Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2023 26 Feb.

Eine Art Bildungsroman

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As an innovative and constantly inventive jazz pianist, Brad Mehldau has attracted a sizable following over the years, one that has grown to expect a singular, intense experience from his performances. With Formation, to be published on March 3, Brad seeks to extend that experience to the page, by sharing some of the deeply personal elements of his life, and how these came together for him to become the musician and person that he is today. For the first time, he offers an in-depth look at how he came to understand his adoption, survive sexual abuse, and overcome heroin addiction.

The book creates a vibrantly-written portrait of the jazz world in New York in the late 1980s and early 1990s, showing how a generation of musicians met and sparked off one another to take the music in new directions, drawing on a wealth of influences but also keeping sight of tradition, including those rooted in both the jazz and classical worlds. The atmosphere of the clubs, the creative scene in Manhattan and Brooklyn, and Brad’s early experiences of touring are brilliantly brought to life. The formation of the “Mood Swing” quartet with Joshua Redman is described, as is the growth of Brad’s own groups, leading to his acclaimed Art of the Trio series of recordings with bassist Larry Grenadier and drummer Jorge Rossy. The trio’s later life with Jeff Ballard joining in place of Rossy; Brad’s solo ventures; and his explorations of other areas of music, are also covered.

There is no holding back when it comes to Brad’s period of heroin addiction – his painful personal decline and ultimate redemption make for compelling and often distressing reading. Yet throughout the book, his own reading and listening are a constant frame of reference and often inspiration, from the works of James Joyce and Thomas Mann to the sounds of Prog rock and Bob Dylan, not to mention critics from Harold Bloom to Terry Eagleton. The book can be read as a bildungsroman, but this coming-of-age is no novel, it is vividly lived personal experience.

Intimate, vulnerable and profound, Formation is a rare look inside the mind of an artist at the top of his field, in his own words.

 

2023 24 Feb.

Craven Faults: Standers

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Vertraute Landschaften werden aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Die Frage, wie die Insel zu ihrem Aussehen kam und wie ihre alte und moderne Geschichte die heutige Bevölkerung beeinflusst, wird immer interessanter. Landschaften, die von den Elementen und dann von unzähligen Eroberern und Siedlern geformt wurden. Viehbestand und Maschinen. Geld, Religion und Politik.

Wir beginnen an der Grenze. Der höchste Punkt. An einem klaren Tag kann man bis zur Ostküste sehen. Die Schwerindustrie, die sich rund um die Flussmündung angesiedelt hat, sticht in dieser alten Landschaft hervor. Wir haben gesehen, wie sie sich verändert hat. Für das ungeschulte Auge sind es subtile Veränderungen, aber sie haben seismische Folgen. Wenn man das alles vor sich hat, ist es unmöglich, nicht bewegt zu sein. Wir stehen hier seit 800 Jahren, es dauert also ein wenig, bis wir in Schwung kommen. Es ist eine schwere Arbeit. Die unbeantwortete Frage hallt noch einmal durch die Luft. Ursprünglich 1908 komponiert, in den 1930er Jahren überarbeitet, aber erst 1946 aufgeführt.

Wir gehen ein kurzes Stück nach Westen. Vom Viadukt aus kann man sehen, wie sich die Landschaft verändert. Weichere Linien, wo der Sandstein den Eisströmen weniger Widerstand entgegensetzte. Ein Experiment. Von hier aus treiben wir flussabwärts. 1966.

 

 

Craven Faults – „Odda Delf“ (Official Video)

 

 

Nirgendwo ist es wie zu Hause. Wir steigen durch die Wolken auf und sind über dem Wetter unterwegs. Ein Moment der Ruhe. Dort, wo die Wolken aufbrechen, sind die Narben der frühen Industrie sichtbar. Wo einst tausend starke Hände und ausgeklügelte Ingenieursmethoden Tonnen von Blei aus dem Boden holten, liegt er jetzt still. Offen für die Elemente. Die Natur tut ihr Bestes, um unsere Spuren zu verwischen. Man muss wissen, wo man suchen muss. Vierer und Dreier. Die Szenerie ändert sich mit dem Wetter. Château d’Hérouville, 1976.

Etwa eine Stunde nördlich stoßen wir auf ein reiches Flöz. Heftig umstritten. Ein Skandal. Ungeahnte Reichtümer auf der einen Seite. Konkurs und Gefängnis auf der anderen Seite. Eine Fallstudie darüber, wie das Land aufgeteilt wurde und wie dieses Erbe über Generationen weitergegeben wurde. Die Geschichte wiederholt sich. Bell Labs, 1974 – 1976 und die Erinnerung an eine LP, die 1980 gekauft, aber seit Jahren nicht mehr angeschaut wurde.

Wenn wir unsere Route zurückverfolgen, ist manchmal ein geliehenes Klavier Inspiration genug. Es ist die gleichen Wege in einem anderen Leben gegangen. Eloquent und anmutig. Viele haben hier ihre Spuren hinterlassen, und eine obskure römische Göttin beschützt diese Gewässer.

Wir schlängeln uns auf dem Rückweg nach Osten. Der nordische Einfluss ist hier offensichtlich. Er zeigt sich im Dialekt und in den Ortsnamen. Er zeigt sich in den Viehtransporten zur saisonalen Weidehaltung. United Western Recorders 1970 und Britannia Row 1982 über die Stadt auf der anderen Seite der Pennines. Eine Annäherung an die menschliche Stimme – ein passender Abschluss.

2023 23 Feb.

Out today!

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2023 20 Feb.

Einmal Schwimmbad und zurück mit Holger und Arno

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Es ist heiß. Freibadwetter. Da sind das Schwimmbecken, die Liegewiese und der Sprungturm mit dem Siebener, der gesperrt ist seit dem Unglück damals. Aber die Vergangenheit lässt sich nicht ewig abriegeln. Das weiß Kiontke, der Bademeister, so gut wie alle anderen hier. Wie Joe und Lenny, oder Isobel, die immer mehr im Gestern lebt. Für sie alle ist das Freibad ein Ort, der ihren Lebensweg bestimmt. Arno Frank erzählt vom Weggehen und Zurückkommen, vom Bleiben und der Suche nach dem Glück. In seinem neuen Roman.

BESPRECHUNG FOLGT IM MAI

In den Neunziger Jahren sass ich mit Konrad  Heidkamp in der NDR-Kantine an der Rothenbaumchaussee. Er war mittendrin in der Produktion einer zehnteiligen Radioserie über das Leben und die Musik von Nina Simone. Und erzählte mir von seinen Entdeckungen im Archiv. Ich bekam eine kleine Geschichts-  und Geschichtenstunde serviert. Tonbänder Ja, natürlich werde er ihre Version von „House of the Rising Sun“ spielen, sagte Konrad, als wir ein paar Songs durchgingen, die aus der LP „Nina At The Village Gate“. Das waren noch die Zeiten mit  Michael Naura, Hannelore Raukuttis und Tobias Hartmann. Eine Wiederholung wäre wunderbar, irgendwo im Archiv schlummern die alten analogen Tonbänder. Wo fängt man  an, wenn man Lust auf Nina Simone hat? Fast jeder hat Lieblingssongs im Ohr, wenn er den Namen hört, und fast allen, die Dokumente ihrer Live-Auftritte kennen, ist die Intensität, die Präsenz dieser Frau, in bester Erinnerung. Sie konnte unter die Haut ihrer Lieder schlüpfen, und stellte sie nie einfach nur in den Raum.  Fragen sie mal Nick  Cave!   Oder greifen Sie zu dem Buch, das sein langjähriger Weggefährte Warren Ellis geschrieben hat… Oder sehen Sie sich auf Apple + die  Doku „Summer of Soul“ (1969) an. Oder besorgen Sie sich die Märzausgabe von UNCUT! (m.e.)

 

 

 

 

„CAN you feel it?“ fragte Nina Simone die 40.000 Menschen, die sich auf einem schlammigen Fußballplatz in St. Jude, Alabama, einem Vorort von Montgomery, versammelt hatten. „Can you see it?“ Das waren Zeilen aus dem Song „Mississippi Goddam“, den sie geschrieben hatte, aber an diesem Abend im März 1965 klangen die Fragen, die sie stellte, eher optimistisch. Normalerweise begleitete sich Simone bei „Mississippi Goddam“ selbst am Klavier, aber es war unmöglich, ein so sperriges Instrument in das schlammige Feld zu schleppen, so dass ihre einzige Begleitung an diesem Abend ihr vertrauter Gitarrist und lebenslanger Mitarbeiter Al Schackman war, der ihren Gesang mit jazzigen Riffs untermalte. „Wenn wir als Duo spielten, waren wir nicht an den Rhythmus von Bass und Schlagzeug gebunden“, sagt Schackman heute. „Wir konnten in jede Richtung gehen. Das war für mich ein Highlight, mit Nina zu spielen. Mississippi Goddam‘ ist ein ziemlich tiefgründiger Song, mit einer unheimlichen Unterströmung. Er klingt so fröhlich, aber dann fällt er in eine Moll-Tonart ab, mit Hunden, die an deinen Zehen knabbern.“

Diese Hunde hatten sie schon den ganzen Tag geknabbert. Simone, Schackman und ihr Ehemann und Manager Andy Stroud waren mit einem kommerziellen Flug nach Montgomery geflogen, aber der Gouverneur hatte den Flughafen mit Feuerwehrautos blockiert, so dass sie nach Jackson, Mississippi, umgeleitet werden mussten. Unerschrocken charterten sie ein kleines Flugzeug für die letzte Etappe ihrer Reise. In Alabama standen sie unter ständiger Bewachung durch Bundesmarshalls. „Wir mussten durch eine Polizeikette laufen, um zur Bühne zu gelangen“, sagt Schackman, „und Nina schrie nur: ‚Geht mir aus dem Weg! Sie war unglaublich.“

In den Wäldern jenseits der Felder befanden sich Mitglieder des Klan und sogar örtliche Ordnungskräfte, die alle bereit waren, Ärger zu machen, wenn sich die Gelegenheit ergab. Schackman erinnert sich an ein noch viel bedrohlicheres Zeichen, als er seinen Verstärker und seine Gitarre aufstellte: „Die Bühne war aus Sperrholzplatten gebaut. Ich suchte nach einem Platz zum Anschließen. Einer von Belafontes Musikern sagte mir, ich solle unter dem Vorhang nachsehen. Ich hob ihn hoch und sah all diese Särge! Die Bühne war auf Holzsärgen aufgebaut, die ein örtliches schwarzes Beerdigungsinstitut gespendet hatte. Ich erzählte Nina davon, und sie sagte, diese Särge seien für die ganzen Hinterwäldler.

Vielleicht war es das Holz all dieser Särge, das „Mississippi Goddam“ an diesem Abend noch kraftvoller klingen ließ. Wie die Bühne selbst war auch der Song auf den Toten aufgebaut: Simone hatte ihn nach der Ermordung von Medgar Evers und dem Bombenanschlag auf die 16th Street Baptist Church in Birmingham geschrieben, bei dem vier junge schwarze Mädchen, nicht viel älter als ihre eigene Tochter, getötet wurden. Als sie das Lied 1964 in der Carnegie Hall vorstellte, sagte sie einleitend: „Dies ist ein Show-Tune, aber die Show ist noch nicht dafür geschrieben worden“. In Alabama machte Simone deutlich, dass die Show in Märschen, Demonstrationen und Konzerten geschrieben wurde.

 

 

 

 

(Am Vorabend von Simones 90. Geburtstag zeichnete Stephen Deusner in der März-Ausgabe der Zeitschrift „Uncut“ ihren Weg von den Folkclubs in Greenwich Village bis hin zu ihrem Aufstieg als Hohepriesterin des Soul nach. Dies war nur die Eröffnung. Derzeit ist die Märzausgabe in den meisten gut sortierten Bahnhofszeitschriftenläden zu bekommen. A joy to read, and more joy to listen to – afterwards.)  

 

„Ich erinnerte mich auch an die Zeiten, in denen ich Nina Simone im Ronnie Scott’s oder auf der South Bank gesehen hatte und irritiert und sogar wütend war über die Distanz, die sie zwischen sich und ihrem ausschließlich weißen Publikum aufbaute, was sich in Anfällen von Schroffheit und Grobheit äußerte, die man gemeinhin dem Temperament einer Diva zuschreibt. Sie in einem Park in Harlem zu sehen, wie sie sanft das brandneue „To Be Young, Gifted and Black“ zu ihren Leuten singt, so zentriert, so gelassen schön in ihrem afrofuturistischen Haar, ihren Gewändern und ihrem Schmuck, ließ mich diese Reaktionen von vor über 30 Jahren beschämt zurückweisen. Sicher, ich liebte die Musik in Summer of Soul, aber ich kam auch aus dem Kino in eine laue Londoner Nacht, in der ich über vieles nachdenken musste.“

(Richard Williams über „Summer of Soul“)

2023 17 Feb.

„The Banshees of what?“

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Pádraic: How’s the book?
Siobhán: Sad.
Pádraic: Sad? You should read a not sad one, Siobhán, else you might get sad.
Siobhán: Mm.
(pause)
Siobhán: Do you never get lonely, Pádraic?
Pádraic: Never get wha?
Siobhán: Lonely.
Pádraic: (mutter in annoyance) No. “Do I never get lonely?” What’s the matter with everybody?

 

 

 

 

 

Komik an der Oberfläche. Anfangs. Gar Dorfbewohnertrotteligkeit. Eine abgelegene Insel, westlich vom irischen Festland, wo der Krieg eingezogen ist. Was die Schrulligkeit, den kauzigen Humor angeht, auch die Musik, fühle ich mich an Local Hero erinnert.  Auch da gab es eine tiefe melancholische Textur. Und die wird immer möchtiger im Laufe der Zeit. Ein grosser kleiner Film.  Die Kamerafahrten  tragen dazu bei, den tieferen Sinn von McDonaghs Fabel zu enthüllen. Oft sehen wir Pádraic von außen, wie er durch das Fenster in Colms Haus oder in den Pub späht und nach Colm sucht. Der arme Pádraic ist nun ein unerwünschter Außenseiter, zurückgewiesen und isoliert, eine Reminiszenz an ähnliche Einstellungen in Bressons Tagebuch eines Landpfarrers. Oder die Metapher der Banshee, des Omen des Todes, verkörpert durch Mrs. McCormick, deren unheimliche Erscheinung die allgegenwärtige Bedrohung durch die Sterblichkeit veranschaulicht, genau wie der Sensenmann in Ingmar Bergmans Das siebte Siegel. Und ein Spur von rumhängen umd warten auf Godot sowieso. All diesen subtilen Anspielungen zum Trotz, ein wunderbarer, verstörend-eigensinniger Film. Thumbs up. War für etliche Oscars nominiert, ging leer aus. Oscars werden sowieso überschätzt. Der Soundtrack bekommt von mir einen Artur. Watch the animals!

(disney plus)  

(mrs.ripple & m.e.)

2023 15 Feb.

Two kinds of blue

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This is fascinating. One album that grows more and more with time (first encounter lingering), the other one catches immediately (old love never dies – bringing back memories of tropical London, 1990, meeting Jon in South Kensington). The former is Lucrecia Dalt‘s take on South American traditions, „!Ay!“ (2022, The Wire‘s album of the year), songs, bass, electronics, and all, the latter Jon Hassell‘s double vinyl, called „Psychogeography“ (just released), Jon‘s reworking of studio and home recordings of materials and improvs from the days of 1990’s „City: Works of Fiction“. The sound is ace. Sketches, the gift of special moments, some shots in the dark. Two records, two kinds of blue, very fine. Excellent pressing in the case of the Jon’s Ndeya edition with inspiring liner notes by Hassell himself (track by track notes, and damn good ones!), Adam Rudolph and Jeff Rona. 

 

 

This album, „Douzième journée…“, remains one of the most vital early numbers on Crammed Discs, unfurling like the noirish score to a dark thriller set in their native Brussels. It was Benjamin Lew’s first recording, and an early example of Steven Brown’s work in Brussels, where he settled after his band Tuxedomoon toured Europe the year prior. Lew & Brown clearly found a muse in each other, and modestly proceeded to craft this ponderous album of spare airs and ætheric suggestion, dematerialising a palette of Brown’s sax, organ and piano thru Lew’s analog synth, drum machines and tape tekkers to realise a richly intoxicating sound on the cusp of many styles, but beholden to none. (BOOMKAT)

 

La Bretagne que j’ai découverte n’avait rien à voir avec le charme pitoresque des polars bretons si populaires actuellement, qui sont bien sympathiques et font par ailleurs tellement de „placement de restaurant“ que l’auteur de cette série est sans doute un hôte bienvenu partout dans la région. Quelques brèves rencontres chaleureuses, entre les phares, les vieilles rues de village, et le centre-ville de Rennes, cela m’a suffi pendant ces quelques jours qui avaient plus à voir avec la méditation qu’avec une grande convivialité. En fin de compte, j’ai eu plus de contacts avec des chiens errants sur la plage (et les conversations avec les chiens étaient plus longues que celles avec des personnes rencontrées par hasard). La seule exception a été mes deux heures passées dans une crêperie avec un tourne-disque. Le souvenir du merveilleux disque „Douxième journee“ a pris vie lorsque j’ai lu une vieille interview de Marc Hollander. Et les atmosphères de l’album sont si aventureusement insaisissables, placées si près entre la texture du rêve et l’éveil, qu’elles feraient la meilleure bande-son pour ces rivages solitaires. Et ce qui m’a le plus surpris, c’est à quel point je me suis souvent senti sacrément vivant ici, face à une nature qui nous survit à tous.

 

2023 9 Feb.

Die Inszenierung eines Klassikers

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Es gab schon etliche Projekte, bei denen Künstler klassische Alben – von Sgt. Pepper bis Dark Side Of The Moon, von Kind Of Blue bis OK Computer – originalgetreu gecovert haben, wobei sie die vorhandenen Melodien und Akkorde respektvoll umsetzten. Bitches Brew, das bahnbrechende Doppelalbum von Miles Davis aus dem Jahr 1970, das regelmäßig in Umfragen zu den besten Alben aller Zeiten auftaucht, ist eine kanonische Veröffentlichung, die sich einer solchen Behandlung widersetzt. Bislang. Es ist keine Platte, die man transkribieren und auf Punkte auf einer Seite reduzieren kann. In der Tat wäre es schwierig, irgendetwas davon zu summen. Ihr Wesen liegt in der unorthodoxen Wahl der Klänge – effektbeladene Fender-Rhodes-Pianos, Bennie Maupins grollende Bassklarinette, das schockierende, nicht tonale Heulen von John McLaughlins dissonanter Gitarre. Bitches Brew ist auch das Ergebnis einer ganz besonderen Methodik: Musiker improvisieren frei über einem dichten, dissonanten „Gebräu“. Die Akkorde ändern sich kaum. Melodien oder Riffs werden selten wiederholt. London Brew ist eine „Neuinterpretation“ des Bitches Brew-Albums, die vom Produzenten Martin Terefe zusammengestellt wurde. Der alte Schwede versammelte mehrere britische Spitzenjazzer, um das 50-jährige Bestehen von Bitches Brew zu feiern. Diese Musiker sind zwar mit amerikanischem Jazz aufgewachsen, haben sich aber oft von diesem abgesetzt und Anleihen bei karibischer, westafrikanischer, südafrikanischer und indischer Musik sowie bei der britischen Clubkultur gemacht. Das ist der Grund, warum diese Version von Bitches Brew einen deutlichen Londoner Akzent hat. Interessanterweise fehlen einige der wichtigsten Stimmen des Originalalbums. Zum Beispiel gibt es keine Trompete (eine kluge Entscheidung, keine Frage!). Die Hauptinstrumente sind die beiden Tenorsaxophone von Nubya Garcia und Shabaka Hutchings, während die Tuba von Theon Cross Maupins Bassklarinette ersetzt. In der Rolle von McLaughlin spielt der Gitarrist Dave Okumu schwere, verzerrte Riffs, während wir anstelle von Joe Zawinul, Chick Corea und Larry Young Nick Ramm und Nikolaj Torp Larsen haben, die beide Rhodes und andere Keyboards spielen. So weit, so gut, die spannende Frage ist, wie aussergewöhnlich ist letztlich diese Inszenierung eines Klassikers? Werden neue Räume erschlossen, wird das ganze bloss virtuos und geschmackssicher auf die Bühne gebracht, will man das wieder und wieder hören, oder doch lieber baldmöglichst zum Original zurückkehren? VÖ: 31. März 

 

Wenn Jazzmusiker sich an Popklassiker ranmachen, habe ich meist ein ungutes Gefühl, und oft genug wird meine dunkle Ahnung bestätigt. Es wird edel, betont edel, es wird gepopswingt. Herbie Hancock hat einmal albumweise grosse Popsongs swingifiziert („New Standards“) – ermüdend, kaum besser als diese pompösen „classic nights“, in denen manch geschätztem Inhalt einer Jukebox mit klassisch geschulte Geschwelge zu Leibe gerückt wird. Peter Gabriel inszenierte vor Jahren auch mal grosse Lieder mit Klassik-Korsett – so löscht man das Feuer und bayreutifiziert das Ungebändigte. Man verlässt sich auf Gänsehautmelodien und brezelt sie auf mit dem „Apparatus Classicus“ – keinerlei Brechungen, nur Geschmacksverstärker aus Pavlovs Hundehütte!

 

Stunde 1

 

Jetzt also Brad Mehldau, und ein Album voller Beatles-Interpretationen. Gut, ich kenne erste zwei Songs davon, das Lied mit dem Walross, und den herrlich altmodischen Schlenker von Paul McCartney, „Your Mother Should Know“, aus der „Magical Mystery Tour“, tatsächlich der Beatles-Film, den ich, warum auch immer, von ihren „Lustspielfilmen“ am meisten mochte, vielleicht wegen dem Busfahrer Ivor Cutler (ein ganz spannender „storyteller“, und ich hatte fast Tränen der Rührung in den Augen, als ich an der South Bank eine zufällige Begegnung von Robert Wyatt, Alfie, und Ivor erlebte, bei der ich mich diskret zurückhielt. Ivor hatte unvergessliche Spuren auf Robert Wyatts „Rock Bottom“ hinterlassen – and he was such a lovely person (manchmal weiss man sowas auch aus medialer Distanz!). Ich schweife ab.

 

Stunde 2

 

Jedenfalls ist es eine Freude, Brads zwei „Klavierstunden“ zu lauschen. Der Moment, der mich besonders schmunzeln liess: wenn Brad über  „strangeness“ in etlichen späteren Songs der Beatles spricht, und wie unbehaglich er sich anfangs mit „I am the Walrus“ fühlte. Wie gut wird das Album wohl werden, das in der ersten Februarhälfte bei Nonesuch rauskommt – warten wir mal ab. Könnte mal zur Abwechslung ein richtig gutes Jazzopus voller Oldies werden – more sophisticated, please, than just „only tasteful“! Oder vielleicht am Ende doch nur eine ganz nette Geschichte?

 


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