Manafonistas

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Der Tag an dem Robert Wyatt im Briefkasten versank (Teil 2)

 
 
Dieses Technogewummer … okay, mag sein, ich bin ungerecht, aber die Nachbarn mit dem, was sie Musik nennen, sie gehen mir so auf die Nerven. Der Schmerz ist umso größer, weil die Wyatt-CD immer noch im Kasten liegt und es keine Chance gibt, sie zu befreien, solange der Besitzer der Wohnung den Schlüssel zum Kasten nicht an die Geschäftsstelle von Inter-Holidays geschickt hat.

… da fällt mir ein, neulich im Kino … also da hat sich so ein Programmkinofilm in ein Massen-Max verirrt und ich gehe extra noch am frühen Abend hin …, aber es nützt nichts, da kommen sie schon, schreiend, gröhlend mit XXXL Behältern, randvoll gefüllt mit stinkendem Popcorn, eineinhalb Liter Cola-Kelchen, so ein Kino-Menu eben und machen es sich doppeltsitzbreit gemütlich und schon geht die Sauferei und Fresserei los. Der Hauptfilm, gerade eben begonnen, spielt eigentlich keine Rolle, jau, da kommt ein Freund um die Ecke, klettert über uns alle unentschuldigt hinüber, gelangt zu den Freunden – herzliches Willkommen, Küsschen beidseitig, endlich lümmelt man sich bequem in die Sessel, als eines der Handys in irgendeiner Hose Ton gibt und nach Beachtung schreit. Ja, man sei im Kino, … doch … man habe angerufen, …, nein, man wolle niemanden ausschließen, …, nein, mit dem Film habe das alles nichts zu tun, …, doch man würde ihn vermissen, …, okay, morgen gegen Abend, …, bis dann, …, nein, …, bestimmt nicht, …, also, … wie?, …, ja doch, …, tschau.

Der ganze Film wird mir versaut, dauernd wird telefoniert oder man muss aufs Klo, was bei diesen Riesengetränken ja auch kein Wunder ist und der Film? Dafür scheint sich keiner zu interessieren. Was lernen wir daraus? Ich werde, außer in Programmkinos, nicht mehr in ein normales Lichtspieltheater gehen können. Allein das Wort „Lichtspieltheater“ …, diesem Wort von vorvorgestern, in ihm findet sich doch noch das Wort „Theater“, das heißt eben: nur dem Pünktlichem wird Einlass gewährt und Sprechen während der Vorstellung … unmöglich, geschweige denn zwischendurch aufs Klo abschwirren, das geht ja gar nicht.

Das Technogewummer in der Nachbarwohnung wird unerträglich, eine gute Idee wäre: ein schreiender Impuls meinerseits. Obwohl es mir schwerfällt, Musik zu missbrauchen, ja geradezu zu instrumentalisieren, in diesem Fall geht es nicht anders. Ich hole meinen Ghettoblaster – zur Sicherheit mitgenommen, hätte ja sein können, dass es in der Ferienwohnung an musikalischer Grundausstattung fehlen könnte – und lege die neue Jan Bang auf, And Poppies From Kandahar, das wird sie in Grund und Boden knicken. Voll aufgedreht und tatsächlich: die Wirkung ist perfekt, des Nachbars Musik wird auf ein erträgliches Maß, zumindest für die nächsten 20 Minuten, zurückgefahren.
 
 
 

 
 
 
Und wie schön es jetzt wäre … die neue Wyatt-CD zu hören, gar nicht dran zu denken. Schade, dass ich nicht wenigstens meine erste Wyatt-Platte auf CA überspielt oder CD gebrannt mit in diesen Urlaub genommen habe … 1983, dreißigjährig damals, hatte ich sie mir mit neun Jahren Verspätung gekauft und war einfach hin und weg, platt, einfach im Himmel, was für eine un-gehörte Musik. Was für ein Aufwand das damals darstellte, eine auch nur etwas ungewöhnlichere Platte zu kaufen. Das bedeutete, 38 Kilometer in die nächste Kreisstadt zu fahren, mit dem Plattenverkäufer zu verhandeln, der bei den ersten rund 25 Platten, die ich bei ihm bestellt hatte, durchaus Jagdinstinkte gezeigt und mit gewissem Stolz mir die schwieriger zu beschaffenden Platten überreichte hatte. Ob er denn bereit wäre, nach der Wyatt-Platte zu fahnden. Je nach Stimmung tat er das und bemühte sich oder aber er ließ es unter Nennung irgendwelcher Ausflüchte eben bleiben. Aber diese meine erste Wyatt-Platte, besorgte er mir, Rock Bottom hieß sie.
 
 
 

 

Der Tag an dem Robert Wyatt im Briefkasten versank (Teil 1)

 

….und dann versank Robert Wyatt im Briefkasten.
Kann man sich meinen Kummer vorstellen? Da öffne ich nach einer 1280 km langen Autofahrt durch Frankreich – endlich an der geliebten Atlantik-Küste – die Tür eines Appartementhauses der Firma Inter-Holidays, zu meiner linken entdecke ich zahllose Briefkästen, nur wenige tragen einen Namen, die meisten nichts als nackte Nummern, finde den Briefkasten, der die Zahl unseres Appartements trägt, sehe durch den Briefkastenschlitz und tatsächlich, da liegt es, das Päckchen, auf dem Boden des Kastens. M. hatte wirklich nicht zu viel versprochen: der gefütterte Umschlag mit der neuesten Robert-Wyatt-CD hatte uns überholt. Ohne auch nur irgendetwas aus dem Auto in die Wohnung zu hieven, suche ich – zitternd vor Vorfreude – unser Appartement auf und schaue nach dem Briefkastenschlüssel. Ich kann es nicht fassen, schnell muss ich feststellen: ich habe keinen Schlüssel für die verfluchte Briefkastentür. In der ganzen Wohnung…nicht die Spur eines Briefkastenschlüssels. Mit Bratenspieß, Kochlöffel und verschiedenen Gabeln bewaffnet, versuche ich, die doch mit solcher Spannung erwarteten Platte aus der Letterbox zu fischen, vergeblich. Und dann verspüre ich ein übermenschliches Verlangen danach, sofort Inter-Holidays anzurufen und wen auch immer dort aufs Fürchterlichste zu beschimpfen. Dieses sündteure Unterfangen, das ich von meinem PrePaid-Handy aus veranstalte, endet in einer Warteschleife und vielen französischen Tipps, die ich nicht verstehe. Am Abend dann in der Ferienwohnung – die Wyatt-CD immer noch im Kasten liegend – einen lauen Sommerabend auf der lauschigen Terrasse erhoffend, sitze ich zwischen einer brüll-laut lärmenden Familie zur Linken und einer Horde idiotisch schreiender und johlend kreischender pubertierender Jugendlicher zur Rechten und könnte heulen­­: Was für ein Urlaub!
M. hatte mich vor ein paar Tagen angerufen und mir total begeistert von der neusten Wyatt– CD erzählt, For the Ghosts Within sollte sie heißen, er habe sie schon.

 

 

Neid befiel mich, Neid ist gar kein Ausdruck. Noch bevor ich irgendetwas sagen konnte, bot M. an, mir ein Exemplar For the Ghosts Within an den Atlantik zu schicken. Ich war sprachlos, das war mehr als ich zu hoffen gewagt hatte. Ich erinnerte mich, dass M. schon einmal eine derartige freundschaftliche Glanzleistung vollbracht hatte. Damals war es die neueste Gabarek-CD Rites, die mir M. an den Atlantik schickte und damals war es auch kein Briefkasten eines Appartementhauses, in dem die CD verschwinden konnte, sondern offene Postfächer einer Campingplatz-Rezeption.
Am nächsten Tag dann: meine besten Englischkenntnisse hervorkramend, wähle ich in einer grauenhaft versifften Telefonzelle erneut die Nummer von Inter-Holidays – und erreiche jemanden. Wie man mir denn helfen könne, fragt eine Stimme, deren Besitzerin ich niemals auch nur einen Jogurt abkaufen würde, ich lege so richtig los, von wegen Schlamperei und fehlender Briefkastenschlüssel, so ginge das ja nicht und das bei drei Sternen und überhaupt, die Klimaanlage auf dem Klo funktioniere nicht, eine Halterung für die Klopapierrolle fehle und dann das Besteck, wenn man das Croissant aufschneide, verbiege sich schon das Messer, auch der Fernseher sei ja wohl das letzte, da hätte mein Nachbar neulich einen weggeschmissen, der war ja blitzneu im Vergleich zu dem flimmernden Steinzeitgerät in der Wohnung; auch fehle es an einer Knoblauchpresse, ob sie sich das denn vorstellen könnte, eine französische Ferienwohnung ohne diese Pflichtteil. Was? Ich hätte sie oder ihren Chef fragen sollen, an wen von beiden meine Post verschickt werden solle? Jetzt gerate ich erst recht in Rage. Die spinnt wohl. Doch, bellt sie, die Post käme nie an die Ferienanschrift, sondern stets an die Inter-Holiday-Niederlasssungsaddresse. Wo käme man denn da hin, die Besitzer der Wohnungen kämen schließlich aus allen Staaten Europas, wenn man von denen auch noch verlangen würde, dass sie ihre Briefkastenschlüssel den verehrten Mietern ihrer geliebten Ferienwohnung…also wirklich, unzumutbar, keine Chance. Wie hatte ich nur annehmen können bei dieser bestens geschulten Inter-Holiday-Vorzeige-Dame irgendwie etwas erreichen zu können. Hatte sie sich doch bereits in den ersten Minuten, als ich den Schlüssel für diese saubere Inter-Holiday-Wohnung abholen wollte, als ziemlich, sagen wir mal, unwissend erwiesen. Aber sie verspricht immerhin, den Besitzer der Wohnung ausfindig zu machen, sie könne aber für nichts garantieren, wenn sie ihn erreiche, könne ich sicherlich innerhalb von 10 Tagen den Schlüssel in der Niederlassung abholen. Also, das geht ja gar nicht, denke ich, einmal dauert unser Urlaub in dieser feinen Wohnung gerade einmal vierzehn Tage, zum anderen, nein, also wirklich, zehn Tage am Briefkasten mit `Robert Wyatt drinnen´ vorbeigehen zu müssen, das wäre die Höchststrafe!
Und trotzdem, zunächst heißt es: Es hilft nichts, Robert Wyatt bleibt mit seiner neusten Platte – die letzte Veröffentlichung von ihm liegt fünf Jahre zurück – in den Briefkastentiefen liegen. Ich könnte es sprengen, dieses Scheißding. Aber dann wäre wahrscheinlich auch die Robert-Wyatt-CD hin.

 

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Das Knistern und Knacksen in der Musik

 
 
 

 
 
 
Okay, nun hat Michael nach vielen Jahren seine Plattensammlung wieder in den Händen und er wird, besonders mit seinem feinen neuen Plattenspieler, wieder ein Geräusch hören, ja erleben, was uns, der älteren Generation, gleichsam in die Wiege gelegt wurde: das gleichmäßige Knacken der Platte – wenn sich  Kratzer auf der Platte befinden – und das Knistern, wenn es sich um Staub handelt oder um eine Platte, die früher einmal feucht abgespielt wurde. Die Sehnsucht nach diesem Geräusch scheint in den letzten Jahren des digitalen Zeitalters so groß geworden zu sein, dass die Tonmeister von CD-Aufnahmen dieses altbekannte Geräusch absichtlich in die Musikproduktion einmischen. 2013, ja tatsächlich in diesem Jahr, da kam die CD mit den mit Abstand am meisten Knaster-, Knack- und Knistergeräuschen auf den Markt. Natürlich, regelmäßige Besucher dieser Seite wissen schon, welche herausragende CD gemeint ist, von dieser wunderbaren Platte war hier schon des öfteren die Rede: L. Pierre: The Island Come True.

Zu den einzelnen Aufnahmen auf dieser CD: Harmonic Avenger hört sich an, als habe jemand ein vollkommen verstaubte Platte aufgelegt. Dies erzeugt bei mir eine Stimmung, als hätte ich meinen alten tragbaren PE Musical 2V angeworfen und eine alte Single aufgelegt. Auch Sad Laugh ist so eingespielt worden und trägt den Hörer ebenso in vergangene Zeiten …  Auf dem Stück The Grief That Does Not Speak sind dann schon handfeste Kratzer zu hören, gepaart mit kräftigem Knistern, das kann der aufmerksame Hörer dann auch auf Exits, Drums, Now listen wahrnehmen. Mit Tulpa hören wir ein Stück ausschließlich aus Geräuschen bestehend und einer menschlichen Stimme, das Ganze hört sich an, als habe jemand eine alte Schellackplatte auf dem Dachboden gefunden und würde ihr nun auf einem alten Grammophon lauschen. Doctor Alucard dagegen kommt zunächst ganz normal produziert daher, dann aber hat der Tonmeister die Regler der Musikkanäle  ganz langsam heruntergezogen, was bleibt, das sind Naturgeräusche. The Kingdom lässt natürlich die Liebhaber von Geräuschen besonders aufmerken, hier gibt es noch dazu Vögel und vor allem Grillen zu hören, womit die Scheibe dann schließt.
 
 
 

 
 
 
Wenn man einmal darauf achtet, dann fällt es wirklich auf, wie enorm hoch die Zahl der CDs ist, auf denen absichtlich Rausch-, Knister-, Knaster- und Knackgeräusche zu hören sind. Ich werde hier an dieser Stelle noch so einige CDs vorstellen, auf denen wir genau diese Geräusche wahrnehmen können. Vielleicht haben die Hörer ja doch genug vom glatten, glasklaren Sound der CD.

Es könnte aber auch sein, dass das Phänomen mit etwas zusammenhängt, was sich hinter der Metapher  Schöne Ruine verbirgt. Dann hätten wir es also nicht nur mit der Freude am Unvollkommenen, Fehlerhaftem zu tun, sondern mit der Faszination, die darin liegt, wie der Lauf der Zeit die Dinge vollkommen zufällig verändert. Ob eine Ruine dann eines Tages als „schön“ empfunden wird, haben wir nicht in der Hand; wo eine Schallplatte knistert, an welche Stelle ein Knacken hörbar wird, wo der Kratzer eine Platte beschädigt, das liegt nicht (oder muss man besser sagen „das lag nicht“?) in unserer Macht. Deshalb strahlt die eine Platte einen gewissen Charme aus, wenn sie knistert, bei der anderen stört das Knacksen einfach nur.

Nun ist aber gut!
 
 
 

 

 

 
 

Von Gary Peacock (double bass) und Marilyn Crispell (piano) erschien jüngst bei ECM Azure. Man höre sich nur Goodbye, Waltz after David M oder das Stück Bass Solo an und man wird von diesem Zusammenspiel verzaubert sein. Aber die CD schmeichelt sich nicht mit Balladen in die Ohren der Hörer ein, nein, die Platte beginnt mit einem durchaus nicht einfach anzuhörenden Opener, der Marilyn Crispell-Komposition Patterns und endet mit der titelgebenden Ballade Azure des Duos Peacock/Crispell. Es sei hier an eine wunderbare Doppel-CD erinnert, an das Debut von Marilyn Crispell bei ECM Nothing Ever Was, Anyway, auch damals war Gary Peacock mit dabei, aber eben auch noch der geniale Schlagzeuger Paul Motian († 22. November 2011). Thema der Platte: die Musik von Annette Peacock.

 
 
 

 
 
 

Als die neue Peacock/Crispell-Platte bei mir eintraf, dachte ich, es wäre an der Zeit, einmal wieder einen Abend mit Duets zu verbringen. An weitere vier unfassbar gute Duo-Platten möchte ich heute erinnern. Um bei den Musikern aus derselben „Familie“ zu bleiben: Paul Bley & Niels-Henning Orsted Pedersen nahmen vor etlichen Jahren, nämlich bereits 1973, die Platte mit dem schlichten Titel Paul Bley/NHOP auf, eine meiner Lieblingsplatten, sowohl von Bley als auch von NHOP. Vorgetragen wurden wesentlich Kompositionen von Paul Bley, aber auch von Annette Peacock und Carla Bley. Letztere erinnert mich an eine Platte mit dem Titel DUETS, eingespielt von Carla Bley und Steve Swallow. Mit dem Programm dieser Platte hörte ich die beiden in Stuttgart in einem überragenden Konzert.

 
 
 

 
 
 

Im Juli des Jahres 1981 nahmen Denny Zeitlin (piano) und Charlie Haden (bass) in San Francisco das Album Time Remembers One Time Once auf, auch so eine Duo-Platte, die in jeden gut sortierten Plattenschrank ihren Platz finden sollte. An besagtem Abend liefen auch noch Platten von Charlie Haden & Kenny Barron Night and The City und Kenny Barron & Stan Getz People Time von 1992, aufgenommen während eines Konzerts im Café Montmartre im März 1991 in Kopenhagen. Es sollte die letzte Schallplattenaufnahme von Stan Getz sein, er starb drei Monate nach diesem bewegendem Konzert im Juni 1991. Kenny Barron schreibt zu dieser Doppel-CD: „The music on the recording is very special, not only because it´s the last documented recording of Stan Getz, but also because the music is real honest, pure and beautiful in spite of the pain or perhaps because of it.“

 
 
 

 
 

 


 
 
 
… und weiter geht es mit unglaublichen Geschichten. Erst kürzlich hatte ich die Möglichkeit den Film Searching For Sugar Man zu sehen. Selten hat mich ein Film so gepackt, ich habe alles um mich herum vergessen. Dann musste ich sie natürlich haben, die Platte, und zwar in der Vinyl-Version: Cold Fact von Rodriguez und bekam sie, wie zuvor schon die DVD auch noch geschenkt. Am 9.5. dieses Jahres berichtete manafonistas bereits von der DVD. Zur DVD gehört aber nun zwingend die Vinyl-Version der ersten Platte von Rodriguez, dem Künstler, der 1970 Cold Fact und 1971 Coming From Reality aufnahm und mit beiden Platten vollkommen durchfiel. Der Produzent der zweiten Schallplatte, Steve Rowland, erinnert sich noch gut an die Zeit der Produktion von Coming From Reality. Im Dokumentarfilm Searching For Sugar Man erzählt er, dass diese Platte die traurigsten Lieder enthalte, die man sich vorstellen könne. Rowland spielt einen Song for: „Cause“.
 
Cause I lost my job two weeks before Christmas
And I talked to Jesus at the Sewer
And the Pope said it was none of his God-damned business
While the rain drank champagne

My Estonian Archangel came and got me wasted
Cause the sweetest kiss I ever got is the one I’ve never tasted …
 
 
 

 
 
 
Dann erzählt Steve Rowland, auch nach 40 Jahren immer noch tief bewegt: „Das macht mich echt traurig, denn das war der letzte Song, den wir aufgenommen haben und der letzte Song, den Rodriguez je aufgenommen hat. Und, was das ganze noch trauriger macht: Das Album kam 1971 heraus und wir erhofften uns viel davon. Aber es passierte gar nichts. Und dann: Zwei Wochen vor Weihnachten, kündigte Sussex seinen Plattenvertrag. Und die erste Zeile des Songs war wie eine Vorahnung: `Ich verlor meinen Job zwei Wochen vor Weihnachten´. Das muss man sich vorstellen: dieser Mann verdient Anerkennung und niemand in Amerika hatte jemals von ihm gehört. Niemand. Niemand wollte ihm zuhören. Wie kann das sein?“
Allerdings geht die Geschichte noch weiter: Auf verschlungenen Wegen kommt die Platte nach Südafrika und wird dort ein Riesenerfolg. Drei Platten, so heißt es im Film, hatte man Anfang der siebziger Jahre im Plattenschrank zu haben: Abbey Road von den Beatles, Greatest Hits von Simon and Garfunkel und eben Colt Fact von Rodriguez.
Beide, Langspielplatte Cold Fact und DVD Searching for Sugar Man, gehören in den Plattenschrank!

Jess Walter: Schöne Ruinen

 
Vor gar nicht langer Zeit stellte Michael hier das Buch Schöne Ruinen von Jess Walter vor (08.05.13). Das Buch sprach mich schon allein vom Titel her so an, dass ich es mir kaufen musste. Inzwischen ist es nun gelesen und ich denke, es ist ein ganz besonderes Buch. Zunächst denkt man gar nicht, dass es sich um einen Roman handelt, eher könnte es ein Band mit wunderbaren Erzählungen sein, die zwischen 1962 und heute angesiedelt sind und unterschiedlichste Personen und Themen behandeln. Im ersten Drittel des Buches kann man folgende Sätze lesen: „Geschichten sind Menschen. Ich bin eine Geschichte, du bist eine Geschichte … dein Vater ist eine Geschichte. Unsere Geschichten verzweigen sich in alle Richtungen, doch manchmal, wenn wir Glück haben, fügen sie sich für eine Weile zu einer zusammen, dann sind wir weniger allein.“ Genau das geschieht in diesem Buch bis zu dem Punkt, an dem alle Geschichten einmünden, im letzten Kapitel „Schöne Ruinen“. Nur zu oft dachte ich beim Lesen, recht hat sie, die New York Times (Book Review), die über das Buch schrieb: „Ein rauschendes Fest des Erzählens“.
 
 
 

 
 
 
Es findet sich eine Stelle in dem Buch, an der ein Gespräch zwischen dem Protagonisten des Romans, Pasquale, und einem amerikanischen Autor, Alvis Bender, wiedergegeben wird. Grübelnd fixierte Bender den Wein in seiner Hand: „Ein Autor braucht vier Dinge, um etwas Großes zu leisten, Pasquale: Sehnsucht, Enttäuschung und das Meer.“ „Das sind nur drei.“ Alvis trank sein Glas leer. „Die Enttäuschung muss man zweimal erleben.“`
Es gibt Bücher, wenige nur, zu denen fallen mir ständig Musikstücke ein. Hemingways Inseln im Strom gehört dazu, Handkes Morawische Nacht, Jonathan Lethem: Die Festung der Einsamkeit, aber auch die Tagebücher (TaBu) von Peter Rühmkorf und einige andere. Beim Lesen des Buches von Jess Walter konnte ich sogar bestimmte Musikstücke den jeweiligen Kapiteln zuordnen. Es kommen dabei freilich viele Musikstücke von aktuellen CDs, die mich ohnehin gerade beschäftigen, besonders häufig vor, allen voran L.Pierre: The Island come true, die eigentliche CD zum Buch. Aber hier nun meine Liste:
 
1. Die todkranke Schauspielerin – L.Pierre: KAB 1340 CD: The Island come true
2. Der letzte Pitch – Thomas Stronen & Iain Ballamy: Ascendant CD: Mercurial Balm
3. Das Hotel zur ausreichenden Aussicht – L.Pierre: Sad Laugh CD: The Island come true
4. Das Lächeln des Himmels – Evind Aarset: Close (For Comfort) CD Dream Logic
5. Eine Michael-Deane-Produktion – Lucian Ban / Mat Maneri: Not that Kind of Blues
CD: Transylvanian Concert
6. Höhlenmalerei – Susanne Abbuehl: The Cloud CD: The Gift
7. Menschenfleisch – N. Okland & S. Apeland: La Mèlancolie (Ole Bull)
CD: Hommage à Ole Bull
8. Das Grand Hotel – Stefano Battaglia: Ismaro CD: Songways
9. Der Raum – Evind Aarset: Homage To Greene CD Dream Logic
10. Die UK-Tour – The Clash: Should I Stay Or Should I Go CD: Combat Rock
11. Dee von Troja – Susanne Abbuehl: Fall, Leaves, Fall CD: The Gift
12. Die zehnte Absage – Wilco: I am trying to break your heart CD: Yankee Hotel Foxtrot
13. Dee geht ins Kino – L.Pierre: The Grief That Does Not Speak CD: The Island come true
14. Die Hexen von Porto Vergogna – L.Pierre: Harmonic Avenger CD: The Island come true
15. Das abgelehnte Kapitel von Michael Deans Memoiren – Lucian Ban / Mat Maneri: Nobody Knows The Troubles I´ve Seen CD: Transylvanian       Concert
16. Nach dem Sündenfall – Charles Lloyd: Mood Indigo CD: Hagar´s Song
17. Die Schlacht um Porto Vergogna – Stefano Scodanibbio: Quattro Pezzi Spagnoli Part 4 (Studio: Fernando Sur) CD: Reinventions
18. Frontman – S. Scodanibbio: Canciòn Mixteca (Josè Lòpez Alavèz) CD: Reinventions
19. Requiem: Gavin Bryars – After The Requiem LP: After The Requiem
20. Das unendliche Feuer – Tomasz Stanko: Wislawa CD: Wislawa
21. Schöne Ruinen – L.Pierre: Exits CD: The Island come true

Wenn der Tempo mit der Jukebox wieder kommt …

 

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… ja, ich weiß auch nicht, wie das hat passieren können. Es ist zwar alles nur Fiktion, dennoch, die Vorstellung, dass jemand Taste 6 der Musikbox (siehe Plattenschrank Nr.41) drückt und es kommt nichts, ist für den Jukebox-Man natürlich furchtbar, also, das geht ja gar nicht. Da hilft auch die Vorstellung nicht, dass da vielleicht John Cage 4:33 zu hören wäre. Nr.6 wird also jetzt nachgeliefert.
 
Nr. 6 David Sylvian: I Surrender
 
Außerdem wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich zwar Musikboxen mit jeweils 100 Schallplatten aufstellen würde, aber nur 75 Plattentitel genannt hätte. Deshalb werden auch die fehlenden 25 Titel heute nachgeliefert. Und wie sich das für eine ordentliche Jukebox-Musik-Mischung gehört, besteht auch diese Auswahl aus brandaktuellen Titeln (so zum Beispiel Corrina Corrina in der wunderschönen Version von Rod Stewart, gerade erst erschienen oder Teho Teardo & Blixa Bargeld: Still Smiling, am 15. Mai von Manafonistas vorgestellt) und Platten, die einfach immer, und das auch noch nach vielen Jahren, gedrückt werden. Der dritte Teil der Auswahl entstammt der Rubrik „Missionsplatten“, das sind Platten, die dem Jukebox-Man wichtig sind, die er einfach in der Box präsentiert, auch wenn sie nur höchst selten gedrückt werden.
 
 
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76. Rod Stewart: Corrina, Corrina

77. M. Ward: Green River

78. Neil Young: Pocahontas

79. Laurie Anderson: Tightrope

80. The Who: Won´t get fooled again

81. Bill Frisell, Dave Holland, Elvin Jones: Coffaro’s Theme

82. P J Harvey: The Words That Maketh Murder

83. Hardin & York: I can´t find my way home

84. Unbunny: Nothing comes to rest

85. Josh Ritter: Right Moves

86. Eddy Louis & Michel Petrucciani: Summertime

87. Emmylou Harris: Where will I be

88. William Fitzsimmons: After all

89. The Low Anthem: The Ballad of the broken Bones

90. David Bowie: Heroes

91. ZAZ: J’ai Tant Escamote

92. Smokey Robinson and the Miracles: Tears of a Clown

93. Talk Talk: Desire

94. Miles Davis: Time after Time

95. King Creosote: Give it up

96. Charles Lloyd: Ne Me Quitte Pas (If You Go Away)

97. Teho Teardo & Blixa Bargeld: Still Smiling

98. Roger Eno: Ted`s Funeral Music

99. John Grant: GMF

100. The National: I’m going through an awkward phase

(siehe und höre Manafonistas 17.04.2013)

 

bis die Tage …

 
 

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2013 10 Mai

Gregors Resultate (die Steve Tibbetts-Woche, Teil 3)

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So, lieber Michael

auch nach wirklich stundenlangem Suchen, kein Erfolg, gerade das Heft
bleibt verschollen. Aber es gibt einen Trost: Ich habe den englischen Text
gefunden, den du mir damals zugeschickt hast, jeweils meinen Teil und deinen Teil,
also den ganzen Text. Dann habe ich noch meine Übersetzung gefunden, so, wie
ich ihn dir zugeschickt habe. Jetzt gehe ich in den Copyshop, dann zur Post und du
hast hoffentlich morgen den fetten Brief mit dem englischen Gesamt-Text und meinen
übersetzten Teil. Ich hoffe dir dennoch geholfen zu haben und freue mich auf die Tibbetts-Sendung.

Liebe Grüße
Gregor

Bin dabei das Heft zu suchen, wahrscheinlich findet es sich aber bei den Sachen, die hinter einer Tapetentür ruhen. An die Tür komme ich aber nur ran, wenn ich ein Bett abbaue und ein Bücherregal. Morgen werden ich dafür Zeit finden. Wenn ich das Heft dann finde, die Wahrscheinlichkeit liegt bei 90%, kopiere ich dir noch morgen den Artikel, dann hast du ihn Samstag. Reicht das? Ich hatte schon, nachdem ich das Heft in der Wohnung nicht finden konnte, im Jazzthetik-Archiv geschaut, aber die sind mit ihrer Digitalisierung von Heften noch längst nicht soweit, auch ein Besuch bei Reutlinger Stadtbibliothek war vergeblich, die haben nur die Hefte bis 2005 aufwärts aufgehoben. Du siehst, ich bin in deiner Angelegenheit echt tätig …

Die Nachrichten von Dortmund sind niederschmetternd: nochmals, in London müsst ihr gewinnen, zwingend!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

bis die Tage
Gregor

Wenn der Tempo mit der Jukebox kommt …

 

Vor ein paar Wochen entdeckte ich in Hannover dieses Fahrzeug.
 
 
 

 
 
 
Die Begeisterung kannte keine Grenzen. Ein echtes TEMPO Hanseat Dreirad-Fahrzeug! Dieser Lieferwagen wurde von 1938 an als Tempo A 400 und nach dem Krieg als Tempo Hanseat produziert. Für mich gehörten diese Fahrzeuge als Getränke- und Kohlewagen, eigentlich als Lastenträger aller Art, zum Stadtbild meiner Heimatstadt Hannover in den fünfziger Jahren. Diese kleinen LKWs konnten, weil es sie mit den unterschiedlichsten Aufbauten gab, universell eingesetzt werden. Angeboten wurde der Tempo zunächst mit 12,5 später mit 15 PS.
 
 
 

 
 
 
Okay, ich gebe es zu, meine Fantasie drehte beim Anblick dieses Fahrzeugs nachhaltig richtig durch. Ich stellte mir vor, wie es wäre, ein solches Fahrzeug, freilich mit geschlossener Ladefläche, zu besitzen. Beruflich hätte ich mit der Betreuung von Wurlitzer-Musikboxen zu tun und hätte die verschiedensten Kneipen anzufahren, Platten auszuwechseln, Boxen zu reparieren, Boxen zu transportieren und vieles mehr. Eine Wurlitzer 2100 von 1957 (mit 200 Wahlmöglichkeiten) stünde in einer etwas lausigen Kneipe eines weitläufigen Busbahnhofsviertels, eine Wurlitzer 2300 von 1959 hätte ich in einer Milchbar eines ziemlich verlassenen Kleinstadt-Bahnhofs zu betreuen, eine Wurlitzer 2404S (also schon Stereo) von 1960 würde in einer Eisdiele eines vernachlässigten Vorstadtviertels arbeiten. Weitere drei Boxen hätte ich nur in den Sommermonaten an der Nordsee anzufahren, sie stünden in zugigen, aber grundehrlichen Kneipen direkt am Meer. Natürlich gäbe es auch wieder Vinyl-Singles. Bestückt würden die Boxen mit einer Mischung aus aktuellen Scheiben, aber auch älteren Platten. Meine Erst-bestückung der Wurlitzer-Jukeboxen könnte so ausfallen (die Auswahl hätte nichts mit einer Best-of-Hitliste zu tun, wäre natürlich auch nicht wirtschaftlich motiviert, orientierte sich vielmehr an dem, was der Juke-Box-Man selber gerade gerne an diesen bestimmten Orten hören würde und sich wünschen würde, dass man Freude an genau dieser Musik hätte):

 

1. The Flaming Lips: The Terror
2. Ian Broudie: Smoke rings
3. The Go-Betweens: Finding you
4. Brian Wilson: Heroes an Villains
5. Brendan Benson: Cold Hands
7. Gillian Welch: The way it goes
8. Timmy Thomas: Why can´t we live together
9. Eels: Living life
10. Beck: True love will find you in the end
11. Sparkelhorse with the Flaming Lips: Go
12. Van Morrison: Astral Weeks
13. Wilco: I am trying to break your heart
14. Beth Gibbons & Rustin Man: Show
15. Mark Knopfler: Cleaning my gun
16. Hector Zazou & Björk: Visur Vatnsenda-Rosu
18. Antony and the Johnsons: Hope there´s someone
20. Luscious Jackson: Under your
21. Roger Eno: Ted´s Funeral Music
22. Devendra Banhart: Your fine Petting Duck
23. Nick Cave and the Bad Seeds: We No Who U R
24. Dan Michaelson and the Coastguards: Tremors
25. Kate Bush: 50 Words for Snow
26. Brian Eno: An Ending
27. Big Mama Thornton: Hound Dog
28. Van Morrison: Cyprus Avenue
29. B.B.King & Eric Clapton: Rock me baby
30. Eels: Trouble with dreams
31. Savina Yannatou: Smilj Smiljana
32. Simone White: Bunny is a bunny suit
33. Elvis Perkins: Shampoo
34. Bob Dylan: Man in a long black coat
35. The New Pornographers: Hey, snow white
36. Robert Plant & Alison Krauss: Your long journey
37. The National: So far around the Bend
38. The Decemberists: Sleepness
39. The Unthanks: Nobody knew she was there
40. The Mountain Goats: 1 Joh 4,16
41. Beirut: Mimizan
42. My morning Jacket: El Caporal
43. Muddy Waters: Mannish Boy
44. Al Steart: On the border
45. Velvet Underground: Sweet Jane
46. Suzanne Vega: Tom´s Diner
47. Robert Wyatt; Sea Song
48. Bears: More left out
49. Nick Howard: Days like these
50. Alison Krauss and Union Station: Bonita and Bill Butler
 
 
 

 
 
 
51. Andrea Corr: Pale Blue Eyes
52. The XX Coexist: Angels
53. Betty LaVette: Everything is broken
54. Eivind Aarset: Close (for comfort)
55. Regina Spektor: Small town moon
56. The Avett Brothers: February seven
57. Paul Buchanan: Mid Air
58. Colin Stetson: Lord I just can´t keep from crying sometimes
59. Spiritualized: Mary
60. Malia: Keeper of flame
61. Billy Gibbons & Ch: Oh Well
62. Rolling Stones: She´s a rainbow
63. Beatles: We can work it out
64. Frank Ocean: Bad Religion
65. Jason Lytle: Matterhorn
66. Vijay Iyer Trio: The Village of the Virgins
67. Malia: Keeper of flame
68. Patty Smith: Amerigo
69. Bob Dylan: Narrow Way
70. David Sylvian: Where´s your gravity
71. Daniel Lanois: The Deadly Nightshade
72. Bill Fay: There is a Valley
73. Johnny Cash: Solitary Man
74. Pierre L. Kab 1340
75. George Harrison: Run of the Mill


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