Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2013 13 Jun

Halb und halb

von: Jochen Siemer Abgelegt unter: Blog | TB | Tags:  Kommentare geschlossen

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„She moves in a half life – imperfect. From her place on the stairs, or sat in the backseat. Sometimes you’re only a passenger in the time of your life …“, singt Sänger David Sylvian. Snow White In Appalachia heißt der Song auf dem Album Manafon. Er erzählt davon, wie jemand sich im Halbleben umherbewegt, als ein Passagier in seiner eigenen Lebenszeit.

In Wilhelm Genazinos Roman Das Glück in glücksfernen Zeiten sieht der Protagonist, ein Philosoph namens Wahrlich, sein Begehren, nur „halbtags leben“ zu wollen, vom Kinderwunsch seiner sympathischen Freundin bedroht – und vom Arbeitsmarkt, der für flanierflüchtige Heideggerpromovierte keine Gnade kennt.

Auch der Philosoph Peter Sloterdijk verwendet in seinen Zeilen und Tagen mehrmals einen Begriff, der dem von Manafon und Genazino ähnelt: „Jeder Mensch in seiner Halbwelt, eingerollt in eine Hülle aus Gewohnheiten und Illusionen. Fotografien der Lieben auf dem Schreibtisch und im Adressbuch die Namen der Freunde, die seine Halbweltkomplizen sind.“

Hinzu kommen Einbildungen und das Kaleidoskop changierender Erinnerungen. Meine Gedanken sehe ich gerne in denen Anderer gespiegelt und verdeutlicht, aber mein Kopfkino ist oft wie ein auf Platos Höhlenwände projizierter Schwarzweißfilm. Wir zitieren gerne, halten uns an Sinnhaftem fest – und wir kommunizieren, um dem Tod zu entkommen, wie Byung-Chul Han schreibt. Halbleben in Halbwelten. Milles Plateaus? Nein, nur zwei Hälften.

 

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Durch das Setzen oder Erleben von Kontrasten wird die Wahrnehmung geschärft. Eine Plattitüde zwar, doch wahr. Die leisen Töne wirken umso mehr, wenn man die rauhen dagegen setzt. Wer etwa tagsüber in einer Theatergruppe mitspielt, dem gefallen abends die moderaten Zeilen des Schriftstellers Genazino umso besser, als anti-dynamisches und leicht eintrübendes Sedativum. Die Fähigkeit, das Naheliegende und Alltägliche präzise zu beschreiben, wird in Sätzen deutlich, die wie sanfter Südwind sind:

„Gegen meinen Willen beschleicht mich das vertrauteste Unbehagen: Daß mein Leben nicht so bleiben kann, wie es ist. Groteskerweise bin ich im großen und ganzen mit unseren Verhältnissen zufrieden … Dennoch habe ich den Eindruck, dass die ganze Zeit eine unhaltbare Sache abläuft: mein Leben. In den letzten beiden Monaten ist der innere Drang, mein Leben in neue Bahnen zu lenken, deutlich stärker geworden. Von dem Wunsch nach Veränderung geht ein Druck aus, dem ich fast wehrlos ausgesetzt bin, wie und womit ich irgendwelche Veränderungen herbeiführen könnte. Das ist nicht die ganze Wahrheit. Dann und wann zeigt sich ein winziger Hoffnungsschimmer, der eine Art Glanz in mir zurücklässt.“ (W. Genazino, Das Glück in glücksfernen Zeiten)

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