Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2023 27 Mrz

Ein Film wie ein Schlag in den Magen

von: Ursula Mayr Filed under: Blog | TB | 10 Comments

 
 

Promising Young Woman

(GB, USA 2020) von Emerald Fennell, auf Amazon prime,
eine Empfehlung von Micha hier vor einiger Zeit.
5 Oscarnominierungen, einer verliehen für das beste Drehbuch.

 

Warum fühle ich mich, als hätte mich jemand in den Solarplexus geboxt? Bekanntlich bleibt einem da die Luft weg – wie man aus den Zeiten von Schulhofraufereien weiss. Und kommt erst ein bisschen später wieder … die Luft.

Der Film mit einer furios und facettenreich aufspielenden Carey Mulligan (hier Carrie), die auch die verborgensten Seiten ihrer Figur, einer Frau mit einem Vergewaltigungstrauma, auszuloten versteht, erzählt zweifellos nichts von Realität: zu gut funktionieren ihre Rachefeldzüge, zu verängstigt sind die Männer, die nächtens von ihr in die Mangel genommen werden – in der Realität wäre sie vermutlich schon viel früher um die Ecke gebracht bzw zumindest gnadenlos verprügelt und sicher noch einige Male vergewaltigt worden. Das geht alles zu easy und zu nahtlos, und die Zuschauerin geniesst das Triumphgefühl der Protagonistin und ihren Sieg über schwanzgesteuerte Machos identifikatorisch mit. Das hat den Charakter einer bitteren Komödie. Das kindlich-süsse Dekor, in dem sich Carrie vor allem in ihrem Elternhaus bewegt – die Farben Rosa und Hellblau dominieren – ist kontrapunktisch eingesetzt zu den Düsterwelten testosteronmarinierter Männlichkeit, zynischer und zusammengeschweisster Machobündelei.

 
 

 
 

Der Ton des Films ist leicht, ironisch, am besten finde ich hier das Wort lakonisch – da tut auch der Soundtrack ein übriges – Hits aus den 70ern. Die Sympathielenkung ist eindeutig, der Film spiegelt in seiner Stimmung die coole Fassade, die zutiefst verletzte Menschen manchmal zeigen, Carrie ist aber nie eine rächende Nemesis. Darunter ein tiefer beängstigender Misston.

Alles klappt bei ihr mit einer fugenlosen Eleganz und der Cleverness, mit der sie ihre Fallen stellt – trotzdem zielt der Film in die Magengrube, irgendetwas geht ungefiltert gleich ins Innere. Er vermittelt die Angst vor den Männern, das Misstrauen vor ihrer Fürsorglichkeit, mit der sie letztlich doch ihre immergleichen Ziele erreichen, man ist schnell so paranoid eingestimmt, dass man auch in dem patenten Jungchirurgen, der den Archetyp „Neue-Begegnung-die-alles-zum-Guten-wendet“ verkörpert, den Mittäter wittert. Männer sind beklemmend in diesem Film, das unterläuft seine Leichtigkeit, das zielt ins Ungeschützte und lehrt einen das Fürchten vor diesen smarten lustschwitzenden Boys und ihren gnadenlosen Festivitäten, Ritualen, scheinheiligen Junggesellenabenden und Upper-Class-Vertuschungsmöglichkeiten.

Auch Carries Geniestreich zum Ende hin ist ein grosser Triumph, auch wenn sie ihr Lebensende dabei billigend in Kauf nimmt, die Jungs werden summa summarum von einem Hochzeitsfest weg verhaftet und der smarte Jungchirurg bekommt noch post mortem sein Fett ab.

Hier müsste eigentlich das Erwachen von Carrie erfolgen, denn das Ganze mutet an wie der Traum oder Tagtraum eines Gewaltopfers, in dem alle Täter in wunscherfüllender Form ihrer gerechten Strafe zugeführt werden und die Ohnmacht eines Opfers in Macht und Stärke verwandelt wird. Mit traumwandlerischer Sicherheit: ein Stück Innenwelt eines Opfers, das zumindest in seinen Phantasien Gerechtigkeit schafft mit dem Tod als letztem grandiosen Triumph. Und im Abspann wird das von mir phantasierte Erwachen Carries mit dem Song „Angel of the Morning“ begleitet, ein Song über das Erwachen hinein in einen trüben und wehmütigen Tag, in welchem man verlassen wird.

 

This entry was posted on Montag, 27. März 2023 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

10 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Genau so empinde ich es auch, rückblickend.

    Einmal gab es, neben den 70’s, auch Mahlers Fünfte, wuchtig, laut.

    Die Szene ihrer Ermordung, egal, wie teilinszeniert, ging auch ans Eingemachte.

  2. Ursula Mayr:

    Auf jeden Fall sehr empfehlenswert.

  3. Michael Engelbrecht:

    Und wieviel impact, wenn man ihn mit dieser Deutung des Films zusammenbringt, hat doch der letzte Song: grossartig!

  4. Michael Engelbrecht:

    Ist auf amazon prime zu sehen, habe ich oben korrigiert…

  5. Ursula Mayr:

    Huch, hab ich verwechselt.

  6. Olaf Westfeld:

    An dieser Stelle nur so halbwegs passend, trotzdem gut: in der Mediathek der ARD ist gerade Small Axe zu sehen
    https://www.ardmediathek.de/serie/small-axe/staffel-1/Y3JpZDovL3dkci5kZS9vbmUvc21hbGxheGU/1

  7. Michael Engelbrecht:

    Nun, es passt insofern, als in dieser fantastischen Filmreihe auch etliche Traumata behandelt werden.

    Der absolut supermagische Film in dieser Serie (jeder Film erzählt eine eigene Story aus dem Leben der einst von den West Indies nach England Ausgewanderten, etliches davon nach wahren Begebenheiten) ist LOVERS ROCK.

    Ich glaube, man kann sich in der Mediathek wahlweise auch die OROGINALVERSIONEN anschauen, aber Vorsicht: „heavy dialect“!

  8. Michael Engelbrecht:

    Kleiner Exkurs zur Filmreihe SMALL AXE

    ÄLTERER TEXT AUS DEM BLOG

    1) Lovers Rock *****
    2) Red, White, and Blue *****
    3) Mangrove ****1/2
    4) Education ****
    5) Alex Wheatle ***1/2

    The best movies I’ve seen recently. Und alle sind in einer kleinen Schachtel mit zwei DVDs verpackt. Steve McQueen und einige seiner Wahlverwandten haben fünf Filme inszeniert, die dem strukturellem Rassismus Englands der Jahre 1968-1982 nachspüren, mit lauter wahrhaftigen, oft auf wahren Begebenheiten beruhenden, Geschichten.

    Mich haben sie, in ihren Stimmungen, an alte englische Filme erinnert, die ich fast schon vergessen hatte. Filme, die Gangsterstories mit allen verfügbaren Grautönen erzählen (Roy Budd sorgte da gerne für die Soundtracks), oder solche, die das Leben der Arbeiterklasse vor Augen führen, ohne romantisierende Züge. Da waren die Bücher von Alan Silitoe, und Kinofilme, die seinen sozialen Realismus aufgriffen. Etwa „Saturday Night and Sunday Morning“. Oder die „Einsamkeit des Langstreckenläufers“. Erinnerungen an Bücher und Filme vermischen sich.

    Bei den fünf Filmen von „Small Axe“ spielt die Musik eine noch zentralere Rolle, der Funk, der Soul, der Reggae von damals. Die Lieder liefern Gegen-Erzählungen, andere Blickwinkel, soziale Härte, und Sehnsuchtsstoff. „Red, White, And Blue“ hatte mich dermassen gepackt, dass ich mir zwei alte Al Green-Alben kaufte.

    Und die Reggae-befeuerte Erzählung von „Lovers Rock“ – wunderbar. Zugleich wurde erfahrbar, auf dieser Party, angesiedelt in Ladbroke Grove anno 82, wie Entgrenzung, Exstase, in der Musik wirken können, nicht ohne gewisse Gefahren. Ein Rausch. Im Dezember 82 war ich auch in London, ich erlebte immerhin Jah Wobble & The Invaders of the Heart, im Marquee Club. Hampstead Heath. John Peel im Radio. The ghost of „my legendary lady“. Hanne. Sometimes it‘s wonderful to have a broken heart (in retrospect).

    M.E.

  9. Olaf Westfeld:

    Ich wollte eigentlich mehr über die Serie erfahren, die Jochen hier neulich beschrieb (Tage, die es nicht gab), bin dann über Small Axe gestolpert und habe gleich „Lovers Rock“ gesehen – magisch. Die Filme sind ja hoffentlich nur lose miteinander verbunden, durch Zeit und Raum, so dass die Reihenfolge nicht so wichtig ist. Mindestens „Red, White & Blue“ muss auch noch vor den „Tagen, die es nicht gab“ drankommen. Und ja, die sind zum Glück auch auf Englisch verfügbar. Es war zwar grenzwertig zu verstehen, aber auf Deutsch hätte der Film keinen Sinn gemacht.

  10. Michael Engelbrecht:

    Sehr lose verbunden.

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