Truman hatte Pech: ein Crash. Blaulicht. Schrille Töne. Eine Dysbalance mal wieder … Schnell ein Stoßgebet gen Himmel geschickt und dann: Spuren sichern, Scherben sammeln. Überdruß und Zorn überkamen Truman bisweilen, dann las er Existentialistisches und hörte tagelang nur düstere Musik. Doch nach dieser Schrecksekunde suchte er ein Lied mit einer sanften Gegenenergie. Aus seiner Erinnerung tauchte eine in schwungvollem Rhythmus gekleidet Verszeile auf: Drove my chevy to the levee, but the levee was dry. Eine im Uptempo-Beat erzählte Geschichte vom Tag, an dem die Musik starb. Damals in den Achtzigern hatte er das Lied oft im Radio gehört, wenn er mit seinem Käfer über Land fuhr und kleine Fluchten suchte – er fand es allerdings bedenklich, dass die apokalyptische Schwermut dieses Sängers ihn dermassen ansprach. War er selbst todessüchtig, gar todesgetrieben? Gab es den Todestrieb denn überhaupt? Den Song betreffend wollte Truman aber die Wahrheit wissen. Und die Songfakten belegen, dass auch ein amerikanischer Zeitungsjunge nicht seinen besten Tag erwischte an jenem Februarmorgen im Jahre 1959, als er die Nachricht auf der Treppenstufe las: „Buddy Holly, Ritchie Valens and The Big Bopper – killed in a plane crash after a concert!“ Wen wunderts, wenn dann dem genialen Wurf, aus dem Moment heraus den grossen Hit zu landen, oft die Tragödie folgt, dass man mit dem Ruhm nicht fertig wird oder bestenfalls als Crooner eigene Lieder bis ans Ende seiner Tage singt. Truman zumindest wunderte das nicht.
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2013 19 Aug.
Trumans Trauma
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Trauma | 7 Comments
2013 14 Aug.
Wanderung und Methode
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Michel Serres, Philosophica | 2 Comments
„Schlagen Sie sich seitwärts. Behalten Sie die wiedererkennbare Methode oder die Methoden in der Hinterhand, für den Fall, dass Krankheit, Mißgeschicke oder Ermüdung Ihnen zu schaffen machen; aber begeben sie sich wieder auf die Wanderung. Erkunden Sie den Raum wie eine Fliege, die durch die Luft schwirrt, wie ein Hirsch, den das Gebell aufschreckt, wie ein Spaziergänger, den die an den komfortablen Plätzen umherstreifenden Wachhunde immer wieder vom gewohnten Weg abbringen. Sehen sie sich Ihr eigenes Elektroenzephalogramm an, das in alle Richtungen ausschlägt und über das Blatt Papier streift. Irren Sie umher wie ein Gedanke, lassen Sie Ihren Blick in alle Richtungen schweifen, improvisieren Sie. Die Improvisation setzt den Gesichtssinn in Erstaunen. Sehen Sie in der Unruhe Reichtum, in der Sicherheit Armut. Verlassen Sie den Gleichgewichtszustand, die sichere Spur des Pfades, streifen Sie über die Wiesen, von denen die Vögel auffliegen. Im Französischen gibt es einen Ausdruck dafür: débrouillez-vous, befreien Sie sich aus dem Gewirr, sehen Sie zu, wie Sie zurechtkommen. Der Ausdruck unterstellt einen verwirrten Strang, eine gewisse Unordnung und jenes vitale Vertrauen in das Unerwartete, das für Naive, Einzelgänger, Verliebte oder Ästheten typisch ist, bei voller Gesundheit.“
Der obige Textauszug stammt von Michel Serres, aus seinem Werk Die Fünf Sinne – für mich einst grundlegende, inspirierende Lektüre, um der Psychologie den Rücken zu kehren und die Liebe zur Philosophie zu entdecken – vielleicht auch deshalb, weil philosophische Texte einerseits um Sinnstiftung bemüht sind, ihnen aber auch etwas Spielerisches innewohnt und sich die Philosophie entdecken lässt wie eine Landschaft. So wirkt auch Michel Serres´ Schreibstil: man kann seine Texte auch als Ermutigung zum Selber-Schreiben und Selber-Denken lesen, so wie der Leser ja auch selber wandert und umherschweift, sich Gedanken macht. In tentativen Sätzen und Beschreibungen versuchsweise sich herantastend, offenlassend, andeutend, in einer Mischung aus Klartext und Poetik, fein gewoben und von ganz eigenem ästhetischen Reiz: das ist genau der Stoff, aus dem kontrollierte Ekstasen sind.
Wer nach der Action-Zeit ereignisreicher Tage Musik zur Entspannung sucht, sich aber mit den herkömmlichen Chillout-Angeboten schwertut, in denen einem stressende Langeweile tranig in die Ohren säuselt, der mag zurückgreifen auf anregendere Angebote auf diesem Sektor. Klaviertrios beispielsweise – und vorzugsweise in den Studios des Labels ECM veredelt – eigenen sich bestens, auch wenn man angehörig solcher Klänge nicht gerne von Funktions-Musiken spricht. So ist es denn geschehen: beim Zappen durch die Dateien des MP3-Players – als säße man vorm Radio auf Sendersuche – bleibt man dann beim Passenden hängen und lässt sich flugs bezaubern. Das Giovanni Guidi Trio war es dieses Mal gewesen, und hier und jetzt auch nur ein Wort dazu: wunderbar.
„Wir sind.“ (H.-P. Hempel, Alle Menschen sind Buddha)
Ein Yogalehrer, der auch ein Buch über Heidegger und Zen schrieb, lehrte Politikwissenschaften – vereinte quasi die Topoi Yogi und Kommissar in sich (deutlicher noch tat das allerdings Special Agent Dale Cooper in der Kultserie Twin Peaks). Und so wartet Hans-Peter Hempels 2002 bei Reclam erschienenes, derzeit leider vergriffenes Taschenbuch über die Grundlagen der Zen-Lehre weder mit esoterischen Halbwahrheiten noch mit verwestlichter Buddhismus-Romantik auf, sondern gibt im Verbund mit einer gehörigen Portion Kapitalismuskritik eine aufklärende Sichtweise auf aktuelle Misstände. Wenn auch im Tonfall stellenweise zu streng klingend, ist diese Lektüre doch von nachhaltigem Genuss. Man muss nicht Buddhist sein oder missionarisch veranlagt, um sich für diesen kompetenten Text über eine gelassenere Lebensweise zu begeistern, der Leerstoff bietet für die hohe Schule der Besänftigung.
2013 6 Juli
Textauswahl Mana-Buch (Jochen)
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
(Abbey Road, Fritz Wolle, Charlie Parker, Dichtonomie Jazz/Song)
(Zeit vor dem Internet, Neuer Headfone Amp)
(Little Feet, Englandtour, Roadmovie)
(Tiefsongtauchen, I sing the body electric)
05 Wodka gibt´s heut wieder nicht
(Zeit im Zahnarztwartezimmer)
08 Zwei Gesichter eines Standards
10 Ad infinitum
11 Der Philosoph Byung-Chul Han
14 Der Weckruf eines Schläfers
16 Michael Formanek – Small Places
18 Mark, Armando und die anderen
19 Das lange Warten auf Kenny Wheeler
20 Eine Peter Handke Biografie
22 Dance
23 João Bosco – ein Sänger aus Minas Gerais
26 Tim Berne´s Bloodcount: The Paris Concert
27 Tonios Wette
29 Kontemplation im Hühnerstall
32 Latin Lover
41 Iguana Song
42 Ad infinitum

Bekenntnisse eines Verlierers lautet der Titel eines Essays, in dem ein bekannter, hier ungenannter Autor in leichter Ironie seinen grössten Irrtum bereut: immer nur die Wahrheit gesagt zu haben. Ein anderer Autor, derzeit Deutschlands jüngster lehrender Philosoph, erklärt mit luziferischer Leichtigkeit und gedanklicher Brillianz, warum es die Welt nicht gibt. Es gibt sie nicht!? Nein, weil sie in der Welt nicht vorkommt.
Doch der Reihe nach. Antonio Tschechov, Oberlehrer in der Unterstufe einer Hansestadt, hatte seinen Alltag satt. Er wagte es: ein Theaterseminar in Honolulu sollte Abwechslung bringen. Sprachs, flog. Und so gehören zu den aktuellen Highlights seines Luxus- und Lotterlebens neben zwischenzeitlichen Biking-Touren in die Berge von Hawaii (abends, wenn die Hitze etwas nachlässt) nun auch die Lektüre des Buches Warum es die Welt nicht gibt von Markus Gabriel und das Hören einer MP3 Datei von Lama.
Er kannte diesen Effekt schon, wenn in einen Schwarzweissfilm plötzlich Farbe kommt oder nach anfänglichem Rauschen plötzlich ein Sender klar zu empfangen ist. Ähnliches passiert ihm nun: er ist überrascht, weil er Qualität erkennt, in diesem Falle die von Lama – das ist brasilianisch und bedeutet „Schlamm“. Ein guter Nährboden, um daraus luzide Musik entstehen zu lassen.
Lama ist ein Trio, auf Lamaçal mit Chris Speed als Gast. Der ist im Duo mit einem zweiten Bläser immer noch am besten. Nie zuvor davon gehört, da wird gleich recherchiert. Tschechov geht ins Netz (auch auf Hawaii gibts Flatrates!): ein Herr aus Holland schrieb bereits was Gutes zu dem Album. Ansonsten gilt: Vieles ist wahr, was hier behauptet wird, nur Weniges gelogen. Und das vorzügliche Album Lamaçal findet sich vielleicht demnächst auf Bestenlisten wieder – in Holland und in Honolulu auf Hawaii.
Von unten schallt laute Reggaemusik herauf und dichter Marihuanaqualm zieht ins Zimmer. Trotzdem versucht Tschechov sich zu konzentrieren und seinen Text zu lernen. Es wird Shakespeare gespielt werden. Jemand liegt neben ihm auf dem Bett, kuschelt sich an ihn. „Antonio, hör mal! Trifft das nicht auch auf dich zu?“ flüstert die dunkelhaarige Schöne und liest aus einem Buch von Jorge Luis Borge, auf dessen Umschlag nur ein gelber Strich zu sehen ist und auf dem Everything & Nothing geschrieben steht:
„In ihm war niemand; hinter seinem Gesicht … und hinter seinen Worten, die üppig, fantastisch und wildbewegt waren, stand nicht mehr als ein kaltes Wehen, ein Traum, der von niemandem geträumt ward … Als er (Shakespeare) einige zwanzig Jahre alt war, ging er nach London. Instinktiv hatte er sich schon zu dieser Zeit angewöhnt, so zu tun, als sei er ein anderer, damit seine Niemandsverfassung nicht herauskäme; in London fand er einen Beruf, der für ihn prädestiniert war, nämlich den des Schauspielers, der auf der Bühne spielend so tut: als sei er ein anderer, vor einer Ansammlung von Leuten, die spielend so tun, als hielten sie ihn für einen anderen!“
2013 25 Juni
Abgebrannt
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Genazino, Literatur | Comments off
Wer an sich selbst das zunehmende Fehlen eines Nachklangs von Erlebnissen feststellt und heute schon vergessen hat, was erst gestern war, so als gäbe es nur eine ad hoc abgespulte, traumlose Gegenwart im Rhythmus von leidlichem Schlaf und getriebenem, überfordertem Wachsein, der mag sich in dem wiederfinden, was der Philosoph Byung-Chul Han schreibt, in seinem Duft der Zeit, oder dem e-book Bitte Augen schließen. Auch der Titel eines Buches des Frankfurter Schriftstellers Wilhelm Genazino bringt es auf den Punkt: Das Licht brennt ein Loch in den Tag. Der Erzähler dieser Geschichtensammlung ist beunruhigt, weil sein Gedächtnis ihn zunehmend im Stich lässt. Er versucht Abhilfe zu schaffen, indem er wichtige Erlebnisse mündlich oder in Briefen Freunden erzählt, um sie sich eines Tages dann bei Bedarf „zurückerzählen“ zu lassen:
„Liebe Anne, dieser Tage hat eine kleine Spinne den Weg in unsere Zuckerdose gefunden. Ich wollte sie sofort entfernen, aber dann fand ich Gefallen an ihr. Es sah hübsch aus, wie sie die Gipfel der Zuckerwürfel erklomm und dann Ausschau hielt nach etwas. Sobald meine Hand über der Dose erschien, verschwand das Tier im Gewinkel der Würfel. Nach kurzer Zeit tauchte es wieder auf und setzte die Suche fort. Da durchzog mich die Ahnung, dass ich weder das Zu-Hause-Sein noch das Verschwinden jemals beherrschen werde. Nach einiger Zeit wurde der Spinne das Herumsteigen zwischen den Zuckerwürfeln vielleicht langweilig; oder sie flüchtete sich vor dem Schatten meiner Hand über ihr. Jedenfalls erklomm sie den Dosenrand und verschwand quer über den Tisch. Ich sah ihr nach und dachte: Es gibt keine Flucht, keine Rettung und kein Heil, es gibt nur das Versteck und auch dieses nur vorrübergehend. Der Satz galt der Spinne, aber er beschwichtigete zugleich meine Ahnung. Würdest Du mich (bitte wörtlich) an ihn erinnern, falls ich eines Tages, wer weiß, die Geborgenheit unserer Wohnung überschätze oder mich nicht mehr an die Fehlgeborenheit aller Lebewesen erinnere? Ich hoffe, es geht Dir gut! W.“
2013 18 Juni
A Scene from Black Market
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
„The wind is in from Africa, last night I couldn’t sleep …“ (Joni Mitchell, Carey)
Open window, african heat. The strong and fluttering voice of a black woman down on the street sounds like from a black market. A recovering man in the mid-fifties, lying on bed in a first-floor-flat, listening to the voice below, is immediatly reminded of a song that has been one of his all time summer songs – that smells like teen spirit. When he heard it first in nine-teen-seventysix, he felt like beeing baptized, further on belonging to an exotic world, freed from white man’s cage, being an exotic nature himself: shifting and shivering.
2013 13 Juni
Halb und halb
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Genazino | Comments off
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„She moves in a half life – imperfect. From her place on the stairs, or sat in the backseat. Sometimes you’re only a passenger in the time of your life …“, singt Sänger David Sylvian. Snow White In Appalachia heißt der Song auf dem Album Manafon. Er erzählt davon, wie jemand sich im Halbleben umherbewegt, als ein Passagier in seiner eigenen Lebenszeit.
In Wilhelm Genazinos Roman Das Glück in glücksfernen Zeiten sieht der Protagonist, ein Philosoph namens Wahrlich, sein Begehren, nur „halbtags leben“ zu wollen, vom Kinderwunsch seiner sympathischen Freundin bedroht – und vom Arbeitsmarkt, der für flanierflüchtige Heideggerpromovierte keine Gnade kennt.
Auch der Philosoph Peter Sloterdijk verwendet in seinen Zeilen und Tagen mehrmals einen Begriff, der dem von Manafon und Genazino ähnelt: „Jeder Mensch in seiner Halbwelt, eingerollt in eine Hülle aus Gewohnheiten und Illusionen. Fotografien der Lieben auf dem Schreibtisch und im Adressbuch die Namen der Freunde, die seine Halbweltkomplizen sind.“
Hinzu kommen Einbildungen und das Kaleidoskop changierender Erinnerungen. Meine Gedanken sehe ich gerne in denen Anderer gespiegelt und verdeutlicht, aber mein Kopfkino ist oft wie ein auf Platos Höhlenwände projizierter Schwarzweißfilm. Wir zitieren gerne, halten uns an Sinnhaftem fest – und wir kommunizieren, um dem Tod zu entkommen, wie Byung-Chul Han schreibt. Halbleben in Halbwelten. Milles Plateaus? Nein, nur zwei Hälften.
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Durch das Setzen oder Erleben von Kontrasten wird die Wahrnehmung geschärft. Eine Plattitüde zwar, doch wahr. Die leisen Töne wirken umso mehr, wenn man die rauhen dagegen setzt. Wer etwa tagsüber in einer Theatergruppe mitspielt, dem gefallen abends die moderaten Zeilen des Schriftstellers Genazino umso besser, als anti-dynamisches und leicht eintrübendes Sedativum. Die Fähigkeit, das Naheliegende und Alltägliche präzise zu beschreiben, wird in Sätzen deutlich, die wie sanfter Südwind sind:
„Gegen meinen Willen beschleicht mich das vertrauteste Unbehagen: Daß mein Leben nicht so bleiben kann, wie es ist. Groteskerweise bin ich im großen und ganzen mit unseren Verhältnissen zufrieden … Dennoch habe ich den Eindruck, dass die ganze Zeit eine unhaltbare Sache abläuft: mein Leben. In den letzten beiden Monaten ist der innere Drang, mein Leben in neue Bahnen zu lenken, deutlich stärker geworden. Von dem Wunsch nach Veränderung geht ein Druck aus, dem ich fast wehrlos ausgesetzt bin, wie und womit ich irgendwelche Veränderungen herbeiführen könnte. Das ist nicht die ganze Wahrheit. Dann und wann zeigt sich ein winziger Hoffnungsschimmer, der eine Art Glanz in mir zurücklässt.“ (W. Genazino, Das Glück in glücksfernen Zeiten)



