on life, music etc beyond mainstream
Wenn der Phänomenologe in mir auf den inneren Schlendrian trifft, kann es mitunter zu Aha-Erlebnissen kommen, die der Barde Leonard Cohen nicht treffender besingen konnte: There’s a crack in everything, that’s where the light gets in. So kam es dann auch: ein über Wochen schleichendes Geräusch war nun plötzlich in lautes Krachen ausgeartet, wenn ich den Lenker bewegte. Vor Zeiten meinte ich mal zu N, es sei etwas völlig anderes, ob man sein Fahrrad im Laden kauft oder es selbst zusammenbaut. „Klar“, meinte der mit seinem künstlerisch eigenen Witz, der auch in seinen Bilder oft zur Geltung kam, „man steckt da selbst drin!“ Das oben gezeigte Foto könnte man vielleicht für ein ECM-Cover oder eines von David Sylvian halten, in Wirklichkeit zeigt es die vergrösserte Detailansicht jenes Fahrradteiles, das ich als Einziges noch nicht genauer inspiziert hatte, es mir also bislang sein Geheimnis (secrets of the beebike) verschwieg. „Ich will Aufmerksamkeit!“, sagte das Krachen nun unerbittlich. Maria, es hilft nichts: ein Anleitungs-Video angeschaut, den Steuersatz geprüft und ein Teil besorgt, bei dem es sich namentlich um den adäquaten Ersatz eines defekten Kugelringes handelt, dessen Lagerkugeln den Gabelschaft angeschrotet hatten. Inwieweit man damit noch weiter fahren kann oder ob mittelfristig die Gabel ausgetauscht werden muss, dazu werde ich das „ECM-Cover“ beizeiten einer Fachkraft vorlegen. Vorerst aber habe ich in diesem post listigerweise (foxes, foxes) Fahrradtechnik mit Musik verbunden. Man hätte natürlich auch etwas über das Neun-Euro-Ticket schreiben können, nur hätte das den alten Mann in mir unnötig aufgeregt.
Hinsichtlich anderer Hörgewohnheiten stellt sich nun die Frage, wie sich das Ganze neu sortiert. Referierend auf Norbert Bolz‘ Loblied des Spielens, ein immerwährendes Diktum von Lebensqualität, wäre es beispielsweise reizvoll, mithilfe der durch eine veränderte Hifi-Konstellation erworbene Tiefenschärfe, die noch den entlegensten Winkel des akustischen Klangraumes auskundschaftet, eine aktualisierte Rangordnung von Musikaufnahmen herzustellen. Diese wäre nun schlichtweg an ein einziges Kriterium gebunden, ähnlich wie man das auch von Fernsehserien kennt: Inwieweit versetzt mich das Rezipierte in einen Flow? Es fing schonmal gut an, als nach dem Anschluss eines neuen Cd-Players zufällig Magico – Carta de Amor des Trios Haden-Garbarek-Gismonti zur Hand war und einen schlichtweg wegfegte. Der norwegische Über-Saxofonist mit dem eingebauten Oskar-Matzerath-Effekt und hohem „Hallo Wach!“-Faktor wäre also schonmal eine gute Zukunftsinvestition für ein Portfolio weiterer Exkursionen. Kurzzeitig sorgte „Pulling Punches“ aus David Sylvians Debütalbum Brilliant Trees für ein Wiederaufflackern der Erinnerung (deja-entendu) an aufregende Entdeckungsjahre, als man sich wie ein Sohn von Pionieren fühlte: man kennt diese flashbacks, in denen Musik auch das Biografische wiederbelebt. Das Hauptinteresse gilt aber zweifellos dem Jazz. Fragte mich jemand „Hörst du gerne Jazz?“, dann wäre meine imaginäre Antwort „Yes, but preferably those mixed forms where borders are crossed towards Rock, Folk, Classic, Fusion or whatever!“ Gemeint ist eine Vorliebe fürs Hybride. Dass nun zufällig, nachdem sich auch Jarretts Whisper Not und Bernes The Sublime And als extrem hörenswert erwiesen, ausgerechnet ein Album, zu dem man nie so recht Zugang fand, nun zwischenzeitlich auf Platz eins der neuen Bolz-inspirierten Flow-Rangliste rangiert, ist schon erstaunlich. Das Flirrende, Freigeistige, mit dem der Jazz abhebt auf einem fliegenden Teppich, in Universal Syncopations wird es einmal mehr wahr. Vitous kommt von „virtuos“, mit DeJohnette, Corea, Garbarek und John McLaughlin wird er kongenial flankiert. Wenn man hernach bei einem guten Glas Chardonnay nach Teheran zurückkehrt und sich der schönsten israelischen Agentin aller Zeiten widmet, so schliesst sich alles nahtlos an.
2022 24 Mai
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: healing places | 5 Comments
2022 16 Mai
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Eigene Musik, looping | Comments off
„Hinter der vorgeblichen Abwehr von Angriffen Putin-Russlands auf die westliche Demokratie verbirgt sich ein globaler Konflikt um Märkte und Ressourcen und damit einhergehend um Führungsansprüche, Begehrlichkeiten und Bündnisse.“
(Yana Milev, Europa im freien Fall)
„Fuck the EU!“
(Victoria Nuland, US-Diplomatin)
Ich war sehr neugierig, wie S die Verhältnisse in Kasachstan und in der Ukraine sieht. Die junge Psychologin mit tatarischem Blut kam als Russlanddeutsche. Sie erzählt, Putin sei um Hilfe gebeten worden und habe bei den Unruhen in ihrer Heimatstadt im Februar als willkommener Schutzpatron geholfen. Die Stadt sei ein gefundenes Fressen für allerlei Banditen in den umliegenden Dörfern, eine stabile Lage ohne Direktive von oben sei nicht möglich. In den westlichen Medien würde oft ein verfälschtes Bild verbreitet hinsichtlich der Verhältnisse. Sie habe viele Freunde sowohl in Russland als auch in der Ukraine, es gebe viele Unvereinbarkeiten und Konflikte. In manchen Landesteilen sei es verboten, Russisch zu sprechen, was viele verstört hätte. S berichtete auch vom Anspruchsdenken vieler Geflüchteter, sie mögen doch bitte alsbald eine schöne Wohnung in Deutschland bekommen, das sei wohl selbstverständlich. Ihr selbst wurde das heimatliche Studium in Deutschland nicht anerkannt. Nun aber sollen Ukrainer:innen problemlos in den Arbeitsmarkt integriert werden. Schon vor dem Krieg gab es in deutschen Großstädten zu wenig bezahlbaren Wohnraum, auch für Deutsche. Warum habe man sich nicht dort schon intensiv um diese missliche Lage gekümmert? Eine andere Frage sei die Bewertung, wer letztendlich der Kriegstreiber sei. Stecken die USA dahinter, denen eine Allianz aller Staaten auf dem europäischen Kontinent, also der Allianz von Russland und Europa, langfristig zu mächtig wäre? Sind wir hier in Deutschland etwa ein Spielball der Amerikaner? Ich habe Anton Hofreiter und Marieluise Beck lange und freundlich zugehört. Mir scheint, sie sind etwas einseitig orientiert. Die Bildzeitung mutiert zur Kriegstreiberpresse. Olaf Scholz wurde Besonnenheit als Schwäche angelastet. Mehr Waffen in die Ukraine hiesse Feuer machen im Kamin. Cui bono – wem nützt es? Dass Putin eine persona non grata geworden ist, ein Kriegsverbrecher und Massenmörder, der nicht mehr an einen Verhandlungstisch gehört, klare Sache. Klar ist ebenso, dass Deutschland kein Interesse hat, das gesamte russische Volk als seinen Feind zu sehen. Ich selbst mag das Wort „Interessenspolitik“, für mich persönlich als Manager meiner eigenen Angelegenheiten und auch für mein Land. Meine Meinungsbildung befindet sich in einem stetigen Prozess, ich höre anderen gerne zu, versuche mir ein Urteil zu bilden mittels mehrwertiger Logik. Peter Sloterdijk erwähnte einst Gotthart Günther, den Erfinder des ersten Computers, als einen wichtigen Einfluss. Jenseits des starren Entweder-Oder entfalten sich Grautöne, Nuancen und Zwischenbereiche: der Ort, an dem man selber denkt. Den rigiden Behauptungen vieler Querdenker (beispielsweise der, wir seien alle fremdgesteuert) halte ich gern mal mit Herrn Grönemeier entgegen: „Hör auf mit der Laberei, wir feiern hier ’ne Party und du bist nicht dabei!“
Es war damals ein regnerischer Sonntag gewesen und das Wochenende wieder viel zu kurz, die Drohkulisse einer kommenden Stresswoche mit unliebsamen Überstunden baute sich auf. Um noch etwas „rauszukommen“, fuhr ich frühnachmittags mit dem Wagen blind drauflos, parkte dann neben dem Restaurant Zorba the Buddha und blickte auf den Weissekreuzplatz. Ich stellte das Radio an und den Scheibenwischer ab. Es lief gerade ein Feature über Samuel Beckett, ich lauschte wohlig. Ein Satz dann hinterließ prägenden Eindruck: „Wehe dem, der Symbole sieht!“ Das bin ich, so will ich sein, jubilierte eine innere Stimme. Irgendwann später, als dann der TV-Pastor Jürgen Fliege und seine Talk-Gäste einhellig im Chorus kundaten, wie wichtig es sei, nur geklärtes Wasser zu trinken: da war ich längst anti-esoterisch trinkfest geworden, dank Beckett. Nun muss ich wieder daran denken, weil ich mich frage (und „Fragen“ ist ja wichtig), inwieweit man den Theorien des Historikers Daniele Ganser folgen sollte. Ich las seinen Essay im Band Europa im freien Fall, in dem er zu den Vorgängen rund um den Maidan Stellung bezieht, vertrauenswürdig exponiert neben einem Sloterdijk-Vortrag zur digitalen Hörigkeit Europas gegenüber den USA. Das liest sich gut, erinnert in seinem Schreibstil mit kurzen und direkten Sätzen, nachvollziehbar und nicht künstlich intellektuell aufgebläht, an Byung-Chul Han und den von mir einst geschätzten Frank Schirrmacher. Und doch, ein Hintergrundgrummeln bleibt. Ist suggestive Überzeugungskraft im Spiel? Symbolik plus Sektiererei und schon ist man Mitglied eines Vereins? Bis auf Weiteres bevorzuge ich die feine Art des Inspektors Columbo: „Ah, verstehe, das macht Sinn!“ Um dann im abgetragenen Lodenmantel auf dem Hacken kehrt zu machen: „But excuse me, Mister, I got one more question …“.
2022 24 Apr.
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Verschwörungsglaube | 11 Comments
„In Betracht der Freiheit ist das Geschäft der Historiker noch immer dasselbe wie das der Inquisition: die Ausrottung. Es ist gerade nicht das Mißverständnis, das tödliche Konsequenzen hat, sondern das faktische Besserwissen.“
(Dietmar Kamper, Der Augenblick des Ketzers)
Diskurse umschwirren mich wie Motten das Licht. Es gibt den Topos von der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Dem zufolge buhlen in digital-medialen Zeiten Inhalte um die Gunst des Rezipienten und Sender rufen in der Wüste: „Empfänger verzweifelt gesucht!“ Dies gilt auch und besonders für Verschwörungstheorien. Ausgerechnet in einer Satiresendung meines Vertrauens fand sich ein Gedanke expliziert, den meine Wenigkeit zuvor schon vage ausbaldowert hatte und deshalb in meinem mentalen Kosmos auf Resonanz stiess: dass nämlich diesem ganzen Problem der Querdenkerei eines der Aufmerksamkeits-Ökonomie zugrunde liegt. Die gesamte Szene nimmt im Verhältnis zu ihrer Relevanz viel zu grossen Raum ein. Was interessiert es mich, von wem einst John F. Kennedy „tatsächlich“ ermordet wurde? Was interessiert es mich, wie die Türme des World Trade Centers „in Wirklichkeit“ zu Fall kamen? Pigalle, Pigalle, das ist die grosse Mausefalle von Paris: sich nämlich überhaupt mit derlei Dingen zu beschäftigen. Viele Sachverhalte im Kontext inquisitorisch-historischer Faktenlaberei sind nämlich marginal, sie lenken unnötig ab. Zudem zeigt sich bei jenen, die vorgeben, sie würden hinter den Vorhang schauen, selbst ein Verhalten, das eigentlich nach aussen hin bekämpft werden sollte: notorische Besserwisserei. Ganz im Sinne des Tao gefiel es mir ja immer, wenn der Geist spielerisch und frei umherschweift, auch in der Kunst. Traue niemandem, der sie nicht mag: er kann nämlich zwischen den Zeilen weder wandern noch lesen. Und die wunderbare Luisa Neubauer bringt es in einem dreistündigen Interview auf den Punkt: „Choose your fights!“ Man muss nicht angesichts jeglichen Schwachsinns gleich zur rechtfertigenden Gegenargumentation aufrüsten. Oft hilft schon der stille Entzug.
2022 18 Apr.
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Euphoria | 3 Comments
Bekannt ist der Begriff vom „inneren Kind“. Schaut man sich die Serie Euphoria an, kommt man in Tuchfühlung mit dem „inneren Jugendlichen“: etwas kommt in Schwingung, das du selber warst, zum Teil. Du wirst teilhaftig, haftest an: Spiegelstadium. Auch ein Senior im Strom der Zeit erinnert sich, mit einem Restbetrag an Einbildungskraft begabt, wie weit der Zukunftshorizont einst war, wie bedrückend Ängste, Zwänge und wie gross die Lust an Selbstentdeckung. Das Biotop norddeutscher Jugendjahre unterschied sich allerdings von der heutigen high school reality der von Drogen, Sex und Internet affizierten Teenager in einem Vorort von Los Angeles, mit dem enormen Druck permanenter Selbstdarstellung. Leicht verfügbare Opiate und eine beständige Online-Parallelwelt via Smartphone waren auch nicht gerade Gegenstand eines Lebensgefühls, als man dereinst in Landkommunen beschaulich unter Apfelbäumen Bücher las, während aus strohdachgedeckten Bauernhäusern Klänge von Codona, John Martyn und Andreas Vollenweider kamen. In der Serie Euphoria ertönt vorzugsweise Hiphop-Musik, leichte Assoziationen zu Fellinis La Dolce Vita, zu Quentin Tarantino, diese typisch mit Eros und Gewalt vermengte dralle Bildästhetik, auch zu Stanley Kubrick kommen auf. Ein synergetischer Einklang aus Handlung, Charakteren, Optik und Soundtrack scheint mittlerweile Standard guter Serien zu sein. Ein durchgehender Handlungsstrang fehlt weitestgehend in Euphoria, Situationen und Sensationen spriessen ekstatisch auf wie Blüten, man berauscht sich an Momenten, teilweise überkoloriert wie visuelles LSD: eine Serie, die von Drogen handelt, und selbst wirkt wie eine solche. Man muss es mögen, vor allem aber muss man dort hinein gelangen. „Dieser Zugang ist allein für dich bestimmt!“ würde Franz Kafka sagen. Über dem Eingangstor stände in grossen Lettern „Empathie“ geschrieben.