder bo-frost): Der Eismann brachte die dringend benötigte Nahrung, grinste, aber sprach nicht. Oder Doktor: Sie behandelte als grinsender, sprachloser Arzt die Patientin – mein Püppchen – aber auf grobe und uneinfühlsame Weise und war zu keiner gefühlvolleren Handlung zu bewegen, wie sehr das Püppchen auch klagte. Oder sie liess sich einfach zu Boden fallen und spielte „tot“, und genoss in einer sadistischen Abwehr eigenen Leids meine verzweifelten Bemühungen, sie zu verlebendigen, das war unser von ihr eingefordertes Anfangsritual. Jetzt gings mal andersrum, der Spiess war gedreht. „A Blueprint of Survival. Seither weiss ich wie sich eine „tote Mutter“ anfühlt, es war eine für mich quälende Behandlung.

Das gibt nicht nur ein Seminar, das wird ein Wochenendworkshop. (U.M.)

 

 

 

Die Rezensenten können sich bei diesem Film schwer einigen – die Einschätzung reicht von „schräger Komödie, makabrem Melodram bis zu schwarzhumorigem Buddymovie“ und will angeblich Einblicke in die Mentalität irischer Insulaner liefern. Ich denke, dies wird dem Film nicht gerecht, der einen immer wieder schaudern lässt. Es geht hier nicht um individuelle Reibereien und Kränkungen, sondern um ein Lehrstück, wie sich militante Psychodynamik entwickeln kann –  und sich sowohl im persönlichen als auch globalen Kontext leider oft genug entwickelt.

Es beginnt mit einem Konflikt zwischen Freunden, genauer zwischen einstigen Freunden: einer davon, Colm, möchte sich aus der Beziehung lösen um Zeit für andere Dinge zu haben, ein nachvollziehbares menschliches Bedürfnis. Aber schon beginnt der Diskurs maligne zu entgleisen. Der etwas geistesschlichte Leftover Padráic fühlt sich verletzt und zurückgewiesen. Der Konflikt mündet in eine eskalierende Gewaltspirale, die den Zuschauer zunächst fassungslos macht.

Die Kamera arbeitet mit dem Aufspüren und Akzentuieren von Gegensätzen – die claustrophobische Enge des Zusammenlebens im Dorf, das nichts Idyllisches an sich hat, der Pub, in dem man sich trifft, in dem aber jeder allein am Tisch sitzt. Dagegen abgesetzt: die  Bilder von lockender Weite, sonnenbestrahlten Wolken, sowie der Freiheit des Meeres unter einem immer düsteren Himmel. Und dann dieser harmonischer Soundtrack, der Sehnsüchte weckt, und die Möglichkeit eines Entkommens suggeriert, das die Bewohner nicht zu nutzen wissen, die sich wie Kampfhunde ineinander verbissen haben. In der Ferne tobt allerdings auch der irische Civil War, wir haben 1923, der Bezug zum Kriegsgeschehen ist damit hergestellt.

Das Zusammenleben der Inselbewohner ist eine Aneinanderreihung von Verletzungen, narzisstischen Kränkungen, Übergriffen und Grenzüberschreitungen. Ständige Blicke durch Türen und Fenster nehmen den Zuschauer mit in das Spiel und gewähren Einblicke in Innenräume, die Kamera umkreist lauernd die Protagonisten. Pádraic – eine zunächst sympathische Figur – fungiert hier als der freundliche Mensch ohne Arg, ein tumber Tor ähnlich wie Parzifal oder Simplicissimus, der die Ränkespiele der Welt noch kennenlernen muss und ihnen wehrlos gegenübersteht. Seine Tiere verkörpern ebenso dieses Prinzip der Unschuld und Gutartigkeit, werden aber, wie Pádraic selbst, zusehends zu Opfern.

Wir erleben die zunehmende Entwicklung Pádraics vom Verlassenen zum Täter, als Colms Aggression zusehends autodestruktiv wird, er sich bei jeder unerwünschten Annäherung von Pádraic einen Finger abschneidet und ihm diesen vor die Tür legt: es entsteht ein sadomasochistischer Clinch mit vielfältigen Möglichkeiten des Zurückschlagens für den Verlassenen. Mit jeder Annäherung kann er Colm wieder verletzen – hier kommt es zur paradoxen Umkehrung in dieser Zweierchoreographie – die Annäherung bedeutet nun nicht mehr Beziehungs- sondern Verletzungswunsch, das Spiel folgt jetzt anderen Gesetzen. Die Racheaktionen der beiden eskalieren bis zum Mordversuch, aber auch hier gibt es noch kein Ende, denn nun ist Pádraic der Unversöhnliche, der den Krieg nicht beenden will.

Seine Schwester, hier Verkörperung des Prinzips der Selbstfürsorge und pragmatischen Vernunft, hat die Insel bereits verlassen und in den freundlichen Weiten ihr Shangri La gefunden, sie lockt ihn, aber Pádraic wird ihr nicht folgen, er wird fortfahren sich zu rächen mit immer weiter ansteigender Aggression. Bedrohlich begleitet wird das Geschehen von eine alten schwarzgekleideten Frau, die die Banshee, die Todesfee der irischen Mythologie, repräsentiert; hier als Zeichen für den alles überdauernden menschlichen Todestrieb geschickt in die Handlung eingeflochten. Sie bleibt auch in der Schlusseinstellung als letzter Eindruck zurück – unzerstörbar, uneliminierbar.

Welche Hilfe von der Religion zu erwarten ist, zeigt die gelegentliche Einblendung einer gesichtslosen Muttergottesstatue – Götter sind hier längst zur Allegorie erstarrt und können nicht mehr helfen, liefern keine halt- und sinngebenden Strukturen mehr in ihren Stadien des Zerfalls, und verstehen es besser Kriege auszulösen als zu verhindern, insbesondere in Irland. Eine weisse Banshee! Und Gott verhüllte sein Angesicht, heisst es irgendwo.

Eine „schrullige Farce“ kann ich hier nicht sehen, die Bosheit und Rachsucht drängt sich zunehmend in den Vordergrund und überlagert den durchaus vorhandenen schwarzen Humor. Das – wie ein Rezensent schreibt – „kleine Sterben einer Freundschaft vor der Kulisse des grossen Sterbens im Krieg“ halte ich für Schönfärberei; was wir hier sehen, ist das Entstehen von Kriegen, aus dem Mikrokosmos eines durchaus friedlich lösbaren Beziehungskonfliktes und seiner archaischen Verarbeitung eingedampft. Die Mechanismen der Destruktion sind immer die gleichen.

Eine zutiefst bittere und pessimistische Parabel über den Zustand der Menschheit und ihrer Gewaltneigung, in der alles Gute erstickt, wie der Esel am abgetrennten Finger Colms. Gedreht im Jahr des Ukrainekriegs aus einem von Bürgerkriegen gebeutelten Land. Das hätte Sartre kaum besser hinbekommen, ich denke, er freut sich auf seiner Wolke – zum Rivalisieren mit Mitschreibern neigte er ja nicht – ausser mit seiner Simone, der er als erste Beziehungsamtshandlung die Philosophenkarriere ausredete und sie lediglich bei den Schriftstellerinnen eingeordnet wissen wollte. Die Vorreiterin der Emanzipation liess es sich gefallen und schriftstellerte von da ab.

Wer bei „Im Westen nichts Neues“ auf Distanz ging – und das waren einige, auch verdiente Rezensenten –  wird es hier nicht mehr schaffen. Man baut in diesem Film weniger Reizschutz auf als im Kampfgetöse vom „Westen“, und das Geschehen trifft sodann mitten in die Weichteile.

Und der Film ist nicht vorbei, wenn das Licht angeht, die Gruppendiskussionen waren langwierig. Am besten hinterher noch von Karl Kraus „Die letzten Tage der Menschheit“ auflegen (mit Qualtinger) –  eine schöne Abrundung für einen misanthropismus-  und gallensaftgenerierenden Abend.

 
 

Hab nicht gut aufgepasst: Welcher Pyro- und Lasertechniker hat jetzt eigentlich den ESC gewonnen? Angeblich soll sogar gesungen worden sein, wie man hört …

Spässle!

Music isn’t fireworks – Music is feeling.

Also sprach der portugiesische Sänger Salvador Sobral ex cathedra, als er 2017 das grosse ESC – Rattenrennen gewann, mit pubertärem Charme in einem viel zu grossen Sakko. Und einem Song, der entfernt nach verräucherten Studentenkneipen mit existenzialistischem Flair, Nächte füllenden Diskussionen, Sozialromantik und einem Hauch von Intellektualiät roch, mit der man damals vergeblich versuchte, erotische Wirrnisse mental zu erfassen und bewältigbar zu verstoffwechseln oder wahlweise die Welt zu retten. Daran erinnert man sich in jedem Fall gerne. Über die logischen Brüche im Text – wenn einer nicht liebt muss der andere eben doppelt soviel lieben – breiten wir einmal den Mantel des Schweigens oder verhandeln es als Paradoxon – als Thema für ein psychologisches Seminar. Eine Mathematik der Gefühle, nu ja, zumindest amüsant, ein bisschen zum Dahinschmelzen, wenn der Schmelzpunkt tiefer liegt, was man ja Frauen gemeinhin nachsagt. Wurde allerdings in „Wenn Frauen zu sehr lieben“ schon 1985 verhandelt und scheint als Lebensmodell nicht wirklich hinzuhauen.

Aber zurück zum Rattenrennen:

1960 – etwa so lange gucke ich schon ESC, damals noch Grand Prix d‘ Eurovision de la Chanson genannt (Satz für die Ewigkeit: Douze points pour l‘ Allemagne, Mann war das spannend!). Damals herrschte in der leichten Muse noch die schwarze Pädagogik, die junge Leute belehrte, dass man noch Träume haben sollte (anstatt zu handeln) und über den Frieden und gegen den Krieg singen sollte (anstatt zu handeln). Ein Antikriegslied hiess tatsächlich „Bumm badda bumm„, womit Geschützlärm verklausuliert war, als ob Krieg nur aus Krach bestünde. Damals meinte man noch Botschaften in süsse Melodien verpacken zu müssen – Beiss nicht gleich in jeden Apfel und Sprich nicht drüber und Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein und Liebeskummer lohnt sich nicht und kleine Italiener haben immer Heimweh nach ihren Freundinnen und sonst anscheinend keine Probleme. Und die Sänger/ innen waren hübsch und sauber mit Kernseife gewaschen.

 
 

 
 

Was in der Erinnerung bleiben wird sind Melodien, Rhythmen und Gesichter der Protagonisten. Einige Songs waren wirklich nicht schlecht: Das pfiffige „Puppet on a String“ von Sandie Shaw, das herrlich mediterran – theatralische „Apres Toi “ von Vicky Leandros, naja, und später dann natürlich „Waterloo“. Merci Cherie hab ich erfolgreich verdrängt, bei Udo Jürgens krieg ich Pickel. Vor ein paar Jahren dann ein zweiter Platz für die sympathischen Common Linnets mit „Calm after the Storm“ mit sehr puristischen optischen Effekten und Country – Einschlag. Ausreisser!

Natürlich weiss ich, wer heuer gewonnen hat – eine Schwedin, plaziert auf einer Art überdimensionierter Sonnenbank wie ein Sandwichbelag, die aussieht wie Pocahontas und sich tatsächlich von den anderen abhob, weil sie ungeschminkt war. (Dürfte übrigens Michas Kragenweite sein). Vermutlich war sie das aber nicht, sondern wurde vorher 4 Stunden in der Maske mit dem Nude-Look versehen: Man wird mühevoll so geschminkt, dass man aussieht als sei man nicht geschminkt – wer’s nicht glaubt, der google „Tilda Swinton“, die hat als erste damit reüssiert. Keine Ahnung wie lange die morgens in der Maske hockt. In den Nagelstudios gibt’s den gleichen Trend – eine Stunde Kreation von künstlichen Gelnägeln die aussehen wie natürliche Nägel. Milchbad-Look heisst das – unten rosa, oben weiss – fetzig, oder? Ich verkneife mir hier mal den Tarzanschrei und lege es ab unter „ungeklärte kulturhistorische Phänomene“, denen ich mich im höheren Alter widmen werde (sogenannte Verzweiflungsprokrastination), kann doch nicht sein dass alles nur auf Kohlemachen hinausläuft, by the way …

Oder?

Der ESC ab Millennium hat keine Botschaften mehr, die Protagonisten drehen sich in ihren Texten um sich selbst und ihre Empfindungswelt, in der Regel um ihre Beziehung (Youre my tattoo, I am your satellite, we are blood and glitter ), das ist die Narzissierung der Wohlstands- und Spasshaben-Gesellschaft, das schwappt in alle Bereiche der Trivialkunst, dazu fuchteln sie wie ein Fitnesscoach auf Speed. In den letzten 10 Jahren wurde zusehends mehr gerappt, klar, damit verjüngte sich die Zielgruppe, während 1960 auch noch die Oma zuguckte und mit den Liedern etwas anfangen konnte. Bei Heavy Metal geht das nicht mehr, obwohl … Opa und Oma sind heutzutage Ü50, da waren die schon in Wacken dabei. Der Uropa noch in Woodstock.

Während es früher noch um Wellsounding und Goodlooking ging, steht nun Andersartigkeit im Focus – als einzige Chance den Preis abzustauben: Man muss sich dramatisch von der Masse abheben. Das führte zu zwei Siegen für Deutschland mit einem Nonsens-Lied von Guildo Horn und einem Quatsch-Rap von Stefan Raab. Das nächste Mal sang eine schöne Frau mit Vollbart, hat auch geklappt. Etwas später dann der knuddelige Portugiese a capella mit einsamem Barpianisten und im zu weiten Anzug. Dann war der Distinktionstrick wieder ausgereizt.

Wenn ich an die – von mir jährlich treulich verfolgten – ESCs des 3. Jahrtausends denke, erinnere ich ausschliesslich das Aussehen der Sänger und die optischen Affekte, keineswegs das Lied. Dafür aber die finnischen Lordi, mit denen man problemlos eine Geisterbahn ausstatten könnte, die Lady mit Vollbart, die queeren deutschen Punker von 2023 und die Nude-loo -Lady im Bitchburner. (Deutschland immer weit vorn und öfter sogar Erster, wenn man nur die Tabelle um 180 Grad drehte).

 
 

 
 

Somit folgt die Darbietung dem Muster eines Infantilisierungsprozesses; wenn man einem Baby ein Lied vorsingt und zeitgleich eine Christbaumkugel hinhält, dann wird es sich nur für letztere interessieren, der visuelle Effekt toppt den akustischen (vermutlich ein Atavismus – in der Steinzeit war das Mammut schon eher zu sehen, als dass man es hörte), Lied und Gesang werden zu einer funktionalisierenden Tonspur, die man – wie auch oft im Film – nur unterschwellig oder auch gar nicht mitbekommt und sich auch nicht mehr daran erinnert; zumindest ich muss immer nachhören, mit geschlossenen Augen. Ein Tonspur-Contest. Dann merkt man auch nicht gleich was mies ist.

Nach einem Jahrzehnt Gerappe setzte man heuer übrigens wieder auf Melodisches – Distinktionstrick. Kunst und Wettbewerb beissen sich, haben sich schon immer gebissen. In einer Konkurrenzsituation wächst selten etwas Gutes; Aussenorientierung und Nach-Nebenan-Schielen statt Sammlung, Kontemplation und eigene Handschrift.

Einen Wettbewerb für Künstlerisches oder auch nur Trivialentertainment auszuschreiben evoziert den Effekt, den man auch in einer Kinderschar beim Wurstschnappen bekommt, in der jeder immer höher zu hopsen versucht als der andere, um gesehen zu werden und das angesabberte Paar Wiener zu bekommen. Was dann entsteht ist eine Freakshow mit Unterströmungen von Hysterie und Verzweiflung – eben ein ESC.

 

 

 
 

R.I.P.

 

2023 30 Apr.

Let’s talk about love

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Vorab: ich bin kein Brecht-Fan, menschlich gesehen finde ich den Typen nicht den Brüller, schätze aber durchaus seine Lyrik und viele seiner Machwerke. Eines der weniger bekannten – durch Michas Ratequiz habe ich mich daran erinnert – ist die Piratengeschichte Bargan lässt es sein – ein absolut schräger Titel, der im Endeffekt nichts aussagt. Oder alles … Platz für Phantasien; wie immer wenn nichts ausgesagt wird, entsteht ein füllbarer Raum.

Germanisten haben sich übrigens interessiert dieser Geschichte angenommen, im Netz geistern reichlich Seminararbeiten dazu durch das Virtuelle auf der Suche nach einem Leser. Eine Geschichte über die Liebe, wie sie oft sein kann – keine weisse Wolke unter einem Pflaumenbaum, nicht süss und romantisch, mit zarten Schmetterlingsflügeln gegen die Bauchwand pochend wie ein werdendes Kind oder am Kiel der Titanic entflammend, sondern wild, böse, unbezwingbar, und nicht selten tödlich – und sie lässt einem keine Wahl.

 
 

 
 

Bargan lässt nicht sein, was er besser sein lassen sollte, ein Mann „eine Anstrengung Gottes, geboren den Himmel zu erobern“ – er lässt sich von der Liebe zu einem asshole ruinieren. Das ist fesselnd zu lesen und zu hören – es existiert eine geniale Hörspielfassung, gelesen von Ulrich Wildgruber, begleitet von Sturmgebraus auf hoher See als Synonym für tosendes Gefühlsleben.

Und die Gedanken wandern zurück zu den Lebensfragen, die in der Jugend an uns nagten und immer noch nicht gelöst sind, weil nicht lösbar: warum verliebt man sich nicht in den netten Kerl, bei dem alles passt und mit dem man ein wundervolles Leben im Gleichklang der Interessen führen könnte? Warum macht es einfach nicht zoom, und alles ist gut? Warum bleibt es beim besten lebenslangen Kumpel? Stattdessen zoomt es dann zuverlässig beim grössten Vollpfosten der ganzen Uni, mit dem man nicht einmal ein speed-date bis zum Glockenton überstehen könnte, ohne ihm eine zu semmeln, wenn – ja wenn – einem nicht Amors Pfeil die Pelle penetriert hätte?

Sind wir ein Opfer von Triggern früherer Bindungen? Ein Spiel von jedem Druck der Luft? Streiche, die uns die Neuropsychologie spielt? Einem Hereinbrechen von etwas Transzendentem in unsere Rationalität? War man in einem früheren Leben in Leidenschaft verbunden? Sonstige Atavismen …? Und ist das Ganze gut so wie es eben ist oder wärs sonst langweilig – ohne ein Mysterium, das bleibt wenn alle anderen sich zusehends in den Zeitläuften und ihrem wissenschaftlichen Fortschritt auflösen? Weiss  jemand was!?

 

 
 

Das Schweigen der Lämmer

 

Ein Film der ständigen Grenzüberschreitungen und wechselseitigen Durchdringungen.
Auch die Kamera penetriert – Gesichter, Augen, in langen intensiven Einstellungen. Sie focussiert Grenzen, Gitterstäbe, Trennwände, die nichts zu trennen scheinen. Die Personen scheinen getrieben, die Grenzen ihrer Gefängnisse und die des eigenen Körpers zu überwinden, den anderen mit Worten zu durchbohren oder durch Gitterstäbe zu verletzen, sich in seinen Kopf zu begeben, sich den anderen im Wortsinne einzuverleiben oder in seine Haut zu schlüpfen.

Das ist der Trieb zum Kannibalismus: Sich den anderen auch physisch und nicht nur symbolisch einzuverleiben und zu verstoffwechseln, bis schliesslich keine Grenze mehr besteht – eine grandiose Verschmelzung bei Menschen, die keine Symbolisierungsfähigkeit entwickelt haben und im Konkretismus leben. In vielen Völkern isst man Tierhoden für die Potenz, oder zermahlene Tigerknochen und anderes magisch-phantasmatisch Aufgeladenes. So ist der Film ein Pandämonium an Grenzüberschreitungen in dem Wunsch, sich mit dem anderen zu vereinigen und in ihm eine unvergängliche Spur zu hinterlassen, zum Guten wie zum Bösen. Eine Pervertierung des urmenschlichen Wunsches, im anderen als Bild vorhanden zu sein und den anderen als inneres Objekt mit sich zu tragen.

Ein Patient in einer Therapiegruppe erzählte einen Traum, in dem er den Körper seiner Mutter, die ihn nie wirklich wahrgenommen hatte, aufschnitt und hineinkroch wie der Revenant in das tote Pferd mit den wiederholten Ausrufen „Ich will endlich rein“! Aber nicht zum Schutz oder als regressive Rückkehr in den Uterus, nicht um die Mutter zu zerstören (Küchenpsychologie), sondern aus dem Wunsch heraus, endlich wahrgenommen und als überdauerndes Bild in der Seele und den Gedanken der Mutter vorhanden zu sein. Von diesem Wunsch und seinen Aberrationen handelt dieser Film.

Was stört ist die Deutung von Hannibal Lecter, Clarice Starling sei nur darauf erpicht, Opfern zu helfen, weil sie die Lämmer ihrer Pflegeeltern nicht vor der Schlachtung hatte bewahren können. Eindimensionale Küchenpsychologie, ärgerlich in einem Film von beachtlichem Niveau. Oder nicht? Vor 30 Jahren wurde hier im Landkreis ein bekannter und beliebter Psychiater und Psychotherapeut von seinen beiden Söhnen (19 und 20 J.) brutal erschlagen. Der dritte Sohn, damals 12, war zugegen, aber nicht an der Tötung beteiligt. Der Fall schlug hohe Wellen und wurde sogar im SPIEGEL kommentiert.

Vor einigen Jahren brachte mir eine Patientin einen Brief ihres eigenen Anwalts, mit dem sie sich wegen des Honorars verstritten hatte und der ihr nun Sorgen bereitete. Der Anwalt forderte sie in sehr aggressivem Ton zur Begleichung auf, er betonte, er sei überall gefürchtet und auch höhere Kreise wüssten, wie „gefährlich“ er sei, alle würden sich vor ihm in Acht nehmen. Er würde sie schützen, wenn er das nicht mehr tue, würde sie von der Streitpartei dann ohnehin gelyncht werden.

Das Fazit war: Wenn ich meine schützende Hand von dir abziehe, wirst du erschlagen. Der Anwalt war der damals Zwölfjährige, der seinen Vater nicht vor dem Totschlag hatte schützen können und dies jetzt kompensatorisch wahnhaft-megaloman verarbeitete. Einige Zeit später wurde ihm der Anwaltstitel wegen seiner Ausfälle entzogen. Küchenpsychologie hat also auch manchmal ihre Berechtigung. Man verachte nicht die einfachen Erklärungen – die Lösungen sind dann freilich weniger simpel.

 

 

 

Mit Debutfilmen bekannter Regieschaffender ist das so eine Sache – man sucht reflexartig nach Vertrautem, in diesem Fall der Handschrift des Regisseurs, die dieser selbst aber noch gar nicht entwickelt hat. Das kann zu Enttäuschungen führen, gibt aber andererseits die Möglichkeit zu beobachten, aus welchen Quellen dieser sich gespeist und wie er sich weiterentwickelt hat und zusehends der eigene Stil entsteht. Detektivarbeit also, irgendwie.

Die tödliche Maria (D, 1993) ist Tom Tykwers erster langer Spielfilm. Diese Maria, eine noch junge Frau, führt ein Aschenputteldasein. Ihr Leben wird getaktet vom Wecker, dem Pfeifen des Wasserkessels, mit dem sie ihrem Macho- Ehemann den Kaffee bereitet und den hochfrequent erfolgenden Maria-Rufen ihres pflegebedürftigen Vaters, wenn der mal wieder zur Toilette muss, eine Paraderolle für Josef Bierbichler. Das Ende ist natürlich ahnbar. Joachim Król als scheuer Nachbar-Märchenprinz, der in der Welt der Worte lebt – als Kontrapunkt zu Marias Welt der Spracharmut – und vor entfesselter Weiblichkeit zurückschreckt bzw zum Ende im Wortsinne von ihr erschlagen wird. Eine fiktive dystopische und wie aus der Zeit gefallene Welt mit märchenhaften Anmutungen.

Und eine im Grunde platte Handlung, die für einen Mittelklassekrimi zwar gereicht hätte, mit einer bestenfalls reaktionären Botschaft; aber entscheidend ist was man daraus macht. Lola rennt ist vom Plot her auch nicht der Brüller – aber wieviel raffinierte Verwerfungen verstand der Tom da einzubauen.

Aus dem verzopften Nachkriegs-Outfit von Maria, mit fast beängstigender Intensität gespielt von Nina Petri, und der Resopal-Kleinbürgerküche dampft der deutsche Fassbinder-Mief. Dazu das Abgründige eines Cronenberg und der quietschvergnügt und so unbekümmert wie reichlich eingestreute Surrealismus eines Bunuel, die Insektensymbolik mit den sumselnden Fliegen eines Polanski, bei denen man sofort das vergammelnde Fleisch aus Ekel vor Augen hat – einziges Zeichen von Vergänglichkeit in einer Situation von beklemmender Statik und Erstarrtheit. Ein Berg unabgesandter Briefe quillt aus einer Kommode als Bild für eine Sehnsucht, die ihr Ziel nicht finden konnte. Anleihen bei den ganz Grossen, nichts Tykwer-Spezifisches, noch nicht die Eleganz der späteren Filme, das leichthändige Verdrehen von Handlungssträngen, noch keine eigene Duftspur – ein Debut eben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …

 

 

 

 

Zufällig entdeckt letzten Montag im ZDF. Ist sicher noch in der Mediathek.

 
 

Promising Young Woman

(GB, USA 2020) von Emerald Fennell, auf Amazon prime,
eine Empfehlung von Micha hier vor einiger Zeit.
5 Oscarnominierungen, einer verliehen für das beste Drehbuch.

 

Warum fühle ich mich, als hätte mich jemand in den Solarplexus geboxt? Bekanntlich bleibt einem da die Luft weg – wie man aus den Zeiten von Schulhofraufereien weiss. Und kommt erst ein bisschen später wieder … die Luft.

Der Film mit einer furios und facettenreich aufspielenden Carey Mulligan (hier Carrie), die auch die verborgensten Seiten ihrer Figur, einer Frau mit einem Vergewaltigungstrauma, auszuloten versteht, erzählt zweifellos nichts von Realität: zu gut funktionieren ihre Rachefeldzüge, zu verängstigt sind die Männer, die nächtens von ihr in die Mangel genommen werden – in der Realität wäre sie vermutlich schon viel früher um die Ecke gebracht bzw zumindest gnadenlos verprügelt und sicher noch einige Male vergewaltigt worden. Das geht alles zu easy und zu nahtlos, und die Zuschauerin geniesst das Triumphgefühl der Protagonistin und ihren Sieg über schwanzgesteuerte Machos identifikatorisch mit. Das hat den Charakter einer bitteren Komödie. Das kindlich-süsse Dekor, in dem sich Carrie vor allem in ihrem Elternhaus bewegt – die Farben Rosa und Hellblau dominieren – ist kontrapunktisch eingesetzt zu den Düsterwelten testosteronmarinierter Männlichkeit, zynischer und zusammengeschweisster Machobündelei.

 
 

 
 

Der Ton des Films ist leicht, ironisch, am besten finde ich hier das Wort lakonisch – da tut auch der Soundtrack ein übriges – Hits aus den 70ern. Die Sympathielenkung ist eindeutig, der Film spiegelt in seiner Stimmung die coole Fassade, die zutiefst verletzte Menschen manchmal zeigen, Carrie ist aber nie eine rächende Nemesis. Darunter ein tiefer beängstigender Misston.

Alles klappt bei ihr mit einer fugenlosen Eleganz und der Cleverness, mit der sie ihre Fallen stellt – trotzdem zielt der Film in die Magengrube, irgendetwas geht ungefiltert gleich ins Innere. Er vermittelt die Angst vor den Männern, das Misstrauen vor ihrer Fürsorglichkeit, mit der sie letztlich doch ihre immergleichen Ziele erreichen, man ist schnell so paranoid eingestimmt, dass man auch in dem patenten Jungchirurgen, der den Archetyp „Neue-Begegnung-die-alles-zum-Guten-wendet“ verkörpert, den Mittäter wittert. Männer sind beklemmend in diesem Film, das unterläuft seine Leichtigkeit, das zielt ins Ungeschützte und lehrt einen das Fürchten vor diesen smarten lustschwitzenden Boys und ihren gnadenlosen Festivitäten, Ritualen, scheinheiligen Junggesellenabenden und Upper-Class-Vertuschungsmöglichkeiten.

Auch Carries Geniestreich zum Ende hin ist ein grosser Triumph, auch wenn sie ihr Lebensende dabei billigend in Kauf nimmt, die Jungs werden summa summarum von einem Hochzeitsfest weg verhaftet und der smarte Jungchirurg bekommt noch post mortem sein Fett ab.

Hier müsste eigentlich das Erwachen von Carrie erfolgen, denn das Ganze mutet an wie der Traum oder Tagtraum eines Gewaltopfers, in dem alle Täter in wunscherfüllender Form ihrer gerechten Strafe zugeführt werden und die Ohnmacht eines Opfers in Macht und Stärke verwandelt wird. Mit traumwandlerischer Sicherheit: ein Stück Innenwelt eines Opfers, das zumindest in seinen Phantasien Gerechtigkeit schafft mit dem Tod als letztem grandiosen Triumph. Und im Abspann wird das von mir phantasierte Erwachen Carries mit dem Song „Angel of the Morning“ begleitet, ein Song über das Erwachen hinein in einen trüben und wehmütigen Tag, in welchem man verlassen wird.

 


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