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2022 18 Apr

Euphoria

von: Jochen Siemer Filed under: Blog | TB | Tags:  3 Comments

Bekannt ist der Begriff vom „inneren Kind“. Schaut man sich die Serie Euphoria an, kommt man in Tuchfühlung mit dem „inneren Jugendlichen“: etwas kommt in Schwingung, das du selber warst, zum Teil. Du wirst teilhaftig, haftest an: Spiegelstadium. Auch ein Senior im Strom der Zeit erinnert sich, mit einem Restbetrag an Einbildungskraft begabt, wie weit der Zukunftshorizont einst war, wie bedrückend Ängste, Zwänge und wie gross die Lust an Selbstentdeckung. Das Biotop norddeutscher Jugendjahre unterschied sich allerdings von der heutigen high school reality der von Drogen, Sex und Internet affizierten Teenager in einem Vorort von Los Angeles, mit dem enormen Druck permanenter Selbstdarstellung. Leicht verfügbare Opiate und eine beständige Online-Parallelwelt via Smartphone waren auch nicht gerade Gegenstand eines Lebensgefühls, als man dereinst in Landkommunen beschaulich unter Apfelbäumen Bücher las, während aus strohdachgedeckten Bauernhäusern Klänge von Codona, John Martyn und Andreas Vollenweider kamen. In der Serie Euphoria ertönt vorzugsweise Hiphop-Musik, leichte Assoziationen zu Fellinis La Dolce Vita, zu Quentin Tarantino, diese typisch mit Eros und Gewalt vermengte dralle Bildästhetik, auch zu Stanley Kubrick kommen auf. Ein synergetischer Einklang aus Handlung, Charakteren, Optik und Soundtrack scheint mittlerweile Standard guter Serien zu sein. Ein durchgehender Handlungsstrang fehlt weitestgehend in Euphoria, Situationen und Sensationen spriessen ekstatisch auf wie Blüten, man berauscht sich an Momenten, teilweise überkoloriert wie visuelles LSD: eine Serie, die von Drogen handelt, und selbst wirkt wie eine solche. Man muss es mögen, vor allem aber muss man dort hinein gelangen. „Dieser Zugang ist allein für dich bestimmt!“ würde Franz Kafka sagen. Über dem Eingangstor stände in grossen Lettern „Empathie“ geschrieben.

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3 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Wunderbar beschrieben.

    Das ist auf SKY zu sehen. Den Magnetismus dieser Serie konnte ich nach zwei Folgen schon verspüren, aber ich war in der Woche eher auf anderen Zeitreisen unterwegs. Den Schlüssel zum Eingangstor habe ich aber mal sorgsam zur Seite gelegt. Den Zugang zu anderen Stunden möglicherweise tiefer Empfindungen werde ich nie finden, ob es nun Lutherchöre, der Isenheimer Altar oder U2-Alben sind.

    Da gibt es Grenzen, die rein psychoallergischer Natur sind 😉

  2. Michael Engelbrecht:

    Meine beliebteste Serie derzeit ist auf DVD zu erleben oder bei Amazon Prime:

    CALL MY AGENT

    Vier Staffeln a sechs Folgen

    Als wäre ein mit komödiantischer Ader ausgestatteter Francois Truffaut 2.0 zurückgekehrt und hätte diese Serie aus dem sehr französichen Leben einer Schauspieleragentur angedreht: witzig, überfliessend, melancholisch, urkomisch.

    Herzzerreißend die Schlusszene der sechste Folge der ersten Staffel: die grand old lady der Agentur (mit ihrem Hund Jean Gabin) und die Powerlesbe der agency (absolut brilliant, hohe manipulative Begabung, und dann doch romantisch verliebt – alle wirken hier selbst in der Zuspitzung echt und alive and kicking a la francais) gehen über eine dieser berühmten Seine-Brücken von Paris und reden von ihrer Lust auf Kino.

    Ganz grosses Kino, oder, anders gesagt, ganz grosses Fernsehen!

  3. Ursula Mayr:

    Danke für den Tip, kannte ich noch nicht.

    Aus den umliegenden Häusern erklangen zu meiner Zeit aber eher Ernst Mosch und die Egerländer Blasmusikanten. Oder eher noch die Fischbachauer Dirndln. Der Dachauer Viergesang. Aus der Wirtshausküche gegenüber dann Geschirrgeklapper und Schnitzelklopfen. Passte aber auch ins Dekor der Münchner Mietshäuser mit ihrem permanenten Wirsing – und Bohnerwachsmief. Die High – schoolwelt ist mir sehr fern …


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